Max Reger - Konzert für Klavier und Orchester d-moll op. 114

Sfantu (19.11.2022, 00:59):
Max Reger - Klavierkonzert

1910,
in eine Zeit wachsender Anerkennung und Regers schaffensintensive Leipziger Jahre fällt die Entstehung des Klavierkonzertes. Im selben Jahr fand in Dortmund ein dreitägiges Reger-Fest statt. Erst spät in seinem kurzen Leben gelangte Reger zu Orchesterkompositionen. Insbesondere in Meiningen potenzierte sich im Umgang mit der ihm anvertrauten Hofkapelle sein Schaffen in diesem Bereich.

Im Jahre 1910 entstand im Lauf von nur etwa drei Monaten das Konzert in f-moll op. 114. Schon am 15. Dezember des gleichen Jahres fand im Leipziger Gewandhaus die Uraufführung statt, Arthur Nikisch dirigierte, Frieda Kwast-Hodapp, für die das Werk geschrieben wurde, spielte den Solopart. Der Erfolg beim Publikum war gering, die Presse verhielt sich ablehnend. Eine zweite Aufführung in einem Berliner Philharmonischen Konzert unter Nikisch und mit der gleichen Solistin stieß sechs Wochen später auf wütende Abwehr, ein Rezensent nannte das Konzert „eine Fehlgeburt der in Unzucht verkommenen Reger-Muse“, ein anderer entdeckte „Berge von Unrat“ in diesem „Chimborasso an Effektlosigkeit“ und zieht die Summe seines Urteils: „Entgleistes Germanentum“.

Ein brillantes Klavierkonzert wird man Regers Werk nicht nennen können, obwohl es inzwischen bedeutende Meister des Instruments, allen voran Rudolf Serkin, in Europa und Amerika zum Erfolg geführt haben. Wie die beiden Konzerte von Brahms ist es eine Symphonie mit obligatem Klavier; dagegen wäre es ein Fehlurteil, wollte man das Werk jenen zahlreichen Versuchen zuordnen, die von den neobarocken Tendenzen der Zwanziger Jahre mit einer Wiederbelebung der barocken Concerto-Form gemacht wurden. Die Struktur deutet vielmehr auf klassische Vorbilder, auf Beethoven und Brahms, die thematische Anlage der Sätze ist leicht übersichtlich und zeigt keine revolutionären Extravaganzen.


Werkbeschreibung

Mit einem Paukenwirbel auf F wird vom Orchestertutti das erregt deklamierende Hauptthema eingeführt, dem nach klassischem Muster noch ein lyrischer Gedanke kurz angefügt ist. Dann erst fällt der Solist mit einer bravourösen Oktavenpassage ein und übernimmt die Führung. Das leidenschaftliche Hauptthema wird nach virtuosen Perioden und mächtigen dynamischen Aufwallungen von dem schon im ersten Tutti zitierten lyrischen Seitensatz in ruhigem Tempo abgelöst, der in weitgriffigen, an Chopin und Liszt erinnernden Harfenklängen die vorausgegangenen Stürme kontrastiert. Die Durchführung behandelt beide Themen in verhältnismäßig knapp gefaßter Form. Die Reprise verläuft vom Paukenwirbel an fast notengetreu, eine kurze, aber klangmächtige Coda rundet den von gebändigter Leidenschaft erfüllten Aufbau des ersten Satzes ab.

Eine in tiefer Meditation versunkene, religiöse Empfindungswelt öffnet sich im Largo con gran espressione , dem wohl bedeutendsten Satz des Konzertes. Das elftaktige, vom Solisten allein angestimmte Thema wird durch das Una-corda-Pedal in unwirklich immaterielle Farben gehüllt. Ein zarter Dialog mit dem Orchester steigert die emotionellen Kräfte zu den starken Ausdrucksballungen eines Mittelteils, dem sich die Reprise des Hauptteils mit mysteriösen Klangmischungen anschließt. Hier wie schon im ersten Satz finden sich für den Hörer kaum faßbar, jene verschlüsselten Zitate aus evangelischen Chorälen, auf die Reger in einem Briefe an Arthur Seidl mit den Worten aufmerksam machte: „Haben Sie noch nicht gemerkt, wie durch alle meine Sachen der Choral „Wenn ich einmal soll scheiden“ durchschlägt?“ Anklänge an „O Welt, ich muß dich lassen“ und am Ende des zweiten Satzes an die Weise des „Vom Himmel hoch“ sind unüberhörbar.

Das auf einem derb lustigen Hauptmotiv aufgebaute Finale, Allegretto con spirito, führt aus der religiösen Sphäre in ein heiteres Diesseits zurück. Der tänzerische Vierachtel-Rhythmus kehrt in vielen Humoresken Regers wieder. Hier ist er in oktaviertem Satz zu konzertanter Bravour gesteigert. Ein ruhigeres Seitenthema, von den Streichern angestimmt, wird von variierendem Figurenwerk des Klavierparts begleitet, der wiederum auch mit eigenen graziösen Motiven ausgestattet ist. Alles das ist thematisch gearbeitet und aus den Grundmotiven kunstvoll deduziert, „bis in die äußersten Zweiglein“, wie der Komponist betonte. Wenn auch vielleicht nicht ganz auf der Höhe der ersten beiden Sätze stehend, ist das Finale ein würdiger und nach so vielen Kämpfen befreiender Abschluß des Werks.


Die folgenden Zitate versuchen Eindrücke über das Werk zu vermitteln:

Christoph Vratz betont in seinem kurzweilig nachzuhörenden WDR-Beitrag, wie immens schwer das Konzert für den Solisten ist. Unter Anderem schon dadurch, daß die Klavierstimme über weite Strecken mit dem Orchester verschmilzt – „man hört also kaum, was für einen Pianistenschreck Reger da komponiert hat Er setzt sich mit seinem Klavierkonzert kraftvoll zwischen alle Stühle. Er hält an der Tonalität fest und versucht doch, ständig neue Ausdruckswelten zu erschließen. Die süße Glut seiner chromatischen Linien, grübelnde Adagio-Stellen und überwältigende Steigerungen. In einer so komplizierten Gemengelage taucht dann plötzlich hie und da noch ein Choral auf.“

In teilweise scherzhaftem Ton machte Reger der berühmten Künstlerin klar , warum das gigantische Werk keine Kadenz haben sollte, konnte und durfte – er redete Frau Kwast-Hodapp sogar als „Geliebte Kadenzlose“ an! „Es würde zuviel – es geht einfach nicht“.

Regers Harmonik reicht an die äußersten Grenzen der funktionalen Tonalitätsharmonik. Jeder Ton seiner Melodik ist harmonisch unterlegt, jeder melodische Abschnitt durch einen Kontrapunkt gedeckt.

Mit Schumann verband ihn außer der Liebe zur kleinen Form (Klaviermusik, Lieder) auch eine im Spätwerk zunehmende Neigung zu Schwermut (Klavierkonzert, Sinfonischer Prolog zu einer Tragödie).

Zu letzterer Notiz paßt Christoph Vratz` Anmerkung, der Finalsatz wirke in Wahrheit eher nervös als humorvoll.


Reclams Klaviermusikführer, 6. Auflage, Band 2, S. 440-442
Knut Franke – Klappentext zur Serkin-Einspielung
Brockhaus Riemann Musiklexikon, Band 4, S. 20
MGG, 1. Auflage, Band 11, S. 127
Sfantu (19.11.2022, 01:03):
Durch Andréjos Fürsprache wagte ich mich heute Abend nach langer, langer Zeit ebenfalls wieder an Regers "Riesenbaby" (Zitat Reger).
Mit Gewinn!
Was mich zuvorderst überrascht: die immense Dichte und Fülle fasziniert ohne zu erschlagen.
Was mir besonders zusagt: trotz spätestromantischer Verve ereignet sich kein süßlich-sentimales Geschmachte. Der herrliche Mittelsatz ist Klang werdender Ernst, ist Besinnung, ist Innenschau. Das faßt zutiefst an ohne jemals Richtung Tränendrüsen auch nur zu schielen.
Das Finale erfreut durch kernige rhythmische Rahmung und dezente Prisen verknarzten Humors. Trotz seines Charakters als Sinfonie mit obligatem Klavier versagt dieses Konzert dem Solisten nicht ein begrenztes Maß eindrucksvollen Tastendonners (in den Rahmensätzen).


In meiner Sammlung beginnt mir allmählich der Komplett-Überblick zu entgleiten. Zum Glück werde ich demnächst etwas Zeit zum Katalogisieren haben. Wenn ich es also richtig überschaue, dann steht das Reger-Konzert bei mir in 3 Einspielungen.


Den Anfang machte heute Erik Then-Bergh.
Mir kommt es so ins Ohr, daß ich eine gute Ausgewogenheit der Klangmassen verspüre. Es wird mit Umsicht disponiert und abgerundet gestaltet. Luxuriös ist die Aufnahmequalität nicht zu nennen und doch schlußendlich vollauf zufriedenstellend. Interessant wäre ein Vergleich mit der originalen Mono-Pressung auf Electrola. Diese spätere Neuveröffentlichung (das Cover-Design läßt mich auf die 70er-Jahre tippen) bringt eine nachträgliche Stereophonisierung zu Gehör - das bedeutete wahrlich nicht immer eine Verbesserung auf ganzer Linie. Gutes, frisch gewaschenes Exemplar mit idealer Laufruhe.



Max Reger

Klavierkonzert f-moll op. 114 (1910)

Erik Then-Bergh,
Südwestfunk-Orchester Baden-Baden - Hans Rosbaud
(LP, EMI, stereophonisiertes Mono, AD 1958)


Allegro moderato 18`45
Largo con gran espressione 11`13
Allegretto con spirito 10`24
Sfantu (19.11.2022, 01:18):
Hätte nicht gedacht, daß ich mir Regers Klavierkonzert irgendwann 2x hintereinander weg anhören würde. Und das noch mit wachsender Begeisterung. Hier also die anderen beiden Aufnahmen in meiner Sammlung:




Rudolf Serkin,
Philadelphia Orchestra - Eugene Ormandy
(LP, CBS, 1959)


Allegro moderato 18`00
Largo con gran espressione 10`50
Allegretto con spirito 8`54


Serkin/Ormandy wurde vermutlich bereits ursprünglich in Stereo eingespielt. Der Klang hat mehr Breite als bei Then-Bergh/Rosbaud, bleibt aber auch recht trocken, die Mikrophone sind näher bei den Ausführenden. Solist wie Orchester agieren mit mehr Energie, betonen mehr das Drama, bieten mehr Biß, mehr Pranke als die erwähnte Konkurrenz. Dies, gepaart mit der beschriebenen, den Hörer quasi anspringenden Aufnahmetechnik, wirkt mit der Zeit tendenziell aber auch anstrengend, erzeugt eine fast durchgängig zu hohe Grundspannung.
So erfreut zum einen die schiere Wucht während sie am Ende aber auch etwas ermüdet.
Ist es Serkin oder Ormandy? Jemand stampft immer wieder rhythmisch auf die Eins aufs Podium (könnte es im Falle Serkins auch ein heftiges Durchtreten des Pedals sein?), daß es so gerade eben noch tolerierbar ist. Fast könnte man an zusätzliche Kongas ad libitum glauben.






Amadeus Webersinke,
Dresdner Philharmonie - Günter Herbig
(CD, edel, AD 1973, ℗ 2002)


Allegro moderato 19`47
Largo con gran espressione 10`27
Allegretto con spirito 11`20


Für eine bessere als die zufällig heute gewählte Spielfolge hätte ich mich nicht entscheiden können.
Denn Webersinke/Herbig avancieren eigentlich spätestens nach dem Mitttelsatz bereits zu meinem klaren Favoriten.
Bessere Anwälte für diesen vordergründig unverdaulichen Brocken kann ich mir nicht wünschen. Eine goldene Mitte zwischen großer Geste und versunkener Grübelei wird hier erreicht, welche dem Werk beste Dienste leistet. Das abschließende Allegretto wird nicht zum Allegro. Bei Then-Bergh (muß ich neu reinhören) und Serkin kommt mehr Tempo, mehr Drive zum Tragen. Dies im Ohr, kamen mir Webersinke/Herbig zunächst zu zurückgenommen vor (was mich selbst wunderte - bin ich doch eher für mäßige Tempi zu haben). Im Verlauf geht diese Konzeption jedoch auf. Weniger Grundpuls bewirkt ein Mehr an Ton-und Detail-Entfaltungen.
Der prächtig aufgefächerte Klang besitzt ein Idealmaß an Weite und Transparenz. Der teils spröde klingende Orchestersatz gewinnt dadurch ungeahnten Schmelz. Das Soloinstrument (ein Blüthner-Flügel?) spielt sich wunderbar anders ins Ohr: glasklar bis in die tiefsten Lagen und doch nicht spitz, bleibt brillant und generös. In wie weit das digitale Remastering "Sonic solutions no noise system" dazu beitrug? Jedenfalls weckt es wiederum Neugier auf die Original-Platte vom VEB.


Hurwitz ist manchmal ein Schmarrbeutel
In diesem Falle ganz gewiß.
Nach der heutigen Vergleichsverkostung stelle ich mir die Frage, ob er die beiden Aufnahmen tatsächlich komplett und aufmerksam gehört haben kann. Zu Webersinke weiß er nicht mehr zu kommentieren als ein würgendes "Bähh" sowie die geistreiche Feststellung, sein Spiel sei so wie sein Name. Serkin und "Ormandy-Philly" lobt er dagegen pauschal als "fabulous" (was kaum überrascht), nicht ohne zu betonen, daß diese Spitzenkräfte ihre Liebesmüh am falsche Objekt vergeuden.
Andernorts analysiert er ausdifferenziert und dient mit lohnenden Betrachtungen, von denen ich lernen kann.
Hier bleibt er im Gestus so platt wie tumb. Und liefert im Kern der Sache (nun weiß ich`s) einen grandiosen Schuß in den Ofen.
Andréjo (19.11.2022, 12:07):
Besten Dank an Sfantu für die schöne Einleitung!

Es freut mich sehr, dass Du das Reger-Konzert für Dich gewinnen konntest. Ein wenig Zeit habe ich dazu schon auch gebraucht.

Then-Bergh und Serkin werden gelobt; ich kenne beide Einspielungennicht. Es mag sein, dass Serkin einen Prominenz-Bonus genießt. Webersinke, den ich schon lange kenne, kommt nicht so gut weg, nicht nur bei Hurwitz - ich habe keine Probleme mit ihm. Vielleicht würde ich die folgenden beiden Aufnahmen vorziehen, aber einen Vergleich am Stück habe ich noch nicht angestellt.






Korstick zeigt in dieser recht neuen Einspielung eine bemerkenswerte Pranke, die der Musik gewiss nicht schadet.

Im Rahmen der Beinahe-Integrale rechts spielen 1988 Gerhard Oppitz und die Bamberger Symphoniker unter Leitung von Horst Stein. Der Sampler ist aber erst vor wenigen Jahren erschienen. Ob es die Einspielung auch separat zu erwerben gibt, habe ich jetzt nicht nachgesehen. Es würde mich nicht wundern, sollte in Relation die Sammlung weitaus preisgünstiger sein.

Beide Einspielungen erscheinen mir aufnahmetechnisch in Ordnung - aus der Erinnerung.

Die Produktion mit Amadeus Webersinke finde ich bei mir ebenfalls in einem Sampler. Er stammt aus der DDR - das hast Du ja oben angedeutet - und ist nicht so vollständig.

Wenn ich mir wirklich noch eine weitere Einspielung zulegen sollte neben diesen dreien (und einer oder zwei Kassettenmitschnitten), dann wohl Serkin.

Wobei natürlich Deine persönliche und gut begründete vergleichende Wertung sehr von Interesse ist ...

Leicht möglich, dass es ein wenig stimmungsabhängig ist, wie laut und wie opulent man das Werk hören möchte. Im Normalfall schätze ich aber doch eine prägnante Transparenz, wenn die Musik per se diesbezüglich gefährdet ist.

Wolfgang