Massenet: WERTHER am 26.1.10 auf ARTE und überhaupt

Rideamus (27.01.2010, 05:58):
Ich freue mich schon sehr auf eine lebhafte Diskussion der gestrigen Übertragung, die mir grosso modo sehr gut gefallen hat. Leider konnte ich bislang nur die erste Hälfte sehen, da ich heute früh aufstehen muss(te). Was ich da gesehen habe, gefiel mir teilweise sehr, obwohl der Regisseur Benoit Jacquot, dem wir auch den sehr guten Opernfilm der TOSCA mit Angela Gheorghiu und Ruggero Raimondi verdanken, nicht immer sehr glücklich mit der Riesenbühne der Bastille-Oper umging. Da er auch für die TV-Regie mit verantwortlich war, muss man ihm Absicht unterstellen, wenn er immer wieder kleine Figuren in einer Riesenlandschaft zeigte, was sich so gar nicht mit dem eher kammerspielartigen Charakter des Werkes verträgt. Andererseits hat es natürlich klare Vorteile, wenn man einmal nicht gezwungen wird, Sängern beständig auf die Mandeln zu schauen.

Um eine Grundlage zu schaffen, wo ich diese Aufführung verorte, adaptiere ich mal einen Text, den ich vor einem Jahr für ein anderes Forum schrieb, nachdem ich (fast) alle verfügbaren Aufnahmen verglichen hatte:

Auch wenn Massenet vor allem im dritten und vierten Bild zuweilen mit hemmungsloser Leidenschaft auftrumpft, ist WERTHER für mich keine verkappte große Oper, sondern ein eher intimes Stück, dessen Kern man verfehlt, wenn man nicht auch dem leichten Ton und fast kammerspielartigen Charakter gerecht wird, der vom Stoff und seinem überschaubaren, Personal vorgegeben und auch über große Strecken komponiert ist. Die kleinbürgerliche Atmosphäre (nicht von ungefähr wird wiederholt Klopstock gepriesen) muss man spüren. Dirigenten wie Pappano, Jordan und teilweise auch Pretre, die das Werk in Richtung großer italienischer Oper drängen, verfehlen seinen besonderen Charme und erschlagen es leicht. Hier sind Colin Davis und Kent Nagano vorbildlich. Plasson hat leider auch diesmal, wie schon bei seiner konzertanten Aufführung mit Thomas Hampson und Susan Graham, wieder all zu sehr auf die Lautstärke als Ausdruck großer Leidenschaften gesetzt, was den guten Sängern das Leben nicht gerade leicht machte und leider nur zu oft die zahlreichen Zwischentöne der Komposition minimierte.

Sehr wichtig ist bei dieser Partitur auch die Sprache. Ein möglichst perfektes Französisch ist also für mich eine Voraussetzung für eine perfekte Interpretation. Auf den kommerziellen Aufnahmen können Frederica von Stade, Susan Graham, Victoria de los Angeles und Nicolai Gedda sowie natürlich die Muttersprachler wie Roberto Alagna (der aber nur hier), Roger Soyer und ganz besonders Patricia Petibon am meisten punkten. Gestern abend hat man endlich einmal ein durchweg hervorragendes Französisch gehört, denn wenn schon Jonas Kaufmann mit seiner sehr guten Aussprache als leicht unidiomatisch auffiel, dann will das sehr viel Gutes über sein Umfeld heißen, das ja fast durchweg mit Muttersprachlern besetzt werden konnte. Überhaupt ist erstaunlich und sollte ruhig mal klar ausgesprochen werden, wie gut die französche Musikszene nicht nur, aber gerade bei Sängern heute da steht. Es wäre interessant, einmal den Ursachen dafür nachzuspüren.

Werther ist ein junger Künstler, der auf Gedeih und Verderb einer unmöglichen Liebe anheim gefallen ist und dies einerseits erkennt, andererseits aber nicht anerkennen will. Sein jugendliches Ungestüm muss von dem Titelhelden verkörpert werden, und da genügt einfach kein edler Schöngesang eines Veteranen, wie ihn Alfredo Kraus in seiner Gesamtaufnahme anbietet (in einem Rundfunkmitschnitt aus seiner Frühzeit macht er das dagegen hervorragend). Nicolai Gedda ist auch schon leicht an der Grenze, bleibt aber (rein akustisch) noch im Rahmen des glaubhaften Altersspektrums. Die für mich idealen Sänger waren José Carreras, Jerry Hadley und natürlich Rolando Villazon zu ihren besten Zeiten. Leider hatten ausgerechnet sie eine Tendenz zum Weinerlichen, und so konnte Jonas Kaufmann relativ mühelos punkten, auch wenn er nicht mehr auffällig jung ist. Darstellerisch hat er mir mit seinem verhaltenen, aber trotzdem keineswegs leidenschaftslosen Portrait fast noch besser gefallen denn als Sänger, und da fand ich ihn schon richtig gut. Noch weiß ich aber natürlich nicht, wie er den Abend durchgehalten hat.

Das gilt erst recht für die Beurteilung Sophie Kochs als Charlotte, die ja erst m zweiten Teil ihre eigentlichen Herausforderungen zu bestehen hat. Im ersten Teil hat sie mir recht gut gefallen ohne mich jedoch nachhaltig zu beeindrucken. Bei Charlotte darf man ja keinesfalls übergehen, dass auch sie noch eine sehr junge Frau ist, die nur durch die Lebensumstände gezwungen wurde, früh zu reifen und den Anforderungen ihres Umfelds zu genügen. Dennoch muss man ihr duchgehend glauben, dass auch in ihr ein unbändiges Feuer brennt und sie permanent gegen ihre eigenen Willen handelt. Genau daran hat es mir etwas gemangelt. Wer die Rolle zu mütterlich anlegt, und Sophie Koch tat das m. E. zu sehr, hat schon verloren.

Im Vergleich zu ihr spielte Elina Garanca das ganz hervorragend, sang es aber leider nicht genauso. Ebenso falsch wäre es, von Anbeginn an die spätere Tragödie mitzusingen, wie es besonders stark Angela Gheorgiu, aber ein wenig leider auch Sophie Koch, Elina Garanca und Susan Graham machen. Dabei gibt es für diese Rolle wunderbare Vorbilder, angefangen von der jugendlichsten, fast schon zu fragilen Victoria de los Angeles, über die besonders warmherzige und für mich vollkommene Frederica von Stade, die etwas kühle, aber keinesfalls leidenschaftslose und sehr schön differenzierende Anne Sofie von Otter bis hin zu der, mit ihrer besonderen Betonung der widerwilligen Pflichterfüllung grandiosen Brigitte Fassbaender, die das alle auf sehr verschiedene Weise perfekt gestalten und singen.

Dem Albert sind nur wenige Möglichkeiten zur Variation gegeben. Am meisten beeindruckt haben mich in dieser undankbaren Rolle bislang der sehr noble Thomas Allen und Adrian Eröd, der den Anforderungen des Regisseurs, der ihn als überforderten und schließlich bösartigen Langweiler begreift, vollauf gerecht wird. Ludovic Tezier erinnerte mich (wohlgemerkt, bislang nur im ersten Teil) sehr stark an Thomas Allens Rollenauffassung, die wohl auch die seines Regisseurs war - jedenfalls im ersten Teil.

Sophie kommt nur zu oft als eine eher unbedeutende Nebenrolle herüber. Die Portraits von Patricia Petibon und Dawn Upshaw sind da sehr rühmliche Ausnahmen. Ganz deren Format erreichte Anne-Catherine Gillet zwar nicht, aber sie schaffte immerhin fast das Kunststück, das deutlich jüngere Alter Sophies gegenüber ihrer Schwester gaubhaft zu machen und zu beweisen, wieviel eine gute Stimmdarstellerin auch aus solchen Rollen machen kann. Natürlich halfen ihr dabei die von Anbeginn an sehr erwachsene Rollengestaltung der Charlotte Sophie Kochs und ein Regisseur, der die Notwendigkeit auch sah, einen starken Kontrast zwischen den Geschwistern heraus zu arbeiten, aber man muss seine Chancen auch nutzen können, und wenn man bedenkt, wie wenig Möglichkeiten ihr Massenet dafür gab, tat Frau Gillet das ganz vorzüglich.

Insgesamt gab es also schon mal viel Grund, sich auf das Nachholen der gesamten Aufzeichnung zu freuen. Zwar bezweifle ich schon wegen Plasson, dass sie die besten bisherigen Aufnahmen von Colin Davis oder Kent Nagano verdrängt, auch wenn sie in Jonas Kaufmann einen der besten Werther hat. Da es aber, wie fast immer, ohnehin keine Aufnahme gibt, die alle Spitzenleistungen auf sich vereint, werde ich sie wohl gerne öfter einlegen. Das verdient schon die Oper selbst, die man nicht genug bewundern kann.

Mehr in ein paar Tagen, wenn ich hoffentlich das Ganze habe sehen und hören können und die Diskussion angelaufen ist.

:hello Rideamus
Fairy Queen (27.01.2010, 07:31):
Lieber Rideamus, leider konnte ich die Aufzeichnung mangels TV nciht sehen, aber vielelicht wird mir ja noch ein Mitschnitt zuteil. Das Ganze wurde gross beworben und die Pariser Oper hat einen Jahrhundet-werther angekündigt. Anscheinend ist er immerhin nicht misslungen..... :D
Nur kurz, da mich die Pflicht ruft: was Du zum Weinerlichen bei Villazon und Co als Werther sag: für mich gehört das zu der rolle dazu bzw ist zumindest iene Facette, die ich serh glaubwürdig finde. Werther ist eine durch und durch unreife Persönlichkeit, die sich im eigenen Leiden suhlt und da ist eine Portion Selbstmitleid durchaus folgerichtig.
Villazon ist für mich bis auf Widerruf die idelae Verkörperung. Ihm nimmt man nämlich sofort ab, dass sich dieser Werther all seiner Unreife kein bisschen bewusst ist und trotz Weinerlichkeit authentisch leidet.
Gerade das Intime und Kleinbürgerliche der Szenerie ist ja auch eine Gefahr für die Glaubwürdigkeit der Figur. Werther ist eben kein Dandy aus der grossen Welt wie etwa Onegin und leidet auch an seiner Unfähigkeit seine Rolle in der Gesellschaft zu finden. Er hätte ja serh leicht die reisende Sophie als Antidepressivum heirazten können, aber ein romantischer Gesit als kleinbPürgerlicher eheman geht ja nun mit der Selbstachtung kaum unter einen Hut zu bringen. Und andererseits sehnt er sich aber gerade nach dieser Geborgenheit- da ist unglückliche Liebe und Selbstmord die chicste Lösung, denn sie verlangt am wenigsten Arbeit an der Persönlichkeit.
Werther kann serh leicht auch zur unsympatischen Figur werden und das vermeidet Villazon durch seine ansteckende Wahrhaftigkeit. Kaufmann macht das gewiss auch prima, ich hoffe, ihn noch sehen zu können.

Und zum Werther gibt es sicher noch viel zu diskutieren......

Euphonia
Dulcamara (27.01.2010, 09:26):
Zuerst einmal: den vollen Mitschnitt der Aufführung kann man noch eine Woche lang bei Arte als webcast verfolgen.

Bin im Hinblick auf den Werther sehr durch die Frankfurter Oper verwöhnt, wo Willy Decker den Werther wunderbar einfühlsam (und sehr als Kammerstück - unterstützt durch die eher kleine Bühne in Frankfurt) inszeniert hat. Die Inszenierung gestern hat mir da nicht so zugetan, viel zu große Räume, in denen die Akteure meistens einfach nur herumstanden. Das Ganze wurde verstärkt durch eine TV-Regie, bei der immer wieder die Vogelperspektive gewählt wurde. Zudem wurden die Sänger oft schon hinter den Kulissen gezeigt, bevor sie auf die Bühne kamen, auch das ist zwar vielleicht sehr brechtsch, zerstört aber für mich die Magie.

Hinzu kam noch, dass die großmütterlichen Kostüme sowie das Spitzweg zumindest indirekt zitierende Bühnenbild irgendwie nicht dazu beitragen wollten, die Akteure wirklich als jugendlich Verliebte darzustellen. Für mich wirkte das so immer ein bisschen, als würde Opa erzählen, wie das damals so war.

Gesanglich war ich hingegen sehr angetan. Jonas Kaufmann ist für mich ein nahezu idealer Werther, Sophie Koch eine tolle Charlotte. Auch die Nebenrollen (vielleicht abgesehen von Albert) waren sehr gut besetzt, die Sophie fand ich aber sowohl stimmlich als auch vom Aussehen her schon fast zu alt (sie ist erst 35 also ich weiß nicht, was ich mir genau vorstelle, hier). Schauspielerisch stimme ich Rideamus zu, dass Jonas Kaufmann hier noch mehr überzeugte (und den ständig grimassierenden Villazon selbst bei guter stimmlicher Verfassung weit, weit abhängt) und man sich bei Sophie Koch mitunter etwas weniger mütterliche Gelassenheit und etwas mehr Ringen und Sehnen gewünscht hätte. Dennoch, vermutlich sind die beiden derzeit international DAS ideale Paar für diese Rolle. Bezüglich Orchester und Dirigat kann ich auch nur Rideamus zustimmen, es wurde in der Tat oft einfach laut statt nuanciert musiziert.
Ingrid (27.01.2010, 16:05):
Lieber Rideamus,

das tat so gut, nach diesem aufwühlenden Abend, durch Deine Analysen ein wenig Ordnung in den Kopf zu bekommen. Du kannst Dich auf jeden Fall noch sehr auf die nächsten Akte freuen und wir auf Deine Meinung.

Ich kann natürlich mal wieder nur gefühlsmäßige Äußerungen von mir geben und es wird auch gut sein, ich sehe und "höre" mir diesen Werther noch mehrmals an, aber ich bin jetzt schon fast sicher, Rolando Villazon kann in dieser Rolle und evtl. Inszenierung nicht besser sein. Warte jetzt auch gespannt auf Severinas Meinung, da sie Rolando ja als Werther erlebt hat.

Auch ich brauchte so meine Eingewöhnungszeit, bes., wenn man die Münchner Inszenierung x-mal gesehen und im Kopf hat. Es könnte auch sein, dass einige (bei einer Freundin war es so) deshalb nicht lange durch gehalten haben, weil sie das Öde oder Karge des ersten Bühnenbildes abschreckte und die Protagonisten noch recht unnatürlich agierten. War auch geschockt vom ersten Erscheinen Kaufmanns, das ja hinter der Bühne statt fand und in seiner Konzentrationsphase nicht sehr vorteilhaft sein konnte (was sollte eigentlich die blaue Brille?). Diese Einstellungen störten mich auch bei den anderen Protagonisten sehr. Zum Glück war das später nicht mehr ganz so häufig, aber auch schade beim Schlussbild, das dadurch vorweg genommen wurde.

Einmal mehr war ich von Kaufmanns Schauspielkunst fasziniert (von seiner Stimme inzwischen ebenfalls ;-) ) und da hatte man am Bildschirm bestimmt große Vorteile, da man einfach nichts seiner Mimik verpassen durfte. Jede kleinste Bewegung unterstrich Musik und Handlung. Ich saß in der Bastille ja mal in der vorletzten Reihe und da hat man das Gefühl, mindestens einen Kilometer von der Bühne entfernt zu sein. Da springt der Funke sicher nicht ganz so leicht über, da vieles aus der Ferne evtl. mehr als Rampensingen ausgelegt werden konnte.

Sophie Koch (sie spricht man doch Kosch aus, oder?) gefiel mir allerdings live auf der BSO-Bühne besser, da die Großaufnahmen nicht immer ganz so vorteilhaft ausfielen (wie sicher bei vielen von uns ebenfalls nicht ;-)) ) und sie der Jugendlichkeit dieser Rolle vom Zuschauerraum her bestimmt viel eher entsprechen konnte. Bei der Sängerin der Sophie war mein Empfinden ähnlich. Manchmal ist es wirklich ein Nachteil, wenn man eine Opernaufführung oft in sehr guter Besetzung sah und dann automatisch anfängt, zu vergleichen. Bei der Sophie hätte z.B. Adriana Kucerová die Nase vorne und meine Lieblingscharlotte ist immer noch Elina Garanca, obwohl sie Sophie Koch gestern insgesamt wohl kaum hätte toppen können.

Von den Hauptprotagonisten abgesehen, war ich vom Amtmann total angetan, vom Albert weniger, denn da wird immer Christopher Maltman mein Favorit bleiben, der sich als Billy Budd in mein Herz sang und diese, doch mehr unangenehme Rolle des Ehemanns sehr aufwertete.

Auf jeden Fall wird jetzt wohl die DVD der Mailänder Carmen ein wenig Ruhe und Werther den Vortritt bekommen.... denn Jonas Kaufmann MUSS im Moment einfach dabei sein ;-))

@Dulcamara und Euphonia
auch Eure Beiträge habe ich mit großem Interesse gelesen, danke!
Hoffe natürlich sehr, dass Du liebe Euphonia den Werther bald sehen kannst und über Deine Eindrücke schreibst. Bei ARTE und über Internet wäre das angeblich im Moment noch problemlos. Müßte ich auch mal ausprobieren, denn bis ich eine gebrannte Scheibe habe, vergeht sicher noch einige Zeit.

Herzlichste Grüße
Ingrid

P.S. Kann mir auch gut vorstellen, dass Nagano am Pult noch das Tüpfelchen auf dem i gewesen wäre
Severina (27.01.2010, 16:17):
In diese Diskussion steige ich doch mit Wonne ein! Zunächst einmal vermisse ich wieder den Unterm-Stuhl-Smiley, denn Ingrid zückt sicher sofort ihre Duellpistolen, wenn sie meinen Beitrag liest. :D
Dieser "Werther" war in meinen Augen eine sehr gute Vorstellung, aber keine überragende und für mich in keiner Position (Regie, Sänger, Orchester...) die Nummer 1.
Besonders ärgerlich fand ich die Regie, die einfach nicht vorhanden war, sieht man davon ab, dass Benoit Jacquot mit seinen oft befremdlichen Perspektiven und völlig überflüssigen Backstageeinlagen immer wieder den Spannungsbogen zerstörte. (Besonders absurd am Schluss der "O nature-Arie", als plötzlich der noch singende Werther in weite Ferne entrückt wurde und statt dessen die auf ihren Auftritt Wartenden gezeigt wurden. Hasst dieser Mann die Massenet'sche Musik derart, dass er mit Absicht eine ihrer schönsten Passagen zerstört?? Diese Frage drängte sich mir jedenfalls auf.)

Irgendein durchgehendes Regiekonzept konnte ich nicht erkennen, außer dass ihn Jonas Kaufmanns Schönheit offensichtlich so faszinierte, dass er ihn immer wieder im Profil zeigen musste, den Blick pathetisch in die Ferne gerichtet. Ich weiß aus vielen Live-Erfahrungen, was Jonas Kaufmann schauspielerisch drauf hat, wenn ihn ein Regisseur fordert, und gestern bot er nur die Hälfte seiner Palette. (Das ist zwar immer noch 50% mehr, als viele andere Sänger, aber von Jonas erwarte ich mir halt immer 100% und bin dann leicht enttäuscht, wenn das meiner Meinung nach nicht eintrifft)

Wie schwach die Regie ist, zeigt sich am deutlichsten bei Albert und Sophie, die ihren Rollen überhaupt kein Profil verleihen konnten. Ludovib Tezier ist ein ältlicher Langeweiler, bei dem über weite Strecken überhaupt nicht klar wird, ob er schnallt, was da zwischen Charlotte und Werther läuft, seine Eifersucht dann auch völlig unglaubwürdig, Sophie zappelt ein wenig herum, aber dass sie eigentlich in Werther verknallt ist, kommt bei Anne-Catherine Gillet überhaupt nicht rüber.
Wenn ich denke, wie sorgfältig Andrei Serban (dessen Inszenierung ich nicht in allen Teilen goutiere!) diese so genannten Nebenfiguren modelliert und ihnen ein eigenständiges Profil verliehen hat!
Der Dialog zwischen Werther und Albert im 2. Akt ist bei Serban ein spannendes Psychodrama, weil jeder den anderen durchschaut und ihm quasi den Kampf ansagt, bei Benoit verpufft es völlig wirkungslos, weil man überhaupt nicht weiß, ob Albert seine salbungsvollen Worte ernst meint, ob er wirklich nicht weiß, was Werther für seine Frau empfindet, und Kaufmann sitzt nur da und schaut wieder einmal dramatisch in die Ferne. Gerade in dieser Szene verliert er den Vergleich mt Rolando Villazón wirklich haushoch, denn in dessen Gesicht spiegelte sich die ganze Katastrophe seines Lebens ab: Zunächst der Unwille, als sich Albert zu ihm setzt, dann eine erzwungene Maske der Höflichkeit, die ihm aber immer wieder entgleitet, und schließlich purer Verzweiflung, der Sturz ins absolute seelische Nichts. Der verzweifelte Trotz, mit dem er Charlotte auf ihren Einwand, Albert liebe sie, sein "Wer würde Sie nicht lieben!" entgegenschleudert - nein, das ist schwer zu toppen. Es stimmt, dass Villazón seine Mimik nicht immer ganz im Griff hat, aber gerade bei seinen drei Wiener Werthervorstellungen konnte ich das nicht konstatieren.

Aber bleiben wir bei Paris! Ich fand es auch nicht ganz glücklich, dass im 2. Akt auf jede Statisterie verzichtet wurde. Werthers Einsamkeit wirkt doch viel stärker, wenn er sich inmitten einer heiteren Menschenmenge absondert, abgeschnitten fühlt von der Heiterkeit der anderen, die ihm beinahe körperliche Schmerzen bereitet. (Unsere Werther kriechen so richtig in sich hinein, wie ein verwundetes Tier, das sich einen PLtz zum Sterben sucht.)
Völlig missfallen hat mir schließlich das Bühnenbild zum 4. Akt, wo offensichtlich gerade der Gerichtsvollzieher mit den meisten Möbeln abgezogen ist. Dass Werther just von diesem Zimmer geträumt hat und jetzt selige Erinnerungen erwachen, kitzelt einen zum Lachen. Und natürlich verpatzt ein völlig emotionsloser Albert wieder einmal die Spannung am Schluss, denn dass offensichtlich eben seine Frau ein Rendevoutz mit seinem Nebenbuhler hatte, scheint ihn nur als ärgerliche Unterbrechung seines wohl verdienten Feierabends zu irritieren.

Der Schluss, nun ja... Auch in der Sterbeszene gebe ich ganz klar Villazón den Punkt. Kaufmann scheint eher an einer Überdosis Schlaftabletten als an einem Schuss in die Brust (Wieso ist eigentlich seine Schulter blutgetränkt???) zu sterben. Das heißt jetzt nicht, dass ich mir mehr Aktion erwartet hätte, sondern mehr Emphase.
Noch etwas: Bei TV-Übertragungen sollte man bitte in Hinblick auf Großaufnahmen auf Konfettischnee verzichten, und wenn, sollte er wenigstens rund sein und nicht quadratisch... Diese lächerlichen Papierfutzerl in Kaufmanns Locken konterkarierten doch die Tragik der ganzen Szene!
Stimmlich war Kaufmann gestern nicht in Bestform (Seine Höhen klingen im Normalfall viel strahlender und freier!), er schien mir leicht verkühlt gewesen zu sein, räusperte sich auch immer wieder zwischendurch. (Kam der eine laute Huster von ihm?)Aber das kann natürlich vorkommen und ist auch nur ein kleiner Einwand, denn er bot trotzdem eine sehr gute gesangliche Leistung.
So, jetzt warte ich auf die Prügel! :D
lg Severina :hello
Ingrid (27.01.2010, 17:50):
Liebe Severina,

natürlich werde ich mich weder mit Dir duellieren (hätte ich ja eh Null Chancen) noch prügeln :A, denn dafür habe ich Dich viel zu gern und setze deshalb einfach die Sevi-Brille auf und stelle fest, es muss stimmen was Du schreibst :D

Bei den viereckigen Schneeflocken mußte sogar ich gestern, trotz aller Dramatik, schmunzeln und jetzt herzhaft lachen. Durch Deine enthusiastische Schilderung Deines Lieblings-Werthers hatte ich nun auch Rolando direkt vor Augen und tatsächlich, er muss noch besser gewesen sein, obwohl ich Jonas Kaufmann wirklich zu keiner Minute als Schlaftablette empfand. Wenn das bei Dir so war, dann lag das aber sicher nur an dieser Regie, auch an Deinen bisherigen, so positiven Erfahrungen mit ihm und weil er gestern angegrippt war, denn sonst...... hätte er Dich bestimmt auch voll und ganz überzeugt, stimmt's :beer :wink

Vielleicht singt Jonas Kaufmann ja mal den Werther bei Euch und beideTop-Favoriten klettern irgendwann auf Roses Affenfelsen rum. Dann haut es mit der gerechten Bewertung sicher noch viel besser hin.

Aber tausend :thanks für Deine Meinung, auf die ich sehnlichst gewartet habe

:hello Ingrid
Severina (27.01.2010, 18:24):
Liebe Ingrid,
was ich schreibe, ist nur meine Meinung, die sich wiederum aus meinem Bauchgefühl ableitet, und muss daher mitnichten stimmen!! Widerspruch ist mir daher höchst willkommen, denn davon lebt schließlich eine Diskussion. Und dass wir gegensätzliche Ansichten akzeptieren, ist für uns beide selbstverständlich - also zücke ruhig das Florett! Rideamus hat mich auch schon getadelt, dass ich viel zu streng war :wink

Mein Kritik gilt auch hauptsächlich der Regie, dass ich als Werther Rolando Villazón den Vorzug gebe, ist reine Geschmackssache. Mich hat seine Interpretation eben mehr überzeugt und vor allem erschüttert als die von Kaufmann, bei Dir ist es sicher umgekehrt. Dafür ist Villazóns Duca für mich sehr entbehrlich (gottlob singt er ihn auch nicht mehr), wo ich wiederum Kaufmann großartig finde. Ich liebe ja beide heiß und innig, den einen halt in einer bestimmten Partie ein wenig mehr als den anderen. Um noch einmal zum Werther zu kommen: Villazón ist der typische Sturm-und-Drang-Held, der sein Gefühl absolut setzt und das Hirn völlig ausschaltet, der seiner Verzweiflung hilflos ausgeliefert ist und bei dem der Selbstmord die einzig logische Konsequenz ist. Kaufmann erinnert mich eher an einen Lord Byron, der mit seinem Weltschmerz kokketiert, sich in der Pose des aussichtslos Liebenden suhlt und dem man (oder besser ich) nicht wirklich zutraut, sich eine Kugel in die Brust zu jagen.

Hast Du auch diesen lauten Huster gehört, als Kaufmann gerade im Kameraoff stand? Das muss wohl er gewesen sein. In der Mittellage klang die Stimme manchmal etwas belegt.
Übrigens hätte er in Wien ja schon Werther singen sollen, aber leider wieder einmal abgesagt.

Sophie Koch kenne ich ja von Wien her, und die hat mir gestern fast besser gefallen, bei uns wirkte sie im Spiel viel statischer, erst bei der 3. Vorstellung ging sie ganz aus sich heraus und war Villazón eine ebenbürtige Partnerin.
lg Severina :hello
Dulcamara (27.01.2010, 19:03):
Den Huster habe ich auch gehört, zudem hat sich Kaufmann mehrere Male deutlich geräuspert, einmal auch im Blickfeld der Kamera. Dass es sich merklich auf seine gesangliche Leistung ausgewirkt hätte, war für mich allerdings nicht zu spüren, da fehlt mir vermutlich die Hörerfahrung.
Ingrid (27.01.2010, 20:49):
Liebe Severina,

den lauten Husterer hatte ich auch JK zugeordnet, aber jetzt nochmal schnell zu unseren zwei Lieblingen in dieser Rolle.

Habe gerade gegoogelt und Pourquoi me reveiller von Jonas gestern und Rolando in Wien singend gefunden (was bedeutet eigentlich die Wiege im Hintergrund?). Da passt Deine letzte Beschreibung doch ziemlich genau. Rolandos blitzenden oder doch mehr verzweifelten Augen kommt man tatsächlich kaum aus und die Kerze mit zwei brennenden Enden kam mir sofort in den Sinn.

JK ist dagegen ein sehr edler Poet und Gentlemen vom Scheitel bis zur Sohle, dem ich aber trotz allem diesen verzweifelten Schlussstrich zutraute, denn nach dieser dramatischen Abschiedsszene von Charlotte (die sie beide, ob mit oder ohne Regieeinfluss sehr lebensnah hin bekamen) blieb ihm eigentlich keine andere Wahl. Ob es jetzt der Gesichtsverlust oder Verzweiflung war, wird uns Jonas Kaufmann wohl nicht erzählen. Interessant wäre es allerdings schon, wie er dabei empfindet. Bei Rolando teile ich aber wirklich ganz Deine Meinung und im wirklichen Leben wäre es bei ihm in dieser Situation und zu anderen Zeiten vielleicht nicht so viel anders gelaufen. Das ist einfach Mentalitätssache. Kaufmann würde dagegen sicher immer seinen Verstand ein und sein Leben niemals so leicht aufs Spiel setzen. Das nimmt ihm in diesem Fall vielleicht einen Hauch von Glaubwürdigkeit, aber für mich war der letzte Akt trotzdem zum Heulen schön :I

Einig sind wir uns auf jeden Fall, dass es einfach toll ist, dass wir bald wieder zwei so wunderbare Werther ...... haben, oder?
:hello Ingrid
Severina (27.01.2010, 21:08):
Liebe Ingrid,
Deinem letzten Satz kann ich vorbehaltslos zustimmen! :D Auch Deine Formulierung "edler Poet und Gentleman vom Scheitel bis zur Sohle" trifft den Nagel auf den Kopf, bloß dass ich eben den ungestümen Jüngling vorziehe, der noch ziemlich grün hinter den Ohren ist.
Am Wochenende komme ich hoffentlich dazu, mir den Pariser "Werther" noch einmal in aller Ruhe anzuschauen. Vielleicht sehe ich dann die eine oder andere Szene in einem positiveren Licht.
lg Severina :hello
Ingrid (27.01.2010, 22:00):
Liebe Severina,

bin natürlich froh, dass wir ein paar Übereinstimmungen haben und mir offensichtlich auch mal ein ganz gut geglückter Vergleich eingefallen ist :D

Vor ein paar Minuten rief mich eine Opernfreundin an, die gerade von dieser Inszenierung sehr angetan war, aber meinte, fast zögerlich, da sie ja ebenfalls vom Münchner Jonasfieber infiziert ist, Rolando wäre als Werther doch noch besser, da einfach glaubhafter. Auch sie nimmt JK den Selbstmord nicht so recht ab und hat deshalb überhaupt nicht weinen müssen. Da war ich ja echt platt. Egal, dann hab ich halt gestern einfach für Euch mit geweint :wink

Liebe Grüße
Ingrid
Fairy Queen (28.01.2010, 06:07):
Guten Morgen,
könnt ihr bitte mal für Dummies erklären, wie man auf der Seite von Arte an das webcast kommen kann? Ich würde gerne mal in dei Inszenierung reinschnuppern.
Ausser Einführungstrailern und Interviews hab ich aber leider ncihts gefunden.... X(
Liebe Sevi und liebe Ingrid, mein Werther-Bild ist nicht so positiv, ich finde diesen Knaben reichlich unreif und auch nciht immer sympathisch. (siehe oben)
Der Selbstmord kann da sehr leicht zur reinen Dandy-Attitüde werden, wenn man eben nicht so wie Villazon sich total authentisch in die Rolle stürzt und glauben macht, das die Verzweiflung echt und unmaniriert ist.

Auch ein Sänger der die Attitüde spielt, hat natürlich das Werk im Kern richtig interpetiert, nciht, dass mir jetz unlogisches Denken vorgezworfen wird :wink. Es geht nur um den ieinen Identifikationscharakter im Sinne des von Sevi und Ingrid angespochenen Mitleidens udn da finde ich Villazon bisher unschlagbar. Auch als des Grieux und überhaupt.
Aber ein Duca ist er wirklcih nciht.....wer soll ihm das "Böse" und den skrupelllosen Frauenhelden denn abnehmen?
Die Gefahr bei solchen 150% Typen ist, dass sie sich zwar ganz geben, aber niemals ganz verstellen können.

Euphonia
Ingrid (28.01.2010, 08:11):
Liebe Euphonia,

wie ich gerade bei Wagners las, ist diese Leitung offensichtlich völlig überlastet und Arte würde dran arbeiten. Kein Wunder, oder? :D

Wenn alles normal läuft, soll man angeblich so zu dieser Übertragung kommen:
"http://liveweb.arte.tv/fr/video/Werther_a_l_Opera_Bastille/"

Ich habe mir halt gestern Abend ganz oft einzelne Schnipsel aus dem Werther angeschaut, die im Netz zu bekommen waren.

Herzliche Grüße
aus dem verschneiten Bayernlandl
Ingrid
Ingrid (28.01.2010, 14:30):
P.S. Hatte bei dem angeführten Link leider den senkrechten Strich falsch geschrieben (I), aber jetzt kommt man zum Werther. Habe es gerade ausprobiert.

:hello Ingrid
Ingrid (28.01.2010, 19:06):
....aber zum Laufen bekomme ich die ganze Geschichte leider doch noch nicht, auch wenn JK auf dem Plakat gut aus sieht :(
Fairy Queen (30.01.2010, 07:20):
Guten Morgen,
ich habs nun auch zum grossen Teil sehen können, wenn auch vorläufig noch in ziemlich schlechter Bildqualität.
Ich muss sagen, dass ich von den Sängern und ihrer stimmlichen wie schauspielererischen Leistung wirklich begeistert bin und daneben alles Andere in den Hintergrund tritt und nebensächlich wird. :down :down :down
Das Seelendrama wird hier so intensiv auf die Bühne gebracht, dass ich ganz gebannt davor sass und mich sogar kaum über die tatsächlich sehr seltsame Kameraführung und die mir unverständlichen Schnitte ärgern konnte.
Jonas Kaufmann hat sich mit diesem Werther für mich in die Werther-Anthologie gesungen- stimmlich wie stilistisch wie darstellerisch und als Persönlichkeit wird es schwer werden ihn in dieser Rolle zu toppen. auch Sophie Koch fand ich serh gut, sie hat den Charktr der Charlotte m.E. glaubwürdig interpretiert. Albert und besonders Sophie waren ebenfalls gut besetzt.
Mir hat besonders imponiert, dass die Sänger alle Freiheit hatten, ihre Rollen wirkilch zu beseelen und eben nciht von einem allmächtigen Regisseur in ein Korsett gezwungen wurden.
Das war ganz grosses Gefühlstheater, das einen Blick auf die Personen freigab, der Goethe und Massenet m.E. vollkommen gerecht wird.
Das Orchester kann ich nciht kompetent beurteilen, es ist mir aber nicht negativ aufgefallen.

Ich freue mich schon darauf, nächste Wochen einen guten DVD Mitschnitt ansehen zu können und dann evtl auch die Feinheiten besser zu erkennen.
Euphonia
Severina (23.01.2011, 11:32):
Ich schubse diesen Thread einmal hoch, weil wir hier ja den Werther-Vergleich starten wollen, an dem sich hoffentlich viele rege beteiligen!
Ich möchte mir heute Nachmittag noch einmal die Szene vornehmen, die in meinen Augen am besten zeigt, warum ich Serbans Inszenierung spannend und Jacquots - verzeiht die harte Formulierung - einfach nur langweilig finde, nämlich den zweiten Akt mit den Konfrontationen Albert - Charlotte, Albert-Werther, Charlotte-Werther.
Bis dann!

lg Sevi :hello
Severina (23.01.2011, 17:30):
So, wie angekündigt hier meine Eindrücke bei einem direkten Vergleich des 2. Aktes in der Wiener und Pariser Inszenierung. Ich beginne mit Andrej Serban und der WSO, weil dann der Kontrast zu Paris schärfer ins Auge sticht:

Wenn sich der Vorhang zum zweiten Akt hebt, tummelt sich unter der das gesamte Bühnebild beherrschenden Linde (siehe mein WSO-Bericht) allerhand Volk, denn man bereitet die Feier zur Diamantenen Hochzeit (50 Jahre) des Pastorenpaares vor. Im Hintergrund eine Reihe von Langbänken vor einem unsichtbaren Altar, auf der Vorderbühne hingegen grüne Klappsitze und Tische, wie sie in einem Gastgarten anzutreffen sind. An einem sitzen Charlotte und Albert, sie haben sich sichtlich nichts zu sagen. Er (Adrian Eröd) wirkt geladen, etwas nagt in ihm, sie (Elina Garanca) spielt nervös mit den Händen, kann ihre innere Erregung nur schwer verbergen. Am Nebentisch trösten Schmidt und Johann ihren von Käthchen verlassenen Freund, machen sich aber eher lustig über ihn und haben wohl auch schon mehrere Maß Bier gestemmt und lassen Bacchus hochleben. Diese fröhliche Szene macht die Isolation von Charlotte noch deutlicher.
Albert rafft sich inzwischen auf, das Wort an seine Frau zu richten. Es ist von Anfang an klar, dass er einen Argwohn hegt, dass sowohl das Gespräch mit Charlotte als auch später das mit Werther eine Art "Versuchsanordnung" ist, er will anhand der Reaktionen der beiden herausfinden, ob etwas dran ist an seinem Verdacht. Albert startet also mit der Lobpreisung seines Eheglücks und trieft vor Selbstgefälligkeit- Eröds Mimik ist eine Mischung aus scheinheiliger Liebenswürdigkeit, hinter der Heimtücke lauert - Charlotte wirkt völlig geistesabwesend, zerrupft eine arme Blume, spielt nervös mit einem Band, scheint heimlich Ausschau zu halten, er rüttelt sie an der Schulter, sie fährt auf: "Albert!" - oh Gott, sie sitzt ja mit ihrem Mann da.... Schuldbewusst und ganz brave Ehefrau hört sie also zu, ihre Antworten klingen wie aus dem Mund eines braven Schulmädchens, Albert, sichtlich zufrieden damit, streichelt ihr, hinter ihr stehend, Hals und Wange. Aber das ist nicht die harmlose Zärtlichkeit eines liebenden Ehemannes, es hat etwas Schmieriges, beinahe Sadistisches, als spüre er genau, dass Charlotte diese Berührung kaum aushält. Und in der Tat wirkt sie so, als würde sie am liebsten aufspringen und schreiend davonlaufen. Wie eine Erlösung daher das Auftauchen der Pastorin, die sie zum Festgottesdienst holt.
Werther hat Charlotte und Albert schon die längste Zeit beobachtet, nun betritt er den Gastgarten und sinkt nach seinem verzweifelten Ausbruch an einem der Tische nieder. Rund um ihn herrscht immer noch lebhafter Betrieb, Kellnerinnen schleppen Maßkrüge herbei, es wird munter gezecht. Inmitten dieser fröhlichen Atmosphäre wid Werthers innere Einsamkeit noch deutlicher, er ist ein Fremdkörper in dieser lustigen Festgesellschaft, gehört nicht dazu. Wo gehört er hin????
Er weiß es.....
Albert und Charlotte werden im Hintergrund sichtbar, er sieht Werther und schickt seine Frau ziemlich grob weg. Jetzt ist der Augenblick gekommen!!! Natürlich muss man sich als Werther jetzt Jonas Kaufmann oder Rolando Villazón vorstellen, nicht den lieben Teddybären Marcello Alvarez, der leider auf der DVD zu sehen ist und in der folgenden Szene außer einiger pathetischer Gesten wenig beizusteuern hat. Aber in Ansätzen ist auch bei ihm zu erkennen, worauf Serban hinaus will. Ich habe also jetzt die beiden Singschauspieler vor meinem inneren Auge, wenn ich mit meiner Beschreibung fortfahre:
Albert setzt sich also zu Werther an den Tisch, den das sichtlich unangenehm berührt - man merkt ihm die enorme Selbstbeherrschung an, die es ihn kostet, nicht sofort aufzuspringen. Gönnerhaft beginnt also Albert dem Rivalen auf den Zahn zu fühlen und beobachtet ihn dabei wie eine Ratte im Versuchslabor - eiskalt, berechnend. Genüsslich bohrt er in Werthers Wunden, beinahe zufrieden registriert er dessen Zusammenzucken, als er ihn freundschaftlich an der Schulter berührt. Werther (Bitte an Kaufmann/Villazón denken!!!) sitzt während dieser Unterredung die ganze Zeit quasi auf der Stuhlkante, in fiebriger Erregtheit, wie eine Zeitbombe, die unaufhörlich tickt - BITTE, hör endlich auf, lass mich in Ruhe, ich ertrage das nicht!!!! Aber Albert lässt ihn natürlich nicht in Ruhe, sondern den nächsten Versuchsballon steigen: Auf einen herrischen Wink tritt Sophie an den Tisch, die schon die längste Zeit mit den Blumensträußen im Hintergrund gewartet hat, und beginnt Werther zu bezirzen. Dazu ist sie einerseits von Albert angestiftet worden, andererseits ist sie vom ersten Augenblick an in den Dichter verknallt und will ihn mit allen Mitteln rumkriegen. Und wie ich schon in meiner Rezension geschrieben habe, benimmt sie sich dabei exakt wie ein unsicherer Teenager, also eine Spur zu aufdringlich, zu schrill, und wenn sie kokett den Rock hebt, um ihr schönes Bein zu zeigen, ist das ein tollpatschiger Versuch, eine Kinoszene zu imitieren. (Serban hat ja den "Werther" um 1950 angesiedelt!) Der Einzige, der höchst interessiert hinschaut, ist Albert..... Werther ist längst aufgesprungen und versucht diesen lästigen Avancen zu entgehen, und Jonas Kaufmann hat da den witzigen Einfall, immer blitzschnell einen der Stühle zwischen sich und Sophie zu stellen, wenn sie ihm zu nahe kommt.
Mit eiskaltem Pokerface beobachtet Albert den Ausgang seines Experiments, trommelt nervös auf die Tischplatte. Werther schluckt den Köder nicht, hat keine Augen für ein so reizendes Mädchen wie Sophie - also????? Sophie stampft wütend mit dem Fuß auf und rauscht ab, auch Albert geht, bleibt aber in Lauerstellung hinter dem Baum.

Nun tritt Charlotte auf (auch sie hat die beiden schon vorher beobachtet), auch sie kann ihre innere Erregung nur schwer bezähmen, nur mühsam ihre Fassung bewahren. Sie nimmt am Nebentisch Platz, und diese kleine räumliche Trennung verschärft die beinahe unerträgliche Spannung zwischen den beiden noch, Das "Albert liebt mich, und ich bin seine Frau!" klingt wie ein Todesurteil aus Charlottes Mund, umso wilder dann Werthers Ausbruch, der einen, speziell bei Villazón, wirklich tief in die Eingeweide trifft. Erst bei der Aussicht auf ein Wiedersehen zu Weihnachten kommen sich die beiden nahe, Charlotte legt ihren Arm auf den seinen und man merkt ihr die beinahe unmenschliche Kraft an, die es sie kostet, es dabei bewenden zu lassen.
Dann läuft sie davon, wähend Sophie in die zweite Runde geht, um Werther für sich zu gewinnen, aber er stürzt kopflos hinaus. Die Bühne belebt sich, Albert sucht hektisch nach Charlotte - Ist sie am Ende bei ihm??? - findet sie und zerrt sie mit hartem Griff herein, und als Sophie leicht hysterisch von Werthers Flucht berichtet, klingt das "Er liebt sie!" beinahe triumphierend - Beweiskette abgeschlossen! Vorhang.

Nun zu Paris, und keine Bange, das dauert nicht so lange, denn bei Regisseur Jacquot gibt es keine Doppelbödigkeit, er verlässt sich ganz auf die Wirkung von Sophie Koch und Jonas Kaufmann und degradiert Sophie und Albert zu bloßen Staffagefiguren ohne jede individuelle Ausprägung.
Zunächst einmal findet bei ihm die angesagte Pary nicht statt, vom Fest wird zwar einige Male librettogemäß gesungen, es spielt sich aber fern der Bühne ab.
Die ist bis auf eine niedrige Mauer, in der eine Treppe nach unten führt, leer. Herbst ist es auch in Paris, braunes Laub bedeckt den Boden. Nun mag ich ja leere Bühnen, aber hier fehlt es völlig an Atmosphäre, die Personen wirken auf mich wie losgelöst von Zeit und Raum, ohne Bezug zu irgendetwas. Jede Szene steht isoliert für sich, als ob sich dazwischen ein unsichtbarer Vorhang senkt. Zunächst hocken Schmidt und Johann auf der Mauer und preisen Bacchus, der schon sichtlich seine Wirkung getan hat. Klingt vielleicht blöd, aber ich muss dabei an "Warten auf Godot" denken..... Sie gehen ab, denn irgendwie dürfen bei Jacquot nie mehr als drei Leute zugleich auf der Bühne sein. Zumindest im 2. Akt, aber schon der 1. war ähnlich blutleer inszeniert.
Charlotte (Sophie Koch) und Albert (Ludovic Tezier) kommen über die Treppe, setzen sich auf eine Bank vor der Mauer, nicht allzu dicht beisammen, sie ganz die sittsame, in ihr Schicksal ergebene Ehefrau, er der gütige, um das Wohl seiner Frau besorgte Gatte. Beruhigt vernimmt er ihre Versicherung, an seiner Seite glücklich zu sein, er glaubt ihr aufs Wort, denn wie könnte es auch anders sein. Blickkontakt gibt es keinen zwischen den beiden, sie sitzen da wie eine dieser ägyptischen Doppelstatuen.

Die nächste Szene lebt von Kaufmanns Mimik, aber auch er agiert äußerst schaumgebremst verglichen mit Wien. Aber was soll er auch groß tun ohne Vorlage? Und die kommt nicht. Albert ist rechtschaffen und gütig, ehrlich besorgt um den "armen Freund" und scheint jedes Wort exakt so zu meinen, wie er es singt. Dass da etwas sein könnte zwischen seiner Frau und Werther, dieser Gedanke liegt jenseits seines Vorstellungshorizonts. (Das "Sein-Könnte meine ich natürlich rein platonisch, auch Serban unterstellt nichts anderes!)
Und Werther? Der reagiert beinahe gerührt über so viel Fürsorge und Freundlichkeit. Kaufmann blickt fast ein wenig schuldbewusst, weil er die Frau dieses wackeren Mannes begehrt, dann zunehmend tragisch-resigniert, so als sähe auch er in Entsagung den einzig gangbaren Weg. Da brodelt nichts in ihm, er verströmt nur eine abgrundtiefe Traurigkeit, aber das durchaus unter die Haut gehend.
Wie ein "Exkurs" wirkt dann die Szene, als Johann und Schmidt vorbeistolpern und Brühlmann bedauern. Sie ist überhaupt nicht eingebunden ins Bühnengeschehen, aber leider ist da halt diese doofe Musik, also kann man sie nicht ganz streichen.......

Sophie (Anne-Catherine Gillet) ist nicht mehr als ein albernes Gänschen, das aufgesetzte Fröhlichkeit versprüht und offensichtlich nicht mehr will, als den traurigen Poeten ein wenig aufzuheitern. Da genügt es völlig, dass sich Werther von ihr abwendet, nachdem ihn erst Albert überhaupt auf ihre Anwesenheit aufmerksam gemacht hat, denn er hat die längste Zeit geistesabwesend ins Leere gestarrt.

Die Szene Charlotte-Werther lebt dann von der großen Emotionalität von Sophie Koch und Jonas Kaufmann, das ist großes Seelendrama und wirklich überzeugend, aber auch die beiden konnten in Wien die Intensität ihres Spiels noch um eine Klasse steigern. In Paris ist alles irgendwie "con sordino", die Gefühlsausbrüche wirken kontrollierter, statt des totalen seelischen Zusammenbruchs (unnachahmlich dabei Villazón!) erlebt man hier "nur" stille, abgrundtiefe Verzweiflung. Das ist natürlich auch toll, aber.......

Die Erkenntnis, dass Werther seine Frau liebt, scheint Albert nicht sonderlich zu erschüttern, zumindest zeigt sein Gesicht den gleichen 0815-Ausdruck wie während des gesamten Aktes.

Vielleicht sagt ihr jetzt: "Na und? Das passt doch alles, wieso darf man "Werther" so nicht inszenieren?" Natürlich darf man, und es passt auch, entspricht sicher der herkömmlichen Lesart mehr als die Wiener Variante, aber mit Verlaub: Ich finde es einfach langweilig. Ein Bilderbuchwerther, der mit waidwundem Blick sein Unglück bejammert, bei all dem aber gar nicht soooooo zernichtet wirkt, ist mir ein bisschen zu wenig. Wie ich schon weiter oben schrieb: Kaufmann ist bei der Pariser Aufführung mehr Lord Byron als Werther.
Wobei ich aber auch sagen muss, dass mir Kaufmann stimmlich auf der Pariser DVD besser gefällt, weil er dort nicht ständig ein entfesseltes Orchester niedersingen muss, sich mehr im Mezzaforte-Bereich aufhält, wo die Stimme freier strömen kann und sein betörendes Timbre schöner zur Geltung kommt.


lg Sevi :hello
Severina (25.01.2011, 14:55):
Ich gehe in die zweite Vergleichsrunde Wien gegen Paris und nehme mir den 3. Akt vor!
Wieder beginne ich der Fallhöhe wegen mit der Inszenierung von Andrej Serban an der WSO: Immer noch prägt die mächtige Linde das Bühnenbild, inzwischen hat sie aber ihr Blätterkleid verloren und hockt wie eine unheimliche Krake über dem Interieur, das Albert und Charlottes Wohnung vorstellen soll: Ein Klavier, eine Anrichte, ein Musikschrank mit integriertem Fernseher im Stil der Fünfzigerjahre, zwei Fauteuils, Nierentisch, eine kleine Bar und im Hintergrund ein Doppelbett - Albert bietet seiner Frau offenbar ein sorgloses Luxusleben, das unterstreichen auch ihr elegantes Cocktailkleid und der edle SChmuck. Trotzdem ist sie innerlich unzufrieden, fahrig zündet sie sich eine Zigarette an, die sofort wieder ausgedämpft wird, schenkt sich einen Drink ein und zupft hektisch am prächtig geschmückten Christbaum herum, der den rechten Bühnenrand markiert. Albert goutiert das Rauchen wohl nicht, daher tritt sofort ein Mundspray in Aktion.
"Werther!" - das erste Wort sagt alles, man weiß, wo Charlottes Herz wohnt, was ihre seelischen Defizite sind. Ihr kostbarster Besitz sind Werthers Briefe, die sie aus einem Geheimfach holt. Den ersten Gefühlsausbruch bewirkt die Schilderung von des Dichters Einsamkeit, gekoppelt mit dem Schuldbewusstsein, ihn genau dahin getrieben zu haben. Eindrucksvoll gestaltet Elina Garanca das Grauen, das der letzte Brief mit der angedeuteten Selbstmorddrohung auslöst. Sie spielt dabei mit dem Brieföffner, ritzt damit Hals, Wangen, Lippen, und bei der Zeile "Und Du wirst erschauern..." setzt sie ihn an ihre Kehle, der Blick völlig losgelöst vom Hier und Jetzt, in ein fernes Land der vagen Möglichkeiten gerichtet.....

Sophie durchbricht mit ihrer Munterkeit diese schwarze Stimmung. Sie kommt mit Mofahelm und Rucksack, die darin verstauten Päckchen legt sie zu den anderen unter den Weihnachtsbaum, und versucht die Schwester durch allerlei Faxen aufzuheitern, denn die Maske der sorglosen Gastgeberin, die Charlotte mühsam über ihr devastiertes Gesicht stülpt, durchschaut sie natürlich sofort. Tatsächlich albern die beiden bald wie zwei ausgelassene Teenager auf dem Bett herum, necken einander mit Handpuppen, bis Sophie Werther erwähnt.
Die Stimmung schlägt sofort wieder um, auch bei der jüngeren Schwester, die den Dichter ja ebenfalls heimlich liebt. Mit etwas erzwungener Fröhlichkeit nehmen die Frauen voneinander Abschied, und Charlotte versinkt sofort wieder in ihren düsteren Gedanken.
Das Gebet ist der verzweifelte Aufschrei einer gequälten Seele (großartig von Garanca, aber auch Sophie Koch gestaltet es in Wien wesentlich dramatischer als in Paris), sie sinkt in das Fauteuil und spürt Werthers Anwesenheit, bevor sie ihn sieht.

Und da steht er "Oui, c'est moi...." mit hängenden Schultern und in einem Mantel, in dem er offensichtlich auch geschlafen hat. (Neuerdings ist dieser Mantel auf den Schultern klatschnass und suggeriert, dass Werther wohl stundenlang im Regen umhergelaufen ist, was diesem verzweifelten Auftritt eine zusätzliche Note hinzufügt.)
Charlotte schlägt nach der ersten Schrecksekunde einen unverbindlichen Konversationston an, versucht ungezwungen zu lächeln, aber beides wirkt gekünstelt, und spätestens bei der ersten Erwähnung von Ossian beginnt die mühsam errichtete Fassade der höflichen Gastgeberin zu bröckeln, bahnt sich der in ihrem Inneren tobende seelische Aufruhr einen Weg zu ihrer Mimik. Verzweifelt kämpft sie gegen die endgültige Gewissheit an, Werther zu lieben, aber sie verliert diesen Kampf, denn zwar stößt sie ihn zunächst zurück, aber als er sie einholt und ihre Lippen berührt, lässt sie es nicht passiv oder gar widerstrebend über sich ergehen, sie ergreift mir beiden Händen seinen Kopf, zieht ihn noch näher heran. Umso bestürzter sind beide über das, was sie beinahe getan hätten, Charlotte weiß, dass sie schleunigst hinaus muss, bevor alle Dämme brechen und es kein Zurück mehr gibt. Sie flieht also nicht nur vor Werther, sondern vor ihren eigenen Gefühlen, die sie so überwältigen, dass sie glaubt nicht länger Widerstand leisten zu können. Werther folgt ihr über die Baumtreppe auf die Plattform, aber bevor sie in ihrem Zimmer (imaginär hinter dem Stamm) verschwindet, ist sie es, die plötzlich seinen Kopf ergreift und ihn leidenschaftlich küsst.
Leider ist das inzwischen nicht mehr so, Koch und Kaufmann lieferten sich zwar gestern eine wilde Verfolgungsjagd, die Wogen der Leidenschaft kochten mehr als einmal über, aber letztlich musste sich der Dichter mit dem ersten Kussversuch begnügen. Schon klar, das entspricht dem Libretto, laut dem Charlotte erst dem sterbenden Werther den "premier baiser" gewährt, aber ich finde die Szene auf der DVD trotzdem toll, wenn sich Garanca mit einem Blick, in dem sich Begehren und Verzweiflung spiegeln, förmlich auf den Dichter stürzt.

Albert kommt mit einem Boten, der allerlei Geschenke trägt, unter anderem eine Wiege, und weist ihn an, alles unter den Weihnachtsbaum zu stellen. Natürlich fällt ihm sofort das Chaos auf, eine Lampe ist umgestürzt, Papiere liegen auf dem Boden, zwei benutzte Gläser stehen auf dem Tisch. Er hebt ein Blatt auf, erkennt sofort Werthers Ossianübersetzung, und als er dann noch auf dem Bett den Mantel entdeckt, kann er eins und eins zusammenzählen. Während er im Hintergrund nach seiner Frau sucht, sie ruft, huscht Charlotte von der anderen Seite herein, dreht blitzschnell den Fernseher auf, wirft sich ins Fauteuil und gibt vor, schon die längste Zeit hier gesessen zu sein. Das funktioniert natürlich nicht, Albert beginnt schneidend scharf und mit einem Blick, der nicht nur Charlotte das Blut in den Adern gefrieren lässt, mit seinem Verhör.
Der Bote bringt Werthers Brief, Charlotte gerät so außer Fassung, dass sie ein Glas in ihrer Hand zerbricht, und nachdem Albert sie gezwungen hat, die Pistole zu überreichen, drängt er sie zum Bett und wirft sich auf sie. Es lässt sie kurz im Glauben, dass er sie küssen will, aber dann ergreift er Werthers Mantel und schleudert ihn ihr ins Gesicht.

So, und was passiert in Paris bei Jacquot in diesem 3. Akt? Wieder nicht viel mehr als gepflegtes Herumstehen, aber hier im Detail:

Wenigstens wohnen Charlotte und Albert nicht unter einem Baum, sondern in einer Wohnung, könnte man beim Bühnenbild positiv anmerken, aber in welcher Wohung???
Ein düsterer, durch ein einziges Fenster spärlich beleuchteter, holzgetäfelter Riesenraum, die wenigen Möbelstücke (Cembalo, Sekretär, Beistelltischchen) kleben wie Miniaturen an den Wänden und wirken ziemlich verloren. Sitzgelegenheiten gibt es ebenso wenig wie einen Tisch oder irgendwelche Accessoires, die ein behagliches Wohngefühl vermitteln könnten. Im Prinzip ist die Bühne völlig leer, denn die Möbel werden gar nicht richtig als solche wahrgenommen. Hat Albert abgewirtschaftet, war eben der Gerichtsvollzieher hier und hat alles mitgenommen??
Egal, in diesem sterilen, dunklen, beinahe abweisenden Raum kann niemand glücklich sein, selbst wenn man keinen anderen liebt, hier sind Depressionen quasi vorprogrammiert. Das passt deshalb auch so gar nicht, als Albert in der Pariser Produktion kein Ekelpaket, sondern durchaus eine Alternative wäre: Ein rechtschaffener Mann, der Charlotte ehrlich liebt und glücklich machen will - was will frau mehr? Ist doch dumm, sein Herz an einen erfolglosen Dichterling zu hängen, wenn hier solider Wohlstand und bürgerliche Behaglichkeit winken. Aber genau die winken eben in diesem Bühnenbild nicht, und wohl jede Frau dächte in diesem Wohngefängnis nur an eines, nämlich FORT, auch wenn kein Werther wartet.
Charlotte steht (wie gesagt, setzen kann man sich hier nur auf den Boden) die meiste Zeit starr wie eine Statue, auch ihr Gesicht drückt Ruhe und Resignation aus, als hätte sie sich mit ihrer freudlosen Ehe arrangiert. Manchmal zuckt kurz der Schmerz auf, etwa beim ersten Gedanken an Werther, aber rasch gewinnt sie ihre Fassung zurück.
Einen ersten Riss erhält ihr Panzer, als Sophie den geliebten Namen ins Spiel bringt. Sie tut dies heiter, arglos, ohne jede Doppelbödigkeit, denn die Pariser Sophie ist nichts weiter als ein nettes Mädchen (bisweilen albernes Gänschen), das ihre große Schwester besucht und zum Weihnachtsfest in der Familie einladen will. Ihre dramaturgische Funktion ist damit erfüllt, mehr fällt dem Regisseur zu ihr nicht ein. (Stimmlich gefällt mir A-C Gillet sehr gut, aber darum geht's hier ja nicht!)
Wieder alleine, gibt sich Charlotte erstmals wirklich ihrer Verzweiflung voll und ganz hin. Bei Werthers Erscheinen lässt sie sich auf den Boden fallen und rutscht immer weiter von ihm weg, er steht da, ruhig, gefasst, aber dahinter spürt man die Entschlossenheit, eine Entscheidung herbeizuführen.
Beim "Pourquoi me reveiller" zeigt die Kamera Werther von der Seite, dahinter sieht man die Bühnenarbeiter in der Gasse sitzen. Jacquot verfügt über das seltene Talent, wirklich jede poetische Stimmung zu zerhauen, Intimität mit Backstage-Einschüben zu verhindern, und da er ja vom Film kommt, muss das wohl seine Absicht gewesen sein. Warum nicht, das wäre ein Ansatz, aber wenn er offensichtlich nicht will, dass das Publikum in die schöne Phantasiewelt Oper abdriftet, sondern diese Illusion immer wieder bricht, muss er meiner Meinung nach etwas anderes an dessen Stelle setzen.
Tut mir Leid, aber ich habe nicht die geringste Ahnung, was mir der Regisseur mit dieser Inszenierung sagen/zeigen will. (Ich hoffe sehr, Ihr könnt mir eine Antwort geben, denn die meisten waren ja vom Pariser "Werther" begeistert oder zumindest angetan, und ich freue mich schon auf eine kontroverse Diskussion :D :D)
Aber weiter! Natürlich versucht Jonas Kaufmann auch in Paris stürmisch seinen Kuss einzufordern, gibt es auch einen kleinen infight (In Ermangelung von Möbelstücken stehend oder auf dem Boden rollend), aber Sophie Koch bleibt passiv, hängt wie tot in seinen Armen und erweckt überhaupt nicht den Eindruck, dass sie eventuell schwach werden könnte. Im Gegenteil, ihre energische Abwehr hat nichts Halbherziges an sich, ist ganz die einer um ihre Tugend besorgten sittsamen Ehefrau. Ist auch in Ordnung, aber.....

Albert tritt in diesem Akt etwas energischer auf, nicht so weichgespült, und ringt seinem Gesicht sogar ein paar der Situation angepasste Ausdrücke ab.

Auch der 3. Akt endet für mich also ganz eindeutig 1:0 für Serban!

lg Severina :hello
Severina (25.01.2011, 18:32):
So, es geht in die Endrunde! :D

Ich beginne wieder mit Andrej Serban in Wien, obwohl das Match gegen Paris diesmal 0:1 endet, oder zieht man die inzwischen abgeschwächte Version als Vergleich heran, unentschieden. Aber ich halte mich vorerst einmal an die DVD.

Während der Zwischenaktmusik ziehen Wolkenprojektionen über den Vorhang, die sich in Tempo und Färbung der musikalischen Stimmung anpassen.
Eine weich fließende, faltige Textilbahn bedeckt den Bühnenboden unter der kahlen Linde und suggeriert eine Schneelandschaft, aus dem gleichen Material besteht auch das Laken des großen Bettes, auf dem der sterbende Werther liegt. Charlotte stürzt herein und schreckt erst einmal zurück, als sie den Geliebten in seinem Blute liegen sieht. Aus sicherer Entfernung "spricht" sie ihn an, als er antwortet, huschen zwar Freude und Erleichterung über ihr Gesicht, aber immer noch hält sie beinahe ängstlich Abstand zum Bett, umkreist es in sicherer Entfernung.
Dabei stößt sie auf Albert, der ihr gefolgt ist und sie beobachtet. Charlotte fährt zwar erschrocken zusammen, wendet sich aber dann wieder Werther zu und klettert nun endlich auf das Bett. Sie hat sich entschieden, egal, wie die Konsequenzen sein werden.
Allerdings liebkost Elina Garanca ihren Geliebten so vorsichtig, als hätte sie Angst, sich das schöne Cocktailkleid mit seinem Blut zu versauen. Und Blut gibt es reichlich, sowohl auf Werthers weißem Hemd als auch in seinem Gesicht, wobei anhand der Verteilung nicht ganz klar wird, wohin er sich eigentlich geschossen hat, denn das meiste Rot findet sich auf der rechten Schulter.
Will Charlotte dem Blut ausweichen und legt sich deshalb mit dem Kopf zu seinen Füßen, sie zärtlich umfassend und streichelnd? Diese Szene finde ich ziemlich albern, zumal Werther noch seine Schuhe trägt. Dann endlich der "premier baiser", dessen belebende Wirkung auf Marcello Alvarez ein wenig übertrieben ist, denn er wälzt sich leidenschaftlich mit der Geliebten herum. Wenig später liegen sie wie aufgebahrt nebeneinander, sich an den Händen haltend, auch das eine wenig überzeugende Pose, zudem die Kamera das auch noch aus der Vogelperspektive zeigt. Dass Garancas Gesicht nun völlig mit hellroter Farbe verschmiert ist, konterkarikiert die Situation zusätzlich.
Als der Kinderchor das "Noel!" anstimmt, erhebt sich Werther mopsfidel (Gut, das ist vielleicht übertrieben, aber den Sterbenden nimmt man ihm wirklich nicht ab!), taumelt eine ganze Weile herum, bis er endlich wieder aufs Bett plumpst. Charlotte zerrt an ihm herum, will ihn offensichtlich zum Aufstehen animieren, will einfach nicht glauben, dass alles vorbei ist. Schließlich wirft sie ihren Mantel über den toten Werther und weicht im Rückwärtsgang zurück, wobei sie auf Albert prallt, der sie von hinten kurz umklammert. Als sich aber Charlotte umdreht und zu seinen Füßen niedersinkt (Auf Verzeihung hoffend????), stößt er sie weg und eilt davon.

Ehrlich gesagt finde ich diesen 4. Akt wenig überzeugend, was sowohl an der Regie als auch an den Sängern liegt. Serban lässt zu wenig Nähe zu, das beseligende Zueinanderfinden im Angesicht des Todes kommt für mich nicht so richtig rüber. Elina Garanca wirkt tatsächlich etwas unterkühlt (Was ihr ja oft vorgeworfen wird, ich aber hier zum ersten Mal so empfinde), Marcello Alvarez viel zu gesund, und so singt er leider auch.

Wie schon oben erwähnt, hat man sich inzwischen von diesem Regiekonzept entfernt und spielt die Szene ganz ähnlich wie in Paris, also sehr auf die Tränendrüsen drückend, was man sich bei diesem Schluss auch erwartet. Wie glaubhaft das rüberkommt, hängt von den Interpreten ab, und da hatten wir in den letzten Jahren Mit Sophie Koch, Rolando Villazón und jetzt Jonas Kaufmann natürlich enormes Glück.

Ich beame uns ein letztes Mal nach Paris :D!

Während der Zwischenaktmusik zeigt uns die Kamera den Umbau auf der Bühne, den sich formierenden Kinderchor usw., was zu dieser Musik passt wie die Faust aufs Auge.
Dafür ist der Riesenraum nun zu einem intimen Mansardenzimmer zusammengeschrumpft, das wie eine Puppenstube mitten auf der Bühne steht. Es enthält im Wesentlichen nur ein Bett, vor dem Werther halb angelehnt auf dem Boden kauert. Konfettischnee rieselt vom Schnürboden und erreicht auch Werther, und hier zeigt sich die Tücke einer DVD, wo das Kameraauge Hoppalas einfängt, die den Zuschauern in der Oper verborgen bleiben. Es schneit nämlich viereckig, die Papierplättchen verfangen sich in Kaufmanns Lockenkopf und wirken äußerst lächerlich. Wenn er später Charlotte seine Hand entgegenstreckt, die Kamera das in Großaufnahme zeigt und auf seinem Zeigefinger ganz deutlich eine geometrische Schneeflocke klebt, frage ich mich allerdings, ob das wieder einer der von Jacquot beabsichtigten Illusionsbrüche sein soll. Zumindest bei mir hätte er dieses Ziel erreicht :(!
Aber das ist mein einziger gravierender Kritikpunkt in diesem Akt, denn Sophie Koch und Jonas Kaufmann singen und gestalten ihn zum Niederknien. Kaufmann stirbt so authetisch, wie man das überzeugender als kerngesunder Mann wohl kaum spielen kann. Das angedeutete Husten, der schwere Atem, die vorsichtigen Bewegungen, die große Schmerzen suggerieren, die sichtliche Mühe, mit der er sich umdreht - man zweifelt keinen Moment, dass Werther wirkliche eine tödliche Kugel im Leib hat, das Leben aus ihm entweicht.
Auch Kaufmann richtet sich bei "Noel!" auf, aber wieviel anders als Marcello Alvarez. Es kostet ihn die letzte Kraft, mühsam hält er sich einige Sekunden aufrecht, den Blick schon visionär ins Jenseits gerichtet (Alleine dieser Blick - :down ), bis er niedersinkt und auf dem Bauch zu liegen kommt. Das finde ich nicht so glücklich, denn Charlotte "bearbeitet" ihn nun von oben, sie schmiegt sich zwar zärtlich an ihn, es gibt aber keinen Blickkontakt mehr. Trotzdem, dieser vierte Akt versöhnt mich etwas mit der ansonsten enttäuschenden Produktion. Das ist ganz großes Gefühlskino!

So, und nun bin ich gespannt auf Eure Kritik an meiner Kritik - Widerspruch ist nicht nur erlaubt, sondern sogar erwünscht!!! :D Ich bin ja mit Jacquot ziemlich harsch ins Gericht gegangen und warte auf flammende Verteidigungsreden! :times10


lg Severina :hello
Ingrid (26.01.2011, 00:39):
Liebe Severina,

muss zu meiner Schande gestehen, dass ich zwar den Pariser Werther anschauen wollte, aber beim Züricher Fidelio hängen geblieben bin. Hatte aber auch da ein Schlüsselerlebnis, denn auf einmal gefiel mir der Münchner Bieito-Fidelio um Klassen besser. Das ist aber eine andere Baustelle.

Bis bald
Ingrid