Schweizer (02.01.2012, 18:17): ...und I pazzi per progetto am Opernhaus Zürich (Matinée am 1.1.2012)
Bei beiden Stücken handelt es sich um Gelegenheitsarbeiten von Donizetti um Geld zu verdienen: das erste Stück ist mit Dramma giocoso überschrieben, das Zweite als Farce. Das erste Werk ist in einer andern Fassung als "Viva la Mamma" besser bekannt: es erinnert von ferne an das Vorspiel von Strauss' Ariadne, in dem es auch eine Prima Donna, einen Tenor und sonst viel Personal gibt. Hier geht es um eine Theaterprobe, in der vieles schief läuft, jeder seine Eitelkeiten zur Schau stellt, es wird intrigiert, raisoniert, schwadroniert, irgendwer unterbricht immer wann und wenn die Probe endlich beginnen sollte ... und so weiter und so fort ... und Mamma Agata (Anton Scharinger), Mutter der seconda Donna, mischt dann alles auf. Dieser Doppel-Donizetti wurde von Martin Kusej vor 10 Jahren an der Stuttgarter Staatsoper herausgebracht, jetzt erfolgte zwischen Weihnacht und Neujahr das Remake in Zürich, leider! Denn der Kärntner enttäuscht in zweierlei Hinsicht: die Fans seiner Regiearbeiten finden seinen Zugriff zu zahm, die Gegner monieren sein mangelndes Talent für komische Stoffe. Und ich als neutraler Besucher habe mich wie der Grossteils des Publikums die ersten 20-30 Minuten amüsiert, danach wurde es dröge. Dem geneigten Leser sei eine Erklärung geliefert: es geht von Beginn weg derart turbulent zu und her, es wird dem Auge so viel geboten, dass man relativ schnell ob des ständigen Gewusels auf der Bühne (wo dauernd irgendjemand mit einem Andern rauft, streitet, die Hände verwirft, hinfällt, an den Haaren oder sonstwo zieht) ermüdet; und dann wiederholt sich das endlos, es gibt keine Steigerung, man wird dem Ganzen überdrüssig und beginnt sich schlicht zu langweilen. Ein weiterer Fauxpas von Kusej sei erwähnt: warum die Paraderolle der Mama Agata als Transvestit mit löchrigen Netzstrümpfen in Jeans-Hotpants und Lederjacke auftreten muss, bleibt des Regisseurs Geheimnis, entbehrt jeglichen Charmes, lässt mich ratlos zurück. Es wurde ordentlich bis gut gesungen, die Sänger waren alle sehr engagiert dabei das nie enden wollende Durcheinander/Tempo auf der Bühne während knapp 90 Minuten durchzuhalten, was gelang. Als Prima Donna debütierte Mandy Fredrich in Zürich, die im kommenden Sommer in Salzburg die Königin der Nacht in der Harnoncourt-Zauberflöte geben wird. Sie meisterte die Bravourarie des ersten Werks mit ordentlich viel Stimme und dennoch koloraturen- geläufig. Das zweite Werk spielte in einem Irrenhaus: leider war/wurde nie klar wann wer nur verrückt spielt (um seine Ziele zu erreichen) und wann wahre Aktion/Gefühle angesagt war/sind. Das wurde für mich dann derart verwirrend, dass ich irgendwann resignierte, den Verständnis-Wollen-Knopf abschaltete und nur noch der Musik lauschte. Die war stets gefällig und zum Schluss konnte dann Eva Liebau (sie wird in Salzburg als eine der drei Nymphen in der Ariadne zu hören sein) mit der Bravourarie des zweiten Werks brillieren. Das Orchester unter Paolino Carignani war frisch und munter dabei. Es gab in der dritten Aufführung dieser Produktion freundlichen Beifall für die Sänger.
Billy Budd (06.01.2012, 00:38): Lieber Schweizer, schön, dass Du uns an Deinen Erlebnissen teilhaben lässt! Ich kann dazu leider nichts sagen, da ich die Stücke nicht kenne und mir die Sänger auch nur vom Namen her ein Begriff sind. (Darf ich Dich noch freundlichst darauf aufmerksam machen, dass Berichte in den Thread "Gestern in der Oper" gehören und im Betreff eventuell das Opernhaus und das Datum erwähnt werden sollen. Danke!) Billy :hello
Severina (06.01.2012, 16:24): Ich finde es bemerkenswert, dass Pereira gleich zwei Donizetti-Raritäten in einer Saison auf die Bühne bringt, denn im Frühjahr folgt "Poliuto" (Das ich vielleicht sehen werde :D!)b Ja, der Spielplan war und ist in Zürich um vieles exotischer und spannender als an der WSO - wie viele Opern durfte ich dort zum ersten und bisher einzigen Mal erleben!
Billy: Scharinger hat früher öfter an der VO gesungen (Zuletzt in "Martha", wenn ich nicht irre!), aber das war wohl vor Deiner Zeit! In Zürich war er lange Jahre ein ausgezeichneter Papageno, inzwischen zeigt seine Stimme aber leider auch schon Abnützungserscheinungen.
lg Severina :hello
Schweizer (06.01.2012, 18:37): Hallo BillyB, - ich habe doch Opernhaus Zürich und Matinée am 1.1. hingeschrieben? - ich hab schon mal erwähnt, dass ich ein PC-Trottel bin, weiss nicht wie ich unter "Gestern in der Oper" einen neuen Thread eröffnen kann ... zu Hilfe, zu Hilfe, sonst bin ich verloren! - Dass Du die Stücke nicht kennst, ist nun wahrlich keine Schande: bei mir hat es mit dem Kennlernen auch bis zum Neujahrstag 2012 gedauert!
Schweizer (06.01.2012, 18:52): Hallo Severina, http://www.opernhaus.ch/de/programm/detail.php?vorstellID=10337484
Der ursprünglich für die Neuinszenierung als Poliuto angesetzte Vittorio Grigolo wurde vor ca einem Monat durch Pisapia ersetzt. Das ist nach dem Pollione nun schon zum zweiten Mal, dass Grigo angesetzt ist und dann doch nicht singt (die Hintergründe kenne ich nicht). Im Dez 11 hat er aber alle 4 Reprisen-Abende von Hoffmann gesungen. Fiorenza Cedolins/Paolina, die hier letzte Spielzeit eine arg wabernde, laute Amelia im Maskenball mehr schlecht als recht abgeliefert hat, überraschte im November 11 mit einer des Piano fähigen, ausgezeichneten Desdemona. Sie scheint eine Wundertüte zu sein?!? Gruss vom Schweizer
PS: hier der Zürcher Papageno-Nachfolger von Anton Scharinger http://www.opernhaus.ch/de/oper/kuenstler/detail.php?bioID=81897
Severina (06.01.2012, 19:23): Lieber Schweizer,
von der Absage Grigolos habe ich schon gehört, aber wegen ihm wäre ich ohnehin nicht gekommen, sondern in erster Linie wegen des Ballo mit Beczala! Und so nebenbei nehme ich noch den Re Pastore mit Villazón und die Jonas-Kaufmann-Gala mit! :D "Poliuto" interessiert mich, weil ich dieses Werk überhaupt nicht kenne und Donizetti liebe, auch wenn ich mir natürlich nicht unbedingt Pisapia wünschen würde. Irgendwie verfolgt mich der, denn immer wenn in Zürich jemand absagt, kriege ich als Ersatz Pisapia serviert..... Auf Grigolo wäre ich neugierig gewesen, weil ich ihn bisher nur von Konserven kenne, und aufgrund dessen kann ich den Hype, der um ihn herrscht, nicht so ganz nachvollziehen. Vielleicht wäre ja live der Funke übergesprungen!
Zu Deinem Problem mit der Threaderöffnung (ch bin auch ein PC-Trottel, aber das schaffe sogar ich!):
1. Thread "Gestern in der Oper" anklicken 2. Dort auf "letzten Beitrag" gehen 3. Darunter das Feld "Antworten" anklicken, und schon bist Du drin! Du kannst dann Deinen Titel in das Feld neben "Thema" schreiben und im Fenster darunter los legen!
Viel Glück, wenn's nicht klappt, ruhig noch einmal nachfragen!
lg Severina :hello
Schweizer (06.01.2012, 20:24): Hallo Severina, habe den Ballo letzte Spielzeit absolviert: Beczala war gesanglich ausgezeichnet, darstellerisch wirft er mich nicht um, aber immerhin spielt er, ist kein Stehsänger oder nur Arienablieferer! Sen Guo als Oscar war fabelhaft, Cedolins im Minus (in der Wiederaufnahme ersetzt durch eine Bulgarin, Frau Georgieva, mit guter Presse), Yvonne Naef eine oben mit Wagner-Trompetentönen auftrumpfende Ulrica (die untersten Tiefen schon schwächer, keine orgelnden *silenzio's*), im kommenden Mai mit Pentcheva, der Renato hat mir offensichtlich keinen nachhaltigen Eindruck hinterlassen, denn ich bin mir nicht mehr sicher wer es war, vielleicht Stoyanov? Der Re pastore fand ich fad, die Inszenierung quasi ein Ponelle-Imitat, Villazon spielfreudig wie immer aber stimmlich enttäuschend; in tiefen Lagen kam bei der dritten Arie nur noch heisse Luft. Das Publikum hat natürlich trotzdem dem grossen Star zugejubelt!!! Die Besetzung ist bei der Wiederaufnahme bis auf die neu angesetzte Eva Mai identisch mit der Premièren-Serie von letzter Spielzeit. Diese Aufführung geht dann konzertant mit Pereira im Sommer nach Salzburg. Für die Kaufmann-Gala vom 11.Mai hab ich ein Ticket, gehst Du in dieselbe Gala, ich glaube sie läuft an zwei Abenden? Grigolo kenne ich vom TV als Alfredo in der Zürcher Bahnhofs-Traviata: da fand ich ihn sehr gut. Live im Opernhaus hab ich ihn als Edgardo, als Hoffmann und als Corrado im Corsaro gehört/erlebt; dazu in München als Einspringer (anstelle von P.Breslik) neben Gruberova in Lucrezia Borgia von Regisseur Loy. Grigo sieht verdammt gut aus, spielt engagiert (ohne zu übertreiben wie Villazon). Zur Stimme: schönes Timbre, elegante Phrasierungen, jedoch gibt's bei ihm nur laut oder leise, mezzo-forte kennt er nicht, leider! Und seine Übergänge von laut nach leise oder umgekehrt haben etwas maniriertes an sich. Und ich danke für die Instruktion/Hinweise betreffend wie ich hier unter *Gestern in der Oper* einen neuen Thread eröffnen kann. Gruss vom Schweizer
Severina (06.01.2012, 20:46): Lieber Schweizer,
ja, Beczalas Manko ist in der Tat seine nicht sehr ausgeprägte Bühnenpersönlichkeit (um es euphemistisch auszudrücken), obwohl er da seit seinen wirklich statischen Anfängen um vieles besser geworden ist. Aber ein Schauspieler wird nie aus ihm werden, dieses Talent hat man, oder man hat es (leider) nicht. Aber mit seiner prachtvollen Stimme macht Beczala für mich all das wett, von der kann ich gar nicht genug kriegen. (Und schwelge immer noch in seiner "Rusalka"!)
Tja, und Villazón... Ich hatte das Glück, ihn noch vor seiner Stimmkrise zu seiner wirklich guten Zeit hören zu dürfen, als seine Stimme noch pures Gold und nicht nur matt schimmerndes Messing war, als er in endlosen Legatobögen schwelgen und Piani hinzaubern konnte, die nicht von dieser Welt waren, dazu strahlende Höhen hatte. Mir ist völlig klar, dass sich die Züricher nach seinem Debut als Alfredo an den Kopf griffen und fragten, was alle Welt an diesem Tenorwrack findet (Zumindest meine Freunde reagierten so!) und sich über die angereisten hysterischen Fans nur wundern konnten. Ich war damals in beiden Vorstellungen, und mir war zum Heulen zu Mute, denn was Villazón da geboten hat, war schlicht und einfach erbarmungswürdig. Inzwischen hat er sich wieder erfangen, aber so wie vor 2006 wird es nie wieder werden. Und trotzdem: Ich verdanke Villazón so viele Sternstunden, dass ich (Nenn's ruhig sentimental...) ihn halt immer noch gern auf der Bühne erlebe. Dass viele sein engagiertes Spiel als Outrage ablehnen, weiß ich, ich empfinde das nicht so, nur als Nemorino nervt er mich gewaltig. (Und just den singt er demnächst zweimal in Wien....)
Von Grigolo besitze ich seine erste CD, wo mich genau diese manirierte Singweise stört, die Du so treffend beschreibst. Im "Rigoletto" aus Mantua fand ich ihn als Persönlickeit blass und stimmlich überfordert, am besten gefiel er mir noch in der Bahnhofs-Traviata. Zugegeben, er schaut recht schnuckelig aus, aber das ist mir eindeutig zu wenig.
Nö, am 11.bin ich sicher nicht in der Kaufmann-Gala, ich komme erst am 13. nach Zürich.
lg Severina :hello
PS: Ja, Renato war und ist leider die Schlaftablette Stoyanov, den gilt es tapfer zu ertragen.....
Billy Budd (06.01.2012, 20:55): Lieber Schweizer, danke für die Links! Eva Liebau wird übrigens im Februar bei uns an der Volksoper die Adele singen. Ich habe aber gerade gesehen, dass die Vorstellung schon ausverkauft ist; folglich muss es sich um eine geschlossene Vorstellung handeln. Ich habe mir eben ein paar Zürcher Besetzungen angesehen und so wie Severina beneide ich Euch. Piotr Beczala ist einer meiner Lieblingssänger (Leider werde ich ihn vorraussichtlich erst im Juni als Edgardo erleben können.) und beneide Dich um den Ballo mit ihm. Uns steht in ein paar Tagen Neil Shicoff ins Haus. :( Angeblich singt nächste Spielzeit Roberto Alagna diese Rolle. Schöne Aussichten! X( Fiorenza Cedolins hat übrigens letzte Spielzeit eine passable Amelia (aber nicht die im Maskenball, sondern im Boccanegra) abgeliefert. Ihre Butterfly habe ich aber ausgelassen. ich habe doch Opernhaus Zürich und Matinée am 1.1. hingeschrieben? Ja, aber nicht im Betreff. (Wenn das in meiner letzten Meldung irgendwie besserwisserisch rübergekommen ist, war das nicht beabsichtigt.) Billy :hello
Billy Budd (06.01.2012, 21:00): Billy: Scharinger hat früher öfter an der VO gesungen (Zuletzt in "Martha", wenn ich nicht irre!), aber das war wohl vor Deiner Zeit! In Zürich war er lange Jahre ein ausgezeichneter Papageno, inzwischen zeigt seine Stimme aber leider auch schon Abnützungserscheinungen. Liebe Severina, danke für Deine Erklärung. Ja, das war vor meiner Zeit. Ich werde mir demnächst die "Zauberflöten"-CD mit ihm wieder anhören.
als Nemorino nervt er (Villazón, Anm.) mich gewaltig. (Und just den singt er demnächst zweimal in Wien....) Das ist doch die Rolle, die er noch am ehesten schaffen könnte, oder?
Billy :hello
Schweizer (06.01.2012, 21:50): Ja, ich stimme zu: Beczala's Prinz in "Rusalka" neben der fabelhaften Krassimira Stoyanova in der Titelrolle war das NonPlusUltra in Zürich! Werde als nächstes Mitte Monat über den 5-aktigen Don Carlo der Bayerischen STOP berichten.
Billy Budd (07.01.2012, 20:10): Original von Schweizer Ja, ich stimme zu: Beczala's Prinz in "Rusalka" neben der fabelhaften Krassimira Stoyanova in der Titelrolle war das NonPlusUltra in Zürich! Auf ihrer Website stehen übrigens "Rusalka"-Termine für Wien für Jänner/Februar 2014. Das ist doch ausnahmsweise ein Grund zu Freude! Billy :hello