Musikalische Miniaturen

Florestan (05.03.2014, 21:53):
Neben den großen Werken mit langer Spieldauer gibt es eine ganze Reihe von kurzen Stücken, die deswegen nicht weniger reizvoll sind, sondern ganz im Gegenteil durch ihre Kürze einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Nach dem Motto „Auch kleine Dinge können uns entzücken“ wie es im italienischen Liederbuch heißt. Gelegentlich handelt es sich dabei auch um regelrechte „Ohrwürmer“, die einen lange nicht los lassen.
Im Gegensatz zu der Praxis vieler Rundfunkanstalten, ein „Häppchenprogramm“ mit Ausschnitten aus größeren Werken anzubieten, stehen die Werke, welche mir hier vorschweben, für sich allein, ohne einen größeren Zusammenhang. Ich bin mir sicher, dass es bei den meisten hier im Forum solche Favoriten gibt, die immer wieder gerne aufgelegt werden.
Es wäre daher interessant zu erfahren, welches die Lieblingsstücke sind und warum das so ist. Als Einstieg fange ich gleich mal mit ein paar meiner immer wieder gern gehörten Miniaturen an.
Bestimmte Gattungen fallen per se in diese Kategorie Musik, weil sie auf Kürze angelegt sind. So z.B. Lieder für Klavier und Singstimme.

• „Sea fever“ von John Ireland nach einem Gedicht von John Masefield
Ireland hat eine größere Menge von Liedern geschrieben, die sich teilweise am sog. Volkston orientieren, deren Ursprung also auf traditionelle Musik aus Gross Britannien zurückgeht. Gelegentlich wird diese Anlehnung jedoch auch künstlich erzeugt, das heißt wir meinen eine Art Volkslied zu hören, welches aber in Wahrheit eine komplette Eigenschöpfung ist. Das könnte auch für dieses Lied gelten. Es besteht aus drei Strophen, die in der Abfolge leicht verändert werden. Inhaltlich geht es um das Bekenntnis des in diesem Lied sprechenden zur See, seinen Gefahren und seiner Faszination.

• „Hotel“ von Francis Poulenc nach einem Gedicht von Guillaume Apollinaire
Der Tonfall dieses Liedes ist, ganz passend zu dem Dichter der Verse, lakonisch gehalten. Es geht um eine Person die am Fenster eines Hotelzimmers steht und die Eindrücke dabei schildert. Die Grundaussage wird mit dem Bekenntnis beschrieben „ich möchte nichts arbeiten, sondern rauchen“. Musikalisch ist dieses Lied ein wahres Kleinod. Der Duktus ist gemächlich und die Harmonien sind apart. Wenn es einen musikalischen Impressionismus gibt (was gelegentlich bestritten wird), dann verkörpert dieses Lied ihn in Reinkultur.

• „Auf der Bruck“ von Franz Schubert nach einem Gedicht von Ernst Schulze
Dies ein Lied mit den für Schubert so typischen wandernden Harmonien. Es finden auf engstem Raum ständige harmonische Veränderungen statt, obwohl der Gesang sich in einem eher engen tonalen Schema bewegt. Die treibende Kraft ist hier das Klavier. Dadurch entsteht eine Ruhelosigkeit, die auch beabsichtigt ist, denn es geht in dem Lied um die Sehnsucht nach der Liebsten der in rastloser Reise entgegengefiebert wird. Wenn man dieses Lied ein oder zwei Mal gehört hat lässt es einen nie mehr los.

• „Perels“ von Lodewijk Mortelmans nach einem Gedicht von Guido Gezelle
Dieser Komponist dürfte sicher den wenigsten bekannt sein, und auch ich habe ihn gerade erst entdeckt. Dieses Lied hingegen ist schon mehrfach aufgenommen worden. Es besingt die Blüten an einem Birnbaum die wie Perlen anmuten. Harmonisch ist das Werk sehr raffiniert aufgebaut, und von einer durchgehenden Bewegung. So wünsche ich mir ein perfekt gearbeitetes Werk.

Neben Liedern, und hier könnte ich noch Dutzende anführen, sind es häufig auch Klavierstücke die durch ihre Kürze bestechen.

• Toccata von Leopold Godowsky
Leider wird Godowsky von den Pianisten gemieden, obwohl er auf Grund der Tatsache, dass er selber ein bedeutender Pianist war, sehr dankbare Pianistenmusik geschrieben hat. Einiges hingegen ist jedoch teuflisch schwer. Diese kurze Toccata mit einer gleichmäßig raschen Bewegung würde ich als mittelschwer bezeichnen. Aber es braucht zur gelungenen Darstellung schon einiges an Raffinesse und Gestaltungsmöglichkeiten.

Auch bei den Werken für Orchester gibt es unzählige kurze Stücke. Hier ein Beispiel aus meiner Favoritenkiste.

• „Der verzauberte See“ von Anatoly Lyadow
Lyadow hat relativ wenig Musik für Orchester geschrieben, sein Instrument war das Klavier. Dieses relativ kurze Stück ist eine Impression von einem einsam gelegenen See, von dem man meint Nebel aufsteigen zu sehen (eher zu hören). Wenn man einen anstrengenden Tag gehabt hat, ist dies eine perfekte Entspannung bzw. Entschleunigung.

Florestan
Amadé (06.03.2014, 09:00):
Hallo Florestan,

neue Ideen sind immer willkommen!

Ich habe jetzt nicht lange nachgedacht und nenne einfach spontan folgende Stücke:

Carl Loewe: Hinkende Jamben, eine köstliche Miniatur, toll wie Loewe den Mörike-Text umsetzt!

Chopin: Fantasie-Impromptu cis-moll op.66, wie aus dem Stegreif erfunden.

Schubert: Am Flusse D. 766 - 2.Vertonung, Goethes Miniatur in 33 Takten meisterlich geformt.

Gruß Amadé
satie (06.03.2014, 12:55):
Original von Amadé
Chopin: Fantasie-Impromptu cis-moll op.66, wie aus dem Stegreif erfunden.


Also, wenn einer so was aus dem Stegreif hinkriegt, dann Chapeau...
Ich darf die Frage in den Raum werfen, wann in unserer abendländischen Kultur die Miniatur Miniatur ist. Verglichen mit der indischen Musik haben wir ja fast nur Miniaturen, was die zeitliche Dimension betrifft. Das Charakterstück, das Prelude, das Albumblatt sind alles Stücke, die maximal 5 Minuten dauern.
Insofern möchte ich tatsächlich auch in diesem Kontext als Miniaturen zu verstehenden Stücken das Augenmerk schenken, beispielsweise Beethovens Bagatellen, vor allem Op. 119 mit der in 10 Sekunden spielbaren Nr. 10!
Meisterlich ebenso die Bagatellen von Webern für Streichuartett. Überhaupt besteht Weberns gesamtes Oeuvre aus Prinzip nur aus Miniaturen.
Mehr folgt.

Herzlich,
Satie
Florestan (06.03.2014, 13:13):
Original von Satie

Überhaupt besteht Weberns gesamtes Oeuvre aus Prinzip nur aus Miniaturen.

Herzlich,
Satie

Hallo Satie

Das Beispiel Webern zeigt exemplarisch, das man auch ohne Weitschweifigkeit auskommt. Diese Werke sind gleichsam die Reduktion auf das Wesentliche. Besonders deutlich wird das in seinen Orchesterstücken op.6. Das ist wie bei einem guten Menu, wo alles Überflüssige weggelassen wurde umd das pure Geschmackserlebnis zu erreichen.
Der Verweis auf die indischen Ragas ist natürlich berechtigt und zeigt wie unterschiedlich die Kulturen mit dem Erschaffen von Musik vorgegangen sind. Aber der Unterschied liegt wohl in der Anlage, das nämlich indische Musik improvisiert und aus dem Augenblick geboren ist, wohingegen die europäische Kunstmusik kalkulierter ist und in aller Regel notiert wurde. Nicht ganz von ungefähr ist einer der Komponisten mit den längsten Einzelwerken indischen Ursprungs, nämlich Sorabji. Sein opus clavicembalisticum dauert annähernd 4 Stunden.
Hier geht die Jazzmusik einen ähnlichen Weg, wie z.B. die langen Improvisationen eines Keith Jarrett.
Aber wir wollten ja über Miniaturen sprechen ..

Herzliche Grüße Florestan
AdrianTuttisolo (18.03.2014, 09:54):
Hallo,

unter Miniatur ein sehr kurzes Stück zu verstehen, das u.U. nur wenige Sekunden dauern kann, vereinfacht die Begriffsdefinition.
Webern, ja: Nichts lässt sich vermissen, die bereits angesprochene Reduktion aufs Wesentliche lässt dieses Wesentliche sich erst als Wesentliches erkennen. Denn: in welcher Musik vor und während Webern wird dem Einzelton solch eine Bedeutungshoheit zugeschrieben? Natürlich ist er hier noch in Beziehungsgefüge zu anderen Tönen eingebunden, die mithin motivischen Charakters sind. Dennoch gleicht diese Reduktion, die die konzentrierte Wahrnehmung auf das Kleine, zuvor Unscheinbare lenkt, dem Betrachten eines Objektes unter einem Mikoskop, das nur so in seiner eigentümlichen Schönheit erfahrbar zu werden vermag. Dies ist Weberns Verdienst. Und obgleich die Stücke sehr kurz sind, so sind sie doch nicht weniger gehaltvoll als halbstündige mahlersche Sinfoniesätze. Die Reduktion ist keine monistische, die sich etüdenhaft auf nur ein materiales Ingrediens konzentriert, nein, sie ist eine, die ausreichend Material in engsten Beziehungsgeflechten verarbeitet, somit alles komprimiert, nichts aussondert. Natürlich denke ich hier insbesondere an seine mittlere Schaffensperiode.
miclibs (18.03.2014, 20:42):
Kurtag ist ja musikalisch von Webern auch nicht so weit weg.... :)

György Kurtag - Mikroludien für Streichquartett op. 13 Hommage à Mihály András Nr. 1-12
01. Hommage à Mihály András - 12 Microludes for String Quartet, Op.13 - 1.
0:58
02. Hommage à Mihály András - 12 Microludes for String Quartet, Op.13 - 2.
0:27
03. Hommage à Mihály András - 12 Microludes for String Quartet, Op.13 - 3.
0:27
04. Hommage à Mihály András - 12 Microludes for String Quartet, Op.13 - 4.
--0:17
05. Hommage à Mihály András - 12 Microludes for String Quartet, Op.13 - 5.
--2:13
06. Hommage à Mihály András - 12 Microludes for String Quartet, Op.13 - 6.
1:18
07. Hommage à Mihály András - 12 Microludes for String Quartet, Op.13 - 7.
-0:52
08. Hommage à Mihály András - 12 Microludes for String Quartet, Op.13 - 8.
0:19
09. Hommage à Mihály András - 12 Microludes for String Quartet, Op.13 - 9.
--0:48
10. Hommage à Mihály András - 12 Microludes for String Quartet, Op.13 - 10.
--0:41
11. Hommage à Mihály András - 12 Microludes for String Quartet, Op.13 - 11.
--1:23
12. Hommage à Mihály András - 12 Microludes for String Quartet, Op.13 - 12.
- 0:43

Maxwell Quartet mit Kurtag passend zum schönem Hintergrund (Argyllshire, Scotland)
Florestan (25.03.2014, 08:44):
Ein besonderes Kuriosum im Bereich der Miniaturen stellt der tschechische Komponist Zdenek Fibich mit seiner Sammlung "Stimmungen, Eindrücke und Erinnerungen" dar. Diese umfasst insgesamt 355! einzelne Klavierstücke, die meistens nur 1-2 Minuten lang sind. Ein großer Teil dieser Sammlung geht auf die Zuneigung Fibichs für seine Schülerin Anezka Schulzova zurück. Ihr sind auch die meisten Stücke gewidmet, wenn auch nicht offiziell, denn Fibich war zu der Zeit ja mit einer anderen verheiratet.
Der tschechische Pianist Marian Lapsansky hat es vor vielen Jahren unternommen, für Supraphon alle Stücke auf 12 CDs einzuspielen. Die Aufnahmen sind aber schon lange aus dem Katalog verschwunden und nur noch antiquarisch zu erhalten.
Der Interpret hat hier in aller Regel keine grossen Herausforderungen zu bestehen. Die Musik verlangt solides Handwerk und die Fähigkeit, diesen Miniaturen eine angemessene Stimmung zu verleihen. Wenn man zwischendurch mal hineinhört wird man allerdings eine Fülle von schönen Einfällen vernehmen. Auch für einen Hobby-Pianisten bietet die Sammlung eine lohnende Beschäftigung.
Mir ist in der Klavierliteratur nichts vergleichbares bekannt.

LG Florestan