Kurt Albrecht

Sfantu (01.02.2025, 20:14):
* 1. November 1895 in Ricklingen bei Hannover
✝ 23. Februar 1971 in Rommelshausen bei Stuttgart

Sein Vater, ein Pfarrer, brachte ihm früh das Orgelspiel bei. Und Zeit Lebens sollte dieses Instrument bedeutsam für das Schaffen Albrechts bleiben.
Bis zu seiner Stuttgarter Zeit (ab 1928) gibt es offenbar keine verwertbaren Daten über Kurt Albrechts Werdegang - selbst in der Familienchronik nicht. Beim Fronteinsatz im Ersten Weltkrieg sorgte ein Beindurchschuß für 1 1/2 Jahre Lazarettaufenthalte. Nach Kriegsende soll er Wohltätigkeitskonzerte für Kriegsversehrte veranstaltet haben. Die frühen Zwanziger Jahre lebte Albrecht als Musiker in Berlin bis er schließlich 1925 eine nicht näher bekannte Organistenstelle in Dresden erhielt. Auch aus dieser Zeit sind die Informationen spärlich. Einzig die Uraufführung seiner Sinfonischen Elegie F-dur op. 3 durch das Städtische Orchester Liegnitz / Niederschlesien ist dokumentiert. Sie sei von Publikum und Presse sehr positiv aufgenommen worden.
1928 ging Albrecht als Organist und Kapellmeister der "Palast-Lichtspiele" nach Stuttgart. Als Anfang der Dreißiger mit dem Aufkommen des Tonfilms solche Orchester nicht mehr gebraucht wurden, war er als fest angestellter Pianist und Organist beim Süddeutschen Rundfunk resp. Reichssender Stuttgart tätig. Dort war er vielbeschäftigt - allerdings existieren keine Mitschnitte, da Konzerte ausschließlich live übertragen wurden. Er wurde zudem Leiter der Kreismusikerschaft Stuttgart und von 1943 bis 1945 Landesleiter der Reichsmusikkammer für das Gau Württemberg-Hohenzollern. Als Folge der Zerstörung seiner Stuttgarter Wohnung bei alliierten Luftangriffen übersiedelte er nach Göppingen, lebte dort als privater Musiklehrer. Ab 1950 wieder in Stuttgart, nahm Albrecht seinen Alters-Wohnsitz in Rommelshausen. Seine Frau Elfriede, eine ausgebildete Musikpädagogin, verdingte sich wie Kurt als Klavierlehrerin. Auch veranstalteten sie Kirchenkonzerte. Mit ein Grund für die dünne Datenlage ist sicher die Vernichtung des Hausstandes durch das Ausbomben im Krieg.

Sohn Rudi zeichnet in seinen Schilderungen das Bild eines zurückhaltenden, hintergründig humorvollen Mannes. Ins Rampenlicht habe es ihn nie gedrängt. Nur durch Zureden des Sohnes reichte Kurt Albrecht sein zweites Streichquartett 1959 um den Kulturpreis der Stadt Karlsruhe ein und wurde prompt ausgezeichnet. Mehr als ein halbes Jahrhundert später wurde ihm posthum von der renommierten Zeitschrift "The American Record Guide" für die Einspielung seines zweiten und dritten Streichquartetts höchstes Lob zuteil.

Albrecht schrieb für die unterschiedlichsten Besetzungen, darunter viele kirchenmusikalische Werke. 1948 nahm unter seiner Leitung das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart seine Sinfonie f-moll auf: Introduktion, Aria und Fuge. Die erhaltenen Kompositionen sind weder durchgehend nummeriert noch datiert. Daher lassen sich die Entstehungszeiten nur grob schätzen.
Ein Werkkatalog harrt also noch seiner Entstehung. Die Mehrzahl an Werken für großes Orchester soll in Albrechts letztem Lebensjahrzehnt entstanden sein.

Über Hörschnipsel auf den mir vollkommen unbekannten Namen Kurt Albrecht aufmerksam geworden, spürte ich schnell: hier hat jemand, nämlich der Geiger Gustav Frielinghaus, wohl damit begonnen, einen schlummernden Schatz zu heben. Also bestellte ich mir sogleich die beiden verfügbaren CDs mit seiner Musik, welche Frielinghaus einspielte. Die Musik hat Substanz und Eigenprofil - besonders die Streicher-und-Pauken-Sinfonie sowie die Suite op. 14 geben ein Versprechen ab, das hoffentlich nach und nach eingelöst werden kann. Eine Bereicherung der klassischen Moderne. Bisweilen schroffe Rhythmik erinnert an Schostakowitsch, schlichte sangliche Linien an Bartók.



Eine Besprechung des folgenden Portrait-Albums findet sich hier.



Chaconne für Violine und Klavier op. 33
Sinfonie für Streichorchester und Pauken
Partita für Kammerorchester

Gustav Frielinghaus, Violine
Jaan Ots, Klavier
Hamburger Camerata
(CD, KKE, AD 2017-2019)

Chaconne:
Moderato 10'30

Sinfonie:
Langsam 17'16
Scherzo. Sehr schnell 5'21
Andante 8'27
Passacaglia 9'11

Partita:
Präludium 3'33
Allemande 2'07
Courante 1'30
Sarabande 1'51
Gavotte 1'50
Gigue 1'51




Suite für Violine und Klavier op. 14

Gustav Frielinghaus, Violine
Jaan Ots, Klavier
(CD, KKE, AD 2021)

Präludium. Allegro moderato 3'59
Capriccio. Lebhaft - Ruhig 5'43
Andante. Andante non troppo 7'35
Scherzo. Allegro - Andante 4'46
Finale. Allegro molto - Moderato 6'55

Die Chaconne
ist das am meisten rückwärts gewandte Werk, melancholisch und von romantischer Gefühlstiefe durchwebt, nicht ohne Brahms-Einflüsse. Es ist wie auch die Partita und die Suite tonal gebunden - hier d-moll. Deutlich die Anleihe bei Albinonis berühmtem Adagio. Es wird hierauf eine Variationenreihe aufgebaut. Angesichts dieser eher altmodischen Tonsprache verwirrt die Opuszahl 33. Die Violin-Suite, von der man ausnahmsweise ihre Entstehungszeit, nämlich den Herbst 1945, weiß, trägt op. 14, ist aber deutlich avancierter.

Die Partita
kommt mit ihrer quasi neobarocken Grundidee und einer dem Altersgenossen Hindemith ähnlichen musikantisch-trockenen Art unterhaltsam, weil kurzweilig, daher. Das verarbeitete Thema ist eine Choralmelodie aus Heinrich Schützens Lukaspassion.

Die Filetstücke aus Frielinghausens Auswahl bilden die Geigen-Suite und die Sinfonie.

Die Suite ist auf festem dur-moll-tonalem Grund gebaut. Rauh und trocken - dies die ersten Eindrücke, die sich hörend vermitteln.

Das geradtaktige Präludium erhält sein markantes Gepräge durch eine rhythmische, fast perkussive Prägnanz, welche sich zum Teil auch auf die Violinstimme auswirkt.
Die Rahmenteile des Capriccios bringen in hinkendem Bruckner-Rhythmus ein keckes, doppelbödiges Thema. Besonders in der Wiederkehr des A-Teils (nach dem weichen, elegischen Trio) schwingt es zwischenzeitlich zu schroffer Dramatik empor.

Das Andante bildet nicht nur numerisch das Zentrum des Werks. Vorherrschend sind hier Kantilenen, die im trocken-fahlen harmonischen Kontext an den großen Melodiker Prokofieff denken lassen. Am Ende erstirbt der Satz in fragiler Schönheit.
Augenzwinkernde Eleganz kennzeichnet das charmante Scherzo in 6/8. Mehr als einmal scheinen die französischen Meister der Jahrhundertwende auf: Fauré, Chabrier mit ihrem einschmeichelnden Esprit, die Impressionisten mit Pentatonik und pastellfarbenen Klangvaleurs. Wiederum pentatonisch angehaucht das traumverlorene Trio - ebenfalls in (langsameren) 6/8.

Eine schroff dreinfahrende Geste im Unisono eröffnet den Schlußsatz. Es folgt eine Meditation (oder eine vorweggenommene Kadenz?) der Geige. Es entspinnt sich in der Folge ein angeregter Dialog der Stimmen, wechselnde Gemütslagen durchschreitend: verspieltes Geplauder hier, emotionale Debatten dort. Auf ruhigere Passagen folgt der Aufschwung zur knappen, wirkungsvollen Coda.

In der Sinfonie verabschiedet Albrecht sich von jeder Bindung an tonale Zentren.

Geisterhaft schwebend eröffnen die hohen Streicher den Kopfsatz mit Sekundreibungen. Die Stimmung wird unruhiger, die Pauken schalten sich erstmals ein, ein bewegterer, fugierter Abschnitt übernimmt. Der gesamte, raumgreifende Satz kommt wie ein verwirrendes Puzzle daher. Teils stark kontrastierende Abschnitte wechseln einander ab: von meditativ zu drängender Motorik und Erregung. Der Satz verklingt, wie er begann: mystisch und unheimlich.

Attacca folgt das knappe Scherzo. Im Trio inklusive Thema in der Solo-Violine werden Anklänge an die britische Pastoral-Schule hörbar.

Das Andante ist getragen von tiefer Melancholie. Die Pauke schweigt hier mehrheitlich, ertönt erstmals in Minute 4, im zuge einer knappen Klimax. Danach geht es noch verhaltener, zerbrechlicher, ja, fast trauernd weiter als zuvor. Sind dies Reflexe auf eine Epoche der Umbrüche, des Zerfalls? Gegen Ende noch ein etwas leidenschaftlicherer Aufschwung samt Pauken, dann verklingt der Satz leise.

Die abschließende Passacaglia schreitet zunächst energisch voran um dann in sinistren, fast halluzinatorischen, langgezogenen Motivlinien einen das Schaudern zu lehren. Schließlich eine Art Marsch, an Intensität stetig zunehmend und Beklemmung erzeugend. Nach kurzem Durchatmen kehrt der bedrohliche Grundpuls zurück und führt das Werk zu einem unerbittlichen Ende.

Glücklicherweise bieten alle Interpreten künstlerisch hochstehende Darbietungen. Ein denkbar ein-und nachdrückliches Plädoyer für den Komponisten Kurt Albrecht. Die KKE-Editionen sind bis auf die CDs selbst komplett plastikfrei aus Papier und Pappe gefertigt.
Das 2. und 3. Streichquartett wurden (wohl in den 1960ern) auf Schallplatte eingespielt. Die findet man mit dem nötigen Glück antiquarisch.

Die Angaben zur Person stammen aus den Booklet-Texten der beiden CDs (Verena Fischer-Zernin und Norbert Florian Schuck).
Die Angaben zu den beruflichen Aktivitäten zu Zeiten des dritten Reichs stammen aus dem Kurt-Albrecht-Artikel in der deutschsprachigen Wikipedia.
Joe Dvorak (20.02.2025, 11:22):
Nun hatte ich endlich die Muse, diesem nun nicht mehr geheimen Tipp zu folgen und mir die Sinfonie vorzunehmen. Und die ist gut. Der treffenden Beschreibung des Verlaufs von Sfantu habe ich nichts Gescheites hinzuzufügen. Ich gestehe dieser Musik ebenfalls Eigenprofil zu, und doch klingen manche Stellen seltsam vertraut, aber wenn ich dann hörend nachprüfe, wo ich dergleichen schon einmal vernommen zu haben glaube (Tchaikovsky, Gorecki, Nielsen), erweist sich das als Fehlschluss. Bartok und Shostakovich höre ich rhythmisch weniger, dazu ist die Motorik nicht 'stampfend' genug. Überhaupt hat es Albrecht nicht so mit dem dicken Pinsel, auch an den Kumulationspunkten bleibt es licht, wirklich massive Klangballungen fallen aus. Auf die "sinistren, fast halluzinatorischen, langgezogenen Motivlinien, einen das Schaudern lehren" habe ich mich natürlich besonders gefreut, aber der Lehrstoff ist bei mir nicht angekommen - jeder hört anders. Wem kann man das empfehlen? Vielleicht jemandem, der freitonalen Gorecki, Nielsen, Bartok und Shostakovich schätzt und etwas hören will, das irgendwo dazwischen liegt, ohne direkt nach den Vorbildern zu klingen. Oder jemandem, der post-romantische Sinfonien ohne das übliche Haudrauf hören will? Es ist jedenfalls gute Musik.