Mission: Zeitreise - ECM-Jazz aus dem letzten Jahrtausend
Joe Dvorak (05.07.2022, 04:48): Die Fruehjahrsmuedigkeit von das-klassikforum.de ist nach der vorangegangenen Winterstarre nun dem Sommerloch gewichen, welchem vermutlich die Herbsttristesse folgen wird. Eine gute Zeit, um das Hauptthema mal fuer eine Weile links liegen zu lassen und mich der Retrophilie hinzugeben. Ich wiederhoerte juengst ein paar Platten, die ich frueher (lies: so etwa von 1980 - 2000) viel und gern gehoert habe, bevor die Aufmerksamkeit anderen Musikstilen folgte. Und sie war wieder da, die lodernde Begeisterung fuer den "ECM-Jazz", ueber den wir im Faden zum Label gesprochen haben. Zunaechst habe ich in der Einnerung nach Alben, die ich in irgendeiner Form 'besessen' habe, gesucht und bin dann schliesslich den Katalog durchgegangen. Und jede Platte, die in mir den virtuellen Player im Kopf ausloeste, wurde beim Stroemer vorgemerkt. (Es ist erstaunlich, wieviel Musik man in sich gespeichert mittraegt, ohne sich dessen/deren bewusst zu sein.) Es gab auch Alben, die ich seinerzeit gehoert habe, welche aber keinerlei Erinnerung ausloesten - das duerfte seinen Grund haben, daher wurden die verworfen, ebenso wie einige, die mir seinerzeit weniger gefielen. Es bleiben immer noch genug.
Nun habe ich ein neues Hoerprojekt. Das einzige 'Problem': Womit fange ich an? Ich habe mich dazu entschieden, chronologisch nach Aufnahmedatum vorzugehen und etwas Label-Geschichte nachzuerleben. Freilich soll das kein Privatblog werden. Wer will, 'darf' hier durcheinander posten, solange das Thema eingehalten wird: Jazz, ECM, letztes Jahrtausend. (Bitte keine Spitzfindigkeiten, ob das Jahr 2000 dazugehoert - wir nehmen es rein und fertig.) Wer Alben, die die Kriterien erfuellen, trotzdem lieber im Geradehoerfaden posten will, tut das ohnehin.
Der Warp ist gezuendet, das Wurmloch offen. Ziel: The Most Beautiful Sound Next to Silence (ECM ueber ECM).
Joe Dvorak (05.07.2022, 08:10):
Jan Garbarek Quartet - Afric Pepperbird (AD: Sep 1970) Jan Garbarek (Tenor- & Basssaxophon, Klarinette, Flöte, Perkussion), Terje Rypdal (Gitarre, Signalhorn), Arild Andersen (Kontrabass, afrikanisches Daumenklavier, Xylophon), Jon Christensen (Schlagzeug)
An Jan Garbarek kommt man nicht vorbei, wenn man sich mit ECM Records beschaeftigt. Er ist zusammen mit Keith Jarrett der Verkaufsschlager des Labels. Und das bringt den Schotter, der dann -wenigstens teilweise- wieder in finanziell riskantere, abenteuerlichere Projekte investiert wird. Daher sei es ihm nachgesehen, dass sein Stoff ueber die Jahre allzu seicht und kalkuliert wirkte. Beim Label-Debut sind wir davon noch weit entfernt. Garbarek ist mit seiner frenetisch-expressiven Ueberblastechnik noch deutlich vom spaeten John Coltrane und Leuten wie Albert Ayler und Pharoah Sanders beeinflusst. Sehr originell ist der splitternde Gitarrenklang von Terje Rypdal. Mit der wuseligen, meist mehr puslierenden als taktgebenden Rhythmusgruppe ergibt das ein Gebraeu, das sehr nahe am Free Jazz ist und ordentlich kocht. Die 'Gimmicks', die man aus der Instrumentierung herauszulesen glaubt, sind eine zusaetzliche Bereicherung.
Joe Dvorak (05.07.2022, 10:12):
Chick Corea - Return to Forever (AD: Feb 1972) Flora Purim (Gesang), Joe Farell (Flöte, Sopransaxophon), Chick Corea (E-Piano), Stanley Clarke (E-Bass, Kontrabass), Airto Moreira (Schlagzeug, Perkussion)
Dazu muss man nicht viel sagen. Oder anders gesagt, wer das nicht kennt, duerfte in diesem Faden ohnehin ziemlich verloren sein. Das ist eines der Schluesselalben der Jazz-Rock-Fusion der 70er. Es gehoert zum innersten Kanon dieser Musik und davon ist es das am wenigsten rockigste Album. Corea lehnt sich bei der Fusion mehr an die Latin-Musik an und die Elektrifizierung ist moderat. Die E-Gitarre fehlt ganz und das mal schwebende, mal perlend fliessende E-Piano klingt eher vertraeumt (ganz anders als etwa bei Joe Zawniul, der es um diese Zeit herum bei Weather Report mit starken Verzerrungen einsetze und wie ein verkappter Gitarrist klang). Vertraeumt ist ein Wort, das mir bei dieser Musik oft in den Sinn kommt, aber keineswegs im Sinne von einlullend. Dazu passiert auf der improvisatorischen Ebene zu viel und ab und an nimmt die Band auch mal richtig Fahrt auf, freilich ohne je laut oder allzu eindringlich zu werden. Man darf spekulieren, dass der grosse kommerzielle Erfolg dieser impressionistischen Schoenklang-Fusion einen Anstoss zur Entwicklung des labeltypischen Sounds in den folgenden Jahren gab.
Wie auch immer, das ist ein grosses Jazz-Album. In der Winzersprache waere das ein reinrassiger Kabinett: Elegant, leicht, reif, ausgeglichen. Mit einer Struktur, die feinste Akzente setzt, von graziler Leichtigkeit, die etwas fast Unbekümmertes ausstrahlt. Ja, das passt. Als Whisky-Trinker zieht man den schottischen Single Malt Klassiker Glenkinchie 12 Years Old zum Vergleich heran.
Joe Dvorak (06.07.2022, 04:01): Es ist halt alles relativ. Wenn ich schreibe, dass Chick Coreas Return to Forever nie allzu eindringlich wird, dann ist das angesichts von Joe Farells Sopransax-Solo auf La Fiesta nichts als Wortmuell. Wenn er richtig loslaesst, dann bohrt sich das so in die Eingeweide, dass ich jauchzend aufspringen moechte - eindringlicher geht es kaum, koennte man meinen. Wenn ich das allerdings mit dem davor und dem danach gehoerten Album vergleiche, dann geht da eben noch deutlich mehr. Das bringt uns nun zu einem der allerhoechsten der Hoehepunkte im ECM-Katalog:
David Holland Quartet - Conference of the Birds (AD: Nov 1972) Sam Rivers (Rohrblattinstrumente, Flöte), Anthony Braxton (Rohrblattinstrumente, Flöte), David Holland (Kontrabass), Barry Altschul (Perkussion, Marimba)
In meiner Fantasiewelt gibt es den Straftatbestand der Jazzkunst-Leugnung. Das Strafmass lautet mindestens 4 Stunden Arrest, waehrend dem die Zelle mit Conference of the Birds beschallt wird und das anschliessende Schreiben eines Essays mit mindestens 1000 Woertern: Warum Jazz keine Unterhaltungsmusik ist.
Holland schreibt auf der Rueckseite des Plattencovers: During the summer around 4 or 5 o’clock in the morning, just as the day began, birds would gather here one by one and sing together, each declaring its freedom in song. It is my wish to share this same spirit with other musicians and communicate it to the people. Das finde ich sehr spannend. Jeder Vogel hat die Freiheit zu singen 'was er will' und aufs erste Hoer klingt kollektiver Vogelgesang auch so. Aber beim Zuhoehren wird gewahr, dass es verborgene Muster gibt, rhythmisch in dem Sinne, dass es im Durcheinander immer wieder kurze Momente gibt, in denen alle still sind oder melodisch im Sinne von Call-and-Response - dass die Freiheit auch genutzt wird, um auf andere einzugehen. Und manchmal wird sie auch genutzt, um schrill und duchdringend zu pfeifen, anstatt zu singen. Damit ist grob beschrieben, was auf diesem Album vor sich geht. Es erforderte einige Anstrengung und dauerte eine Weile, das zu vereinnahmen. Ich fand zunaechst nichts besonderes daran. Aber -um ein geschaetztes Forumsmitglied zu zitieren- ich dachte, wenn mir viele Leute, die sich damit viel besser auskennen, sagen, dass das eines der besten, wenn nicht das beste Avantgarde-Jazz-Album aller Zeiten ist, dann liegt es wohl an mir. Und ich dachte richtig. Nur ein Beispiel: Die Eroeffnungsnummer Four Winds hat ein Thema zum niederknieen. Das bohrt sich wie ein Wurm in die Ohren und da kann selbst ein Doedel wie ich noch bei den allerfreiesten Ausfluegen der Blaeser verfolgen, was vor sich geht, weil der Bezug nie ganz abreisst. Ein Grosser Moment ist die Stelle, wenn sich beide gemeinsam hochschaukeln, in reine Kakophonie abzugleiten drohen und Holland darunter ploetzlich ganz kurz das Thema anreisst - wie ein Ordnungsruf, auf den hin die beiden wieder 'runterkommen' und das Stueck zu Ende fuehren. Da ist es dann, dieses unbezahlbare innerliche Laecheln, wenn ich einen dieser Momente erlebt habe, um derentwillen ich letzendlich Musik hoere. (Und davon gibt es auf diesem Album noch mehr.) :engel
Joe Dvorak (07.07.2022, 03:14): And Now for Something Completely Different
Art Lande / Jan Garbarek - Red Lanta (AD: Nov 1973) Art Lande (Klavier), Jan Garbarek (Flöte, Sopran- & Basssaxophon)
Das ist sicher eine der Platten, fuer die der Begriff Kammerjazz erfunden wurde. Neben der fehlenden Rhythmusgruppe, sind es die romantizistischen Themen und Melodien, die das in Naehe 'unserer' Musik ruecken. Man ist geneigt, Grieg-Einfluesse herauszuhoeren, aber das ist wohl (m)ein auf falschen Annahmen beruhender Fehlschluss. Ich dachte lange, Art Lande, von dem saemtliche Kompositionen auf diesem Album stammen, sei wie Garbarek auch Norweger, aber er ist Amerikaner. Also mildern wir ab und sagen, wer die Kammermusik von Grieg goutiert, findet vielleicht auch an diesem Album gefallen. Anstelle der 'Durchfuehrung' treten improvisierte Passagen, die ganz gelegentlich auch mal freier und expressiver gestaltet werden, aber nie die Komfortzone verlassen. Es herrscht Schoenklang und es schaelen sich immer wieder wunderschoene -aber nie kitschige- Melodien heraus (Romantik im besten Sinne). An Tiefgang fehlt es deshalb nicht, dafuer sorgt schon das fein ausgehoerte Zusammenspiel der beiden exzellenten Musiker. Was das vollends zu einem grossen Album macht, ist der stringente Fluss. Der erste Ton wirkt wie ein Zauberspruch, dann stehe ich unter dem Bann dieser Musik und bleibe dort bis zum Ende. Es gibt auf diesem Album nicht einen glanzlosen Moment, keinen einzigen. Da ist nichts, das man weglassen koennte und nichts, das es hinzuzufuegen gaebe. Perfekt.
Joe Dvorak (07.07.2022, 04:31):
Jan Garbarek-Bobo Stenson Quartet with Palle Danielsson, Jon Christensen - Witchi-Tai-To (AD: Nov 1973) Jan Garbarek (Tenor- & Sopransaxophon), Bobo Stenson (Klavier), Palle Danielsson (Kontrabass), Jon Christensen (Schlagzeug)
Bei diesem Album stimmt zuerst die Titelauswahl. Es handelt sich in vier von fuenf Faellen um Fremdkompositionen, die allesamt unwiderstehlich eingaengig, aber nicht profan sind - dieser haarfeine Grat will erst mal getroffen sein. Das verfolgt einen, man kriegt das nicht mehr aus dem Kopf, will es aber auch gar nicht rausbekommen. Was die Musiker aus dem Material machen und wie sie es machen, ist sensationell. Garbareks Improvisationen mit weit ausladenden Spannungsboegen, grossangelegten Steigerungen und entfesselten Entladungen sind atemberaubend. Er klingt kuehler als auf dem Debut, weil er die brennende Intensitaet in laengern Melodielinien kanalisiert, aber wenn er dann ausbricht, dann wirkt das umso eindringlicher. Bobo Stenson, der zurecht als Co-Leader genannt wird, ist ein kongenialer Partner. Wer von beiden zuerst mit dem Solo dran ist, gibt den Staffelstab mit einer perfekten Uebergabe weiter und der andere fuehrt das nahtlos fort - hier haben sich zwei verwandte Geister gefunden. Die agile Rhythmusgruppe haelt alles sicher zusammen, mal freier, mal im Ostinato, immer den Erfordernissen des Augenblicks entspechend. Auch als geschlossenes Album mit der ueberlangen, aber keine Sekunde lang leerlaufenden Schlussnummer als Hochpunkt funktioniert das praechtig. Eine Platte fuer die Ewigkeit - wie man so sagt und damit meint, dass sie einen (hier: mich) wohl bis an das Ende seiner Tage begleiten, erfreuen und immer wieder erstaunen wird.
Joe Dvorak (08.07.2022, 01:45):
Eberhard Weber - The Colours of Chloe (AD: Dez 1973) Eberhard Weber (E-Kontrabass, Violoncello, Okarina, Stimme), Rainer Brüninghaus (Klavier, E-Piano, Synthesizer), Peter Giger (Schlagzeug, Perkussion), Mitglieder des RSO Stuttgart (Violoncelli) w/ Ack van Rooyen (Flügelhorn), Ralf Hübner (Schlagzeug), Gisela Schauble (Stimme)
Sinfonischen Jazz koennte man das nennen, wobei es rund 10 Minuten dauert, bis der Jazz zu seinem Recht kommt und so etwas wie ein Groove aufkommt. Zuvor dominieren die Streicher mit langgezogenen Einzeltoenen, weitgeschwungenen Linien - getragene Neoromantik, mit Tupfern von Bass, Klavier und Becken impressionistisch gefaerbt. Weber spielt eine Spezialanfertigung, ein Standinstrument, das etwas kleiner wie ein Kontrabass und elektrisch verstaerkt ist. Damit verbindet er die Beweglichkeit der Bassgitarre mit dem Volumen und Schwingverhalten des Kontrabass und liegt klanglich irgendwo dazwischen - ein absolut unverwechselbarer Stil und Sound. Die erste LP-Seite wirkt wie eine Suite mit den Celli als zusammenhangstiftendes Element. Erst kurz vor Schluss, wenn der Blaeser seinen Kurzauftritt hat, swingt es richtig heftig los. Die zweite Seite wird komplett von einem Stueck namens No Motion Picture eingenommen. Seitenfuellende Tracks aus einem Guss gibt es nicht allzuviele - hier haben wir einen astreinen. Das hat nichts von Session-Musik, sondern wirkt klanglich fein ausgehoert und formal streng durchkomponiert, wobei es freilich viel Platz fuer Soloimprovisationen gibt, die zunaechst vom Bass und dann vom Klavier (betoerend schoen) jeweils unbegleitet durchgefuehrt werden. Das ist eines der Stuecke, das beim Hoeren beglueckt und danach - wenn man am Ende dem Formvollendeten gewahr wird.
Joe Dvorak (08.07.2022, 03:27):
Terje Rypdal - Whenever I Seem to Be Far Away (AD: Jan 1974) Terje Rypdal (E-Gitarre), Odd Ulleberg (Horn), Pete Knutsen (Mellotron, E-Piano), Sveinung Hovensjø (Bassgitarre), Jon Christensen (Schlagzeug, Perkussion), RSO Stuttgart, Mladen Gutesha (Leitung)
Das Album zerfaellt in zwei Haelften. Die erste Seite bringt eine spannende Melange aus Jazz-Rock-Fusion und ProgRock - letzerer wirkt vor allem durch den Einsatz des Mellotrons praesent. Diesem unbeweglichen Instrument begegnet man im Jazz sehr selten und schon gar nicht in Kombination mit dem Horn. Das ist alleine aus klanglichen Gesichtspunkten ein Fest. Die stringenten Hendrix-informierten Improvisationen von Rypdal und das massiv-schwere, doch hyperagile Spiel des E-Bassisten am 6-Saiter setzen Glanzpunkte. Auf der B-Seite aendert sich das Bild. Das kann man woertlich nehmen, denn das seitenfuellende Titelstueck hat den Untertitel: Image for Electric Guitar, Strings, Oboe and Clarinet. Und wie es Images so an sich haben, klingt das reichlich impressionistisch. 18 Minuten orchestrale Klangmalerei, waehrend der Rypdal seinen ansatzlosen, elegischen, schwebenden Sound vorstellt, fuer den er bekannt wurde. Die erste Haelfte gehoert dem Orchester alleine, mit solistischen Beitraegen der Viola (die das Werk unbegleitet eroeffnet) und der Violine. Rypdal hat spaeter mehr in dieser Richtung komponiert und Opus-Zahlen vergeben, aber mir gefaellt dieser fruehe 'unschuldige' Versuch auf klassischem Terrain besser als seine ambitionierteren Werke. Die unwirkliche Stimmung zwischen Tag und Nacht, die auf der Cover-Photographie eingefangen wurde, findet sich in den Klangbildern wieder. Das ist das Richtige, wenn man einfach nur mal halb wach, halb traeumend wegschweben will...
Joe Dvorak (09.07.2022, 03:21):
Keith Jarrett Quartet - Belonging (AD: Apr 1974) Jan Garbarek (Tenor- & Sopransaxophon), Keith Jarrett (Klavier), Palle Danielsson (Kontrabass), Jon Christensen (Schlagzeug)
Muesste ich mich auf 3 Empfehlungen aus dem Hause ECM beschraenken, haette ich die Kandidaten schnell auf ein halbes Dutzend eingegrenzt, aber dann waere eine weitere Reduzierung grausam. Belonging floesse jedenfalls in die Ueberlegungen ein. Da weiss man gar nicht, wo man mit dem Lob anfangen soll. Garbarek ist in Hoechstform. Mir scheint, er spielt hier etwas kontrollierter als auf Witchi-Tai-To, das bis auf Jarrett dieselbe Besetzung aufweist. Um Missverstaendnisse zu vermeiden: Auf Belonging brennt es mehr als nur einmal lichterloh vor schierer Intensitaet. Ich meine damit, dass er 'analytischer' spielt, (noch) mehr aus den Themen herausholt, sie zerlegt, neu montiert, von verschiedenen Seiten beleuchtet. Gute Jazz-Improvisatoren sind Komponisten, die im selben Augenblick 'schreiben' und spielen. Exemplarisch ist das Sopransax-Solo auf The Windup (wie alles andere auf dem Album eine Eigenkomposition von Jarrett). Dieser Titel ist der Hoehepunkt des Albums. Nach der Themenvorstellung im Unisono beginnt Jarrett sein Solo unbegleitet, nach einer Weile setzt die Rhythmusgruppe ein. Wie die beiden unmittelbar auf jede Regung des Solisten reagieren, muss man gehoert haben. Das ist nicht nur blindes Verstaendnis, sondern eine Verbundenheit, fuer die mir nur der Begiff magisch adaequat erscheint. Auch Garbarek beginnt sein Solo unbegleitet, dadurch bekommt das Stueck einen zwingenden Zusammenhalt. Beim Albumfluss hat man sich etwas gedacht - denke ich. Eine kurze Hochtempo-Nummer eroeffnet, eine lange Ballade folgt, dann ein kurzes, schnelles Steuck, dann eine kurze Ballade, dann ein ausgedehnter Reisser und zum Schluss ein zweigeteiltes Stueck mit der Tempofolge langsam-schnell. Joe gefaellt das.
Joe Dvorak (10.07.2022, 02:26):
The Gary Burton Quintet with Eberhard Weber - Ring (AD: Juli 1974) Gary Burton (Vibraphon), Mick Goodrick (Gitarre), Pat Metheny (Gitarre), Steve Swallow (Bassgitarre), Bob Moses (Schlagzeug), Eberhard Weber (E-Kontrabass)
Seltsam. Weber ist 'nur' als Gast auf diesem Album angekuendigt, aber er stellt den Rest in den Schatten. Der Bandleader haelt sich zurueck, erst in der Schlussnummer -ironischerweise die einzige Weber-Komposition auf dem Album- geht er aus sich heraus, Goodrick macht ein paar Punkte in der Anfangsphase, Moses und der damals noch kaum bekannte Metheny duerfen sich bei dem Titel austoben, bei dem Weber aussetzt, aber ansonsten ist es seine Show. Es ist eine gute, wenn auch ueber weite Strecken introspektive Show, bei der eine grosse klangliche und texturelle Vielfalt zu bewundern und zu geniessen ist. Und es ist eine Show, bei der ich mich frage, was ich da eigentlich hoere. Jazz ist das nur selten, Rock ist es nicht wirklich, Klassik auch nicht, New Age schon gleich gar nicht. Aber irgendwie steckt ein bisschen von allem drin. Es ist Musik - sehr entspannt vorgetragen, aber spannend zu hoeren.
Joe Dvorak (10.07.2022, 02:52):
John Abercrombie - Gateway (AD: Mrz 1975) John Abercrombie (Gitarre), Dave Holland (Kontrabass), Jack DeJohnette (Schlagzeug)
Das ist wieder ein Album aus der Kategorie "dazu muss man nicht viel sagen". Fest in der Jazz-Tradition verwurzelt, aber heftigen Flirts mit der Avantgarde und der Rockmusik nicht abgeneigt, gespielt von drei sich blind verstehenden Ausnahmekoennern. Ein Klassiker.
Joe Dvorak (11.07.2022, 03:28):
Collin Walcott - Cloud Dance (AD: Mrz 1975) Collin Walcott (Sitar, Tabla), John Abercrombie (Gitarre), Dave Holland (Kontrabass), Jack DeJohnette (Schlagzeug)
Es ist eine Ungerechtigkeit, dass ich das Gateway-Trio mit zwei Saetzen abgespeist habe. Die Platte ist so vielschichtig, dass man Romane darueber schreiben koennte, aber manchmal formen sich die Gedanken nicht zu Saetzen. Ich mache es wieder gut, indem sie gleich nochmal bringe, diesmal als Begleitband fuer Collin Walcott. Walcott war Mitglied von Oregon, eine der ersten Bands die 'Weltmusik' machte - weniger als Versuch einer Synthese, sondern in dem Sinne, dass man von vorne herein keine Grenzen zulaesst. Er studierte bei Ravi Shankar und galt zu seiner Zeit als einer der wenigen westlichen Musiker, der mit Sitar und Tabla Instrumente der klassischen Tradition Indiens beherrschte. Das Album wird von zwei Stuecken, bei denen das komplette Quartett (mit Walcott an der Sitar) im Einsatz ist, eingerahmt. Die sechs Nummern dazwischen sind Duos und Trios bei denen Walcott mal Sitar und mal Tabla spielt und entweder vom Bass oder von der Gitarre oder von beiden Gesellschaft erhaelt. Das ist mal introspektiv und mal fetzig, aber will heute bei mir nicht mehr so recht zuenden. Dass am Ende ein positiver Eindruck bleibt, liegt an der entspannt swingenden Schlussnummer mit seiner markanten riffartigen Bassfigur und einem Mega-Geistesblitz von Abercrombie samt der Reaktion von DeJohnette.
Joe Dvorak (11.07.2022, 13:42):
Kenny Wheeler - Gnu High (AD: Juni 1975) Kenny Wheeler (Flügelhorn), Keith Jarrett (Klavier), Dave Holland (Kontrabass), Jack DeJohnette (Schlagzeug)
Die erste Seite wird komplett von einem fast 22-minuetigen Stueck eingenommen. Nach der Themenvorstellung, ein Wheelersches Original, bei dem ich nicht anders kann, als mir ein einsam verlorenes Gnu auf einer kahlen Hochebene vorzustellen, uebernimmt Wheeler das erste Solo, Jarrett folgt. Hier zeigt sich wieder mal, was fuer ein ungemein sensibler Begleiter DeJohnette ist. Stets hellwach, jede Regung des Solisten aufnehmend, immer mitspielend - das ist einfach fantastisch. Nach Hollands Solostatement kehrt das Thema zurueck und das Stueck waere eigentlich zu Ende, aber Jarrett laesst es nicht ganz ausklingen, sondern setzt zu einer langen unbegleiteten Soloimprovisation an und veranstaltet ein Mini-'Koeln-Concert'. Nach einer Weile gesellen sich die anderen wieder dazu und machen im Balladenmodus weiter. Wheeler nimmt sich nochmal einen langen, diesmal sehr freien Solospot und auch die Rhythmusgruppe agiert freier. Jarrett folgt ebenfalls im freien Modus und DeJohnette spielt wieder hellsichtig mit. Dann bekommt auch er sein Solo, beschraenkt sich auf die Becken und erinnert ueber die rhythmische Strukur an das Ausgangsthema. Mit ein paar leichten Stakkato-Schlaegen auf den Rand der Snare holt er die anderen wieder ins Boot und es folgt die Schlusswendung. Da bin ich platt und das war erst die A-Seite...
Nachdem Weber Gary Burtons Ring gekapert hat, ueberlaesst er auf seinem zweiten eigenen Album seinen Frontleuten das Feld. Marianos Sopran hat einen vollen, warmen, leuchtenden Sound und er spielt mit 'orientalischem' Einschlag, in dem sich seine Zusammenarbeit mit indischen Musikern spiegelt. Das Album entspricht ueber weite Strecken vielen Klischees, die mit ECM in Verbindung gebracht werden. Die Grundstimmung ist meditativ, die Klaenge sind spaehrisch, die langen Stuecke sind repetitiv, die Entwicklungen sehr langsam. Aber das hat nichts von einem Klangteppich, bzw. es ist einer, der sehr fein und kompliziert gewoben ist, wenn man genauer hinschaut, bzw. hinhoert, etwa beim filigranen Beckenspiel von Christensen. Der emotionale Hoehepunkt ist da, wenn Mariano das Nagaswaram auspackt, ein etwas troetig, aber sehr eindringlich klingendes Instrument, das entfernt an die Oboe erinnert. Nach hinten heraus wird das Album immer offener und freier, 'jazziger'. Im Schlussstueck hat Brüninghaus, der bis dahin nur elektrisch gespielt hat, ein langes unbegleitetes Solo am Klavier und das ist -wie schon auf Webers Debut- eine Sternstunde. Danach nimmt das Ganze angetrieben von einem unwiderstehlichen Ostinato Webers richtig Fahrt auf und Mariano geht mit einem kurzen, expressiv-freien Sopransolo vollends aus sich heraus. Das ist kein Album das gleich mitreisst, sondern fordert, sich in den Fluss zu begegeben und sich treiben zu lassen ... bis dann die ersten Stromschnellen auftauchen.
Joe Dvorak (12.07.2022, 08:28):
Pat Metheny – Bright Size Life (AD: Dez 1975) Pat Metheny (Gitarre), Jaco Pastorius (Bassgitarre), Bob Moses (Schlagzeug)
Methenys Debut als Leiter ist eine entspannte ‘Straight Ahead Jazz’ Trio-Session, noch ganz ohne schmeichelnde Klangbaeder, lateinamerikanische Einfluesse oder Flirts mit der Popmusik auf der einen und dem Free-Jazz & Noise auf der anderen Seite. Er zeigt hier ohne Gimmicks sein butterweiches, erfindungsreich-melodioeses Spiel, das ihn ueber Jazzkreise hinaus bekannt gemacht hat. Ich meine, hier einen leichten, moeglicherweise durch einige Songtitel suggerierten Country-Einschlag zu hoeren, wie er auf spaeteren Werken prominenter wurde. Jedenfalls kommen mir bei der Atmosphaere und der Melodiefuehrung gelegentlich Bilder von der weiten Praerie in den Sinn. Jaco Pastorius kontrapunktiert gekonnt und agil, wenn auch noch nicht so ganz schlangenhaft wie spaeter bei Weather Report. (Die Legende ueber sein Vorspielen bei dieser Gruppe sagt mehr als jede Stilbeschreibung. Der Bandleiter konnte Pastorius vom Kontrollraum aus nicht sehen und meinte nach einer Weile, er solle auch mal was auf dem E-Bass spielen, worauf Pastorius antwortete, dass er nur E-Bass spielt. Darauf wurde er sofort engagiert.) Dass auf Bright Size Life zwei zu der Zeit noch wenig bekannte, spaetere Giganten spielen, laesst zum einen gern den dritten im Bunde vergessen und zum anderen an eine noch nicht voll ausgereifte Talentprobe denken. Das ist ganz falsch. Im Gegenteil, so aufs Wesentliche konzentriert hat man die beiden nicht wieder gehoert und Moses’ Anteil daran ist hoechst vital und bedeutend.
Joe Dvorak (13.07.2022, 01:07):
Jack DeJohnette - Pictures (AD: Feb 1976) Jack DeJohnette (Schlagzeug, Orgel, Klavier), John Abercrombie (Gitarre)
Nachdem meine Wertschaetzung fuer DeJohnette als Begleiter kaum Grenzen kennt, wundert es nicht, dass auch einige Platten, bei denen er als Leiter fungiert, auf der Liste stehen. Pictures ist zur Haelfte ein Solo-Album, allerdings gibt es nur ein echtes Schlagzeugsolo - DeJohnette straft dabei dessen Ruf als 'Radauinstrument' Luegen. Bei den restlichen Solobildern unterlegt er seinem Getrommel einmal eine Orgel mit langgezogenen anschwellenden Toenen, ein anderes mal gibt er als Intro und Outro am Klavier den Franzosen. Die andere Haelfte kommt Abercronmbie als Duopartner hinzu. Auch hier wird Abwechslung gross geschrieben. Erst ist er ein traditioneller Jazzgitarrist, dann spielt er im Stil von Terje Rypdal und schliesslich greift er zur Akustik-Klampfe, wozu das Schlagzeug im Mittelteil einen marschartigen Rhythmus besteuert. Das ist sehr originell, aber kein Hoehepunkt, weil es bei diesem Album keine Hoch- und Tiefpunkte gibt. Auf jedem der 6 Bilder gibt es viel zu bestaunen, jedes ist anders und als Ausstellung fuegen sie sich harmonisch zusammen.
Joe Dvorak (13.07.2022, 02:06):
Barre Phillips - Mountainscapes (AD: Mrz 1976) Part I-VIII John Surman (Sopran- und Baritonsaxophon, Bassklarinette, Synthesizer), Dieter Feichtner (Synthesizer), Barre Phillips (Kontrabass), Stu Martin (Schlagzeug, Synthesizer), John Abercrombie (Gitarre, Part VIII)
Bei der Besetzung mit gleich drei Spielern, die einen Synthesizer gelistet haben, duerfte die Mehrheit der Jazz-Aficionados ungehoert das Weite suchen. Ich komme ihnen als Geistersprinter entgegen. Synthetisch erzeugte Klaenge -das heisst nicht zwingend kalt und steril- fand ich im Jazz-Kontext schon immer reizvoll, vor allem wenn sie so kreativ wie hier eingesetzt werden. Die Sounds der kuenstlichen Tonhersteller (mal sphaerisch, mal orgelhaft, mal technisch-kuehl) fuegen sich besonders harmonisch mit dem originellen Bassklang von Phillips zusammen. Nicht nur klanglich, sondern auch stilistisch und texturell ist das ein umgemein vielschichtiges Album. Das ist mal statisch-meditativ, mal wunderschoen melodioes, gelegentlich sehr frei, wir hoeren Solos, Duos, Trios oder die Vollbesetzung. Die gelungene Anlage als zusammenhaengende Suite verhindert, dass das zerfasert. Da gibt es nichts dran zu meckern.
Randbemerkung: Ist das Bass-Ostianto im letzten Teil von Gong geklaut? Das scheint mir besonders evident, wenn es schliesslich vom Saxophon aufgenommen wird. Da will ich gleich das Chanten anfangen: IAO ZA EE ZAO MA EE MAO TA EE TAO...
Joe Dvorak (13.07.2022, 03:39):
Keith Jarrett - The Survivors' Suite (AD: Apr 1976) Keith Jarrett (Klavier, Sopransaxophon, Bassblockflöte, Celesta, Zungentrommel), Dewey Redman (Tenorsaxophon, Perkussion), Charlie Haden (Kontrabass), Paul Motian (Schlagzeug, Perkussion)
Oft reicht schon die Besetzungs- bzw. Instrumentationsangabe aus, um mehr als einen Fingerzeig zu bekommen, was einen in etwa erwartet. Hier ist es ein geruettelt Mass an klanglicher und textureller Vielfalt. Wenn obendrauf die Tatsache kommt, dass es sich um ein Stueck von knapp 50 Minuten Dauer (fuer die LP in Beginning und Conclusion unterteilt) handelt und man trotzdem nicht neugierig geworden ist, dann hat man es verdient, diese kohaerente, vielschichtige Reise durch Stile und Stimmungen zu verpassen. Ich versuche erst gar nicht zu beschreiben, was auf diesem Album alles passiert, ich koennte es nicht adaequat tun. Aber ich kann versichern, dass der richtige Atem da ist, dass man nie so lange in einem Modus bleibt, dass es anstrengend wird und dass man nie so schnell wechselt, dass es fragmentiert wirkt. Das ist so stimmig und so gut, so voller innerer Kraft, dass ich zur Mitte der zweiten Haelfte von meinem Hoerplatz aufspringen und mit einem Euphoriegefuehl im Bauch all den Enddarmausgaengen auf der Welt ein aufrichtiges 'ihr koennt mich alle mal' zurufen musste. Und dann hoerte ich es nochmal. .
Joe Dvorak (14.07.2022, 00:34): Nach der Survivors' Suite anzutreten, ist aussichtslos. Da half es auch nicht, ein paar Streichquartette dazwischen zu schieben, um Abstand zu schaffen.
John Abercrombie & Ralph Towner - Sargasso Sea (AD: Mai 1976) John Abercrombie (Gitarre), Ralph Towner (Gitarre, Klavier)
Auf dieses Wiederhoeren habe ich mich besonders gefreut, aber es wollte nicht recht zuenden. Das ist ein sehr introvertiertes Album, es gibt keine Rhythmusgruppe, alles ist schoen rund und weich gespielt, die Tonbildung meist rein, die Phrasierung meist fluessig. Towner (der mit dem frueher besprochenen Collin Walcott bei Oregon gespielt hat) ist an der 12-saitigen Akustikgitarre und an der klassischen Konzertgitarre zu hoeren und Abercrombie wechselt zwischen akustischer und elektrischer Gitarre, gegen klangliche Monochromie ist also vorgesorgt. Aber die beiden kommen nicht aus dem Quark. Es gibt hier und da schon einige schneidigere Passagen, aber man sollte nichts im Stil von Friday Night In San Francisco erwarten. Das Album lebt von der Kommunikation, von der inneren Spannung - das heisst, es sollte davon Leben. Aber letztlich wirkt das auf mich alles zu unverbindlich. Bezeichnenderweise gefaellt mir die Schlussnummer noch am besten, weil Towner hier -endlich- Klavier spielt. (Das tut er viel zu selten. Es waren schon bei Oregeon seine (meine) Glanzpunkte.) Der eigentliche 'Mangel' des Albums ist aber das Fehlen von griffigen Themen oder markanten Stellen. Es fehlt mir etwas, das ich sofort mit diesem Album in Verbindung bringe, wenn jemand den Namen nennt. Ich habe ihm zwei weitere Chancen gegeben, damit sich etwas einpraegen kann, aber es wollte mir nicht gelingen.
Joe Dvorak (14.07.2022, 01:25):
Terje Rypdal - After the Rain (AD: Aug 1976) Terje Rypdal (Gitarre, Klavier, E-Piano, Synthesizer , Sopransaxophon, Flöte, Röhrenglocken, Glocken), Inger Lise Rypdal (Stimme)
Oft reicht schon die Besetzungs- bzw. Instrumentationsangabe aus, um mehr als einen Fingerzeig zu bekommen, was einen in etwa erwartet. Das schrieb ich schon weiter oben, aber es passt hier genauso. Und wie bei der Survivors' Suite werden die Erwartungen uebererfeullt, wenn auch auf ganz andere Weise. Jazz ist Rypdals Alleingang nicht. Es ist eine sehr ruhige, atmosphaerische, eindringliche, aber nicht aufdringliche Klangreise. Die Stuecke gehen nahtlos ineinander ueber, der immer ruhige Fluss ist unwiderstehlich und es hagelt Hoehepunkte, die ich nicht mehr zaehlen kann. Schon die ersten acht Toene haben es in sich. Klavier und Gitarre spielen fast unisono ein einpraegsames Vierton-Motiv, wobei die Gitarre ganz leicht hinterher hinkt und bei der Wiederholung ist es dann das Klavier, das ein paar Millisekunden zu spaet kommt. Das ist wie ein leiser Startschuss - so holt man den Hoerer (lies: mich) ab. Wenn ich das Akustik-Gitarrensolo Now and Then anhoere, dann wird mir nochmal bewusst, was mir bei Sargasso Sea gefehlt hat. Es ist introvertiert gehalten, aber auf dem Hohepunkt reisst Rypdal die Saiten kurz hart an, ich meine nicht um Effekt zu machen, sondern weil das an der Stelle die logische Steigerung ist. Das sind die feinen Details, die fuer mich den Unterschied machen. Noch mehr ist es aber das absolut stimmige Grosse Ganze, die kompositorische Qualitaet, die dieses Album zu einem Erlebnis der hoechsten Praedikatsstufe macht. Wenn ich nochmal das Winzerlatein bemuehen darf, dann haben wir hier eine Trockenbeerenauslese vorliegen.
Joe Dvorak (15.07.2022, 03:25):
Gary Peacock - Tales of Another (AD: Feb 1977) Keith Jarrett (Klavier), Gary Peacock (Kontrabass), Jack DeJohnette (Schlagzeug)
Der erste Auftritt des hier noch nicht gar so geschliffenen Dreiers, der sich bald mit der Neuinterpretation von vielgespielten Jazz-Standards als eines der groessten Klaviertrios seiner Zeit, wenn nicht aller Zeiten etablieren sollte. Hier noch ohne Standards, sondern mit Originalen von Peacock, der diese Session leitet. Das ist eine der Platten, die mir das Klaviertrio naehergebracht haben. Alle Stuecke sind aehlich aufgebaut. Es beginnt langsam und zurueckhaltend, dem Thema werden nach und nach neue Facetten abgewonnen und die Intensitaet steigert sich parellel dazu ganz organisch und zwingend. Bei mir entsteht das Gefuehl, hier wird Energie freigelegt und nicht draufgepackt. Das klingt vielleicht etwas schleierhaft, wenn man es nicht gehoert hat, aber da kann man ja Abhilfe schaffen. Es lohnt sich.
N.B. Wer sich allerdings schon ueber Glenn Goulds harmlose, sein Spiel begleitende Lautauesserungen echauffiert, macht um dieses Album besser einen Riesenbogen.
Joe Dvorak (16.07.2022, 03:24):
Ralph Towner's Solstice - Sound and Shadows (AD: Feb 1977) Jan Garbarek (Tenor- & Sopransaxophon, Flöte), Ralph Towner (12-saitige Akustikgitarre, Konzertgitarre, Klavier, Horn), Eberhard Weber (Bass, Violoncello), Jon Christensen (Schlagzeug)
Das war eine der Platten, die man ohne Risiko blind kaufen konnte, wenn man die beteiligten Musiker kannte und schaetze. Man wusste, was man bekommt und dass es gut sein wird. Beim Hoeren gab es dann genuegend Ueberraschungsmomente, so dass es nicht nur bei der Erfuellung des Vorhersehbaren blieb. Auch heute ist das noch eine erfreuliche Sache und vielleicht ein besonders typisches Beispiel fuer 'ECM-Jazz' mit all seinen Facetten.
Joe Dvorak (16.07.2022, 03:48):
Azimuth - Azimuth (AD: Mrz 1977) John Taylor (Klavier, Orgel, Synthesizer), Norma Winstone (Stimme), Kenny Wheeler (Trompete, Flügelhorn)
Ich schrieb weiter oben: Muesste ich mich auf 3 Empfehlungen aus dem Hause ECM beschraenken, haette ich die Kandidaten schnell auf ein halbes Dutzend eingegrenzt, aber dann waere eine weitere Reduzierung grausam. Das titellose Debut-Album des Azimuth-Trios entgeht dieser Grausamkeit, denn das ist gesetzt. Das Bild zeigt die 3 CD-Box, die noch die Nachfolgealben The Touchstone und Depart (mit Ralph Towner als Gast) enthaelt. Die habe ich paradoxerweise nie gehoert, weil ich mir ganz sicher war, dass von dieser Besetzung nichts besseres mehr kommen kann. Das werde ich auf meine alten Tage bei Gelegenheit mal ueberpruefen. Eigentlich haette mir das gar nicht gefallen sollen, denn Jazzgesang war seinerzeit nicht so sehr meine Sache. Ich bin dennoch immer wieder im Laden um die Platte herumgeschlichen, weil John Taylor draufsteht. Den hatte ich zuvor hoechst beglueckend Klavier und Orgel spielen gehoert und war neugierig, was er mit dem Synthesizer anstellt. Und mir fehlte voellig die Vorstellung, wie das alles zusammenklingen soll und was man mit dieser Besetzung fuer Musik machen will. Irgendwann obsiegte die Neugier ueber die Angst vor einem Fehlkauf und die 17 DM gingen ueber die Theke. Was macht dieses Album zu so einem Monolithen? Es gibt Romantizistik, minimalistisch-repetitive Synth-Muster verstroemen in Verbindung mit Winstones meist textloser Stimme einen kraeftigen New Age Duft, freie und experimentelle Passagen sorgen fuer das Jazz-Feeling. Aber diese blosse Aufzaehlung erklaert nicht die starke Wirkung dieses Albums. Letztlich komme ich hier wieder an die Grenze, die mir zeigt, dass es voellig vergeblich ist, ueber Musik zu reden. Grillparzer hatte schon recht: Beschriebene Musik ist halt wie ein erzähltes Mittagessen. In diesem Sinne ist Azimuth ein aussergewoehliches, sicher nicht jeden Geschmack treffendes, aber halt vom 3-Sterne-Koch zubereitetes Rezept.
Joe Dvorak (17.07.2022, 01:15):
Julian Priester and Marine Intrusion - Polarization (AD: Mai 1977) Julian Priester (Posaune, Synthesizer ), Ron Stallings (Tenor- & Sopransaxophon), Ray Obiedo (Gitarre), Curtis Clark (Klavier), Heshima Mark Williams (E-Bass), Augusta Lee Collins (Schlagzeug)
Dem aufmerksamen, mit den Namen etwas vertrauten Leser faellt vielleicht auf, dass seit langem (genauer: seit dem fuenften in diesem Faden vorgestellten Album) mal wieder lauter neue Namen auf der Besetzungsliste auftauchen. Es war, wenn ich richtig gezaehlt habe, bisher nur drei mal der Fall, dass keine Musiker dabei sind, die nicht schon vorher auf einem anderen Album erschienen sind. Das reflektiert das Sammelverhalten zu den Zeiten vor der CD und dem Internet. Ein LP-Kauf war in der Regel ein Blindkauf, weil man vorher nicht reinhoeren konnte. Die wenigsten Haendler waren bereit, Probe hoeren zu lassen, weil die wenigsten Konsumenten bereit waren, unversiegelte LPs zu kaufen. Also musste man sich zwangslaeufig an der Besetzung orientieren. Wenn da Musiker draufstehen, mit denen man schon gute Erfahrungen gemacht hat, das Cover gefaellt und die Titel interessant klingen, greift man zu und wenn an dieser Aufnahme ein unbekannter Spieler beteiligt ist und gefaellt, dann hat man sein Spektrum erweitert. So ergab sich ein Musiker-Grundstock, der sich in immer anderen Konstellationen verbandelt findet. Garbarek, Wheeler, Abercrombie, Rypdal, Towner, Jarrett, Weber, Christensen & DeJohnette hiessen die Helden. Es brauchte den Umzug in die erste Studenten-WG und einen Kommunarden mit einer riesigen Plattensammlung, um neue Impulse zu bekommen; Priester und seine Mannschaft waren einer der ersten.
Das Album hat viele memorable Momente, wirkt heute aber etwas uneinheitlich. Ein langes pastorales Posaunenduo (im Overdub-Verfahren eingespielt) eroeffnet, dann folgt eine rhythmusbetonte Nummer mit einem Klaviersolo, das in der Klassiktraditoin wurzelt, dann kommt aus dem nichts ein Schlagzeugsolo, danach ist Priester unbegleitet zu Gange, nach und nach gesellen sich die anderen dazu und es entwickelt sich zu einer kollektiven Free Jazz Improvisation. (Ein Punkrock hoerender Kumpel meinte dazu, dass waere echte Anarcho-Musik, jeder spielt worauf er gerade Bock hat.) Dabei faellt auf, dass es bei aller Freiheit klanglich nie scharf wird. Diese 'ECM-typische' Zaehmung rief Kritiker auf den Plan, die meinten, ihrer Kunst, die auch eine politische sei, wuerde die Radikalitaet genommen. Ich meine, das Argument, der Konsument wuerde eine verwasserte Version erhalten, stimmt durchaus. Aber wer die reine Version nicht hoeren will, fuer den aendert die Existenz oder Nichtexistenz einer abgemilderten Variante gar nichts - wohl aber kann diese Bruecken bauen, um neue Anhaenger der reinen Lehre zu gewinnen. Jetzt bin ich abgeschweift... Dass nach dem Free Jazz Ausflug eine Nummer mit einem rockigen Gitarrensolo folgt, hilft dem Albumfluss nicht und dass die Schlussnummer ziemlich unscheinbar daherkommt, ist dem Gesamteindruck nicht foerderlich. Als Album funktioniert das bei mir nicht recht, aber es gibt zu viele grossartige Passagen, als dass man es einfach zur Seite legen koennte.
Joe Dvorak (17.07.2022, 02:39):
Art Lande and Rubisa Patrol - Desert Marauders (AD: Jun 1977) Mark Isham (Trompete, Hörner), Art Lande (Klavier), Bill Douglass (Bass, Flöte), Kurt Wortman (Schlagzeug)
Das ist ein Gluecksfall, der reine Bliss! Alleine die ersten drei Minuten haben es in sich. Lande spielt wiederholt ein simples 5-Noten-Motiv auf einem Ton, nach einer halben Minute blaesst Isham in ein - ich weiss nicht, was es ist. Die Besetzungsliste notiert Horns. Was immer es ist, das faehrt emotional so dermassen rein - schon in dem Moment weiss man, dass hier etwas ganz Grosses im Gange ist. Der Schlagzeuger ordnet sich langsam, erst bei 1'37'' bringt Lande einen zweiten Ton und das ist das Signal fuer das Ensemble, Fahrt aufzunehmen und nach einem Trommelwirbel swingt es heftigst los und das prachtvolle Thema erscheint in der Trompete. Generalpause. In dem Wechsel geht es weiter. Dann beginnt Lande sein langes, sich in der Intensitaet langsam steigerndes Solo und treibt mich hoerend in die Seligkeit. Dann wieder das Thema. Immer wieder Generalpausen. Ishams Trompetensolo ist eine Zaesur, er spielt zunaechst ruhig, aber frei und nur vom Schlagzeug frei begleitet. Der Uebergang zurueck in den harten Groove ist ein Grosser Moment und dann glaenzt er expressiv. Was fuer ein schneidend intensiv durchdringender und doch leuchtend warmer Ton! Mit einer grossangelegten Schlussstretta endet das -wie die Band benamste- Eroeffnungstueck Rubisa Patrol nach 16 Minuten. Der Glaube, danach koenne nicht mehr viel kommen, wird in die Irre gefuehrt. Die folgenden kuerzeren Stuecke sind ruhiger, aber nicht weniger eindringlich und reich an Hoehepunkten. Ein ganz grosses Album.
Dieses Album wird bei mir immer eine Sonderstellung einnehmen. Ich weiss nicht, ob das mein erstes ECM-Album war, da wurde nicht drauf geachtet. Labels, Produzenten und deren Einfluss waren seinerzeit noch nicht im Wahrnehmungshorizont. Es dauerte eine Weile, bis ich bemerkt habe, dass auf den zusammengekauften und ausgeliehenen Platten dieser Richtung immer diese drei Buchstaben draufstanden. Es war die Instrumentierung, die wie ein Magnet wirkte. Ohne die geringste Ahnung, was ein Ringmodulator oder ein Keyboard Computer ist, musste ich wissen, was da rauskommt. Und das, was dabei rauskam, klingt auch heute kein bisschen angestaubt, trotz des Vintage Equipments. (Der KC-II war der erste Digitalsynthesizer, den man mit externen Sounds fuettern konnte - per Lochkartenleser! Ein unterhaltsamer Artikel fuer Nostalgiker findet sich hier.)
Sicher kann man das Album analysieren und feststellen, dass der Track mit dem durch eine besondere Praeparationstechnik ('Tack') besoffen klingenden Klavier nicht zum Rest des Albums passt oder hinterfragen, ob die ganzen Effekte immer zielfuehrend eingesetzt werden oder eben nur als Effekt. Das muss man aber nicht. Ich verweise lieber auf Rypdals Solo von The Dain Curse, das jeder Gitarren-Aficionado kennen muss. Auf diesem Track ist auch ein klasse Wah-Wah-Trompetensolo zu hoeren (Mikkelborg hat spaeter als Komponist und Arrangeur fuer Miles Davis gearbeitet), Christensen hat als Anschieber und Bremser eine grosse Sternstunde und wenn die Aufregung des Mittelteils abebbt, sphaerische Klange anheben und Mikkelborg das Fluegelhorn auspackt, dann steht jedes Koerperhaar. Alleine wegen diesem Titel, aber nicht nur deswegen ist Waves ein Must-Have.
Joe Dvorak (18.07.2022, 03:44):
Eberhard Weber Colours - Silent Feet (AD: Nov 1977) Charlie Mariano (Sopransaxophon, Flöte), Rainer Brüninghaus (Klavier, E-Piano, Synthesizer), Eberhard Weber (E-Kontrabass), John Marshall (Schlagzeug)
Es gibt zwei wesentliche Unterschiede zum Vorgaengeralbum Yellow Fields. Die Position am Schlagzeug wurde neu besetzt und Brüninghaus spielt viel mehr Klavier. Marshall klingt aufs erste Hoer nicht viel anders als Christensen, er ist aehnlich filigran an den Becken, aber bei ihm wirkt das alles viel draengender. Jedes der drei langen Stuecke entwickelt sich sehr langsam, aber Marshall haelt auch in der Ruhe die Stiefelspitze in Trittbereitschaft. (Ich habe mir das Album mal angehoert und mich dabei ganz auf ihn konzentriert - das ist ein Erlebnis fuer sich.) Das heisst nicht, dass der Rest der Truppe abfaellt, ganz im Gegenteil. Webers Solo in der knapp 18-minuetigen Eroeffnungsnummer ist das beste, das ich von ihm in Erinnerung habe, auch Mariano hat einen grossen Auftritt und spielt fast coltranesque expressiv, dann waere eigentlich das Klavier dran, aber der Protagonist findet nicht in den Fluss (so erscheint es mir) bis Mariano regelrecht dazwischen faehrt und nach kurzer 'Gegenwehr' auch diesen Solospot vollends uebernimmt. Dafuer glaenzt Brüninghaus bei den beiden anderen Stuecken umso mehr, wobei sich freilich auch Mariano nicht lumpen laesst. Das ist vielleicht die Hauptbotschaft. Sound hin oder her - dieses Album lebt von den Musikern, die sich allesamt in absolut bestechender Form befinden und das zu einer hoechst befriedigenden Angelegenheit machen.
N.B. Einen Beitrag dazu leistet das Thema des Titelstuecks, das die optimale Loesung des klassischen Zielkonflikts bereithaelt. Mehr Ohrwurmqualitaet bei weniger Profanitaet geht nicht.
Joe Dvorak (18.07.2022, 03:58):
Jan Garbarek - Places (AD: Dez 1977) Jan Garbarek (Tenor-, Alt- & Sopransaxophon), Bill Connors (Gitarre), John Taylor (Orgel, Klavier), Jack DeJohnette (Schlagzeug)
Auch dieses Album wird bei mir immer eine Sonderstellung einnehmen. Es ist rueckblickend schwer objektiv zu bewerten, weil hier Garbareks typischer Stil, den er spaeter stereotypisiert und in meinen (und vielen anderen) Ohren banalisiert hat, voll ausgepraegt ist und fast ausschliesslich zum Einsatz kommt. Aber man muss konstatieren, dass das in der viertelstuendigen Auftaktnummer sehr gut gemacht ist. In der Eroeffnungsphase spielt Taylor ein langgezogenes Ostinatio auf der Orgel, Connors zupft auf der Gitarre einzelne Toene an - das hat etwas von dem Drone, der einem indischen Raga unterliegt und Garbareks an ein Gebet gemahnendes Spiel weckt weitere Assoziationen in diese Richtung. Elegisch bis zur Inbrunst; Weltverlorenheit, Trauer, Trost und Hoffnung in einem vermittelnd. Nach vier ausserweltlichen Minuten setzt der Rhythmus ein. DeJohnette spielt nicht so interaktiv wie gewohnt, aber er haelt mit seinen komplexen Mustern das Steuck spannend, indem er Intensitaet und Dynamik langsam, aber setig steigert. Connors brilliert mit einem Solo auf der akustischen Gitarre und Garbarek gestaltet seinen Part mit weit ausladenden Melodieboegen. Nach hinten raus zieht sich das etwas, die Pause bei 12:30 waere ein guter Punkt gewesen, um aufzuhoeren. Der Rest des Albums faellt etwas ab. Es gibt noch einige Hoehepunkte, etwa wenn sich Garbarek daran erinnert, dass es die Ueberblastechnik gibt, wenn es kurz mal etwas freier wird oder wenn Taylor ans Klavier wechselt - doch auch hier gilt, dass etwas weniger wahrscheinlich mehr gewesen waere.
Joe Dvorak (19.07.2022, 04:09):
Gary Peacock - December Poems (AD: Dez 1977) Gary Peacock (Kontrabass), Jan Garbarek (Sopran- & Tenorsaxophon)
Dieses Album haben wir seinerzeit abgefeiert, vor allem wegen dem Snow Dance, bei dem Peacock per Overdub mit sich selbst spielt. Mit dem einen Bass liefert er ein griffig-eingaengiges Ostianto und mit dem anderen laesst er es so richtig fetzen. Danach wird es introspektiv, beim 2. und 4. Titel hilft Garbarek aus und Nr. 3 & 5 sind echte Soli. Und dann gibt es als Rausschmeisser wieder einen Doppelbass-Reisser. So macht man Alben, die Wirkung erzielen. Ein Langzeitfavorit.
Joe Dvorak (19.07.2022, 04:48):
Terje Rypdal/Miroslav Vitous/Jack DeJohnette (AD: Juni 1978) Terje Rypdal (Gitarre, Gitarrensynthesizer, Orgel), Miroslav Vitous (Kontrabass, E-Piano), Jack DeJohnette (Schlagzeug)
Die Besetzung verspricht einiges. Und es wird von allen Spektulaeres geboten. Vitous' eindringliches Bogenspiel, teils in hoechsten Lagen kennt man von Weather Report und von seinen frueheren Soloplatten. DeJohnettes Schlagzeug ist sehr direkt und in den Vordergrund gezogen eingefangen, da entgeht einem nicht das kleinste Detail. Rypdal haelt sich meist im Hintergrund und erschafft eher erfindungsreiche Klanglandschaften, als dass er mit thematischem Material arbeitet. Unterm Strich kommen spektakulaere Klanglandschaften dabei heraus, die man so von einem Jazz-Gitarren-Trio nicht erwarten wuerde. Ein ein Rezensent schrieb, dass das fuer Aficionados von irgendeinem der Beteiligten ein Must-Have ist. Als Moechtegern-Aficionado (fachspr. für: sachverständiger Fan, Kenner) meine ich, dass es -bei aller hier gebotenen Qualitaet- von allen Beteiligten Essentielleres gibt, aber dennoch ist der Eindruck bleibend, nicht zuletzt wegen Vitous.
Joe Dvorak (20.07.2022, 01:43):
Jack DeJohnette - New Directions (Juni 1978) Lester Bowie (Trompete), John Abercrombie (Gitarre, elektrische Mandoline), Eddie Gomez (Kontrabass), Jack DeJohnette (Schlagzeug, Klavier)
Wuerde ich dieses Album nicht kennen und jemand spielte es mir blind vor, laege nach 10 Sekunden (sic!) ein beliebig hoher Wetteinsatz auf Jack DeJohnette auf dem Tisch. Weitere 15 Sekunden spaeter wuerde ich nochmal verdoppeln und auf Abercrombie setzen. Es ist fuer einen Jazzmusiker vermutlich eine der hoechsten Auszeichnugen, wenn man ihn unter hunderten von Kollegen sofort erkennt. Die Kehrseite ist freilich, dass die Gefahr einer gewissen Vorhersehbarkeit besteht. Im konkreten Fall wird das durch frische Kraefte an Bass und Trompete verhindert. Bowie spielt bruechiger und 'dreckiger' als etwa Wheeler, Isham oder Mikkelborg. Das ist mal eine schoene Abwechslung, beisst sich aber in den kollektiv improvisierten Passagen etwas mit dem weichen Stil, den Abercrombie hier pflegt. Da entsteht bei mir manchmal der Eindruck, dass die beiden umeinander her irrlichtern. Aber zunaechst ueberwiegt das Positive. In der Auftaktnummer Bayou Forever bringt die Trompete frueh eines dieser albendefinierenden Themen, einen dieser glaenzenden Einfaelle, die man einmal gehoert tage- oder wochenlang mit sich herumtraegt und die einen zwingen, das immer wieder aufzulegen. Herausragend ist Abercrombies Solo auf dem folgenden Where or Wayne. Diesen Spannungsaufbau mit klinisch reinem Spiel, ganz ohne aeusserliche Effekte muss man gehoert haben, ebenso wie DeJohnette das durch sein Mitspielen verdoppelt. Bowie und Gomez nehmen sich ebenfalls lange und sehr hoerenswerte Solospots in diesem Stueck. Die B-Seite beginnt mit einer 'ECM-tpischen' amorphen Klanglandschaft. Es folgt eine lange Kollektivimprovisation, mit der ich nicht recht warm werde. Beim Schlussstueck zeigt DeJohnette wieder, dass er auch als Pianist haette Karriere machen koennen, aber irgendwie finde ich auch diese Nummer nicht ganz griffig. So bleibt ein etwas gespaltener Eindruck. Um es diplomatisch zu sagen: Wegen der A-Seite ist das ein Muss.
Es gibt Alben, da muss man nicht viel dazu sagen. Es gibt Alben, da kann man nicht viel dazu sagen. Und es gibt Codona. Da darf man nichts dazu sagen, weil keine Worte dem gerecht werden koennen. (Das ist nicht im Sinne einer objektiven Qualitaet gemeint. Wer will, findet bestimmt genug zum herummaeklen.) Ich koennte sagen, dass die 'exotische' Instrumentierung eine Tendenz in Richtung Weltmusik andeutet, muesste aber sofort nachschieben, dass das frei von gerne damit verbundenen Klischees ist und sicher im Jazz verwurzelt bleibt. Ich koennte sagen, dass diese Musik spirituell ist, muesste dann aber erklaeren, was damit gemeint ist. Ich koennte sagen, dass das Hoeren dieses Albums fuer mich stets ein heiliger Moment ist, muesste aber damit rechnen, dass mir ein Sauertopf erklaert, dass es so etwas wie Heiligkeit nicht gibt. Worte nutzen nichts, um das Erleben zu beschreiben. Da sind wir wieder bei Grillparzers erzaehltem Mittagessen. Hier wurde es von einem Moench, der Satori erlangt hat, zubereitet.
Joe Dvorak (20.07.2022, 09:56):
John Abercrombie Quartet - Arcade (Dez 1978) John Abercrombie (Gitarre, Elektrische Mandoline), Richard Beirach (Klavier), George Mraz (Kontrabass), Peter Donald (Schlagzeug)
Das ist makellos, einwandfrei, ohne Fehl und Tadel, wie aus einem Guss - wenn man sich mit Abercrombies Stil, der an Jim Hall angelehnt erscheint, anfreunden kann. Er hat alles rockige aus seinem Spiel eliminiert, spielt butterweiche Single Notes und ohne Verzerrungen und Effekte. Das ist Gitarrenspiel nach hoechstem Reinheitsgebot, dafuer schuettelt er einen melodischen Einfall nach dem anderen aus dem Handgelenk. Er hat in Beirach einen kongenialen Partner und verfuegt ueber eine hellwache Rhythmusgruppe. Das eng verzahnte Zusammenspiel der vier Protaginisten grenzt ans Telepathische, gleichzeitig bleibt man kontrolliert nahe am thematischen Material, das sich wie von Zauberhand stimmig entfaltet und dessen Innenspannung sich in den Soli organisch aufbaut und entlaedt. Ich kenne sonst kaum noch eine Platte, auf der alles so einfach wie zwingend erscheint und die gerade deswegen so viel Spass macht.
Das ist die Waves-Besetzung minus den Bass. Wer hofft oder befuerchtet, dass dessen Fehlen auf Kosten der Rhythmusarbeit zugunsten von mehr ambientartigen Klanglandschaften geht, liegt richtig. Im Gegensatz zum Vorgaenger, der mit seinem kuehl-distanzierten (sprechen wir das Klischee offen aus: nordischen) Sound punktete, wird der Hoerer hier mit warmen Klaengen umgarnt. Es gibt in den ersten beiden Stuecken ein paar albumdefinierende Momente, jene ins Hirn gebrannten Stellen, die einem sofort in den Sinn kommen, wenn man ein Album nach Ewigkeiten mal wieder aus dem Stapel zieht. Aber danach zieht es sich. Wenn dann in der zweiten Haelfte des Albums wie aus dem Nichts endlich mal ein Groove auftaucht und es danach wieder im gleichen Trott weiter geht, kann der Finger nur mit viel Muehe vom Skip-Icon ferngehalten werden. Nicht verschweigen sollte man Mikkelborgs allesamt hervoragende Soli, ob mit verfremdetem Klang, mit Daempfer oder rein auf dem Flügelhorn. Aber einer allein kann nicht alles stemmen.
Joe Dvorak (21.07.2022, 03:28):
Jack DeJohnette - Special Edition (AD: Mrz 1979) David Murray (Tenorsaxophon, Bassklarinette), Arthur Blythe (Altsaxophon), Peter "Slip" Warren (Bass, Violoncello), Jack DeJohnette (Schlagzeug, Klavier, Melodica)
In meiner Fantasiewelt gibt es den Straftatbestand der ECM-Veraechtlichmachung. Insbesondere die Behauptung, dass durch den Sound alles eingeebnet wird und dass die Kuenstler vom Produzenten beschnitten werden, ist strafbewaehrt. Das Strafmass lautet mindestens 4 Stunden Arrest, waehrend dem die Zelle mit Special Edition beschallt wird. Danach ist der Taeter ganz sicher rehabilitiert.
Das ist schlicht ueberwaeltigend und Label hin oder her ein Meilenstein der Jazzgeschichte. Da passt es, dass sich das Quartett nebst drei Eigenkompositonen zwei Coltrane-Nummern vorgenommen hat. Diese wilde, immer wieder in freie Gefielde ausbrechende und sich gleichzeitig auf die ganz alte Tradition besinnende Post-Bop Session weist eine atemberaubende Dichte an kompositorischen und improvisatorischen Glanzpunkten auf. Indispensabilis.
Joe Dvorak (22.07.2022, 02:30):
Miroslav Vitous - First Meeting (AD: Mai 1979) John Surman (Sopransaxophon, Bassklarinette), Kenny Kirkland (Klavier), Miroslav Vitous (Kontrabass), Jon Christensen (Schlagzeug)
Vitous zeigt einige seiner gestrichenen Soli -sein Markenzeichen, wegen dem das Album in Erinnerung blieb-, Surman punktet, wenn er hoechste Lagen aufsucht, Kirkland uebertreibt es in meinen Ohren mit den Arpeggios und Christensen ist Christensen. Das ist eine recht unspektakulaere Session, die nach der Eroeffnungsnummer Silver Lake stark abfaellt. Den nachfolgenden Titel A Beautiful Place to koennte man ohne weiteres mit Sleep ergaenzen. Surman und Vitous kauen unisono auf einer uninteressanten Largo-Melodie herum, es wird nur wenig variiert - das zieht die Luft aus dem Album, das danach nicht mehr in die Gaenge kommt, selbst wenn das Tempo wieder angezogen wird. Griffige Themen sind Fehlanzeige. Vielleicht koennte man diesem Album mit etwas mehr Geduld beikommen. Surmans Soli machten das lohnened, aber sonst ist mir einfach zuviel Leerlauf und zu wenig Leben drin. Wer das Vorurteil hegt, dass der 'ECM-Sound' der Musik die Lebendigkeit raubt, darf sich hier bestaetigt fuehlen. Man hoere Vitous zum Vergleich beim zwei Monate spaeter in Montreux mitgeschnittenen Konzert mit Jasper Van't Hoff - da ist Leben drin. Dieses First Meeting duerfte das letzte bleiben. Es ist kein wirklich schlechtes Album, aber es gibt viel zu viele viel bessere im Katalog.
Joe Dvorak (22.07.2022, 03:16):
Steve Kuhn / Sheila Jordan Band - Playground (AD: Juli 1979) Sheila Jordan (Gesang), Steve Kuhn (Klavier), George Schwartz (Kontrabass), Bob Moses (Schlagzeug)
Gesang ist Geschmacksache und Jordan macht sich mit ihrem starken Tremolo sicher nicht nur Freunde. Wenn man das Glueck hat, ihre Stimme zu moegen, dann hat man Zugang zu einem grandiosen Vokal-Jazz Album, das alles schlaegt, was ich im diesem Feld gehoert habe (das ist zugegebenermassen nicht allzuviel). Dass Jordan und Kuhn als Frontleute genannt werden, weist schon darauf hin, dass es sich hierbei eher um ein durch die Stimme verstaerktes Klaviertrio handelt. Kuhn ist der Leuchtstern auf dieser Platte. Er hat alle Stuecke getextet und die Musik dazu geschrieben und er nimmt sich reichlich Raum fuer originelle und spannungsreiche Soloimprovisationen mit haaraufstellenden Hoehepunkten. Jedes der sechs Lieder hat einen anderen Charakter, die Liedaufbauten sind komplex und unvorhersehbar, aber es passt alles logisch und zwingend wie aus einem Guss. Ein absoluter Gluecksfall.
Joe Dvorak (23.07.2022, 01:13):
Ralph Towner - Solo Concert (AD: Oct 1979) Ralph Towner (12-saitige Akustik-Gitarre, Konzertgitarre)
Zur ersten Einordnung draengt sich auf, das als gitarristisches Pendant zu Keith Jarretts Koeln-Concert zu sehen. Allerdings bringt Towner anders als Jarrett sieben abgeschlossene Titel und es handelt sich um einen Zusammenschnitt aus zwei Konzerten an verschiedenen Orten, aber hinsichtlich der stilistischen Ausrichtung, einem Changieren zwischen Klassik und Jazz und Aufenthalten im Niemandsland dazwischen, passt der Quervergleich. Towners Spiel auf dem Zwoelfsaiter ist spektakulaer. In der Eroeffnungsnummer -eine von vier Eigenkompositionen- will man kaum glauben, dass hier nur ein Gitarrist am Werk ist. Auf dem adaequat mit Train of Thought betitelten dritten Track liefert er ein Kompendium an Klaengen, die man aus dem Instrument herausholen kann, ohne ins Experimentelle abzugleiten. Das soll nicht so missverstanden werden, dass hier nur eine oberflaechliche Show abgezogen wuerde. Towners Faehigkeiten als Improvisator stehen denen von Jarrett nicht nach. Besonders interessant fand ich die Umsetzung der Fremdkompositoinen, darunter zwei Steucke von John Abercrombies Timeless Album und der Standard Nardis von Miles Davies. Aber ich muss auch konstatieren, dass mir gegen Schluss die Konzentration und auch die Freude etwas abhanden gekommen ist. Trotz der klanglichen Variabilitaet und der Ebbe und Flut bei Tempo und Ausdruck sind 47 Minuten nur Gitarre schon etwas lang. Das war zu LP-Zeiten noch kein Problem. Da hat man das Album nach der A-Seite erst mal gluecklich und zufrieden zur Seite gelegt und wenn man irgendwann mal wieder Lust auf Towner Solo hatte, dann wartete neues Material.
Joe Dvorak (23.07.2022, 01:54):
Chick Corea and Gary Burton - In Concert, Zurich, October 28, 1979 Gary Burton (Vibraphon), Chick Corea (Klavier)
Das 1972er Debut-Album des Duos, Crystal Silence ist ein Klassiker, den man nicht vorstellen muss. Die Eroeffnungsnummer auf jenem Album, Senor Mouse macht auch bei diesem Konzertmitschnitt aus der Schweiz den Anfang und bevor ich jetzt viel dazu schreibe, belasse ich es bei dem Hinweis, dass diejenigen, die von diesem Duo tatsaechlich noch nie oder noch nichts gehoert haben und trotzdem im diesem Thread lesen, sich das bitte anhoeren sollen. Wenn ich ein ECM-Einzeltrack-Ranking machen muss, ist das mindestens unter den besten 10. Was fuer ein Zusammenspiel! Ansonsten muss ich mich leider wiederholen. So sehr mir die beiden gefallen - eine ganze Stunde am Stueck traegt mich der doch sehr spezielle Zusammenklang der beiden Instrumente nicht. Auf der Original-Doppel-LP war auf der dritten Seite je eine Solovorstellung der beiden zu hoeren. Fuer die CD hat man die aus Platzgruenden weggelassen. Speater wurde das Konzert auf zwei CDs verteilt vollsteandig wiederveroffentlicht und zusammen mit den beiden Studioalben in die 4-CD-Box Crystal Silence - The ECM Recordings 1972-1979 gepackt.
Joe Dvorak (24.07.2022, 03:47):
John Clark - Faces (AD: Apr 1980) John Clark (Horn), David Friedmann (Vibraphon, Marimba), David Darling (Violoncello), Jon Christensen (Schlagzeug)
Eine solch ungewoehnliche Besetzung verspricht zumindest klanglich interessant zu sein, aber birgt die Gefahr, dass sich schnell Ermuedung einstellt. Hier kann Entwarnung gegeben werden. Diese Scheibe ist abwechslungsreich und originell ueber die Instrumentierung hinaus. Die maechtige Auftaktnummer The Abhà Kingdom ist ein kleines Kunstwerk fuer sich. Die lange langsame Einteilung liegt von der Stimmung zwischen Pastorale und Lamento, Clark und Darling singen sich ueber langgezogenen Tieftoenen, die von Friedmann punktiert werden, aus. Dann ueberlaesst Clark seinen Mitstreitern das Feld, das Cello bringt ein simples, 'saegendes' Vierton-Motiv im Ostinato und die Marimba soliert darueber, waehrend ein bestens aufgelegter Christensen komplexe Schlagmuster unterlegt. Nach einer Weile uebernimmt die Marimba das Ostinato und das Cello soliert - manchmal erzielen die einfachsten Dinge die groesste Wirkung. Mit einer Coda, die die Stimmung des Anfangs wieder aufnimmt, klingt das Steuck nach ueber einer Viertelstunde aus. Die nachfolgende Freiform-Kollektivimprovisation mit dem passenden Titel Lament verlaueft in ruhigen Fahrwassern und droht trotz der Laege von ueber 10 Minuten nie auseinanderzufallen, weil hier hellwach aufeinander gehoert und reagiert wird. Der Auftakt der B-Seite, eine Art Calypso(?) wirkt zunaechst wie ein Stilbruch. Aber nicht zuletzt dank der fantastischen Schlagzeugarbeit ist man schnell in der Nummer drin. Es folgt ein Steuck, das an Pierre Morlin's Gong erinnert und auf deren Album Downwind von '79 nicht deplaziert wirken wuerde. Ein Hochlicht. Nach einer weiteren, klanglich betoerenden Lamento-Freiformsession wird das Album mit einer schraeg-parodistisch volkstuemelnden Nummer abgeschlossen. Die hohe Qualitaet des Spiels -immer wieder Christensen!- verhindert, dass das ins Alberne verfaellt. Nach den vielen Lamenti wirkt so Ein Musikalischer Spass befreiend und wenn man die Musiker am Ende ueber sich lachen hoert, stellt sich zumindest ein breites Grinsen ein. Ein sehr aussergewoehnliches, aber rundum ueberzeugendes Album - eine Kombination, die mir selten begegnet.
Philidor (24.07.2022, 11:59): Jazz? Ja, irgendwo schon ... per Ausschlussverfahren kann man zum Ergebnis kommen: Diese CD enthält Jazz.
Keith Jarrett: Spheres (1976)
Keith Jarrett Dreifaltigkeitsorgel der Benediktinerabtei zu Ottobeuren
Ein altehrwürdiges Instrument, eines der ganz kostbaren, weitgehend erhalten gebliebenen Instrumente aus der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts, und dann so ein Jazzer und will darauf spielen ... geht das denn?
Und wie das geht. Selten war der Titel eines Albums so treffend wie hier ... das sind wahrlich Sphärenklänge.
Es könnte helfen, alle irgendwie vorhandenen Vorstellungen über Orgelmusik abzulegen, wenn man sich diese CD in den Player schiebt ...
Joe Dvorak (25.07.2022, 04:37):
Pat Metheny - 80/81 (AD: Mai 1980) Michael Brecker (Tenorsaxophon), Dewey Redman (Tenorsaxophon), Pat Metheny (Gitarre), Charlie Haden (Kontrabass), Jack DeJohnette (Schlagzeug)
Der Legende nach hatte Metheny freie Auswahl bei der Zusammenstellung des Ensembles, so kommen wir in den Hoergenuss von Mike Brecker, mit dem er im Jahr zuvor in der Begleitband von Joni Mitchell gespielt hat. (Mit dabei noch Lyle Mays und Jaco Pastorius - was fuer ein Luxus!) Und Brecker liefert gleich beim 20-minuetigen Auftakttrack Two Folk Songs das Maximum ab. Seine expressive, Coltrane-informierte Spielweise in dem spannungsreich aufgebauten Solo ist emotional packend bis zum Gehtnichtmehr. DeJohnette hat unter seinen zahllosen Glanztagen einen ganz besonders glaenzenden erwischt und goennt sich auf diesem Track ebenfalls ein Solo. Trotz oder wegen des launigen Akustikgitarren-Geschrammels des Bandleaders ist dieser zweiteilige Longtrack der Hoehepunkt des Albums. Ich habe es seinerzeit meist bei der A-Seite der Doppel-LP belassen, obwohl die anderen drei beileibe nicht schlecht sind. Es gibt eine Metheny-Solonummer, ein Trio, einen weiteren Quartett-Track mit Brecker, einen mit Redman und drei Stuecke, bei denen das komplette Quintett im Einsatz ist, wobei es insbesondere die treffend mit Open betitelte Kollektivimprovisation in sich hat. Aber mir fehlt nach der A-Seite etwas - das letzte Quaentchen an 'Magie'. Wie bei so einer Ansammlung von Schwergewichten zu erwarten wird Grossartiges geboten, aber die restlose Begeisterung will sich nicht so recht einstellen. Ich kann es nicht erklaeren...
Joe Dvorak (26.07.2022, 00:58):
Old and New Friends - Playing (AD: Juni 1980, live @ Theater am Kornmarkt, Bregenz) Don Cherry (Trompete, Klavier), Dewey Redman (Tenorsaxophon, Souna), Charlie Haden (Kontrabass), Ed Blackwell (Schlagzeug)
Die trauen sich was. Alle Beteiligten haben mit Ornette Coleman gespielt. Cherry, Haden und Blackwell waren 1961 alle drei gemeinsam auf dem Album This is our Music mit dem Maestro zu hoeren, ebenfalls in einem klavierlosen Quartett, das Coleman nicht 'erfunden', aber populaer gemacht und als Vehikel fuer den Vorstoss in den Free Jazz genutzt hat. Damit deutet sich an, dass hier kein 'ECM-Wohlfuehl-Jazz' geboten wird, sondern eine abenteuerlustige Straight Ahead Jazz Session, bei der sogar ein prominenter Walking Bass zu hoeren ist - eine Raritaet auf Alben dieses Labels. Das ist ein ganz ausgezeichnetes, spielfreudiges, virtuoses, kommunikatives Konzert mit einigen magischen Momenten, aber auf diesem Terrain gibt es halt jede Menge Konkurrenz bei anderen Labels. Dass sich Playing hier durchsetzt, liegt nicht zuletzt an Redmans -leider nur einmaligem- Einsatz der Suona, ein traditonelles chinesisches Musette-Instrument, das mit der Oboe verwandt ist und mit seinem durchdringenden Sound so richtig in den Bauch reinfaehrt. Der Effekt ist aehnlich schneidend, wie bei Charlie Marianos Einsatz des Nagaswaram auf Eberhard Webers Album Yellow Fields und macht das Konzert letztlich zu einem unvergesslichen.
Joe Dvorak (26.07.2022, 02:01):
Pat Metheny & Lyle Mays - As Falls Wichita, so Falls Wichita Falls (AD: Sep 1980) Pat Metheny (E-Gitarre, 6- & 12-saitige Akustikgitarre, Bassgitarre), Lyle Mays (Klavier, Synthesizer, Orgel, Akkordzither), Nana Vasconcelos (Berimbau, Perkussion, Schlagzeug, Drumcomputer, Stimme)
Andere (Ex-)LP-Sammler kennen das Phaenomen vielleicht. Es gibt Platten, von denen Zeit ihres Regallebens immer nur eine Seite gespielt wird. Beim Ersthoeren hat die erste Seite ueberzeugt und die B-Seite fiel ein wenig ab. Beim naechsten Hoeren erwies sich die A-Seite als so rundum stimmig, dass man danach erst mal nichts weiteres brauchte. Und wenn man wieder Lust auf das Album hatte, dann musste es wieder diese Seite sein. As Falls Wichita war bei mir so ein Fall. Das Titelstueck, das die komplette erste Seite einnimmt, ist perfekt, fuer das was es ist. Jazz ist es nicht. Es geht in Richtung Ambient, New Age, Prog und Krautrock der Berliner Schule. Es ist ein wenig von allem aber nichts von alledem. Das steht fuer sich. Hier muss mal eine Lanze fuer Musiker, die das Studio als Instrument nutzen, gebrochen werden. Puristen wischen das mit dem Hinweis auf den Verlust der Spontanitaet weg oder brandmarken es als ueberfluessige Spielerei. Letzteres ist nicht haltbar, wenn man (am besten mit Kopfhoerern) hinhoert, wie ausgekluegelt das ist, welche Kreativitaet im Finden und Kombinieren von neuartigen und doch nie experimentell wirkenden Klaengen hier zu Tage tritt. Man kann fragen, was die Feldaufnahmen mit Stimmengewirr am Beginn sollen, oder man nimmt sie hin, hoert und erlebt, wie sie Raum und eine unwirkliche Atmosphaere schaffen und sich mit anderen Klaengen stimmig vermischen. Wenn mehrere Klangspuren uebereinander geschichtet werden, dann wirkt das gezielt - sie muessen diesen Klang bereits vorher in den Ohren gehabt haben. Es ist etwas anderes, ob ein Komponist aus einem vorhandenen Satz von Standard-Instrumenten raffinierte Zusammenklaenge zaubert oder ob er die Klaenge zum Teil erst mal selbst (er-)finden muss. Diese Leistung von kreativen Studiomusikern sollte man nicht unterschaetzen. Mit Jazz hat das freilich kaum mehr etwas zu tun, aber Musik nur dafuer abzukanzeln, dass sie nicht das ist, was man haben will, finde ich irgendwie matt. N.B. Ich habe mir jetzt pflichtbewusst den Rest angehoert und das war durchaus des Hoerens wert, vor allem das lange unbegleitete Klaviersolo.
Joe Dvorak (26.07.2022, 11:25):
Jack DeJohnette's Special Edition - Tin Can Alley (AD: Sep 1980) Chico Freeman (Tenorsaxophon, Flöte, Bassklarinette), John Purcell (Alt- und Baritonsaxophon, Flöte), Peter Warren (Kontrabass, Violoncello), Jack DeJohnette (Schlagzeug, Klavier, Orgel, Congas, Pauke, Gesang)
Es ist eine Marotte, dass Bandleader ihre Combos nach dem ersten Album benennen, das sie zusammen gemacht haben. Chic Corea benamste seine Fusion-Gruppe nach dem Album Return to Forever und behielt den Namen fuer mehrere Alben bei (auch als sich der Stil extrem veraenderte). Eberhard Weber Colours und Ralph Towner’s Solstice sind weitere Beispiele. Und jetzt haben wir Jack DeJohnette’s Special Edition, obwohl gegenueber dem Album gleichen Namens die Haelfte der Besetzung ausgetauscht wurde. Der Qualitaet tut das keinen Abbruch. Auch die beiden neuen Frontleute sind wie geschaffen fuer diesen modernen, Free-Jazz-informierten Stil, der aus der gesamten Tradition, auch aus der ganz alten schoepft und sich mal im engeren harmonischen und rhythmischen Korsett bewegt und mal weitgehend frei agiert und das alles stringent in Kompositionen und Improvisationen -wobei kaum auszumachen ist, wo das eine aufhoert und das andere anfaengt- mit einem Ueberreichtum an Texturen und Klangfarben buendelt. Besser geht es kaum, ausser auf dem ueberragenden Vorgaenger, der mir um einiges fokussierter und auf den Punkt gebracht erscheint.
Joe Dvorak (27.07.2022, 02:31):
Don Cherry / Ed Blackwell - El Corazón (AD: Feb 1982) Don Cherry (Taschentrompete, Klavier, Melodica, Doussn'gouni ], Orgel), Ed Blackwell (Schlagzeug, Holztrommeln, Kuhglocke)
Die Haelfte der Old and New Friends treffen sich hier zu einer sehr entspannten Duo-Session. Prachtsteuck ist die viertelstuendige Suite, die das Album eroeffnet und unter anderem eine Nummer von Thelonious Monk verarbeitet. Dieser Longtrack ist einer der Hoehepunkte im gesamten Katalog. Danach verflacht das Album leider zuhoerends. Blackwell ist ein aussergewoehlicher Drummer, der selbst auf ungestimmten Trommeln melodisch klingt. Aber ich finde seine zahlreichen Soli oft als maeandernd, insbesondere das ueberlange Woodblock-Solo kurz vor Ende des Albums. Dass ein ebenso ueberlanges, alle ECM-Klischees (lange Einzeltoene, viel Hall, Stille, Repeat) bedienendes Trompetensolo danach den Abschluss bildet, vernichtet vollends den gloriosen Eindruck, den manches zuvor -vor allem wenn Cherry ans Klavier wechselt- gemacht hat.
Joe Dvorak (27.07.2022, 03:10):
Ralph Towner - Blue Sun (AD: Dez 1982) Ralph Towner (12-saitige Akustik-Gitarre, Konzertgitarre, Klavier, Synthesizer, Horn, Kornett, Perkussion)
Nachdem er sich beim Solo Concert nur mit der Klampfe praesentiert hat, verschanzt sich Towner hier hinter einem ganzen Arsenal von Instrumenten und klingt dank Overdub-Verfahren wie eine komplette Band. Das finde ich von Ansatz her schon mal beeindruckend, aber am Ende zaehlt nur das Resultat. Es ist ein atmosphaerisch, klanglich und texturell ungemein vielseitiges, spannendes Album geworden. Das hat etwas von einem Pottpourri - aber auch die koennen gut gemacht und stimmig sein und das ist hier allerklarst der Fall. Auch in diesem Rahmen erweist sich Towner als feiner Komponist und Improvisator, als feiner Techniker und Melodiker. Da bleiben bei mir keine Wuensche offen. Das albumeroeffnende Titelstueck ist ein Eintrag in die Einzeltrack-Bestenliste des Labels.
Joe Dvorak (28.07.2022, 02:53):
John Surman - Such Winters of Memory (AD: Dez 1982) John Surman (Bariton- & Sopransaxophon, Bassklarinette, Blockflöte, Klavier, Synthesizer, Stimme), Karin Krog (Stimme, Ringmodulator, Tambura ), Pierre Favre (Schlagzeug)
Ein Trio aus Saengerin und zwei Instrumentalisten wie bei Azimuth, ein Ringmodulator wie auf Rypdals Waves. So schnell, wie ich mit dem Album an der Kasse war, konnte man gar nicht gucken. Nach rund dreissig Jahren wiedergehoert, bleibt der Eindruck positiv, wenn auch durch einige Laengen im Mittelteil ganz leicht getruebt. Im Eroeffnungsstueck wird reichlich von Vokaleffekten, die ein gewisser New Age-Hauch umweht, Gebrauch gemacht. Das komplexe Spiel von Favre, die bisweilen rauhe Tonbildung von Surman und insbesondere die gekonnte Interaktion der beiden sorgen dafuer, dass dennoch ganz dick das Label 'Jazz' draufsteht. Das aendert sich mit dem naechsten Titel. Favre setzt aus und Surman bringt ein minimalistisch-repetitives Synthesizermuster, wie man es von seinen Soloalben kennt. Sein Saxophon-Spiel hat eine sakrale Anmutung, was noch verstearkt wird, wenn eine Art liturgischer Chorgesang im Hintergrund dazu kommt. Dann gibt es ein Stueck mit 'richtigem' Gesang, nur von der Bassklarinette begeitet und schliesslich wird die A-Seite mit einer freien, aber in ruhigen Fahrwassern verlaufenden Kollektivimprovsation, bei der Favre wieder mit an Bord ist, abgeschlossen. Die B-Seite beginnt wieder mit einem Synth-Muster als Grundlage fuer einen weiteren 'normalen' Vokal-Track, der den beiden Instrumentalisten viel Raum zur Entfaltung laesst, wobei Surman im Overdub-Verfahren mit sich selbst spielt. Zum Ende hin werden mir die 11 Minuten zu lang, weil sich nicht mehr wirklich etwas entwickelt - da haette etwas Straffung gutgetan. Dafuer duerfte das folgende kurze Soloklavier-Stueck etwas ausgedehnter sein. Es faellt immer wieder auf, dass Musiker mit anderem Hauptinstrument am Klavier eine mehr als gute Figur machen. Ralph Towner, Jack DeJohnette und Don Cherry hatten wir schon, Surman gesellt sich dazu. Mit der Schlussnummer wagt sich das Duo (ohne Favre) auf das Terrain des indischen Raga und sie machen das mehr als kompetent. Surmans aussergewoehnliches Blockfloetenspiel ist sensationell und macht die Schlussnummer zum Hoehepunkt. Die beiden besten Tracks an den Anfang und an das Ende eines Albums zu setzen, ist ein immer wieder wirksamer Trick, um dazwischen auch nicht immer ganz so geniales Material an den Mann (lies: mich) zu bringen. Und es gewinnt bei jedem weiteren Hoerdurchlauf dazu. Daumen hoch!
Joe Dvorak (28.07.2022, 12:55):
Keith Jarrett - Changes (AD: Jan 1983) Keith Jarrett (Klavier), Gary Peacock (Kontrabass), Jack DeJohnette (Schlagzeug)
Das Aufnahmedatum verraet, dass diese Einspielungen waehrend der beruehmten Standard-Sessions (Vol. 1 & 2) entstanden. Das zentrale Steuck Flying, das sich in zwei Teilen auf ueber 30 Minuten erstreckt, ist eine freie Improvisation und koennte damit als ein Trio-Pendant zum Koeln Concert durchgehen. An Changes wird manchmal bemaengelt, dass es vereinzelte Passagen gibt, die etwas richtungslos wirken. Das macht fuer mich gerade den Reiz aus und verleiht dieser Session Authenzitaet. Wenn man ohne vorherige Absprache eine halbe Stunde lang spielt, dann muss es fast zwangslaeufig Situationen geben, in denen man sich neu orientiert und findet - und wenn es dann wieder einrastet und das Energielevel hochgefahren wird, dann wirkt das auf mich als Hoerer umso imponierender und beglueckender. Eine urspruenglich fuer sein skandinavisches Quartett geschriebene Jarrett-Eigenkomposition rundet das Album gelungen ab.
Who's to Know, das Album mit dem Shankar der klassichen indischen Musik im Westen zu einem Popularitaetsschub verhalf, ist bei meinem Stroemer leider nicht verfuegbar, aber Vision ist ein mehr als adaequater Ersatz. Shankar spielt eine 'stereophone' elektrisch verstaerkte 10-saitige Doppelhals-Violine und die Klaenge, die er diesem Instrument entlockt, machen das zu einem Erlebnis. Ueber weite Stecken ist das Album statisch und meditativ, aber durch die interessante Gestaltung der Einzeltoene und Zusammenklaenge niemals flach. Insbesondere in den fast 14-minuetigen Titelsong kann man sich hineinziehen lassen und die Welt da draussen fuer eine Weile durch eine jenseitige von fremdartiger Schoenheit eintauschen. In manchen Stuecken verlegt sich Shankar auf zupfende Begleitung und gibt den Blaesern Raum fuer diesseitige Jazz-Soli, dabei ueberrascht Garbarek mehrmals mit derben Flatter- und einmal gar mit Junglesounds. Und in perkussiveren Passagen reminisziert Shankars Bogengeflitze an das zu Beginn genannte Raga-Album. Diese Auflockerungen sorgen dafuer, dass das mit seinem spaehrisch-meditativen Schwerpunkt nicht zu einseitig oder gar einlullend wird und sich am Ende eine grosse Zufriedenheit einstellt.
Joe Dvorak (01.08.2022, 02:58):
Kenny Wheeler - Double, Double You (AD: Mai 1983) Kenny Wheeler (Trompete, Flügelhorn), Mike Brecker (Tenorsaxophon), John Taylor (Klavier), David Holland (Kontrabass), Jack DeJohnette (Schlagzeug)
Das ist tatsaechlich das erste Mal, dass mir bei diesem Hoerprojekt die klassische Quintett-Besetzung begegnet. Da kommen gleich die beiden grossen Quintette von Miles Davis in den Sinn. Tatsaechlich haben Holland und DeJohnette 1969 im sogenannten Lost Miles Davis-Quintett (mit Wayne Shorter und Chick Corea) gespielt - 'verloren' deswegen, weil es keine Studioaufnahmen hinterlassen hat. Und ich lehne mich weit aus dem Fenster und behaupte, dass diese Session auf mindestens gleicher Hoehe mit dem Besten ist, das von Miles' diversen Combos in diesem Format abgeliefert wurde. (Allerdings ist Wheeler als Trompeter eher der Gillespie-Linie zuzuordnen.) Alle Beteiligten sind in absoluter Bestform, die Eigenkompositionen von Wheeler sind memorabel, die Ausrichtung als Straight Ahead-Jazz, der mit einer gesunden Dosis an klassischen Einfluessen und freier Improvisation ausbalanciert wird, schafft Zusammenhang und Vielfalt. Der Albumfluss ist stimmig, es gibt keine Haenger, dafuer unzaehlige Hoehepunkte. Schon der Anfang mit einem 'klassischen', unbegleiteten Solo von Taylor, der dann durch ein griffiges Ostinato, das sogleich vom Bassisten aufgeriffen wird, das Signal fuer die Vorstellung des komplexen, wie eingaengigen Themas durch die Blaeser gibt, weckt innerhalb von drei Minuten die Erwartung, dass wir es hier mit etwas Grossem zu tun haben und die folgenden Soli -besonders originell das von Taylor- erfuellen diese. Das folgende Trompeten-Klavier-Duo besticht durch die hellwache Kommunikation der Protagonisten im freien Mittelteil. Beim letzten Track der ersten Seite koennte man zu Beginn von Breckers Solo glauben, Coltrane -mit dem er manchmal verglichen wird- hoechstselbst sei der Gruft entstiegen. Spooky. Die zweite Seite der LP besteht aus nur einem Stueck, eine dreiteilige Suite, in der wirklich alles drin ist. Stimmungen von der Melancholie des Anfangs bis zum schreienden Enthusiasmus im letzten Drittel, wechselnde Texturen, wenn beispielsweise bei Taylors Solo nach der Halefte die Begleitung aussetzt, gekonnte Uebergaenge, etwa wenn Holland bei seinem introspektiven unbegleiteten Solo das Tempo verschaerft und so den Startschuss fuer Breckers furioses Solo gibt, eines seiner besten ueberhaupt, hoechst virtous und spannungsvoll mit einer emotionalen Klimax, die schier erschlaegt - angetrieben einem voellig entfesselt aufspielenden DeJohnette, der dann auch das Schlusssolo uebernimmt. Danach haengt man im Sessel wie ein Boxer in den Seilen und weiss, dass man ueber dieses Album schreiben kann, was man will - man wird dem mit Worten nicht gerecht.
Joe Dvorak (01.08.2022, 11:59): Nachtrag:
Kenny Wheeler - Deer Wan (Juli 1977) Kenny Wheeler (Trompete, Flügelhorn), Jan Garbarek (Tenor- & Sopransaxophon), John Abercrombie (Gitarre), David Holland (Kontrabass), Jack DeJohnette (Schlagzeug) w/ Ralph Towner (12-saitige Akustik-Gitarre, 1 Track)
Die habe ich bei der Auswahl glatt vergessen, dabei ist sie mit Double Double, You fast auf einer Hoehe. Grandiose Themen, unvorhersehbare Formen, starke Improvisationen. Ueberhaupt erscheint es mir so, dass Wheeler seine ohnehin schoen hochkaraetigen Ensembles wie ein Katalysator zur absoluten Grenze treibt. Ein weiteres Katalog-Highlight.
Joe Dvorak (01.08.2022, 13:35):
Pat Metheny Group - First Circles (AD: Feb 1984) Pat Metheny (Gitarre, Synclavier, Gitarrensynthesizer), Lyle Mays (Klavier, Orgel, Synthesizer, Trompete, Glocken), Steve Rodby (Kontrabass, Bassgitarre, Trommel), Paul Wertico (Schlagzeug, Perkussion), Pedro Aznar (Perkussion, Gesang, Gitarre)
Dieses Album ist -mit Verlaub- so bescheuert, dass es schon wieder Spass macht. Eine total inkohaerente Ansammlung von mal witzigen, mal geschmacklosen, mal nichtssagenden, mal genialen Titeln, die orientierungslos an einem vorbeitaumeln, so dass man sich am Ende fragt, was das jetzt bitte gewesen sein soll und schon wegen dieser offenen Frage nochmal von vorne anfaengt. Und mit der Zeit arrangiert man sich, stellt fest, wie aufwendig das arrangiert ist, welche klangliche Vielfalt und Innovation herrscht (samt Space Rock-inspirierten Synthie-Wirbeln), gibt sogar den haa-haa-hoo uuh-uuh-aah leia-leihia Vokalisen einen Sinn im Gefuege, stellt fest, dass die Soli von M&M einfach eine Klasse fuer sich sind und gibt schliesslich klein bei, indem man selbst bei der Schnulze Mas Alla nicht auf das Skip-Icon tippt. Weil sich die subjektive Qualitaet eines Albums auch darin zeigt, dass man es immer wieder hoeren will und mein Stroemer meldet, dass das gerade das neunte Mal war, muss ich es hier wohl bringen, auch wenn ich es niemandem zum Einstieg in den Metheny-Kosmos empfehlen wuerde.
Joe Dvorak (02.08.2022, 00:59):
Jan Garbarek Group - It's OK to Listen to the Grey Voice (Dez 1984) Jan Garbarek (Tenor- & Sopransaxophon), David Torn (Gitarre, Gitarrensynthesizer, Synthesizer ), Eberhard Weber (E-Kontrabass), Michael DiPasqua (Schlagzeug, Perkussion)
Der Name David Torn buergt dafuer, dass das kein typisches Garbarek-Album geworden ist. Torns eigenwilliger, bisweilen schraeger Stil und seine Neigung zur starken Klangbearbeitung und Verfremdung verleihen dem Album eine avantgardistische Note, die durch die surreal anmutenden Song-Titel noch verstaerkt wird. White Nosie of Forgetfulness, It's Ok to Listen to the Grey Voice, It's OK to Phone to an Island that is a Mirage, Mission: To be Where I Am - diese Zeilen sind kleine Kunstwerke fuer sich. Im Kleingedruckten ist zu lesen, dass der Dichter Tomas Tranströmer als Inspirator diente. Ohne Internet und mit fragend dreinblickenden Buchhaendlern konnte ich die Spur seinerzeit nicht weiterverfolgen. Mittlerweile hat der Schwede den Literatur-Nobelpreis bekommen und es gibt eine ins Englische uebersetzte Gesamtausgabe, die zwar nicht mein Regal, aber dafuer mein Lesegeraet dekoriert und in der immer wieder gerne gelesen wird. Auch Jazz bildet. :P
Joe Dvorak (02.08.2022, 01:22):
Marc Johnson - Bass Desires (AD: Mai 1985) John Scofield (Gitarre), Bill Frisell (Gitarre, Gitarrensynthesizer), Marc Johnson (Kontrabass), Peter Erskine (Schlagzeug)
Kultalarm!
Das Dreiton-Motiv im Kontrabass am Anfang von Samurai Hee-Haw ist ikonisch. Nenne jemandem, der das kennt, den Namen des Komponisten oder den Song- oder den Album-Titel und er wird im Rahmen seiner Faehigkeiten lautaeussernd zwei punktierte C, ein A & eine Pause im 6/8-Takt einmal wiederholt von sich geben, ebenso zuverleassig wie auf "Beethoven" ein Ta Ta Ta Taaa folgt. Bass Desires ist das ECM-Album, auf das sich alle einigen konnten, auch die, die es mit dem Jazz sonst nicht so hatten. Weil keine Blaeser dabei sind und kein Klavier, aber dafeur gleich zwei E-Gitarristen, von denen einer richtg rockt und der andere mit Klangspielereien punktet. Da sass man dann auf einmal im Hobbykeller eines albumbesitzenden Nerds, mit dem man sonst wenig zu tun hatte, zusammen mit Nerds, mit denen man sonst absolut gar nichts zu tun hatte und alle rockten mit einem grenzdebilen Grinsen -wie man es heute regelmaessig in smartphoneversunkenen Gesichtern sieht- zu Samurai Hee-Haw ab. Irgendwann eroeffnete der Gastgeber, dass es selbstgebrannten Schnaps im Haus gibt und bald zeigten alle ihr wahres Gesicht. Musik verbindet... :engel
Dieser Track und die nachfolgende, gelungene Interpretation von Coltranes Resolution ueberzeugen heute noch. Dann ist das Format im Prinzip ausgereizt. Das Album ist mit 54 Minuten Laufzeit fuer eine LP ungewoehnlich lang - zu lang. Da haette man locker zwei Titel weglassen duerfen. Welche? Ich kann mich nicht auf zwei festlegen, weil es kaum einen Unterschied macht. Nach den beiden Auftaktnummern gibt es mMn keine echten Hoehepunkte -aber auch keine Tiefpunkte- mehr.
Terje Rypdal & The Chasers - Blue (AD: Nov 1986) Terje Rypdal (Gitarre, Tasteninstrumente), Bjørn Kjellemyr (E-Bass, Kontrabass), Audun Kleive (Schlagzeug, Perkussion, Drumcomputer)
Die beiden zweieiigen Zwillinge sind Kinder ihrer Zeit. 80er: Miles Davis ist wieder da und mit ihm erscheinen Marcus Miller und Mike Stern - King Crimson reformieren sich und die Rockmusik - Techno bricht in den Mainstream durch.
Zwei Unterschiede fallen auf. Fuer Blue hat sich die Band einen Namen gegeben -den des ersten Albums- und es hat in der Tat etwas mehr vom Charakter eines Bandalbums als das jamlastige Debut. Auf Blue sind die Tasten, die bei Chaser gefehlt haben, wieder da, allerdings nicht nur sphaerisch, sondern auch mit handfesten Elektronik-Sounds. Beide Alben sind im Kern Jazz-Trios, aber sehr abenteuerlustige - Chaser mit heftigen Ausschlaegen in Richtung Heavy Rock, Blues, Free Jazz & Ambient, aber als Album ueberraschend kohaereant und Blue mit schweren Bassgewittern und allerlei technoiden Anwandlungen. Was beide verbindet und unverzichtbar macht, ist die superbe Qualitiaet des Spiels aller Beteiligten, vor allem Rypdals Wissen darum, wie man ein Solo zu einer emotionalen Klimax fuehrt.
Joe Dvorak (03.08.2022, 04:11):
Dave Holland Quintet - The Razor's Edge (Feb 1987) Steve Coleman (Altsaxophon), Kenny Wheeler (Trompete, Flügelhorn, Kornett), Robin Eubanks (Posaune), Dave Holland (Kontrabass), Marvin '"Smitty'" Smith (Schlagzeug)
Solche Platten sind schwer zu beschreiben. Das gibt es nichts ueber spezielle Spielweisen, besondere Klaenge & Effekte, fremde Stilbeimischungen oder sonst etwas Spektakulaeres zu berichten. Das ist Jazz in Reinkultur, zwar kein traditioneller Jazz, aber auch kein Free Jazz. Eine Platte wie diese lebt von den Kompositionen und der individuellen & kollektiven Klasse der Musiker. Und da brennt nichts an, das ist rundum ueberzeugend und beglueckend - herausheben will ich dennoch Steve Coleman, der mit seinem grossen, warmleuchtenden Ton betoert und haufenweise grandiose Soli heraushaut.
Joe Dvorak (04.08.2022, 02:12):
Oregon - Ecotopia (AD: Mrz 1987) Paul McCandless (Oboe, Englischhorn, Sopransaxophon, Bläsergesteuer Synthesizer), Ralph Towner (12-saitige Akustik-Gitarre, Konzertgitarre, Klavier, Synthesizer, Drumcomputer), Glen Moore (Kontrabass), Trilok Gurtu (Tabla, Perkussion)
Oregon machten Anfang der 70er 'Weltmusik', bevor es diesen Begriff gab. Das 1979 eingespielte Livealbum In Performance gehoert ueber alle Genres, Stile und Epochen hinweg zur besten Musik, die je auf Tontraeger gebannt wurde. Zu ECM stiessen sie erst in den 80ern, aber die ersten beiden fuer das Label eingespielten Alben liesen mich die spirtituellen Hoehefluege des Vorjahrzehnts vermissen. Ecotopia, das dritte und letzte Album fuer das Label ist ein Sonderfall. Das Gruendungsmitglied Collin Walcott, der mit seinem Sitarspiel den Bandsound entscheidend mitgepraegt hat, war waehrend einer Tour mit der Band toedlich verunglueckt. Das Album mit dem neuen Mann ist nicht besser als die beiden vorhergehenden, sondern anders. Das sieht man schon an der Besetzung mit Rhythmusmaschine und diversen synthetischen Klangerzeugern, die das Geschehen ueber weite Strecken dominieren. Ich habe ein Faible fuer solche Sachen. Sie modernisieren den Klang, erweitern die Moeglichkeiten und sorgen im Wechsel mit den rein akustischen Passagen, die dafuer Sorgen, dass es im Kern ein Oregon-Album bleibt, fuer bereicherende Abwechslung.
Joe Dvorak (04.08.2022, 02:55):
Gary Peacock - Guamba (AD: Mrz 1987) Jan Garbarek (Tenor- & Sopransaxophon), Palle Mikkelborg (Trompete, Flügelhorn), Gary Peacock (Kontrabass), Peter Erskine (Schlagzeug, Drumcomputer)
Das Album beginnt mit einem langen, unbegleiteteten Bass-Solo mit eindringlichen Klangeffekten. Dann folgt ein ruhiges Stueck, bei dem die Blaeser unisono ein Thema vorstellen, das aufs erste Hoer nicht zu den allergenialsten im Katalog zaehlt. Erskine trommelt ungemein subtil und eher raumschaffend als rhythmisch, Peacock uebernimmt das erste Solo und setzt dann aus, Garbarek folgt nur vom Schlagzeug begleitet, das dann schliesslich selbst ein kurzes Solo hat, worauf wieder das Thema folgt, welches -nachdem Erskine eben dessen komplizerte rhythmische Struktur freigelegt hat- wie verwandelt wirkt. Das naechste Stueck bleibt im ruhigen Fahrwasser, Garbarek setzt aus und Mikkelborg soliert mit gefuehlvollem Daempferspiel. (Was alleine in dieser ersten Viertelsunde an spielerischen und texturellen Feinheiten geboten wird, laesst sich durch so eine Nacherzaehlung nur unzureichend beschreiben - aber sie laesst erahnen, dass wir es hier nicht mit einer Routinesession zu tun haben.) Dann nimmt das Album Fahrt auf, der Drummer glaenzt mit treibender und komplexer Rhythmusarbeit, die er subtil und organisch mit elektronischer Perkussion anreichert, Garbarek und Mikkelborg uebernehmen die Front mit aufeinanderfolgenden Soli und auch Erskine bekommt einen kurzen Spot. Der zentrale Longtrack Lila wirkt formal wie eine Rekapitulation und 'Durchfuehrung' des vorangegangenen Geschehens. Unbegleitetes Bass-Solo, Thema im Blaeserunisono, Sax-Solo, danach Einstieg der Trompete, die aber sogleich vom Saxophon gekontert wird und erstmalig solieren die beiden kollektiv, mit-, neben-, gegeneinander oder im Wechsel, waehrend gleichzeitig der Rhythmus etabliert und das Tempo angezogen wird und schliesslich geht es zurueck in den amorphen Anfangsmodus. Es folgt ein weiterer von elektronischer Perkussion angetriebener Track, der als Vehikel fuer ein maechtiges Bass-Solo dient, leise unterlegt von Unisono-Linen der Blaeser, die unweigerlich ein Kind of Blue-Gefuehl hervorrufen. Die Schlussnummer nimmt die Stimmung des Anfangs wieder auf und es entsteht eine symmetrisch-zyklische Struktur, die das Album zu mehr als eine Summe seiner Teile macht. Immer wieder gern gehoert...
Joe Dvorak (05.08.2022, 03:03):
John Abercrombie - Getting There (AD: Apr 1987) John Abercrombie (Gitarre, Gitarrensynthesizer), Marc Johnson (Kontrabass), Peter Erskine (Schlagzeug) w/ Michael Brecker (Tenorsaxophon, 3 v. 8 Tracks)
Das war immer eine meiner Heavy Rotation-CDs. Abercrombie wandelt zur Abwechslung mal wieder auf Jazz-Rock-Fusion-Pfaden. (Er wurde im Septett von Billy Cobham bekannt - eine der grossen Combos aus den Anfangszeiten des Genres.) Ausserdem macht er ausgiebigen Gebrauch von den Moeglichkeiten des Gitarrensythesizers, den er auf sehr kreative und vielseitige Weise nutzt. Seine Soli sind wie immer erstklassig, auch Brecker stetzt in gewohnter Manier Glanzlichter und der fantastische Erskine ist eine achtarmige Krake. Einige eher traditionelle Jazztrio-Nummern und der gelegentliche Griff zur Akustik-Gitarre sorgen fuer Ausgewogenheit. Passt.
Joe Dvorak (06.08.2022, 03:09):
John Surman - Road to Saint Ives (AD: Apr 1990) John Surman (Bassklarinette, Bariton- & Sopransaxophon, Tasteninstrumente, Perkussion)
Surmans Soloalben fand ich immer etwas durchwachsen. Einerseits ist Surman ein grosser Melodiker, der gerne auf alte englische Folk Tunes zurueckgreift. Aber vom scharfen Grat zwischen erhaben-einfachen, einnehmend schoenen Melodien und prosaischem Kitsch stuerzt er ab und an auf der falschen Seite ab. Andererseits ist er ein Avantgardist und entwickelt mit Hilfe von Overdubs komplexe Klanggebilde, die mal aeusserst gelungen sind und mal den Eindruck von Fuellmaterial auf mich machen. Mir gefaellt vor allem, wie Surman minimalistisch-repetitive Sythesizermuster als Basis fuer seine Improvisationen einsetzt. Manche dieser so konstruierten und an sich grossartigen Stuecke scheinen sich allerdings am Ende unnoetigerweise ohne Weiterentwicklung in die Laenge zu ziehen, wodurch Surmans Spiel gefaehrlich nahe an 'Gedudel' herankommt. Ich habe mir oft ueberlegt, dass ein selbst gemixtes Best of-Album, das sich nur auf die genialen Stuecke beschraenkt, ein Album fuer die Ewigkeit sein muesste. Das hat sich mit Road to Saint Ives erledigt. Es ist kein Best of, sondern ein Konzeptalbum -inspiriert durch Landschaftseindruecke und Begegnungen in Corwall- mit Neukompositonen und hier stimmt alles. Das zieht mit seinem unbegleiteten Sopransolo am Anfang gleich in den Bann und -wichtig- er findet damit ein Ende bevor die Augenbrauen zu zucken beginnen. Die folgende Langnummer, ein Bassklarinetten-Solo, das sich auf dem o.g. Grat ueber einem Orgel-Ostinato entwicklet, reisst die 12-Minuten-Marke, aber haelt die Spannung, nicht zuletzt, weil Surman genau zum richtigen Zeitpunkt eine weitere Stimme hinzufuegt. Das folgende Stueck ist dann eine typische Collage, bei der unzaehlige Baritone um die Wette schnattern, bis schliesslich ein signalartiges Motiv erscheint und den Spuk nach weniger als einer Minute beendet. Klasse! Weniger ist manchmal mehr. Die folgende Nummer stellt das Sopransaxophon heraus, welches ohne Quietschfaktor in hoechste Hoehen gefuehrt wird, wobei die tiefen Instrumente zum Blaesersatz vervielfacht die Basis bilden. Und so jagt ein Hoehepunkt den naechsten, etwa wenn beim folgenden Stueck ein perkussives Sequenzer-Muster eingesetzt wird, das von Tangerine Dream stammen koennte - und es geht abwechslungsreich (auch ein Klavier kommt zum Einsatz) und bruchlos weiter, ohne dass mich das bis zum Ende aus dem ganz am Anfang gesprochenen Bann entlassen wuerde.
Joe Dvorak (06.08.2022, 03:12):
John Surman - Adventure Playground (AD: Sep 1991) John Surman (Bariton- & Sopransaxophon, Bassklarinette), Paul Bley (Klavier), Gary Peacock (Kontrabass), Tony Oxley (Schlagzeug)
Das knuepft zu Beginn fast nahtlos da an, wo das vorher besprochene Album aufgehoert hat, nur dass Surman hier einen Dialog-Partner am Klavier hat. Die Szenerie aendert sich nach zweieinhalb Minuten. Auftritt: Tony Oxely. Das ist kein Schreibfehler. Tony Oxley auf einem ECM-Album! Der Oxley, der mit seinen Gruppen u.a. Methoden von Anton Webern und John Cage in radikal freie Improvisationen uebersetzt hat und der zusammen mit dem Piansten Cecil Taylor orkanartige Free Jazz-Gewitter, fuer deren Beschreibung erst noch ein Superlativ gefunden werden muss, entfacht hat. Sein massgeschneidertes, teils aus selbstgebauten Instrumenten bestehendes Schlagzeug-Kit ergibt in Verbindung mit seiner Spieltechnik einen absolut unverwechselbaren und vielschichtigen Sound, was fuer jedes Album, auf dem Oxley draufsteht, beste Unterhaltung verspricht - wenn man auf Metren und Skalen, auf Rhythmen und Harmonien und sonstigen freiheitseinschraenkenden Kram verzichten kann. Aber auch selbst in der grossten Raserei spielt Oxley mit einer gewissen Subtilitaet und einem fluessigen Puls und er kann sich auch mal etwas zuruecknehmen - aber weit genug fuer ein ECM-Album? Loesen wir das Raetsel auf. Es funktioniert praechtig, aber nicht ueber die volle Laenge des Albums. Das macht seinem Namen alle Ehre. Es ist ein Abenteuerspielplatz fuer freie Exkursionen in wechselnden Gruppierungen der Instrumente, immer hoechst spannend zu horen, doch weitgehend entspannt gespielt. Falls jemand noch einen Beweis braucht, dass Free Jazz nicht gleichbedeutend mit Laerm und Chaos ist - hier ist er. Dass man an zweiter Stelle eine swingende Post-Bop Nummer eingeschmuggelt hat, sorgt fuer Auflockerung. Allerdings gibt es in der zweiten Haelfte des Albums viele Haenger. Wir sind -leider- im Zeitalter der CD angekommen. Ich bemaengle das immer wieder. Dadurch dass mehr Spieldauer zur Verfuegung steht und 'gefuellt' werden muss, geht oft der Fokus verloren. Das hier ist ein gutes Beispiel, denn es traegt (mich) nicht ueber mehr als eine volle Stunde. Sicher, man kann sich das zurechtprogrammieren und bei jeder Hoersitzung zwei, drei Titel weglassen. Aber ein gelungenes Album ist halt mehr als nur eine Ansammlung von Einzelstuecken. So bleibt das am Ende trotz des grossen Kinos der ersten Haelfte eine etwas unbefriedigende Sache.
Joe Dvorak (07.08.2022, 02:17):
Terje Rypdal - If Mountains Could Sing (AD: Juli 1994) Terje Rypdal (Gitarre), Bjorn Kjellemyr (Kontrabass, Bassgitarre), Audun Kleive (Schlagzeug), Terje Tønnesen (Violine), Lars Anders Tomter (Viola), Øystein Birkeland (Violoncello)
Das weiter vorne schon doppelt gewuerdigte Chaser-Trio wird hier um ein Steichtrio verstaerkt. Das Ergebnis ist eine gelungene musikalische Umsetzung des Album-Titels und des Coverbilds. Man koennte jetzt erbsenzaehlerisch feststellen, dass das nicht immer ganz hundertprozentig zusammengeht, dass mancher Uebergang etwas abrupt geraten ist, dass hier und da der Fluss ins Stocken geraet, dass es sich gegen Schluss ein wenig hinzieht. Aber ich will nicht auf hohem Niveau meckern, sondern lieber etwas zum fantastischen Klang sagen. Das ist sehr natuerlich eingefangen, raeumlich tief, mit Luft um jedes Instrument und mit Details bis zum Abwinken ohne dass das grosse Bild zerfasert. (Das kann man freilich zu fast jedem in diesem Thread vorgestellten Album sagen. Der Legende nach war Manfred Eichers Unzufriedenheit mit dem Klang der Jazz-Alben von Labels wie Blue Note oder Impulse eine Motivation zur Gruendung von ECM. Er hat zuvor fuer die DGG Alben mit Kammermusik produziert und setzte sich zum Ziel, die dortigen strengen Massstaebe an Jazzaufnahmen anzulegen.) Das Hi-Hat-Spiel im zweiten Track ist so subtil und nuancenreich, da waere es eine Schande, wenn irgendetwas davon untergeht. Es braucht freilich auch geeignetes Wiedergabe-Equipment. Musik ist ein kostbares Gut und verdient entsprechende Wuerdigung (sofern es der Geldbeutel zulaesst, schon klar...).
Joe Dvorak (08.08.2022, 00:24):
Anouar Brahem - Thimar (AD: Mrz 1997) Anouar Brahem (Oud), John Surman (Sopransaxophon, Bassklarinette), Dave Holland (Kontrabass)
Die Oud ist eine Kurzhalslaute, die im Nahen und Mittleren Osten, sowie in Nordafrika weit verbreitet ist. Der Klang dieses Instruments verleiht dieser Triosession ein gewisses 'arabisches' Flair, zumal Brahem auch die meisten Kompositionen beigetragen hat und sich auf die entsprechenden Skalen stuetzt. Surman ueberrascht gleich zum Auftakt ueber Hollands gestrichenem Bass mit einer Spielweise, die sein Sopransax wie ein Instrument aus diesem Kulturkreis klingen laesst. Das ist eine der Platten, bei denen sich sofort die Stimmung im ganzen Raum aendert, sobald die ersten Toene erklingen. Ein tiefer innerer Frieden stellt sich ein, die Verwerfungen in der Welt da draussen ruecken in den Hintergrund. Bilder eines Bazars mit bunten Gewaendern tauchen vor dem inneren Auge auf und Gerueche von suesslichem Rauch steigen in die innere Nase - das sind ueble Klischees, ich weiss. So What? Das soll nicht suggerieren, dass wir es hier mit einem billigen Welt- und Meditationsmusikverschnitt zu tun haben, so etwas ist mit Holland nicht zu machen. Es bleibt im Kern eine Jazz-Session -wenn auch eine sehr verinnerlichte- mit viel Raum fuer Improvisationen von allen Beteiligten.
Joe Dvorak (08.08.2022, 01:35):
Charles Lloyd - Voices in the Night (AD: Mai 1998) Charles Lloyd (Tenorsaxophon), John Abercrombie (Gitarre), Dave Holland (Kontrabass), Billy Higgins (Schlagzeug)
Lloyd machte es mir wahrlich nicht leicht. Ich liebe den warmen Klang seines Instruments, seine Phrasierungsweise, seine Art der Tonbildung, seinen 'spirituellen' Ausdruck - aber die Sitzungen, die er mit seinem ersten ECM-Quartett (mit dem Pianisten Bobo Stenson und wechselnden Rhythmusgruppen) gemacht hat, sind mir viel zu langatmig geraten. Da wirkt das Eintauschen des Klaviers gegen die Gitarre wie ein Befreiungsschlag. Sicher, auch hier gibt es introspektiv-vergeistige Balladen, aber es gibt genug Feuer um das auszubalancieren. Von Abercrombies Neigung zur Fusion und zu Klangexperimenten ist nichts mehr uebrig, aber auch sein butterweiches, bendingfreies Spiel ist weniger zu hoeren. Das alles weicht hier einem Reifestil, der jede Menge Blues enthaelt und bisweilen etwas Country-Flair mitbringt. Das harmoniert nicht nur klanglich mit Lloyd, die beiden zeigen sich auch im Zusammenspiel miteinander und mit der Rhythmusgruppe als Meister ihres Fachs. Das ist ein so inspiriertes und inspirierendes Album, dass sogar das Lamento ueber die Ueberlaenge ausbleibt. (ECM hat das unlaengst als Doppel-LP wiederaufgelegt - da weiss man, wann Pausen opportun sind.)
Joe Dvorak (08.08.2022, 14:11): Mission erfuellt und das 8 Tage vor dem Zieltermin. Da koennte ich doch glatt schweren Herzens unbereucksichtigte Alben wie John Abercrombie - Timeless; Bill Connors - Theme to the Guardian; Dave Holland Trio - Triplicate; Abercrombie/Johnson/Erskine - Live; Peter Erskine Trio - You Never Know und eine Handvoll weitere noch nachnominieren... :ignore
Ich waere nicht ich selbst, wenn es nicht etwas Statistik gaebe. Hier kommt sie in Form eines Allstar-Ensembles - wobei nur zwei Positionen ernsthaft umstritten sind. Am Saxophon deklassiert Jan Garbarek die Konkurrenz mit 12 Einsaetzen, John Surman folgt abgeschlagen mit 5. Knapp ging es bei der Trompete zu. Kenny Wheeler - Palle Mikkelborg 5:4. An den Tasten ist Keith Jarrett mit 6 Nennungen allein auf weiter Flur. Ganz eng ging es bei der Gitarre her. Terje Rypdal und John Abercrombie durften je 9 Mal in Vollzeit ran, aber der letztgenannte hatte noch einen halben und einen kurzen Auftritt. Der Bass ist klar: Dave Holland 9, Eberhard Weber 6. Und wer die Felle bearbeitet ist auch offensichtlich. Mit 14 Einsaetzen ist Jack DeJohnette in ganzen Feld der Top-Scorer. Aber die 10 von Jon Christensen sind auch nicht zu verachten.
Codona - Codona (1978) Jack DeJohnette - Special Editon (1979) Art Lande and Rubisa Patrol - Desert Marauders (1977) Art Lande / Jan Garbarek - Red Lanta (1973) Jan Garbarek - It's OK to Listen to the Grey Voice (1984) Steve Kuhn / Sheila Jordan - Playground (1979) Ralph Towner Solstice - Sound and Shadows (1977) Terje Rypdal - Waves (1977) Dave Holland - Conference of the Birds (1973) Oregon - Ecotopia (1987)