Moderne Sinfonien

Heike (07.09.2009, 20:41):
Hallo liebes Forum,
wer hat nach Schostakowitsch eigentlich noch Sinfonien geschrieben, die den Namen zu recht tragen und die es sich wirklich lohnt, kennenzulernen?? Wie ihr ja wisst habe ich eine gewisse Neugier für die Moderne und für Neue Musik, also ich frage das überhaupt nicht diskriminierend. Wenn ich mich jetzt so auf mein Programm der Festspiele freue und mir anschaue, was Dsch so für großartige Sinfonien geschrieben hat - dann frage ich mich schon, ob danach noch was annähernd vergleichbares kam oder ob diese Form ausstirbt.

Also, genauer gefragt, wer kann mir Komponist, Werk und am besten auch noch eine hörenswerte Aufnahme sagen?
Heike
Rachmaninov (07.09.2009, 20:55):
Original von Hebre
Hallo liebes Forum,
wer hat nach Schostakowitsch eigentlich noch Sinfonien geschrieben, die den Namen zu recht tragen und die es sich wirklich lohnt, kennenzulernen?? Wie ihr ja wisst habe ich eine gewisse Neugier für die Moderne und für Neue Musik, also ich frage das überhaupt nicht diskriminierend. Wenn ich mich jetzt so auf mein Programm der Festspiele freue und mir anschaue, was Schostakowitsch so für großartige Sinfonien geschrieben hat - dann frage ich mich schon, ob danach noch was annähernd vergleichbares kam oder ob diese Form ausstirbt.

Also, genauer gefragt, wer kann mir Komponist, Werk und am besten auch noch eine hörenswerte Aufnahme sagen?
Heike

Also ist ja die Frage was Du modern nennst.

Aber schau mal hier:

K. Aho

oder

Rautavaara

jeweils im Forum bereits diskutiert.
Heike (07.09.2009, 20:59):
Modern will ich gar nicht weiter definieren - sagen wir mal rein zeitlich, eben nach Dsch.

Natürlich kenne ich die von dir genannten Namen, aber über etwas konkretere Empfehlungen wäre ich doch froh. Was lohnt sich besonders? Natürlich kann ich auch nachlesen, aber sagen wir mal, wenn ihr ein kleines Päckchen mit 3 CDs nach o.g. Kriterium mit auf eine Insel nehmen dürftet - welche wären das???
Heike
kreisler (07.09.2009, 21:06):
Ich war vor kurzem in Berlin und habe das Programm gesehen. *Neid*

Also da ich diese gewisse Neugier mit dir teile (und mein Interesse auch noch ganz andere Gründe hat...) gleich mal eine kurze Antwort so aus dem Stegreif:

Henze: 9 Symphonien; Die ersten 6 sogar bei DGG unter Leitung des Dirigenten (Besonders die 4 und 8 will ich mal besonders herausheben)

Schnittke: 10 Symphonien (mit der Nullten); Die meisten gibt es bei BIS aber ich meine, dass die Concerti grossi und die Konzerte noch ein wenig wichtiger sind als die Symphonien. Der steht aber durchaus in einer Schostakowitsch-Tradition

Vaughan Williams und besonders Charles Ives sind mir da noch eingefallen, aber die sind ja beide noch um einiges vor Schostakowitsch geboren

Aber z.B. Dutilleux´s 2. Symphonie oder Honegger mit seinen 5 Symphonien die teilweise wirklich genial sind, sind ja auch nicht mehr zeitgenössisch und auch nicht Symphonien in dem Sinne.

Übrigens gabs ja z.B. in der Wiener Schule eigentlich keine Symphonien sondern nur kürzere "Orchesterstücke", da man sich in der Zwölfton-Musik mit großen Formen schwer tut. Und trotzdem gibt es ein kurzes, aber von mir sehr geschätztes Stück, dass Webern "Symphonie" genannt hat.

Hab sicher noch welche Vergessen,aber noch mehr so richtig moderne fallen mir im Moment nicht ein. Es scheint, die zeitgenössischen Komponisten bennen ihre Orchesterstücke lieber mit irgendwelchen Namen...

Grüße,
Kreisler
Gerion (07.09.2009, 23:54):
Zu nennen wäre vielleicht noch Arvo Pärt, der meines Wissens vier mit "Sinfonie" bezeichnete Werke geschrieben hat. Eine schöne Einspielung mit einem im Forum ja hinlänglich bekannten Dirigenten ist zB diese hier:

http://www.jpc.de/image/w600/front/0/0724354563027.jpg

Grüße
Gerion
teleton (08.09.2009, 10:12):
Hallo Hebre,

auch wenn sich heutige Komponisten nicht mehr streng an die alte Sonatensatzform halten, so ist die Form der Sinfonie nicht ausgestorben.

Ich möchte mal an die nordischen Komponisten erinnern (nicht nur die Favoriten Aho und Rautavaara (von Rachmaninov), die bei mir noch ausstehen), sondern auch die mir derzeit näher stehenden Sinfonien Nr.1 - 4 von
Joonas Kokkonen (1960 - 1971); dann die Schostakowitsch-Nahen Sinfonien Nr 1-7 von
Einar Englund im Zeitraum (1947 - 1988); weiter
Vagn Holmboe mit den Sinfonien Nr.1 - 13 im Zeitraum (1935 - 1994); ganz große Klasse auch
Bo Linde mit der Sinfonie Nr.2 (1960) und
Eduard Tubin mit den Sinfonien Nr.1 - 10 von (1931 - 1973).
kreisler (08.09.2009, 11:25):
Original von teleton
Eduard Tubin mit den Sinfonien Nr.1 - 10 von (1931 - 1973).

Den kann ich auch umbedingt empfehlen!!

Besonders seine Letzte:

http://ecx.images-amazon.com/images/I/61WP-V9oVHL._SL500_AA240_.jpg

Grüße,
Kreisler
Wooster (08.09.2009, 11:41):
Allan Pettersson (1911-1980) hat eine gewisse Fangemeinde. Sie sind recht günstig bei jpc zu haben. Ich habe zwei oder so gekauft, kann aber nicht viel dazu sagen, außer daß es sich um außerordentlich düstere, depressive Stücke handelt.
Nicht später als Schostakowitsch, aber im 20. Jhd. und vielleicht nicht so extrem bekannt (ich muß zugeben, meist auch nur eine oder zwei zu kennen):

K.A. Hartmann (8 Sinfonien)
B. Martinu (6 und etliche weitere sinfonische Werke)
D. Milhaud (12)
A. Roussel (4), besonders die 3. ist grandios

Wooster
Heike (08.09.2009, 19:15):
Na da scheint es ja doch einiges zu geben - danke schonmal für eure schönen Empfehlungen!
Heike
kreisler (08.09.2009, 23:46):
Original von Wooster
Allan Pettersson (1911-1980) hat eine gewisse Fangemeinde

Ich kenne da einige aus dieser Gemeinde :wink Wie konnte ich den nur vergessen!

Allerdings muss ich auch zugeben, dass ich bei im sehr zwischen grandios und eintönig schwanke.
Seine 8. Symphonie habe ich aber schon immer gerne gehört und kann sie nur empfehlen (Wie Wooster sagt, gibt es die alle bei jpc. Ich habe aber nur einen Radio-Mitschnitt von dieser Symphonie :ignore)
Die späten Symphonien sind auch nicht uninteressant, da er da zusehends atonaler wird.

lg kreisler
Gerion (08.09.2009, 23:52):
Hat S. Gubaidulina eigentlich bis jetzt schon eine Sinfonie oder ein ähnliches Werk geschrieben?
uhlmann (09.09.2009, 09:18):
Original von Gerion
Hat S. Gubaidulina eigentlich bis jetzt schon eine Sinfonie oder ein ähnliches Werk geschrieben?

laut russischem musikarchiv:

Sinfonien und andere Orchesterwerke
1. Sinfonie - 1958, 15´
2. Märchenbild - 1971, 10´
3. Stufen - in 7 Sätzen für Orchester und Sprechchor (Orchestermusiker live oder Tonband) nach einem Text von Rainer Maria Rilke, 1972, revidiert 1986 und 1992, 20´
4. Konzert - für Jazzband und Sinfonieorchester (mit Tonband), 1976, 10´
5. Stimmen... Verstummen... - Sinfonie in 12 Sätzen, 1986, 42´
6. Antwort ohne Frage ("Unanswered Question" - "Hommage a Charles Ives") - Collage für drei Orchester, 1988, 8´
7. Pro et contra - 1989, 42´
8. Zeitgestalten - 1994, 25´

wobei ich bei den komponisten aus der ehemaligen udssr den titel symphonie nicht so wörtlich nehmen würde. gija kancheli, der auch immerhin 7 symphonien geschrieben hat, meinte über diese:
"die bezeichnung symphonie für die sieben orchesterwerke, die ich unter diesem titel schrieb, ist nicht konkret als gattungsfestlegung zu verstehen; der grund lag im system des sowjetischen kulturministeriums: aufgeführte werke wurden in kategorien bezahlt, klaviermusik, kammermusik, solokonzerte, etc. die symphonie war die bestbezahlte kategorie. nachdem ich an jedem dieser werke gut drei jahre gearbeitet habe, wollte ich dementsprechend entlohnt werden und habe deswegen alle diese werke als symphonien bezeichnet. höchstwahrscheinlich hätte ich den werken andere titel gegeben, wenn es diese regelung nicht gegeben hätte."
Gerion (09.09.2009, 09:44):
Lieber Uhlmann,
Danke für die interessante Information! :thanks
EinTon (10.09.2009, 02:34):
Von Erkki-Sven Tüür (wie Pärt ein Este, musikalisch aber besser :wink ) gibts auch einige Sinfonien, ich habe mir neulich seine jüngste angehört - ist im Grunde eine einsätziges Orchesterstück mit herausgehobenen Schlagzeugsolisten:

http://www.amazon.de/Symphony-percussion-symphony-orchestra-dedicated/dp/B001TS4GT8/ref=sr_1_2?ie=UTF8&s=dmusic&qid=1252542678&sr=8-2

Allerdings gefallen mir seine kleiner besetzten Werke (zB "Architectonics") besser.
Cetay (inaktiv) (18.09.2009, 13:06):
Original von Hebre
aber sagen wir mal, wenn ihr ein kleines Päckchen mit 3 CDs nach o.g. Kriterium mit auf eine Insel nehmen dürftet - welche wären das???
Heike

Das wäre zunächst die 3. Sinfonie von Alla Pavlova. Die stammt aus dem Jahr 2001, klingt aber kanpp 100 Jahre älter. 40 Minuten Spielzeit, 4 Sätze, tonal, romantisch, großorchestral. Pavlovas Sinfonik fehlen die dramatischen Ausbrüche und erschütternd-emotionalen Tiefen eines Schostakowitsch, auch alles Grelle ist ihr fremd. Statt dessen ist sie von einer melancholischen Grundstimmung durchzogen, die der fast schon surrealen Schönheit der Klänge eine tragische Note verleiht. Pavlova arbeitet mit wenigen miteinander verwandten Motiven, die (u.a. von einer solistischen Geige) wiederholt und variiert werden; eine durchführungsgemäße Verarbeitung findet nur rudimentär statt. Das verleiht dem Ganzen leicht minimalistische Züge und ist wahrscheinlich das einzige Merkmal, an dem man diese Sinfonie als "modern" erkennen kann.
Es gibt nur eine Aufnahme:

http://ecx.images-amazon.com/images/I/519p6jyFeeL._SL500_AA240_.jpg

Unter den Forumianern kontrovers diskutiert wird die 3. Sinfonie von Henryk Mikolaj Górecki. Ich schrieb dazu: Eine Kreuzung aus Minimalismus, Musik des 15. Jhd und traditioneller Polnischer Musik. Sehr meditativ und stellenweise entrückt. Ich habe folgende Aufnahme mit einer bestechend expressiven, aber nie nervenden Sopranistin (Stefania Woytowicz):

http://ecx.images-amazon.com/images/I/41KQPG78JML._SL500_AA240_.jpg

Und schließlich kommt die atemberaubende Sinfonie Nr. 3 (Sinfonia Del Mare) von Gösta Nystroem mit ins Gepäck. 4 Sätze, knapp 40 Minuten und groß angelegte unerträglich spannende Steigerungswellen, die regelrecht körperlich schmerzen. Und in der Mitte als Ruhepol ein Sopransolo von einer anderen Welt. Passend dazu ist die etwas betagte Aufnahme mit Elisabeth Söderström und Stig Westerberg endlich wieder aufgelegt worden. Klangfetischisten greifen zu Hellekant/Svetlanov.

http://g-ecx.images-amazon.com/images/G/03/ciu/2e/9c/04e4f96642a0be2a667e3110.L.jpg
Cetay (inaktiv) (19.09.2009, 13:53):
Ich will diesen Faden zum Anlass nehmen, um mal wieder die Wahl-Münchnerin Gloria Coates, die 15 als Sinfonie bezeichnete Orchesterwerke im Werkverzeichnis führt, zu promoten. Ich kann mich nicht erinneren, wann mich eine Neuentdeckung so umgehauen hat. Bislang habe ich über sie nur geschrieben, dass mir die Worte fehlen.
Ein älterer Beitrag von uhlmann beschreibt die Musik sehr treffend:

Original von uhlmann
coates (geb. 1938) ist eine amerikanische komponistin, die schon lange in deutschland lebt. ihre musik ist sehr eigen, geprägt vom fast ständigen einsatz des glissando. durch diese werden spannungsreiche, langgezogene musikalische bögen gebildet, die sich nach und nach verändern und so der musik den charakter einer langsamen und stetigen entwicklung geben. aus den glissando-klangflächen schälen sich immer wieder einzelne kontrastierende figuren heraus, die der musik komplexität und struktur geben.
Mit dem Gattungsbegriff haben zumindest ihre früheren Sinfonien nur den Namen gemein. Es sei denn, man verwendet eine Definition, wie sie Giselher Schubert im Booklet zur Aufnahme der Sinfonien 1, 4 und 7 beschreibt:
(...) Kein festumrissener Musiktyp der Instrumentalmusik mit bestimmten sanktionierten Formen (...), sondern eine bestimmte Konstellation musikalischer Materialien, Verfahren und Ideen, die (...) eine "Welt" (...) umschreiben. (Begleitheft zu cpo999 392-2).
Kurios ist, dass Coates erst ihre 1990/91 entstandene Sinfonie als solche bezeichnet und ihr die Nr. 7 gegeben hat. Die Nummern 1-6 vergab sie an ältere Orchesterwerke, etwa die 1 für das zuvor als Music for Open Strings bezeichnete Werk.
Coates Musik erinnert mich stark an Xenakis. Zwar ist sie deutlich abgemildert, weniger roh und brutal, dafür mehr strukturiert; in der archaisch-mythischen und dramatisch-gewaltigen Wirkung steht sie ihm jedoch kein bisschen nach. Als Einstieg eignet sich besonders die 4. Sinfonie ("Chiaroscuro" = Helldunkel), in der Coates ihrem Klangkosmos die Trauermusik von Henry Purcell einverleibt.

http://www.jpc.de/image/w183/front/0/0761203939220.jpg