Sfantu (26.02.2021, 15:27): Gestern beim Joggen wurde mir erneut bewußt, daß ich einer Minderheit angehöre: ich bin ohne akustische Berieselung unterwegs. Fast jeder andere Jogger, dem ich begegne, hat irgendwelche Stöpsel im Ohr. Als Jüngling in den 80ern/90ern tat ich das kurzzeitig ebenfalls, weil es einfach dazugehörte & man ohne das hoffnungslos uncool war. & so schlenkerte der klobige MC-Walkman auch an meinem Trainingshosen-Bund. Über die Ohrhörer kam ein dünner, scheppernder Klang & das Abspielgerät konnte trotz angepriesener Schockabsorber-Technik ein durch die Erschütterungen beim Laufen verursachtes Leiern nie ganz verhindern. Ich wußte sehr bald schon nicht mehr, wozu ich mir das eigentlich antun soll & hab' das Thema damals für mich abgehakt. Aber nicht nur aus den beschriebenen Gründen. Mir kam (& kommt) es affig vor, mich bei sportlicher Betätigung einem Beschallungszwang auszusetzen. Seit Jahr & Tag mache ich in den Mittagspausen in der Klinik mein Krafttrainingsprogramm. Es kommt sonst nur sporadisch ein älterer Herr aus der Nachbarschaft auf die Idee, zu dieser Zeit in den Sportsaal zu gehen & so hab' ich dort entweder die alleinige Entscheidungsgewalt über meine Ruhe oder doch Beschallung. Der erwähnte Herr bevorzugt wie ich den nationalen Klassik-Sender SRF2 & so kommt es nie zu Konflikten. Zwischen zwölf & eins laufen dort zuerst Kulturreportagen, dann etwa 5-10min "Gummimusik" zur Überbrückung & im Anschluß das große mittägliche Nachrichtenmagazin. Für mich/uns stimmt das 100%ig. Zwischenzeitlich hatten sich Kollegen hinzugesellt, die während knapp 4 Wochen ihre Ambitionen auf regelmäßiges Training aus sich heraus pressten, um dann aber bald wieder die Lust daran zu verlieren. Bei ihnen ernteten wir, wenn der Kultur-Sender lief, nur ungläubige Blicke & gequältes Lächeln. Waren sie mal vor uns da, erschall das obligatorische Bum Bum Bum, das sie über ihre Smartphones via Bluetooth auf die Anlage & von dort mit ordentlich Schalldruck auf die Boxen schickten. Speziell beim Krafttraining erscheint mir dieser Techno-Soundteppich besonders absurd, da viele der Bewegungen eher langsam sind. Das rhythmische Hämmern würde bei Ausdauersport ja wenigstens mit den immer gleichen Bewegungen u. U. noch in eine Art Gleichtakt geraten. Wie auch immer - ich werd' das wohl nie ganz begreifen. Auf meiner Laufstrecke nehme ich den Trittschall, meine an die Schrittzahl gekoppelte Atmung wahr (3 ein, 3 aus), den Wind, das Vogelzwitschern, die Kuhglocken, die Bahnstrecke & alle sonstigen Geräusche. Dabei gelingt es mir meist ganz gut, Gedanken zu ordnen. Wenn ich einem Jogger ohne Lärm auf dem Ohr begegne, gibt es ein Sali! oder Hoi! Mir langt das vollkommen.
Gleichwohl haben sich einige Tonschöpfer des Themas Sport in Kompositionen angenommen. Wollen wir eine kleine Sammlung solcher Werke hier anlegen? Solche Musik kann ja ganz unterschiedlich motiviert sein. In jedem Falle: schreibt doch bitte ein paar Gedanken mit dazu: was findet ihr bemerkenswert? Was wißt ihr über die Intention des Komponisten/der Komponistin? Existiert vielleicht sogar ein Programm? Gibt es Einspielungen, die ihr anderen vorzieht?
Das Handtuch geschultert & schwer atmend, grüßt Sfantu
Sfantu (26.02.2021, 19:12):
Charles Ives
Yale-Princeton Football Game (1897) Orchestra New England - James Sinclair (CD, Koch, 1990)
2'01
Wie so Einiges, was Ives für die Schublade schrieb - wohl wissend, daß die Zeit nicht reif war für derartige Klänge - ist auch dieses kurze Werk für seine Entstehungszeit vollkommen "unerhört": Dissonazen, Polyrhythmik, Chaos bis zu entfesseltem Tumult. Das Stück schildert in einem 120-Sekunden-Konzentrat das Heimspiel der Yale Bulldogs gegen die Princeton Tigers der Saison 1897. Durchgängig zeichnen sämtliche Streicher in einem (scheinbar?) regellosen Durcheinander das Murmeln & Raunen der Zuschauer. Blechbläser markieren Angriffe, unterlegt von Marschrhythmen des Schlagwerks. Das Holz imitiert Schlachtenrufe. Posaunen-Glissandi stehen für aufgebrachte Anfeuerungen, die Piccolo-Flöte für das Einschreiten des Schiris, die Trompeten verkünden am Ende den Triumph der siegreichen Bulldogs, die dadurch bis zu diesem Spiel ungeschlagen in der 97er Saison blieben. Im Wesentlichen beschränken sich der französische & der deutsche Booklet-Text auf diese Informationen, während im englischen gar einzelne Spielzüge, die Strategie des Yale-Coaches Butterworth, die Namen der Quarterbacks & die Anzahl der Touchdowns genannt werden (angeblich durch Fagott resp. Trompete illustriert). Spätestens an dem Punkt bin ich raus, da Football/Rugby fremde Galaxien für mich sind.
Das Stück indes ist grandios in seiner respektlosen Direktheit in Gestalt des Sich-nicht-um-Konventionen-Scherens. Herrlich plastische, lustvolle (Erst-) Einspielung durch das Orchestra New England. Das sage ich freilich, ohne bis jetzt andere Versionen zu kennen.
Philidor (26.02.2021, 19:21): Gestern beim Joggen wurde mir erneut bewußt, daß ich einer Minderheit angehöre:ich bin ohne akustische Berieselung unterwegs. Mit. - Früher habe ich beim Laufen auch versucht, Musik zu hören, aber das ist (für mich) Quatsch. Entweder ich habe genug zu tun, um Schrittfrequenz und Atmung zu synchronisieren oder die gewünschte Pace zu halten oder meinen Laufstil zu überprüfen oder dies oder das oder ich gehe einfach mit den Gedanken spazieren ...
Ansonsten gäbe es noch "Rugby" von Honegger. Poème symphonique No. 2 oder so.
Gruß Philidor
:hello
Sfantu (27.02.2021, 13:23): Merci Philidor,
der Honegger liegt sicher nahe. Trotzdem zog es mich heute eher zu Claude Debussy Sein Ballett (& letzte Orchesterkomposition) "Jeux" dreht sich zumindest vordergründig um Tennis - die Handlung könnte freilich in fast jedes beliebige thematische Gewandt gekleidet sein. Die "Spiele", wie ich sie verstehe, sind hier eher der Flirt, die Annäherungen, das Sich-wieder-Entfernen, eben das Spiel mit amourösen oder erotischen Energien zwischen den 3 beteiligten Personen. Dies sind ein Mann & zwei Frauen.
Die Handlung kann man als banal empfinden. Sie ist halt sparsam, was die äußeren Aktionen angeht - sie spielt sich mehr auf Ebenen der übertragenen Bedeutungen ab:
Eine Grünfläche, wohl eine Parklandschaft in der Nähe eines Tennisplatzes, liegt in absoluter Stille. Es herrscht schon eine Art Vordämmerung, weshalb sich auch künstliches Licht (wohl Flutlichter des benachbarten Courts - gab's die 1912 überhaupt schon?) mit in die Ausleuchtung der Szenerie mischt. Plötzlich fliegt ein Tennisball aus dem Off mitten ins Bild, tickt auf & wieder fort von der Bühne. Der junge Mann springt ihm, sein Racket in der Hand, hinterher & verschwindet ebenfalls augenblicklich. Zwei junge Frauen (wie der Mann auch im Tennisdress) spazieren langsam auf die Szene, sie scheinen Vertraulichkeiten auszutauschen. Der Mann beobachtet sie während er sich hinter einem der Bäume versteckt. Als er die Bühne betritt, ergreift die Frauen ein Fluchtimpuls - er bemüht sich jedoch, sie zu beruhigen & kann sie bald zum Bleiben bewegen. Nun kommt es zu Pas de deux & Pas de trois, ein Umwerben & Umworben-Werden. Bald neckisch-scherzhafte, bald ernstere & leidenschaftlichere Annäherungen, Eifersüchteleien. Gegen Ende, als die Aktionen bereits an einem Punkt der Stagnation, vielleicht einer beginnenden Auflösung (?), angelangt zu sein scheinen, wird abermals unerwartet ein Ball aus dem Off auf die Bühne geworfen & tickt davon. Alle drei dem Ball nach.
Philidor (27.02.2021, 13:51): Bachs Kantate "Kommt eilet und laufet" BWV 11, auch als "Osteroratorium" apostrophiert, ist wohl kein Werk im Sinne des Threads.
Ich mogle noch ein Stück aus dem Musikbuch der Mittelstufe dazwischen:
Mauricio Kagel: "Match" für zwei Violoncelli und Schlagzeug
https://www.youtube.com/watch?v=yYW8SWzEOwE
Zwei Cellist:innen spielen ein imaginäres Spiel gegeneinander, bisweilen unterbrochen durch (oft vergebliche) Aktionen des Schlagzeugenden, der/die die Funktion einer Schiedsrichtenden übernimmt.
https://phaidra.bruckneruni.at/open/o:320
Gruß Philidor
:hello
Sfantu (27.02.2021, 14:30): Debussys "Jeux", poème dansé, war erst das zweite eigene Libretto & die erst zweite eigene Choreographie des Ballets russes-Stars Waclaw Nijinskij. Sein Erstling war mit "Prélude à l'après-midi d'un faune" ebenfalls zu Musik Debussys konzipiert - im Falle von "Jeux" komponierte Debussy nun eigens für Nijinskij. Dessen Ursprungsidee war wohl eine homoerotische Konstellation zwischen drei männlichen Figuren. Daß dies in jener Zeit undenkbar war, liegt auf der Hand. Die Uraufführung fand am 15. Mai 1913 im nagelneuen Théâtre des Champs-Élysées unter Leitung Pierre Monteux' statt. Die drei Rollen wurden von Waclaw Nijinskij, Tamara Karsawina & Ljudmilla Schollar getanzt. Die impressionistischen Klänge, die laut Heinrich Strobel eine "Diskretion, welche die Musik seit Mozart nicht mehr kannte" in sich trugen, mußten wohl zwangsläufig im Zuge des nur drei Wochen später an gleicher Stelle sich ereignenden Skandals der "Sacre"-Premiere untergehen. Bis heute jedenfalls führen die "Jeux" eher ein Schattendasein. ( bei diesen Angaben wie auch der Handlungs-Beschreibung im vorherigen Post orientiere ich mich am Werk-Artikel zu "Jeux" in Reclams Ballett-Führer, 11. Auflage, 1992, S. 311-313)
In Csampai-Hollands Konzertführer, 3. Auflage, 2015, S. 740, schreibt Dietmar Holland über diese Musik: Die Auflösung des Klangbildes ist ohne Beispiel. Debussy gebietet hier über eine Feinheit der musikalischen Gestaltung, die sich von der Tonalität und vom thematischen Komponieren so weit entfernt, daß es kaum übertrieben scheint, von einer Grenzüberschreitung zu sprechen. An Stelle festgefügter Themen oder zumindest Motive treten ostinatoartige Gestalten auf, die aber den Ablauf nur davor bewahren, sich ins Amorphe zu verflüchtigen. Abgesehen von der durch die Rahmenhandlung des Balletts vorgegebenen Bogenform gibt es keine Wiederholungen (außer den unmittelbaren) und keine architektonischen Symetrien. Alles ist "Erfindung" im buchstäblichen Sinn, sogar der Orchesterklang, denn der kompakte Tutti-Klang ist aufgegeben. Statt dessen gibt es eine ganze Skala von Farbwerten, deren Modernität unbeschreiblich ist. Debussy selbst sprach von "orchestralen Farben, die von rückwärts erleuchtet sind". Und er verfügte auch über die Polarität der harmonischen Farben, die er dem Wechsel von einfachen (Diatonik) und gemischten, zwielichtigen Gefühlen (Poly-und Atonalität) zuordnete. Die Hintergründigkeit und Ambivalenz der Gefühle, die bereits in der Balletthandlung aufscheinen, hätte kaum treffender ins Werk gesetzt werden können.
Sfantu (27.02.2021, 14:44): Falls ich keine übersehe, befinden sich folgende vier Aufnahmen der "Jeux" in meiner Sammlung:
The Cleveland Orchestra - Lorin Maazel (LP, Decca, 1979)
17'09
Dieses famose Orchester läßt schonmal mit der Zunge schnalzen. Die Aufnahme ist weit aufgefächert, der Zauber dieser Klänge wird erlebbar. Für mein Empfinden stellt Maazel jedoch den Schönklang zu sehr über den Inhalt. Die optimale Übersetzung dieser Geschichte in Musik ereignet sich bei mir nur mühsam. Was hier jedoch so ohrenfällig wie bei keiner der anderen Einspielungen realisiert wird, ist der abschließende Aufwärts-Quartsprung: schön stofflich klingt das Xylophon durch. Hier begreife ich unmittelbar: das ist ein Fragezeichen, ein: "& dann"... Mir wird deutlich, daß ich bloß Zeuge einer Episode dieser Handlung bin. Es geschah etwas davor. Es wird sich etwas danach ereignen.
Sfantu (27.02.2021, 14:59):
London Symphony Orchestra - Michael Tilson Thomas (CD, Sony, 1992)
17'58
MTT blieb beim heutigen Vergleichshören etwas blaß neben der Konkurrenz. Schlecht ist seine Version keinesfalls. Ich muß ihr wohl neue Chancen geben. Allein, die nachfolgenden Platten überzeugen mich in einer Weise, daß die Londoner auch fürderhin einen schweren Stand behalten dürften.
Sfantu (27.02.2021, 15:20):
Rotterdams Philharmonisch Orkest - James Conlon (CD, Erato, 1987)
17'52
Zu Conlon greife ich seit je her blind. & wurde bisher äußerst selten enttäuscht. Er ist sicher ein waschechter line guy im Sinne Dave Hurwitz'. Mit den bestens disponierten Rotterdamern leuchtet er Details & Finessen dieses Ballett-Chamäleons liebevoll aus. Es entstehen hier mögliche Bilder vor Augen, Handlungssequenzen bilde ich mir ein, nach (besser mit-) zu erleben. Die Aufnahme klingt greifbarer, konturierter als bspw. bei MTT. Die Einspielung ist alt genug um noch auf LP erschienen zu sein. Die mal irgendwo aufzustöbern, wäre mir ein Fest!
Booklet-Textautor Jean Gallois bringt eine interessante eigene Auffassung der Geschichte ins Spiel: Die scheinbar naive Handlung - Zwei Tennisspielerinnen und ein junger Mann, in der zur Mitverschworenen werdenden Dunkelheit auf der Suche nach dem verlorengegangenen Ball, während - von woher? - ein neuer Ball sich einfindet, Sinnbild einer unsichtbar waltenden Kraft - hinterläßt einen bitteren Geschmack und eine tiefe Beklommenheit. Wir alle sind, scheint uns das Stück zu mahnen, den "Spielen" des Zufalls und der Welt des Unbekannten unterworfen, die uns erschrecken.
Jan Van Karajan (27.02.2021, 15:29): Diese Aufnahme war in meiner großen Box mit dem Gesamtwerk von Debussy enthalten. Auch ich mag sie sehr gern :)
Sfantu (27.02.2021, 15:30):
Česká filharmonie - Serge Baudo (LP, mono, Supraphon, 1967)
16'50
Alles, was ich an Conlon lobte, gilt hier für Baudo in nochmals potenzierter Form. Den impressionistischen Klangwogen wird Struktur, wird ein Skelett verpaßt. Der mehr holzschnittartige Zugang tut dem Stück gut. Ich höre hier beinahe noch mehr Details als bei den Niederländern. Sehr guter Klang, einwandfreie Pressung (die Tschechoslowaken waren innerhalb des Warschauer Paktes einfach Spitze, was diese Punkte angeht).
tapeesa (27.02.2021, 15:42): @Sfantu : Inhaltlich mehr zu den von dir angesprochenen Themen voraussichtlich später mal - muss sich erst einiges in meinem Kopf sortieren.
Spontan ist mir eine CD, die ich sehr mag, eingefallen:
Erik Satie - Sports et divertissements Pascal Rogé Choral inappétissant (dédié aux recroquevillés et abêtis) (Appetitverderbender Choral) La balançoire (Die Schaukel) La chasse (Die Jagd) La Comédie-Italienne: dans un style napolitain avec des remarques de Scaramouche (Die italienische Komödie, ) Réveil de la mariée (Das Erwachen der Braut) Colin-Maillard (Blinde Kuh) La pêche (Das Fischen) Yachting (Segelsport) Bain de mer (Seebad) Carnaval (Karneval) Golf Pieuvre (Krake, Oktopus) Les courses : coda sur une parodie de la Marseillaise. (Pferderennen ) Quatre-coins (Die vier Ecken) Pique-nique (Picknick) Water-chute (Wasserrutsche) Tango (Tango) Traineau (Schlitten) Flirt Feux d'artifice (Feuerwerk) Tennis Wenn die Angaben, die ich gefunden habe, stimmen: komponiert von März bis Mai 1914. (Übersetzung "frei Schnauze" - in Abgleich mit was ich gefunden habe und Wörterbuch parallel, keine *Gewähr*.)
Eben entdeckt:
Die auf amazon aufgeführte Info zur CD bezüglich Ton / Wort / Bild, Integration Musik / Dichtung / Zeichnung finde ich auf die Schnelle ganz interessant.
satie (27.02.2021, 16:09): Eben schrieb ich: Ist es wahr? Tatsächlich: noch wurden die "Sports et Divertissements" von Satie nicht erwähnt.
Und dann hatte zwischenzeitlich Tapeesa das Werk erwähnt...schon fast unheimlich.
Dieser Klavierzyklus aus dem Jahr 1914 ist eigentlich ein Album, welches nicht nur Musik enthält, sondern auch Text und Bilder. Gerade letztere sind insofern interessant, weil es zwei Versionen gibt. Ursprünglich sollte das Album 1914 veröffentlicht werden, es kam aber der erste Weltkrieg dazwischen. Danach waren die schwarzweißen Zeichnungen von Charles Martin (eigentlich v.a. ein Illustrator für Modezeitschriften u.ä.) nicht mehr en vogue und wurden von ihm durch neue, dem aktuellen Geschmack mehr entsprechende Bilder ersetzt, diesmal in Farbe. Die Musik hingegen wurde nicht verändert. Die Veröffentlichung erfolgte 1923. Für Satie war es bis dahin der bestbezahlte Auftrag.
Die Sätze heißen: Choral Inappetissant La Balancoire La Chasse La Comedie Italienne Le Reveil De La Mariee Colin Maillard La Peche Le Yachting Le Bain De Mer Le Carnaval Le Golf La Pieuvre Les Courses Le Quatre Coins Le Picnic Le Water Chute Le Tango Le Traineau Le Flirt Le Feu D'Artifice Le Tennis Als echte Sportarten kann man hier die Jagd (vielleicht Geschmackssache), das Angeln (ebenso), Segeln, Golf, Pferderennen und Tennis nennen, der Rest sind dann eben Divertissements, Vergnügungen oder wie man das übersetzen will.
Eigentlich ist das ein Album für Leute, die selbst Klavier spielen und dazu die in die Partituren geschrieben Texte lesen und die Bilder anschauen. Heutzutage eigentlich ideal geeignet als Aufführung mit Projektion von Partitur und Bild. So hatte ich einige der Stücke in meinem Programm "Memoiren eines Gedächtnislosen" dargeboten.
Wer sich die Stücke mit Bildern und Text anhören/anschauen will, wird hier fündig: https://www.youtube.com/watch?v=8adFh6iT0M4 Nicht irritieren lassen: es sind die Bilder zweiten Fassung, komischerweise hier in Graustufen und nicht original in Farbe. Wer die ursprünglichen Bilder sehen will, muss sich Ornella Voltas "A Mammal's Notebook - The Writings of Erik Satie" besorgen (keine deutsche Ausgabe erhältlich). Dort sind sie alle oder fast alle erstmals abgedruckt worden.
Die Stücke stehen auf dem Höhepunkt der humoristischen Phase Saties, fassen diese quasi noch einmal zusammen und weisen teilweise auch schon auf den späten Stil voraus.
Aufnahmen gibt es schon einige, ich würde hier Pascal Rogé oder auch Jeroen van Veen empfehlen (letzterer spielt diese Stücke nicht so elend langsam wie die frühen Satie-Kompositionen, wo er noch mehr still steht als Reinbert de Leeuw; arge Geschmackssache).
satie (27.02.2021, 16:09): Spontan ist mir eine CD, die ich sehr mag, eingefallen: Gedankenübertragung?!
Ein frühes, unterhaltsames Beispiel musikalisch illustrierter Körperertüchtigung kam mir erst jetzt wieder in den Sinn:
Franz Berwald - "Kapplöpning" (= das Wettrennen), Orchesteretüde (1842)
Bei mir auf dieser schönen 4-LP-Box zu finden:
Royal Philharmonic Orchestra London - Ulf Björlin (LP, EMI, 1977)
aiel (27.02.2021, 16:55): Gestern beim Joggen wurde mir erneut bewußt, daß ich einer Minderheit angehöre:ich bin ohne akustische Berieselung unterwegs. Wenn ich mit dem Rad unterwegs bin, fällt mir das auch immer wieder auf. Leider hören diese Leute häufig meine Klingel nicht. Wenn ich in der Natur unterwegs bin, achte ich lieber auf Vogelstimmen und natürliche Geräusche.
Speziell beim Krafttraining erscheint mir dieser Techno-Soundteppich besonders absurd, da viele der Bewegungen eher langsam sind. Zu elektronischer Tanzmusik aus den Jahren 1996 bis 2002 habe ich mich lieber auf der Tanzfläche bewegt. Für Sport würde ich sie auch für ungeeignet halten. Ich habe aber auch schon Leute gesehen, die sich zu einem langsamen Rhythmus sehr schnell bewegt haben. Auch habe ich auch gerne mal mit halber Geschwindigkeit zu schnellen Stücken bewegt. Das erzeugt bei mir häufig eine Art Trance-Effekt, wenn ich gleichzeitig auch noch die Augen schließe. Das rhythmische Hämmern würde bei Ausdauersport ja wenigstens mit den immer gleichen Bewegungen u. U. noch in eine Art Gleichtakt geraten. Für das Training auf meinem Heimtrainer habe ich mir spezielle Stücke herausgesucht, die recht gut zu meiner Bewegung passen.
Andréjo (27.02.2021, 17:43): Half-time - ein Rondo für großes Orchester - quasi zehn Minuten Sportunterbrechung ...
Meinerseits laufen Sport - bin kein großer Sportler, aber schon gerne zügig und etwas länger zu Fuß unterwegs - und Musik eigentlich immer unabhängig voneinander ... Im Liegesessel geht Musik hingegen hervorragend.
:) Wolfgang
Marcie (27.02.2021, 17:46): quasi zehn Minuten Sportunterbrechung ... Oh, jetzt entwickelt sich dieser Thread doch noch in eine interessante Richtung für mich. Meine Sportunterbrechung beläuft sich mittlerweile auf 45 (Jahre) und dauert noch an.
Andréjo (27.02.2021, 17:47): :D
Philidor (27.02.2021, 17:49): Nun ja. Anderer Menschen Leben verlängern, zumindest potenziell, ist ja auch eine schöne Aufgabe. :D
Gruß Philidor
:hello
Marcie (27.02.2021, 17:54): Falls ich keine übersehe, befinden sich folgende vier Aufnahmen der "Jeux" in meiner Sammlung: Eigentlich fast ein bisschen schade, dass sich Deine vorgestellten Aufnahmen hier in diesem Thread und nicht im Debussyfaden wiederfinden lassen. Jedenfalls Danke für den Hörimpuls!
Sfantu (27.02.2021, 19:05): Hey Marcie,
auf die Gefahr hin, daß ich mich jetzt restlos blamiere: welchen Debussy-Faden meinst Du? Es gibt einen für die Klavierwerke & einen für La Mer. Aber für Debussy - Orchesterwerke allgemein?? Ich hätte das Debussy-Thema hier vielleicht auch nicht so breittreten müssen. Aber ja - manchmal läßt sich das nicht ganz vermeiden.
Ansonsten hat ja vielleicht jemand Lust, einen solchen Faden zu starten.
@Jan Van Karajan,
Du wärst inzwischen ja fast prädestiniert dafür - als Debussianer... In dem Fall hätte ich kein Problem damit, meine Jeux-Beiträge von hier dort hinein zu pasten. Es wäre dann allerdings halt schon eine Art Doublette...
Wenn aber der Hörimpuls Dich (Marcie) zu diesem Ballett anfixen konnte, freut mich das selbstverständlich ganz unabhängig von aller Einfädelei!
Sfantu (27.02.2021, 19:12): @Andréjo,
tausend Dank für den Martinů-Beitrag! Das Feld ist am Ende vielleicht doch weiter als vermutet? & für alle, die eh lieber entspannen als schwitzen, ist "Half-Time" ja auch geradezu ein Zauberwort :cool
Jan Van Karajan (27.02.2021, 19:14): Josef Strauß hat unter anderem auch die Schnellpolka "Sport" geschrieben. Als ich Sie das erste Mal hörte, kam mir tatsächlich ein Fußballspiel in den Sinn, in dem es ja oft ähnlich schwungvoll zugeht. Was die Musik BEIM Sport angeht, bleibe ich meinen Vorlieben treu: Klassische Musik dominiert auch hier das Hörprogramm. Ich habe vor ewigen Zeiten mal etwas über eine Studie gelesen, die den Einfluss von Musik auf die Leistungsfähigkeit beim Sport untersucht hat. Grundsätzlich kann Musik demnach die Leistungsfähigkeit steigern, wobei die Musikrichtung an sich keine Rolle spielt. Dennoch werden die Studios des Landes mit einheitlichem Techno-Geschrammel beschallt. Gott sei Dank gehe ich selbst dort nie hin :D . Da bleibe ich lieber bei dem Gesundheitssport, der mein Handicap auffangen soll :D Grüße Jan :hello
Jan Van Karajan (27.02.2021, 19:16): @Jan Van Karajan,
Du wärst inzwischen ja fast prädestiniert dafür - als Debussianer... Vielleicht kann ich ja gleich mal im Forum "Komponisten" einen Faden zu Debussy starten :) . Mir ist gerade ohnehin nach Schreiben und Forenpflege :)
tapeesa (28.02.2021, 05:17): Und dann hatte zwischenzeitlich Tapeesa das Werk erwähnt...schon fast unheimlich. Gedankenübertragung?! Mir ist hier manchmal auch einiges beinahe unheimlich, aber: keine Ahnung.
Ich hatte beim Schreiben gesehen, dass du im Thread anwesend scheinst und überlegt, ob du gerade zu dem Zyklus etwas schreibst. Hatte auch gehofft, dass du vielleicht noch mehr dazu schreibst, da ich kein Hintergrundwissen dazu hatte. Habe die Rogé-Aufnahme nur mit großer Freude einige Male gehört.
Gruß, tapeesa :hello
Sfantu (28.02.2021, 12:21): @Jan Van Karajan
Bei den Straußens findet sich wohl noch das Ein oder Andere zum Thema.
Wiederum Joseph Strauß schrieb eine Jockey-Polka op. 278
Cetay (inaktiv) (01.03.2021, 02:23): Auf Satie bin ich sofort gekommen als ich bloß die Überschrift dieses Fadens gelesen hatte. Aber das war mal wieder einer dieser Tage mit schlechtem Netz. So musste ich die Punkte im sportlichen Wettkampf ums Forenprestige abschreiben. Mit meinem ersten Beispiel ist das ob den Zweifeln an Sportart und Werkschöpfer nicht aufzuholen.
Die Diskussion, ob Schach Sport oder Spiel ist, wird immer wieder mal aufs Neue gefuhrt, obwohl das IOC und der DSB schon lange ein Machtwort gesprochen haben. Die Anerkennung geschah zu meiner aktiven Zeit und war damals eine grosse Sache - zumindest für den Vereinsvorsitzenden, der bei jeder Möglichkeit und Unmöglichkeit verlautbaren ließ: Schach ist Sport. Jedesmal wenn ich nach einer sechsstündigen, hart umkämpften Partie einen ordentlichen Muskelkater hatte, wusste ich das von ganz allein.
Die Diskussion, ob John Cage Komponist oder Scharlatan war, wird immer wieder mal aufs Neue gefuhrt, obwohl Revill und Haskins schon lange ein Machtwort gesprochen haben. Nachdem der Ausleuchtungskegel meiner Realität nach der Hörerfahrung von Lecture on Nothing etwas weiter geworden war, wusste ich das von ganz allein.
Chess Pieces wurde ursprünglich als visuelles Kunstwerk mit Tinte und Gouache auf Masonit konzipiert und 1944/45 während der Austellung The Imagery of Chess in New York gezeigt. 2005 tauchte das Gemälde wieder auf. Margaret Leng Tan entzifferte es als zusammenhängende Komposition, transkripierte diese für Klavier solo und machte eine Aufnahme davon. Eine durchkomponierte Partitur, bestehend aus 22 Musiksystemen, die konventionell von links nach rechts gelesen wurden. Jedes System ist eine in sich geschlossene musikalische Einheit von 12 Takten, die sich kollektiv in 22 modulare Segmente überträgt. (johncage.org)
Sehr schön anzuhören ist das. Ich denke, das konnte man locker auf eine Satie-CD schmuggeln, ohne dass es ausser Experten jemand merken würde.
Cetay (inaktiv) (01.03.2021, 07:00): In meinem aktiven Horrepertoire gibt es noch Mauricio Kagels Match für 2 Violoncelli & Perkussion. Die beiden Streicher werfen, bzw. spielen sich die Bälle zu und der Schlagzeuger fungiert als Schiedsrichter. In der Anfangsanphase hört sich das wirklich an wie ein Tennisspiel - dann wird es etwas komplexer. Da zur Perkussions-Ausrüstung auch zwei Würfelbecher und 5 Würfel gehoren, nehme ich an, dass es aleatorische Elemente gibt und der Ausgang des Spiels nicht von vorneherein feststeht. Um diese Annahme zu einer Gewissheit zu machen, müsste man verschiedene Versionen vergleichen (oder in die Partitur schauen). Ich kenne nur die mit Mitgliedern des Ensemble NOMOS.
Sportpositionen, von denen ich gehört habe, ohne sie gehört haben:
Sibelius - Bollspelet vid Trianon (Tennis in Trianon) aus 6 Lieder op. 36 Shostakovich - Zoloty Vek (Das Goldene Zeitalter), Ballet mit Fussball
Sfantu (02.03.2021, 11:21): Mache mir dieser Tage tatsächlich den Spaß, meine Sammlung nun unter dem Aspekt Sport durchzusehen & stoße dabei auf lange nicht Gehörtes:
Franz Tischhauser
The Beggars Concerto für Klarinette & Streichorchester (1972)
Thomas Friedli, Orchestre de Chambre de Lausanne - Armin Jordan (CD, claves, 1985, ℗ 1987)
I Job and Hobbies 11'24 II Nostalgie 5'35 III Fitness-Parcours 7'05
Witziges (nicht klaumaukhaftes) Werk von neoklassizistischer Leichtigkeit (ähnlich Françaix).
Cetay (inaktiv) (10.03.2021, 07:08):
Auf dieser CD mit Miniaturen von Wilhem Peterson-Berger wird 2'28" lang Lawn Tennis gespielt.
Sfantu (04.04.2021, 23:06): 1953 vollendete William Schuman seine Oper "The Mighty Casey", in der sich alles um Baseball dreht.
Joe Dvorak (10.08.2022, 12:43): Von Laurent Petitgirard gibt es die Sinfonische Dichtung Le Marathon. Laut Klappentext ist das eine Allegorie, bei der die Laeufer Geburt, Liebe und Tod repraesentieren.
PixelPiet (14.08.2022, 10:40): Hört sich spannend an, dass du beim laufen keine Musik hörst und dich dann auf die Atmung und Umgebungsgeräusche fokussierst. Ich für meinen Teil bin da ganz anders. Besonders beim Sport machen habe ich immer Musik an, wobei ich je nach Sportart auch zwischen den Genres switche. Am Ende des Tages sollte jeder für sich entscheiden, wie er am liebsten Sport macht. Ob mit oder ohne Musik
MichaelWalter (28.08.2022, 17:16): Um erhlich zu sein: Ich könnte mir Sport ohne Musik gar nicht vorstellen. Das gehört für mich einfach zusammen
palestrina (28.08.2022, 17:30): Um erhlich zu sein: Ich könnte mir Sport ohne Musik gar nicht vorstellen. Das gehört für mich einfach zusammen ?(
Um ganz ehrlich zu sein, bei mir geht das absolut ohne Sport. :leb
LG palestrina
Philidor (28.08.2022, 17:32): Jungs, ich sage Euch: Orgelspielen ist Sport. Der ganze Körper arbeitet mit.
palestrina (28.08.2022, 17:51): Jungs, ich sage Euch: Orgelspielen ist Sport. Der ganze Körper arbeitet mit. Mit wem sprichst du? :haha
LG palestrina
Philidor (28.08.2022, 19:14): Mit wem sprichst du? Weibliche und nicht-binäre Jungs sind ausdrücklich inkludiert. :haha
Joe Dvorak (07.09.2022, 16:29): Unter John Zorns fruehen Game Pieces (1977 - 1981) findet sich allerhand Sport: Pool, Archery (Bogenschiessen), Lacrosse (musste ich auch erstmal suchmaschinen...), Hockey, Fencing (Fechten), Curling. Diese wurden sinnigerweise im Rahmen von Olympiads aufgefuehrt.
Joe Dvorak (10.09.2022, 01:53): Nicht direkt um eine Sportart, sondern um das fuer viele Sportler hoechste Ziel geht es in John Wriggles etwas kryptisch bezeichneter Kompostion SymphonASM No 1 (aka "...Hero Cops & Olympic Gold").
Joe Dvorak (12.09.2022, 03:32): Der vierte Satz von Philip Glass' Streichquartett Nr. 3 'Mishima' ist ueberschrieben mit: 1962: Body Building.
Die Aufnahme in dieser Version fuer Saxophonquartett haelt bei mir einen Rekord. Unbekannterweise den 1. Satz gehoert, dauerte es weniger als 3(!) Sekunden, dann war der Komponist sicher erkannt. Probiert es aus!
Andréjo (12.09.2022, 11:36): Bei Glass traue ich mir das irgendwie auch zu ... Als ganz großes Lob ist das noch nicht einmal gemeint ... ;)
:) Wolfgang
Joe Dvorak (12.09.2022, 12:12): Klar, Glass ist von einigen Ausnahmen abgesehen meist schnell erkannt, aber es dauert sonst doch etwas laenger als 2,75 Sekunden, sagen wir 5 Sekunden ;) bis man sich sicher sein kann, dass er es ist oder eben doch nicht, wie man z.B. bei den ersten Takten der Kullervo-Sinfonie glauben koennte.
Andréjo (12.09.2022, 16:37): bei den ersten Takten der Kullervo-Sinfonie
Die kenne ich so gut wie gar nicht. Da freue ich mich jetzt drauf. :D
Andréjo (12.09.2022, 16:40): Soeben in ein Youtube-Video hineingehört - wobei ich schon glaube, dass ich auch eine CD finde :
Stimmt!
:thumbsup:
Sfantu (12.09.2022, 20:44): Thanks to these lonesome vales These desert hills and dales So fair the game, so rich the sport Diana`s self might to these woods resort
Dies die Worte, welche Nahum Tate, untermalt von Henry Purcells Melodie, Belinda in ihrem Lied im II. Akt von "Dido and Anaeas" bekennen läßt.
Freilich hat das (bis auf die Begrifflichkeit) mit Sport nur wenig gemein. Der Name der Göttin Diana deutet es an - es geht um die Jagd. Ob wir die nun als faires Spiel gelten lassen möchten? Im Unterschied zur modernen industriellen Massentötung von Schlachtvieh wäre das zumindest mal einen Gedanken wert. Sofern es sich nicht um die Treibjagd handelt, versteht sich. So oder so - diese Musik bleibt zum Niederknien...