La Traviata

Solitaire (07.03.2008, 16:51):
Giuseppe Verdi: La Traviata
Nach dem Roman und dem Theaterstück “La dame aux camèlias“ von Alexandre Dumas (Sohn)
Libretto von Francesco Maria Piave
Uraufführung am 6.März 1853 im Teatro La Fenice, Venedig.
Nach „Rigoletto“ und „Der Troubadour“ der dritte große Erfolg, auch wenn es eine Weile gedauert hat, bis es soweit war.
Die Geschichte ist bekannt:
Alfredo Germont, Sohn aus gutem, bürgerlichem Hause, verliebt sich in die Pariser Kurtisane Violetta Valèry, die ihm zuliebe ihr Leben ändert und mit ihm auf’s Land zieht.
Alfredos Vater Giorgio Germont ist mit der Beziehung keineswegs einverstanden, während Alfredos Abwesenheit sucht er Violetta auf und beschwört sie, Alfredo aufzugeben um dessen Zukunft nicht zu gefährden, immerhin würde ihn die Beziehung zu einer Prostituierten an jeglichem beruflichem und gesellschaftlichem Aufstieg hindern. Außerdem gibt es da noch Alfredos unschuldige Schwester, deren Verlobter sich von ihr trennen wird, wenn Alfredo weiterhin mit einer Frau zweifelhafter Vergangenheit lebt.
Völlig gebrochen willigt Violetta schließlich ein. Unter dem Vorwand, ihn nicht mehr zu lieben trennt sie sich von Alfredo.

Als die beiden einander auf einem Fest erneut begegnen, beleidigt Alfredo Violetta schwer indem er ihr ein Bündel Geldscheine als Lohn für ihre Hingabe ins Gesicht wirft.

Von ihrer schweren Lungenkrankheit gezeichnet liegt Violetta im Sterben. Als Alfredo, der endlich die Wahrheit erfahren hat, sie aufsucht und leidenschaftlich um Verzeihung anfleht, ist es zu spät: nach einem kurzen Traum vom erneuten Glück, stirbt Violetta in Alfredos Armen.


Alexandre Dumas hat in seinem Roman, und später in seinem Drama, seine eigene Beziehung zu der Pariser Kurtisane Marie Duplessis verarbeitet. Wenn auch vermutlich in durchaus verklärter, romantisierter Form.
„Ich sehne mich nach neuen, großartigen, schönen, abwechslungsreichen, kühnen Stoffen“ schrieb Verdi im Januar 1853 an einen Freund. Und im Hinblick auf die neue Oper fährt er fort: „...in Venedig arbeite ich gerade an der ‚Dame aux camèlias’, die möglicherweise den Titel ‚La Traviata’ bekommen wird...ein anderer hätte es vielleicht nicht gemacht wegen der Sitten, der Zeit oder tausend anderer törichter Skrupel“
Die Uraufführung in Venedig wurde nicht gerade ein rauschender Erfolg. Ein Teil der Schuld wird bis heute der Sopranistin Fanny Salvini-Donatelli aufgehalst, die zum Traviata-Mythos zu gehören scheint, wie der graue Bote zum Mozart-Requiem. Angeblich soll sie aufgrund ihrer gesunden, üppigen Erscheinung, keine ideale Verkörperung einer schwindsüchtigen Kokotte gewesen sein, weshalb das Publikum, sagt die Legende, immer wieder in Gelächter ausgebrochen sein soll.
Auf der anderen Seite soll sie die einzige gewesen sein, deren gesangliche Leistungen durch und durch überzeugend waren. Allerdings war Frau Salvini-Donatelli wohl tatsächlich nicht des Meisters erste Wahl für die Titelrolle. Er wünschte sich eine Sopranistin „mit schöner Gestalt“ für die Hauptrolle. Daß die Handlung zudem vom Paris der (damaligen) Gegenwart ins 18. Jahrhundert, zurückverlegt wurde, trug natürlich dazu bei, dem Stoff die Brisanz und Aktualität zu nehmen.
Wie dem auch sei, etwa ein Jahr später wurde die Oper, wieder in Venedig, allerdings in einem anderen Theater und mit anderen Sängern, erneut aufgeführt und ein beachtlicher Erfolg. Seitdem hat sie, wie es im Programmheft immer so schön heißt, „ihren Siegeszug um die Welt angetreten“
Interessant finde ich, das Verdi selber einmal gesagt haben soll, er könne eine Sängerin unmöglich nach ihrer Leistung in „La Traviata“ beurteilen, auch eine mittelmäßige Sängerin könne genau die richtigen Eigenschaften haben, um als Violetta zu brillieren und in jeder anderen Rolle zu versagen.

Auch ich zähle La Traviata zu meinen absoluten Lieblingsopern, eine Inszenierung muß schon seeehr daneben, Sänger und Orchester schon extrem schlecht sein, damit es mich nicht packt.
Als Jugendliche habe ich angefangen, Traviata-Aufnahmen zu sammeln und damals tatsächlich geglaubt, ich sei die einzige, die mehr als eine Aufnahme derselben Oper kauft. Ich habe wirklich gedacht, ich bin nicht ganz normal, daß ich alles, alles, ALLES!!! haben will.
Hier eine Auswahl meiner Aufnahmen, ein Großteil davon noch auf Vinyl

Teresa Stratas Ich habe den Film damals im Kino gesehen und nenne sowohl das Video, wie auch die Schallplatte mein Eigen. Das einzige was ich an der Aufnahme zu bemängeln habe sind die m.E. unangebrachten Striche im letzten Akt. Teresa Stratas ist für mich optisch wie darstelerisch die Idealverkörperung der Violetta. Allerdings hat se manchmla leichte Probleme mit den Koloraturen bei "Sempre libera", aber wenn bin ich, daß ich büer sowas meckern dürfte.

Ileana Cotrubas Meine allererste selbstgekaufte Traviata, sowie meiner erste selbst gekaufte und bezahlte Operngesamtaufnahme überhaupt. Lange nicht mehr gehört, aber seinerzeit sehr genossen.

Renata Scotto Jemand hat mal geschrieben, Scottos Stimme klänge stellenweise zu gesund für Violetta. Ich weiß nur, daß sie bei „Ah fors’è lui“ ein piano singt, das mich beim ersten Hören zu Tränen gerührt hat, Alfredo Kraus lohnt sich m.E. ohnehin immer.

Anna Netrebko. Ich habe beides: DVD und CD. Um die Anna-Frage zu beantworten: Ja, ich mag sie. Diese Aufnahme aber begeistert mich vor allem wegen Villazóns phänomenalem Alfredo. Er hat alles, was es für die Rolle braucht: die stimmliche Fähigkeit zu rasenden Wutausbrüchen ebenso, wie zu herzzereißender Zärtlichkeit. Was die DVD angeht: ich weiß, da scheiden sich die Geister, aber ich finde die Inszenierung ausgesprochen stimmig und gelungen.

Hilde Güden
Auf Vinyl, mit anderem Cover (Violetta sieht aus wie Manon Lescaut). Lustigerweise die erste Begegnung meines Mannes mit Fritz Wunderlich, dem er dann auch sofort verfallen ist.
Hilde Güden hat eine wudnerschöne Stimme, klingt für meinen Geschmack aber manchmal etwas gekünstelt.

Callas

Freni. Seltsamerweise bisher kaum gehört, obwohl Mirella Freni zu meinen Lieblingssängerinnen gehört.

Sutherland Gott verzeih mir, aber ich kann Sutherland nicht ausstehen. Habe es bisher noch nie geschafft, das Ding zuende zu hören. :ignore

Callas für mich ganz persönlich die beste, wunderbarste, herrlichste Traviata aller Zeiten. Allein in die Worte „E vero, è vero“ legt sie mehr Ausdruck, Tragik, Emotion, als manch andere in die ganze Rolle. Wie hat ein Kritiker mal geschrieben: Man fragt sich wie Alfredo nach ihrem "Amami Alfredo!" auch nur noch ein wort von dem glauben könne, was sie spätr tut und sagt. Aber die Doofheit des Alfredo Germont wäre ohnehin ein eigenes Thema wert :ignore

Stratas
Ich liebe diese Aufnahme. Wenn ich recht informiert bin, war es das Rollendebut der sehr jungen Stratas. Ich habe nie eine Violetta so ermattet sterben hören. Selbst für Verzweiflung bleibt kaum mehr Kraft. Fritz Wunderlich ist ein wunderbarer Alfredo und gibt einem wieder einmal Grund zu der Frage, warum zum Teufel er sich damals im Jagdhaus die Schnürsenkel nicht zugebunden hat...

Callas

Muszely
Die Traviata meiner Kindheit. Mamas Schallplatte, damals noch ohne Bonus-Tracks und mit Muszely im Türkisfarbenen auf dem Cover. Allein schon um der Nostalgie willen zum Neuerwerb vorgesehen, denn die Schallplatte ist mittlerweile völlig hinüber. Metternich ist der einzige Bariton auf dieser Welt, von dem ich „Di provenza... „ hören kann, ohne im Geist den Küchenzettel für die kommende Woche zu planen. Ich mag das Stück nämlich eigentlich ganz und gar nicht. Aber Josef Metternich ist und bleibt wundervoll.

Dies ist nur eine Auswahl. Zum Beispiel habe ich noch eine französische Aufnahme, die ich vor ewigen Zeiten in Köln bei SATURN erstanden habe. Es handelt sich angeblich um die allererste Traviata-Gesamtaufnahme überhaupt, die Anno Schlag-mich-tot für das Grammophon aufgenommen wurde. Ich habe die Interpreten jetzt nicht im Kopf, kann sie aber, bei Bedarf, nachreichen . Jedenfalls ist das Ding auf Französisch gesungen, Alfredo und Giorgio Germont heißen Rodolfe und Georges d’Orbel. Der Name „Germont“ wurde Dr. Grenville vermacht. Der heißt in Frankreich nämlich „Germont“.
Ich möchte noch feststellen, daß meine Anmerkungen zu den Aufnahmen völlig subjektiv und von keiner ernsthaften Sachkenntnis beastet sind. Haut also ruhig auf mich drauf, wenn ihr irgendwas völlig anders seht! :)
Solitaire (07.03.2008, 19:20):
Da ich mich ja ausführlich zu „La Traviata“ gäußert habe, möchte ich jetzt mal Vergleiche zwischen dem Roman, der der Oper zugrunde liegt, und der Oper ziehen. Dumas’ „Kameliendame“ habe ich zum erstenmal mit 14 gelesen, (genau in dem Alter also, in dem man für sentimentale Dirnendramen mit traurigem Ende besonders empfänglich ist) und seitdem immer wieder.
Nun denn: Verdi und sein Librettist haben doch einiges verändert (verändern müssen) ehe sie die singende Kameliendame auf die Bühne gelassen haben.
Daß die Handlung sehr zusammengestrichen wurde ist verständlich, allein die vielen Erzählebenen (Rahmenhandlung: Alexandre Dumas, Kerngeschichte: Armand Duval, Schluß: Tagebuchblätter der Marguertie Gautier) hätten in dieser Form nicht so ohne weiteres umgesetzt werden können. Verdi hat also gestrafft, gerafft, vereinfacht. Besonders auffällig ist dabei, daß wir, im Gegensatz zum Buch und auch zum Drama, nie eine wirklich glückliche Violetta zu sehen kriegen (es sei denn, der Regisseur greift zu jenem Trick ,den Zeffirelli und Decker in ihren Inszenierungen angewendet haben: Violetta ist während „De miei bollenti spiriti“ anwesend, und albert und kost mit Alfredo herum): im ersten Akt ist sie nach Alfredos Liebeserklärung eher verwirrt und verunsichert, im zweiten Akt nimmt das Drama seinen Lauf, von Glück keine Rede, im dritten Akt schließlich erleben wir bei Alfredos Rückkehr zwar einen Moment lang eine Violetta im Zustand der Seeligkeit, aber dieser Moment ist kurz und bereits vom Tod überschattet.
Dumas aber gönnt Marguerite und Armand sowohl im Roman wie im Drama durchaus glückliche sehr Momente, die im Roman einen längeren Abschnitt einnehmen.
Auch am Charakter seiner Figuren hat Verdi gedreht, wobei er da vieles von Dumas’ Bühnenfassung übernommen hat, der seine Marguerite nie so wie sie im Roman gezeichnet ist auf die Bretter hätte schicken.
Die Roman-Marguerite ist definitiv und ohne jeden Zweifel eine Prostituierte, wenn auch auf hohem preislichen Niveau, und promisk. Am Abend nach der ersten Begegnung in ihrer Wohnung wird die Armands Geliebte, gleichzeitig hat sie mindestens einen zahlenden Liebhaber der für ihren Aufwand aufkommt. Das ändert sich lange Zeit nicht und oftmals schickt sie Armand fort, weil sie ihren zahlenden Kunden erwartet und ihm die Nacht aus geschäftlichen Erewägungen nicht abschlagen kann. Das wird im Drama zwar noch angedeutet, als Marguerite Armand erläutert, wie sie den Aufenthalt auf dem Land zu finanzieren gedenkt, aber nicht wirklich dargestellt. In der Oper fehlt dieser Hinweis auf Violettas Promiskuität (und noch dazu für Geld) völlig. Sie ist eine Kurtisane per Definition, aber kein Wort im Text deutet wirklich darauf hin. Sie könnte ebenso gut eine finanziell unabhängige junge Frau sein, die sich Liebhaber nimmt wie sie gerade Lust hat. Ihr Lobpreis auf die Freude im Trinklied und in „Sempre libera“ lässt nicht zwangsläufig darauf schließen, daß sie sich bezahlen lässt. Alles in allem erscheint mir der Roman, all die romantischen Zutaten mal subtrahiert, am authentischsten. So könnte die historische Marie Duplessis gelebt und gesprochen haben. Im Drama ist sie schon verändert, in der Oper völlig zur Heiligen geworden.
Die größte Wandlung hat aber wohl Armand durchgemacht, und das durchaus zu seinem Vorteil: im Vergleich mit Armands Bösartigkeiten nach der Trennung von Marguerite ist Alfredo selbst in seinem Zorn ein sanfter Dulder.
Armand ist von Anfang an eifersüchtig, obwohl er Marguerite zugesichert hat, zu akzeptieren wie sie lebt und nicht rumzuzicken, bricht er dieses Versprechen natürlich schon nach der ersten gemeinsamen Nacht. Wie Alfredo sich verhalten hat, ehe Violetta sich ganz für ihn entschieden hat erfahren wir in der Oper allerdings nicht. Aber wir erfahren, wie er sich nach der Trennung verhält. Wie die Axt im Walde zwar, aber das immerhin nur bei einer enzigen Gelegenheit und nicht völlig unverständlicher Weise. Er beschimpft Violetta auf Floras Fest als Hure, bewirft sie mit Geld und wird sogleich von fürchterlicher Reue gepackt.
Freund Armand (Roman) ist da ausdauernden und hartgesottener: nach dem Marguerite ihn verlassen hat, beginnt er mit einem wahren Psychoterror. Er nimmt eien Freundin Marguerites zur Geliebten und stachelt sie an, Marguerite wo sie geht und steht zu beleidigen und zu demütigen, was das hübsche Kind auch tut. Eine weile nimmt Marguerite das hin ,dann ist sie am Ende ihrer Kraft und sucht Armand, gebrochen an Leib und Seele. in dessen wohnung auf, um ihn um Schonung zu bitten. Die beiden finden sich in einer letzten verzweifelten Liebesnacht. Am nächsten Morgen lehnt Marguerite Armands Bitte ganz zu ihm zurückzukehren ab. Dies sei nicht möglich, aber die sei seine sklavin: sie würde zu ihm kommen, so oft er sie wolle und nach ihr rufe. Für einige Zeit sei sie noch eine schöne Frau, bis die Krankheit vollends zuschlage, er solle diese Zeit nutzen.
Als Armand am gleichen Tag die Kutsche ihres neuen zahlenden Kunden vor ihrem haus stehen sieht, eilt er nachhause und schickt ihr in einem beleidigenden Brief 1000 Francs für die vergangene Nacht. Kurz darauf reist Marguerite nach England. Als sie zurückkommt ist sie eine Sterbende und Armand außer Landes. Ein Wiedersehen gibt es nicht.
Im Drama durfte Dumas das so nicht machen, die Terrorkampagne Armands gibt es ncht, ebsowenig die letzte Nacht, daf aber die Szene die wir aus „La Traviata“ kennen: der Ball mit dem außer sich geratenden Armand. Und selbstverständlich gibt es Wiedersehen.
Immerhin, ist das ein entscheidender Unterschied: Alfredos Wutausbruch ist nachvollziehbar, und bis zu einem gewissen Grad verständlich, Armands Verhalten ist die pure Bösartigkeit und durch nichts zu rechtfertigen. Von allem anderen abgesehen, weiß er die ganze Zeit, daß Marguerite eine schwerkranke Frau ist. Meine Oma hättegesagt „So was tut man nicht“ und sie hätte Recht gehabt.
Tranquillo (07.03.2008, 19:55):
Original von Solitaire
Als Jugendliche habe ich angefangen, Traviata-Aufnahmen zu sammeln und damals tatsächlich geglaubt, ich sei die einzige, die mehr als eine Aufnahme derselben Oper kauft. Ich habe wirklich gedacht, ich bin nicht ganz normal, daß ich alles, alles, ALLES!!! haben will.

Willkommen im Club - schau mal hier. Da ist hier wohl fast jeder nicht ganz normal :D

Ich habe ebenfalls als Jugendlicher Romane von Dumas gelesen ("Die drei Musketiere", "Der Graf von Monte Christo"), aber die "Kameliendame" war nicht dabei. Auch muss ich gestehen, dass ich trotz etlicher Jahre Beschäftigung mit klassischer Musik noch nie Verdis "La Traviata" gehört habe - weder im Theater noch von einer Tonkonserve. Welche Aufnahme würdest Du einem Opern-Dummie wie mir als "Einstiegsdroge" empfehlen?

Viele Grüsse
Andreas
Solitaire (07.03.2008, 22:34):
Also ich schlage die Traviata aus Lissabon, mit Callas und Kraus vor:
Klick.
den Zeffirelli-Film mit Teresa Stratas: klick, und, weil ich, wie erwähnt Villazóns Alfredo so phantastisch finde, die Traviata aus Salzburg: klick.
Aber zum Einstieg wäre Callas wohl die Aufnahme miener Wahl.
manrico (08.03.2008, 13:20):
La Traviata gehört auch zum erweitereten Kreis meiner Lieblingsopern - na, klar, ist auch vom Meister aller Meister!!

Mit Callas und Cotrubas bin ich völlig einer Meinung mit dir, Solitaire, das sind singuläre, wenn auch sehr unterschiedliche Portraits. Meine Lieblingsaufnahme mit der Cotrubas ist die mit Nicolai Gedda aus Wien unter Josef Krips, bei Callas mag ich die Aufnahme unter Giulini sehr gern (di Stefano interessiert sich zwar nur am Rande für das was passiert, aber in der Oper ist eh nur sekundär).

Die dritte grosse Traviata ist für mich die Ricciarelli, vor allem in dem Mitschnitt aus Triest mit dem jungen und noch sehr schön singenden Carreras (für mich eine Parallelaufnahme zu der Jerusalem Einspielung mit den beiden). Bei der Aufnahme aus Hamburg mit Kraus merkt man halt schon, dass sie sich in der Zwischenzeit in gefährliches Fahrwasser begeben hat. Zudem ist die Aufnahme technisch bescheiden (zumindest die, die ich habe, aber sie ist nie auf einem vernünftigen Label erschienen).
Die Ricciarelli ist für einfach von der Stimmfarbe her die ideale Violetta, dazu kommt, dass sie auch optisch alle Voraussetzungen erfüllt (ich weiss, das hört man nicht auf CD, vor meinem inneren Auge seh ich's aber doch, und wenn ich mir dann Caballe, Sutherland, Freni oder gar die Gruberova vorstell......... :ignore).
Eine sehr unterschätzte Aufnahme ist für meinen Begriff die unter Maazel mit Lorengar und Aragall - auch zwei meiner grossen Favoriten.

Alexandre Dumas' Roman (nicht das Bühnenstück, das kenn ich nicht) hab ich auch gelesen, hab es eher abstossend gefunden. So sehr ich die Bücher von Dumas Vater liebe (Reine Margot, Drei Musketiere, Schwarze Tulpe, Graf von Monte Christo, Mann mit der eisernen Maske,...) so unangenehm finde ich den Roman von Aleandre Dumas Sohn. Erzählt wird aus der Perspektive von Armand Duval, und eigentlich wirkt es, als sei ihm all das Unglück zugestossen. Er ist weinerlich wie Puccinis rührselige Taschentuchwerbungen (v.a. wie Des Grieux) und dieses Selbstmitleid kann ich weder in der Oper noch in der Literatur (und schon gar nicht im wirklichen Leben) leiden, wenn die Leute mit Leichenbittermienen durch die Gegend rennen und wenn man fragt, was los ist, sagen sie "Eh nix", um einem dann die Ohren vorzuheulen, dass die ganze Welt gemein zu ihnen ist.
Verdi macht mit seiner Traviata etwas Geniales, er ändert nämlich im Vergleich zum Roman die Erzählperspektive und erzählt (eher außergewöhlich für ihn) aus der Perspektive einer Frau. Das Resultat ist für meinen Begriff viel überzeugender, denn sämtliche Jammerlappenszenen sind eliminiert (auch da hätte sich Puccini ein wohltuendes Beispiel nehmen können).

lg

Werner
Solitaire (08.03.2008, 18:34):
Hallo manrico!
Ricciarelli habe ich noch nie als Violetta gehört, ich kenne sie vor allem als Desdemona aus dem Otello-Film von Franco Zeffirelli, aber was du schreibst klingt spannend. Es gibt eine Traviata auf DVD mit Editha Gruberova und Neil Shicoff, die mich wegen Shicoff sehr interessiert. Ich weiß, die Oper heißt "La Traviata", nicht "Alfredo", dennoch interessiert mich sein Rollenportrait sehr. Aber zur Zeit hat die DVD auf meiner dringen-kaufen-Liste zur Zeit nicht Priorität eins, aber irgendwann ist sie fällig. Ich weiß auch nicht, was mich an Frau Sutherland so stört, sie hat ja eine schöne Stimme, aber für mich klingt sie immer seelenlos (sie ist auch der Grund, warum ich mir den "Hoffmann" mit Domingo bisher nie in einem Stück anhören konnte. Da singt sie alle drei Frauen. Grundgütiger...). Ihre Violetta jedenfalls erinnert mich irgendwie mehr an die Konsulin Buddenbrook als an eine zarte Kokotte :ignore Ich habe eine Aufnahme mit Rosa Poonselle, die ich phantastisch finde. Technisch ist das natürlich ebenfalls nicht mit dem zu vergleichen, was heute so zu haben ist, aber Ponselles Violetta hat immer genau den Hauch jener Hysterie in der Stimme,die einen wohl erfasst, wenn man 23 Jahre alt ist, und weiß, das einem die Zeit davon läuft... Die gesprochenen Worte am Schluß der Oper habe ich bisher von keiner anderen Sängerin so herzzereißend gehört.
Was den Roman angeht: irgenwo habe ich mal die Bemerkung gelesen, Marguerites Promiskuität gehe schon on Ordnung, das Einzige, was in ihrem Leben unverzeihlich sei, wäre die Tatsache, daß sie sich ausgerechnet Armand ausgesucht hat... :D
Trotzdem, ich mag das Buch sehr und flenne jedesmal aufs neue.
Es gibt da diese Stelle, die die ganze Verkommenheit und Bigotterie von Armands Standesgenossen zeigt: Armands Vater fordert ihn( vor der Trennung) auf, Marguerite zu verlassen. Als er sich weigert und im Gegenteil seine Absicht kundtut, mit dieser Frau weiter zusammenzuleben, antwortet er sinngemäß ,es sei ja ganz in Ordnung, daß ein junger, gesunder Mann eine Mätresse habe. Er solle sie einfach bezahlen, wie sich das für einen Gentleman gehört, aber einer solchen Frau sein Herz, seinen Namen, seine Ehre anvertrauen! Das ginge nun wirklich nicht... :S
manrico (09.03.2008, 10:22):
Ich finde, dass die Ricciarelli oft völlig falsch eingeschätzt wird. Vom Timbre her hat sie eine der schönsten Stimmen überhaupt, sie verstand es, die Spannungsbögen in den grossen Verdi-Arien (Elisabetta, Amelia aber auch Aida) besser zu halten als die meisten anderen Kolleginnen. Dazu kommen runde, lyrische Spitzentöne (nicht etwa wie das Gekreische der Scotto) und vor allem eine Beseelung der Figuren, die sie auf der (Klang-)Bühne darstellt.

Hört man sich beispielsweise die Caballe als Norma an, so hab ich die ganze Zeit das Gefühl, sie erzählt mir eine Geschichte aus dem 19. Jahrhundert von aussen, Ricciarellis Norma (die sicherlich nicht ihre beste Rolle ist) vermittelt die Liebes- und Leidensfähigkeit dieser Frau. Natürlich hätte sie die Finger besser von der Tosca oder der Turandot gelassen, die haben dieser seidig schimmernden Stimme sicherlich nachhaltig geschadet - es gibt sogar eine italienisch gesungene Lohengrin-Elsa von ihr (die kenn ich aber noch nicht), aber ihr Repertoire reicht ja auch zu phantastischem Rossini, wunderbar gesungenem frühen Verdi, daneben noch Donizetti, Bellini oder Meyerbeer (Valentine in Les Huguenots). Beseeltes Singen und Wahrhaftigkeit zeichnet die Ricciarelli wie kaum eine zweite Künstlerin aus und damit gehört sie zu meinen absoluten Lieblingssängerinnen.

Technisch ist ihr die Gruberova sicherlich überlegen - ich habe sie erst wieder vor drei Monaten als Puritani-Elivira gesehen (und ich muss gestehen, sie war besser als vor zehn Jahren), aber Gruberova schleift ihre oft körperlosen Spitzentöne grausam von unten an, wirft den Kopf in den Nacken und dann kommt - nix. Zudem ist ihr Schauspiel eine Peinigung - sie bewegt sich wie ein Dachs. Wenn du dir die optische Qual ersparen willst, gibt's Traviata mit Shikoff-Gruberova auch auf CD (bei Teldec erschienen). Wenn die Gruberova die Violetta gesungen hat, bin ich auch immer nur gegangen, weil ich den Francisco Araiza sehen wollte - die Gruberova hab dann in halt in Kauf genommen, aber gemocht hab ich sie nicht.
Bei der Sutherland bin ich so hin- und hergerissen. Auch hier eine hohe Sicherheit beim Singen, allerdings ist alles so ein bisserl impressionistisch verwaschen, jede Rolle klingt mehr oder minder gleich, alles ist in dicke Paste gehüllt. Am liebsten hab ich sie noch als Esclarmonde in der wirklich fulminanten Regimentstochter (da ist der junge Pavarotti nicht nur erträglich sondern hörenswert).

Ich muss jetzt direkt schauen, was ich von der Ponselle als Traviata habe - ich könnte mich zumindest jetzt nicht erinnern, dass ich die Aufnahme kenn.

lg

Werner
Rachmaninov (09.03.2008, 12:38):
@Solitaire,

danke für diesen Thread.
La Traviata gehört für mich als Liehe zu den sehr zugänglichen Opern, die keinerlei abschreckende Elemente enthält.

Die Oper gehört für mich auf die Bühne und so war der Besuch der Oper Düsseldorf letztes Jahr ein Highlight eben mit dieser La Traviata. Sehr ergreifen. Für mich gehört neben der Musik und dem Gesang einfach auch die Darstellung dazu.


Sutherland Gott verzeih mir, aber ich kann Sutherland nicht ausstehen. Habe es bisher noch nie geschafft, das Ding zuende zu hören. :ignore


Mag sein, daß Sutherland weniger überzeugt, aber ich finde hier Pavarotti einfach nur überragend! :down
nikolaus (09.03.2008, 22:38):
Original von manrico

aber Gruberova schleift ihre oft körperlosen Spitzentöne grausam von unten an, wirft den Kopf in den Nacken und dann kommt - nix.

Werner

:J

Ich kann die Technik von Sängerinnen u. Sängern nicht beurteilen. Die Gruberova mag sicherlich zu den besten ihres Fachs gehören - aber: mich lässt sie völlig kalt. Ich mag ihr Timbre nicht und finde, dass sie irgendwie "leiert". Ganz ähnlich geht es mir mit der Sutherland.

Zurück zur Traviata:
Die von mir allgemein geschätzte Christine Schäfer hat, soviel ich mich erinnere, die Traviata in Berlin gesungen. Hat sie vielleicht jemand gehört? Ganz vorstellen kann ich mir das bei aller Wertschätzung nicht ?(.

Nikolaus.
Solitaire (10.03.2008, 09:29):
Original von Rachmaninov


Sutherland Gott verzeih mir, aber ich kann Sutherland nicht ausstehen. Habe es bisher noch nie geschafft, das Ding zuende zu hören. :ignore


Mag sein, daß Sutherland weniger überzeugt, aber ich finde hier Pavarotti einfach nur überragend! :down
Ich habe Pavarotti mal im Konzert (DVD) mit "Parigi o cara" gehört (an den Namen der Sopranistin kann ich mich gerade nicht erinnern,) er hat das Duett mit einem berückend schönen piano begonnen. Ich war sehr erstaunt, weil ich ihn nicht als Alfredo auf dem Zettel hatte. Dieses Duett war auch der Grund, warum ich die Platte nochmal rausgekramt habe.

EDIT
Eine Sache, die mich übrigens bei jeder Aufführung immer wieder erstaunt, ist Alfredos Verhalten, das ja für die Entwicklung der Geschichte nicht unwichtig ist.
Alfredo ist im großen und ganzen ein symphatischer Kerl, ein bißchen hitzköpfig vielleicht, aber sonst ganz in Ordnung, aber mal ehrlich: ein bißchen doof ist er schon.
Die Situation: Alfredo betritt zu Beginn des 2. Akts die Bühne und teilt uns via Arie mit, daß alles ganz wunderbar ist: vor drei Monaten hat Violetta ihr Kurtisanenleben für ihn aufgegeben, sie lebt mit ihm und für ihn, und überhaupt: das Leben ist schön.
Dann eilt er, mal mit, mal ohne Stretta, davon, finanzielles Ungemach vom Paradies abzuwenden.
Einige Stunden später kehrt er zurück, findet seine Liebste in Tränen aufgelöst und einem hysterischen Anfall nahe. Sie schreibt einen Brief, an ihn, wie sie sagt, will ihn ihm aber nicht zeigen. Dann macht sie ihm das glühendste, erschütterndste Liebesgeständnis, das je ein Komponist ersonnen hat und jeden im Publikum um den Rest seiner Fassung und mich um mein Abendmake-Up bringt. Sie fleht ihn an, sie immer, immer, immer zu lieben und rennt weinend weg.
Keine 10 Minuten später bekommt Alfredo einen Brief, in dem sie ihm mitteilt „Alles ist aus“. In dem Moment steht, huch!, der Herr Papa in der Tür und scheint zu wissen was los ist, ohne erst fragen zu müssen.
Also ich tät mich da ja schon wundern. Nicht so Freund Alfredo. Für ihn ist klar: „Die Alte hat mich verlassen“. Was dann passiert ist bekannt. Mit Hinsetzen und nachdenken hätte da viel Elend vermieden werden können.
Die in meinen Augen einzig halbwegs nachvollziehbare Erklärung für solches Verhalten ist die, die Rolando Villazón im Interview mal gegeben hat. Alfredo sei eben noch sehr jung und erlebe das alles zum erstenmal: die Liebe, die Lust, die Nähe des Todes und wohl auch, möchte ich hinzufügen, den Schmerz des Verratenwerdens. Und in de Tat, man hat den Eindruck ,er benimmt sich wie ein Teenager, dem die erste Freundin wegläuft. Was, wenn ich es mir recht überlege, vermutlich auch der Fall ist.
NOCHMAL WAS VON TANTE EDIT:
Es geht mir bei Sängern übrigens wie Nikolaus, ich traue mir auch nicht wirklich zu, ihre Technik zu beurteilen und denke auch, daß mir dazu jede Qualifikation fehlt.
Solitaire (10.03.2008, 20:29):
So, habe mir eben nochmal die Sutherhland/Pavarotti Aufnahme rausgekramt, und die Szene von Alfredos Rücckehr bis zum Ende von "Parigi o cara" angehört. Was Pavarotti angeht, kann ich nur zustimmen. Er ist toll. Aber Sutherlands Violetta kann ich persönlich nur wünschen, daß der Koch'sche Bazillus dem Elend bald ein Ende macht :ignore
Dann habe ich die Muszely/Schock Aufnahme rausgesucht. Trotz extremer Lagerfeueratmosphäre (die Platte war schon nicht mehr neu, als sie mir vor 30 Jahren zum erstenmal in die Hände fiel), war ich begeistert. Von Muszelys schlichter, "un-pompöser" Art zu singen, (vor allem bei "Alfredo, Alfredo di questo core..." natürlich auf Deutsch)können viele Sopranistinnen lernen. Und auch Rudolf Schock war besser, als ich ihn in Erinnerung hatte.
Jimi (11.03.2008, 22:34):
Original von Solitaire
Ich habe eine Aufnahme mit Rosa Poonselle, die ich phantastisch finde. Technisch ist das natürlich ebenfalls nicht mit dem zu vergleichen, was heute so zu haben ist, aber Ponselles Violetta hat immer genau den Hauch jener Hysterie in der Stimme,die einen wohl erfasst, wenn man 23 Jahre alt ist, und weiß, das einem die Zeit davon läuft... Die gesprochenen Worte am Schluß der Oper habe ich bisher von keiner anderen Sängerin so herzzereißend gehört.

Original von manrico

Ich muss jetzt direkt schauen, was ich von der Ponselle als Traviata habe - ich könnte mich zumindest jetzt nicht erinnern, dass ich die Aufnahme kenn.



Hallo Solitaire und Werner,

trotz der absolut bescheidenen Aufnahmequalität,(ich habe eine Überspielung von Naxos 1998) DIE MUSS MAN GEHÖRT HABEN UM ES ZU GLAUBEN.

Rosa Ponselle ist wirklich die einzige die ich bisher gehört habe die im 2.Akt bei "Dite alla giovine" und "Morrò! La mia memoria" die dramatische Intensität von Maria Callas erreicht, sie vieleicht sogar noch übertrifft. Überhaupt ist die Szene mit Vater Germont(Lawrence Tibbett) das Highlight der Aufnahme.

Zum Glück wird man mal wieder bei youtube fündig:

Ponselle and Tibbett in Traviata Part 1

Ponselle and Tibbett in Traviata Part 2

Viel Spaß beim Hören

:hello Jimi
Solitaire (12.03.2008, 08:34):
@Jimi
Danke fürs posten! Das ist genau die Aufnahme, die ich meine :)
Sie ist wirklich wundervoll.
So fängt der Tag richtig gut an :down
Mime (12.03.2008, 17:43):
Original von Solitaire
Stratas
Ich liebe diese Aufnahme. Wenn ich recht informiert bin, war es das Rollendebut der sehr jungen Stratas. Ich habe nie eine Violetta so ermattet sterben hören. Selbst für Verzweiflung bleibt kaum mehr Kraft. Fritz Wunderlich ist ein wunderbarer Alfredo und gibt einem wieder einmal Grund zu der Frage, warum zum Teufel er sich damals im Jagdhaus die Schnürsenkel nicht zugebunden hat...

Hallo Solitaire,

die oben von dir gestellte Frage stellt sich auch heute noch und dies umso zwingender, weil irgendwelche Sänger immer wieder mit dem Unvergleichbaren verglichen werden. Das Wasser kann diesem Sänger ohnehin keiner reichen!

Doch nun zu den Violetta-Sängerinnen, deren Aufnahmen ich kenne:
Maria Callas, Renata Scotto und Angela Gheorghiu stufe ich persönlich ziemlich dicht beisammen als das kaum zu toppende Dreigestirn ein, was die sängerische Leistung betrifft. Als Frauentypen lassen sie mich dagegen kalt.
Die erotischste Ausstrahlung allerdings hat Anna Netrebko, die diese Rolle auch gut, aber (noch) nicht perfekt singt. In der Kombination Singen-Bühnenpräsenz-Ausstrahlung finde ich sie heute schon top. Wenn sie erst ihr Baby hat, wird ihre Stimme gefühls- und ausdrucksstärker und dann braucht sie sich vor keiner Konkurrenz mehr zu fürchten.

Teresa Stratas war bei der Münchener (Wunderlich)-Aufführung noch zu jung. Ihr nimmt man die Erfahrung mit den Männern nicht ab. Im Zefirelli-Film später ist sie besser.

Hilde Güdens Stimme ist zu kalt für die Violetta. welcher Mann erwärmt sich schon an einer so schneidenden Stimme?

Ileana Cotrubas singt wie ihre eigene Mutter. Wie sie es dennoch geschafft hat, Placido Domingo zu einer so mitreissenden Cabaletta zu bewegen, bleibt mir unerschlossen.

:hello
manrico (12.03.2008, 22:59):
Hallo Mime!

"Oh mio rimorso" ist getürkt, das wette ich. Hör dir das letzte C an, das passt einfach nicht zum Rest der Nummer, aber keine Frage, sonst ist Domingo wirklich gut in dieser Aufnahme. Die Cotrubas gefällt mir persönlich auch besser in der schon angesprochenen Wiener Aufnahme mit Gedda als Partner (Pere Germont ist da Mc Neill).

Ich persönlich finde auch, dass die Opernwelt schillernde Figuren wie Netrebko ganz dringend braucht, mögen da jetzt andere besser sein oder nicht, das ist eigentlich egal. Netrebko und Co. machen die Oper einfach wieder für neue Leute interessant und darin liegt meiner Ansicht nach ihr Verdienst.

Wunderlich als Alfredo ist natürlich schon sehr hörenswert, und ich denke auch, dass er einfach alles, was er gesungen hat, mit so grosser Ehrlichkeit gesungen hat, dass er immer überzeugt.

Und....ich glaube, Wunderlich hat einen Nachfolger gefunden (zumindest was seinen Graf Almaviva angeht): der für mich allerbeste der Tenöre der jüngsten Generation ist Juan Diego Florez. Er singt mit genauso viel Fleisch an den Knochen und mit der gleichen Leichtigkeit wie Wunderlich das getan hat. Er hat zwar ein geringfügig anderes Fach, aber dort, wo sich die beiden treffen, sind sie einander ebenbürtig.

lg

Werner
Solitaire (14.03.2008, 08:47):
Ich muß jetzt mal ganz kleinlaut werden: außer einem Donizetti-Recital auf CD habe ich noch nix von Florez gehört. Ich schäme ich auch schon ganz fürchterlich darob. Aber was ich gehört habe hat mir gezeigt, daß er ein wunderbarer Sänger mit einer sehr schönen Stimme (wobei sowas ja Geschmackssache ist) und einer offenbar grandiosen Technik (was nun definitiv KEINE Geschmackssache ist) ist.
Aber meine Bildungslücke wird bald kleiner werden: im Rahmen der "Die MET im Kino"-Aktion werde ich ihn am 26. April in einem Düsseldorfer Kino an der Seite von Natalie Dessay in einer Live-Übertragung von "Fille du Regiment" sehen. Ich freue mich schon sehr.
Ich zahle allerdings unglaubliche 28,- pro Karte, das ist bei zwei Karten (der Liebste kommt nämlich mit) Ä
eine Menge Geld. Dennoch: dafür komme ich wohl so schnell nicht nach New York, und außerdem: das letzte Hemd hat keine Taschen, so what.
Mime (14.03.2008, 13:20):
Hallo Solitaire,
das könnte der Anlass für einen neuen Thread werden...
Heute schon viel Spass! :hello
Solitaire (16.03.2008, 12:13):
Ja, ich freue mich schon sehr :)
Höre gerade bei jpc in diese Aufnahme rein: Traviata, Muszely, Schock, Metternich
Habe sie gestern bestellt, da ich ja, wie oben erwähnt, die alte Schallplatte immer sehr gemocht habe.
Mir fällt gerade wieder einmal auf, welch ein wudnerbarer Bariton Josef Metternich doch war :down
Und weil das so ist, habe ich mir seinen "Rigoletto" gleich auch noch gegönnt.
Mime (16.03.2008, 22:41):
Original von Solitaire
Mir fällt gerade wieder einmal auf, welch ein wunderbarer Bariton Josef Metternich doch war :down
Und weil das so ist, habe ich mir seinen "Rigoletto" gleich auch noch gegönnt.

Etwas OT, aber trotzdem: Sein Carlos in "La Forza del Destino" ist auch nicht zu verachten. Alvaro: Rudolf Schock. Mein Tipp: Mitbestellen.

Aber die Traviata in deutscher Sprache ist auch exzellent!!
:hello
Solitaire (17.03.2008, 17:14):
Diese Aufnamhe war die erste "Macht des Schicksals" die ich je gehört habe :)
Auch eine alte Platte von Mama. Und ja: sie ist toll!
Solitaire (26.03.2008, 13:33):
@manrico
Das habe ich eben gefunden, und möchte es dir nicht vorenthalten. Aus einem Artikel, in dem drei Traviatas verglichen werden: Callas, Cotrubas, Netrebko.
Es geht im Domingos Alfredo:
Und mit Jürgen Kesting (“Die großen Sänger“, Düsseldorf 1993) möchte ich wetten, dass sein „hohes C“ am Ende von Il mio rimorso der Schneidetechnik und dem Klebeband zu verdanken ist.

Du hast also wohl recht.
Ich mag ihn trotzdem sehr in der Rolle.
War ohnehin erstaunt als ich auf der Making-Of DVD von RVs "Gitano" gesehen habe, was da so alles gestückelt wird, wenn's grad nicht hinhaut. Ich bin da wohl manchmal etwas naiv :engel
Tortzdem, auch wenn manchmal zusammengeklebt wird: ihr dürft ja mal raten, wie groß die Chancen bei mir sind, das ich solche Töne hinkriege ob gestückelt oder nicht... Und wenn ich zwei Wochen im Studio stände... :D
Nun habe ich natürlich auch aus gutem Grund eine andere Profession, schon richtig :)
Solitaire (02.04.2008, 18:13):
Der Zufall hat es gefügt, daß ich neulich nachträglich zu meinem Geburtstag eine DVD geschenkt bekam, über die ich mich sehr gefreut habe:


Violetta:
Renee Fleming,
Alfredo:
Rolando Villazón,
Germont:
Renato Bruson,
Los Angeles Opera Orchestra
James Conlon
Regie: Marta Domingo
Vor ein paar Tagen hatte ich dann endlich Zeit, mir das gute Stück anzuschauen, und möchte hier meine Eindrücke festhalten. Wäre ich genötigt, dies in einem Satz zu tun, so würde er wohl lauten „Stadttheater-Inszenierung auf hohem stimmlichem und musikalischem Niveau“.
Es ist seltsam mit dieser Aufführung, die Kostüme sind prächtig, das Bühnenbild so gelungen, daß es dafür gleich zweimal Szenenapplaus vom Publikum gab, die Sänger singen sehr gut (auch wenn man Renato Bruson die Jahre anhört, aber was soll’s) und doch hat mich die Aufführung lange Zeit überraschend kalt gelassen.
Renee Fleming ist als Violetta weder die femme fragile als die Teresa Stratas sie darstellt, noch das exaltierte Salzburger Partygirl der Anna Netrebko, sondern eine schon etwas reifere Kameliendame mit ausgesprochen symphathischer, warmherziger Austrahlung. Ich mag ihre Stimme sehr und soweit ich das beurteilen kann, singt sie auch sehr gut. Rolando Villazóns Alfredo ist emotional um einiges ausgeglichener als der Salzburger Bruder, er singt und spielt wieder einmal als gelte es das Leben. Wie man weiß, mag ich das sehr. :D
Germont ist wie Germont im allgemeinen eben ist: edel, anständig und im letzten Akt gramgebeugt und reuevoll. Kein Vergleich zu dem emotional verkrüppelten, verklemmten Monster, als das ihn Thomas Hampson in Salzburg so treffend dargestellt hat. Es ist eben eine Traviata, wie man sie in jedem Stadttheater oder von einer x-beliebigen Tourneetruppe erleben kann, mal abgesehen eben von der stimmlichen Qualität. Und ich glaube, das ist es, was mich so stört: Regie findet nämlich so gut wie nicht statt. Renee Fleming weint, schluchzt und ringt die Hände, hustet in ihr Taschentuch und sinkt mehrfach in Ohnmacht. Alles, wie man es schon hundertmal gesehen hat. Und obwohl Violetta und Alfredo im zweiten Bild farblich ganz wunderbar harmonieren (SIE im bordeauxfarbenen Hauskleid, ER im smaragdgrünen Morgenmantel, très chic :wink) will der Funke lange Zeit nicht so recht überspringen. Ich glaube, das liegt weniger am Können der Darsteller, als an der, wie gesagt, so gut wie nicht vorhandenen Personenregie.
So bleibt es für mich vor allem ein optisches Vergnügen und ein Schwelgen in schönen Stimmen. Nicht weniger, aber auch nicht mehr.
Ausdrücklich ausgenommen allerdings große Teile des letzten Aktes. Der letzte Traviata-Akt ist ohnehin ein unfassbares Wunderwerk. Von Alfredos Rückkehr bis zu Violettas Tod wird es dann endlich auch hier berührend und mitreißend. Bei „Parigi o cara“ klammert sich Violetta an Alfredos Arm, als wolle sie verhindern, in einen bodenlosen Abgrund zu fallen.
Ihr “Ma se tornando non m'hai salvato, a niuno in terra salvarmi e' dato” (Doch wenn deine Rückkehr mich nicht heilen konnte, dann kann niemand auf Erden mich retten) wird endlich einmal so gesungen und gespielt, wie es meiner Meinung nach sein muß: Violetta weicht entsetzt vor Alfredo zurück und starrt ihn grauenerfüllt an. Keine Verzweiflung, sondern der schiere Horror ob dieser Erkenntnis.
Die Sterbeszene selber habe ich selten so ergreifend gesehen. Hier haben wir eine Frau, die im Zustand höchster Seeligkeit stirbt, und das wollen wir nach ihrem elenden Leben auch gönnen.
Alfredo hätte ich noch gerne den Tip gegeben sich, nachdem die Trauer nachgelassen hat, doch einmal Annina näher anzusehen. Das ist nämlich eine ausgesprochen süße mit sehr schöner Stimme. :cool
Violettas Wunsch hätte er dann damit auch erfüllt. :wink

Mich würden andere Meinungen über diese Inszenierung sehr interessieren.
nikolaus (02.04.2008, 19:41):
Zwar nicht meine Meinung (ich kenne diese Produktion nicht), aber eine öffentliche hier.

Gruß, Nikolaus.
Solitaire (03.04.2008, 08:54):
Danke für den Link!
Interessant zu lesen, daß ein "professioneller" ähnlich empfunden hat wie ich.
nikolaus (03.04.2008, 10:34):
Original von Solitaire
Danke für den Link!
Interessant zu lesen, daß ein "professioneller" ähnlich empfunden hat wie ich.

Gott sei Dank!!
Solitaire (07.04.2008, 15:48):
Naja, es ist zumnidest kein schlechtes Zeichen, wenn Kritiker und Publikum einer Meinung sind; ein Zeichen dafür, daß die einen nicht zu abgehoben, die anderen nicht zu doof sind, eine Sache halbwegs richtig zu beurteilen :D

Da ich aber schon mal dabei bin, willl ich jetzt auch meinen Senf zu jener anderen "Traviata" geben, die mich so beeindruckt hat, wie lange nichts mehr. Ich meine natürlich die Salzburger Aufführung von 2005.
Im Netz gibt es ja die erbittertsten Diskussionen, ob das nun die Jahrhunderttraviata ist, oder vielleicht doch eher der letzte Schrott. Ich will mich mal nicht zum Superlativ versteigen, glaube aber doch, daß es lange dauert, bis ich wieder eine Aufführunge erleben darf, die an diese heranreicht.
Daß ich Anna N. und vor allem RV sehr mag, dürfte ja nun mittlerweile jeder hier mitgekriegt haben :cool (Und das liegt nicht an deren Aussehen: Anna sieht toll aus, aber das tun andere auch, und sie gefällt mir auch, wenn ich sie nicht sehe, sondern nur höre, und RV ist, wiewohl symphathisch, so doch definitv kein Johnny Depp, es sind also nicht meine Augen, die meinen Ohren einen Streich spielen könnten :D )
Nun also: zunächst denke ich, daß die Aufführung mit anderen Darstellern als diesen vermutlich nicht so funktioniert hätte, wie es der Fall war; hätte man nur einen Sänger ausgetauscht (was, glaube ich einmal auch der Fall war: ein junger Tenor durfte in einer Aufführung Alfredo singen, allerdings geplant, nicht als Einspringer), hätte es wohl nicht mehr wirklich funktioniert.
Was mich schon nach kurzer Zeit überzeugt hat, waren die wunderbaren Bilder, und vor allem die großartige Personenregie von Willie Decker.
Hier wird enliich einmal gezeigt, was diese Frau an diesem Mann findet, warum dieser Mann so ist wie er ist, und was ihn wiederum zu dieser Frau zieht. Alles Dinge, die ich in der Inszenierung aus LA schmerzlich vermisst habe.
Violetta ist weniger Kurtisane, als vielmehr Partyluder und, vermutlich, Callgirl. Man sagt ihr alles was sie hören will und was ihr schmeichelt, nur nicht die Wahrheit sie lebt in einer Welt der Lüge und der Oberflächlichketi. Das wissen wir zwar alles aus dem Opernführer, aber bisher haben das wenige Regisseure auf der Bühne auch gezeigt. In diese Welt platzt mit Alfredo ein Mann der, im guten wie im bösen, direkt und unverstellt ist, der redet und handelt wie es ihm ums Herz ist, ohne sich zunächst um die Folgen zu scheren. Das muß Violetta faszinieren und ängstigen zugleich, und das singt und spielt Anna Netrebko großartig. Die Wiederholnug von "Sempre libera" ist fast im piano gesungen, und in Violettas Augen steht nicht Vergnügungssucht, sondern die nackte Angst. Nicht Angst vor dem Tod, sondern Angst, sich durch eine aufrichtige Liebe zu Alfredo verletzbar zu machen.
Das Violetta während Alfredos "De miei bollenti spiriti" auf der Bühen anwesend ist, gibt Regisseir und Darstellern die Gelegenheit, das unbeschwerte Glück der beiden zu zeigen, eine Szene, die schön und grausam zugleich ist, weil wir ja nunmal wissen, was gleich passieren wird.
Bei Alfredos Stretta habe ich mir übrigens weniger Sorgen um Villazóns hohes C gemacht (hat er dann ja auch sicherheitshalber weggelassen), als vielmehr darum, ob er es denn auch schafft, rechtzeitig vom geblümten Morgenrock in seinen Anzug zu schlüpfen. Respekt. Er hat's geschafft. Mein Gatte braucht da länger zu :rofl
Begeistert war ich auch von Thomas Hampson als Germont. Ich denke mal, Verdi wäre mit dieser Lesart keineswegs einverstanden gewesen, immerhin machen Hampson und Decker aus Verdis noblem, besorgtem Vater ein emotional erstarrtes, sexuell verklemmtes (ich setze das jetzt einfach mal vorraus) Scheusal, für das der Schein wichtiger ist als das Sein, den nur interessiert, was die Leute denken könnten, und der seinen Sohn nicht mal in Ansätzen versteht. Sein einziger Körperkontakt zu Alfredo besteht in eine schallenden Ohrfeige, als dieser ihm nicht sofort folgen will. Wenn man diesen Vater sieht, weiß man ,warum sein Sohn ist, wie er ist (nämlich haargenau das Gegenteil), und daß auch für Alfredo Violetta die Rettung aus einer lieblosen , kaltherzigen Welt war, nicht nur umgekehrt.
Wie gesagt: Verdi wäre vermutlich nicht begiestert, ich schon :D
Überhaupt wird hier die Tragödie dreier Menschen gezeigt, statt, wie üblich, eines einzigen. Ich finde, daß Hampson die Diskrepanz zwischen der doch eher "edlen" Musik die er zu singen hat, und der Art, wie er sich auf der Bühne zu geben hatte bravourös gemeistert hat. Sein "No, non udrai rimproveri..." wird zum hilflosen Versuch, die eben stattfindende Tragödie seines Sohnes herunterzuspielen.
Das Zigeuner- und Stierkampf-Intzermezzo des 3. Bildes nutzt Willie Decker, um ein beißendes Portrait der Gesellschaft zu zeichnen, in der Violetta den größten Teil ihres kurzen Lebens verbracht hat. Es ist das bisher einzige Mal, daß ich bei dieser Szene innerlich nicht abgeschaltet habe. Im Gegenteil.
Bei Violettas "Alfredo, Alfredo, di questo core..."zeigt sich ,wieviele Gedanken sich Decker um dieses Stück gemacht, und wie genau er auch den Text gelesen hat. Bei Violettas Worten "Dio dai rimorsi ti salvi allora..." (Vor Gewissensqualen möge Gott dich bewahren...) sieht Violetta nicht Alfredo an, sondern Germont, den Urheber des ganzen Elends. Das mag nur eine Kleinigkeit sein, aber sie sagt viel darüber aus, wie ersnt der Regisseur alles in diesem Stück nimmt. Das Alfredo sich schon Sekunden nach seinem Ausbruch vor Reue nicht fassen kann, und sich am liebsten wie Rumpelstilzchen entzweireißen würde stellt natrülich kaum jemand packender dar, als RV :J

Im letzen Akt dann ist es vor allem "Parigi o cara", daß mich immer wieder auf's neue packt: wie diese totkranke Frau zu den Klängen dieser Melodie glückseelig über die Bühne tanzt, ist vielleicht der schönste Einfall von Herrn Decker, ich nehme das jedenfalls jedesmal nur durch einen Tränenschleier wahr. Bin eben ein Weichei :D
Man mag darüber streiten, ob es sein muß, daß Gevatter Tod in Gestalt eines alten Mannes nahezu ständig auf der Bühne anwesend ist, aber wie er i(und nicht Alfredo) Violetta in ihren letzen Augenblicken in die Arme nimmt und ihr mit herzzereißender Zärtlichkeit übers Haar streicht, gehört für mich zu den unvergesslichen Szenen der Oper.
Also, ich kann wirklich nur jedem den Tip geben, sich das einmal unvoreingenommen anzuschauen.
Mime (07.04.2008, 19:47):
Hut ab, Solitaire und volle Zustimmung!!
:hello
Solitaire (08.04.2008, 10:10):
Oh, das freut und ehrt mich aber sehr! :)
Ich habe in dieser Aufführung die beide übrigens zum erstenmal überhaupt gesehen, hatte vorher nur die Namen gehört, aber weder etwas von ihnen gehört, noch gesehen.
Diese Inszenierung war es auch ,die mich dazu gebracht hat, mich mal wieder etwas mehr mit noch lebenden/singenden Künstlern zu beschäftigen, bin nämlich leider irgendwann in den 80igern stehengeblieben. Danach habe ich dann festgestellt, daß es Netrebko, Villazón, Florez, Dessay, Garanca etc. gibt, und daß nicht immer tote Sänger sein müssen, die sich auf meinem Plattenteller tummeln dürfen. :)
Tante EDTIT sagt:
Das übrigens Decker so großartige Inszenierungen abliefert wundert mich nicht mehr, seitich gelesen habe, daß der Mann mal Operngesang studiert hat. Er weiß also wirklich, was er da tut und hat Ahnung von der Materie, auch wenn es bei ihm zur Karriere vemutlich nicht gereicht hat, weiß er z.B. doch, was er Sängern darstellerisch abverlangen kann, und was nicht. Ich war nicht wirklich überrascht, als ich das gelesen habe.
Kenne leider bisher außer der Traviata nur seinen Don Carlos aus Amsterdam. Auch der ist szenisch großartig. Villazón ist faszinierend als Don Carlos: ein schwer traumatisierter junger Mann, der ständig am psychischen Abgrund balanciert und jederzeit abzustürzen droht. Singen tut er, daß einem stellenweise himmelangst um ihn wird, dennoch: die lyrischen Stellen sind zum weinen schön. Auch das dramatische kriegt er ja durchaus hin. Die Frage ist nur, zu welchem Preis... :I
Die Elisabetta des Abends hat ihre besten Tage leider längst hinter sich, Violetta Urmana ist eine wunderbare Eboli und alle miteinander sehen sie grauenhaft aus: die Kostüme sind ein Schwerverbrechen. Ich hätte mich ja geweigert, sowas anzuziehen. Urmana haben sie den Busen fast bis unters Kinn geschnürt, und Villazón sieht schlichtweg albern aus: wie eine Mischung aus Rowan Atkinsons "Black Adder" und dem Fast Kopflosen Nick der "Harry Potter"-Romane. :S
Aber immerhin hat das in dem finsteren Stück für ein paar außerplanmäßige Lacher im Hause Solitaire gesorgt :J
Würde gern mehr Decker-Inszenierungen sehen. Gerne auch mit anderen Solsiten. Muß ja nicht IMMER der Mann aus Mexiko sein.
Solitaire (26.05.2008, 12:00):
Übrigens: heute wird Teresa Stratas 70. Für mich nach der Callas immer noch die anrührendste Violetta.
Herzlichen Glückwunsch!
Gamaheh (26.05.2008, 22:54):
Original von Solitaire
Naja, es ist zumnidest kein schlechtes Zeichen, wenn Kritiker und Publikum einer Meinung sind; ein Zeichen dafür, daß die einen nicht zu abgehoben, die anderen nicht zu doof sind, eine Sache halbwegs richtig zu beurteilen.


"Diversity of opinion about a work of art shows that the work is new, complex, and vital." (Oscar Wilde)

Grüße,
Gamaheh
Solitaire (04.06.2008, 17:21):
Da hat er nun natürlich auch wieder recht, der Oscar. :)
Solitaire (01.10.2008, 11:52):
„La Traviata“ im Hauptbahnhof Zürich

30. 9.08 ARTE, live aus Zürich
Besetzung:
Musikalische Leitung Paolo Carignani
Szenisches Arrangement Adrian Marthaler
Kostüme Florence von Gerkan
Chor Jürg Hämmerli

Violetta Valéry Eva Mei
Flora Bervoix Katharina Peetz
Annina Liuba Chuchrova
Alfredo Germont Vittorio Grigolo
Giorgio Germont Angelo Veccia
Gastone Boguslaw Bidzinski
Barone Douphol Gabriel Bermudez
Marquese d’Obigny Reinhard Mayr
Dottor Grenvil Tomasz Slawinski
Giuseppe Noel Vazquez
Domestico Heikki Yrttiaho
Comissionario Uwe Kosser

Orchester der Oper Zürich
Chor der Oper Zürich

Ich war ja sehr skeptisch was das wohl werden wird und ich muß sagen, gegen meine „großen“ Lieblingsversionen (Salzburg 2005, der Film mit Stratas und Domingo, sowie die Traviata aus Lissabon mit Callas und Kraus auf CD) kommt dieses Experiment nicht an. Dennoch: ich fand es spannend und durchaus gelungen. Daß da nun unbedingt eine Wiederholung nötig ist möchte ich aber bezweifeln.

Meine Eindrücke:
Die Idee, das Vorspiel zum ersten Akt als Leichenbegängnis zu inszenieren ist zwar nicht völlig neu, kam aber in dieser Atmosphäre, wo man viel Platz für einen richtigen Leichenzug hatte wirklich gut.
Danach ging der Ärger dann aber leider auch schon los: es gab eine lange Unterbrechung zwischen Vorspiel und erstem Akt. War das wirklich nötig? Die technischen Details über die die Reporterin den Dirigenten ausgefragt hat, hätte man sicher auch vorher klären können.
Immerhin, die Sänger haben mir gut gefallen, vor allem Vittorio Grigolo als Alfredo, von dem ich orher noch nie gehört habe, von dem ich aber gerne mehr hören würde. Und das bitte unter besseren akustischen Gegebenheiten, die natürlich nicht ideal waren. Auch habe ich noch nie ein Brindisi erlebt, bei dem mit Bier statt mit Champagner angestoßen wird. Das hat mir als leidenschafltiche Köstritzer-Schwarzbier-Trinkerin aber sehr gefallen! :rofl :D
Germont hat mich nicht ganz so überzeugt, aber das mag an der, nun ja...Bahnhofsatmosphäre gelegen haben. Überhaupt hat es sehr lange gedauert, bis mich die Aufführung gepackt hat, dabei hat Eva Mei wirklich schön gesungen. Wirklich berührend fand ich erst den letzten Akt, da waren dann plötzlich auch die akustischen Probleme vergessen. Ich hatte aber auch den Eindruck, daß plötzlich jeder im Publikum mucksmäuschenstill war.
Naja, ich habe es schon mal geschrieben: er letzte Traviata-Akt ist ein einziges Wunder, den kann fast nix kaputtmachen. Die Idee Violetta in, (oder besser: vor) einem Krankenwagen sterben zu lassen hat ins Ambiente gepasst. Extrem geärgert hat mich die wüste Kürzung der Sterbeszene: „Prendi, quest' è l'imagine“ wurde komplett gestrichen, Violetta stirbt direkt nach „Gran dio, morrir si giovane!“. Das ist ein Sakrileg, das vielleicht Giuseppe Verdi verzeihen kann, ich niemals! :S :S :S

Ich bin froh, daß ich mir das angesehen habe, aber den Videorekorder habe ich nicht programmiert, und ich denke auch nicht, daß das nötig gewesen wäre.
Was mir sehr gefallen hat waren eingie gegen Ende doch sichtlich bewegte und verheulte Gesichter im Publikum. Ich bin ja der Ansicht, daß nahezu jedes Mittel erlaubt ist, wenn es gilt, Menschen zur Oper zu bekehren. Wenn also gestern ein paar Leute vom Virus infiziert wurden, und den Weg zur Theaterkasse finden, hat es sich gelohnt.
Basstibariton (03.10.2008, 08:41):
Just-in-time-Rezension:

La traviata

Violetta Mirella Freni
Alfredo Renato Cioni
Giorgio Germont Piero Cappuccilli
Flora Bervoix Ann Howells
Annina Elizabeth Bainbridge
Gastone John Lanigan
Il Barone Douphol George MacPherson
Il Dottor Grenvil David Kelly
Giuseppe Robert Bowman
Un domestico William Clothier
Un commissario Keith Raggett

Chorus and Orchestra of the Royal Opera House, Covent Garden
(Chordirektor: Douglas Robinson)
CARLO MARIA GIULINI
Aufnahme: 5. Mai 1967, live aus dem Covent Garden Opera House

Hier sitz ich also und schreibe auf meinem PocketPC eine Rezension dieser Aufnahme. Das Abtippen der Grunddaten hat mich die Zeit bis zum Libiamo! gekostet, und so setze ich erst in Track 5 ein: Un dí felice, eterea. Renato Cionis Geschluchze beim Abschied: grausig, Frenis Koloraturen lassen zwar eine gewisse Anstrengung vermuten, sie aber nicht hören. So, da kommt auch schon die Soloszene: Von Durigent wie Sängerin wird das vorhergehende Rezitativ fast mozartisch genommen. Die Arie selbst beginnt die Freni leicht schleifend- sowas kann ich gar nicht leiden- und irgendwie ist ihr Timbre auch nicht das der Violetta, die ich mir vorstelle: Für mich muss sie luftiger sein, einfach- hm, ja: höher klingen. Schönes Piano in die Pause.
Schon wieder leiern die Spitzentöne wie der Anzeiger bei "Hau den Lukas", wirklich vom Hocker reißen tut einen die Nummer hier wahrlich nicht. Kaum hörbar Renato Cionis Beitrag aus dem Off: Da hat wohl einer die Garderobe nicht gleich gefunden....
Ich finde die Arie sowieso nicht besonders gelungen (also jetzt kompositorisch); viel zu blass. Aber die Freni unterstützt den Eindruck. Mittlerweile sind die Schleifereien etwas besser. Freni lässt den finalen Spitzenton aus- höflicher Beifall, Bravos von den Fans.
Zweiter Akt: Jetzt hat Knödelato Cioni in De miei bollenti spiriti Gelegenheit zur Wiedergutmachung. Das was er macht, kann man wohl am ehesten mit Villazon vergleichen: Schauspielerisch so intensiv wie oberflächlich, aufdrängliches Timbre. Da kommt auch nur höflicher Applaus- offensichtlich hat er keine Fans. Bis jetzt sehr gut verständlich.
Madamigella Valéry?- wer bekäme keine Gänsehaut, brüllte Piero Cappuccilli ihm das ins Ohr? Denn genau das macht er hier- erstmal die Machtverhältnisse sicherstellen. Großartiger Erstauftritt, und die Freni wird noch blasser.
Cappuccilli hat hier ein kernigeres Timbre als auf der 1980er Rigoletto-Einspielung. Das bekommt der Vaterrolle gut.

Zwischenfazit: sängerisch allenfalls guter Durchschnitt, schlimmer Alfredo (2,5 Punkte), blasse Violetta (3,5 Punkte); orchestral sehr gut (4), aber eben nicht besser; der Auftritt Cappuccillis (5) lässt auf Besserung hoffen.

Wertung: 15/4= 3,75
***¾
(vorläufiges!)
- Prädikat: inseluntauglich -

(Hier soll für heute erstmal Schluss sein- morgen geht es weiter, vom Duett Violetta-Germont bis zum Ende des Zweiten Aktes.)
Solitaire (03.10.2008, 09:00):
Hallo Bassbariton!
Bist du aber pööhhse :D Das ist ja schon fast ähh...taminesk :ignore :ignore :ignore

Ich kenne die Aufnahme nicht, habe aber eine andere mit Freni als Violetta, die ich aber bisher kaum gehört habe. Ich glaube, ihr Alfredo ist Franco Bonisolli, muß da aber nochmal nachschauen. Mich hat Freni als Violetta auch nicht soo aus den Schuhen gehauen.
Basstibariton (03.10.2008, 09:06):
Solitaire schrieb:

Bist du aber pööhhse Das ist ja schon fast ähh...taminesk

Tja, ich war in den letzten Tagen viel auf unterwegs und hab mir das Bewertungssystem scheinbar irgendwie angeeignet...
Solitaire (03.10.2008, 09:56):
Dacht ich's doch... :D
Dulcamara (03.10.2008, 10:23):
Kennt einer von Euch die Aufnahme mit Anja Harteros und Piotr Beczala aus München? Die wandert schon seit Monaten im rein und raus aus meinem Warenkorb und ich finde, ich muss mich mal final entscheiden.
manrico (08.10.2008, 22:36):
Liebe Solitaire, lieber Dulcamara, lieber Bastibariton!

Ich hab zwar die eine oder andere Traviata im Regal stehen, aber die von dir angesprochene kenn ich nicht. Generell kann ich nur zu Beczala sagen, dass ich ihn für einen der interessantesten Tenöre der neueren Generation halte - , so weit ich ihn halt von zwei CD - Einspielungen kenne - und das sind Raritäten ohne wirkliche Vergleichsmöglichkeiten. Aber entledigt sich jedes Mal seiner Aufgabe mehr als anständig. Das eine Mal als Arnim von Grübben im "Simplicius" und in der noch schwierigeren Partie als Franz in Offenbachs rekonstruierter Oper "Die Rheinnixen". Live habe ich ihn noch nie gesehen, aber bei beiden Aufnahmen handelt es sich um "Livemitschnitte" (mit ziemlicher Sicherheit im Studio nachbearbeitet). Ich kann ihn mir von seinem hellen Timbre her eigentlich recht gut als Alfredo vorstellen. Damit ist er sicherlich ein Gegenpol zu der von Solitaire angesprochenen Aufnahme mit Bonisolli - für den ich nun endlich einmal eine Lanze brechen muss.

Ich hab ihn wirklich gemocht - sowohl auf der Bühne als auch auf CD und zwar aus ganz unterschiedlichen Gründen: Wenn man in eine Bonisolli - Vorstellung gegangen ist, hat man genau gewusst, was man kriegt: Pathos bis zur Komik, Spitzentöne und weit aufgerissene Münder, dass man quasi ambulant die Mandeln hätte operieren können, und das alles garniert mit einer wirklich schönen Stimme (meine Lieblingsstelle war immer Otellos Sterbeszene - das war von unüberbietbarer Komik und Otto Schenk hätte es nicht besser parodieren können). In Studioaufnahmen hingegen finde ich ihn dagegen wirklich kultiviert und beinahe nobel - das klingt komisch, ist aber so. Die anderen tenoralen Schreihälse (da mein ich jetzt Corelli und del Monaco) können Bonisolli bei weitem nicht das Wasser reichen. Ehrenhalber muss ich sagen, dass ich die beiden natürlich nicht mehr von der Bühne her sondern nur von CDs kenne - möglicher weise haben sie dort eine andere Wirkung entfaltet. Corelli hat nicht nur einen Sprachfehler, sein Don Jose ist beinahe schon grotesk und del Monaco war hauptsächlich laut - der Karajan-Otello leidet diesmal nicht unter Karajan sondern unter eben Otello höchstpersönlich. Bei beiden finde ich das Timbre überhaupt nicht ansprechend. Auch die anderen Platteneinspielungen gehen über erträglich nicht hinaus (auch Corellis Trovatore nicht). Hier schlägt sie Bonisolli um Längen mit höchst kultivierten Einspielungen. Bei aller Wertschätzung, die ich Björlings und Bergonzis Manrico entgegenbringe, so singt Bonisolli letztlich doch das beeindruckendste "All' armi!"(nicht unter Karajan sondern unter Bartoletti). Aber auch sein Alfredo ist durchaus in Ordnung. Bonisolli singt auch französisches Repertoire, und macht das zumindest nicht schlechter als etwa Domingo, der in diesem Repertoire auch mit einer Portweinstimme zu Werke geht. Bonisollis Gestaltung des selbstgerechten Haroun (Djamileh) finde ich äußerst rollendeckend. Sein Benvenuto Cellini ist sicherlich aus anderem Holz als der des Nicolai Gedda, aber trotzdem ist der Hitzkopf bei ihm gut aufgehoben. Das gleiche gilt für seinen beeindruckenden Arnoldo (Guglielmo Tell - beide Male in italienisch).

Die Freni als Traviata ist für mich schlicht eine Fehlbesetzung. Ich habe ihr immer die Einfalt vom Lande (Zerlina, Adina, Marie in Fille de regiment) geglaubt und bei Puccinis Diabetes-Auslösern ist sie sicherlich auch ganz passabel aufgehoben, aber edle, komplexe Gestalten (Elisabetta in Don Carlo, Violetta, Elvira in Ernani) sind einfach mittelmässige Katastophen (o.k., die Simon Boccanegra-Einspielung nehm ich noch heraus, aber da haben alle Protagonisten ihr Bestes gegeben). Die Aufnahme, die Bastibariton anspricht, kenn ich nicht, da wär für mich einzig Giulini interessant. Der hat dem Cappuccilli sicherlich auch nicht die vielen Schlampereien erlaubt, die er in Wien immer geboten hat, wenn ihn der Dirigent nicht in Schach gehalten hat.
Die Idee der Traviata am Bahnhof hab ich sehr spannend gefunden. Gut gesungen, hart und direkt, wie sich Verdi das vermutlich auch gedacht hat. Dass man das Finale gestrafft und damit das Drama vorangetrieben hat, war aufgrund des Ortes meiner Ansicht nach angebracht (wenn ich mich recht erinnere, waren ja mehrere Striche gesetzt, so etwa die 2. Strophe des "Ah, fors'e lui" und "No, non udrai rimproveri"). Auch Zefirelli kürzt in seinen Opernfilmen, und da wär's ja wohl wirklich nicht nötig, und ich bin immer wieder verwundert, wie man oft im Theater streicht und kürzt (beim Don Carlo ärger ich mich da immer besonders und auch in der Lucia wird in Wien immer das Turmbild und das Duett Lucia-Raimondo gestrichen).
Für mich war das ein absolut legitimer Ansatz, die Oper nicht nur mit Hilfe von bepelzten Glamour-girls unters Volk zu bringen.

lg

Werner
Jimi (12.10.2008, 19:14):
Hallo Solitaire, Dulcamara, Bastibariton,Manrico und alle anderen



Die Oper verlangt fast zu viel von einem Sopran:
das größte dramatische Ausdruckspotential, übermenschliche emotionale Kräfte eine vollendete Belcanto-Technik, eine Stimme von Klasse und Größe - und dazu viele weitere Qualitäten.


sagte der Dirigent Richard Bonynge über die Rolle der Norma.
Nein ich habe mich nicht im Thread geirrt, denn auch wenn die Rolle der Traviata natürlich etwas anders gelagert ist, könnte man über sie im Prinzip das gleiche sagen.

Anna Moffo, selbst eine bedeutende Darstellerin der Violetta hat es in einem Interview so formuliert:


Das Wirkliche Problem mit Traviata ist so alt wie die Oper selbst: ein Koloratursopran im 1.Akt, ein lyrischer Sopran im 2.Akt und ein Zwischenfach-Sopran, fast dramatisch im letzten Akt - und das alles, ohne die Kongruität der Gesangslinie zu verlieren.


Nur wenn eine Interpretin diese widersprüchlichen Anforderungen einigermaßen unter einen Hut bekommt, ist überhaupt ein insgesamt gelungenes Rollenporträt möglich.
Leichte Koloratursoprane die den 1 Akt von den technischen Anforderungen hinbekommen haben dann Probleme den emotional/dramatischen Stellen im 2.+3.akt gerecht zu werden. Umgekehrt haben viele lyrische Soprane ( zb Stratas) arge Schwierigkeiten mit den Koloraturpassagen im 1.Akt.

Ideal ist also ein dramatischer Koloratursopran wie Maria Callas, die ich auch insgesamt für die beste Interpretin der Violetta halte.

Wenn man ihre Aufnahmen von 1951 bis 1958 miteinander Vergleicht wird eines klar: Auch sie war nicht die ideale Violetta, zumindest nicht auf einer Aufnahme.
In der Aufnahme von 1951(Vorsicht die Aufnahmequalität ist miserabel) singt sie die große Arie im ersten Akt mit einer expressiven Virtuosität die ihresgleichen sucht, weder Sie in ihren bekannteren späteren Aufnahmen, noch eine andere Sängerin haben das so hinbekommen. Das (nicht notierte) hohe "es" am Ende ist keine "Zitternote" wie in Ihren späteren Aufnahmen, sondern 100% sicher fokusiert und vollkommen Ansatzlos attackiert. Auch Joan Sutherland hat das rein technisch nicht besser gesungen und was Ausdrucksintensität angeht liegen Welten zwischen Ihr und Maria Callas.
Im 2. + 3.Akt finde ich sie in dem späteren Aufnahmen besser, sie hat ihre Interpretation dort spürbar verfeinert, das gesamte Rollenporträt ist insgesamt ausgefeilter.

Die "ideale" Violetta wäre für mich also Callas von 51(1.Akt) + Callas von 55/58 (2.+3.Akt) und dazu noch ein paar Stellen von der alten Aufnahme mit Rosa Ponselle.

So jetzt werden alle denken, ich finde die alten Sachen grundsätzlich besser und meckere an den neuen Aufnahmen und Sängern prinzipiell herum...

Stimmt nicht, jetzt komme ich zu der Aufnahme nach der Dulcamara gefragt hat :

http://www.jpc.de/image/w600/front/0/4025438080703.jpg

und um es gleich auf den Punkt zu bringen ich finde es ist insgesamt eine der besten Gesamtaufnahmen ohne wirklichen Schwachpunkt, was nicht nur an der großartigen Anja Harteros liegt.
Die Aufnahme hat meine Frau vor einiger Zeit gekauft ,ich wollte eigentlich nicht : "Wir haben doch schon genug "Traviata's" und überhaupt kommt an die Callas eh keine hin :W". Zudem hatte ich zu der Zeit keine Lust auf Verdi und eher ältere Sache gehört, also habe ich in die Aufnahme nur kurz reingehört und sie erst jetzt durch den Beitrag von Dulcamara wiederentdeckt.(Danke :wink)

Ich war wirklich überrascht, beim ersten Reinhören war ich wohl nicht wirklich bei der Sache, denn Anja Harteros wird den oben erwähnten unterschiedlichen Anforderungen auf bewundernswerte Weise fast ideal gerecht. Im 1.Akt viel überzeugender als die recht ungenaue Anna Netrebko. Im 2 Akt findet sie immer den richtigen(unterschiedlichen) Ton zb für "dite alla giovine" , "Morro la mia memoria" oder "Amami Alfredo", natürlich kann sie mit ihrem lyrischen Sopran rein vokal nicht so opulent dramatisch singen wie Rosa Ponselle(können all die anderen auch nicht), aber was sie trotzdem da an Ausdruck reinlegt, ist bewundernswert.
Bei fast allen anderen Interpretinnen habe ich an diesen Stellen im Vergleich zu Callas oder Ponselle das Gefühl, es "fehlt" etwas(an Intensität), bei Anja Harteros nicht.

Auch an den anderen Interpreten, dem Dirigenten und dem Orchester kann man nicht wirklich viel herummeckern, ich finde zb Piotr Beczala besser als den total überdrehten Villazon.
Zumal auch noch die Klangqualität sehr gut ist, kann ich die Aufnahmen nur empfehlen.

Original von manrico
Damit ist er sicherlich ein Gegenpol zu der von Solitaire angesprochenen Aufnahme mit Bonisolli - für den ich nun endlich einmal eine Lanze brechen muss.

Ich hab ihn wirklich gemocht - sowohl auf der Bühne als auch auf CD und zwar aus ganz unterschiedlichen Gründen: Wenn man in eine Bonisolli - Vorstellung gegangen ist, hat man genau gewusst, was man kriegt: Pathos bis zur Komik, Spitzentöne und weit aufgerissene Münder, dass man quasi ambulant die Mandeln hätte operieren können, und das alles garniert mit einer wirklich schönen Stimme (meine Lieblingsstelle war immer Otellos Sterbeszene - das war von unüberbietbarer Komik und Otto Schenk hätte es nicht besser parodieren können). In Studioaufnahmen hingegen finde ich ihn dagegen wirklich kultiviert und beinahe nobel - das klingt komisch, ist aber so. Die anderen tenoralen Schreihälse (da mein ich jetzt Corelli und del Monaco) können Bonisolli bei weitem nicht das Wasser reichen. Ehrenhalber muss ich sagen, dass ich die beiden natürlich nicht mehr von der Bühne her sondern nur von CDs kenne - möglicher weise haben sie dort eine andere Wirkung entfaltet. Corelli hat nicht nur einen Sprachfehler, sein Don Jose ist beinahe schon grotesk und del Monaco war hauptsächlich laut - der Karajan-Otello leidet diesmal nicht unter Karajan sondern unter eben Otello höchstpersönlich. Bei beiden finde ich das Timbre überhaupt nicht ansprechend. Auch die anderen Platteneinspielungen gehen über erträglich nicht hinaus (auch Corellis Trovatore nicht). Hier schlägt sie Bonisolli um Längen mit höchst kultivierten Einspielungen.



@Werner

Es ist schön von dir wieder was zu hören. Was deine Einschätzung von Bonisolli angeht war ich erst etwas verwundert, wegen Auftritten wie

HIER :rofl

aber nach dem ich jetzt das hier gefunden habe:

En fermant les yeux - Franco Bonisolli

war ich wirklich überrascht und muss dir ganz klar Recht geben. Klar ein italienischer Spintotenor wie Bonisolli singt das nicht wie Gedda oder Simoneau, aber erstaunlicherweise stilistisch einwandfrei ohne die "typischen italienischen Kaspereien"(siehe erster Link).
Wenn ich mir bei der 2. Arie Corelli oder del Monaco nur vorstelle wird mir übe.... :ignore äh anders.


@bastibariton

Ich kenne die Aufnahme die du besprochen hast leider auch nicht, es würde mich interessieren welche andere Aufnahmen bez Interpreten du favorisierst, oder auch welche du gar nicht magst.


:hello Jimi
Solitaire (16.12.2008, 10:29):
@Jimi
Wieso entdecke ich deinen Beitrag erst jetzt ich Blödmann???

Habe mir am Sonntag nochmal den Traviata-Film mit Stratas und Domingo angesehen. Du hast natürlich absolut recht was die Koloraturen angeht, und du hast auch recht, daß es kaum eine bessere Violetta geben kann als Callas, dennoch ist Stratas eine sehr bewegende Kameliendame. Da ich Callas nie auf der Bühne erleben durfte, und sie ohnehin außer Konkurenz läuft, ist Stratas für mich, allen schlampigen Koloraturen zum Trotz, die ideale Violetta.
Was Villazón in der Salzburger Traviata angeht: ich gebe gern zu, daß dieser Alfredo vielleicht nicht jedermanns Sache ist (ich mag ihn), aber diese sehr exzessive Art zu singen und spielen hat auch mit Deckers Regiekonzept zu tun, daß ich großartig finde. In der Traviata aus L.A. (die ich was die Regie angeht eher belanglos find) zeigt RV, daß er auch anders kann. Hier ist Alfredo wesentlich ruhiger, gelassener, emotional ausgeglichener und das schlägt sich auch im Gesang nieder. Sehr interssant, das mal zu vergleichen.
Aber wie gesagt: es gab am Sonntag mal wieder reichlich Tränen im Hause Solitaire, Stratas bricht einem einfach das Herz.
Und danke für den CD-Tip. Dabei bin ich doch so pleite... :B
Agravain (30.01.2010, 12:23):
Da ich gerade dabei bin, nach längerer Abstinenz meine liebste "Traviata" einmal wieder zu hören, hier eine an anderem Ort verfasste Rezension, deren Wertung ich auch weiterhin vertrete.

Also:

http://ecx.images-amazon.com/images/I/51uvh0H2jfL._SS500_.jpg

Wenn ich Freunden, die bisher noch nicht viel mit Opern zu tun hatten, nun jedoch einen Einstieg suchen, eine Oper empfehle, so ist das in der Regel Verdis „La Traviata". Und wenn ich ihnen dann auch noch eine Aufnahme empfehlen soll, dann ist es in der Regel die vorliegende Einspielung unter Georges Prêtre aus dem Jahre 1967. Bei dem breiten Angebot an neuen Einspielungen kommt da natürlich die Frage auf: Wieso gerade diese?
Nun - das liegt daran, dass ich bis heute keine bessere gehört habe, sei es was die Gesamtanlage angeht, sei es die Leistung des gesamten Ensembles betreffend.
Da ist zuerst einmal die traumhafte Montserrat Caballé, die hier als noch verhältnismäßig junge Sopranistin glänzt (gerade zwei Jahre vorher hatte sie ihren großen Durchbruch gehabt, als sie in der Carnegie Hall für Marilyn Horne in "Lucrezia Borgia" eingesprungen war) und dabei so ziemlich alle Konkurrentinnen - von der Callas bis zur Netrebko - weit hinter sich lässt. Bei ihr herrscht eine Leichtigkeit in der Gestaltung der Partie, eine Stimmbeherrschung, eine Klangästhetik, die ihresgleichen sucht. Man denke nur an die unwiederbringliche Interpretation des Brindisi („Libiamo ne'lieti calici") oder an das Finales des ersten Aktes („È strano, è strano! Ah forse lui „/ „Follie! Follie!" / „Sempre libera"). Hier erlebt man die Caballé auf der Höhe ihrer Kunst. Da sitzt jedes Pianissimo, auch und gerade in den Spitzenlagen, da perlen die Koloraturen nur so dahin, jeder einzelne Ton ist plastisch gestaltet, einzeln erfassbar und nicht so breiig wie bei vielen der berühmtsten Primadonnen. Doch ist es nicht nur der champagnerlaunige Ton, der von Montserrat Caballé vorbildlich getroffen wird. Auch die tragischen Szenen („Ah, dite alla giovine") bis hin zum Tod der Violetta sind voller Tiefgang und rühren wahrhaftig an.
An der Seite der großen Sopranistin steht mit Carlo Bergonzi einer der wichtigsten Tenöre des 20. Jahrhunderts. Leichte Tongebung, klares Timbre ohne forciertes Gequetsche, feine Charakterzeichnung - alles Fähigkeiten die diesen Sänger auszeichnen und neben der großen Primadonna nicht verschwinden lassen. Herrlich besonders die Arien („Un die felice eterea", „De'miei bollenti spiriti"), in denen Bergonzis elegante Stimme besonders gut zur Geltung kommt und in denen er es vorbildlich schafft, den Alfredo zu charakterisieren.
Um die exzellente Besetzung abzurunden, gibt Sherrill Milnes, einer der bedeutendsten Verdi-Interpreten seiner Zeit, den alten Germont, Alfredos Vater, schwankend zwischen gesellschaftlichem Druck und Mitleid für Violettas Situation. Auch hier gibt es nichts zu kritteln: Milnes liefert - man möchte fast sagen „wie immer" - eine erstklassige Interpretation („Di Provenza") und behauptet so einen eindrucksvollen Platz neben dem starken Protagonistenpaar.
Gekrönt wird das Ganze durch George Prêtres herrliche Arbeit mit dem RCA Italiana Opera Orchestra and Chorus. Mit romantischem Gestus (herrlich das Vorspiel), mit leichtem und in der Regel recht angebrachten Hang zum Sentiment, jedoch ohne dickes Pathos, unterstützt er sein Spitzenensemble, ohne diese je in den Hintergrund zu drängen. Es fällt nicht schwer zu verstehen, warum viele große Sänger diese Ära gern mit Prêtre zusammenarbeiteten, verstand dieser Dirigent doch ganz offensichtlich etwas von Gesang. Insgesamt eine hinreißende Einspielung.
Severina (30.01.2010, 15:00):
Original von Solitaire
Der Zufall hat es gefügt, daß ich neulich nachträglich zu meinem Geburtstag eine DVD geschenkt bekam, über die ich mich sehr gefreut habe:


Violetta:
Renee Fleming,
Alfredo:
Rolando Villazón,
Germont:
Renato Bruson,
Los Angeles Opera Orchestra
James Conlon
Regie: Marta Domingo
Vor ein paar Tagen hatte ich dann endlich Zeit, mir das gute Stück anzuschauen, und möchte hier meine Eindrücke festhalten. Wäre ich genötigt, dies in einem Satz zu tun, so würde er wohl lauten „Stadttheater-Inszenierung auf hohem stimmlichem und musikalischem Niveau“.
Es ist seltsam mit dieser Aufführung, die Kostüme sind prächtig, das Bühnenbild so gelungen, daß es dafür gleich zweimal Szenenapplaus vom Publikum gab, die Sänger singen sehr gut (auch wenn man Renato Bruson die Jahre anhört, aber was soll’s) und doch hat mich die Aufführung lange Zeit überraschend kalt gelassen.
Renee Fleming ist als Violetta weder die femme fragile als die Teresa Stratas sie darstellt, noch das exaltierte Salzburger Partygirl der Anna Netrebko, sondern eine schon etwas reifere Kameliendame mit ausgesprochen symphathischer, warmherziger Austrahlung. Ich mag ihre Stimme sehr und soweit ich das beurteilen kann, singt sie auch sehr gut. Rolando Villazóns Alfredo ist emotional um einiges ausgeglichener als der Salzburger Bruder, er singt und spielt wieder einmal als gelte es das Leben. Wie man weiß, mag ich das sehr. :D
Germont ist wie Germont im allgemeinen eben ist: edel, anständig und im letzten Akt gramgebeugt und reuevoll. Kein Vergleich zu dem emotional verkrüppelten, verklemmten Monster, als das ihn Thomas Hampson in Salzburg so treffend dargestellt hat. Es ist eben eine Traviata, wie man sie in jedem Stadttheater oder von einer x-beliebigen Tourneetruppe erleben kann, mal abgesehen eben von der stimmlichen Qualität. Und ich glaube, das ist es, was mich so stört: Regie findet nämlich so gut wie nicht statt. Renee Fleming weint, schluchzt und ringt die Hände, hustet in ihr Taschentuch und sinkt mehrfach in Ohnmacht. Alles, wie man es schon hundertmal gesehen hat. Und obwohl Violetta und Alfredo im zweiten Bild farblich ganz wunderbar harmonieren (SIE im bordeauxfarbenen Hauskleid, ER im smaragdgrünen Morgenmantel, très chic :wink) will der Funke lange Zeit nicht so recht überspringen. Ich glaube, das liegt weniger am Können der Darsteller, als an der, wie gesagt, so gut wie nicht vorhandenen Personenregie.
So bleibt es für mich vor allem ein optisches Vergnügen und ein Schwelgen in schönen Stimmen. Nicht weniger, aber auch nicht mehr.
Ausdrücklich ausgenommen allerdings große Teile des letzten Aktes. Der letzte Traviata-Akt ist ohnehin ein unfassbares Wunderwerk. Von Alfredos Rückkehr bis zu Violettas Tod wird es dann endlich auch hier berührend und mitreißend. Bei „Parigi o cara“ klammert sich Violetta an Alfredos Arm, als wolle sie verhindern, in einen bodenlosen Abgrund zu fallen.
Ihr “Ma se tornando non m'hai salvato, a niuno in terra salvarmi e' dato” (Doch wenn deine Rückkehr mich nicht heilen konnte, dann kann niemand auf Erden mich retten) wird endlich einmal so gesungen und gespielt, wie es meiner Meinung nach sein muß: Violetta weicht entsetzt vor Alfredo zurück und starrt ihn grauenerfüllt an. Keine Verzweiflung, sondern der schiere Horror ob dieser Erkenntnis.
Die Sterbeszene selber habe ich selten so ergreifend gesehen. Hier haben wir eine Frau, die im Zustand höchster Seeligkeit stirbt, und das wollen wir nach ihrem elenden Leben auch gönnen.
Alfredo hätte ich noch gerne den Tip gegeben sich, nachdem die Trauer nachgelassen hat, doch einmal Annina näher anzusehen. Das ist nämlich eine ausgesprochen süße mit sehr schöner Stimme. :cool
Violettas Wunsch hätte er dann damit auch erfüllt. :wink

Mich würden andere Meinungen über diese Inszenierung sehr interessieren.

Liebe Solitaire, ist zwar schon lange her, dass Du diese Frage gestellt hast, aber ich bin ja noch ein Frischling in diesem Forum :wink:

Deine Kritk entspricht ziemlich genau meiner Einschätzung, auch ich finde diese ganze Produktion grundsolide, aber bis auf wenige Szenen kaum mitreißend und absolut kein Vergleich zu der spannenden Salzburger "Traviata"!!
lg Severina :hello
Mime (31.01.2010, 11:17):
Die Traviata steht und fällt mit der Ausstrahlung ihrer Hauptdasrstellerin, und da ist Anna Netrebko ihrer amerikanischen Kollegin doch überlegen, zwar nicht stimmlich, doch als Frau in ihrer Gesamtheit. Das hat sich bis nach Nibelheim herumgesprochen ;-)

Ich wüsst' schon, wen ich eher knuddeln wollt'
Dulcamara (31.01.2010, 12:00):
Original von Mime Ich wüsst' schon, wen ich eher knuddeln wollt'

Sooo wahr!

Deshalb zögere ich auch bei der von Agravain vorgestellten Aufnahme mit Montserrat Caballe. Selbst, wenn es nur Audio ist, für mich ist Violetta eine Rolle, die zur Caballe einfach gar nicht passt. Pretres Dirigat würde mich allerdings schon sehr interessieren.

Auf meiner Wunschliste ganz oben ist deshalb derzeit die Stratas-Verfilmung - trotz Zefirelli. Vielleicht wird es auch erst einmal die Aufnahme mit Stratas und Wunderlich. Oder beide?
Severina (31.01.2010, 12:07):
Original von Dulcamara
Original von Mime Ich wüsst' schon, wen ich eher knuddeln wollt'

Sooo wahr!

Deshalb zögere ich auch bei der von Agravain vorgestellten Aufnahme mit Montserrat Caballe. Selbst, wenn es nur Audio ist, für mich ist Violetta eine Rolle, die zur Caballe einfach gar nicht passt. Pretres Dirigat würde mich allerdings schon sehr interessieren.

Auf meiner Wunschliste ganz oben ist deshalb derzeit die Stratas-Verfilmung - trotz Zefirelli. Vielleicht wird es auch erst einmal die Aufnahme mit Stratas und Wunderlich. Oder beide?

Ich würde zwar naturgemäß lieber den Alfredo knuddeln :D, aber die erotische Ausstrahlung einer Anna Netrebko spürt man auch als Frau!
lg Severina :hello
Dulcamara (31.01.2010, 12:24):
Interessant übrigens, dass sich Muti kürzlich kritisch über die (aus meiner Sicht super-spannende) Decker-Inszenierung aus Salzburg geäußert hat. (Er nennt zwar keine Namen, aber die Kritik passt auf die Decker Inszenierung perfekt). Konkret sagt er:

Verdi, as I said before, tells you exactly what is the mood, what is the atmosphere. Sometimes he indicates even the way a singer must come onstage. For example, in La Traviata. That is the entrance of Papa Germont. Verdi writes music that tells you even how fast Germont must come in or how slow he must come in. The interval is so large, it defines very well how pompous and irritating and not nice is this person who is coming in to speak to Violetta.

I'm using this example because I saw a Traviata of a very famous stage director — I will not mention the name — in which during the singer for Germont was not onstage. Then after this phrase ended — in the silence — Germont came in very fast and very angry. "Madamigella Valery?"

Das ganze Interview findet sich bei Opera News. Der Bezug zur Decker-Inszenierung wird in einer Diskussion beim Opera Chic hergestellt (Eintrag vom 20. Januar, lässt sich leider nicht direkt verlinken).
Agravain (31.01.2010, 12:35):
Original von Dulcamara
Original von Mime Ich wüsst' schon, wen ich eher knuddeln wollt'

Sooo wahr!

Deshalb zögere ich auch bei der von Agravain vorgestellten Aufnahme mit Montserrat Caballe. Selbst, wenn es nur Audio ist, für mich ist Violetta eine Rolle, die zur Caballe einfach gar nicht passt. Pretres Dirigat würde mich allerdings schon sehr interessieren.

Auf meiner Wunschliste ganz oben ist deshalb derzeit die Stratas-Verfilmung - trotz Zefirelli. Vielleicht wird es auch erst einmal die Aufnahme mit Stratas und Wunderlich. Oder beide?

Mensch Leute, es zählen doch die INNEREN WERTE, nicht so sehr wie viel Schatten jemand wirft. :D

Rein musikalisch kann man die neuen Damen schlicht nicht mit der Caballé vergleichen. 1967 sah sie im Übrigen noch recht gut aus, HIER ein Bild als Violetta. Wo sollte man dann auch aufhören? Kann man dann Jessye Norman nicht als Isolde hören? Birgit Nilsson, die auch keine Schönheit war, geht dann auch nicht als Sieglinde, was ist mit Eva Marton als Turandot oder Joan Sutherland ("Joan the Jaw") in jeder beliebigen Belcanto-Rolle? Nein, liebe Freunde der Bühne, für die DVD lasse ich diesen optisch geprägten Einwand vielleicht gelten, aber auf CD isst bei mir eher das Ohr mit als das Auge. :D
Dulcamara (31.01.2010, 13:29):
Original von Agravain
Kann man dann Jessye Norman nicht als Isolde hören? Birgit Nilsson, die auch keine Schönheit war, geht dann auch nicht als Sieglinde, was ist mit Eva Marton als Turandot oder Joan Sutherland ("Joan the Jaw") in jeder beliebigen Belcanto-Rolle? Nein, liebe Freunde der Bühne, für die DVD lasse ich diesen optisch geprägten Einwand vielleicht gelten, aber auf CD isst bei mir eher das Ohr mit als das Auge. :D

Ist natürlich ein ganz schwieriges Thema und natürlich stimme ich Dir im Grundsatz zu, dass Stimme und musikalische Ausdrucksfähigkeit immer die Hauptrolle spielen sollten. Die Aktion von Zefirelli kürzlich, der die Dessi (die nun wahrlich nicht in die Kategorie Caballe fällt) aus der Rom Traviata gefeuert hat, weil er sie zu dick fand, hat mich persönlich entsetzt. Genauso die Tatsache, dass Deborah Voigt sich zu einer heftigen Schönheits-OP entschlossen hat, nachdem man ihr in London eine Rolle aus Gewichtsgründen genommen hatte. Das finde ich alles Wahnsinn.

Gleichzeitig ist Violetta aber eine schwindsüchtige Konkubine und da ich den Text extrem gut kenne, bin ich auch beim Zuhören immer in der Handlung drin - und gehe visuell mit. Und das fällt mir halt schwerer, wenn ich mich daran erinnere, dass gerade die Caballe die Hauptrolle singt. Ähnlich geht es mir höchstens noch bei Manon, Charlotte, und Juliette (!).

So habe ich die Marton noch als Turandot live erlebt und das hat mich irgendwie null gestört (im Gegenteil, ich war extrem froh, diese intensive Singschauspielerin in dieser Rolle erleben zu dürfen). Allerdings übt diese Oper auf mich auch beileibe nicht die Sogwirkung aus, die die Traviata für mich hat.

Also kurz gesagt, ich weiß nicht, wo hier die Wahrheit liegt.
Agravain (31.01.2010, 13:44):
Original von Dulcamara
Also kurz gesagt, ich weiß nicht, wo hier die Wahrheit liegt.

Darum mein Tipp: Unvoreingenommen hören! Es ist (nicht nur wegen der Caballé) eine ganz glänzende Aufnahme, wobei ich wie schon oben auch und ganz besonders auf die schlicht atemberaubende Ensembleleistung hinweisen möchte.

:hello
Severina (31.01.2010, 14:04):
Ich sehe es wie Agravain:
Bei einer CD ist es mir völlig gleichgültig, ob eine Sängerin Modelmaße besitzt oder sich in eine Zeltplane hüllen muss, da konzentriere ich mich ganz auf die Stimme und blende die Optik mehr oder weniger aus.
Schwieriger ist es live, wenn die Figur einer Sängerin/eines Sängers die Rolle mehr oder weniger karikiert: Eine Montserrat Caballé als Juliette ginge da gar nicht, das wäre schlicht desillusionierend, auch wenn sie wie ein Engel sänge.

Es gibt eben Rollen, die man automatisch mit einer bestimmten Optik in Verbindung bringt, dazu zählen für mich eben die Juliette, die Violetta.....
Eine üppige Turandot oder Aida hingegen stört mich überhaupt nicht, obwohl ich das rational nicht begründen kann.

Völlig abzulehnen ist es natürlich, wenn der Schlankheitswahn der Modebranche nun auch auf die Bühne überschwappen sollte und in Zukunft nur mehr magersüchtige Sängerinnen eine Chance auf einen DVD-Vertrag bekommen. Ein bisschen mollig darf eine Künstlerin für mich ruhig sein, aber ab einer bestimmten Gewichtsklasse wird es für mich eben unglaubwürdig. Das gilt natürlich auch für die Männer, weshalb z.B.ein Johan Botha für mich ganz klar in die Kategorie Zuhör-Tenor fällt :D

lg Severina :hello
Honoria Lucasta (28.03.2010, 10:37):
Ich oute mich jetzt mal: ich habe gestern abend zum ERSTEN MAL die DVD mit der Salzburger Traviata (RV/AN/Hampson) gesehen - mein Mann hatte mir die Aufnahme irgendwann einmal geschenkt, aber irgendwie war mir vorher noch nicht danach gewesen. Natürlich schwamm auch ich am Ende in Tränen: wer außer steinherzbewehrten Ungeheuern wischt sich da nicht die Augen? In der Sache kann ich mich der kundigen Kritik von Solitaire vom 7. April 2008 (etwas weiter oben in diesem Faden, lohnt sich auf jeden Fall noch mal zu lesen!) nur anschließen.

Allerdings sehe ich Hampsons Leistung ein bißchen weniger positiv. Schauspielerisch kommt ihm in dieser Inszenierung natürlich eine sehr anspruchsvolle Position zu, und wer außer ihm könnte sie so ausfüllen? Stimmlich ist aber damals schon der Glanz ein wenig dahin gewesen - die Stimme klingt trocken, bisweilen überanstrengt. Das paßt aber nun wiederum zu Germont Père à la Decker, von daher macht's nicht so viel aus. Herrlich der Einfall, ihn die kurze Strafpredigt an den Sohn am Ende der Flora-Party wie eine Schlange zischen zu lassen ("Disssssssprezzzzzato!").

AN als Paris Hilton des Fin de siècle (Unseres, nicht das Verdis!) ist sehr berührend, und RV überwältigend, wenngleich er nicht immer das singt, was in den Noten steht: Tempi und Phrasierung sind manchmal recht frei. Als Gesamtkunstwerk ist die DVD aber sicher was für die Ewigkeit - und, wie vergänglich alle Eitelkeit der Welt doch ist, sah ich dann beim zufälligen Zappen (und gleich wieder Wegzappen!!) zu Th. Gottschalk, wo AN auf der Couch saß, rundlich-propper Unsinn daherplappernd.... O tempora! O mores!

Grüße!

Honoria
Solitaire (21.06.2010, 14:55):
Okay, hier der Bericht über eine Traviata mit Patrizia Ciofi. Wie ich bei "Gestern im Theater" erwähnt habe, kopiere ich einfach mal den Beitrag, den ich vor ein paar Wochen bei Capriccio geschrieben habe. Bin gerade etwas faul, und außerdem wollte ich die DVD hier schon läner ebenfalls empfehlen:



Die Besetzung:
Violetta: Patricia Ciofi
Alfredo: Roberto Saccà
Germotn père: Dmitri Hvorostovsky

Lorin Maazel
Chor und Orchester des Teatro La Fenice

Gespielt wurde die "Ur-Traviata", jene Fassung, die 1853 im Fenice ihre (erfolglose) Uraufführung erlebt hat. Eine Partiturabschrift die all die Jahrzehnte in den Archiven des Theaters aufbewahrt wurde, bildete die Grundlage nach der die Uraufführungsversion rekonstruiert wurde. Sie ist mit knapp 150 Minuten um einiges länger als die heute übliche Fassung, allerdings muß ich sagen, daß mir die überarbeitete Fassung in vieler Hinsicht besser gefällt, dennoch ist es ohne Zweifel sehr spannend, diese Version einmal zu sehen und zu hören. Es handelt sich hier um die Aufführung mit der La Fenice im Jahre 2004 wieder eröffnet wurde.
Verdi hat nach dem Mißerfolg der Premiere vor allem gerafft und gestrichen, viele der großen Arien enthalten in der Urfassung eine 2. Strophe: "Ah fors'e lui" hat eine zweite Strophe, Alfredos Stretta im 2. Bild ("O mio rimorso") wird komplett wiederholt, ebenso Germonts "No, no udrai rimproveri". "Addio del passato" enthält ebenfalls eine zweite Strophe, die aber in letzter Zeit oft gesungen wird (Anna in Salzburg hat sie auch gesungen), "Gran dio morrir..." im letzten Bild wird wiederholt und auch "Parigi o cara" ist länger (kennen wir auch aus Salzburg). Neben diesen längeren Arien gibt es aber auch komplett andere Musik im Duett Violetta-Germont im 2. Akt, und hier finde ich die Ur-Traviata am schwächsten. Die endgültige Fassung ist um ein vielfaches packender, stringenter und leidenschaftlicher. Im Finale des 2. Bildes im 2. Akt ("Alfredo, Alfredo.." )gibt es hörbare Unterschiede im Orchester (von denen ich mir wünsche daß Verdi sie so gelassen hätte hier gefällt mir die Urfassung besser) sowie Änderungen in den Gesangslinien die er m.E. mit Recht nocheinmal überarbeitet hat.
Wenn man diese Oper sehr gut kennt, was bei mir als unverbesserlicher Romantikerin und Verdi-Fan nunmal der Fall ist, ist es sehr interessant, diese Fassung zu hören!

Zur Inszenierung: das Stück wurde um ziemlich genau 100 Jahre in die Zukunft verlegt und spielt nun in den 50ger Jahren des 20. Jahrhunderts. Anders als in Salzburg oder bei Peter Mussbach haben wir keine abstrakte, weitgehend leere Bühne, sondern ein komplettes Bühnenbild, wechselnde Kostüme etc.
Das gibt dem Stück eine schonungslose Direktheit, die so nicht bei Zeffirelli (da "schützen" der zeitliche Abstand und die zuckersüßen Kulissen und Kostüme) und nicht mal bei Willy Decker zu finden sind.
Wir blicken in eine Wohnung, die unsere sein könnte, nur ein bißchen üppiger und eben im Stil der 50ger Jahre eingerichtet.
Der Akzent liegt hier lange Zeit weniger auf „Liebe“ und „Tod“ denn auf „Sex“ und „Geld“. Das beginnt bereits mit der Ouvertüren: Zu den Klängen der Ouvertüre sehen wir keine moribunde Kameliendame auf ihrem Schmerzenslager, Violetta hält, perfekt geschminkt und gekleidet, auf ihrem Bett Hof und empfängt die Kunden, die ihr das Geld für die in diesem Monat erwiesenen Dienste in die Hand drücken. Eine Szene, die nicht so billig ist wie sie sich hier vermutlich liest, und die von einer tiefen Traurigkeit durchdrungen ist. Diese Inszenierung macht sehr klar deutlich was Verdi beabsichtigt hat , aber in seiner Zeit nur in Andeutungen auf die Bühne bringen konnte: Violetta ist nicht einfach eine lebenslustige Frau die einfach nur ein paar Männer zuviel hatte um für Alfredos Vater akzeptabel zu sein, sie ist eine Prostituierte die mit vielen Männern schläft, manchmal mit mehreren täglich, und sich dafür sehr gut bezahlen läßt. Das habe ich noch in keiner Inszenierung so deutlich dargestellt gesehen, ohne daß es geschmacklos und billig geworden wäre.
Alfredo ist hier ein junger Fotograf, der seiner Angebeteten beim Liebesgeständnis einige der Bilder überreicht die er heimlich von ihr gemacht hat. Es handelt sich um Portraitaufnahmen ihres Gesichts, das muß Violetta, die daran gewöhnt ist, daß die Männer ihren Körper kaufen sehr rühren, und das spielt Ciofi eindrucksvoll. Am Ende des Aktes ist es dennoch nicht Alfredo der zu ihr kommt, sondern der Baron, der ihr einen kostbaren Ring an den Finger steckt. Getreu ihrem Schwur, nur dem Vergnügen und der Lust zu leben, gibt sich Violetta dem Baron hin, während Alfredo draußen von Liebe singt.

Das erste Bild des 2. Aktes spielt in einem romantischen Wald, Blätter sinken auf Alfredo und Violetta nieder, die sich innig umarmen bevor Violetta fröhlich die Bühne verläßt und Alfredo "De miei bollenti spiriti..." singt. Erst beim näheren Hinsehen merkt man, das es sich um einen Wald aus Geld handelt, daß die fallenden Blätter kein Herbstlaub sind sondern Geldscheine. Auch in dieser Idylle ist das Geld wichtig, denn irgendjemand muß das Leben daß die beiden führen ja bezahlen. Bezahlen tut es Violetta und zwar mit genau dem Geld, daß sie noch vor wenigen Monaten in horizontaler Lage und auf dem Rücken liegend verdient hat.
Plötzlich ist Alfredos "O mio rimorso.." nicht mehr der kindische Wutanfall eines Machos der es nicht ertragen kann, daß seine Liebste Kost und Logis für ihn bezahlt, es wird die Selbstanklage eines Mannes, dem klar wird, daß er all die Monate, wenn auch ohne es zu wollen, von der Prostitution der Frau profitiert hat, die er liebt.

Das Duett Germont-Violetta ist musikalisch sehr gut gelungen, allerdings finde ich in dieser Szene Thomas Hampsons Darstellung in Salzburg dermaßen genial, daß mich Hvorostovski "nur" stimmlich, nicht schauspielerisch überzeugen konnte. Allerdings hatte er einen sehr starken Moment, als er, nachdem er sein Ziel erreicht hat, mit einem letzten Blick und einem (gedanklichen) Achselzucken die auf dem Boden liegende weinende Violetta verlassen hat. In letzter Konsequenz ist es ihm eben doch scheißegal was aus dieser kleinen H*** wird.


Bei Violettas "Amami Alfredo!" regnet es erneut Geldscheine auf die arme Frau. Die anschließende Szene zwischen Germont und Alfredo ist für meinen Geschmack zu lang, ich denke, es war kein Fehler von Verdi, das später zu kürzen.

Das 2. Bild spielt in einem Nachtclub, abgesehen von einem angedeuteten Striptease einiger Männer und Frauen ist es normaler Zweiter-Traviata-Akt. Mit allem was dazugehört: traurige Violetta, grollender Alfredo, fieser Baron, der Chor eine Meute von Hohlköpfen.Die stärkste Szene ist nicht Alfredos Wutausbruch (gut macht er das, der Herr Saccà, aber dennoch kein Vergleich mit dem Mann aus Mexiko, aber das ist nicht seine Schuld, er ist ein wirklich guter Alfredo!), sondern das, was danach geschieht. Dieser Violetta wird nicht die Gnade einer kurzen Ohnmacht zuteil wie man das in 9 von 10 Traviatas sonst zu sehen kriegt. Sie bleibt bei Besinnung und geht hocherhobenen Hauptes durch die gaffende Menge. Und sie hat wahrlich allen Grund, den Kopf oben zu tragen.

Der letzte Akt erinnert an die historischen Begebenheiten, nur daß hier wie erwähnt die schützende zeitliche Distanz fehlt: wie die wirkliche Marie Duplessis stirbt Violetta in einer Wohnung, die bereits für den nächsten Mieter zurechtgemacht wird. Ihre Wohnung ist bis auf einen Fernseher fast komplett leer geräumt, stattdessen stehen Malergerüste herum, denn die Handwerker sind bereits dabei die Räume neu zu streichen.
Aber noch sind sie nicht da, denn es ist früher Morgen. Wie sehr das Geld immer noch regiert wird auch hier deutlich: den Arzt, von dem Violetta glaubt, er besuche sie aus Freundschaft jeden Tag, bezahlt Annina heimlich aus ihrer eigenen Tasche, denn Violetta ist, wie wir wissen, längst pleite.
Alfredo kommt, kurz danach sein Vater, große Seeligkeit, grausame Ernüchterung, wie das eben so ist. Als Violetta stirbt ist sie eine von der Krankheit entstellte Frau, denn Ciofi hat keine Angst vor der Häßlichkeit, aber sie stirbt mit einem glückstrahlenden Lächeln auf ihrem bleichen Gesicht. In diesem Moment betreten die Handwerker die Wohnung und beginnen mit dem Streichen, denn es ist acht Uhr morgens und die Arbeit muß geschafft werden.

Musikalisch fand ich wie es wie gesagt sehr spannend einmal die Ur-Fassung dieser Oper zu hören, stimmlich ist sie m.E. erstklassig besetzt. Roberto Saccà ist ein wirklich guter Alfredo, der nichts dafür kann, daß mir die Stimmen der Herren Villazón, Domingo oder DiStefano besser gefallen. Er spielt gut, auch wenn ich persönlich ihm eher den grollenden Wüterich als den unerfahrenen Jüngling abnehme.
Patricio Ciofi gehört zu meinen Lieblingssängerinnen und hat mir bisher immer gut gefallen so auch hier: sie singt großartig und aufgrund ihrer eigentlich schon erschreckenden Magerkeit nimmt man ihr die von Fieberschüben und Krankheit gepeinigte Frau, die ihre Todesangst mit Sex, Champagner und Luxus zu übertönen sucht absolut ab.
Dmitri Hvorostovsky spielt leider nicht so gut wie er singt, seine Stimme und sein Stil erinnern mich immer an Sheril Milnes, und so ist er ein wunderschön singender Germont mit edlem Timbre. Stimmlich fand ich ihn besser als viele Germonts die ich in letzter Zeit gehört habe, einschließlich Hampson, den ich nach wie vor überaus schätze, darstellerisch kann er ihm nicht das Wasser reichen.
Für mich war das eine sehr beeindruckende Aufführung und ich bin froh, bei amazon zugeschlagen zu haben, denn mittlerweile ist die DVD leider vergriffen. Falls aber jemand Interesse hat verleihe ich sie gerne: PN genügt.
Severina (21.06.2010, 15:12):
Liebe Solitaire,

schön, dass Du Deine so anschauliche Rezension herübergebeamt hast! Irgendwie ist diese Aufführung damals an mir vorbeigegangen, obwohl die PR-Übertragung aus dem Fenice auch bei uns lief. Aber ich war damals wohl so Rolando-angefixt :wink, dass ich mir Roberto Sacca als Alfredo einfach nicht geben wollte. Zu dem habe ich nämlich ein sehr zwiespältiges Verhältnis - manchmal finde ich ihn sehr gut, wie unlängst im "Fernen Klang", manchmal halte ich ihn schlicht nicht aus, wie in der konzertanten "Anna Bolena" vor drei Jahren.

Meine liebste Violetta ist aktuell Eva Mei. Vielleicht raffe ich mich auf und stelle eine Rezension der DVD von der Züricher "Traviata" hier ein, aber ich ich hinke leider im Moment meinen Ankündigungen hinterher :S und muss erst einmal die "Viaggio" erledigen!

Lg Sevi :hello
Solitaire (11.08.2010, 18:10):
Vor einigen Wochen habe ich endlich die Züricher Traviata mit Eva Mei in der Titelrolle auf DVD gesehen. Mein liebender Gatte war so klug, sie zu bestellen, worüber ich sehr froh bin. :)
Severina hat die Inszenierung an anderer Stelle ausführlich beschrieben: es ist jene Produktion, in der auch Rolando Villazón vor einiger Zeit gesungen hat, ebenfalls an der Seite von Eva Mei, sodaß ich auf den äußeren Rahmen dieser Aufführung nicht näher eingehen muß. In diesem Zusammenhang hat Severina ihrer Begeisterung für Eva Mei freien Lauf gelassen und ich muß sagen nachdem ich die DVD gesehen habe, kann ich das voll und ganz nachvollziehen. Eva Mei ist stimmlich hervorragend in dieser Rolle, wenn ich nach einer Kollegin suchen sollte, die mich ähnlich begeistert hat, müsste ich wohl gleich bis zu Ileana Cotrubas zurückgehen, denn Anna, Patricia, Renee etc. in allen Ehren (und jede einzelne hat mich zum weinen gebracht), Eva Mei ist ihnen m.E. doch überlegen (oder war es zumindest 2005, denn aus diesem Jahr stammt die Aufnahme). Für mich läßt sie hier kaum musikalische Wünsche offen, denn während sich z.B. Anna Netrebko und Teresa Stratas (eine weitere Violetta die mir das Herz gebrochen hat :down) ein wenig durch die Koloraturen mogeln müssen, hat Frau Mei damit ebenso wenig Probleme wie mit den dramatischen Ausbrüchen im 2. Akt, dem langen Atem bei „Alfredo, Alfredo di questo core...“ oder der Leichenblässe im letzten Bild. Ihre Piani sind, wie Severina sehr zu recht bemerkt hat, nicht von dieser Welt und wer bei ihrem „Dite alla giovine“ nicht weint, der hat kein Herz im Leib. :engel
Darstellerisch hat sie mich ebenfalls überzeugt, auch wenn sie nicht über die grazile Schönheit einer Teresa Stratas verfügt, die für mich optisch und darstellerisch (wenn auch nicht uneingeschränkt stimmlich) DIE Violetta ist.
Ihr Alfredo war damals Piotr Beczala, der mir hier wirklich gut gefällt, um Längen besser als z.B. als Don Ottavio, den er m.E. „richtig“ aber nicht unbedingt beseelt gesungen hat. Als feuerköpfiger Liebhaber konnte er mich überraschenderweise über weite Strecken durchaus überzeugen, auch wenn natürlich ein gewisser Mexikaner in dieser Rolle für mich nach wie vor das Maß aller Dinge ist (jedenfalls wenn er es nicht im Hals hat). :cool
Germont père war, wie in Salzburg, Thomas Hampson, der hier nicht ganz das seelisch verkrüppelte Monster war das Willie Decker aus ihm gemacht hat, der aber wieder einmal die Tragödie dieses Mannes erschütternd darzustellen wusste. Zum erstenmal (und mehr als in Salzburg) habe ich nachvollziehen können, welch eine Pein es diesem Menschen sein muß, eine Frau die in seinem Weltbild moralisch weit unter ihm steht, um etwas bitten, ihr zu Dank verpflichtet zu sein.
Wenn er nach Alfredos zornentbranntem Abgang am Ende des zweiten Bildes in hilflosem, panischen Entsetzen ihm nacheilt, kann man nicht anders, als Mitgefühl mit ihm zu haben.
Falls also jemand die Aufführung noch nicht kennt, ich kann sie unbedingt empfehlen!





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Severina (11.08.2010, 18:24):
Liebe Mina,
freut ich, dass Du meine Begeisterung für Eva Mei teilst! Für mich ist sie momentan einfach DIE Violetta, wobei sie mir jetzt im Mai noch eine Nuance besser gefallen hat als bei meinen früheren Begegnungen mit ihr.
Ich liebe Beczalas Stimme heiß und innig, er hat für meine Ohren alles, was ein Verditenor haben muss und dazu noch ein außergewöhnlich schönes Timbre, nur bei der Darstellung trennt ihn halt noch einiges von Villazón oder Kaufmann. (Obwohl es zunehmend besser wird, er arbeitet wirklich hart an sich, das muss man sagen!)

lg Sevi :hello
1813verdi (06.09.2010, 22:10):
Zu Part 1
Ja, die Ponselle ist großartig, trotzdem: Cotrubas und Mai bleiben Nummer 1, selbst Flemming hat mich in Zürich begeistert, obwohl ich skeptisch war. Tibett ist mir von Anfang an zu rigolettohaft, hier braucht es noch keine stimmliche Dämonie - er erinnert mich an wixell in Rigoletto, aber da passt es zur Rolle. Hier wäre mehr Zurückhaltung angebracht (siehe MacNeil oder Milnes oder Merill Nuci und Hampson, um nur einige zu nennen. In der ersten Arie ist er dann zugegeben absolut traumhaft, macht alles vergessen.
1813verdi
Solitaire (19.07.2011, 22:03):
Heike hat vorgeschlagen, die Eindrücke zur Traviata die am Wochenende auf ARTE übertragen wurde, hier festzuhalten, da sie hier eher hingehören als in den Ankündigungs-Thread.
Nun denn, eigentlich wollte ich ja abwarten, was andere zu der Vorstellung zu sagen haben, denn ich habe sie nicht mal komplett gesehen, da ich nix davon wußte und also essen gegangen bin (was auch eine schöne Samstagabendbeschäftigung ist :D), aber da ich gerade etwas Zeit habe...
Nach einem hitzigen Tischgespräch über die PID-Entscheidung des Bundestages, war mir am Samstag ehernach etwas seichter Berieselung, stattdessen bin ich beim zappen mitten in "Amami Alfredo!" gestolpert, und ich hätte ausnahmsweise wohl gleich weiter gezappt, wenn nicht Natalie Dessay( die ich erst gar nicht erkannt habe :I) die Violetta gewesen wäre. Aber da ich ihre Violetta ja schon immer sehen wollte, bin ich natürlich dabei geblieben.
Dessay hat mir gut gefallen, wenn ich auch glaube, daß es tatsächlich Rollen gibt, die ihr mehr liegen. Ich weiß nicht, wie sie sich im ersten Akt und im 1. Teil des 2. Bildes geschlagen hat, ich hätte zum Besipiel viel darum gegeben, "Dite alla giovane..." von ihr zu hören. Das was ich gehört habe, hat mir wie gesagt gefallen, aber seltsamerweise nicht so bewegt, wie ich das von dieser Sängerin gewohnt bin. Ich will annehmen, daß es an mir und nicht an ihr lag und ich eben im Grunde einfach nicht in Traviata-Stimmung war. Gesungen hat sie zweifellos sehr schön, auch wenn mir persönlich Eva Mei in der Züricher Inszenierung besser gefallen hat. Ihre bewegendste Szene hatte sie für mich bei "Parigi o cara" als sie buchstäblich mehr tot als lebendig in Alfredos Armen lag um schließlich ganz zögernd und vorsichtig einen schwankenden Fuß vor den anderen zu setzen: unsichere und doch hoffnungsvolle Schritte in ein Leben von dem ich ihr so sehr gewünscht hätte, daß sie es noch ein wenig hätte leben dürfen...
Ludovic Tezier als Germont hat mich stimmlich sehr positiv überrascht, ich habe ihn bisher nur in zwei Rollen erlebt: im Radio als Albert in "Werther" und jetzt als Germont, ansonsten kenne ich ihn nur aus der Baden-Baden Gala mit Netrebko und Garanca vor einigen Jahren. In beiden Fällen hat er bei mir einen guten, aber keinen überragenden Eindruck hinterlassen, am Samstag jedoch fand ich ihn stimmlich richtig klasse, darstellerisch aber etwas fad. Nicht zu vergleichen mit, ich weiß, ich widerhole mich, dem großartigen Thomas Hampson in Salzburg, dessen Darstellung meine Sicht auf diese Figur völlig verändert hat.
Aber er hat wie gesagt toll gesungen und war zu gegebener Zeit angemessen zerknirscht.
Und nochmal widerhole ich mich: ich bin mir fast sicher, nie wieder einen Alfredo zu hören, der ihr-wißt-schon-wem zu seinen besten Zeiten das Wasser reichen kann, daher bin ich immer etwas unfair wenn es um Violettas feuerköpfigen Liebhaber geht, aber Charles Castronovo, wer immer er sein mag, hat mich stimmlich durchaus mehr als nur überzeugt, eine schöne Stimme, ein schönes Timbre, ein schöner Mann. (Mein Gatte konstatiert optische Ähnlichkeit mit JDF). Umso schlechter fand ich sein Spiel...um es mit den Worten von Herrn Solitaire zu sagen: "Übelstes Schmierentheater". :ignore
Was kippt der Kerl alle paar Augenblicke aus den Latschen sodaß man fürchten muß, er sei es, dem bald der Odem versagt und die Lungen kollabieren? Und warum macht er das so schlecht daß man lachen muß wenn man doch trösten wollen sollte?
Da ich ja nun aber das Regiekonzept nicht beurteilen kann, schließlich habe ich nur einen Teil der Oper gesehen, will ich auch hier annehmen, daß es an mir lag und das so sein mußte.
Irgendwo habe ich gelesen, es sei ein ähnliches Konzept gewesen wie bei Mary Zimmermanns "La Sonnambula": wieder hätten wir es mit einer Truppe zu tun gehabt die ein Theaterstück probt. Stimmt das ?
Ich habe nur mitgekriegt, daß Regisseur Jean-François Sivadier vor Jahren ein Stück inszeniert hat in dem ein Orchester "La Traviata" probt, ich weiß also nicht, ob der Schreiber das verwechselt hat. Ich habe jedenfalls nicht mitbekommen, daß es sich um Theater auf dem Theater gehandelt hätte.
Ich bin gespannt auf die Meinung derer, die die komplette Aufführung gesehen haben!
Tosca (20.07.2011, 10:40):
Hallo Solitaire,

ich habe die ganze Traviata gesehen, weil mich die Besetzung interessiert hat. Es gibt sicherlich bessere Traviatas als Natallie Dessay. Aber sie brachte sowohl durch ihren Gesang als auch durch ihre Darstellung die Zerbrechlichkeit dieser Traviata sehr gut herüber.
Castronovo kenne ich auch bereits durch eine DVD (Mireille von Gounod) und durch eine TV-Übertragung der Entführung aus dem Serail (Salzburger Festspiele). Von daher waren meine Erwartungen an ihn entsprechend hoch. Darstellerisch hat er eigentlich sonst mehr zu bieten, aber ich denke, das lag hier wirklich an der Regie. Sonst gefiel er mir als Alfredo ausnehmend gut, auch wenn er im 2.Akt den letzten Ton nicht so gut gesungen hat, aber das ist auch anderen schon passiert.
Tezier gehört ohnehin seit Jahren zu meinen bevorzugten Sängern. Es gibt eine Lucie di Lammermoor (franz.Fassung) mit ihm, da fiel er mir erstmalig sehr positiv auf. Er sang wirklich einen sehr guten Vater. Darstellerisch wirkt er immer sehr zurückhaltend, ich denke das ist einfach so seine Art.
Insgesamt konnte ich mich auch in die Inszenierung gut hineinfinden und für mich durchaus eine schöne Traviataübertragung.

Liebe Grüße
Tosca
Solitaire (20.07.2011, 22:02):
Hallo Tosca!
Danke für deine Eindrücke! In einigen Monaten singt Dessay die Decker-Traviata in New York, ich will versuchen, Karten für die Kinoübertragung zu kriegen, und kann mir dann hoffentlich einen Gesamteindruck von ihr in dieser Rolle verschaffen.
nikolaus (20.07.2011, 23:02):
Wie ich schon angedeutet habe, war ich begeistert von der Aufführung.

Alle Rollen bis in die Nebenrollen waren für mich ideal besetzt.
Nathalie Dessay hat mich vollkommen überzeugt. Ihre Stimme mag inzwischen ihre "Ecken und Kanten" haben, aber so, wie sie an diesem Abend eingesetzt hat und wie sie die Rolle schauspielerisch gestaltet hat, war es sehr stimmig. Sie hat mich mehr berührt als so mancher in Schönheit dahinsterbender Sopran. Ich bin mir nicht sicher, ob sie in einem so großen Haus wie der Met ebenso gut wirkt.
Castelnuovo kannte ich vorher nicht, aber auch er hat mich überzeugt. Er hat eine schöne Stimme und auch wenn manche sein Spiel etwas einfältig empfinden, schaue ich ihm wesentlich lieber zu als - die Damen in diesem Forum mögen mir jetzt verzeihen - Villazon.
Tezier gefiel mir sowohl darstellerisch als auch stimmlich.

Hervorragende auch die London Philharmonics (die wohl nur selten Oper spielen) unter Louis Langrée.

Die Inszenierung halte ich für einen solchen Aufführungsort (im Freien in Südfrankreich - seufz) für ideal. Sie hat etwas leichtes, spielerisches und dennoch in den wichtigen Momenten intensives, berührendes. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob sie ebenso gut in Wien wirkt.

Nikolaus :hello
Heike (25.07.2011, 19:19):
Ich hab gestern abend schon über die Hälfte dieser Traviata angesehen und bin vor allem von Natalie Dessay total begeistert. Ich finde, sie verkörpert in dieser Inszenierung die nicht mehr ganz so frische, fast ein wenig abgewrackte und doch sich voller Gefühl nach Liebe sehnende Violetta perfekt. Ihren Gesang finde ich wunderschön und sehr berührend. Zusätzlich ist mir zum ersten Mal aufgefallen, wie ausdrucksstark und stilsicher sie sich bewegt, einerseits mit großer Grazilität und Feinheit in Details, dann auch wieder mit starker Gestik, ohne Angst vor der Häßlichkeit.

Die Männer sind mir bisher weder positiv noch negativ aufgefallen, ebenso die Inszenierung. Also ich freue mich schon sehr auf den zweiten Teil.
Heike
Rideamus (25.07.2011, 23:48):
Ich habe inzwischen auch eine Aufzeichnung der Übertragung, konnte aber bislang nur den ersten Akt sehen, so dass ich etwas vorsichtig sein muss.

Ich fürchte, mein Urteil ist nicht so begeistert, obwohl die Aufführung auf sehr hohem Niveau lag, das ich live sicher mehr genossen hätte.

Da ich nur einen Teil kenne, vorerst nur ein paar Stichworte zum 1. Akt:

Die Schauspieler- und Sängerführung waren sehr intensiv und gelungen, auch wenn manche Rätsel blieben, wie überhaupt die Inszenierung mit der angedeuteten Opernprobe ein Rebus blieb. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass LA TRAVIATA eigentlich eine Kammeroper ist, die Open Air- und Riesenbühnen selten verträgt. Willy Decker in Salzburg war eigentlich der Einzige, der mit seinem abstrahierenden Konzept die Riesenbühne mit dem Stück versöhnen konnte.

Nathalie Dessay ist fraglos eine tolle Sängerin und Schauspielerin, aber die Violetta Valéry ist eigentlich nicht ihre Rolle. Das merkte man auch etlichen stimmlichen Ausrutschern und einem gelegentlichen Forcieren an. Wie sie von Anfang an die Kurtisane im Abstieg und nahe der Verzweiflung gab, das war schon großartig gemacht, erfüllt aber nicht wirklich die Partitur. Deren erster Akt stellt eine sehr selbstbewusste, starke Frau von enormer erotischer Ausstrahlung vor. Polemisch gesagt: in der DVD von ORPHÉE AUX ENFERS brint Nathalie Dessay genau diese Eigenschaft ideal herüber. Bei der Traviata aber fehlten ihr manchmal schlicht das Volumen und die selbstverständliche Sicherheit um überzeugend zu sein. Oder war das wirklich nur die Tontechnik, die zuweilen zu kämpfen hatte? Ich reserviere mein endgültiges Urteil, aber die besten Traviatas meiner Erinnerung konnte sie leider nicht in den Schatten stellen.

Zum Thema Volumen: Herr Castronovo hat eine schöne Stimme und kann sie auch mit voller Kraft einsetzen. Wenn er es nur nicht dauernd täte und seine Partnerin stimmlich erdrücken würde - was übrigens genau des Gegenteil von dem ist, was er als Schauspieler darzustellen hat. Aber auf dem Sektor hat er leider wirklich seine Grenzen.

Schließlich Louis Langrée: mag sein, dass ihm die Open Air - Veranstaltung das aufgezwungen hat, aber ich fand ihn und sein Orchester viel zu laut, undifferenziert und zu oft der Versuchung erlegen, Verdis Rhythmen herunter zu leiern, als habe er das Blasorchester von Donnafugata in Viscontis IL GATTOPARDO vor sich. Sensible Begleiter und Orchesterleiter klingen anders. An Carlos Kleibers TRAVIATA mag ich da gar nicht erst denken, denn das war ja eine Studioaufnahme.

Der Rest sei Schweigen bis ich - hoffentlich - Gelegenheit hatte, meinen Eindruck in Richtung Besseres zu korrigieren. Deshalb betone ich noch einmal: meine Kritteleien beziehen sich auf einen ersten Akt von ziemlich hohem Niveau, aber ich kenne doch etliche TRAVIATAS, die mir besser gefielen und es mir dringlicher erscheinen ließen, auch den Rest zu sehen.

:hello Rideamus
Severina (26.07.2011, 15:21):
Da ich über eine Woche im musikalischen Provinzexil weilte, konnte ich erst gestern die "Traviata" aus Aix genießen, wobei der Genuss leider ein getrübter war. Ehrlich gesagt wollte ich unmittelbar danach die hier herrschende Euphorie über diese Produktion nicht durch meine Miesepeterei stören, aber dann las ich noch zu später Stunde Rideamus' Bemerkungen, und jetzt trau ich mich halt auch :D
Einen vorderen Platz in meiner Traviata-Hitliste nimmt diese Aufführung ganz bestimmt nicht ein, weder szenisch, noch musikalisch.

Abgesehen davon, dass diese Theater-im-Theater-Kiste nun schon mehr als abgelutscht ist, muss einem auch dazu noch etwas einfallen, wie es z.B. Zimmermann mit der "Sonnambula" gelungen ist, die sehr geschickt mit den beiden Spielebenen jongliert hat und dadurch dem an sich absurden Libretto wenigstens ansatzweise Sinn und vor allem Witz eingehaucht hat.
Das scheint Jean-Francois Sivadier aber nicht einmal versucht zu haben, denn wenn ich Natalie Dessay in der Pause richtig verstanden habe, soll der Zuschauer gar nicht so genau wissen, ob die jeweilige Szene nun Spiel im Spiel oder nur Spiel ist, also auf welcher Ebene gerade agiert wird. Nur: Wozu dann das Ganze? Glaubt der Regisseur nicht an die Geschichte, hält er sie generell für so unglaubwürdig, dass er dem Publikum versichern zu müssen glaubt, dass ja alles nur Theater ist? Offensichtlich, denn sonst müsste es ja irgendeine (ironische o.ä.) Brechung geben oder müssten zumindest die verschiedenen Ebenen klar herausgearbeitet werden, also die Tragödie innerhalb der Tragödie sichtbar werden.
Mir jedenfalls macht es dieses Regiekonzept sehr schwer, um nicht zu sagen unmöglich, mich mit den Charakteren zu identifizieren oder mit ihnen mitzufühlen, denn wenn die ohnehin nur spielen, dass sie so furchtbar leiden, worüber reg ich mich dann auf??? Die ständig im Hintergrund herumwuselnden "Bühnenarbeiter" bzw. auf ihren Auftritt wartenden Kollegen rauben einem doch ständig die Illusion, dass hier wirklich zwei Menschen verzweifelt um ihr Lebensglück ringen. Und ich glaube, dass diese Desillusionierung für das Publikum vor Ort noch viel größer sein muss, weil die Fokussierung der Kamera auf Violetta und Alfredo oft eine Intimität vortäuscht, die es in Wirklichkeit gar nicht gibt. Ging der Kameramann wieder auf Totale, sah man plötzlich, dass die beiden mitnichten alleine waren, sondern viele mehr oder minder interessierte Beobachter hatten, sogar in der Sterbeszene trieben sich alle möglichen Leute im Hintergrund herum.
Total verschenkt ist dann der Flora-Akt, den ich wirklich noch nie so harm- und zahnlos gesehen habe. Da hier von Anfang an alle Akteure auf der Bühne sind, auch Germont, fehlt in meinen Augen der gesamte dramatische Aufbau bis hin zur Klimax, und mich würde wirklich interessieren, ob jemand, der das Libretto nicht so gut kennt, überhaupt kapiert hat, was in diesem hilflosen Durcheinander eigentlich passiert. Duphol steht herum, als ob ihn das alles gar nichts anginge, Germont tigert im Hintergrund auf und ab und wartet auf seinen Auftritt, dazwischen gibt's viel Hektik, einen an Unglaubwürdigkeit kaum zu überbietenden Wutanfall Alfredos, der dafür anstatt Violetta offensichtlich ohnmächtig wird. (Darüber hat sich ja schon Solitaire amüsiert!)
Dann liegen die beiden aufeinander wie ein Liebespaar in zärtlichster Harmonie, was wiederum Germonts Donnerworte, mit denen er den Sohn schlagartig zur Besinnung bringen müsste, völlig ad absurdum führt - der ist ja schon längst wieder bei Sinnen, liebkost seine Violetta, als sei nichts gewesen. Verglichen damit, bietet unsere abgenudelte Schenkinszenierung im 3. Akt ja beinahe Hochspannung! Außerdem scheint entweder der Regisseur oder der Baron oder beide vergessen zu haben, dass er Alfredo eigentlich fordern müsste.....

Völlig kontraproduktiv finde ich auch den "Einfall", dass im letzten Akt Violetta nach der Post fragt (!) und dann von Anina den Brief Germonts ausgehändigt bekommt. Das Berührende dieser Szene liegt doch u.a. darin, dass Violetta diesen Brief schon beinahe auswendig kennt, sie sich verzweifelt an diesen letzten Hoffungsanker (die Rückkehr Alfredos) klammert, obwohl sie instinktiv weiß, dass es für sie keine Rettung mehr gibt. All das kulminiert im verzweifelten "É tardi!!", und das verschenkt Monsieur Sivadier beinahe ganz.
Ja, und das Wiedersehen? Logisch wäre doch, dass Violetta und Alfredo einander SOFORT in die Arme fallen und nicht erst zeitverzögert durch das ganze Duett, bei dem beide die meiste Zeit in eine andere Richtung schauen.

Aber genau wie Rideamus werde ich mein harsches Ersturteil bei einem zweiten Durchlauf überprüfen, vielleicht sehe ich dann ja die eine oder andere Szene in einem milderen Licht.

Wenig ändern wird sich wohl an meinem Urteil bezüglich der musikalischen Umsetzung:
Wirklich schwach finde ich das Dirigat von Louis Langrée, der hektoliterweise Wasser auf die Mühlen jener kippt, die in Verdis Musik nur Humtata sehen - diese "Traviata" klingt über weite Strecken wirklich so, von dynamischen Abstufungen scheint der Herr Staberlschwinger auch noch sehr wenig gehört zu haben. (Oder lag's an der Übertragung, dass alles wie über einen Kamm geschoren tönte?)

Natalie Dessay spielte eine herzergreifende Violetta, auch der körperliche Verfall wurde wohl noch nie so drastisch gezeigt - dieser Realismus erschreckte beinahe - stimmlich allerdings bewahrheitete sich leider meine Befürchtung, dass sie dieser Partie nicht wirklich gewachsen ist. Natürlich gelingen ihr auch da ganz wunderbare lyrische Momente, aber beim "Sempre libera" stieß sie so deutlich an Grenzen, dass ich da wirklich den gewaltigen Sympathiebonus, den diese großartige Künstlerin bei mir genießt, in die Waagschale werfen muss.
Nein, die Violetta ist definitiv nicht ihre Partie, und ich blicke der Aufführungsserie an der WSO im September daher in sehr banger Vorfreude entgegen.

Charles Castronovo hörte ich schon ein paarmal, fand ihn immer sehr gut und setzte daher voraus, dass er stimmlich mit dem Alfredo keine Probleme hat. Dass er sie beim Schlusston der Cabaletta trotzdem hatte, dürfte der Tagesform geschuldet gewesen sein, normalerweise hat er diese Höhe drauf. Ja, und natürlich hat er eine schöne Stimme, aber das gewisse Etwas, das, was den Funken überspringen lässt, fehlt trotzdem, zumindest für mich. Alles, was ich von ihm höre, ist sehr schön, aber es lässt mich zumindest lauwarm. (Kalt wäre zu hart geurteilt!)
Optisch erinnert er mich kein bisschen an Flórez, so wie Herrn Solitär :wink, sondern an eine vokale Variante von Rock Hudson, und genauso spielt er auch: Hollywood im Stil der Fünfzigerjahre. Aber ich habe schon wesentlich langweiligere Alfredos erlebt (Calleja z.B.), und verglichen mit Ludovic Tézier war ja beinahe ein Ausbund an Spielfreude.

Der nervte mich nämlich wirklich: Stimmlich untadelig, da gibt es nichts, aber drei Stunden lang derart unbeteiligt zu wirken, ist eigentlich auch schon wieder Kunst. Eine so starre Mimik wie die seine kenne ich eigentlich nur von diversen Botoxmonstern aus der Traumfabrik......

So, jetzt habe ich Euch genug Munition geliefert, ich bitte um fröhliche Zerpflückung meiner Beckmesserei! :D :D :D :D

lg Sevi :hello
Billy Budd (26.07.2011, 15:51):
Wenn ich Eure Beschreibungen zur Inszenierung lese, "freue" ich mich schon auf Oktober. Die Vorgängerinszenierung war zwar eine der wenigen konventionellen, die ich nicht mochte, aber ob die neue besser ist, wage ich nun ernsthaft zu bezweifeln.
Billy :hello


Ergänzung: Eine wirlklich gute (andere werden sagen: langweilige) moderne Traviata gibt es von Hans Gratzer an unserer Volksoper.
Severina (26.07.2011, 16:20):
Lieber Billy,

von einer Inszenierung ist schon jetzt herzlich wenig zu merken, das Wenige wird sich bald verflüchtigt haben, und dann werden wie bei unserer Schenk-Traviata die Bühnenbilder übrig bleiben (die nur aus einigen Prospekten bestehen - meist Wolken, einmal eine Blumenwiese, Requisiten gibt es außer Stühle keine...), in denen mehr oder weniger mitreißend agiert wird, je nachdem, wer auf der Bühne steht. Ein Jonas Kaufmann wird mich vermutlich in jeder Kulisse fesseln, ein Calleja im tollsten Ambiente langweilen.
Tja, wenn ich Dir sage, dass ich die Decker-Traviata aus Salzburg großartig finde (du vermutlich nicht so sehr :wink), kennst Du ja meinen Geschmack! :D

Die "Traviata" an der VO kenne ich nicht, denn da dort überwiegend Deutsch gesungen wird, verirre ich mich nur höchst selten in dieses Haus. Verdi auf Deutsch ist nämlich für mich der pure Horror!

lg Sevi :hello
Heike (26.07.2011, 18:16):
Liebe Sevi, lieber Rideamus,
nach eurem Quasi-Verriss bin ich ja noch neugieriger auf die zweite Hälfte!

Nicht so richtig verstehen kann ich die Kritik an Natalie Dessay. Bei meinem Eindruck hat vielleicht sehr im Vordergrund gestanden, dass mich ihr realistisches Spiel und auch ihr Gesang sehr angerührt, fast erschreckt hat. Da hab ich über die "Ecken und Kanten" in der Stimme, wie Nikolaus es beschrieb, möglicherweise komplett hinweggehört. Ich werde mal im zweiten Teil mehr drauf achten.

Schon eher finde ich mich sofort bei der Kritik an den Männern wieder.
Aber ich habe schon wesentlich langweiligere Alfredos erlebt (Calleja z.B.)
Genau der war der letzte Alfredo den ich an der DOB sah ... kein Kommentar. Insoweit gibt es wirklich Schlimmeres als hier zu sehen war. "lauwarm" trifft es gut.

Beim Dirigat hatte ich einen ähnlichen Eindruck wie ihr, aber da ich erst die Hälfte gehört habe, wollte ich nicht vorschnell was dazu sagen. Vielleichthat eine open air Aufnahme andere Maßstäbe, aber so eintönig muss es sicher nicht sein.

Was die Inszenierung angeht, so schlimm finde ich es bisher nicht. Allerdings sind Theaterproben- Inszenierungen in der Tat ein alter Hut, mir werden sie immer schnell langweilig. Bisher hat es mich aber durchaus interessiert, auf welcher Ebene die da agieren und wer warum wem zuschaut. Keine Begeisterung, wie ich oben schrieb, aber bisher auch kein komplettes Missfallen. Aber es stimmt, berüht hat mich bisher nur die Dessay, nicht die Handlung. Mal gucken, wie es weitergeht.
Heike
Severina (26.07.2011, 18:55):
Liebe Heike,

meine Kritik an Natalie Dessay beruht hauptsächlich auf "È strano ff", weil ich einfach finde, dass man bei dieser Arie, die als Messlatte für jede Violetta gilt, stimmliche Mängel (und die höre zumindest ich, was aber nicht viel zu bedeuten hat bei meinen Schweinsohren) nicht so einfach mit dem Hinweis auf ihr tolles Spiel relativieren darf. Hier muss eine Sängerin einfach stimmtechnisch reüssieren, muss sie Farbe bekennen. Und da hakte es bei Frau Dessay mE eben ein bisschen.
Aber deshalb ist ihre Gesamtleistung für mich trotzdem positiv, wenn also meine obige Kritik wie ein Totalverriss klingt, nehme ich das mit Bedauern zurück. Natalie Dessay singt auf einem Niveau, wo sie nicht wirklich schlecht sein kann, aber für mich ist sie halt (stimmlich!!) keine ideale Violetta.
Aber genau werde ich das dann im September wissen, denn live ist bekanntlich live!!

lg Sevi :hello
Rideamus (26.07.2011, 19:12):
Liebe Heike,

Du kennzeichnest meine Zeilen richtig als "Quasi-Verriss", denn sie beruhen erklärtermaßen nur auf einer teilweisen Kenntnis der Aufführung und dem Eingeständnis, dass, Nathalie Dessays Leistung auf einem sehr hohen Niveau scheitert - auf dem darsstellerischen sowieso kaum.

Dennoch: wenn ich ihre Darstellöung mit der der vielgescholtenen Anna Netrebko vergleiche, so würde ich Letztere stimmlich wie darstellerisch vorziehen (Cotrubas und Stratas noch mehr). Der Grund ist ein ähnliches Problem, wie ich es bei der Callas habe (bei der allerdings noch mein missbehagen an ihrer Stimmschärfe hinzu kommt): es fehlt die Fallhöhe, die gerade bei der Traviata unverzichtbar ist. Wenn man Violetta Valéry als von vornherein vom Tode gezeichnetes, missverstandenes Hascherl zeigt, dann fehlt nicht nur das Überraschungsmoment, sondern auch der Spielraum für eine Entwicklung. Sie kann nur immer tragischer erscheinen, aber der durchaus vielfältige Reiz der Oper ist dadurch dahin.

Deshalb kann ich Severina auch nirgendwo widersprechen, denn ich finde, sie hat die Schwächen besonders der Regie und des Dirigats völlig richtig dargestellt. Wenn diese Aufführung sich lohnt, dann allenfalls wegen Nathalie Dessay. Das genügt für einen Fan, aber nicht für Verdis LA TRAVIATA.

Ich hoffe daher, dass sie ähnlich wie Florez nach seinem - ebenfalls keineswegs missglückten - Duca im Dresdner RIGOLETTO, erkennt, dass diese Partie Gift für sie ist und die Konsequenz daraus zieht, künftig solche Verdi-Partien zu meiden - so attraktiv sie für jede Sängerin auch sein müssen.

:hello Rideamus
Heike (26.07.2011, 19:25):
Liebe Sevi,
bestimmt hast du recht, was die stimmlichen Leistungen angeht - denn meine Ohren sind viel weniger geschult in der Beurteilung von Stimmen und vermutlich bin ich daher viel gnädiger in meinem Urteil als die Opernexperten ;-)

Ich kann das gut nachempfinden, weil es mir bei Klavieraufnahmen auch oft so geht, dass mich da konkrete Details stören und mir den Gesamteindruck verderben, die andere, die seltener Klaviermusik hören, gar nicht wahrnehmen oder nicht wichtig finden.
Aber ich werde mir speziell diese Arie nochmal anhören, sowas schult ja auch das Gehör!

Lieber Rideamus,
was die Fallhöhe der Violetta angeht, mmh. Als vom Tode gezeichnetes, missverstandenes Hascherl fand ich sie anfangs nicht dargestellt, sondern eher als unverbindlich, unruhig, sich gehen lassend. Zunächst mal finde ich noch interessant, was man daraus noch macht bzw. welche Bögen da eingezogen werden. Aber das scheint ja dann eher misslungen zu sein im Fortgang, das war auch für mich dann keineswegs überzeugend oder einfallsreich.
Heike

P.s. den von Sevi am meisten kritisierten Flora- akt habe ich noch nicht gesehen.
Billy Budd (26.07.2011, 21:44):
Liebe Sevi,
Original von Severina
Verdi auf Deutsch ist nämlich für mich der pure Horror!

Mir geht es auch so, allerdings wird die Traviata an der Volksoper in Originalsprache gesungen, da sie nicht aus der Zeit des aktuellen Direktors stammt. Die Regie wartet mit keiner "Neudeutung" auf, sondern erzählt meiner Meinung nach die Handlung auf eine ungemein gefühlvolle Weise und ohne jeden Kitsch. Zum Beispiel gefällt mir, dass beim Wiedersehen von Violetta und Alfredo sich die beiden nicht in die Arme fallen, sondern durch einen durchsichtigen Vorhang getrennt sind. An der Seite von Alfredo steht auch dessen Vater, seine Schwester und deren Bräutigam. Wenn ich mich recht erinnere, verlassen die drei Männer bei Violettas Tod die Bühne und Alfredos Schwester lässt einen Luftballon in die Luft steigen.
Ich weiß, kurze Filmbeispiele können nur einen kleinen Eindruck der Inszenierung geben, aber vielleicht möchtest Du Dir diese Sequenz einmal anschauen.

Ansonsten kann ich nichts zu dem Thema beitragen, da ich die Übertragung nicht gesehen habe und kleine Youtube-Ausschnitte mir nicht für eine Beurteilung ausreichen. Ich wette aber, dass Natalie Dessay bei uns an der Staatsoper frenetisch gefeiert werden wird.

Billy :hello
Severina (26.07.2011, 21:53):
lieber Billy,
danke für diesen Hinweis, dann werde ich der VO-Traviata gerne eine Chance geben, zumal ich den Repertoirealltag an der WSO unter Meyer ziemlich ernüchternd, um nicht zu sagen deprimierend finde......

lg Sevi :hello
nikolaus (26.07.2011, 23:23):
Huch, wenn ich all das hier lese und mit meinem Eindruck vergleiche, muss ich mich wohl für ziemlich kritiklos und unbedarft halten.

Gott sei Dank!

Nikolaus.
Severina (27.07.2011, 00:13):
Nö, musst Du gar nicht, denn Gott sei Dank sind die Geschmäcker verschieden. Und so lange in diesem Thread niemand darauf pocht, die Wahrheit gepachtet zu haben - und das tut garantiert niemand - ist doch alles OK :D.
Würde ich mich einmal trauen, eine Konzertkritik zu schreiben, wäre die vermutlich ein ziemlich einsamer Ausreißer......

lg Sevi :hello
Solitaire (27.07.2011, 09:03):
Guten Morgen euch allen!
Ich muß mich also nicht schämen daß mich diese Traviata nicht ganz so ergriffen hat wie sonst :D
Und ich dachte schon, ich sei zum herzlosen Monster mutiert weil ich selbst den letzten Akt weitgehen tränenfrei überstanden habe :cool
Danke jedenfalls für eure Eindrücke. Danke auch für die Erklärung der "Theater-im-Theater"-Absicht des Regisseurs. Ich habe die auf der Bühne rumlungernden Gestalten nicht als Bühnenarbeiter identifiziert und das Konzept also offenbar wirklich nicht verstanden.
"Sempre libera" habe ich ja nicht gehört, aber auf Dessays Studioalbum mit italienischen Arien hat es mir offengestanden sehr gut gefallen und ich fand auch, daß ihre Stimme gut zu der ja eigentlich noch sehr jungen Frau passt die Violetta nunmal ist. Aber ich glaube euch, daß das live nicht ideal war.

Original von Severina
Verdi auf Deutsch ist nämlich für mich der pure Horror!


Wie schade, wie schade! Ich habe hier gerade eine sooo schöne alte Traviata auf Deutsch: Clara Ebers, Richard Holm und als Germont der wunder- wunderbare Josef Metternich. Es ist ein Livemitschnitt von 1952 aus Frankfurt der mir wirklich sehr gefällt.
Allerdings frage ich mich schon, warum Violetta hier solche Probleme mit der Syntax hat, nur ein Beispiel:
"Doch warum? Nicht begreif' ich's". Auch Germont und sein Sohn können sich nicht immer entscheiden ob sie Violetta nun duzen, siezen oder gleich in der zweiten Person Plural anreden sollen. Aber musikalisch ist das eine Aufnahme die sich m.E. durchaus mit internationalen Produktionen messen kann.
Und außerdem ist Josef Metternich sowieso der Einzige von dem ich das heimatliche Land ertragen kann, egal in welcher Sprache.

Falls jemand Interesse hat:
http://ecx.images-amazon.com/images/I/51E6UgLpRFL._SS500_.jpg

OT Ende

EDIT
Ja, das mit dem Brief im letzten Akt hat mich auch extrem gestört, denn Severina hat ja recht: das berührende daran ist ja, daß Violetta das Schreiben in- und auswendig kennt und vermutlich zehnmal am Tag liest.
Dennoch fand ich Dessay in diesem Akt am besten und "Parigi o cara" hat mich sehr bewegt, vermutlich weil ich die anderen Gestalten auf der Bühne komplett augeblendet habe... Auch die Sterbeszene war m.E. sehr gut umgesetzt: eine Violeta, die nicht gleich tot umfällt, sondern aufrecht in ein neues, anderes Leben geht und all ihr Erdenleid hinter sich läßt. Ich finde, das war ein wirklich ergreifendes Bild.
Dulcamara (27.07.2011, 13:22):
Es gibt auch einen Querschnitt mit Wunderlich als Alfredo auf deutsch. Ich finde den auch sehr hörenswert.

Wie ist denn die Klangqualität der Metternich-Aufnahme?
Solitaire (27.07.2011, 13:45):
Hallo Dulcamara!

Die Qualität ist m.E. wirklich gut. Natürlich nicht mit heutigen Hochglanz-Aufnahmen zu vergleichen, aber absolut in Ordnung.
Den Wunderlich-Querschnitt kenne ich auch, und außerdem natürlich den sehr schönen Querschnitt mit Melitta Muszely, Rudolf Schock und ebenfalls Josef Metternich.
Ich gebe zu, ich mag diese alten Aufnahmen. Zur Zeit höre ich morgens auf dem Weg zur Arbeit "Rigoletto" auf Deutsch, mit ...Josef Metternich :D
Mimi Coertse ist Gilda und singt ebenfalls sehr schön.
Severina (27.07.2011, 14:49):
Original von Solitaire
Zur Zeit höre ich morgens auf dem Weg zur Arbeit "Rigoletto" auf Deutsch, mit ...Josef Metternich :D
Mimi Coertse ist Gilda und singt ebenfalls sehr schön.

O je, mit dieser Aufnahme wollte mich der arme Waldi einmal für Verdi auf Deutsch gewinnen, aber bereits als der Duca anhub "Lächelnd blick ich auf diese und jene...." rollten sich mir ob dieses Textes die Zehennägel auf, und die Hörprobe war auch schon wieder beendet. Vor allem machte mich das wahnwitzige Tempo ganz kirre, in dem der arme Tenor seinen Text runterrattern muss, damit es sich mit der Musik ausgeht - wo ist da der Genuss?? Wie anders dagegen das schön ausgesungene "Questa o quella.... ", wo alleine die Worte schon Musik sind. Bis zur Gilda kamen wir also gar nicht.....
So, und jetzt sitze ich unterm Stuhl.... :engel
Sorry für dieses OT, aber das musste ich jetzt los werden :D!

lg Sevi :hello
Solitaire (27.07.2011, 15:08):
Okay, der Duca hat's hier nicht leicht, aber mit dem hält sich mein Mitleid ohnehin in Grenzen :D
Naja, der Sänger der ihn singt kann einem schon leid tun, das stimmt.
Aber mir gefällt es trotzdem. Und außerdem hört man so schöne alte Worte, die sonst kein Mensch mehr benutzt: "Feile Sklaven, ihr habt sie verhandelt...!" das hat doch was :cool

Bei meiner Liebe zu Verdi auf Deutsch ist sicher jede Menge Sentimentalität im Spiel: die kleine Mina Samstagnachmittags vor dem Fernseher. Was anderen „Bonanza“ und „Raumschiff Enterprise“ sind mir Marcel Prawy, Ernst Stankowsky und eben Rudolf Schock als Alfred. :)
Solitaire (30.06.2012, 13:56):
Vor einigen Tagen habe ich mich einer Traviata-DVD erinnert, die ich vor Jahren auf dem Flohmarkt erstanden und bisher nie gesehen habe. An einem ruhigen Abend habe ich sie dann endlich angesehen und möchte hier nun meine 5 Cents dazu abgeben:

http://ecx.images-amazon.com/images/I/41MbVGf4gtL.jpg

Violetta: Angela Gheorghiu
Alfredo: Frank Lopardo
Germont: Leo Nucci
Chor und Orchester Royal Opera House Covent Garden
Sir Georg Solti
Regie: Richard Eyre
Covent Garden, 1994

Zur Regie ist nicht vielmehr zu sagen, als das wir es hier wieder einmal mit einer Stadttheater-Traviata auf hohem Niveau zu tun haben: üppige Kulissen, ebenso üppige Kostüme, keinerlei neue Sichtweisen auf das Stück. Ich meine das keineswegs negativ, muß aber dennoch gestehen, daß mich spätestens seit der so klug durchdachten Salzburger Inszenierung von Willie Decker Aufführungen dieser Art manchmal doch etwas zu langweilen beginnen. Schande über mich...

Sobald der Vorhang hochging habe ich mich gefragt, wann Kaiserin Sisi unter die Kurtisanen gegangen ist: weißes, mit Sternen übersätes Kleid, Diamantensterne im hochgesteckten Haar, nichts fehlt. Violetta sieht aus wie direkt dem berühmten Bild von Franz Xaver Winterhalter entstiegen.
Klick
Für Angela Gheroghiu war diese Auffühurng laut Begleitheft das Rollendebut: 29 Jahre jung, überaus attraktiv und stimmlich hervorragend aufgelegt, war sie damals wohl wirklich eine ideale Violetta.
Darstellerisch hat sie mich im ersten Akt allerdings noch nicht überzeugen können: für eine Große Horizontale wirkt sie dann doch ein bißchen zu kühl und distanziert - und zu sehr Primadonna. "Sempre libera" zum Beispiel singt sie frontal ins Pulbikum: die Bravouarie einer großen Sägerin, mehr macht sie nicht daraus. Schade.

Frank Lopardo hat mir musikalisch mit ein paar kleinen Abstrichen gut gefallen: Piano gefällt er mir besser als Forte, und "Oh mio rimorso" kann man nur als lahmarschig bezeichnen. Da ist nichts von einem in seiner Erhe gekränkten jungen Mann zu spüren. Das Ding so wie er es singt (und das Orchester spielt) nervt einfach nur, und das es auch noch wiederholt wird macht die Sache nicht besser. :ignore
Er hat einen witzigen Moment im ersten Akt als Alfredo das Trinklied singen will und in seiner Nervosität und Aufregung beinahe zu früh einsetzt. Das macht er sehr charmant nud es ist ein amüsanter Regieeinfall.
darstellerisch ist er okay, nicht mehr und nicht weniger. Er wird nicht so wunderbar wütend wie Rolando, er ist nicht so schön wie Jonas und Placido Domingo ist er auch nicht, aber was soll's...

Leo Nucci mag ich einfach. Er erfindet als Germont das Rad nicht neu, aber er singt sehr gut und schafft es, mit einer einzigen kleinen Geste so etwas wie Mitgefühl mit diesem Mann zu erwecken: während "Di Provenza..." zieht dieser stets aufrecht stehende, sehr beherrschte Germont plötzlich einen Stuhl heran und setzt sich, müde und alt, neben seinen Sohn. Mehr tut Leo Nucci nicht, und mehr muß er auch nicht tun.

Der letzte Akt ist wunderbar, und das liegt vor allem an Angela Gheorghiu, die wirklich großartig singt und herzergreifend spielt. Blutspuren auf Anninas Schürze und Violettas Bettzeug deuten die häßliche Seite dieser so oft romantisch verklärten Krankheit an an der Violetta am Ende stirbt, und auch wenn es eine Weile gedauert hat bis mich die Aufführung gepackt hat, am Ende saß ich dann doch wieder heulend da.

Klick

Wenn ich jemandem der diese Oper nicht kennt, einen DVD-Tip geben sollte, wäre es vielleicht tatsächlich diese DVD.
Und so nebenbei habe ich gelernt, daß Thomas Hamspon nicht der erste war, der seinem Bühnensohn eine gescheuert hat :D
Waldi (10.12.2013, 18:58):
Eine der besten Violettas wurde bis jetzt nicht genannt: Stefania Bonfadelli. Sehr zu empfehlen ist die DVD (erschienen bei TDK) der Aufführung von 2002 im kleinen, aber feinen Theater von Busseto unter der Stabführung von Plácido Domingo und der Regie Franco Zeffirellis. Wem Zeffirellis "Traviata"-Film mit der Stratas (den ich wunderbar finde) zu schwül und überladen vorkommt, dem wird die etwas "bescheidenere" Fassung für die schmale Bühne vermutlich besser zusagen. Natürlich bleibt Zeffirelli ein Hexenmeister der Farb- und Lichteffekte. Seine Personenführung ist außerdem großartig. Diese Schöpfung ist ein einwandfreies Gesamtkunstwerk. Übrigens gibt es ein ausführliches "Making of" als Beigabe.

Die Bonfadelli ist im Typus der Stratas nicht unähnlich, hat eine nicht ganz so schöne, aber dennoch beeindruckende Stimme, singt sehr sicher und spielt hervorragend.
Ihr Alfredo ist der amerikanische Tenor Scott Piper, äußerlich die ideale Verkörperung des jungen unroutinierten Leidenschaftlers, auch er wunderbar im Spiel. Keine große Stimme, aber er singt mit viel Stilgefühl. Mit einem der besten Alfredos am Pult kann er gar nicht anders als auch gut sein! Insgesamt ein sehr sympathischer Eindruck.
Seinen Vater gibt Renato Bruson, nicht mehr ganz so vorzüglich bei Stimme wie früher, aber trotzdem überwältigend in seiner Charakterisierungskunst - er liefert geradezu ein Lehrstück ab.

Für die hartnäckige "Traviata"-Gemeinde empfiehlt sich ein ausreichender Vorrat an stilvollen Spitzentaschentüchern. Diese so eindringlich dargebotene forza del destino macht es nötig.

:hello Waldi
stiffelio (14.12.2013, 22:34):
http://ecx.images-amazon.com/images/I/51%2BgnDivHsL._AA160_.jpg

Violetta Valéry : Svetla Vassileva
Alfredo Germont : Massimo Giordano
Giorgio Germont : Vladimir Stoyanov
Flora Bervoix : Daniela Pini
Annina : Antonella Trevisan
Gastone : Gianluca Floris
Baron Douphol : Armando Gabba
Marquis d'Obigny : Filippo Polinelli
Grenvil : Roberto Tagliavini
Dirigent : Yuri Temirkanov
Regie : Karl-Ernst und Ursel Herrmann
Orchester und Chor des Teatro Regio de Parme

Als Kontrastprogramm zur Scala-Inszenierung von Tcherniakov habe ich mir heute die DVD der Tutto Verdi-Reihe angesehen.
M.E. eine der besten Produktionen aus dieser Reihe. Keine absolut charismatischen, aber solide Stimmen. Die Sänger ohne optische bzw. typologische Schnitzer. Keine geniale, aber sorgfältig gearbeitete und teilweise auch fantasievolle Regie, die das Rad nicht neu erfindet, aber die schauspielerische Seite der Sänger ernst nimmt. An die Decker-DVD kommt sie zwar in keiner Hinsicht heran, aber zum Kennenlernen der Oper m.E. wirklich gut geeignet. Einige Einfälle, die ich sehr gut fand: z.B. dass der zweite Akt librettogemäß jahreszeitlich im Januar stattfindet und nicht in einem romantischen, blumenübersäten Frühling oder Sommer. Dass Alfredos Vater zu Beginn seines Auftritts zunächst versucht, Violetta mit Geld für ihre "Dienste" zu entlohnen bzw. zu bestechen. Dass Alfredo nach der ersten Wiedersehensfreude (vor dem "Parigi, o cara...") den Blick von Violetta abwendet, weil er vor ihrem Aussehen erschrickt und Violetta ihn zwingen muss, sie anzusehen...und vieles andere kleine Details mehr.
Es war ein Genuss, auch wenn ich sie mir sicher nicht zigmal hintereinander ansehen werde.

VG, stiffelio
Amonasro (08.07.2014, 19:42):
Hallo,

ich besitze derzeit nur die DVD mit Netrebko, Villazon und Hampson aus Salzburg und würde mir nun gerne eine Audio-Aufnahme der Traviata zulegen. Aufgrund der positiven Kritiken schwanke ich zwischen Prêtre (1967) und Kleiber (1977). Könnte vielleicht jemand schreiben, welche Aufnahme vorzuziehen ist?

Gruß Amonasro :hello
Billy Budd (08.07.2014, 19:49):
Hallo! :)
Stimmt, wer nur diese Traviata hat, braucht dringend eine andere. :D
Mein Rat: Hör Dich auf Youtube in die beiden Aufnahmen hinein (soweit ich gesehen habe, gibts die dort nicht vollständig, sondern nur in Ausschnitten) und entscheide dann, welche Dir besser gefällt. :)
Oder noch besser kaufst Du Dir die Konwitschny-DVD (2011), denn da hast Du eine tolle Inszenierung gleich mit dabei! :P
Billy :hello
palestrina (08.07.2014, 21:20):
Hallo Amonasro, da fragst du was, habe gerade bei Amazon mal geschaut da gibt es die Caballé neu für €3.81!
Die Kleiber GA sollte man IMO auf jedenfall haben, und natürlich eine mit der Callas !!!

Aber ich bin , was La Traviata betrifft ganz befangen denn ich nenne 41 GA mein Eigen, aber keine einzige DVD ?(.

LG palestrina :hello
Amonasro (08.07.2014, 21:43):
Original von Billy Budd
Mein Rat: Hör Dich auf Youtube in die beiden Aufnahmen hinein

Das ist auch immer mein erster Gedanke, wenn ich neue Aufnahmen suche. Leider habe ich von den beiden Aufnahmen keine Ausschnitte finden können (nur die selben Sänger, aber in anderen Kombinationen).

Original von palestrina
Hallo Amonasro, da fragst du was, habe gerade bei Amazon mal geschaut da gibt es die Caballé neu für €3.81! Die Kleiber GA sollte man IMO auf jedenfall haben, und natürlich eine mit der Callas !!!


Aber ich bin , was La Traviata betrifft ganz befangen denn ich nenne 41 GA mein Eigen, aber keine einzige DVD .

Der niedrige Preis war mir ganz entgangen! Damit hat sich das Problem dann ja gelöst: es werden wahrscheinlich beide. :leb

Wow! 41 GA sind beeindruckend! Welche ist denn deine Lieblingsaufnahme?

Ich muss zugeben, dass ich um die Traviata immer einen Bogen gemacht habe, obwohl ich ja bekanntermaßen Verdi-Fan bin. Als ich einige YouTube-Videos von dem Sopran-Bariton-Duett in anderen Besetzungen gesehen habe, kam ich auf die Idee, es könnte auch an meiner Aufnahme liegen, dass ich mit der Traviata nicht warm werde.

Aber jetzt erstmal an den Fernseher, um (hoffentlich :ignore) den deutschen Finaleinzug mitzuerleben!

Gruß Amonasro :hello
stiffelio (08.07.2014, 21:46):
Original von Billy Budd
Oder noch besser kaufst Du Dir die Konwitschny-DVD (2011), denn da hast Du eine tolle Inszenierung gleich mit dabei! :P


Hallo Billy,

was gefällt dir an der Konwitschny-Inszenierung so gut? (offenbar ja besser, als die von Decker, die ich für Liebhaber moderner Regie ziemlich genial finde.)
Ich hab mir mal den 3-Minuten-Trailer auf YT angesehen, aber da hat sich der Sinn mir leider nicht erschlossen - war wohl ein zu kurzer Einblick oder ich kapiere das Konzept generell nicht.

VG, stiffelio

P.S.: Amonasro, sorry, dass ich dir aus den bekannten Gründen bei CDs nicht helfen kann. Aber du hast ja in palestrina einen höchst kompetenten Berater :).
Billy Budd (08.07.2014, 22:15):
Original von Amonasro
Original von Billy Budd
Mein Rat: Hör Dich auf Youtube in die beiden Aufnahmen hinein

Das ist auch immer mein erster Gedanke, wenn ich neue Aufnahmen suche. Leider habe ich von den beiden Aufnahmen keine Ausschnitte finden können (nur die selben Sänger, aber in anderen Kombinationen).
Ich hab mal nachgeschaut, und das ist das, was ich auf den ersten Blick gefunden hab:
Prêtre, Kleiber
Natürlich ist das nur bedingt vergleichbar, da es unterschiedliche Stellen sind ...

Original von Amonasro
Aber jetzt erstmal an den Fernseher, um (hoffentlich :ignore) den deutschen Finaleinzug mitzuerleben!
Viel Spaß!
Billy :hello
Billy Budd (08.07.2014, 22:21):
Original von stiffelio
was gefällt dir an der Konwitschny-Inszenierung so gut? (offenbar ja besser, als die von Decker, die ich für Liebhaber moderner Regie ziemlich genial finde.)
Ich hab mir mal den 3-Minuten-Trailer auf YT angesehen, aber da hat sich der Sinn mir leider nicht erschlossen - war wohl ein zu kurzer Einblick oder ich kapiere das Konzept generell nicht.
Wen meinst Du denn mit "Liebhaber moderner Regie"? Ich finde ja auch so manche "tradionelle" Inszenierung gut, insofern heißen meine Parameter nicht "traditionell" und "neu", sondern "gut" und "schlecht". :)
Die Konwitschny-Inszenierung hab ich vor kurzem im Theater an der Wien gesehen und war begeistert, weil das einfach eine tolle Inszenierung ist, denn sie richtet den Blick auf das Wesentliche und enthüllt die Doppelmoral der Gesellschaft (/des Vaters) schamlos. Konwitschny ist auch ein Meister der Personenführung. :leb
Die Decker-Inszenierung kenne ich aber nicht (und wegen Villazon hab ich derzeit auch nicht vor, sie anzuschauen :ignore ).
Billy :hello
stiffelio (08.07.2014, 22:43):
Hallo Billy,

mit "Liebhaber moderner Regie" meinte ich in diesem Fall das in beiden Fällen recht minimalistische Bühnenbild und die damit einhergehende Konzentration auf die darstellerische Seite der Sänger. Die Decker-Inszenierung schien mir einfach deswegen am ehesten vergleichbar zu sein. (Ich ging davon aus , dass es keinen Sinn macht, Konwitschny mit Zeffirelli zu vergleichen).

Ich hab von Konwitschny noch ein paar Sequenzen gefunden, leider nur wenige kurze. Aber darin konnte ich die Intensität der Beziehung zwischen Violetta und Alfredo nicht abspüren, die für mich auch ein wesentlicher Punkt dieser Oper ist. Deshalb schwanke ich noch sehr, ob ich sie mir zulegen soll, trotz deines großen Lobes.

VG, stiffelio
Amonasro (09.07.2014, 00:46):
Original von Billy Budd
Ich hab mal nachgeschaut, und das ist das, was ich auf den ersten Blick gefunden hab:
Prêtre, Kleiber
Natürlich ist das nur bedingt vergleichbar, da es unterschiedliche Stellen sind ...


Leider sind diese Videos wegen der GEMA gesperrt. :(

Zu den Inszenierungen kann ich sagen, dass ich am liebsten sogenannte traditionelle Inszenierungen sehe, aber auch mit so minimalistischen Konzepten wie in der Decker-Traviata leben kann - hauptsache die Inszenierng lenkt mich nicht zu sehr von der Musik ab. :W Deshalb kaufe ich meistens nur CDs.

Gruß Amonasro
Jürgen (09.07.2014, 10:09):
Im Januar gekauft:

Original von Jürgen
Gestern in einer 2001-Kooperation gekauft:

http://4.bp.blogspot.com/-383Kufj2s1A/T3Jnff9EbfI/AAAAAAAABM8/vtD8z0Mcc2Y/s320/Verdi+-+The+Great+Operas+-+1995+25CDs.jpg

Verdi: The Great Operas
Das sind 12 Operngesamtaufnahmen auf 25 CDs:

La Traviata: Montserrat Caballe, Carlo Bergonzi, Sherrill Milnes; Georges Pretre 1967
Il Trovatore: Leontyne Price, Fiorenza Cossotto, Placido Domingo, Sherrill Milnes; Zubin Mehta 1970
Rigoletto: Bernd Weikl, Lucia Popp, Giacomo Jaime Aragall; Lamberto Gardelli 1984
Aida: Leontyne Price, Placido Domingo, Grace Bumbry, Sherrill Milnes; Erich Leinsdorf 1970
Simon Boccanegra: Piero Cappuccilli, Ruggero Raimonid, Katia Ricciarelli, Placido Domingo; Gianandrea Gavazzeni 1973
Un Ballo In Maschera: Leontyne Price, Carlo Bergonzi, Robert Merrill, Shirely Verrett; Erich Leinsdorf 1966
Otello: Jon Vickers, Leonie Rysanek, Tito Gobbi; Tullio Serafin 1960
Macbeth: Leonard Warren, Leonie Rysanek, Carlo Bergonzi; Erich Leinsdorf 1959
Ernani: Carlo Bergonzi, Leontyne Price, Mario Sereni; Thomas Schippers 1967
Luisa Miller: Anna Moffo, Carlo Bergonzi, Cornell MacNeil, Shirley Verrett; Fausto Cleva 1964
Falstaff: Rolando Panerai, Alan Titus, Marilyn Horne, Frank Lopardo, Sharon Sweet; Colin Davis 1991
La Forza Del Destino: Leontyne Price, Richard Tucker, Robert Merrill, Shirely Verrett; Thomas Schippers 1964

Alles (mehr oder weniger) alte RCA Aufnahmenmit prominenter Besetzung.
Laut Kleingedrucktem von BMG Netherlands lizensiert.

Ich hatte letztes Jahr schon befürchtet, die Box sei nicht mehr erhältlich, aber 2001 hat wohl noch geringe Restbestände.
Wie man dem Bildchen entnehmen kann, ist diese Box recht breit. Und siehe da, es wurden nur fette Jewelcases (2er und eine 3er) verbaut.
Booklets sind allerdings Fehlanzeige, lediglich Tracklisting und Handlung auf Englisch.

Grüße
Jürgen

Ich muss zuhause mal nachschauen, ob ich durch diesen Kauf die Prêtre-Traviata eventuell doppelt habe.
palestrina (09.07.2014, 10:38):
Hallo Amonasro, Lieblingeaufnahme gibt es so nicht, aber sehr viele die ich liebe...
La Traviata war die erste Oper die ich mit 15 gesehen habe und lieben gelernt, bis heute !

1.Moffo/Tucker
2.Wunderlich/Stratas
3.Callas/di Stafano
4 . Callas/Albanese
5 . Callas/Kraus
und natürlich die Kleiber und Prêtre

http://ecx.images-amazon.com/images/I/611DYZF8BAL.gifhttp://ecx.images-amazon.com/images/I/61HVMFT8CNL.gif
http://ecx.images-amazon.com/images/I/51eflShwiBL._SY200_QL40_.jpghttp://ecx.images-amazon.com/images/I/51suwDNj9CL._SX350_.jpghttp://ecx.images-amazon.com/images/I/5191S8FB6JL._SX350_.jpg

LG palestrina
Amonasro (17.07.2014, 11:08):
http://bilder.buecher.de/produkte/38/38618/38618569z.jpg

Ich habe nun die Pretre-Aufnahme gehört und sie hat einen positiven Eindruck hinterlassen. Alle Rollen sind stimmlich und darstellerisch sehr gut besetzt:
Montserrat Caballé, die ich in anderen Aufnahmen eher als oberflächlich empfunden habe, kann sowohl die ausgelassene Kurtisane im 1. Akt als auch die sterbende Violetta im 3. Akt glaubhaft darstellen; Carlo Bergonzi ist bei Verdi wie immer in seinem Element und Sherill Milnes singt einen sehr guten, wenn auch vielleicht etwas zu jugendlichen, Vater.
Etwas negativ fiel mir auf, dass die Stimmen der Nebenrollen, besonders bei Gene Boucher (Barone Douphol) und Harold Enns (Dottore Grenvil), in den Hintergrund gerückt, also deutlich schlechter als die drei Hauptrollen zu verstehen sind.
Das Orchesterspiel ist durchgängig befriedigend und insgesamt gefällt mir diese Aufnahme besser als die Salzburger Aufführung.

Die Kleiber-Aufnahme werde ich mir auch noch zulegen, zurzeit haben aber noch andere Hörvorhaben Vorrang (Verdis Attila und Beethovens Streichquartette).

Gruß Amonasro :hello
Billy Budd (23.08.2014, 00:23):
Carsen-Traviata aus dem Teatro La Fenice (heute am Rathausplatz):
Patrizia Ciofi kommt hörbar vom Barockfach (äußerst vibratoarme Stimme etc.) und ist deshalb als Violetta gegen Beginn noch gewöhnungsbedüftig, bietet aber (in diesem kleinen Opernhaus) eine ausgezeichnete Leistung; die restlichen Sängerleistungen bewegen sich auf akzeptablem Niveau: Den mir vorher völlig unbekannten Gianluca Terranova kann ich mir in Tenorpartien à la Turiddu, Ismaele und Gabriele Adorno sehr gut vorstellen, in die Traviata paßt er nicht so wirklich. Insgesamt hab ich ihn passabel gefunden, aber einen unerfahrenen und (in Bezug auf Frauen) unsicheren Charakter wie den Alfred soll man nicht als Schmalspur-Manrico anlegen, sonst wirds unglaubwürdig. Claudio Sgura war ein passabler Germont, seine Defizite liegen wie bei seinem Sohnemann im Ausdruck.
Sehr sehenswert ist aber die Inszenierung (Carsen hat die Geschichte in die Gegenwart verlegt und Violetta im Unterschied zu den meisten Regisseuren im ersten Akt nicht als Opfer, sondern als Edelnutte gezeigt, die z.B. gleich nach ihrer langen Arie im ersten Akt mit Douphol, der hier kein unattraktiver Tattergreis ist, Sex hat).
Billy :hello
stiffelio (23.08.2014, 15:58):
Hallo Billy,
das klingt interessant! Auf YT konnte ich nur drei kurze Amateurvideos mit dieser Besetzung finden, aber ich hatte den Eindruck, dass die Inszenierung von Carsen im wesentlichen mit dieser DVD übereinstimmt (z.B. Alfredos Einführung bei Violetta als Fotograph):

bzw.

Auch da singt Ciofi die Violetta, aber ihre Partner sind Saccà und Hvorostovsky.
Siehe z.B. https://www.youtube.com/watch?v=UbtcmXI9Fho und https://www.youtube.com/watch?v=T215xfnvAck
Solitaire hatte hier schon eine Besprechung dieser DVD bzw. Inszenierung eingestellt.
Mir persönlich gefällt Terranova, soweit man das von den Amateurvideos https://www.youtube.com/watch?v=wQqrt0M1zGo und https://www.youtube.com/watch?v=h7zeFZ5L-4Q erahnen kann, eher besser als Saccà.

VG, stiffelio
Billy Budd (26.08.2014, 00:43):
Liebe Stiffelio!
Danke für die Links! Ja, das ist diese Inszenierung. :)
Auch wenn Carsen interessante Aspekte herausgearbeitet hat (wie ich schon erwähnt hab: Douphol nicht als unbedeutende Nebenfigur hohen Alters), gefällt mir doch Konwitschnys Produktion am besten. :)
Ja, daß es sich um die "Ur-Traviata" (oder so ähnlich ... :wink ) handelt, hab ich vergessen zu erwähnen. Am Ende des zweiten Bildes gabs eine Stelle (zwischen Vater und Sohn) aufgefallen, die ich noch nie zuvor gehört hatte ... was genau sonst anders als in den meisten Aufführungen war, kann ich aber nicht mehr sagen ...
Terranova kannte ich vorher gar nicht, er hat ja ein gutes Material und kann auch singen, nur tut er das leider durchgehend so, wie man einen Manrico singen sollte ... ist aber Kritisieren auf recht hohem Niveau.
Wie auch auf Deinen Links hat mir Ciofi anfangs gar nicht gefallen, aber nach wenigen Minuten hatte ich schon einen komplett anderen Eindruck. Keine Ahnung, ob ich mich einfach an ihre Stimme gewöhnt hatte oder was sonst der Grund war. :J
Billy :hello