Luigi Nono. Serieller Klassenkampf?

Sfantu (10.07.2020, 21:00):
Wenn ich es richtig überblicke, haben wir noch keinen Faden zu Luigi Nono.


Foto: ©Karin Rocholl

Das bringt mich in eine Art Zwickmühle: seit Tagen höre ich immer wieder & mit wachsender Faszination zwei Werke von ihm. Die Eindrücke dazu im "Was-höre-ich-gerade-jetzt"-Faden "untergehen" zu lassen, fände ich zu schade. Hier haben wir es mit einer der bedeutendsten Stimmen der Nachkriegs-Musikgeschichte zu tun - ein eigener Faden ist also längst überfällig. Andererseits fühle ich mich nicht gerade berufen, das Thema fundiert auszubreiten - mir fehlt es nach wie vor an der nötigen Übersicht & somit an genügend Urteilsvermögen oder zumindest Verständnis (nicht nur in Sachen Nono sondern insgesamt bei Neuer Musik, obwohl extrem spannend für mich).
Grundlegendes, tiefere Einsichten & die passende Einordnung zu Nono schlummert sicher bei Einigen unter uns - ihr seid aufgerufen, euch hier fleißig einzubringen - ich (bestimmt nicht nur ich) kann daraus nur lernen!
Also beschränke ich mich vorerst auf mein Hören / Erleben eben jener zwei Kompositionen, die mich, wie gesagt, seit Tagen nicht mehr loslassen.

Dennoch, zumindest in Kürze, ein paar Worte zur Person.

Luigi Nono, * 29. Januar 1924 in Venezia, † 8. Mai 1990 ebenda.
Klavierunterricht als Jugendlicher, externer Kompositionsschüler Gianfrancesco Malipieros an der Academia musicale Benedetto Marcello seiner Heimatstadt. Nach Abschluß eines Jura-Studiums 1946 in Padova wird er Schüler des nur 4 Jahre älteren Bruno Maderna. Als Dirigierschüler Hermann Scherchens kommt Nono in Kontakt mit der Neue Musik-Szene in Deutschland, was regelmäßige Aufenthalte in Darmstadt & Donaueschingen zur Folge hat. 1955 Heirat mit Arnold Schönbergs Tochter Nuria.
Sein Engagement als Kommunist - er war zeitweise auch als gewählter Politiker aktiv - & sein Einsatz für Verfolgte & gegen Unrecht waren ihm ein Leben lang Inspiration für sein kompositorisches Schaffen.


In Kurt Pahlens Konzertlexikon heißt es in knapper Essenz:
Einer der führenden Avantgardisten im vielgestaltigen, widerspruchsvollen Musikschaffen unserer Tage, ein Komponist von ungewöhnlicher Phantasie und stark humanistischem Einschlag. Seine Musik ist nie absolut, aber auch kaum als programmatisch im früheren Sinn, als "schildernd" zu verstehen; sie ist ein Kampf, ein Aufschrei gegen alles Unrecht der Welt, gegen Gewalt, Krieg, Folter, ein Ruf zur Menschlichkeit.

Nach Anfängen in den 50ern & 60ern mit Werken in unterschiedlichsten Besetzungen bei Auslotung klanglicher Extreme & gleichzeitiger Unterwerfung unter serielle Kompositionstechniken gelangte Nono mehr mehr zu einer Beschränkung / Begrenzung instrumentatorischer Mittel, im Spätwerk bewegt er sich häufig bis an die Grenze zur Stille.
Als Schlüsselwerke gelten "Intolleranza 1960", azione scenica in 2 Akten für 5 Gesangssolisten, 4 Schauspieler, Chor & Orchester (1961) sowie sein Streichquartett Fragmente, Stille, an Diotima (1962).
Sfantu (10.07.2020, 21:57):

Composizione per orchestra no. 1 (1951)
Deutsches Symphonie-Orchester Berlin - Peter Hirsch
(CD, wergo. Aufnahme: 1998, ℗ 2004)

In einem Satz 13'55

Mit leisen Tupfern in Glockenspiel & Marimba hebt das Stück an. Kontrabässe antworten, es gesellen sich peu à peu mehr Instrumente hinzu, fast ariose, weit gespannte Melodiebögen werden gezogen, die Stimmung ist gedrückt /verhalten.
Allmählich kommt es mehr & mehr zur Stagnation, liegende Töne herrschen vor. Nach etwa 1/3 fährt plötzlich in tiefer Lage die Posaune dazwischen, es kommt, quer durch die Pulte (mehrheitlich Bläser), zu Unruhe, Verwirrung, (scheinbarer) Regellosigkeit. Ein Wendepunkt ist durch das Primat des Schlagwerks gekennzeichnet. Zunehmend reißt es das Heft des Handelns an sich, es kommt zu wahren Kanonaden, flaut langsam wieder ab, beschließt das Werk am Ende unbegleitet mit einem Ausrufezeichen.
Vorbildlich transparentes Klangbild, faszinierende Realisierung durch dieses Ensemble!



Composizione per orchestra no. 2 (1959)
Radio-Sinfonie-Orchester Frankfurt - Bruno Maderna
(CD, RCA, Aufnahme: 1960, ℗ 2000)

In einem Satz 12'29

Das Stück trägt alternativ den Namen Diario polacco 1958, also Polnisches Tagebuch 1958. Bezugspunkt ist hier eine Polen-Reise Nonos in eben jenem Jahr 1958, die ihn unter Anderem auch nach Auschwitz führte. Das Entsetzen, die Klangwerdung des mit Worten nicht Sagbaren nimmt hier Gestalt an. Man kommt als Hörer nicht einen Augenblick zum Innehalten, man wird hin & her geworfen zwischen wilden, brutalen Klangballungen, weite Passagen sind blechbetont. Wie eine einzige Vernichtungsmaschinerie walzen Klänge & Geräusche haarscharf an unseren Ohren & Herzen vorüber. Das Ganze ist ziemlich anstrengend, es brauchte bei mir mehrere Anläufe um mich diesem Geschehen ganz überlassen zu können. Das sind Klänge, die mich erschöpft, ja ausgelaugt zurücklassen. Dazu noch der ausgesprochen trockene, wenig räumliche Klang (noch in mono?) - die Aufnahme gewinnt mit der Zeit, es ist aber beileibe keine leicht verdauliche Kost. Die Musiker stellen sich den Herausforderungen mit erstaunlicher Virtuosität.

Das ältere Werk wirkt abgeklärter, fesselt aber umso mehr als die etwas lärmende jüngere Schwester.
In einigen Quellen, so auch bei Csampai / Holland, wird die Nr. 1 nicht einmal erwähnt.
Marcie (10.07.2020, 22:50):
@Sfantu

Vielen Dank für diese Impulse!
satie (10.07.2020, 23:55):
Vielen Dank, Sfantu für diesen Faden zu Nono.
Ich muss sagen, dass ich jedwede politische Kunst solcher Form überhaupt nicht leiden kann. Intolleranza wurde mal hier an der deutschen Oper gegeben, in einer furchtbar angestaubten Inszenierung. Die Musik ist durchaus packend, aber eben... In der direkten Nachfolge stand auch Klaus Huber.

Was mich bei Nono allerdings fasziniert, ist sein Spätwerk, die "No hay caminos"-Stücke und die Soli mit Live-Elektronik, die Nono selbst als reine Hörstücke bezeichnete.

Der Thread ist eine willkommene Einladung, mal wieder Nono zu hören.
Andréjo (11.07.2020, 00:35):
Dem Dank schließe ich mich gerne an, auch weil Nono zumindest einmal im Schrank steht, ich ihn aber kaum je gehört habe. Daher möchte auch ich den Anregungen nachgehen.

:) Wolfgang
Philidor (11.07.2020, 09:06):
Vielen Dank an Sfantu für den Start dieses Threads! :thanks

Die beiden genannten Schlüsselwerke stehen im Regal (wie beruhigend ...). Das eine ("Intolleranza") habe ich nur einmal gehört, das andere ("Fragmente - Stille. An Diotima") umso häufiger.

Musik an der Grenze zum Verlöschen. im Niemandsland zwischen Klang und Schweigen.

Nono schien sich dafür rechtfertigen zu wollen, dass er sich nach mehr oder weniger politisch-revolutionärer Musik ("Intolleranza" wurde schon genannt, "Il canto sospeso" wäre noch zu nennen) sich der bourgeoisen Gattung des Streichquartetts zuwendete:

Nono: „Ich habe mich keineswegs verändert. ... Ich will die grosse, aufrührerische Aussage mit kleinsten Mitteln.“

Tatsächlich besteht die Musik über weite Strecken aus kleinsten Fragmenten. Der Titelanfang "Fragmente - Stille" ist Programm.

Abermals Nono: „Das Ohr aufwecken, die Augen, das menschliche Denken, die Intelligenz, die Exteriorisierung eines Maximums von Interiorisierung. Das ist heute das Entscheidende.“

Man könnte sich dem Werk in der Aufnahme des Widmungsträgers, des LaSalle-Quartetts nähern, mit dem Arditti Quartet oder mit dem nach dem Werk benannten Quatuor Diotima.



Gruß
Philidor

:hello
Philidor (11.07.2020, 12:19):
Hier ein paar angelesene Zeilen:

Nonos Vater war mit Gian Francesco Malipiero befreundet, dem Direktor des Konservatoriums von Venedig. Dort lernte Nono den Komponisten und Dirigenten Bruno Maderna kennen. Beide beschäftigten sich mit der unter dem Faschismus unterdrückten neuen Musik, insbesondere mit der Zweiten Wiener Schule.

Malipiero empfahl beiden, im Sommer 1948 einen Dirigierkurs bei Hermann Scherchen zu besuchen. Diese Begegnung wurde für Nono zum Katalysator seiner Produktivität, musikalisch wie politisch. Scherchen empfahl Nono für die Darmstädter Ferienkurse. Dort wurden am 27. August 1950 seine „Variazioni canoniche sulla serie dell’op. 41 di Arnold Schönberg“ unter Scherchen uraufgeführt.

Man mag im Bezug auf Schönbergs op. 41, dessen zugrundeliegender Text eine „Anklage“ an Napoleon ist, die „gleichermaßen Wut über die Unter­drückung wie auch Mitgefühl für unterdrückte Völker“ ausdrückt (Eva Maria Mauter in „Kannegießers Übersetzung von Byrons ‚Ode to Napoleon Buonaparte‘“), bereits eine politische Aussage sehen.

Ob das konservative Publikum diese Anspielung entschlüsselte, bleibt unklar. Jedoch schien es bereits von der schieren Musik überfordert. Hans Heinz Stuckenschmidt berichtete, dass fast der gesamte Saal in ein beginnendes Pfeifen und Miauen einstimmte, welches von Bravo-Rufen unterbrochen wurde.

Aber eventuell war Nono nicht nur den Konservativen verdächtig. Ulrich Dibelius schreibt: „Zunächst konnte er sich beim Umgang mit den entwickelten Formen der Dodekaphonie nicht von dem Wissen um ihre expressionistische Herkunft lösen. Die Zwölftonmethode bedeutete ja eigentlich, wenigstens bei Schönberg, nichts anderes als die Bändigung einer gesteigerten, übermächtigen Gefühlslage durch den kontrollierenden technischen Eingriff. Wenn ihre konsequente Erweiterung auf alle Parameter nicht zur sinnlosen Manipulation von Tönen führen sollte, musste diese Grundlage – und sei es auch in verwandelter, reduzierter Form – erhalten bleiben. Intervalle entstehen nicht nur durch Auswahl zweier Töne aus der chromatischen Leiter, sondern sind je nach Art dieser Auswahl auch musikalische Symbole für verschiedene Spannungswerte.“

Beim Hören erkennt man unschwer Tonwiederholungen – Anzeichen dafür, dass sich Nono wohl noch weitere Freiheiten gestattete. Eine Vorliebe für Fragmentarisches scheint mir bereits gut erkennbar, ebenso aber die Tendenz, die serielle Organisation der Klänge emotional dechiffrierbar zu gestalten.



Gruß
Philidor

:hello
Philidor (11.07.2020, 23:09):
für Flöte, Klarinette, Bassklarinette, Alt-Saxophon, Horn, Klavier und Schlagzeug

Bereits ein Jahr später stellte Nono das nächste Werk vor: am 10. Juli 1951 wurde „Polifonica – Monodia – Ritmica“ in Darmstadt unter der Leitung von Hermann Scherchen uraufgeführt. – Es gab kein besseres Feedback als im Jahr zuvor. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ schrieb: „Diese Verdauungsstörungen eines musikalischen Stotterers, dieser Leichnam von einem kompositorischen Gebilde durfte die Jury-Sperre nicht passieren. Der Skandal wurde zu einer richtigen Gaudi.“

„Sein nächstes Werk“ – das stimmt nicht ganz. Darmstadt, die Festung der Aufrechten und Ehrlichen, derer, die sich nicht von den Mechanismen des Marktes beugen lassen und die unbeirrt ihren Weg so gehen, wie sie ihn gehen müssen? Mitnichten. Es war eine stark gekürzte Fassung, die Scherchen selbst erstellte. Es ist ein Schreiben erhalten, in welchem er berichtet, dass er das Stück „auf ein Drittel“ zusammenstrich, und dass Nono darob „sehr geweint“ habe. Warum der Dirigent das Werk kürzte, ist nicht bekannt. Wollte er dem Publikum, das schon im Jahr davor einen Skandal anzettelte, kein zwanzigminütiges Werk zumuten? Wollte oder konnte er nicht hinreichend viel Probenzeit investieren? Musste er irgendwelche sonstigen Rücksichten nehmen?

Jedenfalls ging das Werk in der korrumpierten Fassung an den Schott-Verlag in Mainz, und so wurde es auch gedruckt und aufgeführt, mit einer Länge zwischen achteinhalb (Dauer der UA: 8:31) und zehn Minuten (Aufnahme des Ensemble UnitedBerlin beim Schott-eigenen Label „Wergo“).



Nun waren aber die originalen Instrumentalstimmen bei der Witwe des Komponisten, Nuria Schönberg-Nono, erhalten. Diese Stimmen gaben die Urfassung wieder, ergänzt um Scherchens Striche, so dass die originale Partitur vom Klangforum Heidelberg rekonstruiert werden konnte. Das „ensemble aisthesis“ hat Uraufführung dieser Urfassung besorgt. Davon liegt dankenswerterweise ein Mitschnitt vor.



Hier ist, so meine, viel stärker ein architektonischer Aspekt des Werkes zu hören, der in der von Scherchen gekürzten Fassung so nicht herauskam: Das Entstehen rhythmischer und klanglicher Gestalten aus sehr einfachen Mustern. Wo in den „Variazioni canoniche“ zwar einzelne Gesten hör- und eventuell sogar entschlüsselbar waren, die Gesten aber fast beziehungslos nebeneinander erschienen wie Schauspieler, die wechselweise Zeilen aus verschiedenen Dramen rezitieren, so ist hier eine Entwicklung nachvollziehbar, ein Agieren in einem Miteinander, zumal im ersten Teil („Polifonica“).

In „Monodia“ spielen die Blasinstrumente eine durchgehende Melodie, dabei einander bruchlos abwechselnd. Die „Begleitung“ kommt vom Schlagzeug, welches mit Becken- und Gongschlägen im Piano- bis Pianissimobereich sekundiert, später auch mit Fellinstrumenten. Gegen Ende mischt sich das Klavier, welches bisher nur sporadisch hörbar war, im Diskant ein und leitet somit

zum letzten Teil („ritmica“) über. Das Schlagzeug beginnt und hat von dem kurzen, nur zweiminütigen Satz bis auf einen Höhepunkt in der Mitte die Bühne fast für sich alleine. – Verlöschen im Nichts.
Sfantu (13.07.2020, 21:39):
Ihr Lieben,

herzlichen Dank für die bisherigen Beiträge!


auch weil Nono zumindest einmal im Schrank steht, ich ihn aber kaum je gehört habe.
Nicht nur in Bezug auf Nono: erkennt sich hier so mancher wieder?_ Ich auf jeden Fall!
Philidor (13.07.2020, 21:51):
erkennt sich hier so mancher wieder?_ Ich auf jeden Fall!
Mit. - Darum: danke für den Impuls!

Gruß
Philidor

:hello
Cetay (inaktiv) (14.07.2020, 03:55):
Ihr Lieben,

herzlichen Dank für die bisherigen Beiträge!


auch weil Nono zumindest einmal im Schrank steht, ich ihn aber kaum je gehört habe.
Nicht nur in Bezug auf Nono: erkennt sich hier so mancher wieder?_ Ich auf jeden Fall!
Ich nicht. Soll heissen, bei mir steht er erst gar nicht im Schrank oder liegt auf der Festplatte. Ich meinem musikalischen Kosmos ist Nono ein schwarzes Loch, das jegliches Interesse wegsaugt, wenn ich es mal wieder mit ihm versuche. Ich bin da mittlerweile ganz pragmatisch: Wenn ich eine Komposition oder Interpretation... eine Aufnahme höre und an einem Punkt kein Interesse mehr vorhanden ist, zu erfahren, wie es weitergeht, dann höre ich auf. Bei Nono, egal was, ist dieser Punkt meist nach spätestens 10 Minuten erreicht.



Angeregt durch den Faden, habe ich diese hier geströmt. Das ist gut gemacht und klanglich interessant - ich meine: Bassflöte, Kontrabassklarinette & Chor, da kommt schon beim Lesen der Besetzung das Hören-müssen-Gefühl auf. Und nach 10 Minuten dann das Gefühl, dass diese -durchaus aufregende- Klangwelt nun aber langsam ausreichend extrapoliert ist.
tapeesa (05.11.2020, 15:15):
Ich packe das mal hierhin:

Heute Abend, Donnerstag, 5. 11., im Radio - 21:30 - 22:30 Uhr, HR2

"auch das Zarte, Private hat seine kollektive, politische Seite":

Luigi Nonos Streichquartett „Fragmente – Stille, An Diotima“

LaSalle Quartett
Aufnahme vom 2. Juni 1980 - Uraufführung, Bonn - Bad Godesberg / 30. Beethoven-Fest

Hier findet sich auch noch etwas dazu:

DLF-Kultur: „…Geheimere Welt…“ Hölderlinbezüge in Luigi Nonos Streichquartett
Villa Musica Rheinland-Pfalz - Luigi Nono - Fragmente – Stille – An Diotima
Philidor (15.11.2020, 18:55):
Composizione per orchestra (1951)

UA am 18. Februar 1952 in Hamburg mit dem Sinfonieorchester des Nordwestdeutschen Rundfunks unter Bruno Maderna

In Diktaturen leben Andersdenkende gefährlich. Die allgegenwärtige Diffamierung scheint noch die harmloseste Art der Verfolgung zu sein. Schostakowitsch wurde im Stalin-Regime „Formalismus“ vorgeworfen, der Musik „nicht-arischer“ Komponisten wurde im Nazi-Regime das Etikett „entartet“ angeklebt, Künstler wie Intellektuelle verlassen heute Ungarn, weil sie als „Landesverräter“ beschimpft werden.

Der tschechische Schriftsteller und Journalist Julius Fučík (1903–43), Neffe des vor allem in Blasmusikkreisen bekannten Komponisten Julius Fučík (1872–1916, Einzug der Gladiatoren, Florentinermarsch u. v. a. m.), bezahlte sein Andersdenken mit dem Leben. Er arbeitete für die Kommunistische Partei der Tschechoslowakei und ging nach dem Einmarsch der nazideutschen Truppen in den Widerstand. Im Jahre 1942 wurde er in Prag verhaftet, verhört und gefoltert, im Mai 1943 erst nach Bautzen, dann nach Berlin deportiert und am 8. September 1943 in Plötzensee hingerichtet.

Nono widmete dem Gedenken an den Schriftsteller Julius Fučík sein drittes Werk, die „Composizione per orchestra“ (1951), später als N. 1 nummeriert.

In dem knapp viertelstündigen Werk übertrug Nono die Erfahrungen aus „Polifonica – Monodia – Ritmica“ (1951) auf einen großen Orchesterapparat. Immerhin sind 3 Flöten, 3 Oboen, 4 Klarinetten, 3 Fagotte, Sopran-Saxophon, Alt-Saxophon, 4 Hörner, 2 Trompeten, 3 Posaunen, Tuba, Celesta, Harfe, Klavier, die üblichen Streicher sowie ein reich besetztes Schlagwerk verlangt: Pauken, Große Trommel, 2 kleine Trommeln, 5 kleine Tom-Toms, 3 große Tom-Toms, 3 Trommeln mit unbestimmter Tonhöhe, 3 Trommeln mit bestimmter Tonhöhe, Xylophon, Glockenspiel, Vibraphon, 5 aufgehängte Becken.

Vorausgegangen waren zwei unvollendete Skizzen, in denen Nono eine neue Technik zur Anwendung brachte, welche die dodekaphonen Methoden weiterdachte: Sie bestand aus der systematischen Permutation der zwölf Töne einer Reihe – aber auch anderer Notenfolgen oder bereits vorhandener Melodien – mittels einer grafischen Transformation, die von einem "magischen Quadrat" mit numerischen Indizes gesteuert wird. Dieses vollautomatische und mechanische System ermöglichte es, rhythmische und harmonische Klangfolgen direkt aus dem Material zu ziehen.

Nono schrieb dazu an Maderna: „Für Hamburg dachte ich daran, meine Intervention nur auf den Timbre-Faktor zu reduzieren - eine Linie, die nach und nach Kontrapunkte hervorruft. Das heißt, zwei Tempi: das erste eine Melodie, die durch die Verwendung der Quadrate auf zwei verschiedene Arten anfangs einzigartig ist, der Rhythmus ist auch der des Quadrats, dann wird unter Verwendung der gleichzeitigen Projektionen der Quadrate in harmonischer Funktion und nicht rhythmisch ein harmonischer Plan gestartet, der sich im zweiten Satz in Polyphonie entwickeln wird.“

Nono folgte seinem Konstruktionsplan nicht sklavisch. In der endgültigen Realisierung wird nur ein Teil der Komposition, die erste Episode, buchstäblich und streng von der Technik der magischen Quadrate abgeleitet. Eine weitere Freiheit besteht darin, dass Nono schließlich eine Reihe mit nur neun Tönen verwendete und die drei ausgesparten Töne – D, Es, E – den Pauken im Finale vorbehalten hat.

Die Komposition ist in folgende Abschnitte geteilt, deren Grenzen ich anhand der mir vorliegenden Aufnahme mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin unter Peter Hirsch nur erraten kann:



0:00 – 1:18 Introduzione
(eine Monodie; tatsächlich kann man nach neun Tönen eine „Rückkehr“ hören; das Material ist verteilt auf Klavier, Harfe, Glockenspiel, Vibraphon und Xylophon)

1:18 – 6:15 I episodio
(Streicher kommen hinzu, kontrapunktiert von den bisher hörbaren Instrumenten; hier setzt Nono streng seine Permutationsmethode ein. Bei 3:12 beginnt ein zweiter Abschnitt dieser Episode, den Streichern wird eine Geräuschkulisse der hängenden Becken im untersten dynamischen Bereich beigegeben.)

Diese erste Episode hatte eher noch Vorspiel-Charakter. Das eigentliche kontrapunktische Flechtwerk wird in den Episoden II und IV entwickelt; Episode III hat dabei eine Brückenfunktion. In den Episoden II und IV sind dabei bis zu vier Stimmen übereinander geschichtet.

6:16 – 8:59 II episodio
(Bläser treten hinzu.)

8:59 – 9:41 III episodio
(Schlaginstrumente unbestimmter Tonhöhe, dann auch Tasteninstrumente und Harfe)

9:41 – 11:53 IV episodio
(Höhere Verdichtung der Prozesse als in der zweiten Episode)

11:53 – 14:06 Finale tripartito
(Der am Ende der vierten Episode erreichte Höhepunkt der Steigerung mündet in die drei Töne Es – E – D der Pauken, welche das dreigeteilte Finale einleiten. Schlaginstrumente ohne bestimmte Tonhöhe übernehmen (= Teil 1), es klingt ein wenig wie ein Schlagzeugsolo, bis Pauken und Toms mit bestimmter Tonhöhe übernehmen (= Teil 2). Becken kommen hinzu (= Teil 3), den Schlusspunkt setzen wieder die Pauken mit den Tönen Es – E – D.)

Vorbildlich transparentes Klangbild, faszinierende Realisierung durch dieses Ensemble!
Dem ist nichts hinzuzufügen!

Gruß
Philidor

:hello