nachdem mein Thread "Was brachte uns das Mozartjahr?" von fast allen mit totaler Nichtbeachtung bestraft wurde :I , versuche ich es mit einem neuen Thema, das ich sehr interessant finde und wofür ich mir mehr Aufmerksamkeit erhoffe. Ich habe es "Musikalische Eröffnungen" überschrieben und möchte auf bedeutsame Anfangstakte von Kompositionen hinweisen, die aufgrund ihres Bekanntheitsgrades nicht mehr als etwas besonderes erkannt oder gehört werden, da sich unsere Ohren so daran gewöhnt haben. Zuhörer der Uraufführung fanden diese Eröffnungen oft grell, unerhört, übertrieben, unverständlich, frech...... Rezensionen in alten Musikzeitschriften berichten über Uraufführungen von Beethoven, Berlioz, Schumann, und anderen und äußern ihr Unverständnis oder das des Publikums in Wien oder Leipzig. Schubert wurde zu Lebzeiten öffentlich nicht wahrgenommen.
Ich beginne mir zwei Beispielen von Beethoven: 1. Klaviersonate Es-dur op.81a, von Beethoven überschrieben nicht "Les Adieux" sondern "Das Lebewohl". Die ersten drei Akkorde Es-dur Le- B-dur be c-moll wohl kann man nicht einfach überspielen, sie fordern die Gestaltungskraft eines jeden Interpreten heraus und verlangen nach einer individuellen Lösung. Beim Vergleich des Anfangs dieser Sonate mit verschiedenen Spielern hört man unterschiedliche, individuelle Lösungen, die alle irgendwie interessant und überzeugend klingen. 2. nochmals Beethoven: Eroica und Streichquartett Nr.8 e-moll op.59 Nr.2 Beide Kompositionen beginnen mit zwei kräftigen Akkordschlägen. Bei der 3. Sinfonie hat man den Eindruck des Überlegenen, des Feststehenden, das nicht Infrage gestellt wird. Es klingt wie zwei große Ausrufezeichen. Anders beim e-moll Streichquartett, das auch mit zwei f-Akkorden beginnt. Hier glaubt man eher zwei Fragezeichen zu hören, die die Unsicherheit des Komponisten vor der Fortführung der Musik dokumentieren. 3. sei noch das Vorspiel zum Tristan erwähnt, das aber schon Gegenstand ausführlicher Erörterungen war. Kennt ihr auch bemerkenswerte ERöffnungstakte, über die es sich lohnt zu diskutieren?
Gruß Amadé
Rachmaninov (08.01.2007, 20:58): Amade,
spontan fällt mir der Anfang des ersten Satzes der Sibelius VK. Das "pulsieren" der Streicher, dann das Einsetzen der Solo Geige, die dieses Pulsieren mit melancholischen Ton "aufnimmt" .........
Das zieht einen sogleich in dieses wundervolle Werk.
Jeremias (08.01.2007, 21:14): Da fallen mir einige ein, spontan beispielsweise natürlich Beethoven's 5., seit hunderten von Jahren ein Klassiker! Oder die beiden Eröffnungstakte aus Rachmaninoff's 2. Sonate, spätestens dann ist Ruhe im Konzertsaal und es gibt keinen, den sie nicht fesseln! Überhaupt ist Rachmaninoff ein Paradebeispiel! Man denke nur an den "Glockenklang" aus seinem cis-moll Präludium op.3 Nr.2 oder die Anfangstakte des 2. Konzertes!
satie (08.01.2007, 21:16): Lieber Amade, das ist ein gutes Thema, zumal es scheinbar doch nicht nur um Kleine Nachtmusik (ta,tata,tatatatatataaaaaaaaaaaaa) oder Ludileins Fünfte (tatatataaaa, tatatataaaaaa) gehen soll, sondern wohl doch eher um die ungewöhnlichen, bzw, eben einfach irgendwie interessanten Anfänge. Ich greife zurück auf das Dissonanzenquartett von Mozart, bei dem man nicht weiss wo das lang gehen soll (spätestens, wenn der Querstand in der ersten Geige kommt). Eine der verrücktesten Eröffnungen ist auch immer noch der Anfang der Schöpfung von Haydn. Aber es gibt auch durchaus Stücke, denen man die Verrücktheit gar nicht anhört. So beginnt zum Beispiel Chopins Ballade in g-moll auf dem NEAPOLITANER! Einer tiefen zweiten Stufe als Sextakkord (geschrieben und klingend wie As-Dur, nur dass As-Dur keine Funktion in g-moll hätte), die über mehrere Takte ausgeweitet wird, bevor dann g-moll im ersten Thema auch tatsächlich vorkommt. Der Anfang von Mendelssohns Hochzeitsmarsch ist ebenfalls ein seltsames Verwirrspiel: eigentlich steht das ganze in C-Dur, aber es beginnt mit einer Stufenfolge II-V-I in e-Moll! Das fällt beim Hören kaum auf, weil es dann ganz schnell über f als Dominantseptime in die eigentliche Tonart geht (sowas bietet Wagners Hochzeitsmarsch nicht). Eigentlich kann man zu diesem Mendelssohn nicht allen ernstes zum Altar schreiten, dennoch tun es so viele... Ein die Tonart ebenfalls verleugnender Anfang findet sich in Brahms Rhapsodie in g-moll, die gleich mit dem Trugschluss beginnt! Einen Dominantklang d-a-d haben wir zwar, aber der geht nicht nach g, sondern einfach einen Halbton nach oben, der Bass spielt dann die Terz dazu, womit wir einen Es-Dur-Akkord da haben. Und dann geht es erst einmal nach F-Dur, C-Dur und G-DUR, dann wird alles sequenziert undsoweiter. Und nochmal Brahms: der Anfang der Vierten Symphonie ist ein schönes Thema, aber im Grunde steckt da folgendes drin: einfach nur Terzen nach unten, angefangen beim h, dann g,e,c,a,fis,dis und wieder h. Und diese Terzen zusammen sind genau alle Töne der harmonischen e-moll-Tonleiter zusammen. Also ziemlich konstruiert. Aber Brahms ist ohnehin ein Phänomen...
Herzlich
S A T I E
satie (08.01.2007, 21:18): Original von Jeremias Da fallen mir einige ein, spontan beispielsweise natürlich Beethoven's 5., seit hunderten von Jahren ein Klassiker! Oder die beiden Eröffnungstakte aus Rachmaninoff's 2. Sonate, spätestens dann ist Ruhe im Konzertsaal und es gibt keinen, den sie nicht fesseln! Überhaupt ist Rachmaninoff ein Paradebeispiel! Man denke nur an den "Glockenklang" aus seinem cis-moll Präludium op.3 Nr.2 oder die Anfangstakte des 2. Konzertes! Hier ist es sogar so, dass das c-moll-Klavierkonzert genauso anfängt, wie das cis-moll-Prelude aufhört! Nur dass beim Konzert erst der Akkord, dann der tiefe Ton kommt, beim Prelude umgekehrt.
S A T I E
uhlmann (09.01.2007, 08:10): Original von Amadé auf bedeutsame Anfangstakte von Kompositionen hinweisen, die aufgrund ihres Bekanntheitsgrades nicht mehr als etwas besonderes erkannt oder gehört werden, da sich unsere Ohren so daran gewöhnt haben.
zu dieser gruppe kann man den beginn von strauss zarathustra zählen. spätestens seit kubricks 2001. das stück kennt wirklich jeder, nur weis kaum einer, dass es von strauss ist und wie es heißt (ich meine da natürlich nicht-klassik-hörer).
mein persönlicher lieblingsbeginn: erster satz der bruckner neunten. ein orgelpunkt auf d, aus dem sich nach und nach einzelne motive herausschälen, schließlich zu einem monumentalen hauptthema führen, und wieder auf den orgelpunkt zurückführen - einfach genial.
greetings, uhlmann
Jeremias (09.01.2007, 08:37): Ich glaube, dass man in dem Zuge nahezu sämtliche Bruckner'schen Sinfonien nennen könnte! Jede hat für sich etwas eigenes und doch sind sie irgendwo gleich...
ab (09.01.2007, 11:28): Erstaunlich: Mir fällt zuallererst eine Oper ein, nämlich Straussens Elektra: ganz ohne Ouvertüre oder Anklänge, direkt mit der Tür ins Haus und der thrill beginnt gnadenlos bis zum letzten Takt, der genauso dramatisch endet, wie die Oper beginnt. "Triff noch einmal!"
Jeremias (09.01.2007, 12:11): Dann muss ich in diesem Zuge einmal meine Lieblingsoper Turandot erwähnen. Ich kenne keine andere Oper, in welcher der Hörer derart reingestoßen wird!
Amadé (09.01.2007, 21:05): Hallo,
in der Barockmusik finde ich keine WErke, die mit einem besonderen Anfang, der aufhorchen lässt, versehen sind. Die Musik von Bach ist gleich vom ersten Takt an da und wird folgerichtig weitergeführt, sie ruht quasi in sich. Von Vivaldi wären sicher ungewöhnliche Eibleitungen, nicht zu verwechseln mit langsamen kurzen Sätzen, zu erwarten. Da fällt mir jedoch nichts ein. Andererseits kenne ich nicht genügend Werke der Barockzeit, um da ein abgesichertes Urteil zu schreiben. Mit Joseph Haydn ändert sich dies. In der Abgeschiedenheit von Esterhaza und Eisenstadt konnte er, wie er selbst schrieb, Original werden, also einen Personalstil entwickeln, der sich (fast) ohne äußere Einflüsse vollzog. Von Haydn kenne ich auch bereits aufhorchen lassende Anfänge: die Eröffnung der Schöpfung wurde schon erwähnt. Sehr interessant ist auch der erste Takt der langsamen Einleitung der Sinfonie Nr.103 Es-dur, die den Beinamen "mit dem Paukenwirbel" trägt. Haydn schreibt nur für die Pauke ein Tremolo auf dem Grundton es vor, sehr leise zu spielen. Dazu gibt er dem Spieler die zusätzliche Anweisung Solo Intrada. Hier ist die Fantasie des Paukisten und des Dirigenten gefordert, um Haydn gerecht zu werden. Wie dachte sich der Komponist diese Stelle? Ich persönlich leite aus der Bemerkung Solo Intrada her, das der Spieler improvisieren soll! In den Aufnahmen von Abbado, Harnoncourt, Hickox und Lopez-Cobos ist dies mehr oder weniger prächtig gelungen. Ich mache nun noch einen Sprung zur Romantik. Weber, Schubert, Berlioz, Schumann, Wagner bis hin zu Mahler schufen ganz individuell geprägte Werke. Der erste Takt von Mozarts letzter g-moll-Sinfonie und der erste Satz des a-moll Streichquartetts von Schubert "Rosamunde", sind sich sehr ähnlich. Man könnte fast behaupten, Schubert habe bei Mozart abgeguckt. Die Musik hat bei Schubert jedoch eine ganz andere Qualität, sie ist geheimnisvoll, drohend vielleicht, ungeduldig, während Mozart quasi nur einen Klangteppich für das Thema ausrollt. Auch das kann man unterschiedlich interpretieren. Man vergleiche nur einmal die Aufnahmen von Fricsay und Böhm!
Gruß Amadé
ab (09.01.2007, 21:08): Original von Amadé Hallo,
in der Barockmusik finde ich keine WErke, die mit einem besonderen Anfang, der aufhorchen lässt, versehen sind.
Dann höre doch einmal hier hinein und Du wirst Deine Ansicht ungehend ändern: Rebel, Jean-Fery (1666-1747) Les Elements gespielt von der Musiqua Antiqua Köln http://www.jpc.de/image/cover/front/0/7463411.jpg
Amadé (10.01.2007, 15:13): Hallo ab, danke für Deinen Tip. Ich bin gespannt, nur muss ich sehen, wie ich die CD billig erwerbe.
Gruß Amadé
ab (11.01.2007, 11:50): Original von Amadé Hallo ab, danke für Deinen Tip. Ich bin gespannt, nur muss ich sehen, wie ich die CD billig erwerbe.
Es muss doch wohl auch einen Soundfile im Internet geben oder hör im Laden rein: Zuvor aber unbedingt festhalten oder hinsetzten!
Jeremias (11.01.2007, 23:56): Ebenfalls sehr beeindruckend: Die Ouvertüre zu wagner's "Rheingold"... wie da ein es-Dur-Dreiklang über nahezu 5 Min. zu einem reissenden Strom wird... unglaublich!
Gamaheh (29.01.2007, 21:50): Rebel ist großartig, sehr dramatisch ("Le Cahos")! Ich habe eine Aufnahme mit der Academy of Ancient Music (Hogwood).
Aber etwas ganz anderes: Ich stelle immer wieder fest, daß auch Eröffnungen, die nicht so dramatisch sind, sehr charakteristisch sein können, in der Tat so charakteristisch, daß man schon beim ersten Akkord weiß, wie es weitergeht, worum es sich handelt (wenn man es kennt, natürlich). Insbesondere ist mir dies bei diversen Werken von Chopin aufgefallen, und neulich schlug jemand einen Akkord auf dem Klavier an, und ich intonierte sofort die nächsten - das war die Pathétique-Sonate von Beethoven. Woran mag das liegen?
Interessant ist auch, daß die gleichen Töne völlig verschiedene Musiken einleiten können, z.B. beginnen mit den gleichen drei Tönen (allerdings in unterschiedlichen Rhythmen) Verdis Gefangenen-Chor aus Nabucco "Va, pensiero, sull'ali dorate", die Internationale und das englische Kinderlied "Three Blind Mice" - verblüffend (oder nicht?).
Grüße, Gamaheh
satie (29.01.2007, 23:21): Liebe Gamaheh, es gibt natürlich musikalische Urformeln, die man immer wieder antrifft, etwa die Rufterz (kleine Terz) oder die Folge kleine Terz nach unten plus große Sekunde nach unten (oder auch umgekehrt). Das ist sozusagen unser musikalisches Unterbewusstsein, das sich natürlich immer wieder in verschiedenen Formen in Kompositionen manifestieren kann. Gerade sehr einfache Musik, wie Kinderlieder, nutzt immer wieder diese simplen Urformeln, da diese auch das erste sind, was Kinder spontan singen, egal ob sie jemanden verspotten wollen, ein Abzählverschen musikalisieren oder tanzen. Zur Pathetique: ein Akkord, c-moll, vollgriffig über zwei Oktaven in relativ tiefem Register kommt dort vor, und es ist vielleicht das prominenteste Beispiel dafür, daher kann man direkt weitersingen. Ebenso haben wir den Anfang von Für Elise so oft gehört, dass der Wechsel zwischen dis und e in der zweigestrichenen Oktave eben einfach gleich nach Für Elise klingt. Bei Beethoven ist das ohnehin faszinierend, weil er so kleine motivische Zellen (siehe 5. Symphonie) benutzte, die trotzdem so prägnant sind. Wenn man den Pathetique-Akkord aber auf der Orgel spielen würde, also ohne die Originalklangfarbe, bin ich mir sicher, dass niemand das richtige Stück assoziieren würde. Also ist es eben so, dass wir für die Erinnerung die Klangfarbe, die richtige Lage, die richtige Dynamik brauchen, in anderen Fällen auch den richtigen Rhythmus (dann muss die Dynamik übrigens nicht so beachtet werden, auch die Klangfarbe und die Lage nicht, weil dann eine prägnantere Gestalt vorhanden ist). Würde man den Anfang der Kleinen Nachtmusik auf dem Klavier spielen, im richtigen Rhythmus, aber drei Oktaven zu tief und pianissimo würde man es immer noch erkennen. Den Pathetique-Akkord hingegen, ganz hoch im diskant staccato und ganz leise, schon vorbei!
Herzliche Grüße S A T I E
Gamaheh (30.01.2007, 22:05): Lieber Satie,
herzlichen Dank für diese Antwort - ich wünschte, ich wüßte sie hinreichend zu würdigen!
Original von Satie es gibt natürlich musikalische Urformeln
Ist das untersucht, und sind das Universalien (kulturunabhängig)?
die Rufterz (kleine Terz)
Jetzt, wo Du es so nennst, fällt mir noch gleich "Figaro, Figaro" ein: Das ist vermutlich ein ganz typischer Fall?
Das ist sozusagen unser musikalisches Unterbewusstsein
Ah! Darüber würde ich gerne mehr wissen!
Gerade sehr einfache Musik, wie Kinderlieder, nutzt immer wieder diese simplen Urformeln, da diese auch das erste sind, was Kinder spontan singen, egal ob sie jemanden verspotten wollen, ein Abzählverschen musikalisieren oder tanzen.
Oder die Werbung? Mir fällt da gerade "Schneeee-kop-pe" ein. Übrigens ein Hexameter - womöglich gibt es da Parallelen in der klassischen Prosodie, aber die beruht ja auch auf Gesang.
Wenn man den Pathetique-Akkord aber auf der Orgel spielen würde, also ohne die Originalklangfarbe, bin ich mir sicher, dass niemand das richtige Stück assoziieren würde.
Das kann ich mir leider nicht vorstellen, wäre interessant, das auszuprobieren.
Also ist es eben so, dass wir für die Erinnerung die Klangfarbe, die richtige Lage, die richtige Dynamik brauchen, in anderen Fällen auch den richtigen Rhythmus (dann muss die Dynamik übrigens nicht so beachtet werden, auch die Klangfarbe und die Lage nicht, weil dann eine prägnantere Gestalt vorhanden ist).
Was genau verstehst Du unter Dynamik? Für mich ist z.B. der Rhythmus ein Teil der Dynamik, nur eben horizontal (zeitliche Frequenz), nicht vertikal wie die Tonhöhen bzw. deren Verteilung.
Würde man den Anfang der Kleinen Nachtmusik auf dem Klavier spielen, im richtigen Rhythmus, aber drei Oktaven zu tief und pianissimo würde man es immer noch erkennen.
Mit anderen Worten: Der Rhythmus ist prägnanter als alles andere?
Den Pathetique-Akkord hingegen, ganz hoch im diskant staccato und ganz leise, schon vorbei!
Ich weiß nicht, ob ich das glauben kann ... Man müßte es ausprobieren. Wie kann man denn einen Akkord staccato spielen? (Es scheint auf den ersten Blick eine contradictio in adiecto, aber da habe ich womöglich etwas nicht begriffen.)
Hat man zu all diesem Experimente gemacht?
Leider bin ich hier ziemlich abschweifig geworden - Entschuldigung!
Herzliche Grüße Gamaheh
nikolaus (30.01.2007, 23:06): in der Tat so charakteristisch, daß man schon beim ersten Akkord weiß, wie es weitergeht, worum es sich handelt (wenn man es kennt, natürlich)
Es geht sogar soweit, daß man Phrasen weiter"singen" kann, auch wenn man sie nicht unbedingt kennt. Das hat mit der Verarbeitung der Töne im Gehirn zu tun. Es gibt zu diesem Thema ein sehr interessantes, gar nicht trockenes Sachbuch, das ich zwar besitze, aber partout nicht finden kann, und dessen Titel mir leider auch nicht einfällt. (ich glaube, ich werde senil :() Sobald ich es gefunden habe, werde ich es vorstellen.l
äh, wie heiße ich noch gleich, Niklas, Nicole... ?(
ab (30.01.2007, 23:20): Original von Gamaheh Rebel ist großartig, sehr dramatisch ("Le Cahos")! Ich habe eine Aufnahme mit der Academy of Ancient Music (Hogwood).
die von Marc Minkowski (Erato) loben alle meine alte Musik-Freunde am meisten, aber die ist natürlich lange nicht so eingängig wie le Chaos, das Reinhard Goebe entfacht.
Gamaheh (30.01.2007, 23:34): Lieber wie auch immer,
Original von nikolaus Verarbeitung der Töne im Gehirn .... ... ich glaube, ich werde senil Join the club!
Sobald ich es gefunden habe, werde ich es vorstellen.l
Ich bitte sehr darum!
Grüße, Gamaheh
satie (31.01.2007, 00:15): Liebe Gamaheh, ganz kurz und bündig zu Deinen Fragen, bevor ich ins Bett falle und die Augen zu: Rufterz und Urformeln: ja, die sind weitgehend kulturunabhängig.
Dynamik: das ist nun mal besetzt mit der Lautstärke, wenn man in musikalischer Terminologie bleibt, daher würde ich den Begriff auch nur dafür verwenden. Das was Du meinst, würde ich eher unter Tempo oder Dichte einreihen, aber fallabhängig. Generell ist Rhythmus ein eigener Parameter, was manchmal sinnvoll ist, manchmal nicht.
Der Rhythmus ist nicht zwingend prägnanter als alles andere. Aber den Bolero von Ravel erkennt man auch am Schlagzeugrhythmus allein, an einer in unnatürlich immer gleichen Notenwerten gespielten Melodie aber nicht oder nicht unbedingt. Für Elise würde man am Rhythmus allein vielleicht gar nicht erkennen, die Wilhelm-Tell-Ouvertüre hingegen ziemlich sicher (das Reiterthema). Sagen wir es also so: wenn der Rhythmus tatsächlich prägnant ist, dann kann er zur Wiedererkennung genügen. Ist er aber gleichförmig, ist er natürlich nicht prägnant, dann müssen andere Parameter her. Dies Irae etwa wäre am Rhythmus zunächst von Alle meine Entchen nicht zu unterscheiden (die ersten fünf Notenwerte lang), an der Melodie aber natürlich sind beide sofort erkennbar.
Akkord und staccato: hier liegt wohl irgendein Missverständnis deinerseits vor. Also ein Akkord ist einmal einfach ein Zusammenklang (meist benutzen wir das Wort aber für Dreiklänge oder Vierklänge, also C-Dur-Akkord etc.). Staccato heisst kurz abgestoßen spielen. Das geht mit Akkorden genau wie mit Einzeltönen (wenn auch vielleicht nicht ganz so schnell hintereinander).
Die Sachen, die ich beschrieben habe wurden zur Genüge erforscht, und die Psychoakustik entdeckt da immer wieder neue Sachen (akustische Täuschungen und ähnliches). Die Urformeln sind gerade deswegen Urformeln, weil man sie in vielen Kulturen gefunden hat.
Herzliche Grüße S A T I E
Amadé (08.01.2007, 20:44): Hallo Forianer,
nachdem mein Thread "Was brachte uns das Mozartjahr?" von fast allen mit totaler Nichtbeachtung bestraft wurde :I , versuche ich es mit einem neuen Thema, das ich sehr interessant finde und wofür ich mir mehr Aufmerksamkeit erhoffe. Ich habe es "Musikalische Eröffnungen" überschrieben und möchte auf bedeutsame Anfangstakte von Kompositionen hinweisen, die aufgrund ihres Bekanntheitsgrades nicht mehr als etwas besonderes erkannt oder gehört werden, da sich unsere Ohren so daran gewöhnt haben. Zuhörer der Uraufführung fanden diese Eröffnungen oft grell, unerhört, übertrieben, unverständlich, frech...... Rezensionen in alten Musikzeitschriften berichten über Uraufführungen von Beethoven, Berlioz, Schumann, und anderen und äußern ihr Unverständnis oder das des Publikums in Wien oder Leipzig. Schubert wurde zu Lebzeiten öffentlich nicht wahrgenommen.
Ich beginne mir zwei Beispielen von Beethoven: 1. Klaviersonate Es-dur op.81a, von Beethoven überschrieben nicht "Les Adieux" sondern "Das Lebewohl". Die ersten drei Akkorde Es-dur Le- B-dur be c-moll wohl kann man nicht einfach überspielen, sie fordern die Gestaltungskraft eines jeden Interpreten heraus und verlangen nach einer individuellen Lösung. Beim Vergleich des Anfangs dieser Sonate mit verschiedenen Spielern hört man unterschiedliche, individuelle Lösungen, die alle irgendwie interessant und überzeugend klingen. 2. nochmals Beethoven: Eroica und Streichquartett Nr.8 e-moll op.59 Nr.2 Beide Kompositionen beginnen mit zwei kräftigen Akkordschlägen. Bei der 3. Sinfonie hat man den Eindruck des Überlegenen, des Feststehenden, das nicht Infrage gestellt wird. Es klingt wie zwei große Ausrufezeichen. Anders beim e-moll Streichquartett, das auch mit zwei f-Akkorden beginnt. Hier glaubt man eher zwei Fragezeichen zu hören, die die Unsicherheit des Komponisten vor der Fortführung der Musik dokumentieren. 3. sei noch das Vorspiel zum Tristan erwähnt, das aber schon Gegenstand ausführlicher Erörterungen war. Kennt ihr auch bemerkenswerte ERöffnungstakte, über die es sich lohnt zu diskutieren?
Gruß Amadé
Rachmaninov (08.01.2007, 20:58): Amade,
spontan fällt mir der Anfang des ersten Satzes der Sibelius VK. Das "pulsieren" der Streicher, dann das Einsetzen der Solo Geige, die dieses Pulsieren mit melancholischen Ton "aufnimmt" .........
Das zieht einen sogleich in dieses wundervolle Werk.
Jeremias (08.01.2007, 21:14): Da fallen mir einige ein, spontan beispielsweise natürlich Beethoven's 5., seit hunderten von Jahren ein Klassiker! Oder die beiden Eröffnungstakte aus Rachmaninoff's 2. Sonate, spätestens dann ist Ruhe im Konzertsaal und es gibt keinen, den sie nicht fesseln! Überhaupt ist Rachmaninoff ein Paradebeispiel! Man denke nur an den "Glockenklang" aus seinem cis-moll Präludium op.3 Nr.2 oder die Anfangstakte des 2. Konzertes!
satie (08.01.2007, 21:16): Lieber Amade, das ist ein gutes Thema, zumal es scheinbar doch nicht nur um Kleine Nachtmusik (ta,tata,tatatatatataaaaaaaaaaaaa) oder Ludileins Fünfte (tatatataaaa, tatatataaaaaa) gehen soll, sondern wohl doch eher um die ungewöhnlichen, bzw, eben einfach irgendwie interessanten Anfänge. Ich greife zurück auf das Dissonanzenquartett von Mozart, bei dem man nicht weiss wo das lang gehen soll (spätestens, wenn der Querstand in der ersten Geige kommt). Eine der verrücktesten Eröffnungen ist auch immer noch der Anfang der Schöpfung von Haydn. Aber es gibt auch durchaus Stücke, denen man die Verrücktheit gar nicht anhört. So beginnt zum Beispiel Chopins Ballade in g-moll auf dem NEAPOLITANER! Einer tiefen zweiten Stufe als Sextakkord (geschrieben und klingend wie As-Dur, nur dass As-Dur keine Funktion in g-moll hätte), die über mehrere Takte ausgeweitet wird, bevor dann g-moll im ersten Thema auch tatsächlich vorkommt. Der Anfang von Mendelssohns Hochzeitsmarsch ist ebenfalls ein seltsames Verwirrspiel: eigentlich steht das ganze in C-Dur, aber es beginnt mit einer Stufenfolge II-V-I in e-Moll! Das fällt beim Hören kaum auf, weil es dann ganz schnell über f als Dominantseptime in die eigentliche Tonart geht (sowas bietet Wagners Hochzeitsmarsch nicht). Eigentlich kann man zu diesem Mendelssohn nicht allen ernstes zum Altar schreiten, dennoch tun es so viele... Ein die Tonart ebenfalls verleugnender Anfang findet sich in Brahms Rhapsodie in g-moll, die gleich mit dem Trugschluss beginnt! Einen Dominantklang d-a-d haben wir zwar, aber der geht nicht nach g, sondern einfach einen Halbton nach oben, der Bass spielt dann die Terz dazu, womit wir einen Es-Dur-Akkord da haben. Und dann geht es erst einmal nach F-Dur, C-Dur und G-DUR, dann wird alles sequenziert undsoweiter. Und nochmal Brahms: der Anfang der Vierten Symphonie ist ein schönes Thema, aber im Grunde steckt da folgendes drin: einfach nur Terzen nach unten, angefangen beim h, dann g,e,c,a,fis,dis und wieder h. Und diese Terzen zusammen sind genau alle Töne der harmonischen e-moll-Tonleiter zusammen. Also ziemlich konstruiert. Aber Brahms ist ohnehin ein Phänomen...
Herzlich
S A T I E
satie (08.01.2007, 21:18): Original von Jeremias Da fallen mir einige ein, spontan beispielsweise natürlich Beethoven's 5., seit hunderten von Jahren ein Klassiker! Oder die beiden Eröffnungstakte aus Rachmaninoff's 2. Sonate, spätestens dann ist Ruhe im Konzertsaal und es gibt keinen, den sie nicht fesseln! Überhaupt ist Rachmaninoff ein Paradebeispiel! Man denke nur an den "Glockenklang" aus seinem cis-moll Präludium op.3 Nr.2 oder die Anfangstakte des 2. Konzertes! Hier ist es sogar so, dass das c-moll-Klavierkonzert genauso anfängt, wie das cis-moll-Prelude aufhört! Nur dass beim Konzert erst der Akkord, dann der tiefe Ton kommt, beim Prelude umgekehrt.
S A T I E
uhlmann (09.01.2007, 08:10): Original von Amadé auf bedeutsame Anfangstakte von Kompositionen hinweisen, die aufgrund ihres Bekanntheitsgrades nicht mehr als etwas besonderes erkannt oder gehört werden, da sich unsere Ohren so daran gewöhnt haben.
zu dieser gruppe kann man den beginn von strauss zarathustra zählen. spätestens seit kubricks 2001. das stück kennt wirklich jeder, nur weis kaum einer, dass es von strauss ist und wie es heißt (ich meine da natürlich nicht-klassik-hörer).
mein persönlicher lieblingsbeginn: erster satz der bruckner neunten. ein orgelpunkt auf d, aus dem sich nach und nach einzelne motive herausschälen, schließlich zu einem monumentalen hauptthema führen, und wieder auf den orgelpunkt zurückführen - einfach genial.
greetings, uhlmann
Jeremias (09.01.2007, 08:37): Ich glaube, dass man in dem Zuge nahezu sämtliche Bruckner'schen Sinfonien nennen könnte! Jede hat für sich etwas eigenes und doch sind sie irgendwo gleich...
ab (09.01.2007, 11:28): Erstaunlich: Mir fällt zuallererst eine Oper ein, nämlich Straussens Elektra: ganz ohne Ouvertüre oder Anklänge, direkt mit der Tür ins Haus und der thrill beginnt gnadenlos bis zum letzten Takt, der genauso dramatisch endet, wie die Oper beginnt. "Triff noch einmal!"
Jeremias (09.01.2007, 12:11): Dann muss ich in diesem Zuge einmal meine Lieblingsoper Turandot erwähnen. Ich kenne keine andere Oper, in welcher der Hörer derart reingestoßen wird!
Amadé (09.01.2007, 21:05): Hallo,
in der Barockmusik finde ich keine WErke, die mit einem besonderen Anfang, der aufhorchen lässt, versehen sind. Die Musik von Bach ist gleich vom ersten Takt an da und wird folgerichtig weitergeführt, sie ruht quasi in sich. Von Vivaldi wären sicher ungewöhnliche Eibleitungen, nicht zu verwechseln mit langsamen kurzen Sätzen, zu erwarten. Da fällt mir jedoch nichts ein. Andererseits kenne ich nicht genügend Werke der Barockzeit, um da ein abgesichertes Urteil zu schreiben. Mit Joseph Haydn ändert sich dies. In der Abgeschiedenheit von Esterhaza und Eisenstadt konnte er, wie er selbst schrieb, Original werden, also einen Personalstil entwickeln, der sich (fast) ohne äußere Einflüsse vollzog. Von Haydn kenne ich auch bereits aufhorchen lassende Anfänge: die Eröffnung der Schöpfung wurde schon erwähnt. Sehr interessant ist auch der erste Takt der langsamen Einleitung der Sinfonie Nr.103 Es-dur, die den Beinamen "mit dem Paukenwirbel" trägt. Haydn schreibt nur für die Pauke ein Tremolo auf dem Grundton es vor, sehr leise zu spielen. Dazu gibt er dem Spieler die zusätzliche Anweisung Solo Intrada. Hier ist die Fantasie des Paukisten und des Dirigenten gefordert, um Haydn gerecht zu werden. Wie dachte sich der Komponist diese Stelle? Ich persönlich leite aus der Bemerkung Solo Intrada her, das der Spieler improvisieren soll! In den Aufnahmen von Abbado, Harnoncourt, Hickox und Lopez-Cobos ist dies mehr oder weniger prächtig gelungen. Ich mache nun noch einen Sprung zur Romantik. Weber, Schubert, Berlioz, Schumann, Wagner bis hin zu Mahler schufen ganz individuell geprägte Werke. Der erste Takt von Mozarts letzter g-moll-Sinfonie und der erste Satz des a-moll Streichquartetts von Schubert "Rosamunde", sind sich sehr ähnlich. Man könnte fast behaupten, Schubert habe bei Mozart abgeguckt. Die Musik hat bei Schubert jedoch eine ganz andere Qualität, sie ist geheimnisvoll, drohend vielleicht, ungeduldig, während Mozart quasi nur einen Klangteppich für das Thema ausrollt. Auch das kann man unterschiedlich interpretieren. Man vergleiche nur einmal die Aufnahmen von Fricsay und Böhm!
Gruß Amadé
ab (09.01.2007, 21:08): Original von Amadé Hallo,
in der Barockmusik finde ich keine WErke, die mit einem besonderen Anfang, der aufhorchen lässt, versehen sind.
Dann höre doch einmal hier hinein und Du wirst Deine Ansicht ungehend ändern: Rebel, Jean-Fery (1666-1747) Les Elements gespielt von der Musiqua Antiqua Köln http://www.jpc.de/image/cover/front/0/7463411.jpg
Amadé (10.01.2007, 15:13): Hallo ab, danke für Deinen Tip. Ich bin gespannt, nur muss ich sehen, wie ich die CD billig erwerbe.
Gruß Amadé
ab (11.01.2007, 11:50): Original von Amadé Hallo ab, danke für Deinen Tip. Ich bin gespannt, nur muss ich sehen, wie ich die CD billig erwerbe.
Es muss doch wohl auch einen Soundfile im Internet geben oder hör im Laden rein: Zuvor aber unbedingt festhalten oder hinsetzten!
Jeremias (11.01.2007, 23:56): Ebenfalls sehr beeindruckend: Die Ouvertüre zu wagner's "Rheingold"... wie da ein es-Dur-Dreiklang über nahezu 5 Min. zu einem reissenden Strom wird... unglaublich!
Gamaheh (29.01.2007, 21:50): Rebel ist großartig, sehr dramatisch ("Le Cahos")! Ich habe eine Aufnahme mit der Academy of Ancient Music (Hogwood).
Aber etwas ganz anderes: Ich stelle immer wieder fest, daß auch Eröffnungen, die nicht so dramatisch sind, sehr charakteristisch sein können, in der Tat so charakteristisch, daß man schon beim ersten Akkord weiß, wie es weitergeht, worum es sich handelt (wenn man es kennt, natürlich). Insbesondere ist mir dies bei diversen Werken von Chopin aufgefallen, und neulich schlug jemand einen Akkord auf dem Klavier an, und ich intonierte sofort die nächsten - das war die Pathétique-Sonate von Beethoven. Woran mag das liegen?
Interessant ist auch, daß die gleichen Töne völlig verschiedene Musiken einleiten können, z.B. beginnen mit den gleichen drei Tönen (allerdings in unterschiedlichen Rhythmen) Verdis Gefangenen-Chor aus Nabucco "Va, pensiero, sull'ali dorate", die Internationale und das englische Kinderlied "Three Blind Mice" - verblüffend (oder nicht?).
Grüße, Gamaheh
satie (29.01.2007, 23:21): Liebe Gamaheh, es gibt natürlich musikalische Urformeln, die man immer wieder antrifft, etwa die Rufterz (kleine Terz) oder die Folge kleine Terz nach unten plus große Sekunde nach unten (oder auch umgekehrt). Das ist sozusagen unser musikalisches Unterbewusstsein, das sich natürlich immer wieder in verschiedenen Formen in Kompositionen manifestieren kann. Gerade sehr einfache Musik, wie Kinderlieder, nutzt immer wieder diese simplen Urformeln, da diese auch das erste sind, was Kinder spontan singen, egal ob sie jemanden verspotten wollen, ein Abzählverschen musikalisieren oder tanzen. Zur Pathetique: ein Akkord, c-moll, vollgriffig über zwei Oktaven in relativ tiefem Register kommt dort vor, und es ist vielleicht das prominenteste Beispiel dafür, daher kann man direkt weitersingen. Ebenso haben wir den Anfang von Für Elise so oft gehört, dass der Wechsel zwischen dis und e in der zweigestrichenen Oktave eben einfach gleich nach Für Elise klingt. Bei Beethoven ist das ohnehin faszinierend, weil er so kleine motivische Zellen (siehe 5. Symphonie) benutzte, die trotzdem so prägnant sind. Wenn man den Pathetique-Akkord aber auf der Orgel spielen würde, also ohne die Originalklangfarbe, bin ich mir sicher, dass niemand das richtige Stück assoziieren würde. Also ist es eben so, dass wir für die Erinnerung die Klangfarbe, die richtige Lage, die richtige Dynamik brauchen, in anderen Fällen auch den richtigen Rhythmus (dann muss die Dynamik übrigens nicht so beachtet werden, auch die Klangfarbe und die Lage nicht, weil dann eine prägnantere Gestalt vorhanden ist). Würde man den Anfang der Kleinen Nachtmusik auf dem Klavier spielen, im richtigen Rhythmus, aber drei Oktaven zu tief und pianissimo würde man es immer noch erkennen. Den Pathetique-Akkord hingegen, ganz hoch im diskant staccato und ganz leise, schon vorbei!
Herzliche Grüße S A T I E
Gamaheh (30.01.2007, 22:05): Lieber Satie,
herzlichen Dank für diese Antwort - ich wünschte, ich wüßte sie hinreichend zu würdigen!
Original von Satie es gibt natürlich musikalische Urformeln
Ist das untersucht, und sind das Universalien (kulturunabhängig)?
die Rufterz (kleine Terz)
Jetzt, wo Du es so nennst, fällt mir noch gleich "Figaro, Figaro" ein: Das ist vermutlich ein ganz typischer Fall?
Das ist sozusagen unser musikalisches Unterbewusstsein
Ah! Darüber würde ich gerne mehr wissen!
Gerade sehr einfache Musik, wie Kinderlieder, nutzt immer wieder diese simplen Urformeln, da diese auch das erste sind, was Kinder spontan singen, egal ob sie jemanden verspotten wollen, ein Abzählverschen musikalisieren oder tanzen.
Oder die Werbung? Mir fällt da gerade "Schneeee-kop-pe" ein. Übrigens ein Hexameter - womöglich gibt es da Parallelen in der klassischen Prosodie, aber die beruht ja auch auf Gesang.
Wenn man den Pathetique-Akkord aber auf der Orgel spielen würde, also ohne die Originalklangfarbe, bin ich mir sicher, dass niemand das richtige Stück assoziieren würde.
Das kann ich mir leider nicht vorstellen, wäre interessant, das auszuprobieren.
Also ist es eben so, dass wir für die Erinnerung die Klangfarbe, die richtige Lage, die richtige Dynamik brauchen, in anderen Fällen auch den richtigen Rhythmus (dann muss die Dynamik übrigens nicht so beachtet werden, auch die Klangfarbe und die Lage nicht, weil dann eine prägnantere Gestalt vorhanden ist).
Was genau verstehst Du unter Dynamik? Für mich ist z.B. der Rhythmus ein Teil der Dynamik, nur eben horizontal (zeitliche Frequenz), nicht vertikal wie die Tonhöhen bzw. deren Verteilung.
Würde man den Anfang der Kleinen Nachtmusik auf dem Klavier spielen, im richtigen Rhythmus, aber drei Oktaven zu tief und pianissimo würde man es immer noch erkennen.
Mit anderen Worten: Der Rhythmus ist prägnanter als alles andere?
Den Pathetique-Akkord hingegen, ganz hoch im diskant staccato und ganz leise, schon vorbei!
Ich weiß nicht, ob ich das glauben kann ... Man müßte es ausprobieren. Wie kann man denn einen Akkord staccato spielen? (Es scheint auf den ersten Blick eine contradictio in adiecto, aber da habe ich womöglich etwas nicht begriffen.)
Hat man zu all diesem Experimente gemacht?
Leider bin ich hier ziemlich abschweifig geworden - Entschuldigung!
Herzliche Grüße Gamaheh
nikolaus (30.01.2007, 23:06): in der Tat so charakteristisch, daß man schon beim ersten Akkord weiß, wie es weitergeht, worum es sich handelt (wenn man es kennt, natürlich)
Es geht sogar soweit, daß man Phrasen weiter"singen" kann, auch wenn man sie nicht unbedingt kennt. Das hat mit der Verarbeitung der Töne im Gehirn zu tun. Es gibt zu diesem Thema ein sehr interessantes, gar nicht trockenes Sachbuch, das ich zwar besitze, aber partout nicht finden kann, und dessen Titel mir leider auch nicht einfällt. (ich glaube, ich werde senil :() Sobald ich es gefunden habe, werde ich es vorstellen.l
äh, wie heiße ich noch gleich, Niklas, Nicole... ?(
ab (30.01.2007, 23:20): Original von Gamaheh Rebel ist großartig, sehr dramatisch ("Le Cahos")! Ich habe eine Aufnahme mit der Academy of Ancient Music (Hogwood).
die von Marc Minkowski (Erato) loben alle meine alte Musik-Freunde am meisten, aber die ist natürlich lange nicht so eingängig wie le Chaos, das Reinhard Goebe entfacht.
Gamaheh (30.01.2007, 23:34): Lieber wie auch immer,
Original von nikolaus Verarbeitung der Töne im Gehirn .... ... ich glaube, ich werde senil Join the club!
Sobald ich es gefunden habe, werde ich es vorstellen.l
Ich bitte sehr darum!
Grüße, Gamaheh
satie (31.01.2007, 00:15): Liebe Gamaheh, ganz kurz und bündig zu Deinen Fragen, bevor ich ins Bett falle und die Augen zu: Rufterz und Urformeln: ja, die sind weitgehend kulturunabhängig.
Dynamik: das ist nun mal besetzt mit der Lautstärke, wenn man in musikalischer Terminologie bleibt, daher würde ich den Begriff auch nur dafür verwenden. Das was Du meinst, würde ich eher unter Tempo oder Dichte einreihen, aber fallabhängig. Generell ist Rhythmus ein eigener Parameter, was manchmal sinnvoll ist, manchmal nicht.
Der Rhythmus ist nicht zwingend prägnanter als alles andere. Aber den Bolero von Ravel erkennt man auch am Schlagzeugrhythmus allein, an einer in unnatürlich immer gleichen Notenwerten gespielten Melodie aber nicht oder nicht unbedingt. Für Elise würde man am Rhythmus allein vielleicht gar nicht erkennen, die Wilhelm-Tell-Ouvertüre hingegen ziemlich sicher (das Reiterthema). Sagen wir es also so: wenn der Rhythmus tatsächlich prägnant ist, dann kann er zur Wiedererkennung genügen. Ist er aber gleichförmig, ist er natürlich nicht prägnant, dann müssen andere Parameter her. Dies Irae etwa wäre am Rhythmus zunächst von Alle meine Entchen nicht zu unterscheiden (die ersten fünf Notenwerte lang), an der Melodie aber natürlich sind beide sofort erkennbar.
Akkord und staccato: hier liegt wohl irgendein Missverständnis deinerseits vor. Also ein Akkord ist einmal einfach ein Zusammenklang (meist benutzen wir das Wort aber für Dreiklänge oder Vierklänge, also C-Dur-Akkord etc.). Staccato heisst kurz abgestoßen spielen. Das geht mit Akkorden genau wie mit Einzeltönen (wenn auch vielleicht nicht ganz so schnell hintereinander).
Die Sachen, die ich beschrieben habe wurden zur Genüge erforscht, und die Psychoakustik entdeckt da immer wieder neue Sachen (akustische Täuschungen und ähnliches). Die Urformeln sind gerade deswegen Urformeln, weil man sie in vielen Kulturen gefunden hat.