Mauricio Botero: «Don Ottos Klassikkabinett»

Glarean (16.08.2009, 19:02):
Philosophische Poesie aus der «Musikschachtel»

Mauricio Boteros Name dürfte hierzulande weder der Musik- noch der Literaturwelt sonderlich bekannt sein. Anders in Kolumbien, und erst recht in dessen Hauptstadt: In Bogota ist Botero quasi ein Musik- wie Literatur-Star - seit 2001, da er diese beiden Welten virtuos symbiotisch in ein Buch namens «Otto, el vendedor de musica» zu packen vermochte. Unter dem Titel «Don Ottos Klassikkabinett» hat nun der Zürcher Unionsverlag diese exakt 31 poetischen Album-Blätter über Gott und die Welt und die Musik auch der deutschsprachigen Leserschaft - in einer sprachlich äußert eloquenten Fassung des Spanisch-Übersetzers Peter Kultzen - zugänglich gemacht.
Boteros Klassikkabinett», das sind 31 Geschichten und Geschichtchen (das kürzeste ist gerade mal 13 Zeilen lang), die je ein bedeutsames bzw. berühmtes Stück der Musikgeschichte (inkl. Beispieltakte) zum Anfangs- und Endpunkt von menschlichen und zugleich philosophischen bis (aber-)witzigen Begegnungen nehmen. Und, ums vorwegzunehmen: Auf eine wirklich so unnachahmliche Art, dass man meint, beim Lesen die Aura selbst des fraglichen Werkes ins Ohr zu kriegen.

Eigentlich ist «Don» Otto Roldán nur ein unscheinbarer CD-Verkäufer, der im «Chapinero», einem touristisch belebten Viertel im Nordosten von Kolumbiens Kapitale Bogotá, und zwar gleich gegenüber der gewaltigen «Nuestra Señora de Lourdes», gemeinsam mit seiner Gehilfin Adela einen offenbar gutgehenden Musikladen betreibt. In diesem seinem Hort zur Musikalischen Einkehr, genannt «La Caja de Música» (Die Musikschachtel), empfängt Don Otto nun tagtäglich Fremde, Käufer, Leute, Menschen: «Schweigsame, harmonische, atonale oder misstönende Menschen kommen hier vorbei. Auf der Suche nach den großen Werken bevölkern sie die Partitur des Lebens.»
Und da trifft er sie denn alle, die schrillen Choleriker oder stillen Melancholiker, die diskutierfreudigen Intellektuellen oder maulfaulen Bauern, die kulturbeflissene Lehrerin oder die versnobte Direktorenfrau, den ausgeflippten Teenager oder den korrekten Buchhalter – und was der Stereotypen mehr sind.
Denn ums psychofiligrane Zeichnen von Figuren geht’s in diesem kunterbunten Botero-«Kabinett» der Personen und Stücke nicht so sehr als vielmehr darum, wie alle diese Gebildeten oder Dummen, Neugierigen oder Gelangweilten, Hoffnungsvollen oder Leidenden, Erfolgreichen oder Gestrandeten mit Musik agieren, auf Musik reagieren – und damit über sich und die Werke und das un-erhörte Dazwischen eine erstaunliche Menge preisgeben.

Mauricio Botero ist, wie ich finde, in diesem «Klassikkabinett» ein Virtuose des szenischen Kontrasts und der frappanten Skurillität ebenso wie der (musik-)ästhetischen Reflexion und des entlarvenden Dialogs, ein Meister der buchstäblich leisen Töne, doch auch des schockierenden Paukenschlages. Keines seiner Kapitel ohne Humor, ja Sprachwitz, aber auch keines ohne feingewogenen Hintersinn – sei’s nun der «besprochenen» Musikstücke, sei’s der «behandelten» Menschen. Der kleine CD-Laden des Don Otto gerät so zum Abbild eines wahren kulturgeschichtlichen Kosmos, auch wenn es sich bei den vielen zitierten Tonwerken von Händel bis Bartok um ausnahmslos sehr berühmte Stücke handelt, denen diese «Neuentdeckung» durch Don Ottos Klassik- bzw. Horrorkabinett höchst gut tut (und welche die Lektüre auch für musikalische Laien zum Gewinn macht!).

Einzige Gefahr dabei: Dem persönlichen Leserausch nachzugeben und gleich alle 31 Menüs aufs Mal zu verschlingen. Vielmehr bedarf «Don Ottos Klassikkabinett» der Langsamkeit, des stillen Horchens, des Genießens eines jeden einzelnen Häppchens, damit sich das reiche Gesamt-Bouquet entfalten könne. Ein wahres Gourmet-Mahl für «Kenner und Liebhaber» - ein intellektuelles Vergnügen.

Gruss: Glarean

Inhalt
Vorbemerkung – Das Erwachen der Vögel – Vivaldi – Borodin – Bela Bartok – Das wohltemperierte Klavier – Beethoven – Händel – Johann Sebastian Bach – Prokofiew – Mozart – Opus 70 Nr. 1 (Geistertrio) – Brahms – Adagio und Lumen – Schola Cantorum Romana – Ave verum corpus – Pange lingua (Modus tertius) – Die Klaviersonate Nr.31 – Requiem – Ouvertüre 1812 – Espana – Tantum ergo – Schumann – Schubert – Polonaisen – Strauss – Rigoletto – Telemann – Adagio molto delicato – Die Schöpfung – Symphonie mit dem Paukenschlag – Die siebte Symphonie in A-Dur

Mauricio Botero, Don Ottos Klassikkabinett, Unionsverlag, 188 Seiten, ISBN 978-3293004092
Leseprobe
nikolaus (16.08.2009, 21:19):
Danke für diesen ausführlichen Tipp!

Nikolaus.