Mozart in Wien von V. Braunbehrens

Guenther (02.07.2017, 18:51):
Hallo zusammen,

da ich in den vergangenen Wochen durch eine Operation mehr oder weniger zur Untätigkeit verdammt war, hatte ich genügend Zeit, ein schon länger im Regal stehendes Buch zu lesen (endlich!).

Es handelt sich hierbei um das Buch "Mozart in Wien" von Volkmar Braunbehrens, erschienen im Piper-Verlag ursprünglich 1986 zum Mozartjahr, dann 1988 als Taschenbuch und 2006 als Neuauflage.

https://www.amazon.de/Mozart-Wien-Volkmar-Braunbehrens/dp/3492246052/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1499011708&sr=8-1&keywords=mozart+in+wien

Braunbehrens ist Musikwissenschaftler und Historiker, der sich ausführlich mit W.A. Mozart beschäftigt hat. Er rückt in diesem Buch etliche "Legenden", die sich um das Leben und den Tod von Mozart ranken, gerade. Er beleuchtet dabei vor allem auch die historischen Umstände der Wiener Jahre, also der letzten zehn Lebensjahre des Komponisten.

https://de.wikipedia.org/wiki/Volkmar_Braunbehrens

Das Buch ist sowohl unterhaltsam zu lesen als auch ungeheuer informativ. In acht Kapiteln und ca. 450 Seiten wird auch für den klassisch weniger vorgebildeten Leser ein facettenreiches Bild des alten Wien im 18. Jahrhundert gezeichnet. Die letzten Lebensjahre Mozarts sind auch politisch enorm ereignisreich und interessant, fallen doch in diese Zeit der josephinische Reformismus, aber auch die franz. Revolution, die Gegenreaktion gegen die Reformen, der österreichische Türkenkrieg (zur Unterstützung Katharinas der Großen), der letztendlich den Tod Josephs II. zur Folge hatte, und die Machtübernahme durch Leopold mit einer teilweisen Rücknahme der jospehinischen Reformen.

Das Buch beginnt mit der Ankunft Mozarts in Wien im Jahre 1781. Es beschreibt die Auseinandersetzungen mit dem Erzbischof Colloredo, der Abschied von Salzburg und die Entlassung aus den Diensten Colloredos. Es beleuchtet danach die Entstehung der "Entführung" und die Hochzeit mit Konstanze und geht dann auf die Familie Mozart ein: Wie lebte sie, welchen Hausrat hatte sie, wie hoch waren Mozarts Einnahmen, was verdienten andere Musiker zum Vergleich etc.?

Allein hier wird schon gründlich die Legende vom immer armen Künstler Mozart widerlegt.

Es sind diese historischen Einordnungen, die dieses Buch so sehr von "gewöhnlichen" Biografien abheben. Wer kennte nicht das Märchen vom verlassenen, verkannten und verarmten Mozart, der von seinem Publikum angeblich nicht verstanden wurde und nur ein Armengrab bekam?

Braunbehrens räumt mit diesen z.T. romantisierenden Künstlerbildern gründlich auf. Alle seine Fakten sind belegt, es bleibt kein Raum für Spekulation. Da, wo er nicht belegen kann, sagt er es auch so deutlich. Dies habe ich als äußerst wohltuend empfunden.

Sehr erhellend ist für mich auch das Kapitel über die adligen und bürgerlichen Salons. Hier bekommt man einen farbenreichen Eindruck davon, wie damals Musik konsumiert wurde, wer das Publikum der klassischen Komponisten war, was für Vorstellungen es hatte.

Im weiteren wird dann vor allem auch die politische Situation in Wien vorgestellt und mit vielerlei Quellen belegt. Da darf natürlich auch die Freimaurerei nicht fehlen, der, wie man weiß, neben vielen Adligen auch etliche gebildete Bürger und natürlich auch Musiker wie z.B. Haydn und Mozart (Vater und Sohn!) angehörten.

Das Buch wendet sich dann den letzten Jahren zu, in denen die größten Werke entstanden, wie "Figaros Hochzeit", "Don Giovanni", "Titus", "die Zauberflöte", die drei großen Symphonien Nr. 39-41 und die großen Klavierkonzerte.

Im letzten Lebensjahr hatte Mozart allen Grund, seine finanzielle Situation, die schon zuvor niemals schlecht gewesen war, nun endgültig als gesichert zu bezeichnen. Leider kam er durch seinen frühen Tod nicht mehr in den Genuß der avisierten Pensionen.

Das Buch wird abgerundet durch einige Zeichnungen, Bilder, Fotos von Eintrittskarten, etc., ist jedoch im Großen und Ganzen meistens eine "Bleiwüste".

Ein ausführliches Quellen- und Literaturverzeichnis sowie reichlich Anmerkungen und ein Personenregister bilden den Schluß des Buches.

Ebenfalls von Braunbehrens gibt es einen Bildband zum Thema, den ich mir ebenfalls zugelegt habe:

https://www.amazon.de/Mozart-Lebensbilder-Volkmar-Braunbehrens/dp/3785722346/ref=sr_1_2?ie=UTF8&qid=1499013445&sr=8-2&keywords=braunbehrens

Dieser Bildband ist z.T. schon für sehr wenig Geld zu beziehen, es lohnt sich!

Ich kann dieses Buch dem Mozart-Liebhaber nur empfehlen, auch wenn der Text fast immer nur aus dicht bedruckten Seiten besteht und nur selten durch Bildmaterial aufgelockert wird.

Meine Meinung: Extrem interessant und lehrreich!
:)

Für Nachfragen stehe ich gern zur Verfügung.
Amadé (02.07.2017, 19:55):
Meine Meinung: Extrem interessant und lehrreich!
Diesen Eindruck empfand ich auch, als ich das Buch vor ein paar Jahren las.

Gruß Amadé