Cantus Arcticus (06.09.2011, 19:58): Heitor Villa-Lobos (gesprochen Héctor Vila-Lobus) wurde am 5.3.1887 in Rio de Janeiro geboren. Er war Schüler von Agnelo Franca (Harmonie) und später war Bruno Niederberger sein Lehrer für Violoncello. Villa-Lobos lebte 1923-24 und 1927-30 in Paris von wo aus er Lissabon, Brüssel und Barcelona besuchte.Er übernahm in den späteren Jahren wichtige öffentliche Ämter in Brasilien: 1932 wurde er Leiter des Musikschulwesens von Rio de Janeiro, 1942 hatte er die Verantwortung darüber für ganz Brasilien. Im selben Jahr gründete er das Conservatório Nacional de Canto Orfeônico und 3 Jahre spater die Academia Brasileira de Música.
Der Umfang seines kompositorischen Werkes wird unterschiedlich angegeben. je nach Art der Zählung schwankt die Zahl zwischen 800 - 1000. Es umfasst alle traditionellen Gattungen der Musik. Sie enthält Elemente der Romantik, des Impressionismus sowie des Neobarocks bis hin zu neuen, von ihm erfundenen Formen wie z.B. den "Chôros"; hier verwenden verschiedene Besetzungen Teile der brasilianischen Volksmusik in den Kompositionen Villa-Lobos'. Die bekanntesten Werke sind zweifellos die Bachianas Brasileiras, die angeregt durch seine Beschäftigung mit dem Bachschen Kontrapunkt entstanden sind. In seiner Musik sind unschwer
Heictor Villa-Lobos ist in Brasilien eine Legende. Er war weitgehend Autodidakt (trotz seiner musikalischen Ausbildung) und beschäftigte sich sehr intensiv mit der Volksmusik seines Landes. Erst durch ihn wurden Stürmische Reformen in der Musik seines nationalistisch regierten Heimatlandes möglich.
Heitor Villa-Lobos starb am 17.11.1959 im Alter von 72 Jahren in Rio de Janeiro.
Grüsse :hello Stefan
Sully (06.09.2011, 23:16): Hallo Cantus Arcticus,
ein Danke für dieses Thema. Dazu mein Beitrag. Zu weiteren Infos hier die '' Heitor Villa-Lobos Website'' - http://www.villalobos.ca
Die Pianokonzerte von Villa-Lobos sind weitgehend unbekannt. Für mich sehr hörenswert.
Album: Villa-Lobos - The 5 Piano Concertos - 2 CD's
Christina Ortiz Piano; Royal Philharmonic Orchestra, cond. Miguel Gomez-Martinez rec. 1997
Gruß Sully
Armin70 (07.09.2011, 00:20): Gewisse Stücke von Heitor Villa-Lobos, z. B. die Bachianas Brasileiras Nr. 1 und 5, kannte ich zwar schon seit einiger Zeit und diese haben mir auch von Anfang an ganz gut gefallen. Irgendwie bin ich aber nie so richtig dazu gekommen, mich intensiver mit Villa-Lobos' Musik zu beschäftigen.
Das hat sich nun seit kurzer Zeit glücklicherweise geändert als ich mir diese CD-Box kaufte:
Hier sind auf 7 CD`s alle Choros und Bachianas Brasileiras, sowie als Zugabe sämtliche Werke für Solo-Gitarre, aufgenommen.
Das ist schon eine sehr faszinierende und vor allem abwechslungsreiche Musik, die Villa-Lobos da komponierte.
Die "Choros" entstanden zwischen 1920 und 1929 und das Wort "Choros" bedeutet soviel wie Weinen, Schreien. Die brasilianischen Straßenmusiker wurden so bezeichnet, deren Musik eine Mischung aus brasilianisch-afrikanischen und europäischen Stilen darstellt. Villa-Lobos hat in seinen "Choros" diese verschiedenen Stile ebenfalls berücksichtigt und er hat insbesondere auch Elemente, die in der Musik der brasilianischen Ureinwohner vorkommen, mit einbezogen.
Die ganz Vielfalt der insgesamt 16 Choros, wobei 2 Werke verschollen sind, spiegelt sich in den verschiedenen Besetzungen. Es gibt einerseits kammermusikalische Besetzungen für Solo-Gitarre, Solo-Klavier, Duos für Violine und Violoncello sowie für Flöte und Fagott, Bläserquintett bis hin zu der Kombination Männerchor und Bläser. Dann gibt es konzertante Besetzungen wie die Choros Nr. 11 für Klavier und Orchester, welche ein verkapptes Klavierkonzert ist mit einer Spieldauer von ca. 63 Minuten und mit den Choros Nr. 6, 8, 9, 10 und 12 dann noch die sinfonisch gearbeiteten Werke für großes Orchester, teilweise mit Chor (Nr. 10). Diese sinfonischen Werke aus dem Zyklus sind ein einziger Klangrausch, den Villa-Lobos da entfacht und dem Orchester wird da auch alles abverlangt. Beim Anhören dieser Werke sehe ich den brasilianischen Amazonas-Dschungel mit all seiner bunten Vielfalt förmlich vor mir.
Bei uns sind die "Bachianas Brasileiras" wahrscheinlich bekannter, vor allem für die o. g. Werke aus diesem Zyklus trifft das sicherlich zu. Villa-Lobos hat hier eine Synthese aus der europäischen Musiktradition (Johann Sebastian Bach, den er sehr verehrte) mit ihrer Kontrapunktik und der brasilianischen Rhythmik mit ihren afrikanischen Wurzeln hergestellt.
Wie in den "Choros" so sind auch die "Bachianas Brasileiras" für unterschiedliche Besetzungen komponiert. Die Palette reicht hier auch von der Kammermusik bis hin zur großen Orchesterbesetzung. Bei der Nr. 4 aus diesem Zyklus gibt es sowohl eine Fassung für Klavier und eine für großes Orchester und die Nr. 9 gibt es einmal als Version für Chor a-capella und für Streichorchester. Diese verschiedenen Fassungen sind in der o. g. Aufnahme auch alle enthalten.
Die BIS-Aufnahme läßt für mich keine Wünsche offen. Versammelt sind hier hochkarätige Musiker, z. B. Antonio Meneses, Jean Louis Steuerman, Cristina Ortiz, Fabio Zanon und Anders Miolin. Die kleiner besetzten Werke werden von Mitgliedern des Sao Paulo Symphony Orchestras gespielt und dieses Orchester spielt diese Werke wirklich mit Herzblut, voller Leidenschaft und mit einem virtuosen Feuer, dass es die reinste Freude ist. Auch der Chor des Orchesters singt brilliant, vor allem in der eminent schwierigen 9. Bachianas Brasileiras in der a-capella-Version kann man dies bewundern.
Hinzu kommt die hervorragende Klangqualität, so wie man es bei BIS auch gewohnt ist.
Cantus Arcticus (07.09.2011, 08:28): Original von Sully Hallo Cantus Arcticus,
ein Danke für dieses Thema. Dazu mein Beitrag. Zu weiteren Infos hier die '' Heitor Villa-Lobos Website'' - http://www.villalobos.ca
Die Pianokonzerte von Villa-Lobos sind weitgehend unbekannt. Für mich sehr hörenswert.
Album: Villa-Lobos - The 5 Piano Concertos - 2 CD's
Christina Ortiz Piano; Royal Philharmonic Orchestra, cond. Miguel Gomez-Martinez rec. 1997
Gruß Sully
Hallo Sully Besten Dank für deine Ergänzung :thanks
Diese Einspielungen der Klavierkonzerte habe ich mir kürzlich zugelegt und ich muss Dir beipflichten. Mir gefallen Sie ausserordentlich gut :engel.
Viele Grüsse Stefan
Cantus Arcticus (07.09.2011, 08:41): Original von Armin70 Gewisse Stücke von Heitor Villa-Lobos, z. B. die Bachianas Brasileiras Nr. 1 und 5, kannte ich zwar schon seit einiger Zeit und diese haben mir auch von Anfang an ganz gut gefallen. Irgendwie bin ich aber nie so richtig dazu gekommen, mich intensiver mit Villa-Lobos' Musik zu beschäftigen. ... Das ist schon eine sehr faszinierende und vor allem abwechslungsreiche Musik, die Villa-Lobos da komponierte. ...Beim Anhören dieser Werke sehe ich den brasilianischen Amazonas-Dschungel mit all seiner bunten Vielfalt förmlich vor mir. ...
Lieber Armin Vielen Dank für Deine ergänzenden Erläuterungen :)
Ich habe mir diese Ausgabe besorgt, die Villa-Lobos als Dirigenten seiner eigenen Werke präsentieren: http://ecx.images-amazon.com/images/I/51AFZKXDd%2BL._SS400_.jpg
CD1 Descobrimento do Brasil Invocaçâo em defesa da Patria
CD2 Bachianas Brasileiras 1-3
CD3 Bachianas Brasileiras 4-7
CD4 Bachianas Brasileiras 8-9 Chôros 2, 5 & 10 2 Chôros (bis) for violin and cello
CD5 Chôros No. 11 Villa-Lobos talks: What is a Chôros? (Lecture in French)
CD6 Momoprecoce Piano Concerto No.5 Symphony No. 4 'A Vitoria'
Viele Grüsse :hello Stefan
Nordolf (07.09.2011, 16:16): Danke an Stefan für den Einführungsbeitrag!
Auf die "Bachianas Brasileiras No. 2" von Heitor Villa-Lobos trifft wohl am deutlichsten zu, was ein Kritiker einst über die gesamte Suite-Reihe geschrieben hatte: - Villa Lobos schreibe "den Namen von Bach an den Himmel mit dem Rauch ausrangierter Lokomotiven in der brasilianischen Wüste". Schöne, einprägsame Harmonien verbreiten eine exotische, filmisch anmutende "smooth"-Stimmung. Es gibt einige "Ohrwürmer" in diesem vierteiligen Werk zu hören. Die herrlich langgezogenen, atmenden Saxophonstellen am Beginn des ersten Abschnitts "The Song of the Countryman" ziehen mich gleich in ihren Bann - sie verbreiten eine gewisse träge Melancholie. Auch der Beginn von "The Song of our Country" ist von einprägsamer Leidenschaft und leitet in melancholische Cello- und Saxophoneklänge über, die wiederum von lässigen, "jazzy" Rhythmen abgelöst werden. An den Ohrwurmmelodien der Posaune und anderer Blechbläser bei "Memory of the Desert" kann ich mich auch nicht satthören. "The little Train of the Brazilian Countryman" zeichnet das Bild einer Fahrt mit einer Dampflokomotive: - wieder sehr "jazzy", langsam oder tänzerisch stampfend, mit allerlei brasilianischer Perkussion versehen und mit einem lauten Schlag endend.
Enrique Arturo Diemecke / The Royal Philharmonic Orchestra 1994 (gekoppelt mit Carlos Gomez: Overture "Il Guarany" / Jose Moncayo: Huapango / Alberto Ginastera: Variaciones Concertantes)
und
http://www.jpc.de/image/w600/front/0/5099950084326.jpg Enrique Batiz / Royal Philharmonic Orchestra 1985 (gekoppelt mit sämlichen anderen Bachianas Brasileiras Nr. 1 - 9 / Momoprecoce / Guitar Concerto)
Beide Aufnahmen sind ganz hervorragend gelungen und haben viele Gemeinsamkeiten. Sie betonen die spätromantischen, temperamentvollen und modern-jazzigen Seiten der Musik. Die Mono-Aufnahme des Komponisten selbst - die ich aber nicht kenne - soll ja in weit größerem Ausmaße die Bach-Einflüsse in den Vordergrund stellen. Enrique Arturo Diemecke und Enrique Batiz sind beide Mexikaner - vielleicht handelt es sich bei diesem feurigen Angang um eine typisch mexikanische Interpretationsweise. Da wäre es dann interessant zu hören, was der Brasilianer John Neschling (BIS) im Vergleich aus dem Werk macht.
Gerade die klanglich sehr gute, preiswerte EMI-Box von Batiz eignet sich hervorragend zum Einstieg in die Tonwelt von Villa-Lobos.
Herzliche Grüße! Nordolf
Jürgen (09.09.2011, 08:59): Ich habe nur folgende:
Mal abgesehen davon, dass die Nr.5 doppelt ist, habe ich keine Vergleichseinspielungen :D. Mir fehlt daher die Grundlage zum Meckern.
Ausserdem: http://991.com/newGallery/Isao-Tomita-Dawn-Chorus-494965.jpg Tomita pickt sich aber nur einzelne Motive heraus. Damals ganz lustig.
Grüße Jürgen
Rideamus (09.09.2011, 11:07): In dem Thread fehlt aber noch eine der besten Aufnahmen, nämlich die von Michael Tilson Thomas, die leider bei uns schon wieder gestrichen wurde:
Sie verbindet die (mit Recht) populärsten Bachianas (Nr. 4, 5, 7. 9) mit der groß angelegten Nr. 10 der Choros in vorbildlichen Aufnahmen, die sich auch neben der eigenen Einspielung des Komponisten hören lassen können und zudem noch deutlich besser klingen.
Wer ein Ohr für diese faszinierende Musik hat und diese Aufnahme noch erhaschen kann, sollte das unbedingt tun,
:hello Rideamus
Cantus Arcticus (11.09.2011, 15:38): Original von Rideamus In dem Thread fehlt aber noch eine der besten Aufnahmen, nämlich die von Michael Tilson Thomas, die leider bei uns schon wieder gestrichen wurde:
Sie verbindet die (mit Recht) populärsten Bachianas (Nr. 4, 5, 7. 9) mit der groß angelegten Nr. 10 der Choros in vorbildlichen Aufnahmen, die sich auch neben der eigenen Einspielung des Komponisten hören lassen können und zudem noch deutlich besser klingen.
Wer ein Ohr für diese faszinierende Musik hat und diese Aufnahme noch erhaschen kann, sollte das unbedingt tun,
:hello Rideamus
Hallo Rideamus Vielen Dank für den Hinweis. Habe diese CD soeben via Amazon bestellt :thanks
Gruss Stefan
tapeesa (23.06.2021, 08:58): Nach dem Hören von Chôros No. 8 und 9 habe ich mich gefragt, wie man das dirigiert. Dann dieses Video gefunden:
Chôros No. 10 / Villa-Lobos • São Paulo Symphony Orchestra
Finde, das Persönliche tritt sehr zurück (wozu man im Konkreten vermutlich sehr gut sein muss). Der Unterschied zwischen Dirigent und Orchester / Chor flacht ab. Der gemeinsame Puls, Fluss deutlich im Zentrum.
Diese sinfonischen Werke aus dem Zyklus sind ein einziger Klangrausch, den Villa-Lobos da entfacht und dem Orchester wird da auch alles abverlangt. Ja.
(Ich wusste gar nicht, dass Chôros "Weinen" bedeutet. Auch zur Entstehungszeit von Chôros No. 8, habe ich gestern noch unterschiedliche Angaben gefunden. Ein großes Feld, das sich da auftut.)
Philidor (23.06.2021, 13:40): In dem Thread fehlt aber noch eine der besten Aufnahmen, nämlich die von Michael Tilson Thomas, die leider bei uns schon wieder gestrichen wurde:
Sie verbindet die (mit Recht) populärsten Bachianas (Nr. 4, 5, 7. 9) mit der groß angelegten Nr. 10 der Choros in vorbildlichen Aufnahmen, die sich auch neben der eigenen Einspielung des Komponisten hören lassen können und zudem noch deutlich besser klingen.
Wer ein Ohr für diese faszinierende Musik hat und diese Aufnahme noch erhaschen kann, sollte das unbedingt tun,
:hello Rideamus Das Kleid von Renée Fleming ist wirklich toll. Einmalig.
Gruß Philidor
:hello
Amonasro (23.06.2021, 17:55): Nach dem Hören von Chôros No. 8 und 9 habe ich mich gefragt, wie man das dirigiert. Dann dieses Video gefunden:
Chôros No. 10 / Villa-Lobos • São Paulo Symphony Orchestra
Finde, das Persönliche tritt sehr zurück (wozu man im Konkreten vermutlich sehr gut sein muss). Der Unterschied zwischen Dirigent und Orchester / Chor flacht ab. Der gemeinsame Puls, Fluss deutlich im Zentrum. Das Video von Choros Nr. 10 unter Neschling finde ich auch ganz ausgezeichnet. Die Spielfreude ist den Beteiligten anzusehen. Das von dir Beschriebene scheint mir irgendwie auch allgemein ein Merkmal von Villa-Lobos' Vokalmusik. Die Chöre und Singstimmen werden bei ihm hauptsächlich lautmalerisch eingesetzt und wie Instrumente in den Gesamtklang eingebettet. Bei seiner eigenen Aufnahme der Choros Nr. 10 hat Villa-Lobos den Text wegen eines Urheberrechtsstreits durch Vokalisen ersetzt.
Die Choros sind vielleicht die interessanteste Werkgruppe Villa-Lobos. Die Spannbreite in Besetzung und Umfang ist noch größer als bei den Bachianas brasileiras. Von Solo-Gitarre (Nr. 1) bis zu großem Orchester mit Chor ist alles dabei. Trotzdem wollte Villa-Lobos sie offenbar als Zyklus rezipiert wissen, da er abschließend die Introdução aos Chôros: Abertura (Introduktion zu den Choros: Ouvertüre) schrieb, die Themen aus mehreren Choros aufgreift und so nachträglich einen Zusammenhang herstellt. Gerade bei den freieren Formen wie den Choros scheint er mir mehr in seinem Element als wenn er sich an den klassischen Gattungen versucht hat: Bei seinen Klavierkonzerten z.B. ist der Funken für mich noch nicht so recht übergesprungen, obwohl ich Choros Nr. 11 und Momoprecoce (beides Orchesterwerke mit Klavier) besonders mag.
Die Nummerierung der Werke ist etwas eingenwillig und scheint keineswegs die Entstehungsreihenfolge wiederzugeben. Auch gibt es in Villa-Lobos' riesigen Output (der englische Wikipedia-Artikel spricht gar von 2000 Werken) eine seltsam hohe Anzahl schon zu seinen Lebzeiten verschollener Werke: hier gehören Choros Nr. 13 & 14 genauso dazu wie die 5. Sinfonie, das erste Sexteto mistico, das 6. Prelude für Gitarre und die 3. Suite A prole do bebe.
Sicher ist brasilianische Folklore in Villa-Lobos’ Musik. Insbesondere finden sich in seinem Orchester immer wieder eine Vielzahl traditioneller brasilianischer Schlaginstrumente wie Chocalhos, Reco-reco, Caracaxá, Caraxá, Puíta, Surdo, Camisão, Pio, Tartaruga, Caxambu, Cuica, Kokosnussschalen, Matracas, Pandeira, Lion's roar, usw. Die Gestalter der CD-Cover übertreiben es hier aber regelmäßig. Insbesondere scheinen sie zu denken, das eine Villa-Lobos-CD nicht ohne Papagei auskommen kann. :D So kitschig, wie das Tilson Thomas/Fleming-Cover suggeriert, finde ich Villa-Lobos’ Musik überhaupt nicht.
Insbesondere unter seinen frühen Werken, die er während seiner mehrjärigen Paris-Aufenthalte schrieb, sind einige moderne Werke, die sicher nichts kitschiges an sich haben. Besonders beeindruckend finde ich das Anton Rubinstein gewidmete rhapsodische Klavierwerk Rudepoema - wild und aufwühlend. Aber auch die im Thread schon genannten weitestgehend atonalen Choros Nr. 8 (zur Zeit der Pariser Premiere als Le fou huitième - Die verrückte Acht bekannt) gehören dazu. Das Sexteto mistico ist ein sehr nach französischem Impressionismus klingendes Werk mit sehr aparter Besetzung (Flöte, Oboe, Altsaxophon, Gitarre, Celesta und Harfe).
Gruß Amonasro :hello
Andréjo (23.06.2021, 23:55): Ein schwerer Fan von Villa-Lobos bin ich auf jeden Fall und alles, was ich in diesem Thread bislang gelesen habe, kann ich entweder bestätigen oder es war des Erfahrens und Kennenlernens wert.
Mit Ausnahme der CD, die Nordolf als erste verlinkt hat, besitze ich alle bislang gezeigten und noch einige andere und wüsste nicht wirklich, was ich zu kritisieren hätte. Natürlich darf man an die Eigenproduktionen des Komponisten nicht die gleichen klangtechnischen Ansprüche stellen, aber die Aufnahmen, die meiner Erinnerung nach alle in seinem letzten Lebensjahrzehnt entstanden, sind auch nicht wirklich schwach und dafür eben auf eine spezifische Weise authentisch. Das fällt beispielsweise bei den Choros X ganz besonders auf, wo der Chor so quasi folkloristisch respektlos singt wie bei keiner anderen der mir zugänglichen rund fünf Aufnahmen.
Der BIS-Produktion würde ich die Krone reichen - auf den ersten Blick sieht man nicht, dass dort auch auf einer CD das Gitarrenwerk enthalten ist.
Amonasro nennt auch Werke, von denen ich nicht wusste, dass sie verschollen sind. Von den letzten beiden Choros - und von der 5. Sinfonie - war mir das bekannt. Es gilt nicht als sicher, dass Villa-Lobos die Choros 13 und 14 überhaupt geschrieben hat. Er muss in diesen Dingen sehr sorglos und vielleicht auch einen Hauch hochstaplerisch gewesen sein. Und auch wenn ich weit über 50 Werke von ihm mittlerweile kenne - darunter auch die sehr reiz- und niveauvollen Streichquartette, an denen man seine Entwicklung schön aufzeigen kann, ist im riesigen Oeuvre zwangsläufig nicht alles gleichwertig respektive klar unterscheidbar.
Doch es bleibt genug, das sich aus verschiedenen Gründen allenthalben lohnt - und zuletzt Amonasro hat hier Wesentliches dazu geschrieben.
Wenn ich denn gezwungen wäre, Favoriten für mich zu benennen, dann wären es auch die Choros und besonders die Nummer zehn. Die Sinfonien standen mir lange ferner, aber das ist ebenso wenig unwichtige Musik, vielleicht fehlt ihnen ein gewisses Maß an Unverwechselbarkeit. Die Bachianas dürften die bekannteste Werkgruppe von ihm darstellen. Die Klavierkonzerte mag ich eigentlich schon, für die ersten drei habe ich eine Zeitlang geschwärmt - erst in den letzten beiden, sehr spät entstandenen Werken hat der Brasilianer sich ein wenig totgelaufen in Phrasenhaftigkeit und melodischer Blässe.
Hier könnte aber eine Rolle spielen, dass ich mich per Tonband und Rundfunk in die dritte der Bachianas und in die ersten beiden Klavierkonzerte schon vor über vierzig Jahren eingehört habe, als mich der Stil des Komponisten in seiner Frische überwältigt hat, als alles neu war.
Verlinken möchte ich noch die günstige und gelungene Integral-Einspielung der Quartette:
Noch ein kleines Apercu, das mich schon länger gleichermaßen grinsen lässt wie zum Nachdenken bewegt hat: Die verschollene Sinfonie gehört abschließend zu einer Trias, die in den Vierzigern entstanden ist. Krieg - Sieg - Frieden. Nun, wann wird Letzterer wohl wirklich eintreten auf Erden und nicht an so vielen Orten verschollen sein ... ?
Es grüßt Wolfgang
tapeesa (24.06.2021, 09:05): "Rasga o Coração":
Was ich dazu (vorwiegend auch in englischsprachigen Wikipedia-Artikeln) finde: Villa-Lobos hat den Chôros Nr. 10 damit, sowie dem Zusatz "D'après la poésie de Catulo Cearense" ("Nach der Poesie von Catulo Cearense") untertitelt. Catulo da Paixão Cearense war ein Freund und Chorkollege von Villa-Lobos, der bei der Uraufführung dabei und emotional überwältigt von der Vertonung seines Gedichtes war.
Catulo hat später aus finanziellen Nöten, die Urheberrechte von all seinen literarischen Werken verkauft. An Guimarães Martins, der nach ca. 30 Jahren "zufällig" darauf aufmerksam wurde, dass das Gedicht Teil von Villa-Lobos Werk ist. Dann kam es zu einer Urheberrechtsklage, die 1956 zu Gunsten Villa-Lobos entschieden wurde. Die eigene Aufnahme von Villa-Lobos mit den Vokalisen dürfte dann Paris / 1957 gewesen sein? Dann gibt es noch Aufnahmen mit teilweise heraus genommenen / ersetzten Text und in den meisten späteren werden die Worte Catulo Cearenses wieder verwandt.
(Alleine das ist ja schon ein Dschungel ... und Urheberrechte aus Not verkaufen zu müssen, klingt sehr schmerzhaft.)
Werde nach einer guten Übersetzung von "Rasga o Coração" auf die Suche gehen. Ich kann leider kein portugiesisch und Übersetzungs-Programme sind an der Stelle eher gruselig. "Rasga o Coração" habe ich verschieden übersetzt gefunden (Herz zerreißen, Herz heraus reißen).
Die bisher gehörten Klavierwerke mag ich, wie gut "mein Zugang" ist, kann ich schwer einschätzen. Was ich aber weiß ist, dass das "Sexteto mistico" zu erschließen, Arbeit werden wird. Nicht so schwer wie bei Wagner, aber es löst heftigeres Erleben aus. Eine Idee warum, ist vorhanden. So kitschig, wie das Tilson Thomas/Fleming-Cover suggeriert, finde ich Villa-Lobos’ Musik überhaupt nicht. Kitsch verbinde ich auch gar nicht mit Villa-Lobos. Eher das Gegenteil.
Auf Villa-Lobos und auch das "Rudepoêma" bin ich über dich hier im Forum aufmerksam geworden. Ziemlich zeitnah nachdem ich begonnen habe, mich tiefer mit klassischer Musik zu beschäftigen. Ich erinnere noch genau, wie ich beim ersten Mal Villa-Lobos hören, völlig überrascht war.
Das CD-Cover mit dem Wolf und Mond, die Einspielung von Marc-André Hamelin, erinnere ich ebenso. Da wieder eine "Lücke" beim Streaming Anbieter, habe ich gestern diese beiden Videos angesehen: https://www.youtube.com/watch?v=VjjtJhExOuA https://www.youtube.com/watch?v=5VZFVALQQ3A Damals hatte ich Rubinstein plays Villa Lobos "Rudepoema" (1940) gesehen / gehört.
Eigentlich bevorzuge ich reines Hören, aber gerade bei weniger bekannten Instrumenten oder Instrumental-Verwendungen, hilft mir das Sehen. Beim Einsatz von zwei "Rasseln" im Choros 10, wäre ich nur vom Hören nicht darauf gekommen, dass die eine wohl eher metallisch, die andere aus Holz ist und was für Klänge sowie einzeln, als auch in Kombination das erzeugt.
Ich freue mich gerade sehr, vielleicht einen Faden für tieferen Zugang zu Villa-Lobos Musik gefunden zu haben.
Gruß, tapeesa _____________
Er muss in diesen Dingen sehr sorglos und vielleicht auch einen Hauch hochstaplerisch gewesen sein. Dazu fällt mir ein (ich meine in: "Villa-Lobos: Der Aufbruch der brasilianischen Musik" von Manuel Negwer) gelesen zu haben, dass Villa-Lobos mit einer sehr selbstbewussten Haltung nach Europa kam.
Im Netz finde ich das hier wieder:
"Er war der erste, der dem musikalischen Erbe der Alten Welt selbstbewusst entgegentrat: "Ich bin nicht gekommen, um zu lernen, sondern um zu zeigen, was ich bisher gemacht habe", erklärte er bei seiner Ankunft in Paris." SWR2 Musikstunde Der Komponist, der aus den Tropen kam - Heitor Villa-Lobos (3)
Soweit ich erinnere stand in Negwers Buch auch, dass er Geschichten erzählen mochte. Fantastisches. "Seemannsgarn", was sich mit der SWR2 Beschreibung decken würde.
Auch ein Gruß, tapeesa ________
Habe mich lange mit dem Zugang zu den Bachianas schwer getan.Diese CD spricht mich sehr an:
Heitor Villa-Lobos - Bachianas Brasileiras (Complete) Rosana Lamosa (Sopran) (Nr. 5) Anthony La Marchina (Solo Cello), José Feghali, (Piano) (Nr. 3), Erik Gratton (Solo Flöte), Cynthia Estill (Solo Fagott) Nashville Symphony, Kenneth Schermerhorn, Andrew Mogrelia (Nr. 1)