Cetay (inaktiv) (17.10.2010, 11:45): This business about being flung out of paradise is his gift to me. I'm glad I got out; it was getting too hot in there. (Morton Feldman, 1926-87)
Ich plane schon seit Ewigkeiten einen Feldman-Faden in ausführlicher Manier, habe aber wegen der Unmöglichkeit, das, was seine Musik ausmacht, in Worte zu fassen, von diesem Vorhaben Abstand genommen. Aber es ist strafwürdig, dass es hier noch keinen eigenen Thread gibt, also kriegt er wenigstens einen ganz kurzen, in Form eines Zitats, das für mich alles Wesentliche sagt (genauer: über sein Spätwerk, das wegen der Länge der Stücke - das zweite Streichquartett dauert 5 Stunden- einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangt hat).
Der Flötist Eberhard Blum hat geschrieben:
Was ist (...) nun das Besondere (...)? Das versuchen Theoretiker, Wissenschaftler, Journalisten herauszufinden. Man will seinem "Geheimnis" auf die Spur kommen. Ich glaube - und bin froh -, daß das bisher nicht gelungen ist. Feldmans Musik ist und bleibt rätselhaft. Wenn wir seiner Musik zuhören, ist das Rätsel gelöst, ohne daß wir in der Lage wären, die Lösung auszusprechen, sie in Worte zu fassen. Fast möchte man sagen: Hören Sie einfach! Stellen Sie keine Fragen! Und noch ein Aufguss eines früheren Beitrags von mir:
Irgendwer hat mal geschrieben, dass er nach intensivem Genuß von Feldmans Musik beim Blick aus dem Fenster den Eindruck hatte, alles spiele sich in Zeitlupe ab, selbst die Autos würden scheinbar im Schritttempo die Strasse entlang fahren. In der Tat kenne ich keine andere Musik, die eine vergleichbar entschleunigende Wirkung auf mein Gemüt hat. Dabei brauche ich noch nicht mal intensiv zuzuhören; es reicht, dass diese Klänge im Raum sind, dann wird das Denken im Kopf langsamer und ich beginne kleine Details um mich herum wahrzunehmen, die sonst von der Alltagsmühle weggespült werden. Feldman versetzt mich in eine eigene Welt, wobei ich den Verdacht habe, dass diese Welt eigentlich die "richtige", dem menschlichen Dasein angemessenere ist. Feldman hat sich dagegen gewehrt, dass man ihn mit Meditationsmusik in Verbindung bringt. Völlig zurecht, denn Meditationsmusik ist bewußt dazu gemacht, den Hörer zur Kontemplation zu bringen (und wird diesem Anspruch selten gerecht). Bei Feldman sind die Klänge zweckfrei einfach das, was sie sind - und erledigen die kontemplative Wirkung quasi als Nebenwirkung.
Hörempfehlungen zum Einstieg:
http://www.jpc.de/image/w600/front/0/0022551003927.jpg Rothko Chapel / Why Patterns?; Berkley Chamber Chorus, Brett / California EAR Unit
http://www.jpc.de/image/w600/front/0/0075597932027.jpg Piano & String Quartet; Takahashi, Kronos Quartet
Cetay (inaktiv) (18.10.2010, 10:05): Nachdem ich gestern erstmalig das Streichquartett II in voller Länge (6h, 7min) am Stück verköstigt habe, fühle ich mich aufgerufen, doch noch ein paar facts and figures zu dem Schöpfer dieses grandiosen Werkes loszuwerden.
Geboren und aufgewachsen in New York, Klavierstudium bei Madame Maurina-Press. Mit 15 Jahren Kompositionsstudent bei Wallingford Riegger und später bei Stefan Wolpe. Die Begegnung mit John Cage 1950 war die Initialzündig für die Ausblidung seines Kompositonsstils. Feldman gesellte sich zu einem lockeren Verbund von New Yorker Künstlern, darunter der Pianist David Tudor, die Komponisten Earle Brown und Christian Wolff, sowie abstrakte bildende Künstler des Expressionismus (Mark Rothko, Philip Guston, Franz Kline, Jackson Pollock und Robert Rauschenberg). 1972 übernahm er die Edgard Varèse Professur an der State University of New York und behielt diesen Posten bis zum Ende seines Lebens. Im Juni 1987 heiratete er die Komponistin Barbara Monk; im darauffolgenden September verstarb er in seinem Haus in Buffalo.
Feldman experimentierte in den '50ern und '60ern zunächst mit graphischen Kompositonsverfahren und anderen Methoden der Indeterminiertheit. Mit der Rückkehr zur traditionellen Notation in den '70ern änderte sich sein Stil radikal. Er schuf ereignisarme, kontemplative und einzelklangorientierte Musik mit repetitiven Strukturen, durch die eine gewisse Nähe zur Minimal Music entstand. Feldman wollte davon nichts wissen, gab aber augenzwinkernd zu: I never feel that my music is sparse or minimalist; the way fat people never really think they're fat. Besonderes Interesse hatte Feldman an der Verwendung von Mustern, die immer wieder leicht abgewandelt werden. Darin spiegelt sich seine Beschäftigung mit der nomadischen Teppich-Webkunst wider. Die nicht-maschinell gewobenen Muster weisen kleine Ungenauigkeiten und Abweichungen auf. Dieser Effekt kann noch absichtlich verstärkt werden, indem der Handwerker sein Produkt abdeckt, so dass er das vorher Geschaffene nicht sehen kann und sich stets neu auf sein Gedächtnis stützen muss. Das sind Prozesse, die auch für die Rezeption von Feldmans Musik eine wichtige Rolle spielen. In der letzten Schaffensperiode waren die Charakteristika voll ausgeprägt: Reduzierte Dynamik, die selten bis mf reicht, eine lose bis fehlende Koordination der einzelnen Instrumentalparts und exteme Spieldauern - die meisten einsätzigen Kammermusikkompositionen dauern über 90 Minuten. Eine Feldmansche Spezialität sind Werktitel, in denen lediglich die beteiligten Instrumente genannt werden, etwa die ...and Orchestra Stücke aus den '70ern oder die Kammermusikwerke der '80er, darunter seine letzte Komposition Piano, Violin, Viola, Cello (1987).
Don Fatale (19.10.2010, 01:25): Original von Cetay Nachdem ich gestern erstmalig das Streichquartett II in voller Länge (6h, 7min) am Stück verköstigt habe
Wo nimmst du sechs ununterbrochene ungestörte und zugleich konzentrierte Stunden her?
Abgesehen von dieser lebenszeitorganisatorischen Schwierigkeit, vor die mich Feldmans Musik immer stellt, frage ich mich (und das meine ich sehr ernsthaft): Wie geht das, Feldman hören? Wenn ich seiner Musik konzentriert lausche, langweile ich mich zu Tode, weil nunmal meist nix passiert. ("Ereignisarm" ist ja noch freundlich ausgedrückt, Cetay.) Wenn ich mich beim andererseits beim Musikhören nicht konzentriere, schlafe ich in der Regel ein. Mein Problem mit Feldman hat nichts mit einer allgemeinen Indisposition in Bezug auf die amerikanischen Spielarten neuerer Musik zu tun. Cage zum Beispiel, "Etudes Australes", meist nicht die ganzen vier Stunden, aber durchaus mal zwei am Stück: in jedem Moment spannend, macht mich beim Hören immer wacher, immer konzentrierter und aufnahmefähiger, auch wenn ich eigentlich zuvor verspannt und unleidlich war. Feldman mitnichten. Ich werde nervös vor Langeweile, ich weiß nicht, wo ich da hinhören soll. Kann man irgendetwas anderes tun, während man Feldman hört? Normalerweise geht das bei mir gar nicht, beim Musikhören kann ich nicht gleichzeitig was anderes tun, aber vielleicht ist das gerade der einzige Weg zu Feldman? Stricken oder so was? Wie machst du das, Cetay? Wie hörst du Feldman? Interessiert mich wirklich.
satie (19.10.2010, 08:31): Die Frage ist zwar nicht an mich gerichtet, aber ich möchte doch etwas dazu schreiben. "Ereignisarm" ist vollkommen falsch, es passiert ungeheuer viel in dieser Musik, nur auf einer vollkommen anderen Ebene als sonst. Feldman mag eine Klagkonstellation ständig wiederholen, aber er verändert ständig die Klangfarben, Register, die Stimmverteilung, die Dauer etc., so dass gerade die Erinnerung an den vorangegangenen Klang und das Warten auf den nächsten zu einer durchaus faszinierenden Sache werden. Vielleicht muss man dafür aber auch das passende Temperament haben. Ungünstig, äusserst ungünstig ist es, Feldman analytisch zu hören. Wenn man einmal dahintergekommen ist, wie er chromatische Trauben fast ständig als Ausgangsmaterial benutzt, kommt man schlecht wieder raus aus dem Hören von "ach, c, des und h, nur als kleine None oben und kleine Sekunde unten", und das bringt auch gar nichts. Es wäre so, als höre man bei Webern nur die Reihen. Sicher, mir liegt es (Ihr wisst ja, wie meine eigenen Stücke klingen) solche Stücke auch als meditative Uebung zu nutzen. Es ist so: wenn man länger hinhört ist es, als würde man die Klänge durch ein Mikroskop hindurch sehen, da wird es vollkommen egal, ob da sonst noch etwas passiert. Für mich hat diese Musik etwas therapeutisches. Aber jeder braucht eine seiner Konstitution angemessene Therapie, daher kann ich die Ablehnung vollkommen verstehen.
An Cetay wieder einmal herzlichen Dank für einen Faden zu einem meiner liebsten Komponisten. Auch hier hoffe ich, bald etwas mehr beitragen zu können.
Mein liebstes Feldman-Stück ist übrigens ein ganz kurzes: "Madame Press died last Week at Ninety", ein Stück, das aus nur einem einzigen Motiv besteht, ständig aber neu orchestriert wird.
Herzlich, S A T I E
Heike (19.10.2010, 20:03): Ich hatte mal bei Dussmann vor einiger Zeit in Feldmans Klaviermusik reingehört. Das fand ich schon ziemlich gut, die Musik gefiel mir, aber das Klavierspiel hat mich nicht so arg begeistert. Ich kann mich nicht mehr erinnern, welche CD das war. Hat jemand eine oder zwei konkrete Solo-Klavier-CD-Empfehlungen zum Reinhören? Prinzipiell geht das bei Feldman durchaus in Richtung meiner Hör-Vorlieben, aber welche Einspielungen sind zu empfehlen? Heike
For Bunita Marcus, gespielt von Stephane Gainsbourg. Derzeit noch immer als Download für 77 Cent zu haben bei Amazon.de.
Ein wunderbares Stück ist auch Palais de Mari, welches die Qualität des späten Feldman in knapper Form zeigt. Ich empfehle gerne die Aufnahme meines guten Freundes Daniel N. Seel bei HAT HUT: "Four Generations". Ist auch eine tolle Einspielung der Wüsetnwanderung meines Lehrers und Freundes Walter Zimmermann enthalten.:
Heike (19.10.2010, 20:36): Danke schön! Ich mag zwar keine downloads, sondern habe lieber eine reale CD samt Cover zu Hause. Aber bei dem Preis kann man ja nun wirklich nichts falsch machen, da hatte ich ja Glück. Also ich habe die erste CD gleich heruntergeladen (geht auch, da ein Stück, ohne amazon-software). Und die zweite werde ich mir merken. :thanks Heike
P.s. Ich höre es gerade. Es hat zwar etwas hypnotisches, aber es beruhigt mich wiederum rein gar nicht, sondern regt mich an. Fantastische Musik. Ich muss es mir aber mal auf eine CD brennen, hier am PC ist der Klang doch nicht so gut.
uhlmann (19.10.2010, 20:45): ich habe öfter versucht, mich feldmans musik zu nähern - war einige male in konzerten, habe cd's gehört - ohne erfolg: ich kann mit dieser musik rein gar nichts anfangen. sie erscheint mir wie eine monströse belanglosigkeit. ohne es erklären zu können kriege ich direkt agressionen darauf. mitten in einem stück, ich glaube es war "for samuel beckett", musste ich mal den saal verlassen, weil ich dachte, ich halte das keine sekunde mehr aus. solche negativen emotionen mit musik sind mir eigentlich völlig fremd. warum ich auf feldman so reagiere, kann ich nicht sagen. ich halte ihn einfach nicht aus.
ab (20.10.2010, 10:17): Original von Don Fatale
Feldman mitnichten. Ich werde nervös vor Langeweile, ich weiß nicht, wo ich da hinhören soll. Kann man irgendetwas anderes tun, während man Feldman hört? Normalerweise geht das bei mir gar nicht, beim Musikhören kann ich nicht gleichzeitig was anderes tun, aber vielleicht ist das gerade der einzige Weg zu Feldman? Stricken oder so was? Wie machst du das, Cetay? Wie hörst du Feldman? Interessiert mich wirklich.
Ich bin zwar nicht der Gefragte, dennoch: An anderer Stelle schrieb ich bereits einmal, dass ich das Pellegrini-Quartett im Konzert erlebt habe: Für Morton Feldmans String Quartett II haben sie fast eine halbe Stunde länger gebracht als vorgesehen - und vorgesehen sind etwa 5 Stunden. Höchst beeindruckend, wie man langsam anfängt, wieder Bogengeräusche und den Raum selbst zu hören: Alles Dinge, die vorhanden sind, die man aber gewöhnlich ausblendet.
Für mich hat das auch eine Dimension, die ich sonst von der Oper her kenne, die länger als vier Stunden dauert: Plötzlich kommt man durch die Dauer in einen "anderen Zustand". Für mich hat diese Musik, nicht wie für unseren Satie, etwas therapeutisches, wohl aber etwas meditatives: Irgendwann fragt man sich, warum man sich so etwa antut, sogar Aggression kann aufkommen, wie Uhlamm berichtet,; aber wenn dann der Punkt des Schmerzes überschritten ist, und man die Kraft hat, sich immer noch einzulassen, dann bekommt das eine ganz eigene Qualität. Hier wird Zeit spürbar gemacht, (ähnlich wie auch in den Filmen von Tarkovsky, nur dort für mich deutlich erfüllender).
:hello
Cetay (inaktiv) (24.10.2010, 12:00): Original von Don Fatale Original von Cetay Nachdem ich gestern erstmalig das Streichquartett II in voller Länge (6h, 7min) am Stück verköstigt habe
Wo nimmst du sechs ununterbrochene ungestörte und zugleich konzentrierte Stunden her?
(...)
Kann man irgendetwas anderes tun, während man Feldman hört? (...) Wie machst du das, Cetay? Wie hörst du Feldman? Interessiert mich wirklich.
Blöder Spruch, aber wahr: Es gibt unendlich viel Zeit, also nimm dir, soviel du willst. Oder umgekehrt: Einstein hat bewiesen, dass Zeit eine Illusion ist, dann brauche ich mir über sechs Stunden erst recht keine Gedanken zu machen...
Es liegt aber durchaus nahe, sich zu fragen, ob man mit den sechs mühsam aus dem Berufs-, Familien- und Alltagsgewebe für sich herausgeschnittenen Stunden nicht etwas "besseres" machen könnte. Damit hat man bei Feldman schon verloren. Diese Musik fordert die volle Aufmerksamkeit und bedingungsloses Einlassen. Da ist es schon hilfreich, wenn sie einem grundsätzlich "gefällt". Wenn sie aggressiv macht, wird man sich ihr kaum freiwillig über Stunden aussetzen, ebenso wenn man empfindet, dass nichts passiert - dann sollte man lieber etwas befriedigenderes Hören.
Ich pflichte Satie bei, dass bei den späten Feldman-Werken unheimlich viel passiert. Ereignisarm ist diese Musik nur hinsichtlich Harmonik, Metrik, Tempo und Dynamik - und diese fehlende Ablenkung zieht die Aufmerksamkeit fast zwangsläufig auf die subtileren Ebenen. (Schönbergs berühmtes Orchesterstück Farben oder Lachenmanns Ausklang funktionieren nach ähnlichen Prinzipien.) Die Frage, ob man nebenher etwas anderes tun kann, ist für mich mit einem klaren "nein" zu beanworten und zwar deswegen, weil Feldmans Musik mich regelrecht ins Geschehen hineinzieht. Ich brauche mich gar nicht bewußt zur Aufmerksamkeit zu zwingen, die kommt von ganz allein. Ab und zu von einem edlen Whisky nippen und im Zimmer umhersehen -was unter der Wirkung von Feldman-Entschleunigung eine völlig neue Erfahrung sein kann; mehr ist als Nebentätigkeit nicht drin.
Rachmaninov (24.10.2010, 18:43): Original von Cetay
Blöder Spruch, aber wahr: Es gibt unendlich viel Zeit, also nimm dir, soviel du willst. Oder umgekehrt: Einstein hat bewiesen, dass Zeit eine Illusion ist, dann brauche ich mir über sechs Stunden erst recht keine Gedanken zu machen...
Sehr freie Interpretation der Erkenntnisse!
Cetay (inaktiv) (24.07.2016, 07:59): https://images-na.ssl-images-amazon.com/images/I/4135KONZy2L._SL500_AA325_.jpg Morton Feldman; For Christian Wolff Mitglieder der California E.A.R. Unit Dorothy Stone (Flöte), Vicki Ray (Klavier, Celesta)
Insomnia trieb mich dazu, heute am sehr frühen morgen (beginnend so gegen 3:30) mal wieder ein Feldman'sches Spätwerk in voller Länge zu goutieren. Mit drei Stunden Spielzeit ist "For Christian Wolff" im Vergleich zum 2. Streichquartett ein Quickie, aber das spielt keine Rolle, weil beim Hören dem subjektiven Zeitempfinden der Boden weggezogen wird. Warum und wie das bei Feldman (und nur Feldman so) funktioniert, weiß ich nicht und ich halte es diesbezüglich mit Eberhard Blum (im obersten Beitrag zitiert): Hören Sie einfach! Stellen Sie keine Fragen!
Andréjo (24.07.2016, 11:53): Überflüssige Bemerkung meinerseits am Rande: Obwohl ich Cetays Haltung gleichermaßen nachvollziehen wie mit zunehmenden Jahren gerne zu meiner eigenen machen möchte - die Illusion der Versenkung über drei oder gar sechs Stunden lässt sich bei Konserven nur bedingt aufrechterhalten. Denn neben dem gelegentlichen Schweifen des Blicks durch das Zimmer muss ja wohl die Scheibe zweimal mindestens gewechselt werden.
:cool :beer Wolfgang
Cetay (inaktiv) (24.07.2016, 13:40): (...) die Illusion der Versenkung über drei oder gar sechs Stunden lässt sich bei Konserven nur bedingt aufrechterhalten. Denn neben dem gelegentlichen Schweifen des Blicks durch das Zimmer muss ja wohl die Scheibe zweimal mindestens gewechselt werden. Nicht aber die Festplatte... :D :beer
EinTon (24.07.2016, 20:08): Habe übrigens neulich bei spotify das Klarinettenquintett von Feldman gehört (sind aber nur ca. 40 min.). Ich habe konzentriert zugehört und fühle mich danach sehr ausgeglichen... :)
Sfantu (17.01.2022, 12:53): Ganz bewußt stetzte ich mich heute Vormittag einem extremen Kontrast aus. Mit zwei jeweils über einstündigen Werken, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Mir drängte sich dabei die Vorstellung auf, das zusammen mit einem papua-neuguineischen Ureinwohner zu hören, also mit jemandem, der noch nie zuvor mit Kunstmusik konfrontiert war. Was wären seine Impressionen und Reaktionen?
Zuerst Weingartners nachromantisch überladene, oft erschlagende, die Maßlosigkeit feiernde dritte Sinfonie (aus der cpo-Box mit dem Sinfonieorchester Basel und Marko Letonja).
Dann Feldmans
For Bunita Marcus
Andreas Huber, Klavier (CD, das-projekt.ch, 2008)
Lag es an der Erschöpfung nach den gewaltigen Klangwogen? War die Ruhepause von 10 Minuten dazwischen zu kurz? Jedenfalls brauchte ich bei Feldman gut 20 Minuten, bis sich der Impuls, abzuschalten, allmählich verflüchtigte. Bis zu jenem Punkt beherrschten mich die weiter oben genannten Emotionen wie Ungeduld oder gar, so wie es uhlmann beschreibt, Anflüge von Aggression. Danach aber schlug all das in eine ruhige, klare Stimmung um. Auch ereignete sich etwas, was Cetay oder ab bereits beschrieben: das, was ich beim Hören nebenbei wahrnahm, erschien mir stofflicher, akzentuierter: Holzmaserungen, überhaupt die optische Anmutung der Oberflächen, die gedämpft und langsamer erscheinenden Bewegungen draußen beim Blick aus dem Fenster: die auf der Alm grasenden Rinder, eine Katze dazwischen, die selten vorbeiziehenden Autos. So, wie ich bei Minute 20 noch entnervt aufgeben wollte, so war mir zum Schluß, nach 74 Minuten, eher danach, weiter zu lauschen. Ein unglaublich eindrückliches Hörerleben war das.
Die seltenen bewegteren Abschnitte (genau drei, wenn ich richtig zähle), bekamen Ereignischarakter. Der Ton des Instrumentes prallte in Passagen mit Klangreibungen, Sekundakkorde etwa, manchmal geringfügig spitz auf die Ohren.
Das Booklet beschränkt sich neben dem Artwork und den Produktionsdaten auf ein Feldman-Zitat:
Ich weiß wirklich nicht, wie lang ein Stück sein wird. Nach und nach. Häufig hat das Diktat eines Stückes mit rein persönlichen und emotionalen Gründen zu tun.