Musik, Maestro! Eure Konzertreihe als Chefdirigent
Jan Van Karajan (14.07.2021, 22:06): Stellt euch doch einmal folgendes Szenario vor: Ein großes Symphonieorchester hat euch zum Chefdirigenten ernannt. Ihr sollt nun eine Serie mit 6 abendfüllenden Konzertprogrammen gestalten und seid in der Auswahl des Reportoires und der Besetzung vollkommen frei. Wie würde eure Saison aussehen? Ich mache einfach mal den Anfang: Konzert 1:
Richard Wagner: Ouvertüre zu Das Liebesverbot Richard Strauss: Konzert für Violine und Orchester
Ludwig van Beethoven: Symphonie Nr. 3 (Eroica)
Konzert 2:
Gustav Mahler: Symphonie Nr. 9
Konzert 3:
Anonin Dvorak: Ouvertüre Karneval Johannes Brahms: Violinkonzert Robert Schumann: Symphonie Nr. 4
Konzert 4
Giuseppe Verdi: Requiem
Konzert 5:
Wolfgang Amadeus Mozart: Klavierkonzert Nr. 27 Anton Bruckner: Symphonie Nr. 6
Konzert 6: Joseph Haydn: Symphonie Nr. 95 Wolfgang Amadeus Mozart: Violinkonzert Nr. 3 Richard Strauss: Rosenkavalier-Suite
Richard Strauss: Don Juan Ich bin gespannt auf eure Programme :) Grüße Jan :hello
Philidor (14.07.2021, 23:32): Oh, ist das schwierig! Als allererstes denke ich, dass ein Orchester kein Sandkasten ist, in dem Dirigenten sich ihre Lieblingssandburgen bauen dürfen/können/sollen/... . Die Orchester werden von Eintrittskarten, Sponsoren/Werbepartnern und öffentlichen Zuschüssen bezahlt – Dirigent und Orchester sind (auch) Dienstleister und haben Kunden. Wer das Publikum auf die Rolle der Kulisse zum Präsentieren künstlerischer Leistungen und des Beifallspenders reduziert, oder die Anstellung als Chefdirigent nur nutzt, um seine Repertoireliste mit ein paar neuen interessanten Punkten zu bereichern, der wird das merken. Meine ich.
Welches Publikum kam bisher in die Konzerte? Altersstruktur, Bildungsstand, Offenheit? Ist das so ok oder will man neue Schichten erreichen? Wird zeitgenössische Musik gut angenommen oder ist Werbung dafür zu machen?
Ist das Orchester finanziell gut situiert? Sind die Konzerte gut ausgelastet oder gibt es den Wunsch nach mehr ausverkauften Konzerten? Können Solisten für alle Konzerte bezahlt werden oder müssen wir zumindest teilweise mit den Solisten des Orchesters vorlieb nehmen (was ja nicht schlecht sein muss – weder fürs Orchester noch fürs Publikum)? Können Chöre bezahlt werden? Können zusätzliche Musiker bei Bedarf hinzugenommen werden (Mahler, Verdi-Requiem – Trompeten, was auch immer).
Wie viel Platz gibt es im Konzertsaal? Ist eine Orgel vorhanden oder gibt es einen akzeptablen elektronischen Ersatz?
Wo steht das Orchester musikalisch? Kann es alles spielen? Gibt es schwache Instrumentengruppen, die bei der Werkauswahl zu berücksichtigen sind?
Der Dirigent ist nicht alleine, auch, wenn er letztendlich die Verantwortung für den künstlerischen Erfolg trägt. Doch das Orchester braucht auch den kaufmännischen Erfolg, um weiter zu bestehen, und den Reputationserfolg, um für (noch) bessere Musiker attraktiv zu sein, zu bleiben oder zu werden. Also brauchen wir die enge Abstimmung mit dem Intendanten und mit dem kaufmännischen Geschäftsführer, oder wie immer auch die Management-Rollen betitelt sein mögen.
Was sind die Ziele des Orchesters? Musikalisch, finanziell, Reputation, Repertoirebandbreite, Publikum? Wo steht man heute, wo will man in einem, drei, fünf Jahren stehen und welche Programme braucht man dafür? Wie viel Probenzeit steht eigentlich zur Verfügung?
Insofern sind Konzertprogramme in der Praxis aus meiner inkompetenten Sicht wohl Kompromisse aus Geld, Zeit, musikalischen Möglichkeiten, kurz- und mittelfristigen Zielen und, ja, irgendwo sicher auch den persönlichen Vorlieben des Dirigenten bzw. der Dirigentin. Ich denke, die Zeiten, in denen Karajan mit seinem Intendanten in Berlin das Programm für die nächste Saison in zehn Minuten zwischen Tür und Angel „gemacht“ hat, sind vorbei. Karajan musste ja auch nicht fragen, ob Geld da war, ob seine Musiker alles spielen können, und ob sein Publikum bei Schönbergs op. 31 mitgeht (obwohl er das auch mal kurzfristig wieder vom Programm abgesetzt hat, weil er mit der künstlerischen Leistung in den Proben nicht zufrieden war).
Aber gut. Tun wir mal so, als ob es weder finanzielle noch organisatorische noch reputationsseitige noch werbliche noch sonstige Einschränkungen gäbe. Sozusagen ein saisongestaltender Fantasy-Roman.
Ich habe auch nicht geprüft, ob die einzelnen Stücke der Konzertprogramme bzgl. ihrer Besetzung gut zusammen passen ... blöd, wenn man für einen zehn-Minuten-Auftakt fünf Schlagzeuger braucht und dann nur noch zwei usw. usf.
Konzert 1 – Saisoneröffnung, September
Richard Strauss: Don Juan op. 20 Sergej Prokofjew: Klavierkonzert Nr. 3 C-Dur * * * Claude Debussy: La mer
Konzert 2 – Oktober
Mendelssohn: Ouvertüre „Die Hebriden“ Schumann: Konzertstück für vier Hörner und Orchester * * * Beethoven: Sinfonie Nr. 3 „Eroica“
Konzert 3 – November
Ralph Vaughan-Williams: Fantasy on a Theme by Thomas Tallis Giya Kantscheli – „Vom Winde beweint“. Liturgie für Viola und Orchester * * * Paul Hindemith: Sinfonie „Mathis der Maler“
Konzert 4 – Januar
Jean Sibelius – Sinfonie Nr. 7 C-Dur op. 105 Kalevi Aho – Konzert für Posaune und Orchester * * * Vagn Holmboe – Sinfonie Nr. 8 („Sinfonia boreale“)
Konzert 5 – März
George Gershwin: Klavierkonzert f-Moll * * * Leonard Bernstein: Sinfonische Tänze aus „West Side Story“ John Williams: Star-Wars-Suite
Konzert 6 - Mai
Gustav Mahler: Fünf Rückert-Lieder * * * Gustav Mahler: Sinfonie Nr. 6 a-Moll
Gruß Philidor
:hello
Jan Van Karajan (15.07.2021, 07:30): In jedem Fall lässt sich sagen, dass deine Programme interessanter und vielfältiger sind als meine, lieber Philidor :D . Ich verstehe natürlich, was du mit deinen Ausführungen meinst. Ich hatte mir das ganze wirklich als eine Art Fantasy-Roman vorgestellt, es ging mir halt wirklich hauptsächlich um das Szenario "Ihr als Chefdirigent". Dass es dabei durchaus viele Einschränkungen gibt, darf man natürlich nicht vergessen. Da gebe ich dir Recht. Vielleicht hätte ich noch schreiben können, dass wir diese Faktoren außen vor lassen können. Auch, wenn das absolut nicht der Realität entspricht :D . Mir ging es wirklich nur darum, was ihr für Programme erstellen würdet. Grüße Jan :hello
Philidor (15.07.2021, 08:26): Ich hatte mir das ganze wirklich als eine Art Fantasy-Roman vorgestellt, Das wurde mir erst beim Schreiben klar ... In jedem Fall lässt sich sagen, dass deine Programme interessanter und vielfältiger sind als meine, lieber Philidor . Danke für Deine Worte! Bei dir fand ich die "Liebesverbot"-Ouvertüre und das Strauss-Violinkonert sehr interessant ... wenn ganz früher Wagner, dann gibt es eigentlich immer "Rienzi" ... Mir sind alle genannten Programme viel zu konservativ ... Mir ging es wirklich nur darum, was ihr für Programme erstellen würdet. Jo. Da haben wir alle Übung vom heimischen CD-Spieler bzw. Streamer her ... da geht das prima, man hat genug Probenzeit, Kosten spielen keine Rolle, Solisten sind "first rate", ...
Gruß Philidor
:hello
Jan Van Karajan (15.07.2021, 09:26): Ich bin tatsächlich eher im Standardrepertoire zu Hause, deswegen passt "konservativ" ganz gut zu meinen Programmen :D . Zu Hause am CD-Player sind Schönberg und Strawinsky das Modernste, was ich habe. Dazu noch Bartok und Schostakowitsch :D . Das passt also ganz gut. Grüße Jan :hello
Philidor (15.07.2021, 09:30): Bartok ... ja! Sein "Konzert für Orchester" stand lange ziemlich weit oben auf meiner Liste ... gekoppelt mit Stockhausens "Gruppen" und vielleicht einem Brandenburgischen Konzert (Nr. 3?). Lutoslawski hat auch einen spannenden Gattungsbeitrag geliefert. Schostakowitsch Unbedingt. Das erste Violinkonzert gekoppelt mit Brahms 4. Auch so ein November-Ding.
Oder die Siebte alleine.
Gruß Philidor
:hello
Cetay (inaktiv) (15.07.2021, 11:32): Mir sind dieselben Bedenken gekommen, die Philidor dankenswerterweise schon ausformuliert hat. Ich kann das nicht ausblenden, denn mir graust bei dem Gedanken -wenn auch nur als Fantasy-, dass meine Konzertreihe vor fast leeren Raengen stattfindet.
Also muss es schon den Geschmack der breiten Masse treffen. Ich wuerde die Reihe unter ein verbindendes Motto stellen wollen. Und da habt ihr mich auf eine Idee gebracht. Wie waere es mit Zauber des Orchesters... naja, das klingt arg kitschig und soll erst mal als Arbeitstitel dienen. Die Idee ist, jeweils ein, zwei Werke vorzustellen, bei denen die individuellen Orchestermusiker mehr zu tun haben als ueblich, sprich oefter allein oder in kleinen Gruppen solistisch heraustreten. Entgegen dem Volksglauben gibt es nicht nur von Kodaly, Bartok, Hindemith und Lutoslavski ein Konzert fuer Orchester, sondern Dutzende weitere. Darunter finden sich -obwohl Moderne- durchaus welche, die fuer nicht ueber Shostakovich hinausgelangte Hoerer geniessbar sein sollten. Dann haben wir noch spaetromatische Taenze und Orchestersuiten, bei denen gezaubert werden kann...
Ich gehe mal in mich... :engel
Maurice inaktiv (15.07.2021, 15:02): Ein schönes Spielchen. Kritik nun einzublenden, ist sicher noch mehr hier Geschmackssache als es eh schon ist. Meine "Konzert-Reihe" würde so nie aufgeführt werden, das weiß ich selbst.
1. Konzert :
Ernst Eichner : Sinfonie F-Dur, op.11,4
Wolfgang Amadeus Mozart : Konzert für Horn und Orchester, Es-Dur , K447 (3.Hornkonzert)
Joseph Haydn : Sinfonie Nr,101 , "Die Uhr" HOB: I:101
2. Konzert :
Ralph Vaughan-Williams : Sinfonie Nr.3 & Konzert für Basstuba und Orchester in f-Moll
Jean Sibelius : Sinfonie Nr.5 , op. 82
3. Konzert :
Bedrich Smetana : Fest-Ouvertüre in D-Dur, op.4
Carl Höhne : Slawische Fantasie für Trompete und Orchester
Karol Rathaus : Sinfone Nr.1, op. 5
4. Konzert : Gegen die Rassentrennung, Gewalt, usw.
Leonard Bernstein : Slava! A Political Overture
William Grant Still : Sinfonie Nr.1, "Afro-American"
Duke Ellington : Harlem - A Tone Parallel to Harlem
5. Konzert :
Hans Rott : Sinfonie E-Dur
Paul Graener : Flötenkonzert, op. 116
6. Konzert :
Viktor Ullmann : Der Zerbrochene Krug -Ouvertüre
Erwin Schulhoff : Sinfonie Nr.2
Ernest Bloch : Procolamtion for Trumpet and Orchestra
Vassily Brandt : Konzertstück Nr.2 in Es-Dur, op.12 (1910; Orchesterfassung von Max Sommerhalder von 2001)
Ich konnte viele Komponisten und Werke überhaupt nicht unterbringen. Ebenso die Werke für Solo-Instrumente.
Wie bereits am Anfang geschrieben, wäre wohl eine Saison ohne die ganz großen Namen kaum denkbar, aber darum geht es bei dem Spiel auch nicht. Ich habe dabei geschaut, dass die Länge, die Solo-Werke, die Stimmigkeit und Durchführbarkeit zumindest machbar wäre. Ich hätte gerne eine Konzertreihe mit Kammerorchester dabei gehabt, das wäre dann das "7. Konzert" geworden. Dabei habe ich eine Reihe gegen die Rassendiskriminierung mit eingebracht, sicher in der heutigen Zeit ein wichtiger Beitrag auch in der Musik, dazu die Komponisten der "Entartenten Musik" berücksichtigt, ein reines Konzert aus der Mozart-Zeit, bis hin zur Moderne der 1920-er Jahre.
Mit Solo-Konzerten für Tuba, Waldhorn, Flöte und Trompete kamen auch die sonst so bevorzugten Streicher mal kein Konzert zugebilligt. Das würde man SO in einem Regelbetrieb auch nie durchführen (können).
Philidor (15.07.2021, 15:13): Dabei habe ich eine Reihe gegen die Rassendiskriminierung mit eingebracht, sicher in der heutigen Zeit ein wichtiger Beitrag auch in der Musik, Das sehe ich genauso, in der Musik wie im Sport. Sehr gut!
Gruß Philidor
:hello
Jan Van Karajan (15.07.2021, 21:55): Lutoslawski hat auch einen spannenden Gattungsbeitrag geliefert. Das habe ich schon unter "muss gekauft werden" abgespeichert :) .
Unbedingt. Das erste Violinkonzert gekoppelt mit Brahms 4. Auch so ein November-Ding.
Oder die Siebte alleine. Die 7. ist ja auch abendfüllend :D .
Zauber des Orchesters... naja, das klingt arg kitschig und soll erst mal als Arbeitstitel dienen. Ich finde das überhaupt nicht kitschig :) . Da kann man sicherlich viele Aspekte aufgreifen.
Ich konnte viele Komponisten und Werke überhaupt nicht unterbringen. Ebenso die Werke für Solo-Instrumente. So ging es mir auch. Ich hätte auch eine Serie mit 20 Konzerten füllen können :D .
Dabei habe ich eine Reihe gegen die Rassendiskriminierung mit eingebracht, sicher in der heutigen Zeit ein wichtiger Beitrag auch in der Musik, dazu die Komponisten der "Entartenten Musik" Als ich das las (und natürlich zustimmte :) :) ), dachte ich auch daran, dass man ein ähnliches Format für jüdische oder homosexuelle Komponisten aufgreifen könnte. Vielleicht wäre sogar die Resonanz beim Publikum für alle diese Formate positiv. Grüße Jan :hello
Maurice inaktiv (15.07.2021, 23:12): Als ich das las (und natürlich zustimmte ), dachte ich auch daran, dass man ein ähnliches Format für jüdische oder homosexuelle Komponisten aufgreifen könnte. Vielleicht wäre sogar die Resonanz beim Publikum für alle diese Formate positiv. "Eantartete Musik" beinhaltet genau diese Gruppen von Menschen. Ich weiß es nicht, was die Resonanz angeht, auch stehe ich solchen "Motto-Konzerten" persönlich etwas distanziert gegenüber, aber man kann so etwas durchaus in einer Konzertreihe machen, aber das ist natürlich eine ganz persönliche Sichtweise. Distanz deshalb, weil ich mir darüber eigentlich bei der eigenen Programmauswahl im Jazzbereich keine Gedanken mache, ob das nun ein jüdischer, Schwarzer oder homsexueller Komponist/Arrangeur war.
Im Jazz dürfte etwa Billy Strayhorn der mit bekannteste homosexuelle Komponist gewesen sein. Und ich spiele sehr gerne seine Musik, weil sie einfach verdammt gut ist. Jüdische Komponisten/Texter wie etwa Kurt Weil, Sammy Cahn, Samuel Steinberg, Saul Chaplin waren in den 1930-er Jahren vielbeschäftigt gewesen. Oder etwa George Gershwin oder Irivng Berlin (der aus dem russischen Kaiserreich als Jude in die USA auswanderte).
Viktor Ullmann und Erwin Schulhoff kamen im KZ ums Leben (wie viele andere Künstler leider auch), Karol Rathaus musste ebenfalls 1933 fliehen (zuerst nach Paris, dann London und später in due USA). Dagegen arrangierte sich Paul Graener mit den Nazis, wurde gar Vize-Präsident der Reichsmusikkammer (als Furtwänglers Nachfolger), legte aber 1941 sein Amt nieder. Er sollte 1944 seine Wohnung mit nahezu allen geschriebenen Werken samt Manuskripten verlieren durch Bombenabwurf. Er vestarb noch im gleichen Jahr. Daher habe ich IHN etwa nicht mit in den "Entartete Musik"-Abend genommen, aber trotzdem mit ins Konzertleben gebracht. Man hätte auch Furtwängler selbst einbringen können, Bruno Walter oder Otto Klemperer (gerade ER wäre eine ebenfalls sinnvolle Wahl gewesen - sein Cousin war Viktor Klemperer, dessen Tagebücher ja verfolmt worden sind). Beide großen Dirigenten waren bekanntlich auch Komponisten und Juden gewesen, die vor den Nazis geflohen sind.
Man muss nicht immer die erhobenen Zeigefinger hervorholen, haben doch viele dieser Künstler eine durchaus großartige Karriere hinlegen können, trotz diesser Umstände, aber es ging eben auch viel Kulturgut verloren, nicht nur in diesem Land, sondern weltweit, weil man diese Menschen tötete, wegsperrte und physisch zerstörte. Gerade in der damaligen Deutschen Republik (bis 1933) und Österreich (bis 1938) gab es eine derart große Anzahl an Ausnahmekönnern bei den Komponisten und Dirigenten (Franz Schreker, MAx Reger, Alexander von Zemlinsky, Erich Wolfgang Korngold etwa), dass man eine Konzertreihe für die nächsten Jahre veranstalten könnte.
Jan Van Karajan (16.07.2021, 07:43): Ich habe mich in den letzten Jahren allgemein häufiger mit der Kulturgeschichte in der NS-Zeit beschäftigt, vor allem im Bereich der Malerei und der Musik. Mir war nicht mehr im Bewusstsein, dass auch homosexuelle als entartet eingestuft wurden, auch wenn das eigentlich klar ist, wenn man sich ansieht, wen die Nazis verfolgt haben. Mit den Geschichten von Walter, Furtwängler und Klemperer habe ich mich auch befasst. Spannend, wenn man sich gerne mit den Zusammenhängen zwischen Kultur und Geschichte beschäftigt. Und ich finde auch, dass man diese verfolgten Künstler mehr in den Fokus der Gesellschaft rücken sollte. Grüße Jan :hello
Maurice inaktiv (16.07.2021, 09:51): Nun, ob man Homosexualität "entartet" eingestuft hat, weiß ich nicht, aber es war verboten und wurde entsprechend verfolgt. Ich brauche Dir sicher nicht zu schreiben, dass einige der Nazi-Schergen dies auch waren und entsprechend auch hier sich selbst widersprochen haben. Doch welches Unrechts-System hat sich nicht widersprochen?
Wir können das sicher niemals wirklich begreifen, weil niemand von uns damals gelebt hat. Mein Grovater (einen durfte ich immerhin lange noch erleben, der andere blieb verschollen nach dem Krieg) hat noch das Kaiserreich als Kind erlebt, konnte also den ganzen Umschwung vom Kaiser hin zu den Nazis miterleben. Er hat nie viel erzählt aus dieser Zeit. Dabei hätte er bestimmt viel zu berichten, hat er doch, was er immer wieder voller Stolz tat, den Kaiser 1914 noch als Kind erleben dürfen, als er durch das Land reiste (um vermutlich auf den Krieg einzustimmen). Er konnte aber auch von 10 Jahren Arbeitslosigkeit und Hoffnungslosigkeit erzählen, die erst wieder durch die Nazis behoben wurde. Er konnte aber auch von den Verfolgungen berichten, oder 1945, als bereits der Geschützlärm der anrückenden US-Army zu hören war, von Schikanen gegen die Nachbarn, die natürlich schon lange nicht mehr an einen "Endsieg" glaubten.
Selbst dann, wenn man vielleicht zu diesem Thema wenig Zugriff hat, wird man, wenn man solche Geschichten auch noch so lange Zeit später hört, oder es sich wieder in Erinnerung ruft, dass es so war (bei aller Schönrederei, die es heute immer noch gibt), wird man begreifen, dass so etwas nie wieder passieren darf - nicht nur bei uns, sondern überall auf der Welt. Doch leider ist dem nicht so. Ich erwähne jetzt keine Länder, die ich so einstufen würde, das wäre der Politik hier zu viel des Guten, aber eben deshalb sollten solche Konzerte darauf hinweisen, dass auch 2021 es noch in diversen Staaten einen Hitler gibt, der sein Land ins Verderben führen wird.
Jan Van Karajan (16.07.2021, 11:35): Es gibt Schilderungen aus den KZs, die die Grausamkeiten der Nazis auch gegenüber Homosexuellen belegen. Dazu habe ich erst vor einiger Zeit eine Dokumentation gesehen. Ich habe ohnehin die Ansicht, dass nach dieser Zeit die Demokratie unser höchstes Gut ist. Und es gibt hier und in anderen Ländern genug Menschen, die diese gefährden. Grüße Jan :hello
Maurice inaktiv (16.07.2021, 12:54): Ich habe ohnehin die Ansicht, dass nach dieser Zeit die Demokratie unser höchstes Gut ist. Und es gibt hier und in anderen Ländern genug Menschen, die diese gefährden. Ja, das stimmt. Leider fängt das bei den regierenden Paerteien bereits an. Und das sind die, die auf die Anderen mit den Fingern deuten. Es fängt wieder so an, wie es bereits schon mal den bach runtergegangen ist.
Philidor (16.07.2021, 13:34): Leider fängt das bei den regierenden Paerteien bereits an. Wer davon erzählt, dass er sich für Demokratie stark macht, der täte m. E. gut daran, den Parteien, die sich innerhalb des demokratischen Spektrums bewegen, den Rücken zu stärken - bei allen zugegebenen Optimierungspotenzialen.
Dass andere Parteien stark werden, liegt eben auch an dem Gerede in den sozialen Medien.
Just my 5 cts.
Gruß Philidor
:hello
Maurice inaktiv (16.07.2021, 15:01): Wer davon erzählt, dass er sich für Demokratie stark macht, der täte m. E. gut daran, den Parteien, die sich innerhalb des demokratischen Spektrums bewegen, den Rücken zu stärken - bei allen zugegebenen Optimierungspotenzialen. Die sich seit Jahren selbst schwächen durch den Mist, den sie veranstalten.....
Dass andere Parteien stark werden, liegt eben auch an dem Gerede in den sozialen Medien. Das gab es 1932/33 nicht, daher hat das mit den "sozialen Medien" wenig zu tun, sondern mit den Taten oder Nicht-Taten der vorhandenen Regierung. Doch das ist zu viel Politik jetzt.
Jan Van Karajan (16.07.2021, 17:02): Ich stimme in gewisser Hinsicht euch beiden zu und glaube, dass beide Aspekte sehr wichtig sind. Doch für weitere politische Debatten sollte ich vielleicht einen extra Faden eröffnen :D . Grüße Jan :hello
Philidor (16.07.2021, 17:28): Doch für weitere politische Debatten sollte ich vielleicht einen extra Faden eröffnen . Oder ein Forum mit anderem thematischen Schwerpunkt? :D
Andererseits: Was genau soll "unpolitisch" denn bedeuten? Setz mal als Pianist Bach, Beethoven, Chopin und Liszt aufs Konzertprogramm ... lauter alte weiße Männer, die in Westeuropa aufgewachsen sind ... (ok, Chopin wurde nicht ganz so alt ...)
Gruß Philidor
:hello
Jan Van Karajan (16.07.2021, 22:08): Oder ein Forum mit anderem thematischen Schwerpunkt? Hab ich tatsächlich mal gesucht, da kam aber nicht viel bei rum. Da bleib ich dann doch lieber hier und ihr müsst mich weiter ertragen :D
Andererseits: Was genau soll "unpolitisch" denn bedeuten? Setz mal als Pianist Bach, Beethoven, Chopin und Liszt aufs Konzertprogramm ... lauter alte weiße Männer, die in Westeuropa aufgewachsen sind ... (ok, Chopin wurde nicht ganz so alt ...) Kürzlich habe ich einen Artikel zu diesem Thema gelesen. Darin wurde die Frage (mehr oder weniger voreingenommen) erörtert, ob die klassische Musik zu weiß und europäisch und somit "imperialistisch" sei. Man muss sich ja aber auch nicht alles zu Herzen nehmen :D Grüße Jan :hello
Philidor (16.07.2021, 22:30): Kürzlich habe ich einen Artikel zu diesem Thema gelesen. Darin wurde die Frage (mehr oder weniger voreingenommen) erörtert, ob die klassische Musik zu weiß und europäisch und somit "imperialistisch" sei. Man muss sich ja aber auch nicht alles zu Herzen nehmen Zumindest muss man seine Wurzeln nicht unbedingt verleugnen ...
... den Versuch, für sozialisationsbedingte Voreingenommenheiten zumindest sensibel zu werden, würde ich dennoch hoch schätzen.
Gruß Philidor
:hello
Jan Van Karajan (16.07.2021, 23:07): Den grundsätzlichen Aspekt der Sensibilisierung halte ich auch für richtig. In dem Artikel war halt die Meinung der Autorin sehr leicht herauszufiltern. Das klang alles schon sehr nach erhobenem Zeigefinger. Aber die Damen und Herren Komponisten können ja nichts für ihre Abstammung und musikalische Sozialisierung. Ja, es gibt weltweit noch viel zu entdecken, das vernachlässigt worden ist. Das ist in meinen Augen aber kein Grund, derart polemische Artikel zu schreiben. https://www.zeit.de/2021/20/rassismus-klassik-phil-ewell-klassische-musik-europa-usa-deutschland/komplettansicht Hier mal ein Link. Das war jetzt nicht der Artikel, den ich meinte, aber er ist sehr interessant und geht sachlicher an die Fragestellung heran. Grüße Jan :hello
Philidor (17.07.2021, 12:50): Nach Selbsttest und Prüfung von Alternativen ändere ich das Programm zum Saisonauftakt ab zu:
Konzert 1 – Saisoneröffnung, September
Arthur Honegger: Pacific 231 - Mouvement symphonique No. 1 Sergej Prokofjew: Klavierkonzert Nr. 3 C-Dur * * * Claude Debussy: La mer
Gruß Philidor
:hello
Philidor (21.07.2021, 17:46): Nach Selbsttest Kantscheli durch Bartók ersetzt:
Konzert 3 – November
Ralph Vaughan-Williams: Fantasy on a Theme by Thomas Tallis Béla Bartók: Klavierkonzert Nr. 3 * * * Paul Hindemith: Sinfonie „Mathis der Maler“