Massenet: DON QUICHOTTE am 9.5. auf ARTE und überhaupt
Rideamus (09.05.2010, 10:19): Ich habe mir gestern abende die leicht zeitversetzte Übertragung aus Brüssel angesehen und muss gestehen, ich war enttäuscht - ohne eigentlich genau sagen zu können, warum. Habe ich ein unmögliches Wunder erwartet? Vielleicht - obwohl ich erstmals einer Inszenierung von Pelly eine andere vorziehe, nämlich die farbigere von Gilbert Deflo aus dem Jahr 2000 in Paris mit einem - damals noch - überragenden Samuel Ramey. Aber der Reihe nach.
Massenet ist für mich ein eigenartiges Phänomen. Er schrieb Opern, die mich auf Anhieb begeistert haben und seither Fixsterne in meinem Opernhimmel geblieben sind: MANON, WERTHER, CENDRILLON, THAIS und mit leichten Einschränkungen auch THÉRÈSE und CHERUBIN. Dagegen lassen mich die "heroischen" Werke um LE CID, ESCLARMONDE, HÉRODIADE, LE ROI DE LAHORE oder eben auch seine letzte Oper, DON QUICHOTTE, trotz unbestreitbarer technischer Qualitäten weitgehend kalt oder immer etwas unbefriedigt zurück, wie auch - aus ganz anderen Gründen - sein Sequel LE PORTRAIT DE MANON. Ich bin nicht so sicher, ob Massenet die Inspiration oder mir nur der Zugang zu diesem Teil seiner Welt abging, aber so ist es nun einmal.
Im Falle des QUICHOTTE, der fantastische Passagen hat, vor allem in ersten Akt und den Zwischenspielen - überhaupt im Orchester -, liegt es definitiv schon an der Vorlage. Ich fand den DON QUICHOTTE von Cervantes schon fast immer einen deprimierenden Altherrenwitz, dem der Witz fehlte. Von daher ist Massenets Lesart der Geschichte als der Tragödie eines Mannes, der mit seinen Träumen nicht ungeschoren leben kann, aber zwangsläufig stirbt, wenn er nicht mehr träumen kann, eine konsequente und stimmige. Leider ist sie auch enorm deprimierend (besonders für alternde Herren wie mich), was mir die Oper nicht sympathischer macht. Dies um so mehr, als der Versuch Massenets, seinem Helden am Schluss noch eine positive Vision zu gönnen, schon bedenklich an Kitsch grenzt. Massenet, der doch Geschichten von unausweichlicher Tragik so überzeugend zu gestalten wusste, war selten so nahe an dem Kitschier in Puccini wie hier, wenn er seinen Helden zu einer Art Bruder Angelicus macht.
Nicht genug zu preisen ist jedoch sein kühner Einstieg in den Ersten Akt, der wirkt, als habe Massenet bewusst die Folklore der CARMEN fortschreiben, aber auch endgültig über Bord werfen wollen. Minkowski hat das Spanische der Partitur großartig herausgearbeitet. Auch musikalisch fiel Massenet hier am meisten ein, wenn ich nur an die überwältigende Verarbeitung des "Liebesmotivs" denke, das auch das erste Zwischenspiel bestimmt. Insgesamt fand ich Minkowskis Dirigat aber etwas zwiespältig, denn während er die zahllosen großartigen "Inseln" der Partitur liebevoll herausgearbeitet hat, zerstückelte er auch die ohnehin sehr episodische Partitur und machte sie zu einer immer wieder abreißenden und neu ansetzenden Abfolge von kleinen Höhepunkten, was durch die lange Zeit katastrophale Tontechnik, die immer wieder ein Nachjustieren der Lautstärke erforderte, noch massiv befördert wurde. Diesen Höhepunkten folgte dann regelmäßig ein Rückfall in die Leere und Geschwätzigkeit der Altherrenrollen, die leider bei dem Don Quichotte fast unvermeidlich wird, wenn er, wie im Fall van Dam, für den die Aufführung im Alter von 70 Jahren doch etwas spät kam, von einem Star am Rande des überfälligen Rückzugs aus dem Metier verkörpert wird. Don Quichotte will nämlich trotz seines (eigentlich nicht sooo weit fortgerückten) Alters gesungen und nicht nur weitgehend markiert und gespielt werden, was van Dam immerhin hervorragend tat.
Kaum glücklicher war ich aber auch mit dem Sancho Werner van Mechelens, so gut er ihn visuell verkörperte. Er sang die Rolle zwar besser aus als van Dam die seine, schien mir aber mit der Anforderung von Präsenz gegenüber dem Star des Abends überfordert. Für die Dulcinea Silvia Tro Santafes galt das weniger, nur sollte sie eigentlich - zwar auch ordinäre Hure -, aber eben auch leicht ätherische Projektionsfläche für Quichottes Fantasie sein, und dieses Element fehlte ihr leider total. Sie gab eine gut singende, aber ziemlich ordinäre Prostituierte. Das nimmt der tragischen Wendung des vierten Aktes, in der sie Quichotte das Herz bricht, indem sie ihm die Wahrheit sagt, leider viel von ihrer möglichen Wirkung.
Überhaupt, und damit komme ich zu der für mich höchst zwiespältigen Regie Laurent Pellys, ist mir die Inszenierung zu sehr aus der deprimierenden Realität hinter dem Stück heraus entwickelt. Das ist fraglos legitim, aber auch problematisch. So warfen mich die weißgrauen Papierberge, vor denen er seine Inszenierung entwickelt, mich andauernd auf die in der Tat papierene Natur des Stückes zurück, während die eher spärlichen ironischen Einfälle wie die lebendigen Pferdefiguren auf mich eher befremdlich als konstruktiv irritierend wirkten. Pelly hat sich offenbar ganz mit der melancholischen Natur des Stückes - und des Abschieds van Dams - identifiziert. Das war vielleicht konsequent, aber eben auch deprimierender, als das Stück sein muss. Hier scheint mir ein farbenfreudigerer Ansatz wie der von Deflo in seiner Pariser Inszenierung angebrachter. Immerhin bewährten sich die Erfahrung und der Geschmack der Hauptverantwortlichen im letzten Akt, der das angenehm krasse Gegenteil zu Schaljapins Verkitschung der Todesszene war und mit scheinbar einfachsten Mitteln tatsächlich Tragik und nicht einfach blanken Kitsch evozierte.
Insgesamt also ein Abend, den ich unter'm Strich nicht ungern verfolgt habe, dem es aber leider nicht gelang, mich von der durchgehenden Qualität der Oper zu überzeugen und den Wunsch auszulösen, die Inszenierung so bald noch einmal zu sehen und gar zu hören. Da schaue ich mir lieber noch einmal mit erhöhter Aufmerksamkeit die Inszenierung Deflos mit Ramey an, die leider in meiner Kopie asynchron war. Ich werde berichten, wenn das geschehen ist, denn anders als bei den genannten "heroischen" Opern kann ich dem DON QUICHOTTE doch Einiges abgewinnen, das sich vielleicht doch noch verstärken lässt.
:hello Rideamus
Fairy Queen (09.05.2010, 14:33): Lieber Rideamus, danke für den Bericht, ich werde einen Mitschnitt in absehbarer Zeit bekommen und muss gesthehn, dass ich diese Oper noch nicht kenne.... Dass van Dam zu alt für grosse Opernrrollen ist, hat sich schon mehr als ansatzweise im Faust an der Bastille vor zwei Jahren gezeigt. Seine grossartige Bühnenpräsenz macht zwar Vieels wett, aber man muss wissen, wann man aufhören sollte. Wie schwer das fällt kann ich mir zwar bildlich vorstellen, aber gerade solche Stars wie Domingo oder van Dam sollten darauf achten, dass ihr Oeuvre ncht durch ein schlechtes Ende verdorben wird. Samuel Ramey hat das leider eindeutig verpasst.
F.Q.
Rideamus (10.05.2010, 17:25): Liebe Fairy,
ich hoffe, Du wirst uns Deine Eindrücke noch berichten können und nach ihrer Rückkehr auch von Severina noch zu hören, sie sich die Übertragung aufzeichnen wollte.
Was Samuel Ramey angeht, so zeigt sein Dex Grieux père in der MANON aus Barcelona in der Tat, dass er den Absprung verpasst hat. Ich sehe mir aber gerade die zehn Jahre alte Inszenierung Gilbert Deflos in Paris an, und da war er ein schlechthin idealer Don Quichotte: figürlich, darstellerisch und stimmlich. Deflo siedelt die Dulcinée-Szenen des Werkes interessanterweise und mit Recht visuell ganz nahe an der THAIS an. Massenet hatte ja eine große Schwäche für derartig "sündige" Frauengestalten, die niemand so differenziert, aber auch emanzipiert auszugestalten wusste wie er. Man vergleiche nur einmal die plakative Musik von Puccinis MANON LESCAUT oder sogar die m Vergleich zweidimensionale von Verdis (ansonsten von mir höchst verehrter) LA TRAVIATA mit der von Massenets MANON, und man wird zugestehen müssen, dass Massenet zu den ganz großen Komponisten gehört.
Leider nicht zu den beständigsten, wie schon gesagt. Andererseits: auch wenn Minkowski weit mehr aus seinem Orchester heraus holt als der etwas pauschale und oft zu laute Conlon in Paris, so kommt doch die um eine Klasse bessere Besetzung mit einem noch gut singenden Samuel Ramey, mit dem hübsch polternden Jean-Philippe Lafont und der angenehm dekadenten, aber nicht karikierenden Dulcinea Caramen Oprisanus fast einer Ehrenrettung der Partitur nahe, wären nicht die vielen (über-) langen Dialoge zwischen den beiden Bässen, die mir regelmäßig zuviel werden, auch in den besseren Darbietungen.
Dennoch ist es jammerschade, dass sich niemand an eine Veröffentlichung dieser Inszenierung und wohl auch der von Pelly auf DVD heran wagt, denn ich glaube nicht, dass man so bald einen besseren DON QUICHOTTE wird auf einer Bühne oder DVD erleben können. Einstweile höre ich mir aber nach langen Jahren wieder mal die cd Michel Plassons an, denn ein stimmstarke van Dam und Teresa Berganza sind definitiv gute Gründe, einmal nur die Musik auf sich einwirken zu lassen.
Vorerst aber hoffe ich mal darauf, dass doch noch einige von Euch die Übertragung der Inszenierung Pellys gesehen haben oder in Aufzeichnungen sehen werden und eine Diskussion über das Werk noch in Gang kommt. Das ist es nämlich allemal wert.
:hello Rideamus
Mimì (10.05.2010, 22:31): Hallo zusammen,
ich habe mir diese Inszenierung letzten Samstag auch angeschaut (wobei ich jedoch Anfang und Ende nicht mehr sehr konnte). Ich kannte die Oper noch gar nicht, aber mein Eindruck war insgesamt sehr positiv. Mir gefiel dieser stille und lyrische Charakter, ich finde, er passt sehr gut zum Stoff (so gut kann ich das aber auch nicht beurteilen). Und besonders schön fand ich die immer wiederkehrende Melodie des Liebesliedes.
Die Sänger haben mir persönlich auch nicht so gefallen. Van Dams Interpretation war ganz gut, besonders sein Spiel fand ich toll. Aber ich kann mir nicht helfen, die Stimme hat für mich keinen Glanz. Sancho Pansa hat mir auch nicht gefallen, irgendwie war mir da zu wenig Melodie und Linie. Was die Dulcinée betrifft, stimme ich Rideamus zu. Sie sang gut und ausdrucksvoll, aber ein bisschen ordinär war das schon. Bei Minkowskis Dirigat hab ich ebenfalls den gleichen Eindruck wie Rideamus. Es schien mir irgendwie auf diese "Inseln" fixiert, zwischendurch kam aber nicht so viel rüber. Da es für mich das erste Mal war, dass ich diese Oper gesehen habe, kann ich zur Inszenierung nicht viel sagen. Die Pferdeköpfe fand ich aber eigentlich ganz lustig :].
So weit mein Gesamteindruck. Ich hab die Oper, wie gesagt, nicht komplett sehen können und kannte sie auch noch nicht. Und ich bin doch ein relativ kleines Licht und trau mir da im Moment nicht mehr zu http://www.smilies.4-user.de/include/Verlegen/smilie_verl_001.gif :) :)
Lg, Mimì
Rideamus (11.05.2010, 01:00): Original von Mimì
So weit mein Gesamteindruck. Ich hab die Oper, wie gesagt, nicht komplett sehen können und kannte sie auch noch nicht. Und ich bin doch ein relativ kleines Licht und trau mir da im Moment nicht mehr zu :):)
Lg, Mimì
Liebe Mimi,
(Nur) Dein letzter Satz ist natürlich Unsinn, aber um so mehr Hochachtung hast Du defür verdienst, dass Du Dich trotzdem hier dazu äußerst, und das durchaus kompetent, wie ich finde.
Ich habe mir heute auch noch die - inzwiaschen recht preiswerte - cd von Michel Plasson mit José van Dam und Teresa Berganza angehört.
Ich finde MInkowskis Dirigat zwar noch besser, aber stimmlich ist die Aufnahme eine deutliche Ehrenrettung für José van Dam - und eine für das Werk ist sie auch. Da steckt wirklich viel mehr große Musik drin, als mir bisher bewusst war und leider wegen des problematischen Tons auch nur an dem Brüsseler Abend rüber kam.
:hello Rideamus
Severina (11.05.2010, 11:58): Meine Lieben, ich habe eben mit einem mittleren Wutanfall registriert, dass meine Aufzeichnung nicht geklappt hat - seit ich den neuen Flachbildfernseher habe, steigt mein Videorekorder immer wieder aus, woran das liegt, weiß ich nicht. (Schon unlängst geruhte er nur den halben "Werther" aufzunehmen, dann war Sense X( ) Ich kann mich daher leider an Eurer Diskusion nicht beteiligen :I
Dass Van Dam in den letzten Jahren dabei ist, sein eigenes Denkmal zu beschädigen, kann ich allerdings unterstreichen - nichts von dem, was ich da von ihm gehört habe, erinnert an seine einst so reich timbrierte Stimme. Leider hat auch er den richtigen Moment zum Aufhören verpasst.... lg Sevi :hello