Mendelssohn: "Italienische" Sinfonie

nikolaus (21.04.2006, 14:21):
Hallo zusammen!

Wer kann mir Aufnahmen von Mendelssohns "Italienischer" Sinfonie empfehlen?

In Vorfreude :W

Nikolaus.
Zelenka (21.04.2006, 14:37):
Lieber nikolaus:

Ich kann drei Italiener empfehlen:

Philharmonia O, Cantelli ADD EMI Références CDZ5748012
LSO, Abbado DDD DG Collectors Edition 4714672
Philharmonia O, Sinopoli DDD DG Masters 4455142

Vielleicht am besten gefällt mir der arme Sinopoli, der gestern offenbar seinen Todestag hatte. Eine dynamische, eindringliche, sorgfältige und leicht kontroverse Aufnahme.

Gruß,

Zelenka
Ganong (21.04.2006, 15:46):
Lieber Nikolaus ,
lieber Zelenka !
meine absolut eLieblingsaufnahme ist die mit Herbert von Karajan und den berliner Philharmonikern ( DG / Universal ) . Karajan gelingt es die verschieden Stimmungen herrlich wiederzugen . Wir erleben eine musikalische Landschaftmalerei , die beispielhaft ist .( Wie sehr fällt dageen Bernstein ab , ebenfalls DG )
Guido Cantelli ist völlig zu UNrecht leider fast in Vergessenheit geraten . Ich kenne keine Aufnahme von ihm , die nicht empfehlenswert wäre . Straffe ,Tempi , kklar strukurierter Werkaufbau . Emphase . Präzises Dirgieren .
Giuseppe Sinopoli , der vor 5 jahren in der Hamburger Oper wohl an den Folgen eines Herzinfarktes verstorben ist , war ein wesentlich bedeutendere Dirigent , als viele ihn heute sehen wollen . Als ich ca. 1993 / 1994 einen in seienm Fach prominenten Musiker nach ihm fragte , antwortet er mir wörtlich :"Sinopoli weiss genau , was er will!" .
Viele Grüsse , Frank
Zelenka (21.04.2006, 16:01):
Dann muß ich mich wohl um die Aufnahme von Karajan bemühen, die ich bislang nicht kenne. Vielleicht habe ich ein wenig Angst gehabt, daß K die Symphonie zu sehr poliert ...

Gruß,

Zelenka
nikolaus (21.04.2006, 18:08):
Danke allerseits für die Ratschläge. Sie helfen mir weiter!!

Gruß, Nikolaus.
Telramund (21.04.2006, 21:31):
Original von Ganong
Giuseppe Sinopoli , der vor 5 jahren in der Hamburger Oper wohl an den Folgen eines Herzinfarktes verstorben ist , war ein wesentlich bedeutendere Dirigent , als viele ihn heute sehen wollen . Als ich ca. 1993 / 1994 einen in seienm Fach prominenten Musiker nach ihm fragte , antwortet er mir wörtlich :"Sinopoli weiss genau , was er will!" .
Viele Grüsse , Frank

Hallo Frank,

ersetze "Hamburger Oper" durch "Deutsche Oper Berlin", dann stimmt's. :wink
Jeremias (21.04.2006, 22:44):
Ich denke, ob Karajan oder Abbado, viel kannst Du nicht falsch machen. Im übrigen solltest Du Dir die anderen Sinfonien auch anschaffen, eine schöner als die andere! Mein favorit ist übrigens die 2., die ja für damalige Verhältnisse ganz neue Dimensionen annahm.
daniel5993 (11.05.2007, 22:02):
Hallo!



Leonard Bernstein
Israel Philarmonic Orchestra

Ganz und gar nicht eigenwillig! Bernstein zeigt uns seine andere Seite!

Schwungvoll !!!

Gruß
daniel
ab (12.05.2007, 14:57):
Unbedingt auch die mit dem Europäischen Kammerorchester und Nikolaus Harnoncourt anhören: seine wohl schönste und überzeugendste Einspielungen aus der Epoche der Romantik! Wunderbar!
Cosima (19.08.2007, 17:28):
Die hier ist toll:

http://www.jpc.de/image/cover/front/0/1551185.jpg

Prag PO, Jirí Belohlávek

Schön klar, lebendig und kein bisschen kitschig.

Gruß, Cosima
teleton (18.10.2007, 13:12):
Hallo Mendelssohn-Freunde,

was die fantastische Mendelssohn: Sinfonie Nr.4 anbetrifft möchte ich mich ausdrücklich gangongs beitrag anschließen, der genau wie ich von rundum gelungener Karajan-DG-Aufnahme begeistert ist.

:) Neben Karajan, den ich auch bei Mendelssohn hoch schätze, habe ich die Mendelssohn-Sinfonien Nr.3-5 auch in der luxuriösen, feurigen TOP-Interpretation mit Christoph von Dohnanyi.

Bei der Sinfonie Nr.4 erreicht Dohnanyi´s Aufnahme die gleiche Spitzenqualität wie bei Dvoraks Sinfonie Nr.8.

Eine Aufnahme, die ich jedem der die Italienische angemessen feurig hören will ans Herz legen möchte - für mich die Referenz !!!

http://ec1.images-amazon.com/images/I/61T6W481K4L._AA240_.gif
Mendelssohn: Sinfonien Nr.3-5
Wiener PH / C.von Dohnanyi
DECCA, 1998-99, DDD

Die Klangqualität hat zudem den üblich hohen Decca-Standard.

Was mich auch interessierte waren die Bernstein-Aufnahmen der Mendelssohn-Sinfonien Nr.3-5 in den Aufnahmen mit den New Yorker PH (SONY).
Ich dachte, die würden meinen Vorstellungen auch entsprechen.
Gedacht und nach der Bernstein-Aufnahmen gesucht - bei EBAY gefunden und im September 2007 gekauft.

http://g-ec2.images-amazon.com/images/I/213FTH7MSYL._AA115_.jpghttp://g-ec2.images-amazon.com/images/I/31RPTAFM5CL._AA115_.jpg
Ich habe die Mendelssohn: Sinfonien Nr.3 - 5, Hebriden -Ouvertüre in einer CBS-Doppel-CD-Box erhalten und nicht in den abgebildeten Einzel-CD-Versionen.

Zuerst habe ich mich natürlich mit der Sinfonie Nr.4 - Italienische beschäftigt.
Was mich gleich von Anfang an gestört hat sind die ungewöhnlich langen Spielzeiten bei Bernstein.
Die Interpretation hat zwar Temprament und bernsteinsche Klasse, aber der Vergleich mit Dohnanyi und auch gerne Karajan fällt hier zuungunsten von Bernstein aus - man möchte, besonders im ersten Satz zu sehr anschieben - erst im letzten Satz spüre ich italienisches Feuer.

Hier die Spielzeiten zum Vergleich:
................Bernstein.....Karajan.....Dohnanyi
1. Satz......10:19..........8:02.........7:53
2. Satz........7:16..........6:26.........5:55
3. Satz........6:13..........7:59.........6:18
4. Satz........5:54..........5:37.........5:31

Bei den Sinfonien Nr.3 und 5 mit Bernstein sieht es anders aus. Diese Aufnahmen haben den Kauf gelohnt, denn Bernstein bereitet hier ein Feuer aus, das der Italienischen gut zu Gesicht gestanden hätte.
Damit erreicht Bernstein zwar einschränkend nicht die Tiefe der Karajan - Aufnahme bei der Reformationssinfonie, denn bei Karajan höre ich die weihevollen Klange so perfekt, wie man es sich als Deutscher mit "Eine feste Burg..."(4.Satz) vorstellt.
Bei Bernstein kommt eine Spur amerikanissmus hinzu, die nicht so recht zur Reformationssinfonie passen will und ihr einen völlig anderen weniger ernsten Ausdruck verleiht - auch symphatisch, aber nicht wirklich angemessen.

An der Schottischen gibt es dann auch mit Bernstein nichts mehr auszusetzen, hier zieht er IMO qualitativ mit Karajan und nicht zu vergessen Dohnanyi gleich, wenngleich mit seinen Vorstellungen von Mendelssohn, aber sehr angenehm mit Pepp und nie langweilig.

Die Hebriden-Ouvertüre habe ich noch nie so fetzig gehört, wie hier mit Bernstein - da kann selbst Abbado mit seiner superklingenden Luxus-Aufnahme einpacken. Hier ist das Feuer zu spüren, das bei bernsteins Italienischer einfach fehlt.

@Daniel,
Du bist begeistert von Bernsteins DG-Aufnahme mit dem Israel PO !
Da würde ich gerne einmal die Spielzeiten sehen.
Kannst Du diese mal posten ?
Sind die flotter als in seiner diesmal zu langsamen NewYorker - Aufnahme ???


:times10 Fazit: Die beste Italienische bleibt für mich - Dohnanyi auf Decca !
Zelenka (18.10.2007, 16:28):
Original von teleton

Hier die Spielzeiten zum Vergleich:
................Bernstein.....Karajan.....Dohnanyi
1. Satz......10:19..........8:02.........7:53
2. Satz........7:16..........6:26.........5:55
3. Satz........6:13..........7:59.........6:18
4. Satz........5:54..........5:37.........5:31

:times10 Fazit: Die beste Italienische bleibt für mich - Dohnanyi auf Decca !

Lieber Wolfgang:

Ich kenne weder die Einspielungen von Karajan noch von Bernstein, aber die größeren Unterschiede bei den Spielzeiten könnten davon herrühren, daß eben Dohnányi, wie ich mich erinnere, Wiederholungen nicht spielt ...

Gruß, Zelenka
daniel5993 (18.10.2007, 18:50):
Original von teleton

@Daniel,
Du bist begeistert von Bernsteins DG-Aufnahme mit dem Israel PO !
Da würde ich gerne einmal die Spielzeiten sehen.
Kannst Du diese mal posten ?
Sind die flotter als in seiner diesmal zu langsamen NewYorker - Aufnahme ???

Hallo Teleton!

Der mendelssohn unter Leonard Bernstein hatte ich auf Platte!
Ich war hin und hergerissen! Super !!!
Die New Yorker Aufnahmen kenne ich nicht! Ich denke aber, das er im Vergleich, bei den DGG Aufnahmen wohl nicht schneller geworden ist.
Allerdings habe ich meine große Plattensammlung verkauft, kann dir deshalb nichts dazu sagen, keine Zeiten! Bin aber dabei, mir all die EInspielungen nach und nach auf CD wiederzukaufen!
Ich denke in Sachen Bernstein werde ich sowieso alles kaufen was der Markt hergibt und von da her werd ich so in ca. einem Monat hier dazu Stellung nehmen!

Bis dahin musst du Geduld haben, oder dir die CD selbst kaufen, was ich dir nur empfehlen kann! :wink

Gruß
Daniel
Sfantu (19.08.2022, 10:39):
Es stehen mehr Mendelssohn 4 im Regal als ich brauche (und höre).
Beides (das Rumstehen und das Nicht-Gehört-Werden) muß sich ändern. Drum ab auf den Plattenteller:



Boston Symphony Orchestra - Charles Münch
(LP, RCA, 1958)

Allegro vivace 8`05
Andante con moto 5`56
Con moto moderato 6`26
Saltarello. Presto 6`06

Was beim Wiederhören gleich von Beginn an Freude macht: der tolle Klang der Aufnahme als auch des Orchesters. Letzteres, der Ensembleklang, führt mich gedanklich für einen Moment zu onemenschows Tonarten-Charakter-Faden. Auf manchen der originalen LP-Cover wurde das Boston Symphony als Aristokrat unter den Orchestern beworben. Ob man das nun originell, dämlich oder treffend findet - die satten, nie dicken Streicher, die klaren Konturen, die manchmal fast trockenen Akkorde im Tutti - das macht einfach Spaß und steht der Vierten sehr gut zu Gesichte. Das frühe Stereo rundet diesen Eindruck aufs Glücklichste ab. Allein die Bässe mußte ich etwas höher regeln.
Im Andante empfinde ich die Streicher als einen Tick zu laut - sie dürften sich ein klein wenig zurücknehmen, dürften im gesamten Satz dynamisch feiner gestaffelt sein.
Im dritten Satz werden die zwei pastoralen Horn-Stellen zu "himmlischen Längen" gedehnt. Deutlich unter dem eigentlichen Metrum, atmosphärisch aber stimmig.
Den Beginn des Saltarello tadelt Amadé in seinem Klassik Prisma zurecht als rhythmisch nicht profiliert genug. Dennoch geht das Gesamtergebnis für mich auf, will sagen, der leicht verschnarchte Einstieg wird im Verlauf durch federnden Esprit wieder ausgeglichen.
Nochmal zum Thema Ensembleklang: das beliebte und häufig wieder aufgewärmte Klischee-Süppchen von den technisch perfekten aber kalt und seelenlos klingenden US-Orchestern entpuppt sich (nicht nur hier) als gegenstandslos.
Sfantu (19.08.2022, 14:23):


Filarmonica de Stat "Moldova" din Iaşi - Ion Baciu
(LP, electrecord, 1980)

Allegro vivace 7`56
Andante con moto 6`07
Con moto moderato 6`45
Saltarello. Presto 5`50

Diese Platte läuft bei mir außer Konkurrenz. Es spielt das Orchester der Heimatstadt meiner Freundin.
Das allein wäre allerdings längst nicht genug - wo kämen wir da hin? Nein, die Darbietung ist musikantisch und vollmundig, setzt Akzente an den richtigen Stellen, ist rundum erfreulich. Und das, nachdem am Morgen bereits die vorzügliche Münch-Aufnahme lief. Etwas ohne Saft vielleicht der Abschluß des Kopfsatzes. Ein Glanzpunkt das Con moto moderato: die dramatische Zuspitzung im Mittelteil mit den punktierten Tonrepetitionen der Hörner resp. der tiefen Streicher wird mustergültig inszeniert. Aber auch sonst liebevolle Detailarbeit allerorten. Großes Theater im Finale - ungestüm energiegeladen. Daß sie gleichwohl nicht ganz in der gleichen Liga wie die Bostoner spielen, versteht sich allerdings auch.
Sfantu (20.08.2022, 23:27):


Chamber Orchestra of Europe - Nikolaus Harnoncourt
(CD, Teldec, 1992)

Allegro vivace 10`35
Andante con moto 6`42
Con moto moderato 5`49
Saltarello. Presto 5`38

Wohl eine der gelungensten Einspielungen Harnoncourts (wie es vielerorten heißt)? Ich denke, ja.
Das gemessene Grundtempo im Kopfsatz legt viel sonst Unterbelichtetetes, Dahingehuschtes frei (Holz-Stellen). So liebevoll gestaltet, so sorgsam ausgelotet hört man das selten. Obendrein kommt die auftrumpfende Emphase nicht zu kurz.
Auch das Andante wird vom Fluidum des geistig Durchdrungenen getragen. Kein Takt einfach so dahingeworfen - Alles atmet Poesie.
Mustergültig der Saltarello. Wie lustvoll wird jedes Detail dieses von lustvollen Details übervollen Geniestreiches ausgekostet! Die motorisch-rhythmische Energie reißt unwiderstehlich mit. Der Liebestöter Non-Vibrato geht eine bis dahin für nicht möglich gehaltene Mélange mit einem dyonisischem Taumel ein, die Staunen macht.
Aufnahmeort und-Datum sind gleich mit denen der 3. Sinfonie (Teatro communale Ferrara, Oktober 1991). Die damals hierzu von mir bemäkelten Mängel, was die Klangqualität betrifft, gelten zwar auch hier. Doch fallen sie weit weniger ins Gewicht - die vollauf werkdienliche, temperamentvolle Gestaltung macht dies schnell vergessen.
Sfantu (22.08.2022, 17:21):


Revidierte resp. teilrevidierte Fassung, Sommer 1833

Robert Schumann Philharmonie Chemnitz - Oleg Caetani
(CD, claves, 1999)

Allegro vivace 11`19
Andante con moto 7`15
Menuetto. Con moto grazioso 8`17
Saltarello. Allegro di molto 6`57

Amadé hebt auf seiner Website das Mehr-miteinander-verwoben-Sein, das aufeinander Bezug-Nehmen der einzelnen Sätze bei dieser Version hervor - gegenüber dem blockhaften Nebeinander in der Erstfassung. Das empfinde ich auch so. Am gelungensten scheint mir das Ergebnis im langsamen Satz. Es vermittelt sich mehr Gedankentiefe, mehr grübelnde Verästelung. Oft dachte ich spontan "Das geht ganz gehörig Richtung Schumann". Die Märchen-Fanfaren der Hörner im Trio des dritten Satzes werden hier von den hohen Streichern und der Flöte in gleichen Notenwerten beantwortet. In der alten Fassung spielen sie das punktiert. Letzteres wirkt so wunderbar hüpfend, beschwingt. Hier geht solcher Elfenzauber leider verloren. Und ja - bleibt das Säugetier Mensch nicht meist gern beim einmal Gewohnten? Man kennt halt "seinen" Mendelssohn. Bereichernd ist diese Fassung zweifelsohne - als Variante hätte sie allemal Beachtung verdient.
Der Einstieg ins Finale krankt etwas an Schlafmützigkeit. Ich setze das nicht mit der "gedrosselten" Vortragsanweisung in Zusammenhang (vom ursprünglichen Presto zum Allegro di molto). Auch in diesem moderateren Tempo sollte die angemessene Prägnanz nicht fehlen.
Ansonsten ist das Spiel der Sachsen eine runde Sache. Schöner, samtener Klang der Streicherpulte, mehrere Glanzlichter setzen die kernigen Pauken. Ein Gewinn.