Le nozze di Figaro

Solitaire (18.06.2010, 15:28):
Ich kann fast nicht glauben, daß wir noch kein Thema zu „Le nozze di Figaro“ haben.
Eigentlich wollte ich nur zwei DVD-Produktionen dieser Oper, die mich zur Zeit wieder einmal sehr beschäftigt, näher vorstellen, habe aber nun beschlossen, auch ein bisschen auf das Werk selber einzugehen soweit mir das möglich ist.
Das die Musik von Wolfgang Amadé Mozart, der Text von Lorenzo da Ponte und die literarische Vorlage von Augustin Caron de Beaumarchais stammt setzte ich als bekannt voraus. Daß die Uraufführung am 1.5.1786 im Burgtheater in Wien stattfand habe ich soeben ergoogelt, und das es sich hier um die definitiv schönste Oper aller Zeiten handelt ist eine Tatsache, über die ich nicht diskutieren werde. :haha :D
Der Vollständigkeit halber die etwas wirre Handlung in Kürze:

Graf Almaviva ist seit einigen Jahren verheiratet. Aus Anlass seiner Eheschließung hat er damals das „Recht der ersten Nacht“ , das ihm das Recht auf die Jungfernschaft jedes Mädchens das in seinem Machtbereich geheiratet hat zugesichert hat, aufgegeben.
Nun aber, in seiner Ehe gelangweilt, aus Prinzip promisk und mit der hübschen Susanna vor Augen, die kurz vor der Hochzeit mit Figaro steht, möchte er dieses Recht nur zu gerne wieder einführen.
Da das nicht geht, versucht er Susanna mit Schmeichelei, schäbigen Tricks und auch Geld rumzukriegen. Diverses Bühnenpersonal hat aus diversen Gründen viel dagegen: Susanna weil sie Figaro liebt und nicht will, Figaro weil er Susanna liebt, die Gräfin Almaviva weil sie ihren Mann liebt und es außerdem eine große Demütigung wäre. Aber auch gegen Susannas Ehe wird intrigiert: vom Grafen aus den bekannten Gründen, von Marzellina weil sie Absichten auf Figaro hat, von Dr. Bartolo weil er noch eine alte Rechnung mit Figaro offen hat.
Außerdem gibt es noch die Nebenhandlung um den in alle Welt verliebten Cherubino, der Susanna, deren Cousine Barbarina vor allem aber die Gräfin anschmachtet und vor lauter erotischem Verlangen nicht weiß wohin mit sich. (Eine Figur, die mir immer überaus sympathisch war, nicht zuletzt, weil ihm beim Gedanken an Militär und Kriegsruhm himmelangst wird. Kluger Junge.)
Es folgt ein über mehrere Akte gehendes Verwirrspiel mit vertauschten Identitäten, vertauschten Geschlechtern, und verschleierten Absichten bei dem kein Theatertrick ausgelassen wird, einschließlich der Entdeckung, daß Figaro in Wahrheit von edler Geburt und der verlorene Sohn von Marzellina und Bartolo ist.
Am Ende löst sich das ganze Chaos in Wohlgefallen und im schönsten Opernfinale auf, das je ein Komponist ersonnen hat: „Contessa perdono...“.
Für einen kurzen Augenblick herrscht Frieden auf der Welt und leben wir alle (auf der Bühne, vor der Bühne und vielleicht sogar hinter der Bühne) im Zustand absoluter Glückseeligkeit.
Er wird nicht von Dauer sein, aber er ist unvergesslich.

Soweit die Handlung. Wer es genauer wissen will: bei Wikipedia gibt es eine gute Zusammenfassung.

Was die Aufführungsgeschichte der Oper angeht, gibt es hier sicher Leute, die mehr wissen als ich. Ich weiß nur, was Wikipedia weiß, und erlaube mir, zu zitieren:

Es gibt äußerst widersprüchliche Berichte über die Reaktion des Wiener Publikums auf die Premiere. Begeisterungsstürme von Musikliebhabern werden ebenso erwähnt wie eisiger Protest des Wiener Adels, der sich von Joseph II. nicht lächerlich gemacht sehen wollte. Eines jedoch steht fest – die Oper blieb in Wien nur sehr kurz auf dem Spielplan. Una cosa rara von Vicente Martín y Soler, im November 1786 uraufgeführt, kam beim Publikum besser an und lief dem „Figaro“ bald den Rang ab. Einen Triumph feierte Mozart mit dem „Figaro“ erst in Prag, wo dieser Erfolg Anlass für den Kompositionsauftrag zum Don Giovanni war.

Wie gesagt, ich glaube nicht, das jemals eine schönere Opernmusik geschrieben wurde, aber ich will musiktheoretische Finessen Berufeneren und Kundigeren überlassen, ich kann nur sagen, daß mich die Poesie dieser Musik, die Mischung aus Heiterkeit und Melancholie immer wieder ergreift. In dem Gefängnisfilm „Die Verurteilten“ besteht das Aufbegehren gegen die Grausamkeit darin, daß einer der Insassen sich heimlich ins Direktionsbüro schleicht und über die Lautsprecheranlage, aus der sonst nur gebrüllte Befehle ertönen, „Che soave zefiretto...“ von einer LP in die Gefänfgniszellen tönen läßt.Eine Stimme aus dem Off sagt (sinngemäß): „Ich weiß bis heute nicht, worüber diese beiden Frauen gesungen haben, aber wir haben einmal gefühlt, daß es noch Schönheit auf der Welt gibt“. Kitschig? Ja. Aber trotzdem wahr.

Hier nun die beiden DVDs die mir so sehr am Herzen liegen und ohne die ich nicht mehr sein möchte:

Erwin Schrott? Ja, Erwin Schrott. Ich denke, er ist kein Jahrhundertsänger, aber wenn alles passt ist er ein guter Sänger. Bei dieser Aufführung um Jahr 2006 (Covent Garden) muß es besonders gut gepasst haben, denn Schrotti ist als Figaro m.E. schlicht und einfach umwerfend. Eines begeistert mich bei ihm immer wieder: selbst wenn er mich stimmlich an weniger guten Abenden nicht überzeugen kann, so ist er doch ein guter Darsteller, vor allem aber bin ich sehr angetan von seiner Art mit Rezitativen umzugehen. Ich habe es bereits an anderer Stelle erwähnt, werde aber nicht müde, es immer wieder festzustellen: Schrott bringt seine Rezitative in einer grandiosen Mischung aus Gesang und Sprache, und so fließend und natürlich, als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt, sich so miteinander zu unterhalten. Er trägt dadurch entschieden dazu bei, die große Komik dieses Werkes zu transportieren, die bei anderen (eigentlich größeren) Sängern manchmal etwas verloren zu gehen droht. Dazu hat er das Glück, in einer ungeheuren temporeichen, von viel Situationskomik geprägten Inszenierung singen zu dürfen, und durchweg gute Bühnenpartner zu haben: Gerald Finley der mir als Almaviva stimmlich ein ganz klein bisschen weniger gefällt als er, der aber dennoch sehr gut und darstellerisch grandios ist. Hier stehen sich nicht nur Herr und Diener, sondern auch zwei potente Männer gegenüber, die um eine Frau kämpfen. Es gibt in dieser Inszenierung Momente, da erinnern sie mich an zwei Hirsche im Wald die kurz davor sind, mit ihren Geweihen aufeinander loszugehen, und da ist über weite Strecken ungeheuer komisch. Dazu das Versteckspiel zwischen Cherubino und dem Grafen in Susannas Zimmer, das an Bissigkeit und weiblicher Bosheit kaum zu überbietende Duett zwischen Marzellina und Susanna, der Graf und seine Axt als es gilt die Tür zum Kabinett zu öffnen – die Produktion sprüht vor witzigen Ideen und ich habe selten bei einer Figaro-Aufführung soviel gelacht wie bei dieser. Darüber hinaus aber gibt es auch berührend poetische Augenblicke. Am schönsten vielleicht jener Moment kurz vor Beginn von Barbarinas kleiner Arie: wir sehen auf der Bühne eine alte Frau mit verstörtem Gesicht, dann setzt die Musik ein, aus dem Schnürboden regnet es Rosen, das Gesicht der alten Frau entspannt sich, wird heiter und sie zum jungen Mädchen während Barbarina zu singen beginnt. Wer weiß, vielleicht eine Anspielung auf eine andere Zeit, auf ein anderes junges Mädchen vor der Hochzeit und einen anderen Grafen Almaviva der auf seinem Recht bestanden hat...
Auch die Frauen sind m.E. mit Miah Persson (Susanna) und Dorothea Röschmann (Gräfin) hervorragend besetzt. Mir gefällt an der Figur der Gräfin immer wieder, daß sie, bei allem Kummer über des Grafen Untreue, sich nicht damit zufrieden gibt, zu leiden, sondern ihr Leben soweit es ihr möglich ist, in die Hand nimmt, und daß sie trotz aller Melancholie nicht völlig vergessen hat, heiter zu sein. Rinat Shaham singt und spielt einen hinreißenden Cherubino und überhaupt ist diese Aufführung eine der gelungensten die ich kenne und jedem dringend ans Herz lege.

Etwas weniger lebhaft aber ebenfalls wunderbar geht es zu in dieser Aufführung aus dem Jahr 1994.



im Gegensatz zum Londoner Figaro, der im 19. Jahrhundert angesiedelt ist, spielt diese Inszenierung tatsächlich im vorrevolutionären Sevilla und immer wieder schimmert durch, daß man hier einen Tanz auf dem Vulkan tanzt. So etwa, wenn Figaro bei seinem Lied vom Tänzchen des Herrn Grafen dessen hölzernen Perückenkopf ergreift und am künstlichen Haarschopf in die Luft hält. Das Publikum weiß, was Figaro nicht ahnen kann (und was Terfel großartig spielt): was nämliche diese Geste knapp 15 Jahre später einmal bedeuten wird. Dennoch wird es nie unangemessen beklemmend oder bekommen wir den revolutionären Holzhammer zu spüren: wenn die „dankbaren“ Mädchen und Frauen des Grafen Noblesse besingen und ihm für die Aufgabe des Herrenrechts danken, sind ihre spöttischen, wütenden Gesichter nur der Tatsache geschuldet, daß sie ihren Herren sehr genau kennen und wissen, daß er es jetzt einfach nur anders versucht. Noch sind die Blumen mit denen sie ihn bombardieren nur Blumen und noch ist alles nur Komödie. Optisch ist das ein sehr malerischer Figaro, und das meine ich nur positiv: das Bühnenbild erinnert je nach Beleuchtung an alte Scherenschnitte, im Bühnenhintergrund ist ständig der Garten zu sehen in dem der letzte Akt spielen wird, die diversen Innenräume werden durch verstellbare Wände und wenige Requisiten angedeutet. Musikalisch gibt es zu dieser Aufführung nur eines zu sagen: :down :down :down :down :down :down :down

Rodney Gilfry, ist ein großartiger Almaviva, der hervorragend singt, hervorragend spielt und ganz unverschämt gut aussieht. „Contessa perdono...“ habe ich nie so innig gehört, er meint das in diesem Moment vollkommen ernst, egal wie schwach er morgen oder in drei Monaten wieder werden wird.

Alison Hagley ist eine sehr gute, robuste und resolute Susanna, der man anmerkt, daß sie ihr Geld mit körperlicher Arbeit verdient (und nicht nur ein Theater-Kammerkätzchen ist) und in deren Augen manchmal die nackte Angst steht, da sie weiß, daß der Herr Graf durchaus Macht über sie und Figaro hat die er, wenn es er denn wirklich drauf anlegen würde, missbrauchen könnte. Ihre Stimme gefällt mir sehr und ich trage mich mit dem Gedanken, die Aufnahme auf CD zu erwerben. Bisher kenne ich nur das Video (und auch das leider nur als Dauerleihgabe aus „meiner“ Musikbücherei, weil es außer mit ohnehin keiner mehr ausleiht).

Hillevi Martinpelto gefällt mir als Gräfin ebenso gut wie Dorothea Röschmann und wie sie singt und spielt sie die traurige Gattin in der immer noch etwas von Rosinas Drohung sie könne wie eine Viper sein wenn man sie reize schlummert, zum Entzücken. Ganz besonders hübsch auch die Szene, in der die vernachlässigte Ehefrau sich ein bisschen in Cherubino verguckt und sich einen Spaß daraus macht, ihn zu verwirren, bis ER schließlich SIE verwirrt.

Ja und wenn ich groß bin heirate ich Bryn Terfel, das ist mal sicher. :engel
Wie ist der Mann genial. Er ist ein mitreißender Figaro, der etwas weniger über die Bühne springt als Erwin Schrott, aber dennoch hervorragend spielt und im Übrigen alles mit seiner Stimme ausdrückt. Er ist nicht nur ein aufmüpfiger, sondern auch ein besorgter Figaro, dem es, bei aller Komik, nicht nur darum geht, einen Rivalen aus dem Feld zu schlagen, sondern auch, und vielleicht vor allem, die Frau zu beschützen die er liebt. Überhaupt sind die beiden ein rührendes Liebespaar, wie sie entschlossen sind, sich ihr Glück Gott und der Welt zum Trotz zu erringen.

Ausdrücklich erwähnen möchte ich noch Constanze Backes als Barbarina, die mich mit ihrer Arie „L’ho perduta...me meschina“ zu ganz neuen Einsichten in den Charakter dieses Mädchens gebracht hat. Das habe ich ja bereits in einem anderen thread erwähnt und will es hier nicht wieder aufwärmen.

Das sind also die beiden Produktionen die mich bisher von allen Fernseh-Figaros am meisten beeindruckt haben. Zu den CDs komme ich dann ein andermal.


Tante EDIT sagt:
Ups. JETZT habe ich ihn entdeckt, den Figaro-Thread :I
Ich wäre auch sehr erstaunt gewesen, wenn es noch keinen gegeben hätte.
Okay, ich habe schlampig gesucht. Tut mir leid.
Vielleicht kann jemand der das kann und darf, meinen Beitrag verschieben und diesen Thread löschen? Das wäre lieb, danke!
Severina (18.06.2010, 17:38):
Liebe Solitaire,
dieser Thread ist wirklich mehr als überfällig! :thanks
Deine Kommentare zur DVD aus London kann ich Wort für Wort unterschreiben, ich liebe sie heiß und innig.
Die zweite kenne ich nicht, aber ich möchte Dir meine Nr.2 ans Herz legen, nämlich die Züricher Produktion des Leading Teams Franz Welser-Möst und Sven Eric Bechtolf.
Es ist natürlich eine moderne Inszenierung, die Bühne ziemlich leer bis einige wenige Versatzstücke, aber durch die sehr subtile Personenregie vergisst man das Rundherum bald.
Auch hier gibt es viel Grund zum Lachen, das einem aber immer wieder im Hals stecken bleibt, weil Bechtolf z.B. die widerlichen Seiten des Conte viel stärker betont. Michael Volle spielt ihn ganz großartig, wie überhaupt eine solche Inszenierung nur mit tollen Singschauspielern funktioniert. Der Figaro ist auch hier Erwin Schrott, natürlich nicht wie in London im Rüschenhemd, sondern in Boxershirt und Lederhose, und mir macht es immer richtig Spaß, diese beiden so verschiedenen Figaros Szene für Szene zu vergleichen. Beide bestechen auf ihre Weise.
Aber auch Malin Hartelius (Gräfin), Martina Jankova (Susanna), Judith Schmid (Cherubino) lassen bei mir keinen Wunsch offen, wie es überhaupt in der Besetzung keinen Schwachpunkt gibt. Bei Bechtolf merkt man immer, dass er vom Sprechtheater kommt - jede kleinste Rolle wird sorgfältig inszeniert, da gibt es niemanden, der einfach nur irgendwie herumsteht.

Wenn Du also keine unüberwindliche Abneigung gegen modernere Inszenierungen hast, lege ich Dir diese DVD ans Herz! (Leider schaffe ich es trotz geduldiger Erklärung einiger Forianer immer noch nicht, ein Cover einzustellen :S. ) Du musst übrigens keine Angst haben: Bechtolf zählt ganz und gar nicht zu den Berserkern des Regietheaters, die meisten zählen ihn nicht einmal dazu, weil er er das Stück absolut nicht verfremdet und nichts auf der Bühne passiert, was gegen die Musik gerichtet wäre.

lg Sevi :hello
Solitaire (18.06.2010, 18:19):
Hallo Severina!
Das müsste dann wohl diese DVD sein:



Ich kenne sie nicht, aber ich habe nichts gegen moderne Inszenierungen wenn sie gut gemacht sind und das Stück nicht verbiegen. Ein bisschen frage ich mich aber schon, wie man die Ständegesellschaft des 18. Jahrunderts auf unsere Tage übertragen kann, aber allein das schon macht mich neugierig auf die DVD.

Ja, der Graf...in den meisten Inszenierungen die ich kenne ist er ein Weiberheld der nicht treu sein kein, aber abgesehen davon kein sooo schlechter Kerl weil er immerhin noch auf eine gewisse Freiwilligkeit bei seinen Amouren wert legt und vor wirklicher Gewalt zurückscheut. Auf der anderen Seite: hätte sich nicht herausgestellt, daß Figaro Marzellinas Sohn ist, der Graf hätte die Sache mit dem Eheversprechen knallhart durchgezogen ohne sich darum zu kümmern, daß er damit das Glück zweier Menschen zerstört, und das ist eigentlich schon ziemlich heftig. :B
Daß er in der Londoner Inszenierung seiner Gattin eine Ohrfeige verpasst, hat mich beim ersten sehen schockiert, passt aber wohl in die Zeit in der die Oper spielt, da gab es noch ganz andere Sachen und so eine Ohrfeige gehörte wohl zu den eher harmlosen Züchtigungen. :S
Danke jedenfalls für deinen Tip. Da die DVD aus finanziellen Gründen noch etwas warten muß, werde ich mich wenn ich Zeit habe, mal bei Youtube auf die Suche nach Ausschnitten machen.

Ich sehe die Oper ja im Juli in München, wenn alles gut geht und es keiner im Hals hat in dieser Besetzung:

Almaviva: Mariusz Kwiecien
Contessa: Barbara Frittoli
Cherubino: Anna Bonitatibus
Figaro: Ildebrando D'Arcangelo
Susanna: Camilla Tilling
Bartolo: Donato Di Stefano
Marcellina: Heike Grötzinger
Basili:o Ulrich Reß
Don Curzio: Kevin Conners
Antonio: Alfred Kuhn
Barbarina: Evgeniya Sotnikova

Gespannt bin ich vor allem auf Mariusz Kwiecien, den ich bisher nur als Enrico Ashton kenne (und der mir gefallen hat) und natürlich D’Arcangelo, den ich sehr mag. Allerdings kränkelt er wohl gerade ein bisschen, zumindest hat er vor kurzem Escamillo abgesagt (der ihm m.E. ohnehin nicht übermäßig liegt). Ich hoffe, daß er bis Mitte Juli wieder fit ist. Wenn nicht: unsereins ist ja Kummer gewöhnt was Lieblingssänger angeht und würde auch diese Absage überleben. :D
Fairy Queen (18.06.2010, 18:51):
Liebe Solitaire, ja die wesentlchsten Dinge bleiben manchmal auf der Strecke und auch für mich zählt der Figaro zu den Unverzichtbaren und ich glaube ich könnte inzwischen Alles auswendig mitsingen- Von Almaviva bis Cherubino, von Contessa bis Barbarina- so wie die Leute zu Mozart Zeiten ja auch als gassenhauer die Arien auf den Strassen pfiffen: "Non più andrai farfallone amoroso" war Eurvisions-Hit Nummer 1! Den "Soave zefiretto" lieben tatsächlich alle Zuhörer (und Sängerinnen!) und die Geschichte die Du dazu erzählst, glaube ich sofort aufs Wort. Wer bei Mozarts Musik nciht die Schönheit mit Augen und Ohren sieht, ist ist wohl tatsächlich dem Tod anheim gegeben.
Es gibt auch wunderschöne alte Figaro-Aufnahmen z.B. mit Hilde Güden oder Lisa della Casa oder Gundula Janowitz- Ohrenfeste ohne Ende!

David McVicar, den Du so hoch lobst, halte ich für einen der begabtesten Regisseure der gegenwart, er inszeniert gottseidank nächste Saison hier in Lille den Orlando von Händel- aber stell dir vor, dass ich seinen Figaro noch nicht gesehen habe! Schande und Schimpf über mich!!!!!
Da mein Mann ein Riesen Barbarina und Cherubino-Fan ist und ich eine Cd mit 22 Barbarinas habe, sollte man meinen , das würde mir irgendwann mal über. Tut es aber nicht- Mozart verliert seinen Reiz auch in Endlosschleife niemals :down :down :down :down :down :down :down :down :down :down :down :down
F.Q.
Solitaire (18.06.2010, 19:16):
Hallo Feenkönigin!
Da nicht sein kann was nicht sein darf, kriegst du demnächst nochmal Post von mir. Diesen Figaro MUSS man gesehen haben :D
Ich sehe zu, daß ich das kommende Woche auf die Kette kriege und schicke dir eine schöne Leihgabe :)
Die Aufnahme mit Hilde Güden und Cesare Siepi liebe ich heiß und Innig. Komischerweise klingt mir allerdings Siepis Stimme (die ich liebe) fast schon ZU sexy für Figaro. Denn der Mann mit der erotischen Ausstrahlung ist, Mistkerl hin oder her, für mich eindeutig der Graf. Es sei denn, beide sind einander in dieser Hinsicht ebenbürtig, aber das trifft auf Alfred Poell als Almaviva leider, leider nicht zu.
Dennoch ist diese Aufnahme natürlich was für die einsame Insel.
Und ja: Mozart verliert seinen Reiz nie.
Was mich bei vielen seiner Arien immer wieder schafft: sie scheinen so leicht, so schlicht in der Melodie und so einfach zu singen (lassen wir die Königin der Nacht jetzt einfach mal außen vor) und brauchen doch die größten Sänger der Welt. Und doch können sie auch von einer nicht professionell ausgebildeten aber z.B. durch Chorgesang ein bißchen geschulten Stimme sehr hübsch klingen. (Wenn auch nicht mehr). Das muß man erstmal schaffen: Musik zu komponieren, die nahezu unzerstörbar ist, ob nun Hilde Güden singt oder die Bäckereifachverkäuferin mit der guten Laune :down
Rideamus (18.06.2010, 19:21):
Nun da mein Bösewicht von Router wieder stabil ist, darf ich mich (hoffentlich) den Danksagungen für diese schöne Threaderöffnung anschließen und meinen eigenen Senf dazu geben. Die von Severina gelobte Zürcher DVD fehlt leider auch noch in meiner Sammlung, aber ich kann mich mit voller Überzeugung der Lobpreisung der Gardiner-DVD anschließen, die auch für mich zu den großen Einspielungen zählt - besonders wegen des fantastischen Finales. Das Geld für die cd würde ich allerdings sparen, denn die hat zwar ein sehr schönes Beiheft, klingt aber auch nicht viel besser oder auch nur anders als die DVD, die man ggf. ja auch nur hören kann.

Die Londoner Aufnahme Pappanos habe ich vor nicht all zu langer Zeit erhalten, muss sie aber noch ansehen, da sie gleichzeitig mit sehr vielen anderen kam. Wenn ich noch eine weitere Empfehlung abgeben darf, solange es sie halbwegs preiswert gibt, dann erwähne ich mal diese:


John Pritchard bietet zwar keine HIP-Interpretation, aber einen sehr entspannten Mozart, der mindestens in den weiblichen Rollen ideal besetzt ist: Kiri Te Kanawa als Gräfin, Ileana Cotrubas als Susanna und Frederica von Stade als Cherubino. Ihnen gegenüber sind Knut Skram und Benjamin Luxon zwar etwas weniger brilliant, aber keineswegs Ausfälle. Wie bei den Glynbdebourne - Inszenierungen Sir Peter Halls üblich, gibt es wenig Irritierendes im eher konservativen Inszenierungsansatz, aber viele hübsche Details in der Personenregie.

Wer es lieber gerne in HIP hat, dem möchte ich - neben Gardiner - noch diese Aufnahme von René Jacobs ans Herz legen, bei der weder Humor noch Sozialkritik zu kurz kommen, und die Musik schon gar nicht:


Mit6 der mir bislang unbekannten Rosemary Joshua, Annette Dasch, Luca Pisaroni und Pietro Spagnoli ist auch eine sehr ausgeglichene Besetzung auf hohem Niveau gefunden, so dass die Aufnahme in jeder Hinsicht Freude bereitet.

Für detailliertere Bewertungen müsste ich mir die DVDs noch einmal frisch ansehen. Vielleicht mache ich dass, wenn ich Pappanos FIGARO gesehen habe, aber im Moment stehen noch zu viele andere an, deren Bewertung ich auch schon versprochen habe. Ich bitte also um Verzeihung oder Geduld, je nachdem.

Jedenfalls schließe ich mich den Lobpreisungen für die Oper selbst an, die nur dann nicht meine liebste ist, wenn ich gerade die TROYENS von Berlioz, einen späteren Verdi oder gar den DON GIOVANNI höre. Eine bessere Kombination aus widerborstiger Heiterkeit, beängstigend scharfsichtiger Menschenkenntnis und natürlich großartiger Musik gibt es sonst nirgendwo.

:hello Rideamus
Solitaire (18.06.2010, 20:53):
Halo Rideamus!
Auszüge aus der Pritchard-Version kenne von Youtube, und sie gefallen mir sehr. Das Briefduett von Ctorubas-Kanawa kann es fast mit meinem All-time-favourite Gespann Berger/Grümer aufnehmen :down

Ich überlege dennoch, mir die Gardiner-CD zuzulegen, da ich sie dann auf meinen mp3-player packen und mir damit diverse Bahn- und Busreisen versüßen könnte. Zur Zeit übernimmt Cesare Siepi diese Aufgabe :)
Fairy Queen (19.06.2010, 06:28):
Liebe Solitaire, das ist wirklich ganz besonders lieb von Dir und ich freue mich serh darauf. :thanks
Lass dir aber Zeit, ich bin nächste Woche sowieso verreist.
Mein zuletzt gesehener Figaro war der von Claus Guth mit Anna Netrebko als Susanna und Christine Schäfer als umwerfend gutem Cherubino- eine Inszeneirung, die ich serh interessant fand und die ziemlich umstritten war.
Zwei Figaros dei mich serh enttäuscht haben, habe ich hier in Frankrecih gesehen: unter Jean-Claude Malgoire und Emmanuelle Haïm. Letztere schätze ich wirklich sehr, aber ihr HIP Mozart war zwar sehr temporeich und temperamentvoll aber seelenlos. Der von Mallgoire einfach nur langweilig, zumindest was dei Musik angenht- die Sänger sind meistens ziemlcih gut in seinem Atelier Lyrique und die Inszeneirung war zwar von Anno dazumal aber immer noch ansehenswert.

Cotrubas/te Kanwa und r /Berger Grümmer- seufz! Wie könnte das heute auch nur annähernd erreciht werden? Vor einigen Jahren mit Dessay/Fleming?
Aber Natalie Dessay hat leider nie eine Susanna gegeben. Die Rolle liegt stimmlich sehr unangenehm bzw undankbar für hohe Soprane, schauspielerisch ist sie jedoch der absolute Hit. Und für die Barbarina war sie dann sicher doch zu berühmt.
Patricia Petibon habe ich leider auch noch nie als Susanna gesehen, sie wäre sicher eine tolle Besetzung. Mir hat Harnoncourts Politik, die Netrebko als grossen lyrischen Sopran dazu zu nehmen sehr gut gefallen- im Grunde ist die Rolle stimmlich alles andere als soubrettig und dass er Christine Schâfer als Cherubino engagiert hat, der heute ja fast durchweg eine Mezzo-Rolle ist, fand ich überhaupt einen Geniestreich! :down

Zu diesem unglaublichen Contessa-Perdona am Ende gäbe es sehr viel zu sagen, das hebe ich mir aber für ein anderes Posting auf :hello
Solitaire (19.06.2010, 13:04):
Ja, der Harnoncourt-Figaro...
Wenn ich mich erinnere gab es ja auch Diskussionen über das Dirigat. Mir hat es sehr gefallen, daß das Orchester nicht so durch die Ouvertüre gerast ist wie man es leider ab und zu hört, aber manche haben das wohl anders empfunden und als Einschlafhilfe bezeichnet.
Christine Schäfer fand ich auch phänomenal, aber ich gebe zu, daß ich mich mit der Inszenierung schwer getan habe. Daß Susanne hin- und hergerissen war zwischen Figaro und dem Grafen hat mich doch sehr gestört. Daß sich eine schlichte Dienerin geschmeichelt fühlt durch des Grafen Bewunderung, okay, das wil ich noch glauben, aber daß sie ihn wirklich als echte Alternative in Erwägung zieht? Ich weiß nicht, ich weiß nicht. Aber musikalisch war es wirklich klasse. Wir haben in der Bibliothek den CD-Mitschnitt, sodaß mich die Inszenierung nicht weiter stören muß :wink

Ja, für Barbarina war Dessay wohl schon zu berühmt, aber es wäre schon schön gewesen, das mal zu erleben. (Hat sie nicht vor einiger Zeit noch mal die Musetta gesungen? Da hätte ich ja nun ZU gerne gesehen was sie asu dieser Rolle gemacht hat!)

Cotrubads hat in ihrer Biographie erzählt, daß sie gerne mal die Gräfin gesungen hätte, weil es sie gereizt hätte, die ja immer noch jugendliche Rosina wenige Jahre nach dem Barbier-Happy-End darzustellen. Es scheiterte dann wohl weniger an musikalischen Gründen, sondern vielmehr an ihrem immer sehr mädchenhaften Äußeren: wer hätte neben ihrer Erscheinung noch als glaubhafte Susanna bestehen können, die ja ein paar Jahre jünger sein dürfte.
Ein Argument das ich allerdings etwas albern finde, denn immerhin ist Susanna eine arbeitende Frau die ruhig etwas älter wirken darf als sie ist, während die Gräfin ihre Jugend und Schönheit pflegen kann.
Auf deine Ansicht zum Londoner Figaro bin ich sehr gespannt!!!

Emanuelle Haim mag ich auch sehr, und es wundert mich, daß ihr Figaro seelenlos wirkte, denn genau das kann man ihr sosnt ja nun wirklich nicht nachsagen ?(
Solitaire (19.06.2010, 18:00):
Hier mal die Szene aus "Die Verurteilten": Klick
Severina (20.06.2010, 11:00):
Original von Solitaire
Ja, der Harnoncourt-Figaro...
Christine Schäfer fand ich auch phänomenal, aber ich gebe zu, daß ich mich mit der Inszenierung schwer getan habe. Daß Susanne hin- und hergerissen war zwischen Figaro und dem Grafen hat mich doch sehr gestört. Daß sich eine schlichte Dienerin geschmeichelt fühlt durch des Grafen Bewunderung, okay, das wil ich noch glauben, aber daß sie ihn wirklich als echte Alternative in Erwägung zieht? Ich weiß nicht, ich weiß nicht.

Liebe Solitaire,

ich denke, man muss diese Nozze als Teil des Gesamtkonzepts von Claus Guth sehen, der die drei Da-Ponte-Opern wirklich als Zyklus inszeniert hat - zumindest ist mir durch ihn der innere Zusammenhang zum ersten Mal so richtig bewusst geworden - die um die zentrale Frage kreist: "Was ist Liebe bzw. was macht sie mit/aus uns?"
In der Nozze ist Amor ja personifiziert, ist der allgegenwärtige (manchmal etwas nervige) Drahtzieher, an dessen Fäden alle mehr oder weniger wie Marionetten zappeln. Selbst der Conte ist zwar Herr über sein Haus, aber nicht Herr über sich selbst, er "leidet" ebenso unter dem Druck seiner Gefühle wie alle anderen. Wobei "Druck" hier wörtlich zu nehmen ist, und die Szene, wo Amor auf ihm reitet, ihm quasi die Luft zum Atmen nimmt, fand ich sehr stark. Auch wenn's für den Sänger natürlich eine Zumutung war, dabei seine sauschwere Arie zu singen!)
Insofern wird auch Susanne von ihren widerstrebenden Gefühlen hin- und hergerissen - sie liebt zwar Figaro, aber wenn Amors Flügel sie streifen, ist sie nicht blind und taub für des Contes Avancen. Zerlinas "Vorrei e noch vorrei..." könnte ebenso gut sie singen.
Auch die Gräfin ruht gefühlsmäßig nicht wirklich in sich, ist nicht gefeit vor diesbezüglichen Verwirrungen, das zeigt wohl die Verkleidungsszene des Cherubino, wo nicht nur die Standesschranken fallen, sondern sich auch die Konturen zwischen den Geschlechtern verwischen. Alle fühlen etwas, aber ob das, was sie fühlen, nun richtig oder falsch oder gar "verboten" ist, wissen sie selber nicht, und die Verstörung, mit der sie schließlich auseinander gehen, illustriert dies sehr deutlich.
Im Prinzip leidet jeder unter seiner Liebe, deshalb gibt es bei Guths Nozze auch wenig oder nichts zu lachen. Alles kreist um die zentrale Frage, wie weit wir unsere Gefühle beherrschen, beherrschen können oder nicht vielmehr von ihnen beherrscht werden - was treibt uns an, was lässt uns lieben, wie sicher können wir uns unserer Gefühle sein??
Immerhin räumt Guth in der Nozze ein, dass Liebe etwas Ganzheitliches ist, auch die Seele umschließt, den Menschen meint und nicht nur sein Geschlecht, und im Prinzip möglich ist. Dieses Wissen hindert seine Protagonisten zwar nicht daran, sich in der Realität doch wieder kontraproduktiv zu verhalten, als Endziel schwebt es ihnen aber doch vor, sogar dem Conte, irgendwie....

Im "Don Giovanni" kommt dann der brutale Schnitt: Liebe ist hier auf Sex reduziert, die Menschen von ihren Trieben beherrscht und nur auf deren Befriedigung fixiert. Hier spielt jeder mit jedem, betrügt jeder jeden, ist jeder bereit, für seine Lustoptimierung über Leichen zu gehen. Deshalb auch als Schauplatz der Wald als Metapher für das Dunkle, Triebhafte im Menschen. Ich finde diese DG-INszenierung genial, aber dies ist ein Nozze-Thread! :wink

Schließlich dann die Cosi, wo Guth eine sich im Grunde anödende Spaßgesellschaft zeigt, in der Liebe zu einem Gesellschaftsspiel verkommen ist. Hier sucht niemand die wahre Liebe wie in der Nozze, an die glaubt im Grunde keiner mehr, auch nicht die hemmungslose Hingabe an die körperliche Lust wie im DG - auch dazu sind Fiordiligi & Co offensichtlich bereits zu abgestumpft - sondern nur mehr eine Zerstreuung in ihrer Lebenslangeweile. Man tut nicht einmal mehr so, als ob - deshalb wird das Bäumchen-wechsle-dich-Spiel auch ohne Verkleidung durchgezogen. Cosi fan tutte....

Wie sehr diese drei Inszenierungen zusammenhängen, zeigen die vielen Zitate - so tauchen die weißen Federn aus Amors Flügeln auch im DG und der Cosi auf, wo sie als erotische Stimulans eingesetzt werden, und der Beispiele mehr.
Sorry für dieses OT, aber ich wollte damit nur meine These erläutern, dass Susannas Gefühlskaroussell zwischen dem Conte und Figaro im Gesamtkonzept nicht ganz so unsinnig ist!

lg Sevi :hello
Solitaire (20.06.2010, 11:53):
Hallo Severina!
Danke für diese tolle Veramschaulichung! Ich kenne Guths "Don Giovani", (wenn auch nicht seine "Cosi") und mir war nicht klar, daß er die drei Opern als zusammenhängenden Zyklus inszeniert hat.
Mir leuchtet auch sehr ein was du sagst, und auch mir ist natürlich ausgefallen, daß in der Verkleidungsszene in der Tat die Schranken zwischen Stand UND Geschlecht fallen, auch wenn mich das etwas verwirrt hat.
Gefallen hat mir an diesem Figaro die Szene (ich glaube am Ende des ersten Aktes) als Amor auf einer Art Leinwand die ganzen Verbindugnen zwischen den Figuren aufgezeigt at. Das macht natürlich sehr deutlich, wie sehr alles mit allem zusammenhängt, wie sehr jeder mit jedem verwoben ist in dieser durch Standesgrenzen doch scheinbar so wohl geordneten Welt.
Ich denke, was mich gestört hat ist tatsächlich, daß das Prinzip der Komödie doch empfindlich gestört wurde. Ich bin ja ein großer Freund von Autoren die "lachend die Wahrheit sagen", um mit Molière zu sprechen, und hier blieb das Lachen einem ja nun im Hals stecken.
Ja, dieser Amor hat manchmal gewaltig genervt, aber wenn ich es mir jetzt so recht überlege ist natürlich auch das schon ein starkes Bild, denn Liebe, Verliebtheit, Begehren oder was immer es nun im Einzelfall genau sein mag, kommt ja durchaus gerne mal, wenn man es am wenigsten gebrauchen kann. :cool
Ganz anfreunden werde ich mich wohl nicht mit dieser Insznierung, aber vielleicht sollte ich mich doch nochmal näher mit ihr beschäftigen.
Zur Cosi habe ich übrigens, so schön die Musik auch ist, bisher noch nicht den rechten Zugang gefunden, allerdings habe ich sie auch erst einmal gesehen und das in einer eher einfallslosen Inszenierung. Ich wäre da für Tips sehr dankbar. Willy Decker soll mal eine gute Cosi inszeniert haben, und das glaube ich sofort, denn ich schätze diesen Regisseur sehr, nicht nur wegen der Traviata.
Severina (20.06.2010, 12:42):
Liebe Mina,

mir ging es bei der Übertragung aus Salzburg zunächst wie Dir, auch ich dachte: "So kann man doch die Nozze nicht machen, so ganz ohne sptzbübischen Schalk, ohne Humor!" Aber Inszenierungen von Claus Guth erschließen sich einem (oder zumindest mir) wirklich nicht beim ersten Mal, da erzeugen sie meist nur Ratlosigkeit oder sogar Ärger. Aber je intensiver ich mich damit beschäftige, umso faszinierter bin ich, weil ich immer neue Puzzeleteile entdecke, die sich zu einem komplexen und in sich stimmigen Bild zusammensetzen. Gerade die Szene, wo der Conte den Amor am Rücken herumschleppt, fand ich beim ersten Mal auch nur bescheuert, bis es dann irgendwann "klick" machte und mir plötzlich glasklar vor Augen stand, was damit gezeigt werden sollte. Und die durch alle drei Opern geisternden Federn sind mir erst vor Kurzem aufgefallen, wenn ich ehrlich bin.
Ich liebe Inszenierungen, die sich einem nicht sofort entschlüsseln, sondern ihr Geheimnis erst Schritt für Schritt preisgeben, wo es mit jedem Anschauen Neues zu entdecken gibt, und trotzdem immer noch Fragezeichen bleiben. Das klappt natürlich nicht bei jeder Produktion - manchmal bleibt Unsinn auch nach dem 10. Anschauen immer noch Unsinn, entschlüsselt sich gar nichts, aber bei Claus Guth ist mir die Dechiffrierung bis jetzt immer noch gelungen, wobei natürlich überhaupt nicht fest steht, dass das, was ich herauslese, auch wirklich das ist, was er damit tendiert hat. Aber ich denke, das ist auch gar nicht wichtig - wichtig ist, dass jeder für sich eine Antwort findet, und die habe ich bei Guth meist gefunden.

Was die "Cosi" betrifft, so geht es mir wie Dir: Auch ich mag diese Oper nicht sonderlich, obwohl ich sie oft genug gesehen habe, war doch mein früherer Herzbube :wink Francisco Araiza auf den Ferrando abonniert. Er singt daher auch auf einer der beiden DVDs, die ich besitze, einem Mitschnitt von den Salzburger Festspielen 1983 in einer sehr ästhetischen Inszenierung des Duos Hampe/Pagano, unter der Stabführung von Riccardo Muti (einer meiner liebsten Mozartdirigenten).

Meine zweite DVD ist aus Aix-en-Provence 2005/Theater an der Wien in einer Regie von Patrice Chéreau, die ich aber noch nicht ganz restlos entschlüsselt habe. Allerdings ist die Besetzung exzellent: Elina Garanca (Dorabella), Erin Wall, Barbara Bonney (Despina), Stephane Degout (Guglielmo), Shawn Methey (Ferrando), Ruggero Raimondi (D.Alfonso)

Aber als Einstieg ist diese Inszenierung vieleicht weniger gut geeignet.

lg Sevi :hello
Rideamus (21.06.2010, 09:37):
Liebe Mina,

um das kleine OT fortzsetzen - oder doch nicht, da es ja aus der NOZZE von Gardiner erwächst: zum Einstieg in die COSI würde ich zumal denen, die schon seine NOZZE mögen, ohne jede Einschränkung die DVD der Inszenierung von John Eliot Gardiner empfehlen.


Sie verlegt das Geschehen in die Bucht von Neapel und ist im Großen und Ganzen konservativ (auch wenn Gardiner - ich erinner derzeit nicht mehr, an welcher Stelle - für einen kurzen Moment die Schwestern so nah zusammen führt, dass sich eine an der Arie der anderen beteiligt, was aber sehr sinnvoll erscheint). Sie überzeugt in allen Details der Personenführung, was bei dieser Geschichte ja nicht ganz leicht ist, und ist musikalisch auf dem gleicvhen Niveau wie sein FIGARO.

Leider ist die Aufnahme nicht mehr am Markt lohnt aber die Beschaffung oder die Ausleihe aus einer Bibliothek, wenn möglich. Severinas Empfehlungen kann ich mich auch anschließen.

Sehr preiswert, z.B. bei jpc, ist derzeit die neuere Einsopielung Riccardo Mutis mit Daniela Dessi, Delores Ziegler und Alessandro Corbelli. Michael Hampes Inszenierung habe ich als unterhaltsam, aber wenig inspiriert in ERinnerung, aber ich müsste sie mir noch einmal ansehen, bevor ich eine Empfehlung ausspreche, wobei sie sich für den aktuellen Preis allemal lohnt.



Noch preisgünstiger ist diese alte Aufnahme aus Glyndeborune mit Helena Doese, Sylvia LIndenstrand, Thomas Allen u. a. unter der Stabführung von John Pritchard. Ich kenne sie leider nicht, wäre aber aus Erfahrung mit der NOZZE des gleichen Regisseurs udn Dirigenten zuversichtlich. Für einen eigenen Eindruck kannst Du hier eine ganze Reihe von Ausschnitten abrufen kannst: http://www.youtube.com/results?search_query=Cosi+Pritchard&aq=f



:hello Rideamus
Solitaire (21.06.2010, 10:32):
Hallo Rideamus!
Ganz herzlichen Dank für diese Tips!
Bei den beiden ersten DVDs sind einige Künstler am Werk, die mich aus verschiedenen Gründen interessieren: Rodney Gilfry bei Gardiner weil er mir als Almaviva schon gefallen hat, außerdem würde ich gerne wissen wie Amanda Roocroft singt wenn sie es nicht im Hals hat, ich kenne sie leider nur als bedauernswert indisponierte Elisabetta an der Seite von Rolando Villazón 2004 in Amsterdam, das kann ja nun aber jedem mal passieren.
Daniela Dessi ist miir vor allem dadurch ein Begriff, daß Zeffirelli sie aus seiner neuen Traviata gekickt hat, da sie ihm nicht jung und schlank genug war, was eine Frechheit ist. Daher hat sie es verdient, sich näher mal mehr mit ihrer Stimme zu beschäftigen. In Youtube-Ausschnitten habe ich eine schöne Stimme mit allerdings für meinen Geschmack etwas zuviel Vibrato gehört, aber sowas ist ja Ansichtssache.
Ich werde mich mal durch Youtube klicken, das in diesen fußballverrückten Zeiten bei denen man nicht an den Fernseher kommt um Mozart und Kollegen zu hören ohnehin meine Rettung ist :D
Mimì (21.06.2010, 21:03):
Hallo zusammen,

auch ich muss unbedingt was zum Figaro zu schreiben, denn mit dieser Oper fing damals alles bei mir an :engel. Sie ist eine meiner allerallerliebsten.
Wenn ich nur an den Schluss denke, als die Gräfin vergibt und alle gemeinsam singen – da krieg ich schon einen Kloß im Hals und alle Härchen stellen sich bei mir auf. Sooooo schön. :down

Die Inszenierung, die ich als erstes kennen lernte und immer noch sehr liebe (trotz mittelmäßiger Qualität auf Videokassette) ist aus Salzburg, 1995:

Regie: Luc Bondy
Dirigat: Nikolaus Harnoncourt
Almaviva: Dmitri Hvorostovsky
Contessa: Solveig Kringelborn
Susanna: Dorothea Röschmann
Figaro: Bryn Terfel
Cherubino: Susan Graham
Marcellina: Trudeliese Schmidt
Bartolo: Donato di Stefano

Cover hab ich leider keins gefunden. Es ist auch schon eine ganze Weile her, dass ich sie gesehen habe. Aber Bryn Terfel als Figaro fand ich damals einfach fantastisch, ebenso Dorothea Röschmann als Susanna und Dmitri Hvorostovsky als Almaviva.

Die Salzburger Inszenierung von Claus Guth habe ich gesehen und muss auch gestehen, dass sie mir nicht sooo gut gefiel.
Ich finde die Interpretation auf jeden Fall sehr interessant, hörens und sehenswert, wenn man bedenkt, dass in dieser Inszenierung irgendwie alle Getriebene und Opfer ihrer Selbst sind, so wie Sevi das ja schon sehr anschaulich beschrieben hat.
Aber letztlich fehlten mir dann doch Humor und Komödie. Vor allem aber frage ich mich, welche Absicht man damit verfolgt, Susanna weder Hut noch Schleier tragen zu lassen; stattdessen nimmt sie die Gardine und singt „Guarda un po', mio caro Figaro, guarda adesso il mio cappello.“ Bühnenbild und Kostüm sind ja schon so spärlich, aber das verstehe ich nun wirklich nicht. Dagegen fand ich die Idee mit Figaro und seiner dicken Armbanduhr köstlich :D.
Ich muss auch gestehen, dass ich zu denen gehöre, die die Ouvertüre von Harnoncourt zu langsam fanden :ignore. Gleiches gilt für die Szene, in der Susanna und Cherubino für einen Moment allein im Zimmer der Gräfin sind, der Graf jeden Moment mit der Axt wiederkommen wird und Cherubino schließlich aus dem Fenster springt. Für mich sollte diese Stelle eilig und außer Atem klingen, aber auch hier viel zu langsam.
Bei den Sängern war Christine Schäfer als Cherubino wirklich klasse, aber auch Dorothea Röschmann als Gräfin fand ich beeindruckend und sehr dramatisch :wink. Ildebrando d'Arcangelo musste mehrere Hüpferl machen :D, worunter seine stimmliche Leistung jedoch keineswegs litt, im Gegenteil :D :D.

Kennt denn jemand die Inszenierung von Peter Sellars? Auch die hab ich vor einiger Zeit auf VHS gesehen und würde mich mal interessieren, wie andere die fanden :wink.
Solitaire (21.06.2010, 22:30):
Hallo Mimi!
Den Figaro von Sellars kenne ich leider nicht (dafür aber seinen "Don Giovanni", von dem ich immer noch nicht weiß, ob ich ihn gut finde oder nicht ?( ). Aber die Inszenierung von 1995 die du erwähnst klingt schon von der Besetzung her wunderbar! Daß ich an heftigem Terfelismus leide habe ich ja schon erwähnt von daher wäre allein er schon ein Grund, das Video zu erwerben, aber auch Dorothea Röschmann einmal als Susanna statt als Gräfin zu erleben reizt mich sehr. Außerdem kann ich mir vorstellen, daß Hvorostovsky einen äußerst eleganten,verführerischen Grafen gibt. Ich mag nämlich nicht nur seine Stimme :D
Trudeliese Schmidt kenne ich von früher aus dem Fernsehen, sie hat dort einige Jahres das "Sonntagskonzert" moderiert, aber ich habe sie nie singen hören, oder kann mich zumindest nicht mehr dran erinnern.

Das Tempo in der Musik ist ja allgemein Geschmackssache, und manchmal ist mir Harnoncourt auch zu langsam, aber hier hat es mir persönlich gut gefallen.

Gerade habe ich im Internet gelesen, daß ein Forscher herausgefunden haben will, daß es in 100 Jahren mit der Menschheit vorbei ist wegen all dem Blödsinn den wir so veranstalten. Mein erster Gedanke war doch wirklich und wahrhaftig "Wie schade um all die Musik von Mozart die dann verloren geht". Ein bißchen krank ist das schon, oder? :I :rofl
Zefira (22.06.2010, 09:09):
Hallo ihr Figaro-Fans,
ich denke immer noch gern an die drei Inszenierungen der da Ponte-Opern von Peter Sellars. Soweit ich mich erinnere, wurden sie im "Mozartjahr" 1992 alle drei im Fernsehen gezeigt, und diese Inszenierungen waren es damals, die mein Interesse für die Oper wiedererweckt haben.
Von den Sängern könnte ich keinen einzigen namentlich nennen; mir ist auch keine besondere gesangliche Leistung in Erinnerung geblieben (das hätte ich vermutlich auch damals gar nicht beurteilen können), aber die Inszenierung war spritzig und voll humorvoller Ideen. Zum Beispiel beschloss Figaro die Arie "Non piu andrai" damit, dass er einen Karton Eier aus dem Kühlschrank holte, um den Grafen damit zu bewerfen ... köstlich!
Was die innere Logik des Ganzen anging, musste man wohl einige Abstriche machen, denn wenn der Plot der Oper in die Gegenwart verlegt wird, stimmt das ganze Grundproblem des "Feudalrechts" nicht mehr. Aber das tat dem Spaß keinen Abbruch - auch nicht, dass der Graf mitten in New York mit dem Jagdgewehr herumlief (was wollte der denn jagen gehen? Eichhörnchen??).

Von allen Inszenierungen, die ich bisher vom Figaro gesehen habe, gefiel mir übrigens die schon erwähnte aus Salzburg am besten. Dorothea Röschmann war bezaubernd, Bryn Terfel ist einfach ein Prachtmensch und Hvorostovsky gab einen ausgesprochen sexy Grafen :-) Zu meinem Glück habe ich noch eine Aufzeichnung auf Video.

Es gibt wenige Opern, die mich so anhaltend und gleichbleibend begeistern; den Figaro kann man Dutzende von Malen hören und immer wieder neue Bedeutungsebenen darin finden ...

Schönen Gruß von Zefira
Fairy Queen (29.06.2010, 15:15):
"Erwin Schrott? Ja, Erwin Schrott. Ich denke, er ist kein Jahrhundertsänger, aber wenn alles passt ist er ein guter Sänger. Bei dieser Aufführung um Jahr 2006 (Covent Garden) muß es besonders gut gepasst haben, denn Schrotti ist als Figaro m.E. schlicht und einfach umwerfend"



Dank Solitaires liebenswürdiger Leihgabe kann ich mir nun auch den Pappano/MC Vicars Figaro ansehen und ihre Begeisterung bereits nach dem ersten Akt vollkommen teilen! :down
Erwin Schrott ist the sexiest Figaro alive und zusammen mit Finley sind die Beiden wirklich genau wie von Solitaire beschrieben: zwei Platzhirsche die sich im schönsten ewig männlichen Imponiergehabe üben. Ein bisschen einfältig um nicht zu sagen dümmlich sind sie ja Beide und ihren Damen einfach nicht gewachsen, aber lieben muss frau sie wohl trotzdem.
Ich habe heute morgen im Radio eine Aufzeichnung eines Interviews mit dem Dirigenten Giulini gehört und der sagte, dass ein guter Regisseur die musikalische Atmoshäre einer Oper in eine visuelle und psychologische Atmosphäre umsetzt und spürt, wie der KIomponist seine Figuren empfunden hat. auf MCVicars trifft das m.E. 100% ig zu- er begeistert mich immer wieder.
Und er hates dabei nciht nötig den Figuren Strassenanzüge des 21 JH oder Raumfahrertrikots anzuziehen. Trotz eiens zeitgemässen Dekors wirkt alles so frisch und menschlich allgültig, als sei es gestern passiert.

Ich habe erst den ersten Akt fertig- was mich bisher besonders begeistert ist die Liebe zum Detail und die Freiheit der Schauspieler-Sänger.
Der Cherubino von Rinat Shaham ist vielleicht sängerisch nciht der Schönste der mir Bekannten, aber die Figur ist dermassen überzeugend, dass man sich fragt, ob das nicht wirklich der Ur-Cherubino sein muss. Als sie von Erwin Schrott beim "Farfallone amoroso" unter den Arm geklemmt wird, ist das besonders deutlich- ein Heranwachsener, der seinen Platz in der Männerwelt finden muss, aber doch eigentlich zu den Frauen gehört- allein die kônnen seine Nöte und Sorgen verstehen.

Mozart wird niemals langweilig und obschon ich diese Oper in- und auswendig kenne, freue ich mcih schon riesig auf die wieteren Akte!
Merci Solitaire! :thanks
Solitaire (29.06.2010, 15:35):
Von Herzen gern, liebe Fairy!
Mir gefällt an der Aufführung so gut, daß es wirklich MusikTHEATER ist. Mag ja sein, daß es größere Sänger gibt (Schrotti ist kein Siepi und auch kein Terfel), aber diese Inszenierung ist von solcher Spielfreude geprägt, daß man mit dem Erbsenzählen ganz schnell aufhört und es nur noch genießt.
Ihr habt es gut, daß MCVicars bald bei euch inszeniert!
Zu uns kommt im Herbst Lucia Aliberti die vor vielen Jahren als neue Callas gehandelt wurde (und es ebensowenig war wie alle anderen), und nun, gegen Ende ihrer Karriere mit einem Belcantoprogramm die Provinz bereist. Ich habe sie früher recht gern gehört, und bin gespannt, wie sie heute klingt. immerhin war sie nach meiner bescheidenen Meinung immer eine gute Belcantistin, und Belcanto kriegen wir hier sehr selten zu hören. Weder guten noch schlechten, sodaß man schon fast froh ist, daß sich überhaupt mal jemand erbarmt.
aber das ist eigentlich OT.
Jedenfalls weiterhin viel Spaß mit Figaro. Ich fand Schrotti damals ja attraktiver als heute : als er noch ein bißchen was auf den Rippen hatte. Heute ist es schwer, ein Bild von ihm zu finden, auf dem er nicht aussieht wie ein äh...Erotikdarsteller. Ich denke da an all die Oberkörperfreien Don Giovannis in letzter Zeit. Ich mag’s da ja etwas dezenter, aber wer weiß, wie Anna das sieht :D
Tussi-Modus aus. :cool
Fairy Queen (01.07.2010, 17:05):
Ich habe es nun geschafft, die ganze Oper zu sehen und ich bin wirklcih begeistert. die Rollen sind so erstklassig besetzt, dass man sich kaum noch vorstellen kann, es könnte anders sein. Miah persson gefällt mir immer besser, je längerdie sache dauert- sie ist einfach bezaubernd und die richtige Mischung zwischen unschuldig, und durchtrieben- von keinem zuviel.
Dorothea Röschmann singt ihre "Dove sono" serh serh gut, es gibt schönere Stimme nfür diese Rolle, aber sie füllt sie bestens aus. ein bisshcen störend fidne ich Gerald Finleys Einheitsmiene- immer nur der zornige Wüterich ist ein bisschen einseitig. Gut dass er wenigstens seien Verführerseiten ab und an ein bisschen zeigt. Von Erwin Schrott bin ich wirklcih begeistert, aber ich finde ihn überhaupt als Diener der grossen Herren ausgezeichent- auch als Leporello in Salzburg hat er seinen Herrn in den Sack gesteckt. Und ja, liebe Solitaire, der Speck auf den Rippen macht ihn durchaus sexy- mir gefällt das auch besser als sein späterer Model-Look. (und das schreibe ich , während ich gerade selbst diâte....)
Ich habe bem Höreni dieser Einspielung etwas entdeckt, was mir noch nie zuvor aufgefallen ist, obschon ich diese Oper wirklich bestens zu kennen glaubte:
im letzten Akt, als Figaro frustriert miterlebt hat, wie der Conte die angebliche Susanna verführt und abgeschleppt hat, zitiert Mozart sich selbst.
Und zwar das Terzett-Notturno mit Bläserbegleitung "Piu non si trovano fra mille amanti non solo due anime que sia constanti" (Es finden sich unter tausend Liebenden nciht zwei Seelen die treu wären).
Das ist wirklich ein sehr passendes Zitat und eine neue Entdeckung fûr mich. Mozart ist immer wieder neu, so oft man ihn auch hören mag. Diese Figaro Aufführung hat sich jedefalls sofort in meinen Olymp eingespielt/gesungen, ich empfehle sie dringend weiter und bedanke mich nochmal herzlichst für die Leih-DVD, die bald zurûcjkgeschickt wird.

F.Q.
Leachim (01.07.2010, 19:03):
Original von Fairy Queen

"Piu non si trovano fra mille amanti non solo due anime que sia constanti" (Es finden sich unter tausend Liebenden nicht zwei Seelen die treu wären).

F.Q.

Liebe F.Q.
ich muß immer über die Mimik von Magdalena Koczena lachen, die sich in diesem Link über die Männer mokiert, aber wohl ncht aus den Le Nozze..,allerdingsg hörenswert mit Lautsprecher am Notebook, denke ich.
Link:
http://www.youtube.com/watch?v=HhF2Sr0aW_o
lg Michael
Rideamus (02.07.2010, 11:07):
Original von Fairy Queen
Diese Figaro Aufführung hat sich jedenfalls sofort in meinen Olymp eingespielt/gesungen, ich empfehle sie dringend weiter

F.Q.

Ich habe es nun ebenfalls geschafft, mir diese Aufführung anzusehen und sie genossen. Dem bisher dazu gespendeten Lob kann ich mich vorbehaltlos anschließen, denn selbst die Feststellung, dass anderswo womöglich noch besser gesungen wird, tut diesem Lob keinen Abbruch, denn das ist ohnehin eine Feststellung auf höchstem Niveau, und die ggf. zu konstatierenden, marginalen Qualitätsunterschiede werden locker kompensiert durch das am besten spielende FIGARO-Ensemble, das ich - jedenfalls derzeit - erinnere.

Allerdings fängt genau hier das Problem mit dieser Oper an. Sie ist so hervorragend gearbeitet, dass ich schon seit meinem ersten Fernseh-FIGARO, den ich Ende der 50er Jahre bei Bekannten sehen durfte, bei fast jeder halbwegs kompetenten Aufführung das Gefühl habe, gerade den besten FIGARO meines Lebens zu sehen. EIgentlich müsste ich erst einmal einen direkten und strengen Vergleich vornehmen um wirklich zu sagen, welches die besten Aufnahmen sind, denn eine einzige beste gibt es wohl nicht - zum Glück. Vielleicht mache ich das mal, aber bei derzeit 21 DVDs und 8 cd-Boxen artet das schon in Hochleistungssport aus, ganz abgesehen davon, dass ich in dieser Zeit nichts anderes hören und sehen sollte. Allgemein lässt sich daher aus meiner Erinnerung höchstens sagen, dass die neueren Aufführungen in der Regel durch bessere und detailfreudigere Regie und Darstellung bestechen, während die früheren bei keineswegs schlechter Darstellung durch noch strahlenderen stimmlichen Glanz und Wortverständlichkeit punkten.

Schlecht bedient ist man aber mit keiner der bsiher genannten Aufnahmen, und man wird vielleicht ähnlich gute, aber keine besser gespielte Aufnahme finden als diese Inszenierung von David McVicar. Das fängt schon mit der Ouvertüre an. Normalerweise mag ich es ja gar nicht, wenn schon die Ouvertüre inszeniert wird, aber hier gelingt McVicar etwas ganz Seltenes, was sich durch die ganze Oper durchzieht. Er inszeniert nämlich eine Ouvertüre, die genauso wie das Musikstück keine vorweggenommenen Highlights oder zwanghafte Interpretationsansätze bietet, sondern die Welt und die Stimmung darstellt, in die wir uns jetzt begeben werden. Die Kurzportraits der Diener sind treffend beobachtete, Miniaturportraits, und man gewinnt so einen hervorragenden Eindruck davon, wie die Welt Susannas, Figaros und aller übrigen, auf die wir uns fortan konzentrieren sollen, einzuordnen ist.

Zu den Frauenrollen und dem groben Grafen Gerald FInleys wurde schon alles Nötige gesagt. Den Figaro Erwin Schrotts finde ich auch beeindruckend; allerdings glaube ich ihm mehr die einfache Herkunft als den gewitzten Barbier und Kammerdiener, und seine Fiorituren sind eher (legitime) Ausstellungsstücke des Sängers als eine weitere Erhellung des darzustellenden Charakters. Wer Derartiges hören will sollte auf die grandios gestalteten Verzierungen RInat Shahams als Cherubino achten, die sie nicht nur musikalisch meistert, sondern zudem einsetzt um sowohl ihre Unsicherheit wie auch ihren schwer zu unterdrückenden Stolz auf das kleine Gedicht und seinen ersichtlichen Erfolg zu kennzeichnen. Noch nicht erwähnt wurde der Bartolo Jonathan Veiras, der ein Extralob verdient, aber das größte Lob gebührt m. E. neben der superben Regiearbeit David McVicars der musikalischen Leitung Antonio Pappanos, der sich für mich neben Bertrand de Billy immer mehr als der auf höchstem Niveau beständigste Dirigent auszeichnet, der gegenwärtig aktiv ist. Man höre sich nur einmal an, wie straff er von Zeit zu Zeit das erste Finale anzieht, und wie ihm alle vorbehaltlos folgen, weil er nie die Aufmerksamkeit auf sich lenkt, sondern ständig genau das bietet, was man - jedenfalls mit heutigen Ohren - aus dem Graben zu hören wünscht.

Dies ist schon höchstes Lob. Der Regie aber gelingt ein ganz seltenes Kunststück. Man hat den Eindruck, dass das Stück auch ohne Musik großartig funktionieren würde, fast wie ein höchst gelungener Spielfilm, so detailfreudig und dennoch überzeugend läuft fast alles ab. Wenn die größte Kunst diejenige ist, dass sie wie selbstverstämndlich erscheint und sich die Schwerarbeit nicht anmerken lässt, die hinter ihr steckt, dann bietet McVicar hier größte Kunst.

Mozart und erst recht DaPonte würden sicher mit einem ganz breiten und zufriedenen Grinsen aus dieser Vorstellung gegangen sein.

:hello Rideamus
Fairy Queen (02.07.2010, 12:11):
Lieber rideamus, wire schôn, dass du auch gleich ein Fan dieser Inszenierung geworden bist! Deienn letzten Satz unterstrecihe ich doppelt: der schalk der deisem Stück bei aller Seriosität im Nacken sitzt hâtte Mozart und da Ponte gewiss begeistert. Und mir imponiert besonders die Zeitlosigkeit und Frische. Da erledigt sich die ewige Streitfrage Regietheater oder "buchstabengerteue" Aufführung ganz von selbst. MC Vicars und Pappano schaffen es zusammen mit diesem phantastischen Sängerteam einen Figaro auf die Bühne zu bringen, der ganz im Geiste der Schöpfer ist und trotzdem auch im Jahr 2010 von jedem Opernfreund verstanden werden kann.
Und bei dem man sich herrlich amüsiert! :rofl

Dein Lieblingsensemble "Contessa perdono" habe ich zwar schon schöner gesungen gehört (z.B. von Janowitz, della Casa, Siepi etc ) aber das ist wie gesagt dann nicht mehr wichtig, zumal die gesanglichen Leistungen ja auch hier bereits auf sehr sehr hohem Niveau liegen und es ncihts zu meckern gibt.

Was die Figur der Barbarina angeht bin ich ein bisschen unschlüssig. Solitairre wirft das ja oben schon auf.
Sie schient heir ein durchaus durchtriebenes Mägdlein zu sein, dass den Conte ebenfalls um den Finger wicklet und das durchaus bewusst. Beii MC vicars verführt vielmehr Barbarina den Cherubino, der ja hier besonders extrem pubertierend dargestellt wird. Barbarinas Unschuld scheint mir schon vor ihrer Arie ein Relikt der Vergangenheit zu sein.

Und was die Fiorituren (Auszierungen) angeht: auch Dorothea Röschmann baut sie bei Dove sono ein und mir gefällt dieser Anklang an Barock und Belcanto musikalisch auch ausseroredntlich gut. Für mich ist Mozart ohnehin ein Belcantist und davon ein bisschen mehr zu zeigen kann nur Gewinn bringen.
Die Leistung dieses Cherubino habe ich ja bereits oben gelobt- die Dame ist leider nciht serh bekannt, aber in dieser Rolle ist sie der Hit!!!! :down

Für mich inszenatorisch ebenfalls der bisher beste Figaor, den ich kenne, sängerisch wie gesagt serh gut, aber da gibt es Besseres für mich.

F.Q.
Holger (12.11.2010, 21:13):
Original von Solitaire

Hallo Holger!
Wenn dich Puppentheater interessiert, wäre vielleicht auch das hier
was für dich:
Salzburger Marionettentheater auf DVD


Hallo, Ihr Lieben,

denjenigen unter Euch, die möglicherweise nicht alle Threads lesen, möchte ich Solitaires Empfehlung ans Herz legen.

Es handelt sich zwar nur um Auszüge mit Zwischenkommentaren von Peter Ustinov, aber ich finde die ganze Aufmachung einfach zu reizend.

Die Musik scheint von dieser CD zu stammen:

http://ecx.images-amazon.com/images/I/61T8fcmcPbL._SS400_.jpg

Laut Begleitheft zur DVD wäre das eine Mono-Aufnahme aus dem Jahr 1959.

Wie auch immer, auf magische Weise geht mir diese Musik ans Herz - sei es, weil sie mich schon in "Amadeus" beeindruckte, sei es, weil mich die Szene aus dem Film "Die Verurteilten", in der Andy Dufresne (Tim Robbins) eine Schallplatte mit einem zu Tränen rührenden Duett zwischen Susanna und der Contessa auflegt, das das ganze Gefängnis verzaubert, so beeindruckte. Ganz zu schweigen vom Finale mit dem ergreifenden "Contessa, perdono", bei dem ich jedesmal :I ... aber lassen wir das. :ignore

Ach, die Musik ist einfach betörend, hinreißend, traumhaft schön! Aber damit verrate ich Euch wohl nichts Neues... :wink Eigentlich wollte ich ja ohnehin lediglich meine spontane Begeisterung schildern. Lechz, ich brauche dringend eine Gesamtaufnahme! Welche nehme ich denn bloß...? Die in Mono? Grübel, grübel...

Liebe Grüße von Holger
Solitaire (13.11.2010, 08:29):
Hallo Holger!
Nicht war, die Szene in "Die Verurteilten" rührt zu Tränen! Ich liebe sie auch. Gibt es eine schönere Hommage an Wolfgang Amadé?
Ich muß ja zugeben, daß ich aus meiner Salzburg-Box "Figaro" noch nicht gesehen habe (dafür aber die anderen Opern), aber ich freue mich auch schon sehr drauf.

Wenn du eine Gesamtaufnahme brauchst empfehle ich zwei:

Cesare Siepi und Kollegen unter Erich Kleiber:
Klick
und (nicht "oder"!!!!!) :
Bryn Terfel und Kollegen unter JJohn Elliot Gardiner:
Klick

Elend teuer, aber jeden einzelnen Cent wert. :down :down :down
(By the way: nochmal ein riesiges Danke an er-weiß-schon-daß-er-gemeint-ist!!!)

Und jetzt allen ein schönes Wochenende von einer Mina-Solitaire, die daheim gerade ohne Internet ist und hiier ihrem Arbeitgeber ein bißchen Zeit klaut. :D
Holger (13.11.2010, 10:29):
Original von Solitaire
Hallo Holger!
Nicht war, die Szene in "Die Verurteilten" rührt zu Tränen!

Pah, mich doch nicht, liebe Solitaire! Ich bin stahlhart und werde mich doch nicht von ein paar Tönen aus der Fassung bringen lassen! :hello

Äh .. weswegen brauche ich gleich zwei Gesamtaufnahmen...? Das ist mir als Neueinsteiger ein bißchen zu hoch.

Übrigens: Ist es bei einer Oper von Belang, ob die Aufnahme in Mono oder Stereo gemacht wurde?

In der Hoffnung auf ein "Il capira" :cool stahlharte Grüße von Holger
Rideamus (13.11.2010, 13:17):
Original von Solitaire

Wenn du eine Gesamtaufnahme brauchst empfehle ich zwei:

Cesare Siepi und Kollegen unter Erich Kleiber:
Klick
und (nicht "oder"!!!!!) :
Bryn Terfel und Kollegen unter JJohn Elliot Gardiner:
Klick

Elend teuer, aber jeden einzelnen Cent wert. :down:down:down


Der Emofehlung für die Gardiner-NOZZE schließe ich mich gerne an, aber solange die Tonaufnahme mehr als das Doppelte kostet, würde ich auf das sehr schöne Beiheft verzichten und lieber die sehr ähnliche DVD aus Paris mit Bild nehmen. Die hat nämlich fast die gleichen Qualitäten und die wichtige Dimension des Bildes noch dazu.

Außerdem sollte man natürlich nicht die DVD empfehlen, die diesen Thread ausgelöst hat, nämlich die Londoner Inszenierung McVicars mit Mia Persson, Dorothea Röschmann, Erwin Schrott u. a. unter der musikalischen Leitung von Antonio Pappano.

Mit diesen beiden Aufnahmen, ggf. ergänzt um die klassische Tonaufnahme von Erich Kleiber, hat man wirklich das Beste aus den meisten FIGARO - Welten versammelt. Was nicht gegen die übrigen in diesem Thread erwähnten Aufnahmen spricht, aber wenn ich mich jetzt unter meinen rund dreißig NOZZE-Aufnahmen für ein Zehntel davon entscheiden müsste, dann wären diese drei diejenigen, welche. Danach würde ich allerdings einigen sehr intensiv nachtrauern.

:hello Rideamus
Rideamus (13.11.2010, 13:26):
Original von Holger

Äh .. weswegen brauche ich gleich zwei Gesamtaufnahmen...? Das ist mir als Neueinsteiger ein bißchen zu hoch.

Übrigens: Ist es bei einer Oper von Belang, ob die Aufnahme in Mono oder Stereo gemacht wurde?

In der Hoffnung auf ein "Il capira" :cool stahlharte Grüße von Holger

Gut, wenn es nur eine sein soll und keine DVD, obwohl ich das Bild eine sehr wichtige Dimension finde, wenn es gut gestaltet ist, dann würde ich tatsächlich sagen, dass der Unterschied zwischen Mono und Stereo hauptsächlich zwischen Deinen Ohren stattfindet, denn da kommt es auf Deine Toleranz für eine Tonqualität an, die nicht dem neuesten Standard entspricht.

An künstlerischer Qualität bist Du mit Giulini und der erwähnten Kleiber-Aufnahme schon bestens bedient.

:hello Rideamus
Dulcamara (13.11.2010, 14:34):
Zur Mono- versus Stereo-Frage gibt es - denke ich - keine eindeutige Antwort. Das hängt von den eigenen Präferenzen ab. Mir selbst ist vor allem die Klangqualität wichtig, mir fällt es zum Beispiel immer sehr schwer in Live-Aufnahmen aus den 40er Jahren einzutauchen, egal wie brillant die musikalische Leistung auch sein mag, da mich das Kratzen und Rauschen zu sehr ablenken. Also, an der Mono-Frage sollte der Kauf der Giulini-Aufnahme nicht scheitern, denke ich. Auch die Erich-Kleiber-Aufnahme, die Solitaire empfiehlt ist Mono, sie ist sogar noch älter, nämlich von 1955.

Was es aber ganz klar nicht gibt, ist eine Referenzeinspielung der Oper. Insofern stimme ich Solitaire zu, dass es eigentlich mehrere Aufnahmen sein müssen. Musik und Libretto sind derart tiefgründig, dass sich unterschiedliche Interpretationen gerade aufdrängen. Man nehme zum Beispiel den Grafen, er kann ein gelangweilter Playboy sein oder sogar ein Haustyrann (großartig Gerald Finley in der DVD vom Covent Garden). Andererseits kann man ihn aber auch als einen nach Leben gierenden Mann verstehen, der einfach nur der erdrückenden Blümchensex-Romantik der Gräfin entrinnen möchte. Mozart nimmt musikalisch NIE Stellung und das ist es, was ihn für mich so großartig macht. Und so gleichzeitig verhindert, dass es jemals eine Referenzinterpretation oder Referenzeinspielung gibt.

Aber natürlich braucht man eine Einspielung zum Start. Wenn man die Oper kennt, kommt der Bedarf nach neuen Aufnahmen dann ganz von selbst. Hat man zum Beispiel eine Aufnahme mit einer sehr lyrischen Susanna (z.B. die DVD mit Anna Netrebko, die ich zum Einstieg aber eher nicht empfehlen würde), dann verlangt einem plötzlich nach einer Aufnahme mit einer jugendlich-frischen Susanna (z.B. Lucia Popp in der Einspielung mit Solti oder Miah Persson in der bereits angesprochenen DVD vom Covent Garden).

Die Aufnahme mit Giulini kenne ich selbst nicht, aber die beiden von Solitaire genannten Einspielungen sind auf jeden Fall sehr schön.

Ich selbst würde vermutlich - wie Rideamus - zum Einstieg die oben bereits erwähnte DVD vom Covent Garden empfehlen, mit Miah Persson als Susanna und Gerald Finley als Grafen. Die Inszenierung (McVicar) würde ich als realistisch charakterisieren, historisch ist das Ganze in der postrevolutionären Zeit in Frankreich ansgesiedelt, mit einer überaus intelligenten und theatralischen Personenregie. Dadurch verliert das Ganze ein Stückweit das komödiantische (der Graf schlägt die Gräfin an einer Stelle), ohne sich von der Musik aber auch nur einen Hauch zu entfernen.

Da geht es dann aber schon los, denn Erwin Schrott als Figaro ist keine optimale Besetzung (er deklamiert m.E. zu viel) und Dorothea Röschmann, die ich als Gräfin eigentlich toll finde, hatte keinen guten Tag. Deshalb hier noch ein paar Hinweise auf weitere gute Einspielungen (zusätzlich zu den von Solitaire genannten).

Leinsdorf, 1960, Wiener Philharmoniker, toll Lisa della Casa als Gräfin, George London als Graf und Giorgio Tozzi als Figaro. M.E. etwas schwächer Roberta Peters als Susanna und Rosalind Elias als Cherubino.

Böhm, 1968, Orchester der Deutschen Oper Berlin, toll (aber Geschmackssache) Hermann Prey als Figaro und Edith Mathis als Susanna, eindringlich - aber sehr böse - Fischer-Dieskau als Graf. Auch sonst edel besetzt, Aufnahme, die tendenziell sehr stark auf Klangschönheit und vollen, breiten Orchesterklang aus ist. Überspielt für mein Empfinden manch kleine musikalische Spitze und manchen musikalischen Scherz.

Solti, 1983, London Philharmonic Orchestra, toll vor allem in den Frauenrollen mit Lucia Popp als Susanna, Kiri te Kanawa als Gräfin, und Fredrica von Stade als Cherubino.

Levine, 1992, Metropolitan Orchester, toll wieder Kiri te Kanawa als Gräfin, Thomas Hampson als Graf und von Otter als Cherubino.

Jacobs, 2004, Conerto Köln, historische Einspielung, sehr zügig, betont auch die schroffen Momente der Moazrtschen Musik, großartig musizierte Rezitative, insgesamt sehr rundes Ensemble, aus dem für mich Simon Keenlyside als Graf und Angelika Kirchschlager als Cherubino herausragen, wohingegen Patricia Ciofi als Susanna für mich zu wenig keck ist.
Holger (14.11.2010, 00:39):
Hallo,

Euch allen ein ganz herzliches Dankeschön

:thanks

für die zahlreichen Empfehlungen!

Wobei ich mich unwillkürlich an ein berühmtes Zitat erinnert fühle:

"Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor"

Liebe Grüße von Holger
Dulcamara (14.11.2010, 11:44):
Also, wenn eine CD-Einspielung reicht und Mono für Dich kein grundsätzliches Problem ist, dann kauf Dir die Giulini-Einspielung, denn da scheinen Dir ja Auszüge schon zu gefallen. Die Kaufreue wird nicht groß sein.

Aus derselben Zeit gibt es eine sehr berühmte Einspielung, die teilweise deutlich besser besetzt ist, als die Giulini-Einspielung und das ist die Aufnahme von Erich Kleiber mit Siepi als Figaro und della Casa als Gräfin. Die ist mittlerweile copyrightlos und deshalb teilweise schon sehr preiswert zu haben (so um die 15 Euro).

Andernfalls ist die in diesem Thread oft besprochene DVD vom Covent Garden sicher ein toller Einstieg, die ist nur derzeit etwas teurer. Dafür aber in toller Klanqualität - und mit Bild, was ja bei einer Oper eigentlich dazugehören sollte.
Holger (15.11.2010, 18:28):
Original von Dulcamara
Also, wenn eine CD-Einspielung reicht und Mono für Dich kein grundsätzliches Problem ist, dann kauf Dir die Giulini-Einspielung, denn da scheinen Dir ja Auszüge schon zu gefallen. Die Kaufreue wird nicht groß sein.

(...)

Andernfalls ist die in diesem Thread oft besprochene DVD vom Covent Garden sicher ein toller Einstieg, die ist nur derzeit etwas teurer. Dafür aber in toller Klanqualität - und mit Bild, was ja bei einer Oper eigentlich dazugehören sollte.


Hallo,

ich hab's getan! Die Giulini-Einspielung ist bestellt!

Die DVD vom Covent Garden hingegen scheint nicht mehr erhältlich. ?( Stattdessen habe ich nun die hier ebenfalls empfohlene mit Erwin Schrott bestellt. Wobei ich niveauloserweise ein gewisses natürliches Mißtrauen gegen Sänger hege, die mit Nachnamen "Schrott" oder gar "Schreier" heißen. :J

Übrigens beginne ich langsam - wenn auch nur ansatzweise - zu ahnen, inwiefern (entgegen meiner ursprünglichen Annahme - schließlich wird doch nach denselben Noten musiziert!) eine Einspielung nicht wie die andere ist. In der Bibliothek hatte ich eine Figaro-Aufnahme in der Hand. Testweise das Finale (meine Lieblingsstelle) aufgelegt: Gefiel mir überhaupt nicht. Die Stimmen klangen irgendwie merkwürdig. Jedenfalls nicht so, wie ich es von Giulini und dem "Amadeus"-Soundtrack gewohnt war. Das herrliche "Perdono" wollte ich dann gar nicht mehr hören.

Mag natürlich auch daran liegen, daß der Bauer nicht frißt, was er nicht kennt.

Togal, jetzt freue ich mich erstmal auf meinen Figaro!

Liebe Grüße von Holger
Solitaire (15.11.2010, 18:56):
Tja, wie hat der Klassikfan es doch gut: ein Beatles-Album wird immer ein Beatles-Album bleiben, so genial es auch sein mag, aber mit jedem Kauf einer neuen Klassik-CD hat man zumindest theoretisch die Chance, daß man gerade eine Jahrhundertaufnahme erworben hat :D
Viel Spaß mit deiner Beute! Der Figaro mit Schrott ist wirklich ganz, ganz toll!!!!
Dulcamara (15.11.2010, 21:05):
Hi Holger, dann berichte doch mal von der Aufnahme, wenn sie da ist. Ich kenne sie zum Beispiel nicht.

Die DVD, die Du gekauft hast, ist übrigens genau die, die ich mit "Covent Garden" gemeint habe. Es ist eine Aufführung vom Royal Opera House in London und das liegt im Covent Garden. Die DVD ist wirklich toll. Und auch wenn ich von Erwin Schrott (übrigens Anna Netrebkos Mann) selbst nicht so angetan war, hat ja bei anderen hier große Begeisterung ausgelöst. Mir selbst haben bei der DVD dafür Finley und Persson besonders gut gefallen.
Holger (15.11.2010, 21:24):
Hallo, Ihr Lieben!

Original von Dulcamara

Hi Holger, dann berichte doch mal von der Aufnahme, wenn sie da ist. Ich kenne sie zum Beispiel nicht.




Tja, ob gerade ich wohl ein kompetenter Berichterstatter sein werde...? Ich fürchte, mein Statement könnte sich in so tiefsinnigen Aussagen wie "Es gibt wunderschöne Musik, und es wird dazu gesungen" erschöpfen... :D


Original von Dulcamara

Die DVD, die Du gekauft hast, ist übrigens genau die, die ich mit "Covent Garden" gemeint habe. Es ist eine Aufführung vom Royal Opera House in London und das liegt im Covent Garden. Die DVD ist wirklich toll. Und auch wenn ich von Erwin Schrott (übrigens Anna Netrebkos Mann) selbst nicht so angetan war, hat ja bei anderen hier große Begeisterung ausgelöst. Mir selbst haben bei der DVD dafür Finley und Persson besonders gut gefallen.




URKS, wie peinlich! :S

Du hast natürlich recht. Da kannste mal sehen, wie ich so drauf bin...


Original von Solitaire

Viel Spaß mit deiner Beute! Der Figaro mit Schrott ist wirklich ganz, ganz toll!!!!




Vielen Dank! Ich freue mich auch schon total und kann's kaum erwarten!

Liebe Grüße von Holger
Holger (20.11.2010, 23:35):
Hallo,

heute habe ich mir endlich meine neue DVD (Covent Garden 2006 mit Erwin Schrott) ansehen können und bin noch ganz ergriffen. Dennoch mußte ich zwischendurch immer wieder lachen - eine wundervolle Mischung!

Das Bühnenbild hat mir ungemein imponiert, ebenso die schauspielerischen Leistungen der Beteiligten bis hin zu den Nebendarstellern (lauschende Bedienstete etc.). Als jemand, der im Leben noch nie eine Oper gesehen hat, war ich darauf nicht gefaßt und bin sehr, sehr angenehm überrascht. Figaros eifersüchtige Verzweiflung ging mir regelrecht ans Herz. Besonders beeindruckend fand ich, Erwin Schrott im Liegen singen zu hören - da werden unwillkürlich Erinnerungen an Jimi Hendrix wach!

Außerdem erstaunte mich, wie es die Paare bewerkstelligen, einander in Liebe umschlungen zu halten und dennoch weithin hörbar zu sein - wie ich annehme, bis in die letzte Reihe. Der armen Susanna müssen ja förmlich die Ohren wegfliegen, wenn sie der Figaro anschmachtet!

Ein wenig gestört hat mich die gelbe Stellwand im Garten des Grafen (da fehlten eigentlich nur die Zettel: "Schrankwand zu verkaufen"), aber es gibt wahrlich Schlimmeres.

Mein Lieblingsduett „Che soave zefiretto...“ fand ich ein wenig tempoarm, das Finale mit dem "Perdono" hingegen überwältigend!

Dieser DVD-Tip war wirklich grandios!

:times10

Wenn es so weitergeht, wird aus mir noch ein richtiger Opernfan!

Liebe Grüße von Holger
Fairy Queen (21.11.2010, 10:06):
Lieber Dulcamara, für mich geht auch rein akustisch ncihts über Siepi und Della Casa unter Kleiber- das ist eine absolute Referenz auf dem an Referenzen nciht armen Figaro-Markt! :down :down :down
Selbst Gundula Janowitz kommt an della Casa nciht heran, obschon ich ihr so edles lyrisches Leiden auch sehr bewundere.
Lieber Holger, wie schön, dass dic hder figzaro so spontan begeistert udn dass es noch Leute gibt, die solche Ersterlebnisse hier mit uns teilen!!!!! Mir erwärmt das wriklich das Herz zu lesen, dass Mozart immer wieder diese unmittelbare Wirkung ausübt, obschon seine Opern leicht als total abgenudelt und allseits viel zu bekannt gelten könnten.

Mich hat ja die Covent Garden Aufführung auch gleich mitgerissen, siehe oben und ich kann dich daher bestesn verstehen und bin froh, dass das dein erster Eindruck war.
Der erste Eindruck von einer Oper ist so wichtig und prägend!!!
ich beneide dich fast darum, was du noch alles entdecken kannst- obchon ich auch serh munter und neugierig immer wieder Neuland betrete- das letzte umwerfende AHA Erlebnis war Boris Godunov!

F.Q.
Cetay (inaktiv) (21.11.2010, 11:18):
Das ermutigt mich, auch mein Ersterlebnis zu teilen. Ich bin Mozart-Liebhaber, aber seine Opern können mich mit Ausnahme der Zauberflöte nicht begeistern (da wird mir zuviel gesungen :wink). Vor 2, 3 Jahren schaltete ich mal in eine Fernsehinszinierung des Figaro hinein und war sofort gefangen von der unglaublichen Bühenpräsenz der Susanna .. und ich fand ihren Gesang betörend. Als ich im Netz nachgeschlagen habe, was es über diese Sängerin zu erfahren gibt, fand ich mich inmitten einer tobenden Schlammschlacht wieder und meinen Banausenstatus aufs Schönste bestätigt. Denn laut den Experten kann die überhaupt nichts, außer schön sein und sich wirksam vermarkten zu lassen.
Tja, da bin ich wohl trotz der unvoreingenommenen Erstbegegnung voll drauf reingefallen. Man sollte halt seinen Ohren und seinem Geschmack nicht einfach blind vertrauen. :haha
Dulcamara (21.11.2010, 11:50):
Cetay, wer war denn die Susanna? Doch nicht etwa Anna N.? Ich mag sie als Susanna auch, sie singt das Ganze zwar sehr lyrisch, aber ihre Lebensfreude und ihre Bühnenpräsenz sind für diese Rolle nahezu ideal.

Im Übrigen bin ich sicher: Mozart hätte liebend gerne um Anna N. herum ganze Opernserien komponiert.
Severina (21.11.2010, 12:14):
Original von Cetay
Das ermutigt mich, auch mein Ersterlebnis zu teilen. Ich bin Mozart-Liebhaber, aber seine Opern können mich mit Ausnahme der Zauberflöte nicht begeistern (da wird mir zuviel gesungen :wink). Vor 2, 3 Jahren schaltete ich mal in eine Fernsehinszinierung des Figaro hinein und war sofort gefangen von der unglaublichen Bühenpräsenz der Susanna .. und ich fand ihren Gesang betörend. Als ich im Netz nachgeschlagen habe, was es über diese Sängerin zu erfahren gibt, fand ich mich inmitten einer tobenden Schlammschlacht wieder und meinen Banausenstatus aufs Schönste bestätigt. Denn laut den Experten kann die überhaupt nichts, außer schön sein und sich wirksam vermarkten zu lassen.
Tja, da bin ich wohl trotz der unvoreingenommenen Erstbegegnung voll drauf reingefallen. Man sollte halt seinen Ohren und seinem Geschmack nicht einfach blind vertrauen. :haha

Lieber Cetay,

aber natürlich sollte man das!!! Was glaubst Du, wie ich, die ich auf diesem Gebiet musiktheoretisch völlig unbeleckt bin, ein Orchester-oder Kammerkonzert bewerte? Nur nach meinem Bauchgefühl, und selbst wenn ich dann von den Experten höre, dass Pianist X doch einen grottigen Anschlag hat und überhaupt nicht in der Lage war, Meisterwerk XY geistig zu durchdringen, hat es mir trotzdem gefallen.
Und es gibt wohl kaum widersprüchlichere Meinungen als bei der Bewertung einer Sängerleistung. Wenn Du Dir sämtliche Kritiken zu einer Vorstellung durchliest, kommst Du oft zum Schluss, dass die Rezensenten unmöglich alle in ein- und derselben Aufführung gewesen sein können. Da schwärmt einer von der strahlenden, offenen Höhe eines Tenors, während sein Kollege nur gequetschte, forcierte Töne gehört haben will, der eine hebt bei einem hingehauchten Piano ab, das für den anderen nur ein Beweis ist, dass die Stimme nicht richtig trägt, usw. usw.
Ich habe übrigens so den leisen Verdacht, um welche Sängerin es sich handelt :wink, und glaub mir, die kann was! Aber bei vielen Opernbesuchern, besonders den "Auskennern", löst gutes Aussehen eines Künstlers automatisch den Reflex "talentloses Medienprodukt" aus.

Ach ja: Ich liebe Mozart, nur mit seiner "Zauberflöte" kan ich relativ wenig anfangen :haha

Ich hatte anfangs auch Angst, dass meine Rezensionen totaler Quatsch sind, und vielleicht sind sie's auch, aber das ist mir inzwischen egal, denn sie spiegeln genau das wider, was ich empfunden habe. Dass ein anderer es völlig anders empfunden haben kann, ist mir klar und stellt auch kein Problem für mich dar. Daher stört es mich auch nicht, wenn jemand an meinen Lieblingen kein gutes Haar findet, solange die Kritik sachlich bleibt und nicht unter die Gürtellinie zielt.

Daher auch der Appell an Holger: Tu Dir keinen Zwang an, Deiner Begeisterung euphorischen Ausdruck zu verleihen, und lass Dich bloß nicht einschüchtern, weil Du kein "Experte" bist. Als solcher wird man nämlich nicht geboren, jeder von uns hat einmal bei Null angefangen.


lg Sevi :hello
Cetay (inaktiv) (21.11.2010, 12:32):
Liebe Sevi, ich hoffe die Ironie bei der Bemerkung mit den eigenen Ohren und dem eigenen Geschmack kam mit rüber, für mich gibt es nämlich gar nichts anderes auf das ich vertraue.

@Dulcamara: Ja, es war Anna N.
Holger (21.11.2010, 13:18):
Original von Cetay

da wird mir zuviel gesungen


:rofl :rofl :rofl :rofl :rofl
Severina (21.11.2010, 13:28):
Original von Cetay
Liebe Sevi, ich hoffe die Ironie bei der Bemerkung mit den eigenen Ohren und dem eigenen Geschmack kam mit rüber, für mich gibt es nämlich gar nichts anderes auf das ich vertraue.

@Dulcamara: Ja, es war Anna N.

Lieber Cetay,

beim zweiten Lesen ganz klar, beim ersten war ich offensichtlich noch nicht ganz munter (Man soll eben nicht bis 4 Uhr früh lesen....) und der starke Morgentee hatte seine Wirkung noch nicht ganz entfaltet.
Immerhin habe ich wenigstens Anjuschka erraten! :D

lg Sevi :hello
Holger (21.11.2010, 14:04):
Hallo,

über Eure lieben, ermutigenden Stellungnahmen zu meinem "ersten Mal" freue ich mich ungemein!

Es ist ein schönes Gefühl, hier auch angenommen zu werden, wenn man sich dem Metier bar jeden Fachwissens ganz und gar "unschuldig" nähert, sozusagen ganz parsifalistisch als "reiner Tor".

:down

Ich habe nun richtiggehend Lust bekommen, den großen, nie getanen Schritt zu wagen und mir eine Oper dort anzusehen, wo sie hingehört, nämlich in einem Opernhaus. Über den Dresscode bin ich dank Eurer Hilfe nun ja orientiert. :)

In der Deutschen Oper Berlin wird demnächst ein Figaro gegeben (Inszenierung: Götz Friedrich). Könnte diese Aufführung Eurer Meinung nach geeignet sein, mich abermals zu begeistern? Da ich die Qualitäten einzelner Sänger ohnehin nicht zu unterscheiden vermag, sind diese für mich eher nebensächlich. Mir kommt es sehr viel mehr auf eine werkgetreue, märchenhafte Darbietung ohne Gegenwartsbezüge und politische Belehrungen an.

In welche Reihe sollte man sich als Neuling eigentlich setzen? Gleich den teuersten Platz für optimalen Kunstgenuß? Würde ich ohne weiteres machen. Oder lieber Hinterbänkler in unmittelbarer Nähe des Notausgangs, falls mein schönes Mozart-Bild versaut wird...? ?( Sicherheitshalber doch lieber abwarten, bis im Kino eine Aufführung aus der MET gezeigt wird...?

Noch ein kleiner Nachtrag zu meinem "ersten Mal": Ich habe die Oper mit deutschen Untertiteln gesehen, was einerseits zu meinem Vergnügen beitrug, weil ich die Witze verstand und lachen mußte, andererseits aber eine gewisse Entzauberung bewirkte, denn das wunderschöne Italienisch klingt eben äußerst geheimnisvoll, schmiegt sich den betörenden Melodien an und bewirkt so eine gewisse Magie. Wenn man bemerkt, welche unglaublichen Banalitäten sich hinter manch vermeintlich großen Worten verbergen, so hat das eine gewisse Komik in sich. Doch das nur nebenbei. Und im Opernhaus wird's ja wohl kaum Untertitel geben. :)

Abschließend eine kleine Frage, obgleich sie nicht zum Figaro paßt: Existiert eigentlich das Theater noch, das Schikaneder in Wien gegründet hat?

Liebe Grüße und nochmals ein großes Dankeschön an Euch alle von Holger
Fairy Queen (21.11.2010, 14:28):
Lieber Holger, also nach DEM erstklassigen gerade gesehenen Figaro habe ich ein bisschen Bedenken für sofortige weitere evtl nur mittelmässige Figari. Vielleicht wäre eine andere Oper , die du noch nciht kennst, erstmal besser? ?(
In der Oper gibts natürlich Untertitel bzw ÜBER-Titel. Was tausendmal besser ist, als gesungene Übersetzungen...... dass der wunderbare italienische Sprachklang sich genau in die Musik einschmiegt- wie wahr wie wahr! Für deine unvoreingenommenen essentiellen Wahrheiten könnte ich dich virtuell abküssen!!!!!

Lieber Cetay :rofl :rofl :rofl, ich finde sie immer dann gutl, wenn sie das richtige Repertoire singt. Aber auch im falschen Repertoire ist sie nie wirklich miserabel- die Frau kann halt einfach singen, nur bitte nciht in deutsch oder französisch. Und eine sehr attraktive Erscheinung war sie als Susanna wahrlich- da konnte sich die Contessa warm anziehen......
Bei besagter Schlammschlacht gab es gottseidank auch viel zu lachen. Ich erinnere mich noch an gewisse Parfüm- und Dessouswerbung...... :D
Sevi udn ich haben damals übrigens Anjuschka in schutz genommen, auch wenn sie wirklich nicht unsere Lieblings-Travaiata oder Manon war. Aber die szenen mit Villazon in beiden Opern waren schon ziemlich umwerfend. :times10
F.Q.
Heike (21.11.2010, 15:13):
Original von Holger

In der Deutschen Oper Berlin wird demnächst ein Figaro gegeben (Inszenierung: Götz Friedrich). Könnte diese Aufführung Eurer Meinung nach geeignet sein, mich abermals zu begeistern?
Die Inszenierungen von Götz Friedrich gefallen mir im allgemeinen gut - sie sind nicht stockkonservativ, aber auch nicht abgehoben modern. Er konnte Figuren gut charakterisieren und trifft meist sehr gut die psychologische Aussage in seiner Interpretation. Ich habe diese Inszenierung nicht gesehen, aber ich vermute, dass sie dir gefallen wird. Götz Friedrich ist schon 10 jahre tot und die DOB kramt nicht umsonst immer wieder seine guten und soliden Arbeiten raus - sie werden zu recht bis heute gern gesehen.

In welche Reihe sollte man sich als Neuling eigentlich setzen? Gleich den teuersten Platz für optimalen Kunstgenuß? Würde ich ohne weiteres machen.
In der Deutschen Oper siehst du auf allen Plätzen im Rang 1 Mitte sehr gut, bis zur letzten Reihe - vorausgesetzt, dich interessiert mehr das Gesamtbild auf der Bühne als die Mimik des einzelnen aus der Nähe. Die Akustik ist im ersten Rang auch sehr gut.
Möchtest du lieber näher dran sein, dann empfehle ich dir Parkett ab Reihe 4, alles andre ist zu dicht dran und man muss auf die Bühne hochsehen. Je weiter man vorn sitzt, desto weiter sollte man mittig sitzen (im Rang ist das egal). Parkett hat den Nachteil, dass du für die Übertitel immer sehr nach oben schauen musst (sie werden auf ein Laufband über der Bühne projeziert), wogegen du den Text vom Rang aus mühelos simultan mitlesen kannst. Ich sitze deshalb lieber dort, meist in Reihe 6 oder 7 (das ist Preisgruppe 3 und gut bezahlbar*). Reihe 1 im Rang ist auch Preisgruppe 1 und genauso teuer wie Parkett ganz vorn. Wenn du das erste Mal da bist, kannst du ja in der Pause Probesitzen machen.

Heike
* Oft kann man sich dann auch vorsetzen, wenn in den vorderen Reihen Plätze frei bleiben, was bei Repertoirevorstellungen fast immer der Fall ist.
Dulcamara (21.11.2010, 15:18):
Also, mit dem Figaro an der DOB gehst Du glaube ich kein großes Risiko ein. Allgemein ist die DOB tendenziell ein Haus, das auf - nennen wir sie einmal - konservative Inszenierungen setzt. Es gilt das von Dohnanyische-Credo: Wir lieben unsere Klassiker und freuen uns, wenn wir sie wiedererkennen.

Es muss Dir klar sein, dass Du schauspielerisch und musikalisch nicht ganz das gleiche Niveau kriegen wirst, wie auf der DVD, aber anders als Fairy würde ich das Risiko durchaus eingehen. Allgemein sind Repertoireaufführungen (also Stücke, deren Premiere in der Inszenierung schon ein paar Jahre zurückliegt) immer ein kleines Wagnis. Die Sänger haben kaum zusammen geprobt und tasten sich durch das Bühnenbild und auch im Orchester fehlt manchmal die Spannung. Dennoch gibt es auch wirklich tolle Repertoire-Abende.

Eines möchte ich noch sagen, im Hinblick auf Deine Angst vor Gegenwartsbezügen und politischen Belehrungen. Ich glaube, dass es ein Fehler ist, wenn man hier die Trennlinie zwischen guten und schlechten Inszenierungen zieht. Stattdessen gibt es sehr gut und sehr schlecht aktualisierte und politisierte Aufführungen, genauso wie es sehr gute und sehr schlechte "märchenhafte" Inszenierungen gibt.

Es bleibt auch festzuhalten, dass der Figaro ein hochpolitisches Stück ist - das in der damaligen Zeit gerade durch den hohen Gegenwartsbezug und den politischen Zeigefinger als anstößig wahrgenommen wurde. Normalerweise wurden ja griechische Tragödien instrumentiert (man denke nur an den Idomeneo oder die ganzen Gluck-Opern). Es fragt sich, warum wir jetzt quasi durch historische Kostüme etc. auf das kritische Potenzial einer Oper verzichten sollen, bei dem sich - um es einmal überspitzt zu sagen - Susanna gegen eine drohende Vergewaltigung wehrt.

Auch das Perdono am Ende ist ja doppelbödig genug, gerade in seinen Parallelen zum ersten Akt, um anzudeuten, dass längst nicht alles gut wird. Oder wie Wolfgang Hildesheimer es formuliert: "Die kurzen Momente der Reue glauben wir nicht; der Sextensprung "Contessa perdono" und der darauf folgende Septimensprung "Perdono, perdono", mit dem er im Finale des letzten Aktes die Gräfin um Verzeihung dafür bittet, dass er es allzu toll getrieben habe und nun den "tollen" Tag versöhnlich beschließen will, werden kaum eine Charakteränderung bedeuten,.."

Aber damit genug, denn die Erfahrung zeigt, dass genau an der Frage nach der "Librettotreue" der Inszenierungen wahre Glaubenskriege im Internet ausbrechen können - noch intensiver als um Anna N. ;-)
Armin70 (21.11.2010, 16:16):
Original von Holger
Abschließend eine kleine Frage, obgleich sie nicht zum Figaro paßt: Existiert eigentlich das Theater noch, das Schikaneder in Wien gegründet hat?


Hallo Holger,

ich habe mich da im Internet mal schlau gemacht und dazu folgendes gefunden:
Mozarts Oper "Die Zauberflöte" wurde 1791 im damaligen Freihaustheater (oder auch Theater auf der Wieden, Wiedener Theater oder auch Schikanedertheater genannt) uraufgeführt. Dieses Theater existierte von 1787 bis 1801. Im Jahr 1800 erwarb Schikaneder ein Grundstück am Wienfluss, wo er das "Theater an der Wien" als neues Theater erbauen liess, das am 13. Juni 1801 eröffnet wurde. Das Freihaustheater wurde zu Mietwohnungen umgebaut und später abgetragen, d. h. es existiert nicht mehr.
Das Theater an der Wien besteht heute noch. Beethovens Oper "Fidelio" wurde 1805 übrigens dort uraufgeführt. Nach dem Zweiten Weltkrieg diente das Gebäude als Ausweichquartier für das Ensemble der ausgebombten Wiener Staatsoper. Karl Böhm und Josef Krips leiteten hier berühmte Aufführungen von Mozart-Opern, von denen auch Aufnahmen existieren.
Seit 1962 dient das Theater an der Wien in den Sommermonaten alljährlich auch den Wiener Festwochen als Spielstätte. 2000 und 2007 war das Theater Gastgeber der Nestroy-Verleihung.
Seit Januar 2006 trägt es den Beinamen Das neue Opernhaus.

Gruß Armin

(Quelle: wikipedia.org)
Waldi (21.11.2010, 16:32):
Meine Lieben,

Die Netrebko als Susanna in Salzburg war und ist sicher nicht mein Fall. Ich glaube aber, daß sie unter einem anderen Regisseur die Rolle - für mich - wesentlich besser hinbekäme, obwohl ich nciht finde, daß sie a priori dafür so gut geeignet ist. Was ich aber bewundere, ist, wie sich die Netrebko bedingungslos in die vorgegebenen Regiekonzepte einfügt und stets das beste daraus zu machen versucht. Im übrigen: ich halte sie für eine großartige Sängerin und Schauspielerin. Daß Leute mit feineren Ohren manches an ihren Tönen aussetzen, verstehe ich, aber ihr Timbre und ihre Bühnenpräsenz sind, schnoddrig formuliert, Klasse! Für mich steht außer Zweifel, daß sie zur derzeitigen Spitzengarnitur zählt, aber natürlich nicht in allen Partien, die sie singt.

Liebe Grüße

Waldi
Holger (21.11.2010, 20:31):
Original von Dulcamara

Eines möchte ich noch sagen, im Hinblick auf Deine Angst vor Gegenwartsbezügen und politischen Belehrungen. Ich glaube, dass es ein Fehler ist, wenn man hier die Trennlinie zwischen guten und schlechten Inszenierungen zieht. Stattdessen gibt es sehr gut und sehr schlecht aktualisierte und politisierte Aufführungen, genauso wie es sehr gute und sehr schlechte "märchenhafte" Inszenierungen gibt.

Lieber Dulcamara,

zunächst einmal vielen Dank für Deine ausführliche Antwort!

Mir liegt sehr daran, nicht dahingehend mißverstanden zu werden, daß ich mit meinem persönlichen Wunsch nach einer "märchenhaften", "werkgetreuen" Inszenierung eine Wertung verbinden würde.

Nein, ich spreche ganz subjektiv für mich allein. Ich kenne mich und weiß ganz genau, was ich brauche, um mir das Metier Oper überhaupt zu erschließen und nicht gleich verstört davonzulaufen. Ich bin da völlig kindlich und naiv: Wenn eine Oper im Original zu einer bestimmten Zeit spielt, dann soll diese bitteschön auch dargestellt werden.

Für die Zukunft schließe ich rein gar nichts aus, nicht einmal eine Erweiterung meines Horizonts :), aber ich stehe noch ganz am Anfang.

Viele Grüße von Holger
peter337 (21.11.2010, 21:04):
Frage von Holger:

Abschließend eine kleine Frage, obgleich sie nicht zum Figaro paßt: Existiert eigentlich das Theater noch, das Schikaneder in Wien gegründet hat?

Lieber Holger!

Wenn Du das "Theater an der Wien" meinst, das hat Schikaneder gegründet, welches für10 Jahre als Ersatzquartier, zwischen 1945-1955, der Staatsoper diente, und am 31.5.1963 mit der "Zauberflöte" wieder eröffnet wurde.

denn die ersten Aufführungen, damit auch die Uraufführung der "Zauberflöte" fanden im "Theater auf der Wieden", statt.
Der "Figaro" hingegen ist im Burgtheater uraufgeführt worden, aber nicht in dem das jetzt auf der Ringstraße steht sondern im"Theater bei der Burg" welches, durch die Erbauung der Wiener Ringstraße, nicht mehr existiert.

Liebe Grüße sendet Dir Peter aus Wien. :hello :hello
Holger (21.11.2010, 23:17):
Lieber Armin, lieber Peter,

vielen Dank für Eure Erklärungen zu Schikanderes Theater!

Liebe Grüße von Holger
Holger (21.11.2010, 23:40):
Liebe Fairy,

ich freue mich unbändig über Deinen virtuellen Knutschfleck! Außerdem habe ich wieder was dazugelernt: In der Oper gibt's Untertitel! Wer hätte das gedacht...?

Liebe Heike,

vielen herzlichen Dank für die Mühe, die Du auf die Sitzplatzbeschreibung verwendet hast!

:down

Von Götz Friedrich habe ich beiläufig gehört, doch darin erschöpft sich mein Wissen bereits. Klingt ja fast so, als ob ich mich trauen könnte...

Lieber Dulcamara,

auch Dir ein Dankeschön für Deine Ausführungen zu Friedrich! Außerdem hast Du mich der Notwendigkeit enthoben, Heike zu fragen, was denn bitte eine "Repertoireaufführung" sei. Nun kann ich so tun, als hätte ich das schon immer gewußt. :leb

Viele herzliche Grüße an Euch alle

Holger
Dulcamara (22.11.2010, 00:28):
Original von Holger
Nein, ich spreche ganz subjektiv für mich allein. Ich kenne mich und weiß ganz genau, was ich brauche, um mir das Metier Oper überhaupt zu erschließen und nicht gleich verstört davonzulaufen. Ich bin da völlig kindlich und naiv: Wenn eine Oper im Original zu einer bestimmten Zeit spielt, dann soll diese bitteschön auch dargestellt werden.


Ich sehe Deinen Punkt, dass Du zunächst einmal die Oper "in echt" kennenlernen möchtest, bevor Du sie verfremdet siehst.

Erlaube mir dennoch ganz kurz darauf hinzuweisen, dass es eigentlich keine "echte" Version einer Oper gibt. Der Reiz großer Opern besteht m.E. darin, dass sie zeitlose Grundkonstellationen der menschlichen Existenz thematisieren (z.B. unglückliche Liebe, Verrat, Freundschaft, Versagen, Isoliertheit). Die Tatsache, dass die Musik noch heute wirkt, trotz der Reizüberflutung von allen Seiten, trotz radikal veränderter Lebensbedingungen, macht diese Zeitlosigkeit nur noch deutlicher. Warum sollte man sich dann also exakt an die Textbücher halten, was den historischen und geografischen Kontext angeht?

Denn anders als die Musik halten die Textbücher meist dem Test der Zeit nicht stand. Die da Ponte-Opern sind da sicher ein Stückweit eine Ausnahme, da sie auch als Text für sich genommen wertvoll sind. Dennoch: Die Bindung an einen sozialen und historischen Kontext ist auch in diesen Libretti völlig zufällig. Figaros Hochzeit spielt irgendwo in Spanien (schließlich ist Figaro der Barbier von Sevilla). Warum? Nun, Spanien lag weit genug weg, so dass die Zensoren nicht so kritisch waren. Mozart und da Ponte hätten das Ganze aber nie in Salzburg spielen lassen können - obwohl ich mir vorstellen kann, dass Mozart das gefallen hätte. Warum sollte man das dann aber nicht heute machen können? Oder in Berlin Mitte?

Die McVicar-Inszenierung macht das ja auch irgendwo deutlich. McVicar verlegt das Stück von Spanien nach Frankreich und um 50 Jahre nach hinten. Mir ist ehrlich gesagt gar nicht klar, warum er das tut - vielleicht weil es in dem Stück um den Versuch der Restauration der alten Macht geht - genau wie im postrevolutionären Frankreich. Aber es nimmt der Oper keinesfalls die Wirksamkeit. Im Gegenteil, ich wette, Dir ist das gar nicht aufgefallen. Dann sollten aber doch auch 100 Jahre später kein Problem sein. Zum Beispiel irgendwo in den 20er Jahren in einer Industriellenvilla. Es ändert ja gar nichts an den eigentlichen Konflikten, um die es geht. Es macht nur deutlicher, WIE zeitlos sie eigentlich sind und dass sie auch uns betreffen.

Deshalb, glaube mir, können auch ganz moderne Inszenierungen der Mozart-Opern wunderbar funktionieren - auch für Dich, als Einsteiger. Ich bin zum Beispiel sicher, dass die Frankfurter Cosi fan tutte-Inszenierung auch Dir absolut zusagen würde - auch wenn Christoph Loy sie komplett dem zeitlichen Zusammenhang entzieht und in einem großen weißen Raum ansiedelt. Bilder gibt es hier.
Severina (22.11.2010, 00:46):
Lieber Dulcamara,
in einem anderen Forum würde ich jetzt sagen: "Bitte verdoppeln!" Vollkommen d'accord mit Deinen Ausführungen.

lg Sevi :hello
Holger (22.11.2010, 11:00):
Lieber Dulcamara,

ich kann Deine Argumentation absolut nachvollziehen und ihr nicht ein einziges kluges, rationales Argument entgegenhalten. Schon deshalb nicht, weil mir jegliche Erfahrung fehlt.

Auch ich bin völlig fasziniert vom überzeitlichen Aspekt, der der Darstellung existentieller Krisen in der Kunst innewohnt. Goethes "Werther" und Fontanes "Irrungen, Wirrungen" gehören aus diesem Grund zu den Büchern, die ich immer wieder gern lese. Ebenso gibt es Passagen bei Shakespeare, die mich begeistern; ganz wie bestimmte alte Gemälde.

Nur glaube ich ganz subjektiv für mich, mir vom Regisseur keinerlei Gegenwartsbezüge aufdrängen lassen zu müssen. Ich kapiere auch so, worum es geht; mehr noch: Gerade durch die altertümliche Kulisse geht mir der Aspekt unvergänglicher menschlicher Nöte noch mehr ans Herz. Wenn ich belehrt oder nachdenklich gemacht zu werden wünsche, so bitte durch das Werk selbst, nicht durch den Regisseur.

Dies zumindest das Vorurteil, dem ich derzeit unterliege - noch, wie ich hoffe. Denn ich halte es überhaupt nicht für ausgeschlossen, Dir eines Tages ebenso subjektiv zustimmen zu können, wie ich oben meine Abneigung schildere. Nur bin ich eben nicht so weit. Die Szenenfotos aus Frankfurt finde ich einfach nur schauerlich. Sie sind ein wunderbares Exempel dafür, was es derzeit braucht, um meine junge, fragile Liebe zur Oper kaputtzumachen.

Nix für ungut - ich will niemandem dem Spaß nehmen, aber auch mir nicht. :wink

Liebe Grüße von Holger
Severina (22.11.2010, 13:49):
Lieber Holger,

beide Sichtweisen sind völlig legitim, und meine aktuelle Bevorzugung moderner Regieformen hat sich auch erst im Laufe der letzten 10 Jahre entwickelt. Davor fand ich Inszenierungen toll, bei denen ich mir heute denke "Hilfe, bitte nicht!!!" Als Beispiel sei Zeffirellis "Traviata"-Verfilmung genannt, die ich mir damals fünfmal im Kino anschaute und jedes Mal Rotz und Wasser heulte, während ich sie heute kaum mehr aushalte.
Das wäre übrigens ein heißer Tipp für Dich, denn diese Verfilmung gibt's auf DVD (schon ziemlich billig), und ich bin überzeugt davon, dass sie Dich begeistert: Prachtvolles Ausstattungstheater, wunderbar gespielt, und dass Teresa Stratas stimmlich keine ideale Violetta ist, verzeiht man ihr gerne wegen ihrer ergreifenden Darstellung.

lg Sevi :hello
Rideamus (19.02.2012, 15:22):
Ich bringe die Diskussion um den FIGARO im berliner Schillertheater, die an anderer Stelle begonnen wurde, einmal hierhin, wo sie eigentlich hingehört. Leider ist es ein trauriger Anlass, der mich darauf stößt, nämlich der gestrige Tod des Regisseurs Thomas Langhoff.

Als ich nachsehen wollte, was ich von ihm auf DVD habe, stieß ich u. a. auf diese Ausgabe des Labels Arthaus:


Ich weiß nicht, wie viel von der Inszenierung Thoms Langhoffs beim Umzug ins Schillertheater übrig geblieben ist, aber die Beschreibung der ursprünglichen Aufführungsserie unter der Stabführung Daniel Barenboims mit Roman Trekel, Dorothea Röschmann, Emily Magee und René Pape liest sich vielversprechend.

Ich muss unbedingt mal wieder in diese lang vergessene DVD hinein sehen und werde berichten, sobald ich dazu kam. Ich glaube allerdings nicht, dass sie meine bisherigen Lieblinge aus London (Pappano/McVicar), Glyndebourne (Pritchard/Hall) und Paris (Gardiner/Mille) von ihren verdienten Plätzen auf meinem Treppchen verdrängen wird. Und dann gibt's da ja auch noch Böhm/Ponnelle, Harnoncourt/Bondy, Harnoncourt/Guth, Korsten/Strehler bzw. Muti /Heltau-Strehler und Solti/Strehler sowie last, but not at all least, Jacobs/Martinoty um nur ein paar weitere kaum verzichtbare Aufzeichnungen zu nennen.

Höchste Zeit für eine Saison von FIGARO-Festspielen :B

:hello Rideamus
Severina (19.02.2012, 15:35):
Lieber Rideamus,

ich stehe wieder einmal in Ehrfurcht erstarrt vor Deiner Kollektion, denn ich könnte an der Session nur mit McVikar/Pappano, Bechtolf/Welser-Möst(Zürich) und Guth/Harnoncourt teilnehmen, wobei 1 und 3 schon irgendwo diskutiert wurden, wen ich nicht irre.

lg Sevi :hello

PS: Ich denke, Du meinst Emily Magee, oder?
Rideamus (19.02.2012, 15:57):
Liebe Sevi,

natürlich hast Du Recht, und ich meine Emily Magee (ist bereits korrigiert), die man hier als Contessa mit ihrem "Porgi amor" hören und sehen kann: http://www.youtube.com/watch?v=RBz5ijBCjPI.

Ansonsten geht es ja nicht um Quantität, obwohl ich gerne zugebe, dass mein Bestand an FIGAROS schon etwas überhand nimmt. So recht verzichten möchte ich aber auf keine davon, auch nicht auf die aus der MET oder Zürich.

:I Rideamus
Heike (20.02.2012, 08:14):
Le nozze di Figaro - 19.2.12, Staatsoper im Schillertheater
Musikalische Leitung Daniel Barenboim
Inszenierung Thomas Langhoff

Graf Almaviva Artur Rucinski
Gräfin Almaviva Dorothea Röschmann
Susanna Anna Prohaska
Figaro Vito Priante
Cherubino Christine Schäfer
Marcellina Katharina Kammerloher
Basilio Abdellah Lasri
Bartolo Maurizio Muraro
Barbarina Narine Yeghiyan
Antonio Olaf Bär
Don Curzio Paul O’Neill

Natürlich gab es am Beginn Barenboims kurze Worte zum gestrigen Tod des Regisseurs Langhoff (in die gleich ein Handy klingelte, und das, obwohl im Schillertheater immer kurz vor dem Beginn durch lautes Handyklingeln auf vergessene Handys aufmerksam gemacht wird!). Danach eine Schweigeminute.

Liebe Stiffelo, auch bei mir hat es der Figaro schwer. Zwar gibt es eine Reihe wunderbarer Arien und natürlich wirklich hinreißende Ensembleszenen, aber die Handlung berührt mich eher wenig und die langen, Cembalo-begleiteten Rezitative gehen mir mitunter auf die Nerven. Ich mag auch sowieso Tragödien lieber. Insoweit kann ich dein Fremdeln mit dem Figaro durchaus nachvollziehen. Aber jetzt zur gestrigen Aufführung:

Die Inszenierung war eine typische für Langhoff, unspektakulär, eher konservativ, aber sensibel in der Personenführung und sparsam bei den Kulissen. Jedenfalls frei von jeglichen banalen Plattheiten, das muss man ja bei Komödien heute schon explizit hervorheben.

Barenboim dirigierte die Langhoff gewidmete Vorstellung auswendig und mit viel Schwung und Leidenschaft, so wie es in barockesten Zeiten gewesen sien muss. Er kann sich aber auch an den richtigen Stellen zurücknehmen und es richtig lyrisch werden lassen, das hat gestimmt.

Sängerisch war der Abend eine rundum geschlossene Sache, bis in die Nebenrollen gut besetzt. Ich weiß nicht, wen ich hervorheben soll, vielleicht Dorothea Röschmann, die als Gräfin die prägnanteste Stimme hatte und als einzige Frau wirklich gut über das Orchester kam, wenn es lauter wurde. In ihrer Antrittsarie dachte ich noch, dass sie aber ganz schön viel vibriert und auch ein wenig wackelt, aber danach steigerte sie sich enorm und überzeugte mich sehr mit Ausdrucksstärke vor allem im intensiven piano. Die anderen Damen waren allesamt gut, aber nicht überragend. Denn: Leider etwas zu leise waren sie mir, da fehlt es an Volumen, auch bei der Prohaska, deren beschwingtes Singen ich ansonsten gern mag. Vor allem aber Christine Schäfer war im hinteren Bühnenteil einfach zu schwach. Aber im Schillertehater geht das noch, schön singen kann sie trotzdem. Die Männer stehen zu unrecht jetzt in meiner Beschreibung hintenan. Sie überzeugten sehr, Priante hat einen sehr klaren, gefühlvollen Bariton, er spielte auch stark und gab somit auch optisch einen tollen Figaro ab. Rucinski stand ihm in nichts nach, auch er gefiel mir gut. In der Höhe war es bei beiden etwas knapp, aber in der Mittellage klauten sie den Frauen fast die show.

Somit hat die insgesamt sehr gute Besetzung vor allem in den Emsembeln punkten können, alle harmonierten gut miteinander und man sah und hörte ihnen die Freude an dem Verwirrspiel richtig an! Ein gelungener Abend, ohne großen Star, aber mit vielen tollen Stimmen. Unbedingt hingehen, wer in Berlin ist und Zeit hat und Lust auf Mozart.
Heike
Severina (20.02.2012, 10:30):
Leider ist Berlin etwas entlegen für mich, sonst käme ich Deiner Aufforderung natürlich gerne nach! Ich muss gestehen, dass es bei der Nozze auch nicht sofort klick machte bei mir, es dauerte einige Jährchen, bis ich sie so richtig mochte. Wahrscheinlich hätte ich dem Werk gar nicht so viele Chancen gegeben, hätte nicht Thomas Hampson, den ich sehr mag, so oft den Conte gesungen :D.

Die Herren in Deiner Vorstellung kenne ich gar nicht, wohl aber die Damenriege. Dass Christine Schäfer Probleme hat durchzudringen, kann ich mir gut vorstellen. Sie besitzt eine zwar interessante, unverwechselbare, aber auch sehr fragile Stimme.

lg Sevi :hello
Holger (22.02.2012, 21:43):
Hallo,

nach einer längeren Zeit völliger Abstinenz bin ich, der Quartals-Klassiker, unversehens wieder voll drauf. Und, wie könnte es anders sein, auf der süßesten Droge von allen - dem Figaro!

Momentan revidiere ich gerade mein hartnäckiges Vorurteil, sämtliche Klassik-Aufnahmen klängen unterschiedslos gleich, egal welches Orchester, welcher Sänger, welcher Dirigent. Bin derzeit nämlich sehr verliebt in eine Aufnahme mit Solti und irgendeiner ominösen Kawasaki (oder so ähnlich). Wahnsinn.

Und der allergrößte Hammer: Im Frühling werde ich den Figaro in der Deutschen Oper (ich meine, das hatte mir einst Heike empfohlen) sehen! Der aller-, allererste Opernbesuch meines Lebens! Es gibt kein Zurück - die Karten sind bereits da! Ich freu mich wie blöde!!! Und habe mittlerweile sogar was Vernünftiges zum Anziehen. Ich kann's nicht erwarten, ich kann's nicht erwarten! Fühle mich wie ein kleiner Junge vor Weihnachten.

Bis zum großen Tag höre ich weiterhin glücklich meine Kawasaki. Und kann nicht verhindern, daß mir immer wieder die Tränen kommen. Die Handlung der Oper ist mir völlig wurst, die Texte verstehe ich sowieso nicht, aber die Musik ist nicht von dieser Welt. Einfach überirdisch schön. Wie eine Schokolade, die auf der Zunge zergeht. Immer wenn man meint, schöner könne es nicht werden, wird man in einen neuen Zustand der Verzückung katapultiert. Der reinste O(h)rgasmus! Und das über Stunden!

Mal ehrlich - wo wird das sonst geboten? :D

Fragt sich

Holger
Solitaire (22.02.2012, 22:23):
Ich wünsche dir ganz viel Freude bei deinem allerersten Opernabend und daß alle singen und spielen wie die Engel, denn so sollte es sein, wenn man zum erstenmal in die Oper geht! :)
Holger (22.02.2012, 22:49):
Danke, Solitaire, das ist total lieb von Dir!

Liebe Grüße von Holger
Solitaire (23.02.2012, 09:52):
Ich finde es einfach immer wieder schön, wenn Menschen plötzlich anfangen, die Oper für sich zu entdecken. Das geht zur Zeit dem Lebenspartner einer sehr guten Freundin von mir so: von Beruf Sicherheitstechniker hat er seit einiger Zeit eine entsprechende Stelle bei den Wuppertaler Bühnen. Er muß die Vorstellungen auf ihre Sicherheit überprüfen und sieht also alle Produktionen. Der "Holländer" hat ihn begeistert, "Figaro" überwältigt. Ich habe ihm dann die DVD mit Erwin Schrott geliehen und eine CD auf der Erna Berger die beiden Cherubino-Arien, die Rosenarie und das Briefduett (mit Elisabeth Grümmer) singt. Manchmal beneide ich euch: das ihr das alles zum erstenmal erleben dürft :)
Holger (23.02.2012, 22:19):
Liebe Solitaire,

wunderbar formuliert!

Momentan beneide ich mich beinahe selbst. Ich berste vor Ungeduld!

Bis zum 13. Mai muß ich aber noch warten.

In der Solti-Aufnahme entdecke ich jeden Tag ein neues begeisterndes Detail. Ich bin schon wahnsinnig gespannt, wie es sich anfühlen wird, die Oper live zu hören und zu sehen.

Merkwürdigerweise spricht mich der Figaro sehr viel mehr an als die Zauberflöte, die ja gemeinhin als DIE Mozart-Oper schlechthin gilt und die ich mittlerweile ebenfalls ein bißchen kenne. Wobei die Arie der Königin der Nacht und das Duett Papapapapapageno/na natürlich unbestrittenermaßen erstklassige Hitqualitäten haben und für mich in die Top Ten der Klassik gehören. Aber so richtig zu erschüttern vermag mich nur der Figaro.

Die DVD mit Schrott (äußerst undankbarer Name für einen Opernsänger!) :D habe ich übrigens auch. Hattest Du ja ganz zu Beginn des Threads empfohlen.

Liebe Grüße von Holger
Holger (24.02.2012, 10:50):
Liebe Leute,

Ihr werdet's nicht glauben, aber selbst eine so schöne Oper wie den Figaro kann man ersticken. Wenigstens fast.

Dem hier ist es beinahe gelungen: einem gewissen Nikolaus Harnoncourt (offensichtlich der Hannibal Lector unter den Dirigenten) und seinen Mitverschwörern, den Wiener Philharmonikern.

http://ecx.images-amazon.com/images/I/51VFTd3wJRL._SL500_AA300_.jpg

Dieser Schnarchsack muß unmittelbar vor und noch während der Einspielung Valium eingeworfen und den Slow-Motion-Modus aktiviert haben. Wahrscheinlich hat er mit Dieter Bohlen gewettet, daß er sogar noch besch..eidenere Musik machen kann. Schon die Ouvertüre klingt nach Verbeamtung auf Lebenszeit, und aus den Arien macht Harnoncourt vertonte Verwaltungsvorschriften. Zumindest bemüht er sich nach Kräften darum. So ganz gelingt's ihm allerdings nicht, denn immerhin ist es noch immer der unkaputtbare Mozart, an dem er sich vergeht.

Dennoch: Der Junge sollte sich ganz dringend einen anderen Job suchen. Irgendwas im Nachtwächterbereich. Oder im Schlaflabor. Oder gleich bei der Deutschen Bahn.

Liebe Grüße von Holger


P.S.:

In diesem Zusammenhang fällt mir ein Zitat aus meinem Lieblingsfilm "Sein oder Nichtsein" ein:

"Was der mit Shakespeare macht, machen wir heute mit Polen!"
Rideamus (25.02.2012, 11:57):
Also, ganz so schlimm finde ich die Salzburger Aufführung wirklich nicht, obwohl ich gerne zugestehe, dass Harnoncourt die Sache wirklich sehr getragen angeht, was aber dem Regiekonzept entspricht. Immerhin lässt sich die musikalische Seite durchaus kontrovers diskutieren. Mein weit größeres Probleme mit dieser Aufführung ist ihre totale Humorlosigkeit, die, trotz des albern immer wieder Federn lassenden Amor, die Aufführung prägt. Wie in einem anderen Forum vor Jahren schon diskutiert wurde. Weder Mozart noch Da Ponte sind Vorboten Strindbergs, und die all zu menschlichen Verhaltensweisen der Protagonisten keineswegs neurotisch. Auch nicht der Graf.

Sehr gut erfasst hat das der leider kürzlich verstorbene Thomas Langhoff, dessen berliner Inszenierung ich mir aus diesem Anlass jetzt noch einmal angesehen habe.



Wie schon weiter oben erahnt, schafft die DVD es nicht, meine Lieblinge aus London (Pappano), Paris (Gardiner) und Glyndebourne (Pritchard) vom Treppchen zu verdrängen, aber für den gegenwärtig bei Amazon besonders günstigen Preis ist sie auf jeden Fall eine der attraktivsten Alternativen im DVD-Sektor.

Das liegt vor allem an der Regie Langhoffs, der leider viel zu wenig Opern inzeniert und anscheinend keine andere TV-Aufzeichnung hinterlassen hat. Dabei zeigt das enorme Geschick, mit der Langhoff die von Mozart geradezu mitkomponierten Regieanweisungen aufgegriffen hat, eine wunderbare Sensibilität für die Musik und nicht nur für die derstellerischen Herausforderungen der Komödie, die er gebührend ernst nimmt ohne die Gattung der Opera buffa zu verraten. Die Subtilität seiner Regiearbeit wird immer wieder in glücklich arrangierten Bildern deutlich, die komisch wirken ohne jemals albern zu sein. Unterstützt wird er von einer vorzüglichen Sängerriege, von denen allenfalls Dorothea Röschmann, die später (u.a. in Salzburg) eine noch bessere Gräfin wurde, für meinen Geschmack etwas zu sehr das Kammerkätzchen spielt. Dagegen haben mir Emily Magee als Gräfin und der bezaubernde Cherubino von Patricia Risley, die zu Recht besonders starken Beifall erhielt, ganz besonders gefallen. Wenn auch das Damentrio Te Kanawa, Cotrubas und von Stade in Glyndebourne eine unschlagbare Kombination bleiben dürfte, so habe ich es hier einmal nicht ernsthaft vermisst.

Dagegen bilden ihre Gegenspieler trotz starker Konkurrenz womöglich das beste Herrenensemble auf allen mir bekannten Einspielungen. Mit seiner pfiffigen Handwerkermentalität gab René Pape für mich einen überzeugenden und zudem tadellos singenden Figaro, den nicht einmal Bryn Terfel übertraf. Auch der herrische Graf Roman Trekels, der spüren ließ, dass er mit den Haaren keineswegs den Verstand verloren hat, nur unfähig ist, seinem Gemächt die Macht zu nehmen, wie es ihm seine einst aufgeklärtere Einsicht einmal vorschrieb, überzeugt. Er macht es sogar verständlich, dass die Gräfin ihm zweimal verzeiht, obwohl auch für sie unübersehbar sein muss, dass er natürlich rückfällig und wohl auch schlimmer werden wird. Aber wir sind ja in einer Opera buffa. Zu dem starken Endruck der Herrenriege trugen auch die mit Peter Schreier luxuriös besetzte Nebenrolle des Basilio und mit dem frühen und noch bassstarken Kwangchul Youn ein vorzüglicher Bartolo bei. Einzig die Marcellina von Rosemarie Lang ist mir etwas zu schablonenhaft geraten, ohne deswegen gleich störend zu sein, zumal sie eine aus der Minderheit der Mitwirkenden ist, die im zweiten Teil besser wurden.

Bleibt die Leistung Daniel Barenboims, den ich normalerweise nicht zwangsläufig schätze. Für Mozart aber hat er m. E. ein sehr sicheres Gefühl. Natürlich stehen weder er noch der Klang der Staatskapelle Berlin im Verdacht, HIP zu spielen, aber mit dem konventionellen Opernhaus-Klangbild, das die meisten DVDs bieten (Gardiner, Jacobs und Östman sind rühmliche Ausnahmen), liefert Barenboim ein Dirigat ab, das mich zumindest in den genialen zwei ersten Akten kein einziges Mal irritierte. Im dritten Akt ließen anscheinend die allgemeine Konzentration und Barenboims rhythmische Beherrschung der Ensembles geringfügig nach, aber bei dieser zwar kurzweiligen, aber keineswegs kurzen Oper finde ich das verzeihlich. Schließlich kann Barenboim nichts dafür, dass Mozart und Da Ponte fast alle obligaten Soloarien in die beiden letzten Akte packten, wodurch das bis dahin so mitreißend flüssige Geschehen leicht ins Stocken gerät. Schlimmer wäre es, die wahrlich nicht unbedeutenden Arien der Nebenrollen teilweise zu streichen, wie es leider zu oft geschieht.

Insgesamt also eine vorzügliche DVD, die m. E. besonders für Einsteiger geeignet ist. Nicht nur wegen ihrer hohen Qualität bei geringem Preis, sondern vor allem weil Langhoffs Regiearbeit zu keinem Zeitpunkt die Verwirrung aufkommen lässt, die angesichts von Beauchmarchais' komplexem Intrigenspiels leicht manchen Ersthörer der Oper erfasst, der keine Texte mitlesen kann. Gerade in dieser Oper mit einem der genialsten Libretti überhaupt ist es nämlich unabdingbar, dass man immer sehr genau weiß, was gerade geschieht und gesungen wird.

:hello Rideamus
Solitaire (25.02.2012, 23:20):
Nur ganz kurz, da müde (habe gerade Shakespeares "Herny V" hinter mir"): Harnoncourt und seine Tempi werden ja wirklich heftig diskutiert. Ich habe mal eine Zauberflöte erlebt, bei der es mir dann doch auch zuviel wurde, aber Figaro gefällt mir musikalisch durchaus. Ich gebe allerdings gerne zu, das vor allem die Ouvertüre gewöhnungsbedürftig ist. Dennoch habe ich im Orchester Dinge gehört, die ich bei anderen Dirigenten zuvor nie gehört habe.
OT an
Ich habe eine Aufnahme des Mozart-Requiems, bei dem Harnoncourt Chor und Orchester das bissigste "Rex tremendae" aller Zeiten musizieren läßt :down
OT aus
Zefira (26.02.2012, 09:55):
Und ich habe neulich im Fernsehen eine Aufführung des Requiems aus Lausanne gesehen, da ist das Rex tremendae zum Tanzstück verkommen. Hops, hops, hops ...

Meine Tochter, die selbst schon bei einer Requiem-Aufführung mitgewirkt hat, ist mit allen Anzeichen des Entsetzens aus dem Zimmer gelaufen :rofl

Gruß von Zefira
Fairy Queen (26.02.2012, 16:55):
Lieber Holger, Du nimmst ja kein Blatt vor den Mund! Die nassforsche Forderung Harnoncourt môge sich einen anderen Job suchen, ist- vorsichtig ausgedrückt- bei aller berechtigten Kritik- etwas "übertrieben".... :cool
Ich halte den Figaro aus Salzburg allerdings auch nicht für die Referenzaufanhme dieser Oper. :wink
Mir das Gesamtpaket einfach zu behäbig, träge und uncharmant. Das Tempo spielt dabei gewiss eine Rolle, aber vor allen Dingen - da kann ich Rideamus nur beipflichten- der Bierernst und der Mangel an Mozart-Charme. Natürlich ist Mozart nciht nur ein Leichtfuss aber er ist auch nciht depressiv.
Es gibt gottseidank einen grossen Lichtblick in dieser Inszenierung und das ist für mich Christine Schâfer als Cherubino. Ich finde auch die Idee mit dem stummen Amor gut, aber wenn das ein melancholischer Todesengel wird, passt es für mich nicht mehr.
Eine meiner bisher liebsten Inszeneirungen war die von McVicar aus Convent mit Gerald Finley, Miah Persson, Dorothea Röschmann.... Das ist zwar relativ konventionnel und nicht immer 100% ideal gesungen aber voller Spielfreude und Charme. Die Langhoff Inszenierung kenne ich nur ausschnittweise, sie gefällt mir auch sehr gut.
Ich wirke gerade selbst bei einem Figaro(Mischung aus Rossini, Beaumarchais und Mozart) mit und werde mich in den nâchsten Wochen intensiver um diverse versionen kûmmern.
F.Q.
stiffelio (26.02.2012, 17:46):
Hallo Fairy,

ich habe die DVD mit der McVicar-Inszenierung inzwischen auch gesehen und kann nur bestätigen, dass jeder, der sich einen nicht nur gut gesungenen sondern auch überzeugend gespielten Figaro mit viel Charme und Witz, ohne platten Klamauk einerseits, aber auch ohne moderne Verbiegungen andererseits wünscht, an dieser DVD nicht vorbei kommt.

VG, stiffelio
Holger (17.05.2012, 11:18):
Liebe Opernfans,

am vergangenen Sonntag habe ich nun tatsächlich mein erstes Mal erlebt! Nämlich einen Opernbesuch: Mozarts „Figaro“.

Dazu müßt Ihr wissen, daß ich in einer Atmosphäre aufwuchs, die sich in riesigen Lettern mit dem Wort „PSEUDO“ überschreiben ließe: Man hatte die Klassiker, gleich welcher Kunstgattung, tief zu verehren und ihre Namen mit größter Andacht auszusprechen – nur wurden sie weder gehört noch gelesen, noch jemals betrachtet oder erörtert. Allenfalls waren sie es, die den Lernstoff zum späteren mechanischen Aufsagen lieferten – ohne echte Empfindung, aber mit einstudierter Betonung. Sie existierten quasi ausschließlich als leblose, verstaubte und entsprechend langweilig anmutende geistig-moralische Denkmäler, als Teil eines abzufragenden Bildungsguts; in Wahrheit wurde ich auf der gefühlsmäßigen Ebene nahezu völlig kulturlos groß. Die Schule vermochte daran nur wenig zu ändern; eher verstärkte sie mein Vorurteil, daß ich mit dem ganzen alten Scheißdreck um keinen Preis etwas zu tun haben wollte. Lieber interessierte ich mich für Hardrock, und sei es nur, um zur angesagten Peer-Group zu gehören.

Erst im Erwachsenenalter begann ich mich für Barockmusik zu interessieren. Mein Erweckungserlebnis in Sachen Mozart erfuhr ich dann durch die Gestalt des Salieri im Film „Amadeus“, der mir durch seine glühende Eifersucht ebenjenes lebendige Moment vermittelte, das mir weder Schule noch Elternhaus hatten nahebringen können: genau diejenige hochemotionale Art von Unterricht, die mir zeitlebens abgegangen war. Ein übriges tat dann der Film „Die Verurteilten“ mit Tim Robbins als Andy. Eventuell kennt Ihr ja die Szene, in der er den Mithäftlingen ein herzzerreißend schönes Duett aus dem Figaro vorspielt: „Certo, certo il capira“?

Vielleicht könnt Ihr mir nachfühlen, wie unsagbar wohl mir dieser Opernbesuch tat! Zumal die Inszenierung (Götz Friedrich, Deutsche Oper Berlin) bereits durch das Bühnenbild anheimelnd altmodisch-werkgetreu wirkte. Bei all meiner sonstigen Versessenheit auf splitternackte Schlammringkämpfe und andere schweinische Darbietungen aus dem Wirkungsbereich der Lendenwirbel genoß ich es doch sehr, auf der Bühne anstelle einer bemüht zeitgenössischen Interpretation samt belehrend erhobenem Zeigefinger historische Kostüme und das entsprechende Ambiente vorzufinden – eben Mozart, wie ihn sich Lieschen Müller dank seines Portraits auf den Mozartkugeln vorstellt: heile Welt!

Und erst diese ergreifende, himmlische Musik! Unvermittelt einsetzend, Verzückung aus dem Nichts, pures Erschauern. Um so paradoxer, sobald man die (dankenswerterweise über der Bühne eingeblendeten) Untertitel verfolgte. Nein, hier wurde nicht der Sinn des Lebens verhandelt, es ging weder um edle philosophische Betrachtungen noch um Botschaften mit ewiger Geltung, sondern um aberwitzig nichtige Banalitäten im Rahmen einer tiefenbescheuerten Verwechslungskomödie, die man getrost als gequirlte Scheiße auf Theo-Lingen-Hansi-Kraus-ein-Schloß-am-Wörthersee-Niveau klassifizieren kann: Ich schreibe einen Brief, ich verstecke mich im Kabinett, ich habe eine Nadel verloren, ich zieh mir was Hübsches an, blablabla, sülz, fasel.

Mag sein, daß größere Geister mehr darin sehen, eine Auseinandersetzung zwischen Adel und Bürgertum womöglich; eine herbe Gesellschaftskritik oder was auch immer; für mich war es nichts anderes als eine kleine alberne Komödie mit dem einzigen Thema „Eifersucht“; bedeutungsloses alltägliches Geplapper; elementare, denkbar simpelste menschliche Emotionalität in der musikalischen Verkleidung einer göttlichen Offenbarung – dermaßen überwältigend, daß ich mich zuweilen bis zur Erschöpfung ausgepreßt fühlte, gerade so, als gliche mein Seelenleben einer Tube voller Emotionen, die es über die Grenze des Erträglichen hinaus zu leeren gelte. Vom ersten Ton bis zum letzten ein einziger musikalischer Rausch, gleichsam eine Aneinanderreihung von Mozarts Greatest Hits; skurrile Ergriffenheit über Banalitäten wie die, daß ein Bräutigam das Schlafzimmer ausmißt.

Hinreißend die mir allesamt völlig unbekannten Sängerinnen und Sänger, die es (was ich nie begreifen werde) vermochten, ihre Darbietungen ohne Orchester in der richtigen Tonart zu beginnen. Famos! Wundervolle Arien, bezaubernde Duette, viel Applaus zwischendurch (für meinen Geschmack noch zuwenig). Und erst das Orchester selbst! Wunderbares Tempo, fehlerlose Performance, gutes Tempo – all das unter der Leitun eines für mich ebenfalls namenlosen Dirigenten. Außerdem faszinierend: die Abstimmung. Hörner, Violinen, Klavier – und all das ohne Mischpult, ohne Mikrofone, ohne moderne Technik und dennoch in angenehmer Lautstärke und im genau richtigem Verhältnis zu den menschlichen Stimmen.

Liebenswert auch die kleinen kömidiantischen Schauspielereien, für die die Darsteller am Rande Zeit fanden und die ihren Figuren eine gewisse Individualität verliehen. Merkwürdig nur, daß der Page Cherubino von vornherein so eindeutig als Frau zu identifizieren war. Ein Geheimnis dieser Inszenierung, das mich angesichts des betörenden Gesamteindrucks nicht weiter interessiert, zumal ich lesbischen Liebesszenen prinzpiell ja recht zugetan bin.

Ganz wundervoll die Schlußszene der Oper mit ihrer schließlich erhörten Bitte um Vergebung, diesem zu Tränen rührenden, ergreifenden, überirdisch schönen Dialog zwischen der Contessa und dem Chor: Perdono!

JA, JA, JA, ich geb’s zu: Ich habe geheult. Und das mehr als einmal!

Fazit: Ich gehe auf jeden Fall wieder hin!

An dieser Stelle mein aufrichtiges, inniges DANKESCHÖN an Heike, die mir diese Aufführung empfohlen und mir auch in Sachen Dresscode die Scheu genommen hatte.

Liebe Grüße an Euch alle!

Holger
Severina (22.05.2012, 19:44):
Lieber Holger,

Deine aus jeder Zeile sprechende Begeisterung über das "erste Mal" ist herzerfrischend und herzerwärmend - mögen noch viele weitere Male folgen und mögest Du uns immer an Deiner Euphorie teilnehmen lassen!

Das Theo-Lingen-Hansi-Kraus-Schloss-am-Wörthersee-Niveau ist natürlich SEHR diskussionswürdig :cool - das würde ich jetzt eingefleischten Nozze-Adoranten nicht so ins Gesicht sagen, wenn Dir Dein Leben lieb ist :wink - aber vor dem "ersten Mal" hat natürlich jeder Einwand zu verstummen :D :D :D :D

lg Severina :hello
Holger (23.05.2012, 09:55):
Liebe Severina,

danke für Deine Anteilnahme an meinem "ersten Mal"!

Ich bin weit davon entfernt, jemandem auf den Schlips oder gar die Abendrobe treten zu wollen. Zumal ich für den "Figaro" sterben würde!

Im Grunde genommen ist meine Ansicht, die Handlung sei einigermaßen töricht, denn auch ein um so größeres Kompliment an Mozart, der daraus etwas so unvergänglich Schönes gemacht hat. Der hätte mich sogar mit Arien über die Deutsche Bahn, das Dosenpfand, einen Eimer Spülwasser, rosa Kaugummi oder die Parkraumbewirtschaftung zum Weinen gebracht.

Viele Grüße von Holger
Holger (23.05.2012, 10:07):
Lieber Holger, Du nimmst ja kein Blatt vor den Mund! Die nassforsche Forderung Harnoncourt môge sich einen anderen Job suchen, ist- vorsichtig ausgedrückt- bei aller berechtigten Kritik- etwas "übertrieben".... :cool

Liebe Fairy,

ich habe mich mit Harnoncourt wieder vertragen. :engel Anlaß ist seine Zusammenarbeit mit Gulda bei zwei Mozart-Klavierkonzerten, denen ich gerade lausche. Der Sound des Orchesters gefällt mir irgendwie, ohne daß ich das im einzelnen begründen könnte.

Viele Grüße von Holger
Fairy Queen (23.05.2012, 17:55):
Lieber Holger, ich bin leider noch nciht dazu gekommen, dir für deinen wunderschönen live-Erstesmal-Bericht von der figaro-Aufführung zu danken. Mich hat das serh bewegt, wie jemand diese Oper elebt, wenn er sie zum ersten mal hört und Alles frisch und neu ist. Ich singe im Moment gerade die Susanna in einer Misch-Produktionus Theater(Beaumrchi) und Oper (Mozart und Rossini) und bin also mitten drin. Ein Publikum wie du ist wirklich ein Geschenk. Trotz Theo lingen und Wörthersee- das trifft auf den Figaro nâmlich wirklich nicht zu, die Theaterstückvorlage hat Revolutonsgeschicihte geschrieben udn war seinerzeit DIE Provokation des Jahrhunderts. und Mozart und da Ponte mussten sehr entschärfen um nicht vollkommen in der Zensur unterzugehen- wie kann man das besser als mit neckischen Spâsschens à la Theo Llingen?
Der Figaro ist nicht umsonst eine der beliebtesten Opern aller Zeiten und Du reihst Dich nun in eine Lange Fan-Schlange ein. Berichte uns auch bitte von deinen nâchsten Erfahrungen- für alte Opernhasen wirds dabei ganz warm ums Herz!
Liebe Grüsse von Fairy Queen :engel
Holger (24.05.2012, 08:07):
Liebe Fairy,

ich bin sehr erfreut, überrascht und auch ein bißchen verwundert, daß ausgerechnet mein laienhafter kleiner Bericht einen solchen Zuspruch findet. Danke!

Ich will sehr gern konzedieren, daß der Stoff Revolutionsgeschichte geschrieben und große kulturelle Bedeutung hat.

Nur habe ich mich, als ich in die Oper ging, ganz bewußt von derlei intellektuellen Überlegungen sowie von aller Sekundärliteratur ferngehalten und demzufolge alles völlig unreflektiert auf mich wirken lassen.

Aber, wie bereits erwähnt, mir ist es letztlich völlig schnuppe, ob das Libretto nun Weltgeltung beanspruchen darf oder eher in den Komödienstadel gehört. Mozart könnte auch aus einer verlorenen Schraube, einem Loch im Schuh und einem defekten Kabel eine Oper machen, die die ganze Welt zu Tränen rührt. Dem würde das Telefonbuch als literarische Vorlage ausreichen.

Dir wünsche ich ganz viel Erfolg als Susanna!!! Kann man Dich denn irgendwann und irgendwo auf der Bühne bewundern? (Berlin wäre für mich ganz besonders praktisch! :D)

Viele Grüße

Holger
Fairy Queen (24.05.2012, 09:01):
Lieber Holger, das mit dem Telefonbuch als Libretto werd' ich mir merken- das kann ich bei allerlei Gelegenheiten zitieren :leb :leb :leb

Ich singe am 5. und 6. Juni in einem Theater in Lille- das sind leider 1000km von Berlin......
Ich bin zwar Mitglied eines Opernateliers verdiene aber nicht mein Geld mit Singen sondern als Musik- und Körpertherapeutin. Da arbeite ich auch serh viel mit Gesang und es ist eine freude und ein Geschenk, das Angenehme mit dem Nützlcihen verbinden zu könnern
Liebe Grüsse nach Berlin
von Fairy Queen
Holger (24.05.2012, 10:47):
Liebe Fairy,

dann kann ich nur noch einmal sagen: Recht viel Erfolg! Und gute Reise!

Vioele Grüße von Holger
Zdenka Waldner (25.05.2012, 14:23):
Hallo :))

Ich bin ganz begeistert, wie viele Figaro-Fanatiker/innen es hier gibt!
Ich (17) hab die Oper vor ungefähr zwei Jahren für mich entdeckt, davor habe ich fast nur Zauberflöte gehört und kannte aus Figaro lediglich ein paar Melodien, weil mein Vater diese Oper liebt. Jetzt liebe ich sie auch über alles, bei "Deh vieni, non tardar" kommen mir des österen die Tränen, weil diese eigentlich sehr einfach gestrickte Arie meiner Meinung nach unglaublich schön und berührend ist.
Mir gefällt die Inszenierung von Claus Guth ebenfalls sehr gut, vor allem die Choreographien. Ich hatte das Glück, die Wiederaufnahme 2011 im Haus für Mozart live zu sehen und war richtig beeindruckt! Mir persönlich hat auch die Besetzung bei der Wiederaufnahme viel besser gefallen, schade dass es davon keine Aufnahme gibt!

LG
Zdenka