manrico (28.12.2007, 02:04): Der Komponist der Gioconda, Amilcare Ponchielli, war nur ein wenig jünger als Giuseppe Verdi und stand immer im Schatten seines übermächtigen Kollegen -zu Unrecht, wie man meinen möchte, wenn man sein Meisterwerk "La Gioconda" hört - zu recht, wenn man die anderen Opern kennt (einer Ausgrabung wert wäre wohl noch seine durchaus gelungene, sehr schöne Oper "Die Litauer" - hier hört man, dass sich sein Schüler Leoncavallo einer Melodie bedient hat, die er erfolgreich in seinem Bajazzo untergebracht hat - "Il figiuol prodigo" kenn ich nicht, "Marion Delorme" ist streckenweise nicht schlecht, für "I promessi sposi" und "I mori di Valenza" kann ich mich nicht wirklich erwärmen).
Stilistisch würde ich die Gioconda beim mittleren Verdi ansiedeln: große Meoldienbögen, zupackende Handlung, Dramatik und Feuer in Musik gegossen. Allerdings bedarf es großer Interpreten, um diese Oper aufleben zu lassen, berühmte Namen alleine genügen nicht.
Für mich sind die großen Interpretinnen dieser Rolle sicher einmal die Callas, der diese zerrissene Figur auf den Leib geschrieben zu sein scheint. Die Callas ist hier wirklich hochdramatisch. Leider hat sie in Gianni Poggi einen geradezu erbärmlichen Enzo Grimaldo. Den lyrischen Glanz der unglücklichen Titelheldin bringt Zinka Milanov zum Leben - vor allem mit ihrem unerreichten "Enzo adorato - ah, come t'amo" im Live-Mitschnitt aus der Met 1939. Oft kopiert, nie erreicht. Auch sie selber hat auf keiner mir bekannten Aufnahme diese Phrase mit einer derartigen Intensität gesungen.
Eileen Farrell war eine der aussergewöhnlichsten Sopranistinnen der 50er und 60er Jahre und ist doch im Schatten anderer Großer gestanden. Unter ihren wenigen Aufnahmen - die ausserdem noch schwer erhältlich sind - existiert auch eine Gioconda von 1962. Farrell ist einfach grandios. Selbst Franco Corelli scheint sich an diesem Abend bewusst gewesen zu sein, welche Ausnahmekünstlerin er hier zur Partnerin hat und singt schön wie nie zuvor (Barnaba ist übrigens der äußerst kultivierte Robert Merrill).
Warum sich die Caballe dieser Rolle angenommen hat, verstehe ich nicht. Warum sie diese Rolle dann auch noch im Studio eingespielt hat, verstehe ich noch weniger. Ich glaube, diese Produktion unter Bartoletti kommt nur deshalb überall halbwegs gut weg, weil es nicht so viele Einspielungen dieser Oper gibt - sie klingt genauso zusammengestoppelt und manipuliert wie das Coverbild dieser CD. Caballe hat einfach nicht die dramatische Stimme für die Gioconda und Pavarotti wäre besser bei Puccinis Schluchzern geblieben. Er klingt erbärmlich, wenn er gleich im ersten Auftritt "Su, fratelli del mar! Alla lotta!" seine Brüder zum Kampf ruft. Einem derart feigen Anführer folgt keine Truppe. Zugegeben, er hat ein paar schöne Phrasen im "Cielo e mar", aber eben nur ein paar schöne. In die vokale Katastrophe manövriert er sich allerdings im anschließenden Duett mit der Laura der Agnes Baltsa. "Vedrem fra poco tramontar la luna" ist ein stimmliches Desaster. Die Baltsa singt ihr "Stella del marinar" deutlich befreiter, da Enzo abgezogen ist. Auch im Duett mit der Caballe "L'amo come il fulgor del creato!" singt sie nicht nur deutlich kultivierter als die schrill forcierende Caballe (das kann ich überhaupt nicht leiden), sondern auch wesentlich dramatischer. Eigentlich hätte ich ihr diese Rolle nicht so recht zugetraut, und trotzdem finde ich sie gemeinsam mit dem Alvise des Nicolai Ghiaurov die beste Protagonistin dieser Aufnahme. Dazu kommt, dass der Beginn unglaublich lahm dirigiert wird und auch Sherill Milnes bei seinem ersten zynischen Auftritt "E canton su lor tombe" allen Sarkasmus schuldig bleibt. Ich finde, es gibt deutlich bessere Alternativenaufnahmen dieser prachtvollen Oper.
Mime (28.12.2007, 17:12): Für mich ist Maria Callas "die" Gioconda schlechthin. Ihre Dynamik in "Suicido" ist bis heute unerreicht.
Sehr ausgewogen ist auch die Aufnahme mit Éva Marton, Margarita Lilowa,Plácido Domingo, Matteo Manuguerra und Kurt Rydl. :hello
Amadé (28.12.2007, 19:00): Hallo Werner,
schön dass ich im fast abgelaufenen Jahr noch mal mit Dir "plaudern" kann und dann noch im hier stiefmütterlich laufenden Opernteil.
Von Poncielli kenne ich nur La Gioconda dem Namen nach, von der Ballettmusik "Tanz der Stunden" besitze ich die feine Fricsay-Aufname aber auch noch Beecham, Ormandy, Karajan und Kempe, das war's dann.
Ich habe mal in Hermes Opernlexikon Bd.2, Düsseldorf 1983, das m.E. recht zuverlässige Hinweise gibt, geschaut. Dort sind von 1931 bis 1981 11 Aufnahmen verzeichnet. Die von Dir angesprochene mit Eilleen Farrell, von der auch ich überzeugt bin, fehlt in der Aufstellung. Dafür ist eine spätere Callas-Produktion (EMI 1959, Dir.Votto) dabei. Vielleicht kennst Du sie nicht, deshalb hier die Charakterisierung: "Cappucillis Stimme war damals noch nicht voll entwickelt, Vinco viel zu derb, der Tenor undifferenziert: Keine Umgebung für eine Callas, die vielleicht auch deshalb ihr sonstiges Niveau nur selten erreicht. Votto hatte nicht die Kraft, Ponciellis Musik interessant zu gestalten." Die von Dir genannte Callas-Aufnahme von 52 kommt besser weg:"Die Callas, die Barbieri und Silveri machen große Oper glaubhaft, solange nicht Poggi irritierend hinzutritt. Das Raffinement der Callas war später gewiß auffallender; die elementare Wirkung ihrer Stimme ist jedoch hier besser zu beurteilen." Diese Produktion wurde auch von Antonio Votto geleitet. Gut beurteilt wird auch eine zweite Aufnahme der Milanov von 1958 bei RCA, Mitstreiter sind di Stefano, Elias, Warren, "ein herrliches Trio". Die von Dir als misslungene Aufnahme der Caballe wird im Hermes ganz anders beurteilt: "...Alle Sänger in Höchstform - eine schönere Aufnahme kann es kaum geben." :I Da Du die Oper genau zu kennen scheinst, ist Dein Urteil über Caballe und... sicher wohl begründet.
Alles Gute und viele Grüße Bernd
manrico (29.12.2007, 12:36): Hallo Mime, hallo Bernd (danke für die nette Begrüssung - ich weiss, ich hab mich in letzter Zeit etwas rar gemacht)!
Ja, ich finde auch, dass die Callas eine superbe Gioconda war (du hast recht, die Aufnahme unter Votto kenn ich nicht), meine Favoritin ist bei der Gioconda doch eindeutig Eileen Farrell. Sowohl in den Live-Mitschnitten 1962 und 1967, vor allem aber in ihrem Recital 1958. Zur dramatischen Gestaltung kommt auch noch die Schönheit und der Umfang der Stimme. Der Aufnahme unter Adam Fischer stehe ich nicht objektiv gegenüber, denn wir waren damals von der Schule aus in der Generalprobe (wir waren am Vormittag praktisch immer in den Generalproben in der Staatsoper mit unserer Musiklehrerin - Künzel sei Dank) und ich war hin und weg von der prächtigen Vorstellung. Natürlich hab ich dann die Premiere aus dem Radio mitgeschnitten. Domingo war stimmlich eine Offenbarung (ein Schnitzer im Cielo e mar, aber was zählt das schon für den Rest der Vorstellung), die momentan erhältliche Fassung scheint nachträglich aufgebessert zu sein, was ich so gehört habe. Ich mein, ich war ja schon als Kind anfällig für die Oper, aber diese Vorstellung hat mich chronisch infiziert. Auch Zinka Milanov ist eine starke Gioconda, ich kenn allerdings nur zwei Live-Mitschnitte (1939 und 1946). Mich erstaunt es wirklich, dass die Caballe gut bewertet wird. Die Gioconda gehört meiner Meinung nach gemeinsam mit der unerträglichen Interpretation der Selica (und der stimmlich völlig verunglückten Anna Bolena) zu Caballes schlechtester Rolle. Allein das "Suicidio!" mit den riesigen Sprüngen ist ein vokaler Parforce-Ritt. Vor allem in den tiefen Passagen - im "fra le tenebre" - landet sie in völliger stimmlicher Finsternis und rettet sich in einen kuriosen Sprechgesang. Diesen Eindruck kann sie auch nicht im Live-Mitschnitt 1979 verbessern. Summa summarum ist sie für mich die schlechteste Gioconda, die ich kenne. Auch eine Grace Bumbry, die ja in der Norma völlig verunglückt ist, singt eine interessantere, schönere Gioconda - nicht völlig makellos, aber doch mit großer Wärme.
Die Caballe hat einer Ansicht nach grandiose Recitals mit ihren "Rarities" (Rossini, Verdi, Donizetti) und ein sehr gutes Recital mit französischen Arien vorgelegt. Auch ihre Aida und ihre Gemma di Vergy mag ich. Vieles andere halte ich für gut, aber überschätzt (z.B. ihre Elisabetta im Don Carlos - auch da hab ich meine Einwände). Aber wie gesagt - die Gioconda gehört für mich zu den Tiefpunkten ihrer Diskographie.
liebe Grüße
Werner
manrico (28.12.2007, 02:04): Der Komponist der Gioconda, Amilcare Ponchielli, war nur ein wenig jünger als Giuseppe Verdi und stand immer im Schatten seines übermächtigen Kollegen -zu Unrecht, wie man meinen möchte, wenn man sein Meisterwerk "La Gioconda" hört - zu recht, wenn man die anderen Opern kennt (einer Ausgrabung wert wäre wohl noch seine durchaus gelungene, sehr schöne Oper "Die Litauer" - hier hört man, dass sich sein Schüler Leoncavallo einer Melodie bedient hat, die er erfolgreich in seinem Bajazzo untergebracht hat - "Il figiuol prodigo" kenn ich nicht, "Marion Delorme" ist streckenweise nicht schlecht, für "I promessi sposi" und "I mori di Valenza" kann ich mich nicht wirklich erwärmen).
Stilistisch würde ich die Gioconda beim mittleren Verdi ansiedeln: große Meoldienbögen, zupackende Handlung, Dramatik und Feuer in Musik gegossen. Allerdings bedarf es großer Interpreten, um diese Oper aufleben zu lassen, berühmte Namen alleine genügen nicht.
Für mich sind die großen Interpretinnen dieser Rolle sicher einmal die Callas, der diese zerrissene Figur auf den Leib geschrieben zu sein scheint. Die Callas ist hier wirklich hochdramatisch. Leider hat sie in Gianni Poggi einen geradezu erbärmlichen Enzo Grimaldo. Den lyrischen Glanz der unglücklichen Titelheldin bringt Zinka Milanov zum Leben - vor allem mit ihrem unerreichten "Enzo adorato - ah, come t'amo" im Live-Mitschnitt aus der Met 1939. Oft kopiert, nie erreicht. Auch sie selber hat auf keiner mir bekannten Aufnahme diese Phrase mit einer derartigen Intensität gesungen.
Eileen Farrell war eine der aussergewöhnlichsten Sopranistinnen der 50er und 60er Jahre und ist doch im Schatten anderer Großer gestanden. Unter ihren wenigen Aufnahmen - die ausserdem noch schwer erhältlich sind - existiert auch eine Gioconda von 1962. Farrell ist einfach grandios. Selbst Franco Corelli scheint sich an diesem Abend bewusst gewesen zu sein, welche Ausnahmekünstlerin er hier zur Partnerin hat und singt schön wie nie zuvor (Barnaba ist übrigens der äußerst kultivierte Robert Merrill).
Warum sich die Caballe dieser Rolle angenommen hat, verstehe ich nicht. Warum sie diese Rolle dann auch noch im Studio eingespielt hat, verstehe ich noch weniger. Ich glaube, diese Produktion unter Bartoletti kommt nur deshalb überall halbwegs gut weg, weil es nicht so viele Einspielungen dieser Oper gibt - sie klingt genauso zusammengestoppelt und manipuliert wie das Coverbild dieser CD. Caballe hat einfach nicht die dramatische Stimme für die Gioconda und Pavarotti wäre besser bei Puccinis Schluchzern geblieben. Er klingt erbärmlich, wenn er gleich im ersten Auftritt "Su, fratelli del mar! Alla lotta!" seine Brüder zum Kampf ruft. Einem derart feigen Anführer folgt keine Truppe. Zugegeben, er hat ein paar schöne Phrasen im "Cielo e mar", aber eben nur ein paar schöne. In die vokale Katastrophe manövriert er sich allerdings im anschließenden Duett mit der Laura der Agnes Baltsa. "Vedrem fra poco tramontar la luna" ist ein stimmliches Desaster. Die Baltsa singt ihr "Stella del marinar" deutlich befreiter, da Enzo abgezogen ist. Auch im Duett mit der Caballe "L'amo come il fulgor del creato!" singt sie nicht nur deutlich kultivierter als die schrill forcierende Caballe (das kann ich überhaupt nicht leiden), sondern auch wesentlich dramatischer. Eigentlich hätte ich ihr diese Rolle nicht so recht zugetraut, und trotzdem finde ich sie gemeinsam mit dem Alvise des Nicolai Ghiaurov die beste Protagonistin dieser Aufnahme. Dazu kommt, dass der Beginn unglaublich lahm dirigiert wird und auch Sherill Milnes bei seinem ersten zynischen Auftritt "E canton su lor tombe" allen Sarkasmus schuldig bleibt. Ich finde, es gibt deutlich bessere Alternativenaufnahmen dieser prachtvollen Oper.
Mime (28.12.2007, 17:12): Für mich ist Maria Callas "die" Gioconda schlechthin. Ihre Dynamik in "Suicido" ist bis heute unerreicht.
Sehr ausgewogen ist auch die Aufnahme mit Éva Marton, Margarita Lilowa,Plácido Domingo, Matteo Manuguerra und Kurt Rydl. :hello
Amadé (28.12.2007, 19:00): Hallo Werner,
schön dass ich im fast abgelaufenen Jahr noch mal mit Dir "plaudern" kann und dann noch im hier stiefmütterlich laufenden Opernteil.
Von Poncielli kenne ich nur La Gioconda dem Namen nach, von der Ballettmusik "Tanz der Stunden" besitze ich die feine Fricsay-Aufname aber auch noch Beecham, Ormandy, Karajan und Kempe, das war's dann.
Ich habe mal in Hermes Opernlexikon Bd.2, Düsseldorf 1983, das m.E. recht zuverlässige Hinweise gibt, geschaut. Dort sind von 1931 bis 1981 11 Aufnahmen verzeichnet. Die von Dir angesprochene mit Eilleen Farrell, von der auch ich überzeugt bin, fehlt in der Aufstellung. Dafür ist eine spätere Callas-Produktion (EMI 1959, Dir.Votto) dabei. Vielleicht kennst Du sie nicht, deshalb hier die Charakterisierung: "Cappucillis Stimme war damals noch nicht voll entwickelt, Vinco viel zu derb, der Tenor undifferenziert: Keine Umgebung für eine Callas, die vielleicht auch deshalb ihr sonstiges Niveau nur selten erreicht. Votto hatte nicht die Kraft, Ponciellis Musik interessant zu gestalten." Die von Dir genannte Callas-Aufnahme von 52 kommt besser weg:"Die Callas, die Barbieri und Silveri machen große Oper glaubhaft, solange nicht Poggi irritierend hinzutritt. Das Raffinement der Callas war später gewiß auffallender; die elementare Wirkung ihrer Stimme ist jedoch hier besser zu beurteilen." Diese Produktion wurde auch von Antonio Votto geleitet. Gut beurteilt wird auch eine zweite Aufnahme der Milanov von 1958 bei RCA, Mitstreiter sind di Stefano, Elias, Warren, "ein herrliches Trio". Die von Dir als misslungene Aufnahme der Caballe wird im Hermes ganz anders beurteilt: "...Alle Sänger in Höchstform - eine schönere Aufnahme kann es kaum geben." :I Da Du die Oper genau zu kennen scheinst, ist Dein Urteil über Caballe und... sicher wohl begründet.
Alles Gute und viele Grüße Bernd
manrico (29.12.2007, 12:36): Hallo Mime, hallo Bernd (danke für die nette Begrüssung - ich weiss, ich hab mich in letzter Zeit etwas rar gemacht)!
Ja, ich finde auch, dass die Callas eine superbe Gioconda war (du hast recht, die Aufnahme unter Votto kenn ich nicht), meine Favoritin ist bei der Gioconda doch eindeutig Eileen Farrell. Sowohl in den Live-Mitschnitten 1962 und 1967, vor allem aber in ihrem Recital 1958. Zur dramatischen Gestaltung kommt auch noch die Schönheit und der Umfang der Stimme. Der Aufnahme unter Adam Fischer stehe ich nicht objektiv gegenüber, denn wir waren damals von der Schule aus in der Generalprobe (wir waren am Vormittag praktisch immer in den Generalproben in der Staatsoper mit unserer Musiklehrerin - Künzel sei Dank) und ich war hin und weg von der prächtigen Vorstellung. Natürlich hab ich dann die Premiere aus dem Radio mitgeschnitten. Domingo war stimmlich eine Offenbarung (ein Schnitzer im Cielo e mar, aber was zählt das schon für den Rest der Vorstellung), die momentan erhältliche Fassung scheint nachträglich aufgebessert zu sein, was ich so gehört habe. Ich mein, ich war ja schon als Kind anfällig für die Oper, aber diese Vorstellung hat mich chronisch infiziert. Auch Zinka Milanov ist eine starke Gioconda, ich kenn allerdings nur zwei Live-Mitschnitte (1939 und 1946). Mich erstaunt es wirklich, dass die Caballe gut bewertet wird. Die Gioconda gehört meiner Meinung nach gemeinsam mit der unerträglichen Interpretation der Selica (und der stimmlich völlig verunglückten Anna Bolena) zu Caballes schlechtester Rolle. Allein das "Suicidio!" mit den riesigen Sprüngen ist ein vokaler Parforce-Ritt. Vor allem in den tiefen Passagen - im "fra le tenebre" - landet sie in völliger stimmlicher Finsternis und rettet sich in einen kuriosen Sprechgesang. Diesen Eindruck kann sie auch nicht im Live-Mitschnitt 1979 verbessern. Summa summarum ist sie für mich die schlechteste Gioconda, die ich kenne. Auch eine Grace Bumbry, die ja in der Norma völlig verunglückt ist, singt eine interessantere, schönere Gioconda - nicht völlig makellos, aber doch mit großer Wärme.
Die Caballe hat einer Ansicht nach grandiose Recitals mit ihren "Rarities" (Rossini, Verdi, Donizetti) und ein sehr gutes Recital mit französischen Arien vorgelegt. Auch ihre Aida und ihre Gemma di Vergy mag ich. Vieles andere halte ich für gut, aber überschätzt (z.B. ihre Elisabetta im Don Carlos - auch da hab ich meine Einwände). Aber wie gesagt - die Gioconda gehört für mich zu den Tiefpunkten ihrer Diskographie.
liebe Grüße
Werner
Amonasro (02.08.2013, 18:33): Hallo,
da ich nun angefangen habe, mich für Ponchielli und speziell die Gioconda zu interessieren, grabe ich diesen schon recht alten Thread noch einmal aus und frage:
Welche Aufnahme würdet ihr mir für den Einstieg empfehlen? Es sollte eine Aufnahme sein, bei der alle 5 bzw. 6 wichtigen Rollen (ich weiß nicht, wie groß die Rolle der La Cieca ist) möglichst zufriedenstellend besetzt sind. Zuerst tendierte ich zu Bartoletti, den ich nach einigen negativen Äußerungen über Caballés Leistung aber wieder verworfen habe.
Und dein FAVORIT Sänger Tito Gobbi sing auch noch mit ! Aber die GA mit der Caballè ist trotz aller Unkenrufe sehr gut !!!
LG palestrina
Amonasro (02.08.2013, 22:46): Danke, die hört sich von der Besetzung her wirklich gut an. Welche Rolle singt denn Gobbi in dieser Aufnahme? Offenbar eine sehr kleine Rolle. Wie ich sehe, ist die Aufnahme auch noch ziemlich günstig. Vielleicht kaufe ich die Aufnahme mit Caballé auch noch zusätzlich.
Gruß Amonasro :hello
palestrina (03.08.2013, 06:02): Oh je, Sorry Amonasro es war nicht Gobbi, sondern Cesare Siepi der den Alvise singt !!!!! ?(
Aber die Aufnahme ist trotzdem klasse ! :wink
LG palestrina
Amonasro (02.02.2015, 19:20): Ich habe gerade entdeckt, dass ich meine Eindrücke von der von palestrina empfohlenen Aufnahme (noch einmal Danke dafür! :thanks), die ich mir damals zulegte, hier noch nicht mitgeteilt habe.
Ich besitze die Aufnahme in der Ausgabe von Urania Records, die so aussieht:
Die Aufnahme hat mir eigentlich in allen Rollen sehr gefallen; selbst Mario del Monaco gelingt es hier, verglichen mit seinen sonstigen Aufnahmen überraschend subtil und auch verinnerlicht zu singen (insbesondere im Cielo e mar). Anita Cerquetti, Cesare Sepi, Giulietta Simionato, Ettore Bastianini und Franca Sacchi gelingen jeweils sehr ausdrucksstarke Rollenporträts und es wurden alle in guter stimmlicher Verfassung aufgenommen. Eigentlich weiß ich gar nicht, wen ich hier besonders loben soll. Das Orchesterspiel unter der Leitung Gianandrea Gavazzenis traue ich mich noch nicht zu bewerten, mir fehlt noch eine Vergleichsaufnahme. Die Aufnahme macht aber einen rundum gelungenen Eindruck, auch die Tonqualität ist für das Alter (Aufnahmejahr: 1957, Stereo) ausgezeichnet.
Die Oper selbst scheint mir allerdings sehr plakativ geraten: Eine wirkliche Charakterentwicklung fehlt leider, die Figuren sind zu scharf in Gut und Böse eingeteilt. Die Figur des Barnaba wirkt wie ein zweiter Iago. Ich halte das Libretto daher für eines der schlechteren Boitos (vielleicht war er sich dem ja selbst bewusst, da er es unter einem Pseudonym schrieb?), da es mehr Wert auf effektvolle Szenen und ungewöhnliche Schauplätze legt, als auf psychologische Vorgänge innerhalb der Figuren (einzige Ausnahme vielleicht die Gioconda); kein Vergleich zu Otello. Zudem fällt mir auf, dass dafür ungewöhnlich viel Handlung, "Action" auf der Bühne stattfindet - in welcher anderen Oper sieht man schon den Sänger von einem brennenden Schiff ins Meer springen? Für mich als Liebhaber der eher tieferen Stimmen bietet La Gioconda aber den großen Vorteil, dass sie relativ große Rollen für alle 6 Stimmlagen (Sopran, Mezzosopran, Alt, Tenor, Bariton, Bass) bietet - fast schon eine Seltenheit, denkt man an Komponisten wie Puccini, die Bass, Alt und Mezzosopran weitestgehend ignorieren. Die Musik zum berühmten "Tanz der Stunden" hat mich nicht wirklich beeindruckt.
Insgesamt ist La Gioconda aber sicher eine interessante Oper mit einigen musikalischen Höhepunkten, die mir in der Gavazzeni-Aufnahme nun schon einige kurzweilige Stunden beschert hat. Sicher wären zum Vergleich auch Ponchiellis andere Werke interessant.
Gruß Amonasro :hello
Rotkäppchen (02.02.2015, 20:40): Hallo Amonasro,
Deine interessante Besprechung hat mich jetzt neugierig gemacht auf diese Oper, die mir bisher nur vom Namen her bekannt war. Zu meiner Freude habe ich festgestellt, dass es genau diese Aufnahme zum "unkomplizierten Eben-mal-Reinhören" :wink hier gibt: http://youtu.be/uAVDSOnbx54. Das ist wirklich kurzweilige Musik, da gebe ich Dir Recht. Auf tiefe Stimmen bin ich nun gerade nicht so scharf, aber Anita Cerquetti und Giulietta Simionato gefallen mir schonmal ganz ausgezeichnet!
LG, Rk
Amonasro (02.02.2015, 22:12): Hallo Rotkäppchen,
der Tenor und die Sopranistin haben natürlich auch hier das meiste zu singen.
Ich denke, mit dieser Aufnahme macht man aber wirklich nichts falsch, denn die Sänger sind wirklich ausgezeichnet. Giulietta Simionato ist übrigens eine meiner liebsten Mezzosopranistinen. Sie hat meines Wissens auch sehr oft mit der Callas zusammen gesungen. Von Anita Cerquetti ist das bisher die einzige Aufnahme, die ich kenne, aber auch sie hat einen sehr guten Eindruck bei mir hinterlassen. Der einzige Schwachpunkt der Aufnahme ist, dass Mario del Monaco (obwohl hier für seine Verhältnisse sehr differenziert) und Ettore Bastianini, der wie ich finde eine der schönsten Bariton-Stimmen hat, verglichen mit den Damen an einigen Stellen in der Interpretation etwas zu oberflächlich bleiben.
Gruß Amonasro :hello
palestrina (03.02.2015, 12:52): Hallo , die Gioconda war die einzige Studio Oper von meiner über alles geliebten Anita Cerquetti und ein Studio Recital .Ansonsten nur Live Aufn.in sehr unterschiedlicher Tonquallität !
palestrina (03.02.2015, 12:57): Hier noch die Titel der CD ...
Titelverzeichnis
O Patria Mia / Aida Mercé, diletti amiche(Bolero) /I vespri Siciliani Casta diva/ Norma O re dei cieli/ Agnese di Hohenstaufen -Spontini Anch'io dischiuso un giorno/ Nabucco Ernani, involami/Ernani Vissi d'arte/Tosca Pace, pace, mio dio/ Forza Suicido/Gioconda E un atema /Gioconda
LG palestrina
Amonasro (31.08.2016, 23:58): Zu der Gavazzeni-Aufnahme kam bei mir nun diese hinzu:
Mit den Sängern bin ich sehr zufrieden, allerdings gefällt mir der dunklere Klang von Anita Cerquetti in der Rolle der Gioconda besser als Caballés eher lyrische Stimme. Pavarotti nehme ich den heldischen Auftritt im 1. Akt nicht ganz ab, der trauernde Liebende gelingt ihm aber sehr glaubhaft. Am besten gefallen mir Agnes Baltsa als Laura und Sherrill Milnes als Barnaba, der die Rolle deutlich fieser und lebendiger gestaltet als der deutlich einförmiger klingende Bastianini unter Gavazzeni. Ghiaurov singt den Inquisitor angemessen bedrohlich, La Cieca wird von Alfreda Hodgson gesungen. Das Orchester unter Bruno Bartoletti kommt hier schon allein durch die Tonqualität wesentlich besser zur Geltung als in der älteren Aufnahme, insbesondere die (wenigen) lyrischen Abschnitte gewinnen dadurch.
Der Oper selbst kann ich mittlerweile mehr abgewinnen als noch vor einigen Monaten. Das Libretto finde ich zwar nach wie vor sehr an den Haaren herbeigezogen und teilweise unlogisch (z. B.: Wie kommt La Gioconda ungesehen in Alvises Palast und wieso hat sie zufällig ein starkes Schlafmittel mitgebracht?), einige Musiknummern finde ich aber sehr eindrucksvoll. Zu nennen sind hier die Arie von La Cieca im 1. Akt, die Duette Enzo/Laura und Laura/Gioconda im 2. Akt und eigentlich der ganze 4. Akt (insbesondere Suicidio und das Terzett La Gioconda/Enzo/Laura). Auch der Tanz der Stunden gefällt mir zumindest besser als viele andere Ballett-Einlagen (inzwischen habe ich auch die anscheinend sehr bekannte Disney-Version aus Fantasia gesehen, die ich vorher nicht kannte).
Gruß Amonasro
palestrina (01.09.2016, 23:11): Original von Amonasro
allerdings gefällt mir der dunklere Klang von Anita Cerquetti in der Rolle der Gioconda besser
Gruß Amonasro
Na, das will ich wohl meinen und del Monaco ein draufgängerischer Enzo ! :wink
LG palestrina
Amonasro (02.09.2016, 00:03): Del Monaco singt mir ehrlich gesagt oft zu oberflächlich, hier passt er aber. Außer vielleicht bei der Titelfigur (Suicidio) findet sowieso keine interessante Charakterdarstellung statt. Alle Figuren handeln ziemlich holzschnittartig, ohne das eigene Handeln zu reflektieren. Bei Enzo ist es besonders extrem: Er hat immer schöne Melodien zu singen, handelt aber ziemlich egoistisch. Gioconda lässt er bei der ersten Gelegenheit sofort fallen und geht sofort auf Barnabas Angebot ein, obwohl der ihm direkt sagt, dass er damit nur Gioconda schaden will - nicht gerade sympathisch. Die durchdringende heldische Stimme von Del Monaco passt da sehr gut, die Trauer über Lauras Tod höre ich dagegen bei Pavarotti deutlicher heraus.