Solitaire (02.01.2009, 15:41):
In gewissn anderen Foren spielen sie jedes Jahr um diese Zeit das schöne Spiel „Meine Lieblingssänger des Jahres XXX“
Hier also meine Top 20 Anno 2008
Platz 1:
Fritz Wunderlich
Weil er noch immer der hellste Stern am Firmament ist, weil seine Vielseitigkeit nach wie vor atemberaubend ist, er vom Schlager bis zur Johannespassion, vom Traviata-Alfredo bis zum Tamino, vom Wienerlied bis zur Dichterliebe für alles den richtigen Ton findet und weil er in vieler Hinsicht bis heute unerreicht ist.
Platz 2:
Rolando Villazón
Nicht, weil ich als bekennender Bewunderer „verpflichtet“ wäre, ihn spätestens an zweiter Stelle zu nennen, sondern weil ich den Eindruck habe, daß ihm Krise und Pause außerordentlich gut getan haben, und er (gerade in den letzten Monaten) immer besser, inniger, bewegender singt.
Platz 3:
Maria Callas
Nach wie vor die Eine Einzige
Ingeborg Bachmann hat es auf den Punkt gebracht:
Sie hat nicht Rollen gesungen, niemals, sondern auf der Rasierklinge gelebt,
sie hat ein Rezitativ, das altbacken schien, neu gemacht,
ach nicht neu, sie war so gegenwärtig, daß alle, die ihr die Rollen geschrieben haben, von
Verdi bis Bellini, von Rossini bis Cherubini, in ihr nicht nur die Erfüllung gesehen hätten,
sondern weitaus mehr.
Ecco un artista, sie ist die einzige Person, die rechtmäßig die Bühne in diesen Jahrzehnten
betreten hat, um den Zuschauer unten erfrieren, leiden, zittern zu machen, sie war immer die
Kunst, ach die Kunst, und sie war immer ein Mensch, immer die Ärmste, die Heimgesuchteste, die Traviata.
Sie war, wenn ich an das Märchen erinnern darf, die natürliche Nachtigall dieser Jahre,
dieses Jahrhunderts, und die Tränen, die ich geweint habe – ich brauche mich ihrer nicht zu schämen.
Es werden so viele unsinnige geweint, aber die Tränen, die der Callas gegolten – sie waren so unsinnig nicht.
Platz 4:
Natalie Dessay
In diesem Jahr vor allem für ihre phänomenale Marie aus „La fille du Regiment“, die ich im Opernkino erleben durfte.
Platz 5:
Thomas Hampson
Für seinen grandiosen Athanael kurz vor Weihnachten.. Wäre die Rolle für einen Tenor geschrieben und hätte RV sie gesungen, ich hätte Blut und Wasser geschwitzt. Bei Hampson aber hatte ich nicht eine Sekunde die Befürchtung, er könne ihr nicht gewachsen sein. Außerdem ist er einer der Sänger, die auf der Bühne mehr wollen und können als nur schön singen.
Platz 6:
Placido Domingo
Der Grandseigneur der Oper. Was Musikalität, Ausdruck und Ausstrahlung angeht, verweist er weit jüngere Kollegen auf die Ränge, und auch seine Stimme ist m.E. immer noch in erstaunlich gutem Zustand.
Platz 7:
Erna Berger
Von all den wunderbaren Sängern ihrer Generation hatte „niemand eine Stimme, die die allgemeine Grausamkeit mit mehr Süße zu lindern vermochte als Erna Berger“.
Und bis heute singt niemand Susannas Rosenarie so wie sie.
Platz 8:
Ildebrando D’Arcangelo
Für den dämonischsten Leporello seit langem.
Platz 9:
Michael Schade
Für mich der Einzige, der Wunderlich als Don Ottavio das Wasser reichen kann. Außerdem hat er mich 2008 mit den Tenorparts in „Elias“ und im Mozart-Requiem begeistert, auch wenn es sich in beiden Fällen bereits um ältere Aufnahmen handelt.
Platz 10
Diana Damrau
Für ihre furiose Königin der Nacht und eine hinreißende Gilda in Dresden
Platz 11
Rene Pape
Für seinen Luxus-Gremin in Berlin und für einen ungewöhnlichen, gleichwohl sehr begeisternden Sarastro in Kenneth Brannaghs Version der „Zauberflöte“
Platz 12:
Erwin Schrott
Weil mir sein Figaro so gut gefallen hat und ich erkennen durfte, daß er tatsächlich mehr ist als nur „Herr Netrebko“.
Platz 13:
Marina Poplavskaya
Für einen herzzereißenden letzten Otello-Akt bei den Salzburger Festspielen. Sie war für mich DAS Highlight dieser Festspiele. Auch als Elisabetta im Londoner „Don Carlo“ hat sie mir sehr gut gefallen
Platz 14:
Renee Fleming
Für ihre „Thais“. Auch wenn die Inszenierung manche Wünsche offen ließ, und Thais Sterbeszene szenisch an Albernheit kaum zu überbieten war (eine verschmachtende Büßerin mit frisch ondulierten Engelslocken und im Modelkleid) ist mir zum erstenmal aufgegangen, welch eine herausragende Künstlerin sie ist, wenn sie nur die richtige Rolle singt.
Platz 15:
Eva Mei
Weil sie es geschafft hat, mich in der Bahnhofsatmosphäre von Zürich, trotz leichter stimmlicher Patzer und skandalös gekürzter Sterbeszene im letzen Traviata-Akt zu fesseln.
Platz 16:
Patrizia Ciofi
Weil sie mir beim Monteverdi-Konzert in Paris so gut gefallen hat und auch sie zu denen gehört, denen Ausdruck vor (optischer wie stimmlicher) Schönheit geht
Platz 17:
Jose Carreras
Weil ich ihn Heiligabend im Radio ganz unverhofft und unvermutet in der Missa Criolla gehört habe und er großartig gesungen hat.
Platz 18:
Juan Diego Florez
Weil mir 9 hohe C’s hintereinander manchmal einfach Spaß machen und er sie phantastisch gesungen hat. Und weil mit etwas Übung aus ihm noch ein passabler Darsteller werden kann.
Platz 19:
Teresa Stratas
Wenn sie nur diese eine Rolle in diesem einen Film gesungen hätte, nur diese eine Traviata mit Domingo – es würde für die Unsterblichkeit reichen.
Platz 20:
Anna Netrebko
Weil ich NATÜRLICH um ihre Kino-Mimi geweint habe, weil ich ihre Adina nach wie vor mag und der Wiener Liebestrank von 2005 mein Allheilmittel gegen schlechte Laune und leichtere Anfälle vin depressiver Verstimmung ist und bleiben wird.