ar (09.10.2012, 22:08): Malena Ernman (Jahrgang 1970) ist eine der führenden Barock- und Rossinimezzosopranistinnen unserer Zeit. Neben ihren Engagements in Opern, interessiert sie sich auch für U-Musik. Einer grösseren Menge wurde sie durch ihren Auftritt am ESC 2009 bekannt, wo sie Schweden vertrat (der Song gefällt mir, wenn man die tiefe Messlatte für den ESC nimmt).
http://www.youtube.com/watch?v=bpTIMTJkyhM
Aber ich sehe in Frau Ernman eine ernsthafte klassische Sängerin, die sich nicht scheut, populäres und anderes zu machen. Am besten gefällt sie mir als Cenerentola und als Nerone in Händels Agrippina (Link ab ca. 4.00):
Bei ihrem Nerone erkennt man, dass das einfach ein kleiner, verzogener Bengel ist (Resp. war). Hier merkt man auch, was für eine vorzügliche Schauspielerin Malena Ernman ist. Hat sie je Monteverdis Nerone gesungen?
Was haltet ihr von Malena Ernman? Im Theater an der Wien soll sie ja jüngst nicht so erfolgreich gewesen sein(?).
PS: Wieso arbeitet sie nicht mehr mit René Jacobs zusammen, ist das seine „Bestrafung“ für ihren Auftritt beim ESC?
Severina (09.10.2012, 22:38): Lieber Arion,
obwohl Malena Ernman schon in einigen Produktionen am ThadW dabei war (Rodelinda, Serse...), habe ich sie bisher nur als Elena in "La Donna del Lago" gehört, und wie Du in meiner Rezension nachlesen kannst, hat sie mich da nur als Schauspielerin überzeugt. Das sagt aber jetzt nicht grundsätzlich etwas über ihre Qualität als Sängerin aus, vielleicht hatte sie keinen guten Abend, vielleicht muss ich mich in ihre Stimme erst einhören. Es wäre unseriös, auf diesem einen Abend ein endgültiges Urteil aufzubauen. Aber ich werde Malena Ernman im April in "Béatrice et Bénédict" hören und meinen Ersteindruck vertiefen können. Wenn sie mir dann auch nicht gefällt, liegt mir diese Sängerin wahrscheinlich wirklich nicht. (Aber auch das heißt natürlich nicht, dass sie schlecht ist.)
lg Severina :hello
ar (09.10.2012, 22:40): Wie du siehst, lege ich grossen Wert auf dein Urteil, da ich mich noch an deine Kritik erinnern konnte und daher kommt auch meine Bemerkung in der Eröffnung. Nun ja, die dunkle, aber eigentlich hohe Stimme ist wirklich gewöhnungsbedürftig. Zudem hat sie sich wohl mehr Feinde als Freunde mit ihrer ESC Teilnahme gemacht. Leider...
ich war ja auch in der "Donna del Lago" im ThadW (nachzulesen im Opernforum) und mir hat Ernman sehr gut gefallen, auch wenn sie ab und zu ihre Stimme größer zu machen versuchte und das in dem kleineren Haus sowieso nicht nötig gewesen wäre.
Ich glaube gerne, dass ihre Stimme gewöhnungsbedürftig ist, aber da mein Vater sie sehr schätzt, so ziemlich alle CDs hat und ich ihre Stimme oft gehört habe, war sie live für mich nicht mehr gewöhnungsbedürftig, weil ich sie eben schon gewohnt war. Ich mag ihr leicht "rauchiges" Timbre, das wunderbar zu Barock passt, bei Belcanto kann man streiten. Dass sie Königin der Nacht auf ihrer CD "Opera di Fiori" singt, ist als Beweisstück à la "Ich bin zwar ein Mezzo, aber wenn ich wollte, kann ich das hohe f" zu sehen, sie wird ja für diese Rolle auch nicht engagiert. Wirklich schön und beeindruckend finde ich ihre Tiefe, die bei den Händel-Rollen besonders zur Geltung kommt.
Ihr Orlofsky ist zwar im zweiten Teil mit einigen Verzierungen versehen (wessen Idee??), aber sie spielt diese Rolle so genial, wie ich es noch nie gesehen habe (Elisabeth Kulman lassen wir jetzt mal weg :wink ) - ich wünschte ich hätte sie damals live gesehen. Bei ihr ist der Orlofsky nicht ein "a dabei", sondern wäre sicher der Höhepunkt einer Fledermaus. Außerdem ist sie bis jetzt die wirklich einzige Sängerin, die es geschafft hat mich wirklich zu verwirren bezüglich der "gender identity" (ich finde das englische Wort "gender" passender als das deutsche "Geschlecht", bin sonst nicht für englische Modeworte in der deutschen Sprache). Sie ist kein Orlofsky, wo man merkt, das ist halt ein Mezzo, der derb herumgeht und mit den Händen herrische Gesten macht. Es stört mich persönlich auch nicht extrem, wenn man einer Hosenrolle die Weiblichkeit anmerkt, aber vom Rollenbild sollte es nicht so sein. Aber seht selbst! http://www.youtube.com/watch?v=WtTnCeuYkgI
Für eingefleischte Barock-Fans empfehle ich diesen Ausschnitt hier aus der Opèra Comique de Paris von Didos Sterbearie "When I am laid in earth". Gesungen ist die Szene makellos, Ernman besitzt alle Fähigkeiten für barocke Singweise. Ihre schauspielerischen Fähigkeiten sind es (wieder einmal), die daraus etwas für mich unvergessliches machen. Die Kombination von präziser, gefühlvoller Stimmführung und dem auf einfache Gesten reduzierten, aber umso packenderen Spiel ist für mich heutzutage einzigartig. http://www.youtube.com/watch?v=UQ0ngtryAqo
Noch kurz zum ESC: Ich bin keine große Anhängerin des ESC, warum wäre hier OT, ich habe nichts dagegen, dass Ernman da teilnimmt, es war toll, dass eine Opernsängerin die Vorausscheidung in Schweden gewonnen hat und vielleicht hilft es auch, dass dort die Oper ein bisschen mehr verbreitet wurde (auf Ernmans gemischten CDs oder bei ihren Crossover-Konzerten). Ich als Opernfan kann ja ins ThadW gehen und muss mir ja nicht unbedingt den ESC im Fernsehen anschauen.
Das wars einmal von meiner Seite, das geschieht, wenn ich vorhabe nur kurz meinen Senf zu geben über etwas, das ich mag/mich interessiert. :J
lg, Hyacinth :hello
ar (10.10.2012, 21:40): Liebe Hyacinth Der Orlofsky ist wirklich toll (und ist das Thomas Allen?), gerade diese „Gender-Identity“ (du hast völlig Recht mit diesem Wort) ist bei ihr genial. Das überzeugt mich auch an ihrem Nerone (höre mal ihr „Come nube“, wo sie sich am Anfang noch ein bisschen Koks in die Nase zieht): http://www.youtube.com/watch?v=N2zFGcueJHM Das ist einfach gut gesungen und überzeugend gespielt. Ihr Cherubino soll auch sehr gut sein. Schön, dass du die Dido erwähnst. Sie könnte eigentlich auch Schauspielerin sein. Ich bin leider Gottes ESC-Fan und tu mir das jedes Jahr an (unergründlich wieso). Aber für solche Momente wie Malena Ernman lohnt es sich. In Schweden ist sie seit diesem Auftritt ja auch ein richtiger „Star“.
Hyacinth (10.10.2012, 22:23): Achja, der Nerone ist spitze! Zum einen gibt es sicher nicht viele, die bereit sind so etwas auf der Bühne zu machen, zum anderen noch weniger, die das machen UND dabei die Koloraturen aus dem Ärmel beuteln, als wären sie der nette Soundtrack für einen Film und gar nicht die eigentliche Priorität :D
Ich kann mir auch nicht erklären, wie Ernman das macht, ihre Bewegungen wirken gar nicht so typisch männlich, sie passen einfach. Aber so etwas bräuchte ein eigenes Thema (gibts eigentlich schon einen Hosenrollen-Thread?).
Wie Ernman beim ESC war, habe ich ihn mir leider noch nicht angeschaut und in den letzten Jahren, war er - meiner Meinung nach - großteils voll Mainstream-Balladen, die von schwedischen Songwritern geschrieben wurden.
Hyacinth :hello
ar (10.10.2012, 23:11): Bei szenischen Arbeiten hört man immer: man solle nicht spielen, man solle einfach machen. Und letzteres tut Ernman. Ich glaube der Hosenrollenthread fehlt noch, machst du einen auf? Noch etwas technisches zu Ernman: Mir fällt auf, dass sie selten "abdunkelt" und das erschwert bei ihr eher die Tiefe. Normalerweise würde das ja die Höhe erschweren. Aber das passiert ihr eher selten und gerade in Hosenrollen ist es mir noch nie aufgefallen. Dafür manchmal bei ihren Rossinipartien.
Hyacinth (10.10.2012, 23:46): Hosenrollen-Threads schreib ich liebend gern. Dann weiß ich ja, was ich morgen Abend zu tun habe! :wink
Ja, sie "lebt" sowieso von der Höhe, die sie zweifelsfrei hat. Trotzdem gefällt mir ihre Stimme besser, wenn sie wirklich die Mezzolage singt, weil sie dann homogener klingt. Bei manchen Sopranarien klingt es wie ein Mezzo mit ein paar vorhandenen, aber blassen und nicht so ausbaufähigen Spitzentönen (das ist auf hohem Niveau kritisiert!)
Hyacinth :hello
Karolus Minus (11.10.2012, 23:07): Original von Hyacinth
Für eingefleischte Barock-Fans empfehle ich diesen Ausschnitt hier aus der Opèra Comique de Paris von Didos Sterbearie "When I am laid in earth". Gesungen ist die Szene makellos, Ernman besitzt alle Fähigkeiten für barocke Singweise. Ihre schauspielerischen Fähigkeiten sind es (wieder einmal), die daraus etwas für mich unvergessliches machen. Die Kombination von präziser, gefühlvoller Stimmführung und dem auf einfache Gesten reduzierten, aber umso packenderen Spiel ist für mich heutzutage einzigartig. http://www.youtube.com/watch?v=UQ0ngtryAqo
lg, Hyacinth :hello
Die komplette Dido gibt es bei Youtube unter http://www.youtube.com/watch?v=KgXSMZTcDSs