Mendelssohn - Sinfonie Nr. 1 c-moll op. 11

Sfantu (12.02.2024, 20:07):
Erstlingswerke bergen nicht selten nicht wenige Tücken in sich.
Der ambitionierte Komponist will Alles und noch mehr. Es werden das ganze Können und die bisher gesammelte Erfahrung in die Waagschale gelegt, es soll ein Fanal gesetzt werden. Die Ergebnisse überzeugen nicht immer und nicht immer nachhaltig. Das Ausnahme-Wunderkind Mendelssohn zähle ich allerdings zu den gelungeneren Beispielen. Im Grunde ist seine Erste ja auch bereits seine Dreizehnte. Denn als sie entstand, hatte der junge Felix bereits 12 erstaunlich reife Streichersinfonien zu Papier gebracht.
Musikalisch legt der 15jährige eine Art Beethoven-Opfer ab.
Der Kopfsatz stürmt und drängt durch und durch. Der langsame Satz ist bereits von Vorahnungen des Biedermeier durchweht, greift dann aber auch gern auf Mozartsche Wendungen zurück. Konventionell das Menuett, in seinem Grundcharakter an Haydn angelehnt. Das Trio mit seinen Holz-Soli, welche ausschließlich fließend und in langen Notenwerten nur mäßig inspiriert wirken, zaubert im Übergang zum Rahmenteil eine märchengleiche Stimmung, wie sie später eine Art Markenzeichen Mendelssohns werden sollte: die wie betäubt flirrenden Streicher werden mit geheimnisvoll leisen Paukenschlägen unterlegt. Das abschließende Allegro con fuoco fräst wiederum mit dem Ingrimm der Wutlocke durchs Parkett.

Eine seriösere, fundierte Werkbeschreibung findet sich in einschlägigen Quellen.

Besetzung:
Jeweils 2 Flöten, Oboen, Klarinetten, Fagotte, Hörner und Trompeten, eine in C und eine in G gestimmte Pauke sowie Streicher.

Die erste öffentliche Aufführung fand am 1. Februar 1827 im Leipziger Gewandhaus statt. Die Leitung hatte Gewandhauskapellmeister Johann Philipp Christian Schulz.
Eine erste Privataufführung erfuhr das Werk mutmaßlich bereits zu Fanny Mendelssohns Geburtstag 1824 in Berlin.

Eine erste Visitenkarte des deutschen Romantikers war verfaßt. Heute steht dieses Werk zusammen mit der Fünften an einer windgeschützten Ecke im Vorgarten während die Schottische, vor allem aber die Italienische weiterhin im Rampenlicht stehen, wenn es um Mendelssohnsche Sinfonik geht.

Welche Aufnahmen liegen euch am Herzen?
Sfantu (12.02.2024, 20:48):
Zum heutigen Wiederhören nach längerer Pause entschied ich mich zum Vergleich zwischen der Einspielung, mit der ich die Sinfonie Anfang der 90er kennenlernte mit jener, die zuletzt dazustieß - das war vor etwa 3 Jahren:




Queensland Philharmonic Orchestra - Theodore Kuchar
(CD, Ondine, 1990)

Allegro di molto 10'08
Andante 7'06
Minuetto e trio. Allegro molto 6'56
Allegro con fuoco 8'11





Heidelberger Sinfoniker - Thomas Fey
(CD, Hänssler, 2006)

Allegro di molto 9'48
Andante 5'55
Minuetto e trio. Allegro molto 6'47
Allegro con fuoco 7'48


Ein Fazit vorab > müßte ich mich für eine von beiden entscheiden, dann wären es die Heidelberger Sinfoniker.

Auf der Haben-Seite für die Australier: es werden insgesamt die natürlicheren Tempi gespielt und ein konventionelles, nicht historisierendes Orchester entspricht Mendelssohns Musik für meinen Geschmack eher.
Die Aufnahme klingt leicht entfernt und etwas weichgezeichnet.

Fey dagegen macht keine Gefangenen, läßt seine Musiker mit wilder Energie und Attacke spielen. Knackige Pauken, trocken-transparente Akustik. Herrlich knapp und mit umwerfendem Aplomb der Schlußakkord des Kopfsatzes. Das Andante wird in beiden Aufnahmen zu langsam genommen, eher als Adagio. Vielleicht ein Schwachpunkt der Komposition: die Pizzicato-Passagen im Schlußsatz. Bei Kuchar werden sie kaum hörbar, Fey rettet diesen instrumentatorischen Durchhänger durch sorgsamere Agogik.

Zwei kleine Minuspunkte der Hänssler-Version:
wie schon bei manchen seiner Haydn-Einspielungen pusht Fey sein Orchester zu sehr. Mal wird ein Notenwert nicht voll ausgezählt oder es wird nach mancher Pause um 10tel-Sekunden zu früh weitergespielt. Es wirkt dadurch nervös, verhetzt, ruhelos.
Und der fugierte Schlußabschnitt des Finalsatzes wird plötzlich doppelt so schnell als das Grundtempo gespielt. Das soll sicher Eindruck machen. Macht es auch. Aber einen wenig überzeugenden.
Maurice inaktiv (13.02.2024, 17:39):
Vielleicht mal anders von mir geschrieben: Inzwischen muss man sich vorher Gedanken machen, was man überhaupt will: Mehr aus der Tradition heraus hören oder mehr der HIP-Ansatz? Das ist inzwischen eine Grundfrage geworden, auch wenn ich natürlich weiß, dass BEIDE Seiten zu für einen selbst erfreulichen Resultaten kommt.

Gerade bei einem Jugendwerk von Mendelssohn, der, wie Du völlig richtig geschrieben hast, ein äußerst hochbegabter Teenager war, würde ich grundsätzlich zuerst einmal der HIP-Einspielung mein Vertrauen schenken. Meine Begründung dazu liegt nahe: Mendelssohn schreibt noch aus der Tradition eines Beethoven, Mozart und Haydn, dazu kommt seine Erfahrung mit den Streichersinfonien.

Wählt man also DIESEN Ansatz, bleibt man bei Harnoncourt, Gardiner (für MICH der vielleicht wichtigste Beitrag dazu zunächst), Brüggen, Norrington, Fey und nun etwa Manacorda mit der KA Potsdam. Man wird HIER bei allen Veröffentlichungen einen Hang zum etwas Überdrehten finden. Das KANN auf den Hörer als "verhetzt" oder "ruhelos" und "nervös" wirken, wie es Sfantu schreibt, muss es aber nicht.

Auch die teilweise etwas unausgeglichenen Tempi passen da hinein. Oftmals als "Ruhepol" wohlbewusst so gewählt, auch wenn ich dazu keine historischen Ansätze weiß.

Thomas Fey hatte sich auch mit den Streichersinfonien beschäftigt, konnte also auf dieses Wissen aufbauen. Harnoncourt tat dies auch. Von beiden Dirigenten liegen auch "für mich) überzeugende Einspielungen vor. Dazu noch von Michael Hofstetter, die ich auch gerne hier empfehlen möchte.

Bei den mehr "traditionellen" Zugriffen dürfte man bei Kurt Masurs und natürlich Salwallischs Einspielungen aus den 1970-er Jahren anfangen. Gefolgt von Karajan, Ashkenazy, Weller, von Dohnanyi, Abbado. Hier scheinen mir gerade Sawallisch und viele Jahre später Abbado einen wirklich bleibenden Eindruck hinterlassen haben.

Hier wurde im Regelfall mit großen Orchestern musiziert, die Tempi eher weniger schnell, gehetzt schon einmal überhaupt nicht. Interessanterweise hat nur Masur auch die Streichersinfonien aufgenommen, so weit ich es weiß. Sawallisch und Masur hatte ich mal. Masur fand ich total bieder und langweilig. Er hat mir Mendelssohn viele Jahre so verbaut wie Böhm es bei Mozart getan hatte. Furchtbar !! Hier wurde Abbado mein Favorit. Als Geheimtipp würde ich Christoph Poppen und die Deutsche Radiophilharmonie nennen.

PS: Peter Maag, dessen Einspielungen ich nicht kenne, hat auch eine hervorragende GA der Werke gemacht. Vielleicht kann da jemand Erfahrungen mit hier?
Sfantu (13.02.2024, 19:40):
Inzwischen muss man sich vorher Gedanken machen, was man überhaupt will: Mehr aus der Tradition heraus hören oder mehr der HIP-Ansatz? Das ist inzwischen eine Grundfrage geworden, auch wenn ich natürlich weiß, dass BEIDE Seiten zu für einen selbst erfreulichen Resultaten kommt.
Den ersten Satz verstehe ich nicht. Weshalb sollte man sich da entscheiden müssen?
Der zweite Satz widerlegt den ersten. Meine Hörerfahrung tut das ebenso. Kuchar als auch Fey kommen zu Ergebnissen, die auf ihre jeweils eigene Weise erfreulich sind.

Eine Einspielung von Mendelssohns Erster mit Harnoncourt suche ich übrigens vergeblich.
Sfantu (13.02.2024, 19:58):


Frankfurter Opernhaus-und Museumsorchester - Christoph von Dohnányi
(LP, Intercord, 1975 (anderes Cover als die gezeigte Turnabout-Platte))

Allegro di molto 7'00
Andante 5'32
Minuetto e trio. Allegro molto 5'12
Allegro con fuoco 7'17

Dohnányi gelingt gewissermaßen ein Amalgam aus Kuchar und Fey: moderne Instrumente, gespielt mit einer draufgängerischen Energie, als säße ihnen der Leibhaftige im Nacken. Auch hier wird das Andante zum Adagio. Auch hier zieht das Tempo ab der fugierten Coda im Finalsatz an, jedoch etwas moderater als bei Fey. Auch Dohnányi gelingt es, die berüchtigten unbegleiteten Pizzicato-Abschnitte "über Wasser" zu halten. An wenigen Stellen wird hörbar, daß manche Streicher an spieltechnische Grenzen stoßen. Die Aufnahme macht daher neugierig auf Dohnányis Einspielung mit den Wiener Philharmonikern.
Gewisse Abstriche nötigt der leicht kompakte Gesamtklang ab.
Sfantu (13.02.2024, 20:44):


Berliner Philharmonisches Orchester - Herbert von Karajan
(LP, DG, 1974)

Allegro di molto 8'10
Andante 6'24
Minuetto e trio. Allegro molto 6'37
Allegro con fuoco 8'28

Baß erstaunt läßt mich Karajans Mendelssohn zurück, nachdem der Plattenteller vor ein paar Augenblicken zum Stehen kam.
Lange nicht (und nicht oft) gehört und daher wie taufrisch für meine Ohren.
Erwartungsgemäß leicht streicherlastig kommt diese Musik ungewohnt erwachsen daher, gewinnt eine kaum geahnte Noblesse und Größe. Die terrassierte Dynamik der Streicher bei der Wiederaufnahme des Menuett-Rahmenteils im Anschluß an das (etwas spannungsarme) Trio. Im Schlußsatz Betonung auf Drama und auffahrende Geste. Konturierte, kernige Pauken. Allerorten freilich die luxuriösen Streicherpulte - satt und pastos. Die stimmigsten Tempi bisher. Intensität und Dramatik brauchen keine Geschwindigkeitsrekorde.
Maurice inaktiv (14.02.2024, 00:49):
Den ersten Satz verstehe ich nicht. Weshalb sollte man sich da entscheiden müssen?
Weil der Ansatz ein Anderer ist, außerdem meist die HIP-Leute mit einer kleineren Besetzung oder/und auch Originalinstrumenten, die anders klingen als moderne Instrumente.


Kuchar als auch Fey kommen zu Ergebnissen, die auf ihre jeweils eigene Weise erfreulich sind.
Habe ich etwas Anderes geschrieben? Nein.


Eine Einspielung von Mendelssohns Erster mit Harnoncourt suche ich übrigens vergeblich.
Ich hatte eine in Erinnerung, dann muss das die Gardiner gewesen sein. Das ist möglich.
Sfantu (14.02.2024, 06:07):
Inzwischen muss man sich vorher Gedanken machen, was man überhaupt will: Mehr aus der Tradition heraus hören oder mehr der HIP-Ansatz? Das ist inzwischen eine Grundfrage geworden, auch wenn ich natürlich weiß, dass BEIDE Seiten zu für einen selbst erfreulichen Resultaten kommt.
Den ersten Satz verstehe ich nicht. Weshalb sollte man sich da entscheiden müssen?
Weil der Ansatz ein Anderer ist, außerdem meist die HIP-Leute mit einer kleineren Besetzung oder/und auch Originalinstrumenten, die anders klingen als moderne Instrumente.
Letzteres wäre eine Antwort auf die Frage: Was ist historisierende Aufführungspraxis? Die Frage war allerdings eine andere.

Sei's drum. Ich schätze die Vielfalt der möglichen Herangehensweisen. Auch ein Spätwerk Mendelssohns historisierend umzusetzen oder ein Frühwerk konventionell finden gleichberechtigten Anklang bei mir. Ein Lagerdenken in diesen Bereichen ist bereits in einem fortgeschrittenen Stadium der Auflösung befindlich.

Noch einmal meine Frage:

Welche Aufnahmen liegen euch am Herzen?

Mich faszinieren Karajan und Fey derzeit am meisten.
Und nach viel mehr verlangt das Herz gerade garnicht.
Maurice inaktiv (14.02.2024, 10:52):
Berliner Philharmonisches Orchester - Herbert von Karajan
(LP, DG, 1974)

Allegro di molto 8'10
Andante 6'24
Minuetto e trio. Allegro molto 6'37
Allegro con fuoco 8'28

Baß erstaunt läßt mich Karajans Mendelssohn zurück, nachdem der Plattenteller vor ein paar Augenblicken zum Stehen kam.
Lange nicht (und nicht oft) gehört und daher wie taufrisch für meine Ohren.
Nur kurz dazu: Du hast es anschließend sehr treffend kommentiert. Eine richtig gute Einspielung von Herrn Karajan. Noch etwas zum Aufnahmedatum: November 1972 war das gewesen, so steht es im Booklet für die 1.Sinfonie. Der "Lobgesang" wurde September 1972 eingespielt.

Ich habe mir gerade sehr günstig Thomas Hengelbrock mit dem NDR-SO bestellt. Mal schauen, ob er da vielleicht einen neuen Favoriten im Gepäck hat. Immerhin war seine beiden Erstlinge in der Kombination Vorisek/Schubert schon der Hammer gewesen.
Sfantu (14.02.2024, 12:22):
@Maurice inaktiv

Danke für die Ergänzung zu Karajan.


Immerhin war seine beiden Erstlinge in der Kombination Vorisek/Schubert schon der Hammer gewesen.
Definitiv.
Maurice inaktiv (14.02.2024, 17:04):
Vielleicht mal als Einwurf von mir:

Der ganze Zyklus der Sinfonien unter Antonello Manacorda/ Kammerakademie Potsdam ist zur Zeit sowohl bei JPC und Amazon für 15,99 € zu erwerben. Diese Einspielung ist HIP-Beeinflusst. Ich habe z.B. dessen Schubert-Zyklus, der mir sehr gut gefallen hat. Da habe ich mir den Mendelssohn mal bestellt.
Joe Dvorak (15.02.2024, 01:24):


Philharmonia Orchestra - Walter Weller

Ich habe dieses Werk gestern und heute zum ersten Mal bewusst gehört und es hat mir überraschend gut gefallen. Überraschend deshalb, weil Mendelssohn bei mir sonst nicht hoch im Kurs steht. Das Violinkonzert und die Italienische fallen mit ihren allzu schlagerhaften Melodien durch mein Raster. Der Traum zur Nacht im Sommer und ein, zwei seiner Quartette haben mich beeindruckt und ich habe mir vorgenommen, sie öfter und intensiver zu hören und es dann - wie so oft - doch nicht gemacht. Was ich bei Mendelssohn nicht finde, ist eine irgendwie geartete persönliche Handschrift, anders als etwa bei Schubert, dessen Spätwerk ich anhand einiger, nun ja, typisch schubertscher Wendungen doch recht sicher zuordnen kann. Deshalb nehme ich das auch nicht als ein typisches Erstlingswerk wahr, bei dem der eigene Stil des Komponisten noch nicht voll entwickelt ist, sondern als eine gut gemachte, durch und durch klassische Sinfonie, die gerade durch das traditionelle Formkonzept die Entwicklungen leicht nachvollziehbar macht. Das Menuett fällt mit seinem etwas läppischen Hauptthema etwas ab, was auch beim offenbaren Vorbild dieses Satzes gelegentlich vorkommt. Das ist trotzdem eine echte Bereicherung des Hörrepertoires und wie die Erstlinge von Beethoven, Schubert und Schumann besser als vieles, was danach kam.

Interpretationsvergleiche fallen flach, aber die von mir gehörte Aufnahme muss gut sein, weil nicht ein Mal der Gedanke aufkam, das könnte man so oder so anders machen. Oder wie ich es einmal schlau gelesen habe: Wenn Sie eine Interpretation immer wieder hören wollen, dann muss sie gut sein, sonst wollten Sie sie nicht immer wieder hören. Und in der Tat, auch nach dem zweiten Hördurchgang kam kein Wunsch nach einer Alternative auf, sondern Weller durfte auch beim folgenden konzentrierten Hören von Einzelsätzen die Leitung behalten - trotz des eher kompakten und leicht verhangenen Klangbilds, dem ich bei Chandos schon mehrfach begegnet bin. Das ist stürmisch und vorwärtsdrängend in den Außensätzen, aber nicht extrem und knallig (wie ich mir das bei Fey vorverurteilend vorstelle). Das Andante kommt schwebend und gewichtig daher (die so schwer zu teffende und deshalb immer wieder beeindruckende Mitte) und wird ganz unmozartisch gespielt, was den fast wörtlichen Zitaten vom Wolferl eine fast groteske Note verleiht. Mit der sehr kurzen Pizzicato-Stelle im Schlusssatz gibt es hier kein Problem - aber ich sehe die an sich nicht als problematisch an. Noch einmal kurz sammeln und Luft holen, bevor es in den Schlussanstieg geht, eben wie bei einer 'klassischen' klassischen Sinfonie - hier eine, die für mich ab sofort unter "Lieblingssinfonien" eingeordnet wird.
Joe Dvorak (15.02.2024, 06:55):
So ist das, wenn man älter wird und zu viele graue Zellen durch zu viel C2H5OH-Zufuhr zum vorzeitigen Ableben verurteilt wurden. Ich habe die schon mal bewusst gehört - aber glatt wieder vergessen. An der Interpretation kann es kaum gelegen haben, denn ich erinnere mich, dass ich damals dachte, so gespielt könne man Mendelssohn durchaus goutieren (die Erste wohlgemerkt, die Vierte ging auch unter Widmann nicht).



Mendelssohn - Sinfonien Nr. 1 & 4 / Widmann - Ad Absurdum
Sergei Nakariakov, Irish Chamber Orchestra, Jörg Widmann
Felix Mendelssohn - Sinfonie Nr. 1 c-Moll, op. 11
Jörg Widmann - Ad Absurdum (Konzertstueck fuer Trompete und kleines Orchester, 2002)
Felix Mendelssohn - Sinfonie Nr. 4 A-Dur, op. 90 "Italienische"
Maurice inaktiv (15.02.2024, 17:10):
Interpretationsvergleiche fallen flach, aber die von mir gehörte Aufnahme muss gut sein, weil nicht ein Mal der Gedanke aufkam, das könnte man so oder so anders machen.
Vielleicht versuchst Du es mal mit der von mir erwähnten Einspielung von Thomas Hengelbrock. Er hatte bereits die Erstwerke von Schubert und Vorisek wunderbar neu zum Leben erweckt. Da er zwar ein HIP-Dirigent ist, aber mit dem NDR-SO aus Hamburg einen klassischen Klangkörper dirigiert dabei, könnte es also durchaus auch für Dich passen.

Walter Weller läuft in der Regel unter dem Radar hindurch, zumindest bei mir. Viel habe ich nicht von ihm, vermutlich inzwischen nichts mehr. Ich hatte mal die "Slawischen Tänze", das wars dann auch schon. Optisch kann ich ihm nicht zuschauen, er wedelt mehr als dass er dirigiert. Ich käme damit als Musiker überhaupt nicht klar.

Dabei hat er doch nicht mal wenige Einspielungen mit guten Orchestern hinterlassen.
Maurice inaktiv (22.02.2024, 10:41):

Felix Mendelsssohn : Sinfonie Nr.1 c-Moll, op. 11
Robert Schumann : Sinfonie Nr. 4 d-Moll, op. 120

NDR-SO Hamburg, Thomas Hengelbrock

Hengelbrock wählte hier moderne Streicher (wobei das auch nur relativ ist), kombiniert mit Naturhörnern und Trompeten. Die Gegen sitzen sich gegenüber, in der Mitte sitzen die Holzbläser, die Tempi entnahm er der autografen Partitur, so das Booklet (auf den Mendelssohn bezogen).

Insgesamt sehr durchhörbar, was an der ganz hervorragenden Aufnahmequalität liegt, aber natürlich auch an dem kamrmermusikalischen Ansatz, den Hengelbrock als lang erprobter HIP-Musiker gewählt hat. Verständlich ist mir das schon, dass, wenn Musiker enger zusammensitzen, und die Hörbarkeit untereinander besser wird, weil man näher an den anderen Instrumentengruppen sitzt. Das ist bei meiner Musik ebenfalls so.

Hengelbrock lässt hier den 15-jährgen, hochbegabten Mendelssohn nicht so spielen, als ob er dieses Werk 20 Jahre später geschrieben hätte, was ich als Plus gegenüber doch einigen anderen Aufnahmen sehe, die das doch anders angegangen sind. Immerhin hatte Mendelssohn selbst das Werk als 13.Sinfonie für Streicher beschrieben, auch weil er bereits das Werk mit Bläsern besetzt hatte.

Aufnahmetechnisch wurde das Ganze sehr transparent eingefangen worden.

Mir persönlich gefällt der forsche Zugriff von Hengelbrock,

Hier im Vergleich mal die Satzdauer jeweils mit Karajans, Feys, Abaddos und Manacordas Erster:

Hengelbrock:

01. Satz : 09,31
02. Satz : 06,30
03. Satz : 05,06 (Menuett)
04. Satz : 07,43

Fey:

01. Satz : 09,48
02. Satz : 05,55
03. Satz : 06,47 (Menuett)
04. Satz : 07,48

Karajan:

01. Satz : 08,14
02. Satz : 06,26
03. Satz : 07,01 (Menuett)
04. Satz : 08,31

Abbado:

01. Satz : 10,39
02. Satz : 06,40
03. Satz : 06,45 (Menuett)
04. Satz : 08,14

Gerade frisch eingetroffen, aber noch nicht gehört: Mancacorda

01. Satz : 10,46
02. Satz : 07,37
03. Satz : 05,46 (Menuett)
04. Satz : 08,13

Ich bin gerade etwas überrascht, dass Manacorda bei den ersten beiden Sätzen der "langsamste" Gestalter ist. Mal gespannt, wie ich das beim Hören empfinde dann.
Sfantu (03.02.2025, 21:18):


Arrangement durch den Komponisten
für Klavier zu vier Händen, Violine und Violoncello ad lib.

Gerald Fauth und Olga Gollej, Klavier
Mitglieder des Leipziger Streichquartetts:
Andreas Seidel, Violine
Matthias Moosdorf, Violoncello
(CD, MDG, 2007)

Molto allegro e vivace 9'42
Andante con moto 5'44
Intermezzo. Sempre pianissimo e staccato 4'01
Finale. Allegro vivace 8'26

Seit mir vor kurzem diese Aufnahme in die Hände fiel, habe ich prompt die Orchesterfassung vorläufig in die zweite Reihe gerückt. Die Reise durch den Liebig-Kühler ergibt ein Konzentrat, das in seiner kammermusikalischen Kompaktheit so ungleich mehr überzeugt: klare Konturen, Prägnanz und (wie hier) ein leidenschaftlicher Vortrag rücken die Musik viel weiter in die Romantik hinein als die orchestrale Version.
Interessant zudem, daß Mendelssohn hier 1.) noch abweichende Vortragsbezeichnungen wählt und 2.) das bereits für die (orchestrale) Londoner Erstaufführung 1829 verwendete Scherzo aus seinem Streicheroktett zugrunde legt, nicht das spätere Menuett - die für mich klar bessere Wahl: flirrend, aufwühlend, gespenstisch und so viel romantischer als das später endgültige, etwas täppische, altfränksche Minuetto. Und - die hier zu hörende Fassung wurde vor der Orchesterpartitur veröffentlicht.

Auch den übrigen Werken auf diesem Album bekommen die kammermusikalischen Fassungen gut. Sie wurden von Mendelssohns Zeitgenossen Carl Burchard (Hebriden und Ruy Blas) und Friedrich Hermann (5. Sinfonie) erstellt. Ruy Blas fegt so mit einer nicht gekannten Vehemenz daher, daß der Atem stockt. Allein bei der Reformations-Sinfonie (obwohl ebenso engagiert und ausgefeilt dargeboten) würde ich die volle Orchester-Partitur bevorzugen. Der programmatische, bekenntnishafte große Rahmen paßt nur bedingt in diese vierköpfige Konzentrierung.