Sfantu (23.02.2024, 11:45): Juan Leovigildo Brouwer Mesquida, * 1. März 1939 in Habana
Anstelle einer Einführung markiere ich vorläufig nur diesen ersten Post. Inhalte liefere ich gern später. Brouwers Werdegang und seine verschiedenen Schaffens-und Stilphasen möchte ich erst ausführlicher erforschen und - im besten Falle - verstehen bevor ich etwas dazu schreibe. Andererseits scheint er mir als Komponist zu bemerkenswert als Einzelbeiträge im Gerade-gehört-Faden untergehen zu lassen. Sie sollen hier ein Zuhause finden.
Sfantu (23.02.2024, 12:32):
Konzert für Flöte und Orchester (1972)
Rositza Ivanova, Orquestra Sinfónica Nacional de Cuba - Manuel Duchesne (LP, Egrem, ca. 1980)
I 9'54 II 7'40 III 8'53
Brouwers Flötenkonzert entstand im Auftrag Karlheinz Zöllers, des zum Entstehungszeitpunkt vormaligen sowie zukünftigen Solo-Flötisten der Berliner Philharmoniker. Das Konzert läßt mich von der Konzeption her an Berlioz' Harold en Italie denken: Die Solistin "durchwandert" verschiedenste Welten und Scheinwelten. Ihr wird spieltechnische Vielseitigkeit abverlangt jedoch (soweit ich es beurteilen kann) keine gesteigerte Virtuosität.
Im ersten Satz wird sie oftmals allein auf weiter Flur gelassen. Im Diskant säuselnde Streicher werfen hie und da Kommentare ein oder rollen liegende Klangteppiche aus. Dann fährt die Pranke des Pianisten jäh dazwischen. Es ist mehr ein Nebeneinander denn ein Dialogisieren.
Der Mittelsatz ist ein buntes Spiel der Kontraste. Beginnend (und mehrfach wiederkehrend) eine Anverwandlung spätbarock-vorklassischer Flötenkonzerte à la Quantz oder JCB. Mit diebischer Lust fällt eine kleine Streichergruppe dem galant-konzertierenden Ensemble kratzig, schräpig, dissonant ins Wort - auch ergibt sich dadurch eine vertrackte Polyrhytmik. Wieder hämmert das Klavier hier und dort herrisch dazwischen. Die kleine Gruppe streichender Meuterer übernimmt indem sie nun ihrerseits pseudobarocke Begleitfiguren spielt, allerdings weiterhin schräg da in den einzelnen Stimmen nicht auf denselben Kammerton gestimmt. Aufwallende rhythmische Figuren des wie ein Güterzug heran-und vorbeirauschenden Orchestertutti. Derlei Scherze werden so und ähnlich weitergetrieben. Die Solo-Flöte versucht sich empört dagegen aufzulehnen, mit schrillen hohen Tönen, teils überblasend. Der Ausgang bleibt unentschieden.
Auch im Schlußsatz ereignen sich zum Teil skurrile Klangmischungen. Einsam sinnierend die Flöte, unterlegt vom Brummen der tiefen Streicher. Ist es ein beruhigendes oder ein drohendes Brummen? Die hohen Streicher, meist con sordino, wabern viel in wilden Glissandi auf und ab, schwingen dann wieder in mikrotonalen Einzeltönen, die beinahe Schwindel erzeugen. Eine Passage mit aufdringlichen Pizzicati einer überschaubaren Streichergruppe (sind es die Troublemaker aus dem Mittelsatz?) wird von der wild zuckenden Soloflöte begleitet. Es erweckt das Bild dutzender Pendeluhren und eines wild erregten Kuckuck, der sich aus einem der Uhrengehäuse zu befreien sucht. Wieder kommt es zu nicht synchronen Rhythmen von Solo hier und Begleitinstrumenten dort. Am Ende bleiben alle Fragen offen. Mehr vages Vermuten denn Gewißheit. Mehr Bedrücktheit denn offener Geist.
Begeisternde Darbietung durch die Ausführenden. Guter Stereo-Klang, mäßig gut gepreßtes Vinyl-
Andréjo (23.02.2024, 15:16): Er hat diverse Gitarrenkonzerte geschrieben, die sehr interessant sind - mit folkloristischen Anklängen, originellen Farbmischungen, einer ganz eigenwilligen Harmonik. Auch die Dodekaphonie ist ihm nicht fremd.
Das bedeutet wiederum, dass das einzelne Konzert sehr individuell sein kann und durchaus nicht mit anderen zu verwechseln. Ob ich den Personalstil so ohne Weiteres erkennen würde - diese Frage kann ich nicht recht beantworten. Möglich wär's!
Allerdings scheint mir die Mehrheit dieser Werke nur über wikipedia zugänglich.
Ich besitze eine (knappe) Handvoll CDs, die Musik von ihm enthält - das oben dankenswerterweise diskutierte Konzert kenne ich nicht. Was es auf jeden Fall gibt, sind Einspielungen seiner Solomusik für die Gitarre - da kenne ich das eine oder andere Musikstück aus gemischten Sammlungen. Ebenfalls sehr prägnante Klänge!
Hier die oben gemeinte CD, die ich empfehlen kann. Bei den Ausführenden fehlt mir ein Vergleich, aber das bekümmert mich nicht angehörs des Gebotenen. Die Musik selbst ist äußerst reizvoll!
Wer weniger geläufige Streichquartette mit großem Eigenprofil mag, erhält hier feine Sachen:
Wenn ich mich bei den Anbietern umsehe, so kann ich feststellen, dass mehr Tonträger erhältlich sind, als ich gedacht habe. Allerdings hat er deutlich über zehn Konzerte für sein Instrument geschrieben, um das noch einmal zu sagen. Da konnte ich bislang noch einmal spürbar mehr nachhören (und per Abo quasi auch brennen), als man tatsächlich (auf die Schnelle zumindest) dürfte kaufen können.
:hello Wolfgang
Sfantu (23.02.2024, 19:06): @Andréjo
Danke für Deine Beteiligung. Speziell die Streichquartette machen mich neugierig.
Andréjo (23.02.2024, 20:36): Freut mich, Sfantu!
Kennengelernt habe ich Brouwer mit einem Gitarrenkonzert im Rahmen eines weiteren nicht so geläufigen Werks und des berühmtesten seines Genres. Der Gitarrist war ja auch weltbekannt.
Sfantu (24.02.2024, 18:43): Von dem zuletzt von Andréjo erwähnten Album (Julian Bream spielt Konzerte von Rodrigo, Berkeley und Brouwer) habe ich diese LP-Ausgabe auf RCA - leider jedoch ohne das Werk von Brouwer:
Ist es nicht erstaunlich, wie sehr wir von mancherlei Klischees beherrscht werden?
Als mir irgendwann im vergangenen Jahr die folgende CD mit Gitarrenwerken Leo Browers in die Hände fiel, nahm ich sie mit, weil der Name Brouwer draufstand. Nicht ohne einen geringen Widerstand: zwar war er mir als bedeutend und mit Neuer Musik in Verbindung stehend geläufig. Und doch: Gitarrenmusik von einem Latino - im Nu kamen die Bilder von in brütender Mittagshitze flirrender Luft hervor. Oder von heißblütigen Flamenco-Tänzern am Lagerfeuer während die Grillen zirpen und der Sangria fließt.
Wurde mein Schubladen-Denken beim Hören dieses Albums läuternd hinweg gepustet? Nicht so ganz. Die drei Stücke aus dem Decameron Negro haben so garnichts mit Castagnetten-Firlefanz zu tun. Sie wirken wie die Musik zu einem Nouvelle Vague-Streifen. Das erste davon, "La Ballade de la demoiselle amoureuse" besitzt sogar eine gewisse Pop-Nähe, könnte ohne Weiteres auch von Lennon / MacCartney stammen. Im Verlauf dieses einstündigen Albums nimmt der folkloristische Einfluß dann aber teils deutlich zu.
Nicht, daß das nicht mit Genuß gehört werden kann. Die Tatsache, daß der Komponist derselbe ist wie der des frei-bis atonal dominierten Flötenkonzertes aus Beitrag Nr. 2, macht jedoch zumindest Staunen.
aus dem Decameron Negro:
La ballade de la demoiselle amoureuse La fuite des amants par la vallée des échos La harpe du guerrier
Prleudio Fuga Danza Caracteristica Tres piezas sin titulo Elegia de la Danza
Temas populares Cubanos:
Guajira Criolla Zapateado Cancion de Cuna (Berceuse) Ojos Brujos
20 Estudios Sencillos
Philippe Lemaigre, Gitarre (CD Ricercar, 1984)
Joe Dvorak (25.02.2024, 02:40): (...) Das erste davon, "La Ballade de la demoiselle amoureuse" besitzt sogar eine gewisse Pop-Nähe, könnte ohne Weiteres auch von Lennon / McCartney stammen. Der Gedanke ist so fern liegend nicht. Brouwer hat eine Komposition mit dem Titel "From Yesterday to Penny Lane, Seven Songs after Beatles for guitar and strings" vorgelegt. Er ist also mit dem Oeuvre der Briten bestens vertraut. Das Album fiel mir auf den Bildschirm, als ich bei meinem Stromanbieter nachschaute, was es von diesem mir bis dahin völlig unbekannten Komponisten gibt. Da ich den vorhergehenden Beiträgen entnehme, dass sich sein Stil im Laufe der Zeit stark verändert hat, schien es mir ratsam, ein mittleres Konzert zu versuchen. Und dann noch Odine, wo ich, durch den anderen Thread sensibilisiert, besonders auf den Klang achten kann. 'Cinemaskoper Romantizismus' habe ich als Charakterisierung seines dritten Konzerts gelesen. Da ist auch bei der Nr. 5 etwas dran, aber das ist hier und da geschärft, ohne jetzt wirklich modern zu klingen, etwa so wie die 7. Sinfonie oder Tapiola von - wenn wir schon bei Klischees sind: Helsinki, Finnland - Sibelius. Die Verwandtschaft besteht zwar nur im Modernisierungsgrad, dennoch meine ich, dass Sibelianern das gefallen könnte. Ist das Musik, die ich öfter hören will? Regt sie zu einer systematischen Beschäftigung mit diesem Komponisten an? Eher nein. Das liegt auch daran, dass der Rest des Albums stark abfällt. Wo Romantik ist, lauert der Kitsch und bei der Iberia Suite schlägt er zu. Ganz schlimm wird es dann bei Yesterday. Hier endet die kurze Freundschaft zwischen Joe und Leo wieder - auch wenn ich mir bewusst bin, dass man nach zwei, drei Werken keine Schlüsse ziehen kann, schon gar nicht bei einem Tonschöpfer, der mehr als ein halbes Jahrhundert lang tätig war. Am Klang des Albums gibt es nichts auszusetzen, aber auch nichts besonders Auffallendes. Ich habe allerdings nur in "Quasi-CD-Qualität" geströmt, wobei ich mir durch intensive Blindvergleiche schon gezeigt habe, dass die Unterschiede zu Hi-Res von meinen Ohren nicht aufgelöst werden können.
Gitarrenkonzert Nr. 5 "Helsinki" Timo Korhonen, Tampere PO, Tuomas Ollila
Sfantu (25.02.2024, 10:03): @Joe Dvorak
Danke für die Vorwarnung.
Sfantu (25.02.2024, 10:06): Vielleicht war es im fidelen & ist es im postfidelen Cuba auch so, daß man auf jeder Hochzeit mitschrammeln muß, um über Wasser zu bleiben - internationale Reputation hin oder her.