Meister des Nordens - Orchesterwerke

Rachmaninov (27.06.2007, 21:16):
Hallo Forianer,

wenn ich an den hohen Norden denke, als Norwegen, Schweden, Finnland und Estland, dann fallen mir natürlich sogleich die Namen Sibelius und E. Grieg ein.
Erst dannach kommen mir Namen wie Aho, Nielsen, Hugo Alfvén, E. Tubin, F. Berwald, Tor Aulin, Lindberg, Rautavaara oder L. Sumera ein.

In den letzten Tagen hörte ich u.A. das zweite Violinkonzert von E. Tubin sowie seine Sinfonie #5 und muss sagen, dass es sich hierbei wirklich um einen recht interessanten Komponisten handelt.

Desweiteren kenne ich zumindestens das Flötenkonzert von Aho in der Aufnahme mit Sharon Bezaly (BIS).

Heute nutzte ich die Gelegenheit und hörte mir auf verschiedenen Seiten weitere Werke als "Sample" an.

Die farbige Tonsprache fasziniert mich einfach und IMO zeigt sich diese besonders gut in den Sinfonien und Konzerten dieser "Meister"!

Daher meine Frage:

Welche Komponisten und welche ihrer Werke "muss" man kennen und welche empfehlenswerte Aufnahmen würdet ihr hier nennen?
Sibelius und Grieg würde ich dabei nicht berücksichtigen .....
Rachmaninov (04.07.2007, 21:39):
Gerade ging bei mir die Aufnahme der 5. Sinfonie von Eduardo Tubin zu ende.

http://www.jpc.de/image/cover/front/0/6097345.jpg

Über die Interpretation kann ich eher wenig sagen, da mir die Vergleiche fehlen. Immerhin gefällt sie mir deutlich besser als die schwache Deutung der 2. Sibelius Sinfonie.

Aber zum Thema.

Tubin's 5. könnte bei ersten Hören durchaus einen dazu verleiten, dass man ihn für Sibelius hält. Kein Wunder!
Allerdings ist seine 5. Sinfonie beeinflußt von volkstümlicher Musik seine estnischen Heimat und verleit ihr daher einen recht interessanten Reiz.

Da freue ich mich doch auf hie hoffentlich bald eintreffende Box mit allen Tubin Sinfonien mit Neeme Järvi und verschiedenen Orchestern (BIS).

:leb
Nordolf (25.07.2007, 21:07):
http://www.jpc.de/image/cover/front/0/7008223.jpg
:down :down :down



Ruded Langgaard ist das "enfant terrible" der dänische Musik. Zeit seines Lebens kämpfte er um seine Anerkennung als Komponist. Mit 47 Jahren konnte er sich wenigstens seinen bescheidensten Wunsch erfüllen: - eine Anstellung als Kirchenorganist... Na super...:(

Bereits im zarten Alter von 14 Jahren begann Langgaard mit den Skizzen zu seiner ersten Symphonie. Ihre endgültige Form erhielt sie dann 1911, als der Komponist reife(?) 17 Jahre zählte. Sie ist von einer jugendlichen Überschwenglichkeit, die ihresgleichen sucht. Der Beiname "Klippenpastorale" trifft den Charakter der Musik sehr gut. Es sind eindeutig Naturbilder, die der junge Langgaard hier vertont hat. In den beiden langen Kopfsätzen (um die 20 min.) stürmt und braust das Meer recht heftig gegen die Klippen. Dazwischen sind drei ruhigere und kürzere Sätze zu hören. Der Symphonie liegt ein Programm zugrunde, das sich mit der Entwicklung der menschlichen Seele beschäftigt - hier symbolisiert durch den Aufstieg der Seele von den Klippen des Meeres zu den Gipfeln der Gebirge. Das Hauptthema, welches durch reich besetzte Blechbläser getragen wird, ist wundervoll erdacht und sollte jeden Freund dramatischer spätromantischer Musik in Verzückung geraten lassen.
Diese Symphonie war übrigens eine der wenigen Erfolge, die Langgaard im Konzertleben verbuchen konnte. Die Uraufführung fand 1913 unter Leitung des Dirigenten Max Fiedler mit der Berliner Philharmonie statt. Leider hatte die kurzzeitige Begeisterung in Berlin keine weiteren Konsequenzen für den Lebensweg des dänischen Individualisten.

Der Dirigent Leif Segerstam lässt auf dieser CD mit dem Dänischen Nationalorchester - um es ganz direkt zu sagen - einfach die Sau raus. Offensichtlich macht ihm diese Musik richtig Freude. Von der Intensität her dürfte das kaum zu toppen sein. Und dabei gilt Segerstam als eher strukturierter analytischer Interpret. Davon ist hier gar nichts zu spüren. Er gibt sich der Musik mit dem Feuer hin, das ich von russischen Dirigenten oder Bernstein gewöhnt bin.

Auf der CD kann man außerdem neben dem ersten das letzte Werk Langgaards hören - "Aus der Tiefe". Experimenteller als die 1., aber klar der romantischen Tradition verpflichtet. Nach der anfänglichen kriegerischen Marschmusik (Mahler läßt grüssen!) geht die symphonische Dichtung in requiemartige Chormusik über.

Ganz tolle Musik, die jeder Freund der Spätromantik kennen sollte! Genauso wie bei Joseph Marx oder Nikolai Medtner frage ich mich immer, warum das hier nicht viel häufiger in den Konzerthallen zu hören ist.


Herzliche Grüsse!
Jörg
Rachmaninov (30.07.2007, 18:43):
Original von Nordolf
Und dabei gilt Segerstam als eher strukturierter analytischer Interpret. Davon ist hier gar nichts zu spüren. Er gibt sich der Musik mit dem Feuer hin, das ich von russischen Dirigenten oder Bernstein gewöhnt bin.


Findest Du? Sein Sibelius ist aber doch auch ehen nicht analytischer Natur, oder?


Ganz tolle Musik, die jeder Freund der Spätromantik kennen sollte! Genauso wie bei Joseph Marx oder Nikolai Medtner frage ich mich immer, warum das hier nicht viel häufiger in den Konzerthallen zu hören ist.


In der Tat!
Nordolf (31.07.2007, 19:17):
Findest Du? Sein Sibelius ist aber doch auch ehen nicht analytischer Natur, oder?

Naja - ich kenne noch nicht sehr viel von Segerstam. Deswegen schrieb ich "er gilt..." und nicht "er ist...". Im Internet las ich, das er eher ein Dirigent sein soll, der die Struktur vor dem Ausdruck bevorzugt. Und da wurde übrigens sein Sibelius als Ausnahme bezeichnet. Segerstams Sibelius kenne ich leider nicht und bei Dussmann war er leider heute auch nicht zu finden. :(

Naja - der Langgaard ist jedenfalls mit vollem Ausdruck musiziert. Sonst kenne ich nur Korngolds "Tote Stadt" von ihm. Aber kann man Korngold überhaupt "analytisch" spielen? :J

Vielleicht ist meine Behauptung in Bezug auf Segerstam nur ein "Gerücht". Ich weiß es - ehrlich gesagt - nicht wirklich. :ignore
Rachmaninov (31.07.2007, 20:25):
Original von Nordolf
Findest Du? Sein Sibelius ist aber doch auch ehen nicht analytischer Natur, oder?

Naja - ich kenne noch nicht sehr viel von Segerstam. Deswegen schrieb ich "er gilt..." und nicht "er ist...". Im Internet las ich, das er eher ein Dirigent sein soll, der die Struktur vor dem Ausdruck bevorzugt. Und da wurde übrigens sein Sibelius als Ausnahme bezeichnet. Segerstams Sibelius kenne ich leider nicht und bei Dussmann war er leider heute auch nicht zu finden. :(

@Jörg,

die Feinheit in Deiner Formulierung war mir nicht entgangen! :wink

Also das Prädikat "analytisch" würde ich ihm jedenfalls nicht geben! :tongue:
Nordolf (08.08.2007, 16:17):
Der schwedische Komponist, Violinist, Chorleiter und Dirigent Hugo Alfven (1872 - 1960) war schon zu Lebzeiten ein angesehener Mann in seinem Heimatland. Mehrere Ehrendoktorhütte und einige höchst "royale" Mitgliedschaften verzierten den Habitus des abenteuerlustigen Spätromantikers Alfven. Am bekanntesten dürfte heute seine Schwedische Rhapsodie Nr. 1 sein mit dem Beinamen "Mittsommerwache" - ein sehr folkloristisches, tänzerisches Stück.

Zum Meer hatte der Komponist eine ganz besondere Beziehung. Nicht nur das er schwedische Meerlandschaften liebte, er war auch ein passionierter Segler. Eine wichtige Rolle spielten dabei die Stockholmer Schären, die er sich zum regelmässigen Sommerdomizil auserkoren hatte. Einige seiner Werke verknüpfte er schon im Titel mit dieser Landschaft - "Bilder aus den Schären" oder "Eine Schärensage". Und so lautet auch der Name seiner 4. Symphonie in c-Moll für Sopran, Tenor und Orchester aus dem Jahre 1919: "Von den äußersten Schären".

Alfven gestaltet hier musikalisch die tragische Geschichte zweier Liebender. Nach seinen Aussagen beginnt die Geschichte am Ufer der Schären während einer stürmischen Nacht, in der die bewegte See sich an den Klippen im Mondlicht bricht. Der erste Satz erzählt von der Leidenschaft des jungen Mannes und der Zweite beschreibt die Gefühle des Mädchens. Im drittten Satz geht die Morgensonne über dem Meer auf. Der letzte Part schließlich beschreibt Wind und Sturm, die zum Symbol für das tragische Ende der beiden Liebenden werden.

Genauso so romantisch wie das Programm ist dann auch die Musik. Eine typische Stelle lässt sich ungefähr so beschreiben: erst grollt es sehr dunkel, dann hört man wellenartige Harfen- und Klarinettenklänge, die Solovioline spielt eine wehmütige Melodie, plötzlich erklingen kurz aufleuchtend dramatische Blechbläser und schließlich setzten sinnlich schwelgende Streicher ein.
Der Tenor und der Sopran singen keine Verse, sondern geben lautmalerisch ohne Worte die Sehnsucht der Liebenden wieder. Die Symphonie enthält viele kleine Melodien (z.B. auf der Flöte), die sich wie Verzierungen in die große Linie einfügen. Der Einfluß von Richard Strauss auf Alfven kommt in seiner Vierten besonders deutlich zur Geltung. Ansonsten finde ich auch Parallelen zur 2. Symphonie von Sergej Rachmaninov. Beide Werke tragen dieselbe sehnsüchtige Stimmung großer Liebesgeschichten in sich.

Ich kenne die Symphonie bislang in dieser Fassung:

http://www.jpc.de/image/cover/front/0/1992054.jpg

Wie immer gefällt mir Svetlanovs intensiver Dirigierstil außerordentlich gut. Die CD kommt schon gar nicht mehr aus dem Player.:) Der einzige Wermutstropfen besteht darin, das diese Liveaufnahme als e i n Track zu hören ist. Dadurch kann ich die einzelnen Sätze nicht exakt voneinander trennen.

Auf BIS gibt es eine Aufnahme mit Neeme Järvi. Die dürfte sicherlich ebenso einige Lauscher wert sein...

Herzliche Grüße!
Jörg
Rachmaninov (04.10.2007, 21:14):
Hallo,

eine wirkliche Bereicherung der Gattung stellt für mich das VK #1 von Eduard Tubin dar.
Mag man es, wenn man den ersten Satz hört, noch in eine Ecke mit dem bekannten Sibelius Konzert stecken wollen, aufgrund der "ähnlichen" Tonsprache bzw. vergleichbaren Tonsprache, so entsteht doch im zweiten und dritten Satz eine sehr eigene Gestallt und Wirkung. Der zweite Satz vor allembesticht durch eine wunderschöne melancholische Wirkung.

Ich kenne das Konzert in dieser Aufnahme.

http://www.mdt.co.uk/public/pictures/products/standard/BISCD286.jpg

Das GSO spielt gut und kraftvoll auf unter Järvi, nur der Geiger Mark Lubotsky könnte hier und da einen souveräneren Ton haben.
Wäre toll dieses Konzert mal mit einen absoluten Spitzengeiger zu hören...
HenningKolf (24.11.2007, 10:48):
Johan Peter Emilius Hartmann (* 14. Mai 1805 in Kopenhagen; † 10. März 1900 ebenda) war ein dänischer Komponist.

Hierzulande recht unbekannt, ist er in seinem Heimatland durchaus eine bekannte Größe. Schon der Vater war Hofmusicus in Kopenhagen. Johann Peter studierte Rechtswissenschaften und bekleidete wohl auch zunächst ein nicht musikbezogenes Staatsamt (die mir zugänglichen Quellen im internet sind diesbezüglich durchaus nicht eindeutig). Jedenfalls war er auch als Organist tätig und debütierte 1832 als Komponist. Hartmann gründete den dänischen Musikverein und hatte den Vorsitz bis zu seinem Tode - immerhin wurde er 94 Jahre alt - inne. Auch die Leitung des studentischen Gesangsvereins und des Organistenpostens an der Kopenhagener Garnisonskirche füllte er bis zu seinem Tode aus. Offensichtlich ein bis ins hohe Alter rüstiger Herr. Nach meinen Erkenntnissen stammt die letzte Komposition immerhin auch aus dem Jahre 1888.

Hartmann kann als durch und durch romantisch geprägt charakterisiert werden; neben zwei Sinfonien hat er vor allem Bühnenmusiken, Opern und andere Vokalwerke, aber auch Kammermusik hinterlassen. Ein speziell nordischer Charakter ist durchaus feststellbar, wenn auch schwer in Worte zu fassen (möglicherweise Bezüge zur und Anleihen bei der Volksmusik? - jedenfalls gerade bei Skandinaviern und Russen ein beliebtes Kompositionsmittel, ich kann es anhand meines Wissenstandes aber nicht konkret belegen).

Ich habe folgende Einspielung

http://www.dacapo-records.dk/images/covers/8_224097.jpg


Da das Bild nicht größer zu verlinken ist:

(von der Seite des Labels DaCapo entnommen)

Track listing
1. Yrsa op. 78 (1881)
Poco andante - Allegro risoluto, non troppo

2. Axel og Valborg op. 57 (1857)
Moderato assai, lugubre - Allegro non troppo

3. Hakon Jarl op 40 (1844)
Allegro non troppo - Poco più moderato - Allegro molto

4. Correggio op. 59 (1858)
Moderato non troppo

Guldhornene op. 11 (1832)
5. Moderato con passione
6. Moderato con brio
7. Allegro non troppo




Die Leitung hat Dausgaard, es spielt das Nationale Dänische Sinfonieorchester.
Mir gefällt die Musik sehr gut, besonders die späteren Kompositionen.

Da ich keine Vergleichseinspielungen habe ist es natürlich schwierig etwas zu der Interpretation zu sagen; aber ich würde meinen, dass diese ganz exquisit ist. Dausgaard ist, wenngleich nicht so sehr bekannt, meiner Meinung nach ein ganz hervorragender Dirigent, bevorzugt Transparenz und nicht allzu große Besetzungen, ohne deshalb zur HIP-Fraktion gerechnet werden zu müssen. Ich habe die Einspielung als mp3, aber auch dieses Format zeigt, dass die Aufnahme klangtechnisch hervorragend ist. Über kurz oder lang werde ich mir noch die eine oder andere Aufnahme des Komponisten zulegen.


Henning
Rachmaninov (28.11.2007, 20:01):
Der schwedische Klarinettist Martin Fröst hat mit seiner Einspielung der Klarinettenkonzerte von C. Nielsen und K. Aho jeweils ein Konzert aus dem 20. und eins aus dem 21. Jahrhundert aufgenommen, die trotz gänzlich unterschiedlicher Wirkung eine sehr stimmige CD ergeben.

Das Aho KOnzert wurde für Fröst, bzw. gemeinsam mit Fröst, erarbeitet. Die technischen Ansprüche sind enorm, wie man aus der Interview mit Fröst aus dem Grammophone Magazin May 2007 entnehmen kann.


http://www.jpc.de/image/w300/front/0/9355134.jpg

Sicherlich muss man nicht beide Werke zwingend besitzen, aber sie stellen sehr interessante Bereicherungen für den ambitionierten Hörer dar.

Fröst, Vänskä und das Lathi SO ist eine wunderbare und kalnglich sehr gute Aufnahme gelungen. Da teile ich (ausnahmesweise) sogar mal Gramophones "Editors Chaoice"

:times10
Cetay (inaktiv) (01.12.2007, 10:23):
Obwohl ich ein großer Fan von Sibelius bin und auch Nielsen sehr schätze, habe ich sonst fast nichts von Nordischen Komponisten.
Es gibt einfach viel zu viel zuviel interessante Musik da draussen. ?(

Allan Pettersson malt eher in grauen Farben. Dass der Musik dieses Komponisten häufig das Attribut "depressiv" verpasst wird, kann ich anhand der 7. Sinfonie gut nachvollziehen. Mir ist diese Musik etwas zu plakativ -beispielsweise wird ein bedrohlich düsteres Thema ständig wiederholt und dabei die Lautstärke immer mehr gesteigert- und ich empfinde die Architektur als nicht zwingend. Es gibt doch einige Längen und der stests dunkle Orchestersound ermüdet auf Dauer. Ganz klar, man respektiert sich, aber eine Freundschaft wird kaum draus.

http://www.euravent.co.uk/acatalog/DR031A.jpg

Aulis Sallinen ist hochinteressant, allerdings hat er absolut nichts spezifisch Nordisches an sich. Er gehört zu der postmodernen Komponistengeneration, die souverän über alles, was die Musikgeschichte bietet, verfügt und daraus eine ganz eigene Klangsprache entwickelt, die sehr modern, aber nicht avantgardistisch klingt. Besonders gut zu nachzuhören ist das in der 5. Sinfonie.

http://ecx.images-amazon.com/images/I/618Z2WTJ6PL._SS400_.gif
Nordolf (10.02.2008, 17:19):
Die Bedeutung von Janis Ivanovs als Komponist ist eng mit seiner Heimat Lettland verknüpft. Einerseits prägte ihn die Natur des lettischen Landstrichs Latgalien, in dem Ivanovs lange lebte und dessen malerische mit Seen durchsetzte Hügellandschaft seine Werke inspirierte. Andererseits wurde er von den politischen Ereignisse in seinem Land erfasst und musste hier seine Entscheidungen treffen: - insbesondere die sowjetische Besatzung spielte dabei eine große Rolle.

Es gibt - grob umrissen - vier unterschiedliche Etappen innerhalb seines Schaffens. Die Erste zeigt ihn als modernen Spätromantiker, der mit Klangfarben malt, die sich auch auf der Palette anderer russischer oder nordischer Komponisten (wie Scriabin oder Sibelius) finden. Dabei bleibt sein eigner Stil aber unüberhörbar: - ein gewisser tragödienhafter Gestus durchzieht sein ganzes Werk.

Die ersten drei Symphonien kennzeichnen ihn als lettischen Nationalromantiker, der sich aber gleichwohl mit Honegger, Strawinsky und Bartok auseinandergesetzt hat. Die 4. und 5. Symphonie greifen dann aber schon die Zeitstimmungen des Krieges auf. In den 50ziger Jahren arbeitet Ivanovs mit den sowjetischen Behörden zusammen. Es scheint, als sei er zeitweilig überzeugt gewesen, das der Nachbarstaat tatsächlich den Weg zu einer gerechteren und besseren Gesellschaft in seinem Land ebnen könne. Er orientiert sich jetzt am "sozialistischen Realismus".

1956 ist diese Phase aber wieder vorbei: - in der 8. Symphonie verarbeitet er seine desillusionierenden Erfahrungen. Danach machen sich die Einflüsse der Kompositionstechniken von Bartok oder Martinu immer mehr bemerkbar. Schließlich verwendet er Anfang der 60ziger Jahre auch Zwölftontechniken in einigen Werken. Am Ende dieses Jahrzehnts kehrt er jedoch zu einem neuromantischen Stil zurück, dem er bis zu seinem Tode im Jahre 1983 treu bleibt.


Die beiden wunderbaren Werke auf dieser CD kann ich nur empfehlen:

http://www.jpc.de/image/w600/front/0/0739574200720.jpg

Die symphonische Dichtung "Regenbogen" stammt aus dem Jahre 1939 und zaubert eine farbige impressionistische Stimmung - entrückte Streicher- und Harfenklänge dominieren das Werk.
1941 beendete Ivanovs seine 4. Symphonie "Atlantis", die sich im mythenhaften Gewand allegorisch auf den Krieg bezieht. Ursprünglich konzipierte Ivanovs sie wie ein Stück Musiktheater, in dem Pantomine, Tanz und spezielle Beleuchtungseffekte vorkommen sollten. Jedem Satz ist ein Programm vorangestellt: 1. Platons Überlieferung des Gesprächs zwischen einem Priester und dem griechischen Rechtsgelehrten Solon im Tempel der ägyptischen Göttin Neith, in dem Solon vom Untergang Atlantis' erfährt; 2. in der Haupstadt von Atlantis beten die Töchter des Meeres eine gigantische Statue Poseidons an; 3. Anbetung der Sonnenscheibe im heiligen Tempel; 4. der Zorn der Götter, das Schweigen nach der Zerstörung von Atlantis.
Das Booklet informiert mich darüber, das der 1. und 4. Satz in Sonatenform und die beiden Mittelsätze in einer dreiteiligen Form komponiert wurden. Die Musik bringt üppige spätromantische Klänge, viel tragisch schneidendes Blech, schwelgerische Stellen und Momente geschärfter Harmonik. Die Musik ist sehr visuell und bilderreich - das literarische Sujet legt das ja auch nahe. Besonders deutlich wird das im 2. Satz. Der geheimnisvoll klingende Einsatz des Frauenchores und die exotischen Harmonien erinnern an gewisse Filmmusiken aus dieser Zeit.


Mich persönlich haben diese beiden Werke sofort angesprochen und gefangengenommen. Vassili Sinaisky und das Lettische Nationalorchester spielen hier mit hörbarer Freude an den Orchesterfarben und voller Engagement.

Herzliche Grüsse!
Jörg
Rachmaninov (27.06.2007, 21:16):
Hallo Forianer,

wenn ich an den hohen Norden denke, als Norwegen, Schweden, Finnland und Estland, dann fallen mir natürlich sogleich die Namen Sibelius und E. Grieg ein.
Erst dannach kommen mir Namen wie Aho, Nielsen, Hugo Alfvén, E. Tubin, F. Berwald, Tor Aulin, Lindberg, Rautavaara oder L. Sumera ein.

In den letzten Tagen hörte ich u.A. das zweite Violinkonzert von E. Tubin sowie seine Sinfonie #5 und muss sagen, dass es sich hierbei wirklich um einen recht interessanten Komponisten handelt.

Desweiteren kenne ich zumindestens das Flötenkonzert von Aho in der Aufnahme mit Sharon Bezaly (BIS).

Heute nutzte ich die Gelegenheit und hörte mir auf verschiedenen Seiten weitere Werke als "Sample" an.

Die farbige Tonsprache fasziniert mich einfach und IMO zeigt sich diese besonders gut in den Sinfonien und Konzerten dieser "Meister"!

Daher meine Frage:

Welche Komponisten und welche ihrer Werke "muss" man kennen und welche empfehlenswerte Aufnahmen würdet ihr hier nennen?
Sibelius und Grieg würde ich dabei nicht berücksichtigen .....
Rachmaninov (04.07.2007, 21:39):
Gerade ging bei mir die Aufnahme der 5. Sinfonie von Eduardo Tubin zu ende.

http://www.jpc.de/image/cover/front/0/6097345.jpg

Über die Interpretation kann ich eher wenig sagen, da mir die Vergleiche fehlen. Immerhin gefällt sie mir deutlich besser als die schwache Deutung der 2. Sibelius Sinfonie.

Aber zum Thema.

Tubin's 5. könnte bei ersten Hören durchaus einen dazu verleiten, dass man ihn für Sibelius hält. Kein Wunder!
Allerdings ist seine 5. Sinfonie beeinflußt von volkstümlicher Musik seine estnischen Heimat und verleit ihr daher einen recht interessanten Reiz.

Da freue ich mich doch auf hie hoffentlich bald eintreffende Box mit allen Tubin Sinfonien mit Neeme Järvi und verschiedenen Orchestern (BIS).

:leb
Nordolf (25.07.2007, 21:07):
http://www.jpc.de/image/cover/front/0/7008223.jpg
:down :down :down



Ruded Langgaard ist das "enfant terrible" der dänische Musik. Zeit seines Lebens kämpfte er um seine Anerkennung als Komponist. Mit 47 Jahren konnte er sich wenigstens seinen bescheidensten Wunsch erfüllen: - eine Anstellung als Kirchenorganist... Na super...:(

Bereits im zarten Alter von 14 Jahren begann Langgaard mit den Skizzen zu seiner ersten Symphonie. Ihre endgültige Form erhielt sie dann 1911, als der Komponist reife(?) 17 Jahre zählte. Sie ist von einer jugendlichen Überschwenglichkeit, die ihresgleichen sucht. Der Beiname "Klippenpastorale" trifft den Charakter der Musik sehr gut. Es sind eindeutig Naturbilder, die der junge Langgaard hier vertont hat. In den beiden langen Kopfsätzen (um die 20 min.) stürmt und braust das Meer recht heftig gegen die Klippen. Dazwischen sind drei ruhigere und kürzere Sätze zu hören. Der Symphonie liegt ein Programm zugrunde, das sich mit der Entwicklung der menschlichen Seele beschäftigt - hier symbolisiert durch den Aufstieg der Seele von den Klippen des Meeres zu den Gipfeln der Gebirge. Das Hauptthema, welches durch reich besetzte Blechbläser getragen wird, ist wundervoll erdacht und sollte jeden Freund dramatischer spätromantischer Musik in Verzückung geraten lassen.
Diese Symphonie war übrigens eine der wenigen Erfolge, die Langgaard im Konzertleben verbuchen konnte. Die Uraufführung fand 1913 unter Leitung des Dirigenten Max Fiedler mit der Berliner Philharmonie statt. Leider hatte die kurzzeitige Begeisterung in Berlin keine weiteren Konsequenzen für den Lebensweg des dänischen Individualisten.

Der Dirigent Leif Segerstam lässt auf dieser CD mit dem Dänischen Nationalorchester - um es ganz direkt zu sagen - einfach die Sau raus. Offensichtlich macht ihm diese Musik richtig Freude. Von der Intensität her dürfte das kaum zu toppen sein. Und dabei gilt Segerstam als eher strukturierter analytischer Interpret. Davon ist hier gar nichts zu spüren. Er gibt sich der Musik mit dem Feuer hin, das ich von russischen Dirigenten oder Bernstein gewöhnt bin.

Auf der CD kann man außerdem neben dem ersten das letzte Werk Langgaards hören - "Aus der Tiefe". Experimenteller als die 1., aber klar der romantischen Tradition verpflichtet. Nach der anfänglichen kriegerischen Marschmusik (Mahler läßt grüssen!) geht die symphonische Dichtung in requiemartige Chormusik über.

Ganz tolle Musik, die jeder Freund der Spätromantik kennen sollte! Genauso wie bei Joseph Marx oder Nikolai Medtner frage ich mich immer, warum das hier nicht viel häufiger in den Konzerthallen zu hören ist.


Herzliche Grüsse!
Jörg
Rachmaninov (30.07.2007, 18:43):
Original von Nordolf
Und dabei gilt Segerstam als eher strukturierter analytischer Interpret. Davon ist hier gar nichts zu spüren. Er gibt sich der Musik mit dem Feuer hin, das ich von russischen Dirigenten oder Bernstein gewöhnt bin.


Findest Du? Sein Sibelius ist aber doch auch ehen nicht analytischer Natur, oder?


Ganz tolle Musik, die jeder Freund der Spätromantik kennen sollte! Genauso wie bei Joseph Marx oder Nikolai Medtner frage ich mich immer, warum das hier nicht viel häufiger in den Konzerthallen zu hören ist.


In der Tat!
Nordolf (31.07.2007, 19:17):
Findest Du? Sein Sibelius ist aber doch auch ehen nicht analytischer Natur, oder?

Naja - ich kenne noch nicht sehr viel von Segerstam. Deswegen schrieb ich "er gilt..." und nicht "er ist...". Im Internet las ich, das er eher ein Dirigent sein soll, der die Struktur vor dem Ausdruck bevorzugt. Und da wurde übrigens sein Sibelius als Ausnahme bezeichnet. Segerstams Sibelius kenne ich leider nicht und bei Dussmann war er leider heute auch nicht zu finden. :(

Naja - der Langgaard ist jedenfalls mit vollem Ausdruck musiziert. Sonst kenne ich nur Korngolds "Tote Stadt" von ihm. Aber kann man Korngold überhaupt "analytisch" spielen? :J

Vielleicht ist meine Behauptung in Bezug auf Segerstam nur ein "Gerücht". Ich weiß es - ehrlich gesagt - nicht wirklich. :ignore
Rachmaninov (31.07.2007, 20:25):
Original von Nordolf
Findest Du? Sein Sibelius ist aber doch auch ehen nicht analytischer Natur, oder?

Naja - ich kenne noch nicht sehr viel von Segerstam. Deswegen schrieb ich "er gilt..." und nicht "er ist...". Im Internet las ich, das er eher ein Dirigent sein soll, der die Struktur vor dem Ausdruck bevorzugt. Und da wurde übrigens sein Sibelius als Ausnahme bezeichnet. Segerstams Sibelius kenne ich leider nicht und bei Dussmann war er leider heute auch nicht zu finden. :(

@Jörg,

die Feinheit in Deiner Formulierung war mir nicht entgangen! :wink

Also das Prädikat "analytisch" würde ich ihm jedenfalls nicht geben! :tongue:
Nordolf (08.08.2007, 16:17):
Der schwedische Komponist, Violinist, Chorleiter und Dirigent Hugo Alfven (1872 - 1960) war schon zu Lebzeiten ein angesehener Mann in seinem Heimatland. Mehrere Ehrendoktorhütte und einige höchst "royale" Mitgliedschaften verzierten den Habitus des abenteuerlustigen Spätromantikers Alfven. Am bekanntesten dürfte heute seine Schwedische Rhapsodie Nr. 1 sein mit dem Beinamen "Mittsommerwache" - ein sehr folkloristisches, tänzerisches Stück.

Zum Meer hatte der Komponist eine ganz besondere Beziehung. Nicht nur das er schwedische Meerlandschaften liebte, er war auch ein passionierter Segler. Eine wichtige Rolle spielten dabei die Stockholmer Schären, die er sich zum regelmässigen Sommerdomizil auserkoren hatte. Einige seiner Werke verknüpfte er schon im Titel mit dieser Landschaft - "Bilder aus den Schären" oder "Eine Schärensage". Und so lautet auch der Name seiner 4. Symphonie in c-Moll für Sopran, Tenor und Orchester aus dem Jahre 1919: "Von den äußersten Schären".

Alfven gestaltet hier musikalisch die tragische Geschichte zweier Liebender. Nach seinen Aussagen beginnt die Geschichte am Ufer der Schären während einer stürmischen Nacht, in der die bewegte See sich an den Klippen im Mondlicht bricht. Der erste Satz erzählt von der Leidenschaft des jungen Mannes und der Zweite beschreibt die Gefühle des Mädchens. Im drittten Satz geht die Morgensonne über dem Meer auf. Der letzte Part schließlich beschreibt Wind und Sturm, die zum Symbol für das tragische Ende der beiden Liebenden werden.

Genauso so romantisch wie das Programm ist dann auch die Musik. Eine typische Stelle lässt sich ungefähr so beschreiben: erst grollt es sehr dunkel, dann hört man wellenartige Harfen- und Klarinettenklänge, die Solovioline spielt eine wehmütige Melodie, plötzlich erklingen kurz aufleuchtend dramatische Blechbläser und schließlich setzten sinnlich schwelgende Streicher ein.
Der Tenor und der Sopran singen keine Verse, sondern geben lautmalerisch ohne Worte die Sehnsucht der Liebenden wieder. Die Symphonie enthält viele kleine Melodien (z.B. auf der Flöte), die sich wie Verzierungen in die große Linie einfügen. Der Einfluß von Richard Strauss auf Alfven kommt in seiner Vierten besonders deutlich zur Geltung. Ansonsten finde ich auch Parallelen zur 2. Symphonie von Sergej Rachmaninov. Beide Werke tragen dieselbe sehnsüchtige Stimmung großer Liebesgeschichten in sich.

Ich kenne die Symphonie bislang in dieser Fassung:

http://www.jpc.de/image/cover/front/0/1992054.jpg

Wie immer gefällt mir Svetlanovs intensiver Dirigierstil außerordentlich gut. Die CD kommt schon gar nicht mehr aus dem Player.:) Der einzige Wermutstropfen besteht darin, das diese Liveaufnahme als e i n Track zu hören ist. Dadurch kann ich die einzelnen Sätze nicht exakt voneinander trennen.

Auf BIS gibt es eine Aufnahme mit Neeme Järvi. Die dürfte sicherlich ebenso einige Lauscher wert sein...

Herzliche Grüße!
Jörg
Rachmaninov (04.10.2007, 21:14):
Hallo,

eine wirkliche Bereicherung der Gattung stellt für mich das VK #1 von Eduard Tubin dar.
Mag man es, wenn man den ersten Satz hört, noch in eine Ecke mit dem bekannten Sibelius Konzert stecken wollen, aufgrund der "ähnlichen" Tonsprache bzw. vergleichbaren Tonsprache, so entsteht doch im zweiten und dritten Satz eine sehr eigene Gestallt und Wirkung. Der zweite Satz vor allembesticht durch eine wunderschöne melancholische Wirkung.

Ich kenne das Konzert in dieser Aufnahme.

http://www.mdt.co.uk/public/pictures/products/standard/BISCD286.jpg

Das GSO spielt gut und kraftvoll auf unter Järvi, nur der Geiger Mark Lubotsky könnte hier und da einen souveräneren Ton haben.
Wäre toll dieses Konzert mal mit einen absoluten Spitzengeiger zu hören...
HenningKolf (24.11.2007, 10:48):
Johan Peter Emilius Hartmann (* 14. Mai 1805 in Kopenhagen; † 10. März 1900 ebenda) war ein dänischer Komponist.

Hierzulande recht unbekannt, ist er in seinem Heimatland durchaus eine bekannte Größe. Schon der Vater war Hofmusicus in Kopenhagen. Johann Peter studierte Rechtswissenschaften und bekleidete wohl auch zunächst ein nicht musikbezogenes Staatsamt (die mir zugänglichen Quellen im internet sind diesbezüglich durchaus nicht eindeutig). Jedenfalls war er auch als Organist tätig und debütierte 1832 als Komponist. Hartmann gründete den dänischen Musikverein und hatte den Vorsitz bis zu seinem Tode - immerhin wurde er 94 Jahre alt - inne. Auch die Leitung des studentischen Gesangsvereins und des Organistenpostens an der Kopenhagener Garnisonskirche füllte er bis zu seinem Tode aus. Offensichtlich ein bis ins hohe Alter rüstiger Herr. Nach meinen Erkenntnissen stammt die letzte Komposition immerhin auch aus dem Jahre 1888.

Hartmann kann als durch und durch romantisch geprägt charakterisiert werden; neben zwei Sinfonien hat er vor allem Bühnenmusiken, Opern und andere Vokalwerke, aber auch Kammermusik hinterlassen. Ein speziell nordischer Charakter ist durchaus feststellbar, wenn auch schwer in Worte zu fassen (möglicherweise Bezüge zur und Anleihen bei der Volksmusik? - jedenfalls gerade bei Skandinaviern und Russen ein beliebtes Kompositionsmittel, ich kann es anhand meines Wissenstandes aber nicht konkret belegen).

Ich habe folgende Einspielung

http://www.dacapo-records.dk/images/covers/8_224097.jpg


Da das Bild nicht größer zu verlinken ist:

(von der Seite des Labels DaCapo entnommen)

Track listing
1. Yrsa op. 78 (1881)
Poco andante - Allegro risoluto, non troppo

2. Axel og Valborg op. 57 (1857)
Moderato assai, lugubre - Allegro non troppo

3. Hakon Jarl op 40 (1844)
Allegro non troppo - Poco più moderato - Allegro molto

4. Correggio op. 59 (1858)
Moderato non troppo

Guldhornene op. 11 (1832)
5. Moderato con passione
6. Moderato con brio
7. Allegro non troppo




Die Leitung hat Dausgaard, es spielt das Nationale Dänische Sinfonieorchester.
Mir gefällt die Musik sehr gut, besonders die späteren Kompositionen.

Da ich keine Vergleichseinspielungen habe ist es natürlich schwierig etwas zu der Interpretation zu sagen; aber ich würde meinen, dass diese ganz exquisit ist. Dausgaard ist, wenngleich nicht so sehr bekannt, meiner Meinung nach ein ganz hervorragender Dirigent, bevorzugt Transparenz und nicht allzu große Besetzungen, ohne deshalb zur HIP-Fraktion gerechnet werden zu müssen. Ich habe die Einspielung als mp3, aber auch dieses Format zeigt, dass die Aufnahme klangtechnisch hervorragend ist. Über kurz oder lang werde ich mir noch die eine oder andere Aufnahme des Komponisten zulegen.


Henning
Rachmaninov (28.11.2007, 20:01):
Der schwedische Klarinettist Martin Fröst hat mit seiner Einspielung der Klarinettenkonzerte von C. Nielsen und K. Aho jeweils ein Konzert aus dem 20. und eins aus dem 21. Jahrhundert aufgenommen, die trotz gänzlich unterschiedlicher Wirkung eine sehr stimmige CD ergeben.

Das Aho KOnzert wurde für Fröst, bzw. gemeinsam mit Fröst, erarbeitet. Die technischen Ansprüche sind enorm, wie man aus der Interview mit Fröst aus dem Grammophone Magazin May 2007 entnehmen kann.


http://www.jpc.de/image/w300/front/0/9355134.jpg

Sicherlich muss man nicht beide Werke zwingend besitzen, aber sie stellen sehr interessante Bereicherungen für den ambitionierten Hörer dar.

Fröst, Vänskä und das Lathi SO ist eine wunderbare und kalnglich sehr gute Aufnahme gelungen. Da teile ich (ausnahmesweise) sogar mal Gramophones "Editors Chaoice"

:times10
Cetay (inaktiv) (01.12.2007, 10:23):
Obwohl ich ein großer Fan von Sibelius bin und auch Nielsen sehr schätze, habe ich sonst fast nichts von Nordischen Komponisten.
Es gibt einfach viel zu viel zuviel interessante Musik da draussen. ?(

Allan Pettersson malt eher in grauen Farben. Dass der Musik dieses Komponisten häufig das Attribut "depressiv" verpasst wird, kann ich anhand der 7. Sinfonie gut nachvollziehen. Mir ist diese Musik etwas zu plakativ -beispielsweise wird ein bedrohlich düsteres Thema ständig wiederholt und dabei die Lautstärke immer mehr gesteigert- und ich empfinde die Architektur als nicht zwingend. Es gibt doch einige Längen und der stests dunkle Orchestersound ermüdet auf Dauer. Ganz klar, man respektiert sich, aber eine Freundschaft wird kaum draus.

http://www.euravent.co.uk/acatalog/DR031A.jpg

Aulis Sallinen ist hochinteressant, allerdings hat er absolut nichts spezifisch Nordisches an sich. Er gehört zu der postmodernen Komponistengeneration, die souverän über alles, was die Musikgeschichte bietet, verfügt und daraus eine ganz eigene Klangsprache entwickelt, die sehr modern, aber nicht avantgardistisch klingt. Besonders gut zu nachzuhören ist das in der 5. Sinfonie.

http://ecx.images-amazon.com/images/I/618Z2WTJ6PL._SS400_.gif
Nordolf (10.02.2008, 17:19):
Die Bedeutung von Janis Ivanovs als Komponist ist eng mit seiner Heimat Lettland verknüpft. Einerseits prägte ihn die Natur des lettischen Landstrichs Latgalien, in dem Ivanovs lange lebte und dessen malerische mit Seen durchsetzte Hügellandschaft seine Werke inspirierte. Andererseits wurde er von den politischen Ereignisse in seinem Land erfasst und musste hier seine Entscheidungen treffen: - insbesondere die sowjetische Besatzung spielte dabei eine große Rolle.

Es gibt - grob umrissen - vier unterschiedliche Etappen innerhalb seines Schaffens. Die Erste zeigt ihn als modernen Spätromantiker, der mit Klangfarben malt, die sich auch auf der Palette anderer russischer oder nordischer Komponisten (wie Scriabin oder Sibelius) finden. Dabei bleibt sein eigner Stil aber unüberhörbar: - ein gewisser tragödienhafter Gestus durchzieht sein ganzes Werk.

Die ersten drei Symphonien kennzeichnen ihn als lettischen Nationalromantiker, der sich aber gleichwohl mit Honegger, Strawinsky und Bartok auseinandergesetzt hat. Die 4. und 5. Symphonie greifen dann aber schon die Zeitstimmungen des Krieges auf. In den 50ziger Jahren arbeitet Ivanovs mit den sowjetischen Behörden zusammen. Es scheint, als sei er zeitweilig überzeugt gewesen, das der Nachbarstaat tatsächlich den Weg zu einer gerechteren und besseren Gesellschaft in seinem Land ebnen könne. Er orientiert sich jetzt am "sozialistischen Realismus".

1956 ist diese Phase aber wieder vorbei: - in der 8. Symphonie verarbeitet er seine desillusionierenden Erfahrungen. Danach machen sich die Einflüsse der Kompositionstechniken von Bartok oder Martinu immer mehr bemerkbar. Schließlich verwendet er Anfang der 60ziger Jahre auch Zwölftontechniken in einigen Werken. Am Ende dieses Jahrzehnts kehrt er jedoch zu einem neuromantischen Stil zurück, dem er bis zu seinem Tode im Jahre 1983 treu bleibt.


Die beiden wunderbaren Werke auf dieser CD kann ich nur empfehlen:

http://www.jpc.de/image/w600/front/0/0739574200720.jpg

Die symphonische Dichtung "Regenbogen" stammt aus dem Jahre 1939 und zaubert eine farbige impressionistische Stimmung - entrückte Streicher- und Harfenklänge dominieren das Werk.
1941 beendete Ivanovs seine 4. Symphonie "Atlantis", die sich im mythenhaften Gewand allegorisch auf den Krieg bezieht. Ursprünglich konzipierte Ivanovs sie wie ein Stück Musiktheater, in dem Pantomine, Tanz und spezielle Beleuchtungseffekte vorkommen sollten. Jedem Satz ist ein Programm vorangestellt: 1. Platons Überlieferung des Gesprächs zwischen einem Priester und dem griechischen Rechtsgelehrten Solon im Tempel der ägyptischen Göttin Neith, in dem Solon vom Untergang Atlantis' erfährt; 2. in der Haupstadt von Atlantis beten die Töchter des Meeres eine gigantische Statue Poseidons an; 3. Anbetung der Sonnenscheibe im heiligen Tempel; 4. der Zorn der Götter, das Schweigen nach der Zerstörung von Atlantis.
Das Booklet informiert mich darüber, das der 1. und 4. Satz in Sonatenform und die beiden Mittelsätze in einer dreiteiligen Form komponiert wurden. Die Musik bringt üppige spätromantische Klänge, viel tragisch schneidendes Blech, schwelgerische Stellen und Momente geschärfter Harmonik. Die Musik ist sehr visuell und bilderreich - das literarische Sujet legt das ja auch nahe. Besonders deutlich wird das im 2. Satz. Der geheimnisvoll klingende Einsatz des Frauenchores und die exotischen Harmonien erinnern an gewisse Filmmusiken aus dieser Zeit.


Mich persönlich haben diese beiden Werke sofort angesprochen und gefangengenommen. Vassili Sinaisky und das Lettische Nationalorchester spielen hier mit hörbarer Freude an den Orchesterfarben und voller Engagement.

Herzliche Grüsse!
Jörg
Rachmaninov (20.02.2008, 16:19):
Im Zusammenhang mit den "Meistern" des Nordens fällt mir auf, daß scheinbar die Komponisten dieser Region große Konzerte und Sinfonien komponieren.

Wie sieht es aber mit dem Klavierwerk aus?

Es gibt einige von Sibelius und Grieg, die hier aber außen vor sind.

Es gibt wohl werk evon Tubin, die ich aber nicht kenne!
Nordolf (20.02.2008, 17:56):
Hallo Rachmaninov!

Ich würde dir diese CD mit Leif Ove Andsnes ans Herz legen:

http://www.jpc.de/image/w600/front/0/0094637248720.jpg

Auf ihr sind Klavierwerke von norwegischen Komponisten zu hören. Neben Edvard Grieg spielt Andsnes Werke von Geirr Tveitt, David Monrad Johansen, Fartein Valen und Harald Saeverud: - allesamt haben im 20. Jahrhundert ihre Werke geschaffen.

Mir gefällt diese CD wegen ihrer vornehmlich introvertierten grüblerischen Stimmung sehr gut. Natürlich sind hier auch jede Menge nordisch-volkstümlich inspirierte Momente zu hören. Mein persönlicher Favorit ist Geirr Tveitt, der sehr erzählerisch-visuell komponiert.

Herzliche Grüsse!
Jörg
uhlmann (02.03.2008, 14:53):
ein spätromantiker ist der schwede wilhlem peterson-berger (1867-1942).

über leben und werk liest man hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Peterson-Berger

von cpo gibt es eine box mit den symphonien und diversen orchesterwerken (darunter auch ein violinkonzert), die ich seit einiger zeit besitze:

http://www.jpc.de/image/w600/front/0/0761203716029.jpg

wunderwerke darf man von peterson-berger nicht erwarten. seine musik ist klassisch spätromantisch, dabei oftmals recht plakativ, aber getragen von einer eigenen musiksprache, die nicht uninteressant ist. die symphonien sind weniger klassische symphonien als symphonische dichtungen mit einem vertonten programm, einer idee als ausgangspunkt. so soll etwa die zweite die sehnsucht nach dem klassischen griechenland schildern (was ich aber nicht so recht heraushören konnte).

peterson-berger hat auch diverse klavierwerke hinterlassen, von denen v.a. frösö blomster relativ bekannt und in meherern aufnahmen erhältlich ist. zudem hat er einige opern komponiert (und auch den text dazu geschrieben).
Nordolf (15.11.2008, 16:28):
http://www.jpc.de/image/w600/front/0/0761195100523.jpg

Peteris Vasks:

Symphony No. 2
John Storgards / Tampere Philharmonic Orchestra

Violin Concerto 'Tala Gaisma (Fernes Licht)'
Violine: John Storgards
Juha Kangas / Ostrobothnian Chamber Orchestra

2002


Der Beginn der 2. Symphonie wirkt wie ein Donnerschlag: - Maestoso im Fortissmo. Eine dunkel glühende Kriegsdramatik beherrscht die ersten zwei Minuten: - der Klimax wird uns aber versagt, der Sturm bricht ab und gleitet übergangslos in leise Holzbläser und eine lyrisch-elegische Stimmung über.

Der 1946 geborene Peteris Vasks gehört zu den Künstlern Lettlands, deren Kindheit und Jugend maßgeblich von der sowjetischen Besatzung geprägt wurde. Als Kind eines protestantischen Pfarrers durfte er zuerst nicht an der lettischen Musikakademie studieren - dazu musste er ins benachbarte Litauen gehen. Schließlich fand er einen Platz an der heimatlichen Akademie - nachdem er zwei Jahre Wehrdienst in der sowjetischen Armee geleistet hatte. Neben dem Komponieren betätigte er sich als Orchestermusiker.

Seine frühen Kompositionen waren aleatorischen Techniken und dem Einfluß der polnischen Avantgarde (besonders Lutoslawski) verpflichtet. Ähnlich aber wie die Polen Penderecki und Gorecki verband er später die hier erarbeitete Klanglichkeit mit einer neoromantischen Stilistik, die es ihm erlaubte, einen traditionellen, sofort zugänglichen Ausdruck von Emotionen mit einer modern herben, dissonanzenreichen, experimentellen Tonsprache zu verbinden.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion erlangte der Komponist in den 90iger Jahren einen gewissen Bekanntheitsgrad und wurde als Protagonist einer neuerwachten lettischen Kultur gepriesen. Dieser lettische Ton ist tatsächlich in den Kompositionen Vasks' zu spüren. Ähnlich wie in den Werken seines älteren Landsmannes Janis Ivanovs kommen hier melodische volkstümliche Wendungen vor, die sehr einprägsam wirken. Mit Ivanovs verbindet ihn auch ein ständig präsenter tragisch-elegischer Gestus in der Musik. Ansonsten gibt es genauso eine deutlich hörbare Nähe zu Dmitri Schostakowitsch.

Die beiden Werke auf dieser CD können mich restlos begeistern. Irgendwie packt mich die Musik von Vasks unmittelbar und bleibt selbst nach mehrmaligem Hören so faszinierend wie zu Beginn. Da will jemand etwas ganz direkt sagen. Es geht ihm nicht um das Ausprobieren von musikalischen Modellen, um Experimentierfelder, nicht darum etwas revolutionär Neues zu erschaffen, - dafür aber um einen persönlichen Selbstausdruck, der offenbar einen heimatverbundenen Charakter trägt. Das bewirkt wohl den Eindruck von Authenzität, der häufig im Zusammenhang mit Vasks geäußert wird und den ich teile.

Die 2. Symphonie wird vor allem von dem Kontrast zwischen bombastischer Dramatik und versunkener, lyrischer Stimmungszeichnung getragen. Es drängt sich mir das Bild einer idyllischen Landschaft auf, über das eine zerstörerische Kriegsfurie hinwegfegt. Es gibt eine Stelle, in der die Instrumente Vogelstimmen nachahmen. Aber die Bedrohung des Marsches bricht durch und bringt diese Stimmen zum schweigen. Die mächtigen Bläser und Pauken lassen den Einfluss von Schostakowitsch deutlich werden. Die Steigerungen brechen immer wieder abrupt ab, entwickeln sich aber aus den leisen Stellen organisch und mit feiner Abstufung heraus: - diese ganz Vorgehensweise erinnert ein wenig an Anton Bruckner.

Hochemotional ist auch das Konzert "Fernes Licht" für Violine und Streichorchester, welches der Komponist Gidon Kremer widmete. Zu Beginn hören wir atonale pfeifende Töne, die sich langsam zu einer elegischen Melodie ausformen, während ein langer, intervallartiger Streicherton erhalten bleibt, in den auch die Solovioline manchmal übergehen kann. Letztlich aber "weinen" die Violine und das Streichorchester in beseeligender emotionaler Entrückung, die Vasks Aussage zum Konzert unterstreicht: "'Fernes Licht' ist pure Nostalgie, die einen tragischen Zug besitzt. Es sind Kindheitserinnerungen, aber auch glitzernde Sterne Millionen Lichtjahre entfernt." Ausgedehnte Solokadenzen prägen das Werk genauso wie die langgezogenen, sehnsüchtigen Harmonien in voller Streicherbesetzung. Folkloristische Anklänge tauchen immer wieder auf. Das Konzert stürzt im Schlussteil allerdings in ein scharf dissonantes, vom Komponisten so genanntes "aleatorisches Chaos", bevor die letzten Minuten in stiller Melancholie und einem kurzen Aufbäumen enden.
Die Intensität des Werkes ist geradezu frappierend. Deshalb stellt es derzeit mein liebstes Violinkonzert dar.

Die Ausführenden sind hörbar mit viel Herz und Engagement bei der Sache: - John Storgards überzeugt mich sowohl als Dirgent als auch an der Violine.

Herzliche Grüsse!
Jörg
frau baur (17.11.2008, 17:58):
Lieber Nordolf:

Kennst Du diese Aufnahme:

http://ecx.images-amazon.com/images/I/31XonSWcGSL._SS400_.jpghttp://ecx.images-amazon.com/images/I/31LGRY-u1mL._SS400_.jpg

Fals möglich, bitte um kurze Nachricht.

Liebe Grüße :hello
Otilie Baur
Nordolf (17.11.2008, 21:41):
Liebe Otilie,

leider kenne ich diese CD nicht. Außer der oben besprochenen habe ich bislang noch die Ondine-Einspielung der Symphonie Nr. 3 und des Cellokonzertes (Marko Ylönen, John Storgards / Tampere PO).

Herzliche Grüsse!
Jörg
Rachmaninov (18.11.2008, 08:46):
Original von Nordolf
http://www.jpc.de/image/w600/front/0/0761195100523.jpg

Peteris Vasks:

Symphony No. 2
John Storgards / Tampere Philharmonic Orchestra

Violin Concerto 'Tala Gaisma (Fernes Licht)'
Violine: John Storgards
Juha Kangas / Ostrobothnian Chamber Orchestra

2002


Die beiden Werke auf dieser CD können mich restlos begeistern. Irgendwie packt mich die Musik von Vasks unmittelbar und bleibt selbst nach mehrmaligem Hören so faszinierend wie zu Beginn. Da will jemand etwas ganz direkt sagen. Es geht ihm nicht um das Ausprobieren von musikalischen Modellen, um Experimentierfelder, nicht darum etwas revolutionär Neues zu erschaffen, - dafür aber um einen persönlichen Selbstausdruck, der offenbar einen heimatverbundenen Charakter trägt. Das bewirkt wohl den Eindruck von Authenzität, der häufig im Zusammenhang mit Vasks geäußert wird und den ich teile.

...

Die 2. Symphonie wird vor allem von dem Kontrast zwischen bombastischer Dramatik und versunkener, lyrischer Stimmungszeichnung getragen. Es drängt sich mir das Bild einer idyllischen Landschaft auf, über das eine zerstörerische Kriegsfurie hinwegfegt. Es gibt eine Stelle, in der die Instrumente Vogelstimmen nachahmen. Aber die Bedrohung des Marsches bricht durch und bringt diese Stimmen zum schweigen. Die mächtigen Bläser und Pauken lassen den Einfluss von Schostakowitsch deutlich werden. Die Steigerungen brechen immer wieder abrupt ab, entwickeln sich aber aus den leisen Stellen organisch und mit feiner Abstufung heraus: - diese ganz Vorgehensweise erinnert ein wenig an Anton Bruckner.

Hochemotional ist auch das Konzert "Fernes Licht" für Violine und Streichorchester, welches der Komponist Gidon Kremer widmete. Zu Beginn hören wir atonale pfeifende Töne, die sich langsam zu einer elegischen Melodie ausformen, während ein langer, intervallartiger Streicherton erhalten bleibt, in den auch die Solovioline manchmal übergehen kann. Letztlich aber "weinen" die Violine und das Streichorchester in beseeligender emotionaler Entrückung, die Vasks Aussage zum Konzert unterstreicht: "'Fernes Licht' ist pure Nostalgie, die einen tragischen Zug besitzt. Es sind Kindheitserinnerungen, aber auch glitzernde Sterne Millionen Lichtjahre entfernt." Ausgedehnte Solokadenzen prägen das Werk genauso wie die langgezogenen, sehnsüchtigen Harmonien in voller Streicherbesetzung. Folkloristische Anklänge tauchen immer wieder auf. Das Konzert stürzt im Schlussteil allerdings in ein scharf dissonantes, vom Komponisten so genanntes "aleatorisches Chaos", bevor die letzten Minuten in stiller Melancholie und einem kurzen Aufbäumen enden.
Die Intensität des Werkes ist geradezu frappierend. Deshalb stellt es derzeit mein liebstes Violinkonzert dar.

Die Ausführenden sind hörbar mit viel Herz und Engagement bei der Sache: - John Storgards überzeugt mich sowohl als Dirgent als auch an der Violine.

Herzliche Grüsse!
Jörg

@Jörg,
Du bist einfach ein Meister der Worte :down

Ich besitze, so glaube ich, lediglich eine Aufnahmen mit Werken Vasks, diese jedoch mit G. Kremer.
Sobald meine Bestände wieder ordnungsgemäß gelagert werden und ich einen Überblick habe werde ich diese sofort hören.

Deine Schilderung der 2. Sinfonie klingt sehr spannend, diese Aufnahme sollte ich mir wohl beschaffen :D
uhlmann (26.11.2008, 10:15):
"ja, ich bin ein komponist der europäischen peripherie, und ich denke, dass die interessanteste musik in den peripherien europas geschrieben wird. wenn die musik der europäischen metropolen für mich trotz ihrer perfektion noch immer musikalischem esperanto gleicht, dann läßt die musik der eurpäischen peripherie ihre individuelle stimme erklingen. die musik der eurpäischen peripherie wird meist von komponisten kleiner länder geschrieben. in dieser musik können lebendige folklore, natur und sehr oft eine ungewöhnliche geistige kraft vernommen werden. arvo pärt und gija kancheli wären wohl unbekannte komponisten geblieben, hätten sie weiterhin nur in ihrer heimat gearbeitet. wären sie aber die komponisten geworden, die sie jetzt sind, wenn sie nicht aus estland oder georgien kommen würden?" peteris vasks

in meinem wien modern almanach von 1998 steht über vasks:

"unter den heutigen lettischen komponisten ist peteris vasks (*1946) die überragende persönlichkeit. mit den führenden estnischen tonsetzern teilt er die neigung zu wehmütigem schönklang, verzückter naturvision und innigem gebet. doch sind seine werke andererseits von delirierenden abschnitten, von katastrophen durchsetzt, die an das harte schicksal seines volkes erinnern sollen. immer wieder sind es die stimmen der vögel, die für ihn in einer von zerstörung ihrer grundlagen bedrohten welt vitalität symbolisieren und in korrespondenz mit der menschlichen stimme treten, die ganz profund der 'stimme des gewissens' gehorchen will. am unmittelbarsten und natürlichsten spricht sich vasks in seinen werken für streichorchester aus."

Original von frau baur
Lieber Nordolf:

Kennst Du diese Aufnahme:

http://ecx.images-amazon.com/images/I/31XonSWcGSL._SS400_.jpghttp://ecx.images-amazon.com/images/I/31LGRY-u1mL._SS400_.jpg

liebe otilie,

ich kenne diese aufnahmen. obige beschreibung über vasks passt perfekt auf diese stücke. es sind werke mit meditativem grundcharakter, ähnlich den werken pärts, jedoch durchsetzt von einzelnen, zum teil recht heftigen ausbrüchen und steigerungen. die melodik ist von einer ganz eigenen schönheit - wohl inspiriert von der volksmusik lettlands. die oben zitierten 'stimmen der vögel' hört man auf der cd exemplarisch im konzert für englischhorn, in dem er das solointrument quasi als einzelne vogelstimme gegen das orchester einsetzt. wenn man in der richtigen stimmung ist, kann man in dieser musik wunderbar versinken.

die obige anspielung vasks auf pärt und kancheli ist imo insoferne recht aufschlußreich, da man in vasks musik tatsächlich elemente der anderen beiden finden kann. von pärt übernimmt er die innig-meditative grundstimmung der stücke, von kancheli die fahrigen ausbrüche und den einsatz folkloristischen materials.
ab (16.12.2008, 15:09):
Vom Isländer Geirr Tveitt (1908-1981) ist erfreuliche zu berichten, dass es nicht nur die BIS-Aufnahmen gibt, sondern nun auch Naxos sich darum bemüht. Deren erste CD ist die Sinfonia de Soffiatori, die gerade gemeinsam mit Prinds Christian Frederiks Honnormarch; Det gamle Kvernhuset op. 204; Hymne til Fridomen; Sinfonietta di Soffiatori op. 203; Hardanger-Suiten Nr. 2, 4,5 erschienen ist.
The Royal Norwegian Navy Band, Bjarte Engeset

http://www.jpc.de/image/w600/front/0/0747313209576.jpg

Möge weiteres folgen!
kreisler (11.01.2009, 22:04):
Allan Pettersson malt eher in grauen Farben. Dass der Musik dieses Komponisten häufig das Attribut "depressiv" verpasst wird, kann ich anhand der 7. Sinfonie gut nachvollziehen. Mir ist diese Musik etwas zu plakativ -beispielsweise wird ein bedrohlich düsteres Thema ständig wiederholt und dabei die Lautstärke immer mehr gesteigert- und ich empfinde die Architektur als nicht zwingend. Es gibt doch einige Längen und der stests dunkle Orchestersound ermüdet auf Dauer.


Obwohl der Name schon gefallen ist, weill ich Allan Petterson umbedingt noch mal erwähnen.
Ich hatte nämlich vor kurzem ein ganz tolles "Erlebniss" mit seiner 8. Sinfonie: Beim Autofahren durch verschneite Schweitzer berge...hat wunderbar gepasst. Ich erwähne das deshalb, weil ich die oben erwähnten Argumente durchaus nachvollziehen kann, jedoch meine dass (ich jedenfalls) nach dem Anhören immer eine gewisse "Größe" oder Tiefe spüren kann. Ich meine man kann Petterson nicht leicht abtuen. Er ist, gerade weil er so eigen und einen so eigenen Weg gegangen ist, ein sehr interessanter Kommponist. Was meint ihr dazu?
satie (12.01.2009, 06:14):
Siehe dazu auch den eigenen Thread:

Die Sinfonien Allan Petterssons - nachtschwarze Brachial-Sinfonik?
http://www.das-klassikforum.de/thread.php?threadid=914
kreisler (12.01.2009, 19:49):
Oh, danke für den Hinweis, habe ich noch garnicht gesehen.

Amadeus Kreisler
Cetay (inaktiv) (21.10.2011, 11:58):
http://ecx.images-amazon.com/images/I/41fJS3D4TdL._SL500_AA300_.jpg

Aus dieser rundum gelungenen höchst empfehlenswerten CD höre ich in den letzten Tagen total zum Suchti mutiert immer wieder das Posaunenkonzert ((1924) von Launy Gröndahl (1886-1960). Die Posaunisten sind ja nicht gerade mit großem Repertoire gesegnet, aber dafür haben sie hier einen Kracher, um den sie die anderen Stiefinstrumentalisten beneiden müssten. Was mir besonders imponiert, ist der gelunge Balanceakt zwischen Eingängigkeit und Abstraktion oder einfacher: das hat fieseste Ohrwurmqualitäten ohne dass es dabei banal oder allzu volkstümlich klingen würde (kurz: keine Gassenhauer-Qualitäten). Die Themen und Motive passen zu dem Instrument wie die Faust aufs Auge; da hat einer wirklich ein ganz großes Gespür für die Möglichkeiten und Wirkung der Posaune gezeigt (ähnlich wie Mozart bei seinen Hornkonzerten). Das Orchester hat Begleit- und Kommentierfunktionen, nicht ohne die spezifische klangliche Raffinesse, die nordischen Komponisten zu eigen sein scheint. Schwermütig ist da allerdings nichts, das zwischen Klassizismus und Romantizismus jonglierende Konzert ist ein ernstes Spasspaket und Oberhaltung vom allerfeinsten.

:times10
Armin70 (21.10.2011, 22:18):
Das Posaunenkonzert von Launy Gröndahl ist in der Tat ein effektvolles, virtuoses und sehr kurzweiliges Instrumentalkonzert, das recht eingängig ist, ohne dabei trivial zu sein. Die von Cetay genannte Aufnahme kenne ich bis jetzt nicht aber bei simfy gibts ja die Möglichkeit, das nachzuholen.

Mir selbst liegt diese Aufnahme vor, die es übrigens auch bei simfy gibt:


Gröndahls Posaunenkonzert ist hier in der Orchesterfassung aufgenommen.

Diese ebenfalls empfehlenswerte CD enthält u. a. noch ein weiteres Posaunenkonzert eines skandinavischen Komponisten: Es handelt sich um den Schweden Gunnar de Frumerie (1908 - 1987).

Dieses Konzert hatte ein lange Entstehungszeit: Ursprünglich komponierte de Frumerie es im Jahr 1948 als Hornsonate. Dann arbeitete er es zur Violoncellosonate und dann schliesslich zum Violoncellokonzert um. Als de Frumerie in einem Konzert Christian Lindberg spielen hörte war er so beeindruckt, dass er dieses Violoncellokonzert kurz vor seinem Tod 1987 für Posaune umschrieb. In dieser Fassung hat dieses Konzert nicht mehr viel mit dem Ursprungsmaterial gemeinsam, so dass das Posaunenkonzert ein eigenständiges Werk darstellt.

Dem Solisten wird alles an Virtuosität abverlangt und die Solostimme bewegt sich von den tiefsten bis zu den höchsten Lagen der Tenorposaune. Musikalisch ist dieses Konzert sehr reizvoll: Eine Mischung aus einer gewissen herben Melancholie, impressionistischen Klängen bis hin zu einer rhapsodischen Freiheit, gewürzt mit ein paar volkstümlichen Anklängen im 3. Satz. Zudem ist das Orchester durchaus ein gleichberechtigter Partner und hat nicht nur Begleitfunktion.
Cantus Arcticus (26.10.2011, 11:35):
Hallo Forianer
ich habe gerade etwas auf Amazon entdeckt, was mich interessieren könnte:

Ture Rangström:
http://ecx.images-amazon.com/images/I/41Z3QB33FZL._SL500_AA300_.jpg

Kennt jemand von Euch diesen Komponisten und wenn ja, wie würdet ihr seine Musik beschreiben? Ich habe hier im Forum nichts gefunden bei meiner Recherche... muss aber nichts heissen......

Vielen Dank für's Feedback :thanks

Grüsse :hello
Stefan
Heike (26.10.2011, 16:40):
Nordolf hat schon etliches zu Rangström geschrieben, speziell auch genau zu dieser Box. Gib mal "Rangström" in die Suche ein und lasse dir die Treffer als Beiträge (!) anzeigen.
Heike
Nordolf (26.10.2011, 17:55):
Hallo Stefan!

Ich kopiere mal einfach einiges hierher, was ich im Gerade-Hören-Thread zu dieser Box geschrieben hatte:

Ture Rangström:
Dityrambe
Symphonie Nr. 1 "In memorian August Strindberg"
Frühlingshymne

Michail Jurowski / Norrköping Symphony Orchestra 1995

Hochdramatische spätromantische Klangfresken eines Komponisten, der zur Zeit der Uraufführung seiner "Dityrambe" im Jahre 1910 als radikaler "Wilder" in Schweden galt. Er selbst begriff diese als ein "Protestwerk", als eine Auflehnung seiner romantischen Natur gegen Idylle und Sentimentalität. Strindbergs Persönlichkeit ist die Inspiration für die beiden anderen Kompositionen gewesen. Auch ohne direktes Programm sind sie Beispiele für eine dezidiert literarisch-dichterisch inspirierte Musik. Es erscheint daher auch nicht verwunderlich, das Rangström einen seiner Schwerpunkte im Liederschaffen hatte.

Daraus Ture Rangströms 3. Symphonie "Lied unter den Sternen" (1929) und die 4. Symphonie "Anrufung - Symphonische Improvisationen für Orchester und Orgel" (1936).

Rangströms wildromantische Klangsprache ist etwas für die Liebhaber der freien Phantasie in der Musik. Der Schwede erzählt lyrische und dramatische Geschichten mit seinen Werken. Das Hauptthema der Dritten geht auf eine seiner Liederkompositionen ("Gebet in der Nacht) zurück und wird im Laufe des einsätzigen Stückes variiert. In diesem Sinne wollte er seine Symphonie als "Sololied ohne Worte in der Besetzung für großes Orchester" verstanden wissen. Rangström liess sich von einer nächtlichen Schiffsfahrt unter einem klaren Sternenhimmel inspirieren. Auch die Vierte mit ihrem Wechsel zwischen stürmisch-eruptiven und fliessend-lyrischen Passagen erweckt in mir Assoziationen an das Meer.

Ture Rangström: Symphonie Nr. 2 "Mein Land"

Das 1919 vollendete Werk verstand Rangström als Ausdruck seiner Liebe zu seinem Heimatland Schweden und als Protest gegen "die Verweichlichung seiner niedergedrückten Bewohner". Die drei Sätze tragen Titel, die mehr assoziativ als programmatisch zu verstehen sind: 1. Die Saga, 2. Der Wald, die Welle, die Sommernacht und 3. Der Traum. Die heroisch-tragischen Themen des ersten Satzes (in freier Sonatenform) passen zu Rangströms Absicht hier "abenteuerndes Wikingertemperament" und "grimmige Melancholie" darstellen zu wollen. Der zweite Satz verknüpft das Andante mit dem Scherzo: - lyrische, naturnahe Klangbilder weben eine geheimnisvolle Stimmung. Im dritten Satz (ein freies Rondo) kehrt der Komponist zur anfänglichen Heroik zurück: - sie trägt jetzt einen feierlich-aufrufenden Charakter.

Daraus die 1. Symphonie von Ture Rangström aus dem Jahre 1914.

:down :down :down

Dieses dem Schriftsteller August Strindberg gewidmete Werk gehört inzwischen zu meinen Lieblingssymphonien: - stürmisch bewegte Spätromantik, die reich an Dissonanzen ist.

Aus dieser Box nun:
Ture Rangström:
Symphonie Nr. 1 "In Memorian August Strindberg"
Dityramb

Michail Jurowski / Norrköping Symphony Orchestra 1995

Meisterwerke einer ungestümen, aufbrausenden Spätromantik...

Der russische Dirigent Michail Jurowski zeigt (genau wie bei der Schostakowitsch-Filmmusik-Box), das er es versteht, dramatische Musik zu inszinieren.

Herzliche Grüße!
Nordolf
Cantus Arcticus (26.10.2011, 21:03):
Original von Nordolf
Hallo Stefan!

Ich kopiere mal einfach einiges hierher, was ich im Gerade-Hören-Thread zu dieser Box geschrieben hatte:




Hallo Heike und Nordolf

Ich denke, ich brauche Urlaub :( :( :( :(
Wenn ich Tire statt Ture eingebe, kommt halt nichts.... :haha
Sorry for that.

Nordolf: Vielen Dank, ich schätze Deine Ausführungen immer sehr, da ich mich mit ihnen identifizieren kann. So auch hier wieder!

Viele Grüsse an euch beide.
Stefan
Nordolf (29.10.2011, 00:57):
Original von Cantus Arcticus

Nordolf: Vielen Dank, ich schätze Deine Ausführungen immer sehr, da ich mich mit ihnen identifizieren kann. So auch hier wieder!


Danke, Stefan, für die Blumen! :)

Ich habe seit langem wieder mal die 1. Symphonie "August Strindberg in Memoriam" von Ture Rangström aus dieser Box gehört und werde es wohl noch öfter tun. Wie wunderbar dramatisch diese Musik doch ist!

Die Symphonie soll keine musikalische Porträtmalerei des Schriftstellers Strindberg darstellen, sondern einen Prozess, eine "Erfahrung" (Rangström) wiedergeben: - es ist "ein junger Mann, der durchs Feuer gegangen ist". Die reiche Blechinstrumentierung beruht nach den eigenen Worten des Komponisten auf der Entstehungszeit der Symphonie: - dem Weltkriegsjahr 1914. Geschrieben hat Rangström sie während eines Urlaubs von seiner militärischen Ausbildung nach der Mobilmachung.

Der erste Satz ist überschrieben mit "Zeit des Aufruhrs": - dieses Allegro lässt die Hörner und Bläser schallen, weist aber auch lyrisch-schwelgende Züge auf. Danach kommen die Freunde des tragischen Pathos auf ihre Kosten: - das als "Legende" bezeichnete Andante stellt feierliche Streicherklänge und einen Begräbnismarsch in den Vordergrund. Das nachfolgende Scherzo, die "Zauberrune", beginnt auch recht unheilschwanger, um dann in eine geschwinde, "Grieg"-mäßige Bewegung zu verfallen. Das Finale, der "Kampf", wird seinem Namen vollständig gerecht. Das Blech dominiert, die Rhythmik ist aufrüttelnd und schroff, heroische Motive mit "Filmmusikqualität" beherrschen das Feld, das Ende des Satzes ist abrupt.

Herb-dissonante Spätromantik vom feinsten…

:hello
Nordolf
Nordolf (28.11.2011, 22:33):
Bei cpo ist die derzeit einzige Einspielung von Werken des norwegischen Komponisten Gerhard Schjelderup erschienen:

http://www.jpc.de/image/w600/front/0/0761203734825.jpg

Symphonisches Drama "Brand"
Symphonie Nr. 2 "Für Norwegen"

Eivind Aadland / Trondheim Symphony Orchestra 2007

Aufgewachsen an der norwegischen Westküste, ging Schjelderup als junger Mann nach Paris, um schließlich den Großteil seines Lebens in Deutschland zu verbringen. Sein größter Einfluß war erklärtermaßen Richard Wagner – andere Einflüße kamen von Liszt und Bruckner. Sein Landsmann Edvard Grieg spielte ebenfalls eine gewisse Rolle für das musikalische Schaffen Schjelderups. Schjelderup veröffentlichte Monographien über Grieg und über Wagner.
Der Norweger wollte ganz dezidiert in der Nachfolge Richard Wagners und seiner musikalischen Dramen stehen. Er hat neun Musikdramen komponiert, die aber anders als die Werke des deutschen Komponisten nicht sagenhafte oder mythische Inhalte verarbeiteten, sondern unter dem Einfluß der psychologisch motivierten Literatur nordischer Autoren wie Hamsun oder Ibsen standen. Einspielungen seiner Bühnenwerke gibt es bis heute nicht, obwohl Schjelderup als bedeutenster norwegischer Opernkomponist seiner Zeit gilt. Er hat aber auch zwei Symphonien und andere symphonische Werke geschrieben.

Das zwischen 1908 und 1910 entstandene, instrumentale Drama "Brand" beruht auf einem Theaterstück von Henrik Ibsen, in dem es um einen jungen Priester geht, der kompromißlos eine gewisse herb-ethische, kämpferische Protestantenhaltung vertritt und diese unter dem Motto "Alles oder nichts!" gegenüber seinen Mitmenschen durchzusetzen versucht. Am Ende stirbt Brand.
Schjelderup gestaltet diesen Stoff als eine ca. halbstündige symphonische Dichtung, der er ein erläuterndes Programm zugrunde legt. Wenn ich die ersten Klänge der "Wanderung durch Sturm und Nebel zum höchsten Gipfel" am Beginn von "Brand" höre, muss ich sofort an Wagner denken: - die Musik malt einen gewittrigen Sturm, der besonders von den dramatisierenden Blechbläsern charakterisiert wird. Die symphonische Dichtung enthält auch viele lyrische, warme Stellen: - gleich nach der Sturmwanderung folgt ein zartes Portrait von Agnes, der Geliebten Brands. Aber die schweren Orchesterausbrüche und fanfarenartigen Blechbläser hinterlassen den größten Eindruck – die ganze Musik scheint zu stürmen und zu drängen. Die Überschrift zu Brands Gottesvision am Ende des Werks bringt es auf den Punkt: - "Mein Gott ist Sturm!"

Seine Norwegen gewidmete 2. Symphonie schrieb Schjeldrup in den Jahren 1923/24 in Deutschland. Der erste Satz heißt "Das Meer": - er beschreibt nach den Worten des Komponisten die "düstere, tiefe, überwältigend mächtige, todbringende See vor der beinahe endlosen Küste Norwegens". Dementsprechend lastet eine düstere Schwere über dem längsten Satz dieser Symphonie. Tief grollende Klänge türmen sich immer wieder zu reich instrumentierten, unheilvollen Höhepunkten auf. Fliessende, ruhige "Ebbe"-Momente bereiten die dunkle "Flut" vor. Die düstere Eindringlichkeit dieser Musik wird von der leichten Scherzo-Luftigkeit des mit "Frühling" überschriebenen zweiten Satzes abgelöst. Im dritten Satz "Auf der Hochebene" verbreiten folkloristische Melodien naturhafte Stimmungen. Die ersten Töne des vierten Satzes "Auf zu den höchsten Gipfeln!" brechen mit majestätischen Pathos in den Klangraum, um aber bald in tänzerische Bewegung versetzt zu werden. Ich fühle mich wie in einem Bruckner-Scherzo. Die düsteren Elemente des ersten Satzes kehren wieder, um schließlich in einem triumphierenden Choral zu enden.

Dramatische Musik, die genau meinen Geschmack trifft…

Herzliche Grüße!
Jörg
satie (17.08.2012, 12:05):
Original von Nordolf
http://www.jpc.de/image/cover/front/0/7008223.jpg
:down :down :down



Ruded Langgaard ist das "enfant terrible" der dänische Musik. Zeit seines Lebens kämpfte er um seine Anerkennung als Komponist. Mit 47 Jahren konnte er sich wenigstens seinen bescheidensten Wunsch erfüllen: - eine Anstellung als Kirchenorganist... Na super...:(

...


Gerade habe ich beim Herumstöbern bei youtube Langgaards "Sphärenmusik" von 1918 entdeckt. Ein Wahnsinn, wie experimentell dieses Stück für die Zeit war. Mir gefallen seine anderen Werke weniger, wenn sie auch streckenweise unglaubliche Einfälle zeigen. Aber diese Sphärenmusik ist wirklich hörenswert:
http://www.youtube.com/watch?v=tHLhf7D0ZMY

Sehr schön ist auch die Geschichte, wie das Werk durch Ligeti "entdeckt" wurde...
http://www.youtube.com/watch?v=0OX_4cJyhgI&feature=related

Herzlich,
S A T I E
Cetay (inaktiv) (29.08.2012, 22:33):
"Eine Verschwörung des Stillschweigens hat sich über seine bemerkenswerten musikalischen Meisterwerke gelegt." So äußerte sich Glenn Gould über die groteske Mißachtung von Fartein Valen im musikhistorischen Kanon.
Warum ist Valen so bedeutend? Hemdsärmlig gesagt, verhält sich Valen zu Bruckner wie Schönberg zu Brahms bzw. Berg zu Mahler. Man höre den Auftakt der 4. Sinfonie, wie die Termoli aus dem Nichts ins Dasein treten, von langezogenen Holzbläser-Motiven begleitet und schließlich die erste Motive aufbauend ... jeder Bruckner-Freund wird sofort in Hab-Acht Stellung gehen. Die konsequente Weigerung, tonale Zentren zu bilden, outet Valen schnell als Klassischen Modernen, das war es dann aber hinsichtliich der Gemeinsamkeiten mit der Neuen Wiener Schule. Für Valen dient Atonalität und 12-Tönigkeit lediglich dazu, die Musik ständig im Schwebezustand zu halten; der oben verlinkte Artikel ist mit Freischwebendes Polymelos überschrieben und das trifft den Nagel auf den Kopf. Bei Valen wandern die Motive in immer neuen Abwandlungen durch die Instrumentengruppen. Das ist faszinierend anzuhören und wirkt gerade durch den Rückgriff auf althergebrachte Formenkonzepte unfassbar zwingend, mit großangelegten Steigerungen, die eben an Bruckner gemahnen und Satzschlüssen von einer einzigartigen auf-den-Punkt Konsequenz.

Bei den früheren Sinfonien steckt Valen für meinen Geschmack noch zu sehr in spätromantischen Vorstellungen fest; das wirkt auf mich dann doch etwas schwülstig und überladen. Aber die Vierte (geschrieben 1947-48) wirkt wie ein Befreiungsschlag. Die radikale Entschlackungskur macht die motivisch-polyphone Arbeit im Allegro-Satz fast schon pornographisch durchhörbar. Dazu kommen Anklänge an Sibelius (wie könnte es bei einem Skandinavier anders sein?) im langsamen Larghetto-Satz, der auch irgendwo auch ein Scherzo ist (Mozart lässt grüßen). Absoluter Höhepunkt ist dann die Moderato überschriebene Chaconne. Das wirkt wie eine Synthese der vorherigen Sätze, ehe ein simples Motiv -zunächst in den Hörnern- den Schwebezustand aufhebt, nach und nach in Abwandlungen auf das ganze Orchester übergreift und in einem langen Spannungsbogen schließlich die Oberhand gewinnt, wonach das Werk unmittelbar abbricht. Das ist ganz große absolute Kunst. Obwohl sich Fartein Valen früh von der Nationalromantik abgewandt hatte und für seine "schwierige" Musik Missfallen von den Nationalisten erntete, bleibt dennoch eine "skandinavische" Grundstimmung erhalten, die der Einzigartigkeit seiner 4. Sinfonie die Krone aufsetzt.

http://ecx.images-amazon.com/images/I/513EzkL5HAL._SL500_AA300_.jpg
Maurice inaktiv (13.03.2013, 12:31):
Ich kenne die hier erwähnten Komponisten fast alle,auch habe ich viele der hier erwähnten Einspielungen in meiner Sammlung,teilweise aber auch wieder weggegeben,da mein Platz nur sehr eingeschränkt ist.

Valen hatte ich ebenfalls mir vor vielen Jahren zugelegt,aber trott aller Bemühungen haben swich seine Werke mir schlicht und einfach nicht erschlossen.

Ich kann keinerlei Bezug zu Bruckner feststellen,aber dafür um so mehr den Bezug zu Schönberg,Berg&Co.Und mit den Zwölftönern habe ich so meine sehr großen Probleme.

Ture Rangström ist da weitaus leichter zu verdauen,weil seine Musik im tonalen Bereich liegt.

Peterson-Berger gehört ebenfalls in die Ecke "Spätromantisch",auch hier dürfte man mit klarkommen,wie ich auch getan habe.

Allan Pettersson hatte ich mir fast komplett zugelegt,aber das doch sehr düstere,fast schon selbstmörderisch geschriebene Art schlug mir zu sehr auf den Magen.Auch hier musste ich leider kapitulieren. :(

Doch es gibt einen Komponisten,der hier noch nicht erwähnt wurde,das ist Viktor Bendix.auch er ein Spätromantiker,dessen vier wunderschöne Sinfonien erhälltlich sind,wenn auch nur in einer nicht ganz befriedigenden Doppel-CD mit dem Philharmonischen Orchester von Omsk unter Jewgenij Schestakow.Das Orchester ist leider nicht so wirklich gut,aber die Sinfonien sind es wert gehört und gespielt zu werden.

Da jemand den Dirigenten Thomas Dausgaard erwähnt hat,muss ich auch hier noch einmal meinen Senf dazu geben.Mir gefällt seine Art und auch seine Auswahl an selten aufgenommenen Komponisten sehr gut.

Er wurde 1963 geboren,ist wird also dieses Jahr 50 Jahre alt,und bekam seine Ausbildung in Kopenhagen und am Royal College of Music in London bei der Ikone Norman Del Mar.

1992-1995 war er unter der Assistent Seiji Ozawas beom Boston SO,debutierte aber auch bei den St.Petersburgern Philharmonikern,dem BBC Symphony Orchestra und dem Philharmonischen Orchester von Oslo.

Bereits 1993 bekam er den Dänischen Musikkritikerpreis.

2001-2004 war er erster Gastdirigent,dann bis 2010 Chefdirigent des Dänischen Nationalorchesters.

Seine Gesamteinspieluing der Sinfonien von Franz Berwald sind absolut erstklassig,und dürften kaum zu toppen sein.Ursprünglich bei Chandos veröffentlicht,gibt es sie günstig bei Brilliant Classics zum Schnäppchenpreis.

Hier gleich eine weitere Empfehlung mit ihm am Pult : Die Sinfonien des dänischen Komponisten Asger Hamerik.Er schrieb von 1879-1898 sieben Sinfonien,die letzte aber als "Chorsinfonie",die er dann 1901-1906 revidierte.

Ich habe nur die Nr.1-4 von Dausgaard,Br.5-6 aber bald ebenso.Sie werden als Gesamtaufnahmen bei Amazon angeboten,aber auch die Einzelaufnahmen sind dort recht günstig zu erwerben,so dass man reinhören kann.

Das Heslinborg Symphony Orchestra ist aber nur ein B-Orchester,der einzige Nachteil dieser Aufnahmen.Doch schlecht spielen die nicht,aber eben nicht überragend.

Nr,6 habe ich in der CPO-Aufnahme mit Johannes Goritzki,die von den Fachzeitschriften als "sehr gut" eingestuft wurden.

Niels Gade wurde auch hier nicht erwähnt,falls ich das richtig gesehen habe.Auch hier gibt es Nachholbedarf,denn Gade ist zusammen mit Hamerik doch Dänemarks bedeutendster Komponist.

Ein weiterer Kandidat zum Anhören ist Christian Sinding.Er ist neben Grieg und Svendsen Norwegens bedeutendster Komponist.Stilistisch steht er Wagner nahe,findet aber auch eigene Facetten bei ihm,dazu natürlich eine Portion norwegische Volksmusik,wenn auch weniger stark als dies bei Grieg der Fall war.

Alle vier Sinfonien wurden von Ari Raslilainen mit dem Norwegischen Radioorchester eingespielt und auf Finnlandia veröffentlicht.Auch hier ist ein moderner Dirigent zu Werke,der mir insgesamt sehr gut gefällt,und immer wieder mal mit seltenen Werken auffällt.

So,jetzt hoffe ich,auch hier einige Leute zu neuen Komponisten hingewiesen zu haben.....
Maurice inaktiv (13.03.2013, 12:35):
Ich habe leidere Wilhelm Stenhammar vergessen!!!!Auch hier gibt es zwei Gesamteinspielungen seiner nicht gerade großen Zahl von Sinfonien,nämlich zwei Mal mit Neeme Järvi am Pult.

Einmal auf BIS veröffentlicht (und auch auf Brilliant Classics,wenn ich es richtig im Kopf habe),und einmal auf der DG,die angeblich die besseren AUfnahmen sein sollen.

Ich habe bisher nur die Zweite Sinfonie von Naxos in meinem Besitz,die DG unter Järvi ist unterwegs.Hier scheint aber die Naxos-Aufnahme nicht so doll gelungen zu sein,aber ich möchte die Järvi-CDs abwarten.
Sfantu (17.02.2021, 17:00):
Aulis Sallinen ist hochinteressant, allerdings hat er absolut nichts spezifisch Nordisches an sich.
Gegenfrage: Wie muß Musik klingen, um spezifisch nordisch zu sein?
Kann es nicht sein, daß wir es hier mit einem Phantom zu tun haben?
Philidor (17.02.2021, 17:36):
Gegenfrage: Wie muß Musik klingen, um spezifisch nordisch zu sein?
Kann es nicht sein, daß wir es hier mit einem Phantom zu tun haben?
Hier eine high-level-Antwort aus einem Briefwechsel zwischen Per Nørgård und Jean SIbelius. Möge sie nciht als Affront missverstanden werden. ("high level" bezieht sich dabei alleinig auf die Wertschätzung, welche beide Komponisten heute genießen.)

Nørgård schrieb: „Ihre Musik ist auf eine Weise, die die Musik ihrer Zeitgenossen weit übertrifft, mit den grundlegenden, innersten und völlig zeitlosen Kräften des Daseins, mit der Natur im weitesten Sinne, verbunden, Diese mystische Verbundenheit mit dem Dasein empfand ich und erkannte zugleich meine eigene Natur als dieses undefinierbare Nördliche. Die saubere, nördliche Luft, die starke Dunkelheit und das glasklare, unverschleierte Licht, dieses, das nordische Naturgefühl, gehört für mich heute zum Kostbarsten meines Lebens.“.

Sibelius antwortete: „Es überrascht mich, wie tief sie in meiner Musik eingedrungen sind. Nur selten habe ich Briefe bekommen, die meinem Schaffen ein solches Verständnis entgegenbringen.“

Zumindest Nørgård spricht also von einem "undefinierbar Nördlichem" und einem "nordischen Naturgefühl".

Gruß
Philidor

:hello
Andréjo (17.02.2021, 17:42):
Die Gegenfrage stelle ich mir schon auch gern ... und noch lieber setze ich eine Antwort voraus ... :P :D

Die einfachste Antwort wäre: irgendwie so ähnlich, wie auch Nielsen oder Sibelius oder bereits Berwald oder später - was weiß ich - Jon Leifs klingen.

Die nächste Antwort wären individualübergreifende Klischees aus dem Bereich anderer Sinneswahrnehmungen: kühl, frisch, nach weiter Landschaft, wie gemeißelt, aber zerfklüftet, pathetisch, hart, dunkel ... im zweiten Schritt käme dann wieder die erste, die einfachste Antwort, mit Beispielen. Das nennt man wohl ein heuristisches Vorgehen ...

Der absolute Kenner würde auf innermusikalische Eigenheiten zurückgreifen. Da ist dann bei mir bereits das Ende einer Fahnenstange erreicht - leider das Ende meines Kompetenzwimpels. Denn Pentatonik gibt es auch im Süden, Westen und Osten, ebenso Ostinati, offene Harmonik, leittonfreie Skalen. Ganz zu schweigen von scheinbar unverwechselbarer Tanzrhythmik oder Volksmelodik. Sie ist eben in der seltensten Fällen typisch für nur eine bestimmte Region.

Vielleicht tatsächlich keine Barcarolen-Rhythmik, kein Saltarello, kein Fandango, kein Sirtaki. Der Tango indes ... :P

Ich vermute gewisse Klischees, die sich bei aller Fragwürdigkeit durchgesetzt haben, die man gegebenenfalls überkultiviert auf der Rezeptionsebene, die man auf der Beschreibungsebene stillschweigend voraussetzt oder einfach nur suggeriert. Ich vermute ebenfalls, dass das Körnchen Wahrheit darin auch größer sein kann. Was ich kaum glaube: Dass man dieses Spezifische jenseits eines Minimums an Metaphorik festmachen kann und eben auch nicht an eindeutigen musikalischen Kriterien - zumindest nicht jenseits einer gewissen statistischen Häufigkeit.

Unwahrscheinlich konkret, die letzten drei Zeilen ...

Ein Phantom mit einem Umriss quasi. kein schwarzes Loch, eher ein Seeungeheuer, denn dahinter steht wohl schon eine klischierte Form, die man voraussetzen kann und die für ein stillschweigendes Übereinkommen und als Basis für eine Detaildiskusison dienen kann, die aber eben nicht reicht für eine differenzierte, für eine reale Beschreibung.

Für den Versuch einer besseren Antwort müsste ich mich informieren - falls das helfen würde. Und da wäre ich mir überhaupt nicht sicher.

:) Wolfgang
Philidor (17.02.2021, 17:52):
Dass Sibelius seine Sinfonien aus der Dialektik der Sonatenhauptsatzform in evolutionäre Formen verwandelte, kam mir stets spezifisch nordisch vor. Aber warum eigentlich?

Nordisch ist wohl der Kalevala-Sprachrhythmus - die erste Silbe ist lang. Vergleiche das Hornthema im Kopfsatz der dritten Sinfonie von Sibelius oder das "Aino"-Thema (Posaune) in der siebten. Nicht sonderlich spezifisch, ok ...

Gruß
Philidor

:hello
Andréjo (17.02.2021, 17:54):
Natürlich wüsste ich nicht, was ich gegen die Antwort von Philidor einzuwenden hätte. Sie verfolgt einen anderen Minimalansatz als ich - sie zitiert Betroffene. Das ist - ohne jede Ironie! - besser, als was ich gemacht habe, es verhält sich aber zumindest komplementär dazu.

Für mich klingt Nørgård wiederum nirgends nordisch. Seltsam? Ob ich das begründen kann? Schwer zu sagen. Ex negativo vielleicht, indem ich darauf hinweise, was für mich alles nicht passt. Bis dann jemand kommt und mir erklärt, warum eben doch ... Hat er sich selber als nordischen Komponisten empfunden? Vielleicht weiß Philidor dazu etwas zu sagen. Ich könnte mir vorstellen, dass jene Avantgarde, von der auch ein Postmoderner wie Nørgård
sich angesprochen fühlt, solche Klischees eher von sich weisen würde. Sehr vereinfacht formuliert, dürften die sich einer Schule zugehörig fühlenden Modernen seit spätestens den Fünfzigern bewusst international in ihrer Sprache sein.
Andréjo (17.02.2021, 18:00):
Dass Sibelius seine Sinfonien aus der Dialektik der Sonatenhauptsatzform in evolutionäre Formen verwandelte, kam mir stets spezifisch nordisch vor. Aber warum eigentlich?

Dann wäre Brahms bereits ein kleiner Nordmann - nun, ist er ja auch. Doch - mir kommt das auch nordisch vor, dieses Evolutionäre. Aber ist das haltbar? Man könnte das Pferd von zwei Seiten zäumen: Einerseits löst Sibelius die idealistische Dialektik auf, andererseits schreibt er aus der Sicht eines - voreingenommenen - Adorno auch nicht evolutionär, sondern nur chaotisch oder zumindest nordisch zerklüftet.

Sind die mathematischen Reihen eines Nørgård nun streng oder chaotisch?
Philidor (17.02.2021, 18:22):
Für mich klingt Nørgård wiederum nirgends nordisch.
Die erste finde ich ziemlich nordisch, ohne genauer sagen zu können, warum. Bei der Wölffli-Phase habe ich so meine Zweifel.
Dann wäre Brahms bereits ein kleiner Nordmann - nun, ist er ja auch.
Was empfindest Du bei Brahms evolutionär? Die sog. "entwickelnde Variation"?
sondern nur chaotisch oder zumindest nordisch zerklüftet.
Wo findest Du Sibelius chaotisch? - MIr kommen gerade Sibelius' Sinfonien hochgradig geordnet vor. Bei Bruckner finde ich manches austauschbar - was ein gewisser Haas ja sogar gemacht hat, und Dirigenten mit höchstem Pedigree haben das übernommen.
Sind die mathematischen Reihen eines Nørgård nun streng oder chaotisch?
Das ist kein Widerspruch.

Zum Beispiel scheinen die Ziffern in der Dezimalbruchentwicklung von

Pi = 3,141592653589793238462643383279502884197169399375105820974944592307816406286208998628034825342117067982148086513282306647...

völlig chaotisch und genügen auch so ziemlich allen Kriterien, mit denen man Zufallsgeneratoren testet, sind aber gleichzeitig völlig streng definiert.

Gruß
Philidor

:hello
Andréjo (17.02.2021, 21:02):
Bei Sibelius habe ich mich eher auf das negative Urteil Adornos bezogen. Es ist nicht wirklich meine Meinung, wobei das Fragmentarisch-Zerklüftete etwa in der vierten und der siebten Sinfonie schon solche Züge trägt. Es ist eine zumindest vordergründig kaum greifbare Struktur. Aber bei näherer Betrachtung kann man wohl nicht von Chaotik sprechen.

Brahms verfolgt nicht mehr das in seiner thematisch oft simplen Kontrastwirkung klar dualistische Wetlbild des (mittleren, tendenziell nicht mehr des späten !!) Meisters Beethoven. Ja, ich denke vor allem an die "sich entwickelnde Variation". Alles natürlich cum grano salis - allein schon, weil ich ansonsten nachlesen müsste.

Und Deine Antwort auf die mathematischen Reihen bei Nørgård hat mich insofern ein klein wenig verblüfft, als ich die Problematik also intuitiv erfasst habe quasi. Denn von der Sache verstehe ich nichts. :D

Einen schönen Abend wünscht

Wolfgang
Philidor (17.02.2021, 21:15):
Es ist eine zumindest vordergründig kaum greifbare Struktur.
Beispiel Sinfonie 4 - den Kopfsatz würde ich wie folgt gliedern:

1. Teil, expositionsartig
Thema A (Fg, Celli, Kb)
Thema B (Solocello, dann Weiterverarbeitung in den anderen Streichern)
Bereich C (Akkordblöcke mit Thema A, Hornquinten, Bläserchoralfragment)
Thema B
Thema A ohne Tritonus

2. Teil, durchführungsartig, sehr frei, „lost in space“

3. Teil, reprisenartig
Bereich C (Akkordblöcke mit Thema A, Hornquinten, Bläserchoralfragment)
Thema B
Thema A ohne Tritonus, nochmals verändert (kleine Sekunde am Schluss)

Mal abgesehen vom 2. Teil finde ich das ziemlich regulär. Fast eine Sonatenhauptsatzform - mit Expo in Bogenform und verkürzter Reprise.

Im dritten Satz gibt es den Kampf zwischen zwei Kräften. Zwei Themen (A und B) werden nacheinander exponiert und dann abwechselnd durchgeführt, so dass man als Ablauf erhält: A – B – A1 – B1 – A2 – B2 – A3 – B3 – A4 – B4 – A5. Das Thema von A umfasst einen Tritonus (a - h - c - e - dis), es steht für die bösen Kräfte. Thema B beginnt mit einem Hörnerchoral, das sind die guten.

Gut gegen Böse, Licht gegen Dunkel, Tag gegen Nacht, Thor gegen die Jöten. Kann man nordisch empfinden.

Gruß
Philidor

:hello
Andréjo (17.02.2021, 23:04):
Jo, danke Dir! Also auch hier ein markantes Dualismus-Prinzip. Nicht, dass mich solches überraschen würde ...

Und noch etwas eigentlich Paradoxes fällt mir dabei eben auf - wiederum: cum grano salis, allein durch Hörerfahrung, quantitativ und qualitativ, motiviert. Vielleicht also doch Geschwätz ...

Beethoven ist nun nicht für seine Melodien bekannt - auch wenn sie so schön geschwungen sein mögen wie zum Beispiel in einigen der mittleren Violinsonaten, aber das sind eher die Ausnahmen. Man nehme die Fünfte: vier Töne, zwei verschiedene, große Terz am Anfang, und so weiter. Nähe zur markanten Kleinmotivik. Und das ist nun nicht die Ausnahme. Ist die Materialfülle bei Sibelius 4 oder 7 so viel anders? Nein. Dualismus versus Entwicklung ja, aber doch problematisch und stets angreifbar - Motivarbeit seltsam ähnlich. Von den letzten Streichquartetten will ich gar nicht erst reden.

Irgendwie sind das vielleicht doch keine guten Kriterien zur Unterscheidung von Beethoven und Sibelius. So viele Fässer zum Aufmachen ... :D :)
Sfantu (20.02.2021, 09:28):
Andréjo & Philidor,

eure Gedanken zum Thema finde ich sehr lehrreich. & sie haben mir einiges Neue erschlossen.
Zumindest Nørgård & Sibelius beanspruchen also eine Art nordisches Naturempfinden in der oder für die Musik. Genauer gesagt: Nørgård meint es in Sibelius' Werken auszumachen & Sibelius widerspricht dem nicht. Mehr noch: er fühlt sich verstanden.
Etwas spezifisch "Nordisches" scheint indes weiter ein "Phantom mit einem Umriß" zu sein (grandiose Formulierung, übrigens!).

Zum Fortspinnen dieser & ähnlicher Gedanken wechsle ich nun in diesen Faden - & ich hoffe auf euer Einverständnis.
Philidor (20.02.2021, 09:55):
Hallo Sfantu, danke für Deine Worte!
Etwas spezifisch "Nordisches" scheint indes weiter ein "Phantom mit einem Umriß" zu sein (grandiose Formulierung, übrigens!).
Stimmt, grandiose Formulierung. SIe bringt die Ungreifbarkeit des Phänomens, die ja auch Nørgård klar benennt, super auf den Punkt.
ich hoffe auf euer Einverständnis.
Alles fein.

Gruß
Philidor

:hello
Andréjo (20.02.2021, 11:21):
Danke auch von meiner Seite!
Philidor (23.02.2021, 18:07):
Hier noch ein Denkversuch. Der Beginn von Mahlers Erster im Vergleich zum Beginn von Sibelius‘ Erster.

Bei Mahler wird eine dreidimensionale Bühne aufgebaut. Oberer Rand Violinflageolett, unterer Rand das tiefe A der Kontrabässe. Holzbläser und Hörner vorne, Trompeten in der Ferne/hinten. Violinen rechts und links. Die stilisierten Kuckucksrufe können räumlich einsortiert werden, ebenso die heimatlichen Hörnerklänge, ebenso die forcierten Pizzicati.

Den Quartfällen entwächst das erste Thema.

"Symphonie heißt mir eben: mit allen Mitteln der vorhandenen Technik eine Welt aufbauen" – nicht erst in den Dritten.

Paukenwirbel bei Sibelius. Eine einsame Klarinette im Irgendwo. Keine Umgebung, keine Reaktion anderer Stimmen, keine Interaktion. Die Klarinette bleibt einsam, bis die tremolierenden Violinen das erste Thema eröffnen.

Ähnliches auch im dritten Satz der vierten von Sibelius – die einsame Stimme mit Tritonus im Klagegesang, später im Wechsel mit diatonischem Hörnerchoral.

Gibt es bei Mahler einsame Stimmen? Hm … die Posaune mit Kopfsatz der Dritten („was mir das Felsgebirge erzählt“)? Die Einleitung zum letzten Satz der Neunten? Das Kontrafagott im zweiten Thema dieses Satzes? Weiß nicht … Mahlers Sinfonien sind irgendwie sozial, da findet Kommunikation statt, da gibt es ein Miteinander.

Bei Sibelius ist’s manchmal karg und einsam. – Auch die „transzendenten“ Abschnitte im dritten Satz von Mahler 9 und im Finale dieser Sinfonie sind irgendwie eingebettet in ein Ganzes. Bei Sibelius ist das vielleicht nicht immer so.

Gruß
Philidor

:hello