Cetay (inaktiv) (05.10.2017, 17:01):
Hier mal eine Kurzvorstellung einer Interpretin, die außer ein paar Spezialisten kaum jemand kennt. Da liegt daran, dass sie nur sehr wenig auf Tonträger veröffentlicht hat und das meiste des wenigen heute vergriffen ist. Das einzige, das man zur Zeit von ihr "offiziell" auf CD erwerben kann, ist eine Zusammenstellung mit zeitgenössischer Musik. Damit allein ist noch niemand berühmt geworden.
Ganz ruhmlos ist diese alte Dame (die 1925 geboren wurde und heute noch lebt) allerdings auch nicht, hat sie doch einige Provenienz- und Gender-spezifische Erstrekorde aufzuweisen: Erste weibliche Organistin, die in Lateinamerika gespielt hat; erste*r Amerikaner*in mit Auftritt in Ägypten; erste weibliche Amerikanerin in Westminster Abbey. Gewissen Ruhm erntete sie freilich auch als Forscherin und Lehrerin. Die 66 Jahre Zugehörigkeit zur Fakultät der School of Music der Universität Michigan sind zumindest rekordverdächtig und wurden mit einem Symposium ihr zu Ehren gewürdigt: Teacher of Music, Teacher of Life. Ob sich Frau Mason hauptsächlich der Lehre verschrieben hat, weil es nicht für die ganz große Karriere als Konzertorganistin gereicht hat oder ob es nicht für die ganz große Karriere als Konzertorganistin gereicht hat, weil sie sich ganz der Lehre verschrieben hat - wer weiß das schon?
Mich interessiert sie deswegen, weil sie ganz am Anfang ihrer Karriere eine Aufnahme gemacht hat, die nicht von dieser Welt zu sein scheint. Hier kommt alles zusammen: Ein Komponist, der in der Musikgeschichte eine singuläre Erscheinung darstellt, mit einem Werk, das innerhalb seiner Gattung völlig einzigartig ist, und eine Interpretin, die das auf eine einzigartige Weise interpretiert. Die Rede ist von Eric Saties Messe des pauvres, die von ihr in der Originalversion mit Chor (Leitung: David Randolph) eingespielt wurde. Schon bei den ersten Tönen der Orgel wird man (werde ich) hineingesogen in eine Klangwelt, die man eher in der 60er Jahre Psychedelic vermuten würde - und das passt wie die Faust aufs Auge und zeigt, wie weit der Komponist seiner Zeit voraus war. Da ist nichts von der typischen kirchlichen Aura und dem majestätischen Ton zu hören, wie man es von der bekannteren Vergleichseinspielung mit Gaston Litaize kennt. Mason klingt dagegen regelrecht "armselig" - und was könnte einer Armenmesse gerechter werden? Hier gehen Werk und Interpretation ein Symbiose ein, die das Resultat über die Kategorien des Beschreibbaren hinaushebt. Die Einspielung erschien 1951 bei Esoteric Records, gekoppelt mit einer nicht minder erregenden Darstellung von Schönbergs Variationen op. 40. Natürlich ist die LP längst gestrichen (und auf CD oder als Download gibt es die Werke nur einzeln - von obskuren Anbietern, die die Messe in falscher Reihenfolge gespeichert haben, was auch so bei Spotify übernommen wurde).
Source: https://www.discogs.com/de/Arnold-Schoenberg-Erik-Satie-Variations-On-A-Recitative-Mass-For-The-Poor/release/2694527
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Für mich ist das in Sachen Orgelmusik die Aufnahme die Insel.
:saint: :times10