Maurice Ravel - L'enfant et les sortilèges

Solitaire (02.07.2011, 14:19):
Auf der Reise nach Berlin hat mir eine wahrhaft zauberhafte kleine Oper die Zeit vertrieben: Maurice Ravels "L'enfant et les sortilèges" - "Das Kind und der Zauberspuk".

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Das Kind: Magdalena Kozena
Feuer/Prinzessin/Nachtigall: Annick Massis
Mutter/Chinesische Tasse/Libelle: Nathalie Stutzmann
Schäferin/Katze/Eichhörnchen/Schäfer: Sophie Koch
Sessel/Baum: José van Dam
Standuhr/Kater: Francois Le Roux
Teekanne/"Arithmetik"/Laubfrosch: Jean-Paul Fouchécourt
Hirtin/Fledermaus/Eule: Mojca Erdmann

Rundfunkchor Berlin
Berliner Philharmoniker
Sir Simon Rattle


Die Handlung: ein Junge von etwa 7 Jahren sitzt in seinem Zimmer und soll seine Aufgaben machen. Naturgemäß hat er dazu wenig Lust und ebenso naturgemäß greift die Frau Mama, als sie sieht, daß der Bengel keinen Handschlag getan hat, zu dem alten pädagogischen Klassiker der da heißt: Stubenarrest und karge Kost bis zum Abendessen.
Das Kind bekommt einen Wutanfall, zerschlägt Porzellan, zerschneidet die Vorhänge, zerreißt seine Bücher, ärgert sein gefangenes Eichhörnchen und die Katzen und so weiter und so fort. Als er sich beruhigt hat, werden die Gegenstände lebendig: das Porzellan, eine chinesische Tasse und eine englische Teekanne, beginnen miteinander zu tanzen,die zerstörte Uhr beklagt sich, daß sie die Stunden nicht mehr korrekt schlagen kann, das Feuer warnt das Kind: "Ich wärme die Guten, ich verbrenne die Bösen", die Schäferfiguren des Vorhangs beweinen in einer melancholischen Pastorale die Zerstörung ihrer kleinen Welt: Schäfer und Schäferin können nicht mehr zueinander finden, die blauen und rosa Schafe sind sich selbst überlassen. Eine goldhaarige Prinzessin entsteigt dem zerrissenen Märchenbuch und betrauert die nun unerfüllt bleibende Liebesgeschichte zwischen ihr und dem lesenden Kind: es hat das Buch zerstört und wird nie erfahren wie die Geschichte endet, die Mathematik erscheint in Gestalt eines kleinen Mannes und quält das Kind mit Textaufgaben, Zahlen, Maßeinheiten.
Schließlich folgt das Kind zwei Katzen in den Garten. Dort wird es von den Bäumen angeklagt: es hat ihre Rinde mit dem Messer verletzt und sie leiden Schmerzen, eine Libelle sucht nach seiner Partnerin: das Kind hat sie gefangen und auf ein Brett gespießt, das Eichhörnchen beklagt sich über seine Gefangenschaft: die "beaux yeux", die schönen Augen, die das Kind so fasziniert haben, und die den freien Himmel und den freien Wind gespiegelt haben, glänzten während der Gefangenschaft vor Tränen...
Die Tiere des Gartens fallen über das verängstigte Kind her, mitten im größten Trubel fällt ein kleines Einchhörnchen aus dem Nest. Das Kind, selbst arg zerkratzt und zerstochen, verbindet dem Tierchen die Pfote und legt es zurück ins Nest.
Die Tiere sind bewegt: "Er hat die Pfote verbunden! Er hat das Blut gestillt!" Sie erkennen, daß das Kind wild, ungestüm, aber nicht wirklich böse ist und wollen ihm nun helfen den Weg ins Haus zurückzufinden. Sie versuchen das Zauberwort zu sprechen, das das Kind in seiner Angst gerufen hat: "Ma-man!" Die Tiere geleiten das Kind vorsichtig zum Haus, wo es von seiner Mutter empfangen wird.

Diese wunderschöne kleine Oper dauert etwa eine knappe Stunde und wurde im März 1925 in Monte Carlo uraufgeführt.
Ich bin zum erstenmal duch die Sopranistin Natalie Dessay auf sie aufmerksam geworden, die in einem DVD-Portrait einen Ausschnitt aus dieser Oper vorstellt: die Szene des Feuers. Klein, beweglich und ungeheuer lebhaft ist sie nicht nur stimmlich sondern auch darstellerisch eine absolute Idealbesetzung.
Bei einem virtuellen Streifzug durch "Amazon" ist mein Mann dann auf die obige Aufnahme gestoßen und war so klug, sie zu kaufen.
Hier ein Link der einen Interviewausschnitt mit Sir Simon Rattle und Eindrücke der Studioarbeit zeigt:
Klick

Mir hat die Aufnahme so gtu gefallen, daß ich das zweite Stück auf der CD (Ma mère l'oye) bisher noch nicht gehört habe, da ich immer die oper gehört habe.
Hat jemand das Stück mal auf der Bühne gesehen oder möchte mir eine DVD ans Herz legen?
Rideamus (02.07.2011, 17:16):
Liebe Solitaire,

ja, ich kenne eine sehr empfehlenswerte Aufnahme, die Du sogar hier überprüfen kannst, bevor Du sie ggf. orderst: http://www.youtube.com/watch?v=58QwgOzsRKc

Die Glyndebourner Inszenierung dieses in der Tat zauberhaften Werkes hat den besonderen Vorteil der Dekorationen des genialen Kinderbuchzeichners Maurice Sendak, der schon damals (1987) sehr inspirierten Leitung von Simon Rattle.

So sieht die DVD aus:


Ich glaube, die würde ich auch empfehlen, wenn es Alternativen gäbe, zumal auch die schöne Inszenierung von Ravels L'HEURE ESPAGNOLE dabei ist.

:hello Rideamus

PS: und vielen Dank für die lieben Wünsche
Heike (03.07.2011, 11:29):
Hallo Solitaire,
ich habe das vor einigen Jahren mal live in Berlin gesehen, ich glaube an der KOB.
Es war als Kinderoper angekündigt, hat aber eher uns Erwachsenen gut gefallen. Jetzt, wo du deinen Bericht geschrieben hast, erinnere ich mich wieder dran.
Heike

P.s. hattest du noch andere musiklaische Erlebnisse in Berlin?
Solitaire (03.07.2011, 20:39):
Hallo Rideamus!

Herzlichen Dank für den Tip und den Link!
Was ich gesehen habe gefällt mir gut, ich werde also wohl zuschlagen.
"L'heure Espagnol" habe ich vor bestimmt 25 Jahren mal im Theater gesehen, damlas war ich noch auf dem reinen Verdi-Trip und nicht so begeistert, das wäre heute vermutlich anders!

Hallo Heike!
Ich finde, "L'enfant" ist eine ideale Einstiegsoper für Kinder, tolle Musik, eine poetische Handlung und nicht so lang wie die Zauberflöte :D

Berlin war toll, musikalische Liveerlebnisse gab es diesmal leider nicht, ich bin an einem Plakat vorbeigekommen das für den Abend "Don Giovanni" und die Karmeliterinnen angekündigt hat und habe die Berliner beneidet, aber zeitlich war es leider nicht zu machen.
Aber ich denke, ich werde irgnedwann nochmal gezielt zum Musikhören nach Berklin fahren. Einmal habe ich das ja schon gemacht: 2008 "Eugen Onegin" in er Lindenoper.
Übrigens waren es im Zug nach "L'enfant" dann noch zwei Cello-Suiten von Bach, gespielt von Thomas Beckmann. :down