Manfred (24.08.2007, 21:00): Original von Satie man kann sehr wohl sagen, es ist objektiv falsch, wenn jemand falsche Töne spielt oder falsch intoniert, wenn jemand die in der Partitur sehenden Tempi nict beachtet (besonders dort, wo sie als Metronomzal stehen, wenn jemand ein Forte definitiv nicht laut genug spielt (etwa, wenn es sich einfach gar nicht vom Piano unterscheiden lässt). Zum ersten Punkt gehört auch mangelhaftes Zusammenspiel: Die Stimmen laufen auseinander, und das, was in der Partitur untereinander notiert ist, erklingt nicht gleichzeitig.
Im zweiten Punkt geht es um die Erfüllung bzw. Nichterfüllung dessen, was der Komponist in der Partitur fixiert hat. Das sind Tempo, Dynamik, Betonungen (sforzato), Artikulation (legato, non-legato, staccato usw.) und auch Verzierungen. Der Pianist Michael Korstick hat unlängst in einem Interview sinngemäß gesagt: Die Interpretation darf eigentlich erst dann beginnen, wenn man all das erfüllt hat, was der Komponist vorgeschrieben hat.
Aber: auch hier ist eine subjektive Sache, ob man der Meinung ist, diese Aspekte seien zugunsten der Interpretation zu vernachlässigen oder nicht. Hier geht es darum, wie man die Rolle des Interpreten sieht: Ist er sozusagen Diener des Komponisten oder ist er ein gleichberechtigter Nachschöpfer?
Wenn etwa Benedetti Michelangeli damals im italienischen Fernsehen die Cathedrale Engloutie mit saftigem Fortissimo begann, so ist das eigentlich objektiv falsch und zwar völlig, denn das Stück soll leise anfangen. Ob man aber jenen Versuch, das ganze zu "ent-impressionisieren" als dennoch notwendig empfindet angesichts einer vielleicht gar modischen Verzärtelung jener Art von Musik, das muss wohl wieder subjektiv bleiben. Was bleibt von impressionistischer Musik, wenn man sie "ent-impressionisiert"? Debussy wollte ja mit der Musik etwas Bestimmtes beschreiben, und ein Fortissimo widerspricht dieser Beschreibung. Für mich wäre das objektiv falsch.
Viele Grüße, Manfred
Manfred (24.08.2007, 21:13): Original von cellodil Zudem scheint mir im übrigen nicht so sehr der Mangel an Objektivität das Problem zu sein, sondern die uneingestandene (und - gewissermaßen und vielleicht ja auch zum Glück - unvermeidliche) Subjektivität. Genau das ist es: die uneingestandene Subjektivität.
Meiner Meinung nach bleibt sie aus zwei Gründen uneingestanden: Objektivität hat in unserer Gesellschaft einen höheren Stellenwert, und wer Subjektivität eingesteht, macht sich als Person angreifbar und damit auch verletzbar (obwohl ein subjektiver Eindruck ja im Grunde genommen niemals "falsch" sein kann). Deshalb versteckt man sich lieber hinter pseudo-objektiven Formulierungen, statt schlicht und einfach zu sagen: Es gefällt mir nicht.
Viele Grüße, Manfred
cellodil (25.08.2007, 00:31): Original von Manfred ... wer Subjektivität eingesteht, macht sich als Person angreifbar und damit auch verletzbar (obwohl ein subjektiver Eindruck ja im Grunde genommen niemals "falsch" sein kann). Deshalb versteckt man sich lieber hinter pseudo-objektiven Formulierungen...
Lieber Manfred,
da kann ich Dir eigentlich nur zustimmen.
Ich denke, dass das Eingeständnis von Subjektivität auch deshalb nicht leicht ist, weil dies unter Umständen eben auch bedeutet, dass man auch ertragen muss, dass verschiedene Bewertungen gleichberechtigt nebeneinander stehen können. Dass etwas so oder so betrachtet werden kann, ohne dass das eine richtig und das andere falsch wäre. Dass es keine Eindeutigkeit, keine letzte Gewissheit gibt. Oder auch, dass ich bereit bin, mich selbst (und meine Einschätzung und das, was dieser womöglich an Überzeugungen und Werturteilen zugrunde liegt) zu hinterfragen.
Auf der anderen Seite macht aber genau das alles erst einen wirklichen Diskurs möglich (jedenfalls meiner Meinung nach :D )
Herzliche Grüße
Sabine
satie (25.08.2007, 00:59): Es ist dies sicherlich auch ein kulturelles Problem. In den USA etwa wäre es ganz normal, dass man unterschiedliche Meinungen sammelt und einfach quatscht, ohne zu irgend einem Ergebnis kommen zu müssen. In Japan hingegen äußert man für gewöhnlich gar keine Meinung (zumindest nicht über Kompositionen, so habe ich mir von Peter Gahn, einem lange in Japan lebenden Komponisten, sagen lassen). Bei uns ist das Problem auch, dass wir immer irgend etwas beweisen müssen. Wir haben generell zuerst die These, diese muss dann mit welchen Mitteln auch immer verifiziert werden. Hierzu suchen wir nach dem Objektiven. Ich habe aber bereits (hoffentlich) klar gemacht, dass das Objektive nur im eindeutig oder wenigstens ziemlich eindeutig fixierbaren besteht und selbst dann noch anzweifelbar sein kann. Wenn wir eine Meinung haben, müssen wir diese für gewöhnlich begründen können, und zwar plausibel. Ansonsten wird sehr schnell abgewunken. Warum eigentlich müssen wir alles benennen? Und warum wundern wir uns immer darüber, dass wir das Nicht-Benennbare eben nicht benennen können? Andererseits: es kann genau so ermüdend sein, wenn wir nur Meinung gegen Meinung stellen und sie gelten lassen. Wünschenswert wäre also wie so oft ein Mittelweg, der mindestens so subjektiv wie begründbar sein kann (ich persönlich würde den Begriff "objektiv" im Grunde gar nicht verwenden, wenn es nicht sein muss). Es gibt Momente, wo die Begründbarkeit einfach ihre Grenzen hat, wo es nichts mehr gibt, woran man etwas fest machen kann und wo jeder Versuch so hilflos wirkt, wie ein Philosoph es ausdrückte, als "wollte man einen Pudding an die Wand nageln". Andererseits gibt es eben so oft den Fall, dass etwas scheinbar rein gefühlsmäßig subjektives durchaus noch weit präzisiert und fassbar gemacht werden kann. Enmtscheidend ist also, selbst hierüber zu reflektieren und so zu genaueren un ausführlicheren Beschreibungen zu finden. Es ist wie der berühmte Streit der Physiker von dem (wenn ich mich recht erinnere) John Locke brichtete: Es ging darum, ob durch den menschlichen Körper ein "Liquor" fließe. Auf diese Fragestellung hin bildeten sich sofort zwei opponierende Lager, von denen die einen eben meinten, das sei Blödsinn, die anderen es zwingend bejahten. Kurz vor Mord und Totschlag kam dann einer der weitsichtigeren auf die Idee, der Fragesteller solle doch einmal beschreiben, was er eigentlich mit diesem "Liquor" meinte. Nach der Definition waren sich plötzlich so ziemlich alle einig, dass durchaus so etwas durch den Körper fließe. Die einen atten darunter wörtlich eine Art Schnaps verstanden, die anderen etwas, das so warm, aber unfassbar den Körper mit Energie versorgt, wie es etwa der Alkohol tut. Ist es nicht oft auch so, dass wir über solche Dinge stolpern und einfach nicht klar genug ist, was eigentlich gemeint war? Hier im Beispiel ist es das subjektive Verständnis von etwas, das man objektiv anders verstehen müsste (Liquor ist nunmal Schnaps und nichts weiter). Eine Metapher eben. Aber so poetisch sind die meisten Kritker ja ohnehin nicht...
Gute Nacht, euer S A T I E
cellodil (25.08.2007, 01:43): Original von Satie Hierzu suchen wir nach dem Objektiven. Ich habe aber bereits (hoffentlich) klar gemacht, dass das Objektive nur im eindeutig oder wenigstens ziemlich eindeutig fixierbaren besteht und selbst dann noch anzweifelbar sein kann.
Ich dachte, so weit wären wir uns einig gewesen... Oder hatte ich da was missverstanden... ?(
Original von Satie Warum eigentlich müssen wir alles benennen?
Etwas ins Unreine gesagt: Ich denke, dass das etwas damit zu tun hat, dass wir uns durch das Benennen der Welt bemächtigen (wollen).
Original von Satie Und warum wundern wir uns immer darüber, dass wir das Nicht-Benennbare eben nicht benennen können?
... siehe oben. Ich würde mich zu der Hypothese aufschwingen, dass das mit Ohnmachtsgefühlen und mit Begrenztheit zu tun hat.
Original von Satie es kann genau so ermüdend sein, wenn wir nur Meinung gegen Meinung stellen und sie gelten lassen.
... da hatte ich mich wohl wirklich missverständlich ausgedrückt X(
Ich meinte damit nicht:
A: Ich finde das besch***
B: Für mich ist das grandios.
... und aus die Maus.
Sondern ich bin schon davon ausgegangen, dass die subjektive Einschätzung mit (zumindest) dem Versuch, deren Ursachen zu benennen und - womöglich auch - einer Reflexion und des Bewusstmachens von Überzeugungen und Werturteilen, die in eine Einschätzung (wie scheinbar objektiv sie auch immer daherkommen mag) einfließen, einhergehen sollte.
Original von Satie Wünschenswert wäre also wie so oft ein Mittelweg, der mindestens so subjektiv wie begründbar sein kann (ich persönlich würde den Begriff "objektiv" im Grunde gar nicht verwenden, wenn es nicht sein muss). Es gibt Momente, wo die Begründbarkeit einfach ihre Grenzen hat, wo es nichts mehr gibt, woran man etwas fest machen kann und wo jeder Versuch so hilflos wirkt, wie ein Philosoph es ausdrückte, als "wollte man einen Pudding an die Wand nageln". Andererseits gibt es eben so oft den Fall, dass etwas scheinbar rein gefühlsmäßig subjektives durchaus noch weit präzisiert und fassbar gemacht werden kann. Enmtscheidend ist also, selbst hierüber zu reflektieren und so zu genaueren un ausführlicheren Beschreibungen zu finden.
That's it!
:thanks und :beer
und auch Dir jetzt eine gute Nacht
und herzliche Grüße
Sabine
Manfred (25.08.2007, 10:59): Original von cellodil Ich denke, dass das Eingeständnis von Subjektivität auch deshalb nicht leicht ist, weil dies unter Umständen eben auch bedeutet, dass man auch ertragen muss, dass verschiedene Bewertungen gleichberechtigt nebeneinander stehen können. Dass etwas so oder so betrachtet werden kann, ohne dass das eine richtig und das andere falsch wäre. Dass es keine Eindeutigkeit, keine letzte Gewissheit gibt. Hallo Sabine,
genau, und daraus sollte sich doch eine gewisse Toleranz gegenüber dem Anders-Empfindenden und Anders-Denkenden ergeben. Eine Interpretation kann mich völlig begeistern, und ich kann vielleicht sogar ein paar Gründe für diese Begeisterung nennen - trotzdem läßt diese Interpretation jemand anderen völlig unberührt. Das bedeutet dann aber nicht, daß meine Begeisterung "falsch" war oder daß der andere ein schlechtes Gewissen haben muß, weil ihn diese Interpretation überhaupt nicht berührt.
Diese Toleranz (aus der Einsicht heraus, daß es bei Musik keine Eindeutigkeit, keine letzte Gewißheit geben kann) vermisse ich mitunter in anderen Klassikforen, wo ich gelegentlich mitlese. Da wird der eigene Favorit mit allen Mitteln (auch unfairen) verteidigt - warum eigentlich? Aus Angst, den eigenen Standpunkt in Frage stellen zu müssen?
Viele Grüße, Manfred
Manfred (25.08.2007, 11:38): Original von Satie Es ist dies sicherlich auch ein kulturelles Problem. In den USA etwa wäre es ganz normal, dass man unterschiedliche Meinungen sammelt und einfach quatscht, ohne zu irgend einem Ergebnis kommen zu müssen. Hallo Satie,
diese Beobachtung habe ich auch gemacht, und zwar in englischsprachigen Klassikforen: Da steht eine Sichtweise neben der anderen, und kaum jemand versucht, den anderen von der eigenen Sichtweise zu überzeugen. Der besondere Reiz besteht hier in der Vielfalt der Meinungen, die gleichberechtigt nebeneinander stehen.
Damit hängt eine andere Beobachtung zusammen, die ich dort gemacht habe: Es wird sehr viel über die Musikstücke selbst, aber eher wenig über deren Interpretation diskutiert. Deswegen werden in einem Thread mit dem Thema "Was hörst Du gerade" einfach nur die Werke genannt, also beispielsweise "Bruckners Zweite" und nicht "Bruckners Zweite mit dem Concertgebouw-Orchester unter der Leitung von Bernard Haitink aus dem Jahr 1969". Wenn viele Meinungen nebeneinander stehen können, kommt der Interpretation offenbar kein so hoher Stellenwert zu wie bei uns.
Bei uns ist das Problem auch, dass wir immer irgend etwas beweisen müssen. Wir haben generell zuerst die These, diese muss dann mit welchen Mitteln auch immer verifiziert werden. Hierzu suchen wir nach dem Objektiven. Ich habe aber bereits (hoffentlich) klar gemacht, dass das Objektive nur im eindeutig oder wenigstens ziemlich eindeutig fixierbaren besteht und selbst dann noch anzweifelbar sein kann. Ich habe den Eindruck, daß in unserer Gesellschaft die Wissenschaft zu einer Art Ersatzreligion geworden ist(was die Wissenschaftler von sich geben, wird weitgehend kritiklos geglaubt, auch wenn es sich später als Unsinn herausstellt), und damit kommt natürlich auch der wissenschaftlichen Denkweise ein hoher Stellenwert zu. Diese Denkweise hat ja zweifellos zu Erfolgen geführt, aber ist sie deswegen in allen Lebensbereichen und auch in der Kunst uneingeschränkt anwendbar und erfolgversprechend?
Wenn wir eine Meinung haben, müssen wir diese für gewöhnlich begründen können, und zwar plausibel. Ansonsten wird sehr schnell abgewunken. Warum eigentlich müssen wir alles benennen? Und warum wundern wir uns immer darüber, dass wir das Nicht-Benennbare eben nicht benennen können? Hierzu fällt mir ein Ausspruch von Debussy ein (ich hoffe, ich zitiere ihn aus dem Gedächtnis halbwegs richtig): "Woher kommen die Akkorde, wohin gehen sie? Müssen wir das so genau wissen? Hört einfach zu, das genügt!" Das bedeutet: Man kommt der Musik (und speziell der impressionistischen) nicht unbedingt näher, wenn man versucht, sie in ihre Bestandteile zu zerlegen und die Beziehung der Bestandteile untereinander zu untersuchen. Dem Subjektiven wird ein sehr hoher Stellenwert eingeräumt, und das widerstrebt unserem Denken.
Wünschenswert wäre also wie so oft ein Mittelweg, der mindestens so subjektiv wie begründbar sein kann (ich persönlich würde den Begriff "objektiv" im Grunde gar nicht verwenden, wenn es nicht sein muss). Es gibt Momente, wo die Begründbarkeit einfach ihre Grenzen hat, wo es nichts mehr gibt, woran man etwas fest machen kann und wo jeder Versuch so hilflos wirkt, wie ein Philosoph es ausdrückte, als "wollte man einen Pudding an die Wand nageln". Andererseits gibt es eben so oft den Fall, dass etwas scheinbar rein gefühlsmäßig subjektives durchaus noch weit präzisiert und fassbar gemacht werden kann. Entscheidend ist also, selbst hierüber zu reflektieren und so zu genaueren und ausführlicheren Beschreibungen zu finden. Da kann ich nur voll und ganz zustimmen!
Viele Grüße, Manfred
cellodil (27.08.2007, 09:20): Lieber Manfred,
Original von Manfred Ich habe den Eindruck, daß in unserer Gesellschaft die Wissenschaft zu einer Art Ersatzreligion geworden ist(was die Wissenschaftler von sich geben, wird weitgehend kritiklos geglaubt, auch wenn es sich später als Unsinn herausstellt), und damit kommt natürlich auch der wissenschaftlichen Denkweise ein hoher Stellenwert zu.
Mit Wissenschaft meinst Du an dieser Stelle wohl die Naturwissenschaften, oder? Für die Geisteswissenschaften gilt dies ja (leider) nicht in demselben Maße.
Original von Manfred Original von Satie Wenn wir eine Meinung haben, müssen wir diese für gewöhnlich begründen können, und zwar plausibel. Ansonsten wird sehr schnell abgewunken. Warum eigentlich müssen wir alles benennen? Und warum wundern wir uns immer darüber, dass wir das Nicht-Benennbare eben nicht benennen können?
Hierzu fällt mir ein Ausspruch von Debussy ein (ich hoffe, ich zitiere ihn aus dem Gedächtnis halbwegs richtig): "Woher kommen die Akkorde, wohin gehen sie? Müssen wir das so genau wissen? Hört einfach zu, das genügt!" Das bedeutet: Man kommt der Musik (und speziell der impressionistischen) nicht unbedingt näher, wenn man versucht, sie in ihre Bestandteile zu zerlegen und die Beziehung der Bestandteile untereinander zu untersuchen.
Ich denke, die strukturalistische oder post-strukturalistische Annäherung kann zwar manchmal durchaus erhellende Momente mit sich bringen, das Problem ist allerdings (und dies gilt nicht nur für die Musik), das man dabei Gefahr läuft, das große Ganze aus den Augen zu verlieren.
Mir kommt das immer ein bisschen so vor, als wenn man etwas zuerst mit dem Hammer zerdeppert, dann jede Scherbe unter bestimmten Fragestellungen genauestens untersucht, aber vergisst, dass die ganzen Scherben eigentlich zu einem Insgesamt verbunden waren... Meiner Meinung nach ist das Ganze immer mehr als die Summe seiner Teile und deshalb kann ein solcher Ansatz dem Gegenstand nicht wirklich oder nur bedingt gerecht werden.
Original von Manfred Dem Subjektiven wird ein sehr hoher Stellenwert eingeräumt, und das widerstrebt unserem Denken.
Meinst Du, dass das Subjektive unserem Denken widerstrebt? Ich würde sagen, dass Denken doch etwas Subjekthaftes ist...
Herzliche Grüße
Sabine
Manfred (27.08.2007, 22:38): Original von cellodil Mit Wissenschaft meinst Du an dieser Stelle wohl die Naturwissenschaften, oder? Für die Geisteswissenschaften gilt dies ja (leider) nicht in demselben Maße. Hallo Sabine,
genau, ich meinte die Naturwissenschaften.
Ich denke, die strukturalistische oder post-strukturalistische Annäherung kann zwar manchmal durchaus erhellende Momente mit sich bringen, das Problem ist allerdings (und dies gilt nicht nur für die Musik), das man dabei Gefahr läuft, das große Ganze aus den Augen zu verlieren. Ich erinnere mich an eine Musikstunde während meiner Schulzeit, wo wir mit der Partitur in der Hand den ersten Satz der "Kleinen Nachtmusik" analysierten - als Muster für die Sonatensatzform mit Exposition - Durchführung - Reprise - Coda. Das ging dann noch weiter ins Detail: Wie sind die Themen aufgebaut, wie kontrastieren sie und so weiter. Das war spannend, im Laufe der Stunde machte sich aber auch ein gewisses Unbehagen breit, das sich dann in dem Wunsch einer Mitschülerin äußerte, den Satz zum Schluß der Stunde noch einmal als Ganzes zu hören und die Teile sozusagen wieder zusammenzusetzen.
Es hängt von der Musik ab, wie weit man sich ihr dadurch annähern kann. Bei Bach gelingt das sicher besser als bei Debussy.
Meiner Meinung nach ist das Ganze immer mehr als die Summe seiner Teile und deshalb kann ein solcher Ansatz dem Gegenstand nicht wirklich oder nur bedingt gerecht werden. Das sehe ich ganz genauso.
Meinst Du, dass das Subjektive unserem Denken widerstrebt? Ich würde sagen, dass Denken doch etwas Subjekthaftes ist... Das Denken zielt auf Verallgemeinerung, auf Abstraktion, auf beweis- und begründbare Ergebnisse. Ein Eindruck, eine Impression, die möglicherweise nur ich und sonst niemand hat, kann weder verallgemeinert noch bewiesen noch begründet werden - warum sollte sie auch? Das Ergebnis ist der Eindruck selbst, Handlung und Ziel sind sozusagen eins. Man tut ja normalerweise etwas Bestimmtes nicht um des Tuns willen, sondern um etwas damit zu erreichen - das ist das typische Verhaltensmuster in unserer Kultur. Dabei bietet gerade das Musikhören eine wunderbare Möglichkeit, sich von diesem Muster zu lösen und einfach nur um des Hörens willen zu hören. Und das - damit komme ich wieder zum ursprünglichen Thema - gelingt niemals aus einer überkritischen Haltung heraus.
Angenehme Nachtruhe allerseits, Manfred
cellodil (27.08.2007, 22:51): Original von Manfred Dabei bietet gerade das Musikhören eine wunderbare Möglichkeit, sich von diesem Muster zu lösen und einfach nur um des Hörens willen zu hören.
:beer und auch Dir eine gute Nacht
Beste Grüße
Sabine
Manfred (23.08.2007, 20:07): Hallo zusammen,
in einem anderen Thread kam eine Diskussion über Musikkritik auf - ich denke, das ist ein Thema, bei dem sich ein eigener Thread lohnt.
Eröffnen möchte ich diesen Thread mit zwei Zitaten eines Musikers, die zwar schon über 250 Jahre alt sind, aber meiner Meinung nach nichts an Aktualität verloren haben:
Ich glaube, daß mir nun ein jeder einräumen wird, daß zur richtigen und billigen Beurteilung eines musikalischen Stücks nicht wenig Einsicht, sondern fast der höchste Grad der musikalischen Wissenschaft erfordert werde; daß weit mehr dazu gehöre, als nur selbst etwas singen oder spielen zu können; daß man folglich, wenn man beurteilen will, um die Kenntnis derjenigen Regeln bemüht sein müsse, welche die Vernunft, der gute Geschmack und die Kunst an die Hand geben. Es wird mir weiter hoffentlich niemand abstreiten wollen, daß, weil nicht ein jeder, der sich doch nicht selten zu einem Beurteiler der Musik aufwirft, mit dieser Erkenntnis ausgerüstet ist, folglich dadurch der Musik, den Tonkünstlern und den Liebhabern der Musik, welche dadurch in einer beständigen Ungewißheit erhalten werden, großer Nachteil erwachsen müsse.
Überhaupt wird die Billigkeit nicht leicht überschritten werden, wenn man, anstatt von einem Musikus oder einem Stücke zu sagen: es tauget nichts, nur sagen wollte: es gefällt mir nicht. Das letztere hat ein jeder Macht zu sagen, weil man niemanden zwingen kann, daß ihm eine Sache gefallen müsse. Das erstere aber sollte man billig nur den wirklichen Musikverständigen, welche allenfalls den Grund ihres Urteils zu beweisen schuldig sind, allein überlassen.
Interessant finde ich, daß im zweiten Zitat sehr genau zwischen subjektivem Urteil ("Es gefällt mir nicht") und objektivem Urteil ("Es taugt nichts") unterschieden wird. Die Meßlatte für jemanden, der objektiv (also begründbar und nachweisbar) urteilen will, wird im ersten Zitat sehr hoch gelegt.
Hier tun sich einige Fragen auf:
Kann es überhaupt ein objektives Urteil geben, und wenn ja, wo sind seine Grenzen? Was kann bei Musik objektiv beurteilt werden und was nicht?
Ist ein Urteil immer subjektiv zu sehen, auch wenn es als objektive Tatsache formuliert ist? Ist die Aussage "Aufnahme X ist schlecht, Aufnahme Y ist viel besser" gleichbedeutend mit "Aufnahme X gefällt mir nicht, Aufnahme Y spricht mich viel mehr an"?
Ist das Recht, ein objektives Urteil abzugeben, unabhängig von der musikalischen Bildung des Urteilenden?
Viele Grüße, Manfred
satie (23.08.2007, 20:32): Lieber Manfred,
schön, dass jetzt die grundsätzlichen Fragen kommen. Nach der Frage nach dem Subjektiven und Objektiven denke ich, dass man sogar hier streiten kann, obwohl es quasi logisch schon objektive Kriterien gibt: man kann sehr wohl sagen, es ist objektiv falsch, wenn jemand falsche Töne spielt oder falsch intoniert, wenn jemand die in der Partitur sehenden Tempi nict beachtet (besonders dort, wo sie als Metronomzal stehen, wenn jemand ein Forte definitiv nicht laut genug spielt (etwa, wenn es sich einfach gar nicht vom Piano unterscheiden lässt). Aber: auch hier ist eine subjektive Sache, ob man der Meinung ist, diese Aspekte seien zugunsten der Interpretation zu vernachlässigen oder nicht. Wenn etwa Benedetti Michelangeli damals im italienischen Fernsehen die Cathedrale Engloutie mit saftigem Fortissimo begann, so ist das eigentlich objektiv falsch und zwar völlig, denn das Stück soll leise anfangen. Ob man aber jenen Versuch, das ganze zu "ent-impressionisieren" als dennoch notwendig empfindet angesichts einer vielleicht gar modischen Verzärtelung jener Art von Musik, das muss wohl wieder subjektiv bleiben. Was den "wirklich Musikverständigen" betrifft, so muss der ja auch noch gebacken werden, denn was ist schon wahres Musikverständnis? Hierzu muss man entweder allgemeingültige Regeln haben oder auf inen solchen Anspruch gänzlich verzichten.
Herzlich, S A T I E
cellodil (24.08.2007, 12:04): Original von Satie Nach der Frage nach dem Subjektiven und Objektiven denke ich, dass man sogar hier streiten kann
... auf jeden Fall.
Denn selbst, wenn ich mich's auf Deskriptive verlege und so scheinbar auf der sicheren "objektiven" Seite bin, also nur beschreibe, was ist, treffe ich (als Subjekt) letztlich doch eine Auswahl, was ich beschreibe und was ich (bewusst oder unbewusst) bei dieser Beschreibung unter den Tisch fallen lasse...
Zudem scheint mir im übrigen nicht so sehr der Mangel an Objektivität das Problem zu sein, sondern die uneingestandene (und - gewissermaßen und vielleicht ja auch zum Glück - unvermeidliche) Subjektivität.
Bei Kritiken halte ich es nämlich mit Döblin: Ein Kerl muss eine Meinung haben.
Eine Forderung, die sich bei den beiden Extremen, also als sehr gelungen oder komplett als missraten empfundenen Werken/Interpretationen/Veranstaltungen... relativ leicht erfüllen lässt. Schwierig wird's immer beim Mittelmaß, also bei etwas, das man normalerweise mit einem Achselzucken oder einem "naja, ganz nett" abtun und dann zur Tagesordnung übergehen würde, über das man als professioneller Kritiker dann aber doch eine vorgegebene Anzahl von Zeilen zu füllen hat. Da hilft dann nur noch Nebelwerfen mit Hilfe von einem Wust an Fachvokabular, was den Vorteil hat, dass man zumindest scheinbar sein Expertentum unter Beweis stellen und einem niemand nachsagen kann, dass man ja ohnehin keine Ahnung hätte.
Grüße
Sabine
Hosenrolle1 (26.01.2015, 14:29): In meinem "Oper konzertant"-Thread ging es auch nebenbei um das Thema Opernkritik. Hierzu schrieb Rotkäppchen eine Antwort, die ich hierherkopiert habe und darauf antworten werde, wo es sicher besser passt.
___ ___
Original von Rotkäppchen Original von Hosenrolle1 Original von Rotkäppchen Allerdings sind ja viele Kritiker auch Quereinsteiger und kennen ganz bestimmt nicht jede Partitur eines jeden Werkes, über das sie sich dann erlauben zu berichten...
Dann sind es für mich persönlich keine ernstzunehmenden Kritiker. Ich persönlich vergleiche das z.B. mit einem Arzt: ein guter Arzt braucht viel Erfahrung und Praxis, und er sollte ein großes Interesse daran haben, sich weiterzubilden. Und ein Kritiker sollte das m.E. ebenfalls so halten: er sollte ein Interesse daran haben, die Werke, die er bespricht, immer besser kennenzulernen, zu wissen, WAS da gespielt wird. Zumindest die Grundkenntnisse der Musiktheorie sind da Vorraussetzung.
Ansonsten hat eine solche Rezension für mich den gleichen Wert, wie wenn ich eine Rezension schreibe über ein Buch über Quantenphysik – nämlich null, da ich mich damit nicht befasse und nicht auskenne.
Lieber Hosenrolle1, den Vergleich mit einem Buch zur Quantenphysik finde ich etwas zu krass. Ich meine, so ein Fachbuch ist doch tatsächlich ziemlich exklusiv für Physiker oder Physikstudenten geschrieben, die eine gewisse Ausbildung schon haben, bzgl. mathematischer Grundlagen z.B.. Dagegen ist eine Oper für ein gemischtes Publikum gedacht, das sich nach Feierabend daran freuen oder gruseln oder sonstwas möchte (und auch für einen kleinen Kreis von Experten, die sich ganz intensiv damit auseinandergesetzt haben...). Vielleicht sollte man die Oper daher eher mit einem populärwissenschaftlichen Buch vergleichen, über das dann durchaus jeder Leser seine Meinung schreiben kann -- natürlich können solche Meinungen unterschiedlich fundiert ausfallen, je nach Vorbildung. Vielleicht können wir uns ja dahingehend einigen, dass es einfach verschiedene Level von Opernkritik (oder Buchkritik) geben kann, aber das wäre vielleicht wirklich ein interessantes Thema für den Musikkritik-Thread oder einen neuen Opernkritik-Thread?
LG, Rk
Lieber Hosenrolle1,den Vergleich mit einem Buch zur Quantenphysik finde ich etwas zu krass. Ich meine, so ein Fachbuch ist doch tatsächlich ziemlich exklusiv für Physiker oder Physikstudenten geschrieben, die eine gewisse Ausbildung schon haben, bzgl. mathematischer Grundlagen z.B..
Da hast du sicher Recht, da ist schon ein großer Unterschied.
Dagegen ist eine Oper für ein gemischtes Publikum gedacht, das sich nach Feierabend daran freuen oder gruseln oder sonstwas möchte (und auch für einen kleinen Kreis von Experten, die sich ganz intensiv damit auseinandergesetzt haben...).
Ich nehme jetzt nicht an, dass du mich zu dieser letzteren Gruppe zählst, aber falls doch: ich beschäftige mich jetzt seit knapp 10 Jahren mit meinen Opern, und würde mich noch LANGE nicht als Experten sehen. Ich entdecke jedes Mal neue Dinge, die ich bisher nicht gesehen/gehört habe. Ich habe auch die meisten meiner Amazon-Rezensionen gelöscht, die ich vor mehreren Jahren einmal schrieb, weil ich sie heute fürchterlich finde. Viele wichtige Dinge finden darin keine Erwähnung, der damalige Wissensstand war viel geringer als heute. Und in 10 Jahren wird er wieder ganz anders sein. „Es ist des Lernens kein Ende“, wie Schumann sagte.
Mir war es aber damals schon immer ein Anliegen, in meinen Rezensionen sowohl die Laien als auch die Leute anzusprechen, die die Partitur studieren, bzw. sich mit der jeweiligen Oper eingehend beschäftigen.
Ich habe immer versucht zu vermeiden, massenweise Fachausdrücke zu verwenden, aber gleichzeitig auch darauf geachtet, keine 08/15 Phrasen zu verwenden, die man heute so oft lesen muss. Ich wollte den Laien zeigen, dass es sich lohnt, intensiver mit der jeweiligen Oper zu beschäftigen, dass da schöne Effekte drinstecken, die man oft überhört.
Vielleicht sollte man die Oper daher eher mit einem populärwissenschaftlichen Buch vergleichen, über das dann durchaus jeder Leser seine Meinung schreiben kann -- natürlich können solche Meinungen unterschiedlich fundiert ausfallen, je nach Vorbildung.
Natürlich kann jeder seine Meinung schreiben, das ist gar keine Frage.
Es wird auch auf den Leser ankommen, was er sich von einer Kritik erwartet. Von daher kann ich da auch nur für mich selbst sprechen. Meine Erwartung ist, dass der Kritiker das Werk, das er bespricht, sehr gut kennt. Damit meine ich nicht, dass er 2 oder 3 Aufnahmen ein paar Mal gehört hat, sondern dass er sich durch und durch damit beschäftigt: Aufnahmen, Partitur, Entstehungsgeschichte, etc.
Und natürlich sollte er ein Interesse daran haben, sich ständig weiterzubilden, so wie ein Arzt sich auch weiterbildet, um mehr zu wissen, mehr zu können.
Dabei geht es nicht darum, dass man (wie das ein paar ganz lustige wie ich tun) jede Note und jeden Akkord auseinandernimmt.
Es geht vielmehr darum, dass man z.B. weiß, wie das Werk instrumentiert ist. Welche Instrumente verwendet der Komponist? Wann verwendet er welche Instrumente? Welche „Effekte“ hat das Stück, und wie funktionieren diese? Welche Koloraturen etc. haben die SängerInnen zu singen? Welche Lautstärkebezeichnungen gibt es? Wo sind die lautesten Stellen, wo die leistesten?
Ein konkretes Beispiel:
In „Hänsel und Gretel“ gibt es wundervolle Passagen, die in keiner Kritik Erwähnung finden. Es geht nicht darum, ob eine Flöte und eine Oboe sich für die Dauer einer Achtelnote vermischen, oder ähnliches.
Nehmen wir beispielsweise die Echo-Szene im 2. Akt. Humperdinck hat hier eine sehr atmosphärische Szene geschaffen, indem Hänsel in den Hintergrund ruft und mehrere Echos „antworten“, vom einfachen bis zum vierfachen piano. So entsteht der Eindruck von räumlicher Tiefe, so, als ob Hänsels Ruf immer tiefer im Wald verschwindet.
Ein Kritiker sollte idealerweise wissen, dass es diese Szene gibt, er sollte wissen, was da als Echo vorgeschrieben ist, und auch gezielt darauf achten können, ob diese gut ausgeführt sind. Man höre sich nur die Echos der 1971er Aufnahme unter Eichhorn an; das ist an Scheußlichkeit kaum mehr zu überbieten!
Oder gegen Ende des Hexenritts, da spielen die Hörner in die leiser werdende Musik noch einmal kräftig im Fortissimo das Hexenmotiv (Quarte aufwärts), bevor nur mehr die Streicher das Stück zu Ende führen. Nun gibt es Dirigenten, die diese Hörner viel zu leise spielen lassen – auch hier wäre es schön, wenn der Kritiker ein paar konkrete Beispiele nennt, wo der Dirigent seiner Meinung nach Pfusch gebaut hat, und wo nicht. Stattdessen gibt es meist Sätze zu lesen wie „Der Dirigent ließ das Wagnereske der Partitur nicht zu kurz kommen“. Äh, ok. So etwas kann man leicht sagen, es wirkt auf den Laien sehr professionell, den Nachweis, WAS damit gemeint ist, bleibt er aber schuldig.
Wenn einem Kritiker zu der besprochenen Oper nur ein paar 08/15 Sätze einfallen, dann habe ich das Gefühl, dass ihn die Oper nicht sonderlich interessiert. Da fehlt dann die "Leidenschaft", dass man dem Leser das Werk vermitteln will, dass man ihn begeistern will dafür.
Kurz gesagt: ich nehme Kritiken nur ernst, wenn der Kritiker sich mit einem Werk auch tatsächlich auskennt. Wenn ich Fragen hätte zu einem mir unbekannten Werk, dann werde ich auch nicht zu jemandem gehen, der 100 Opern hört und sich bei jeder nur ein klein wenig auskennt, sondern zu jemandem, der sich darauf spezialisiert hat.
erstmal nur ganz kurz (da ich gleich weg muss) eine ganz spontane und naive Frage: Dir sind sicher nicht oft Kritiken, egal ob über "HuG" oder eine andere Oper, begegnet, die Du so richtig ernst nehmen kannst, oder?
LG, Rk
Hosenrolle1 (26.01.2015, 15:42): Leider nein.
Meist ist es so, dass die Kritiker, die für eine Zeitung o.ä. schreiben (also dafür bezahlt werden) in erster Linie über die Regie schreiben und das Dirigat grob vernachlässigen.
Und die "freiwilligen" Kritiker tun leider meist das Gleiche, detailreich wird die Regiearbeit, alles musikalische dann mit möglichst professionell klingenden Wörtern, die letztendlich aber austauschbar und nichtssagend sind, beschrieben.
Aber es gibt dennoch Kritiken, auf beiden Seiten, wo schon genauer auf manche Dinge eingegangen wird. Wo auch mal beschrieben wird, wie eine Soloklarinette an einer bestimmten Stelle gespielt hat, wo gesagt wird, wie das Holz gespielt hat, wie gut das Blech war. Für mich persönlich kann es natürlich nicht detailliert genug sein, aber dennoch, für mich sind das sehr gute Ansätze, die mir zeigen, dass der Rezensent das Werk gut zu kennen scheint.
Ich finde z.B. dass in keiner anderen Aufnahme (und ich habe ziemlich viele) die Klarinetten das einleitende Thema von "Suse, liebe Suse" (1. Akt, Takte 2-5) so schön und ausdrucksvoll gespielt haben wie in der 1989er Aufnahme unter Tate. Und so etwas wäre mir in einer Rezension auf jeden Fall eine Erwähnung wert, auch wenn es "nur" um eine Instrumentegruppe geht.
LG, Hosenrolle1
Severina (26.01.2015, 15:53): Mit Verlaub, ein Berufskritiker, also jemand, der seinen Lebensunterhalt damit bestreitet, muss ein wenig mehr Opern kennen als "Hänsel und Gretel", "Freischütz" und "Salome". An der WSO werden in dieser Saison 47 Werke gezeigt, darunter aber nur 5 der 27 Opern von Verdi und 3 der 40 Opern von Rossini. (Dies nur als Beispiel, wie viele andere Werke ein Kritiker alleine von diesen beiden Komponisten noch kennen muss/müsste.)
Legt man Deinen Maßstab an, wie tief ein Kritiker in eine Komposition eindringen müsste, bevor er endlich zum Stift greifen dürfte, befände er sich vermutlich schon weit jenseits des Pensionsalters und hätte trotzdem erst einen Bruchteil sämtlicher Opern verinnerlicht. (Allerdings wäre er schon lange vorher verhungert...)
So bewundernswert Ausdauer und Detailverliebtheit sind, mit denen Du Dich in einzelne Kompositionen verbeißt, so ist es doch mehr als realitätsfern, das gleiche von jedem Berufskritiker oder gar Opernbesucher zu erwarten. Und ob Du es glaubst oder nicht: Man kann eine Opernaufführung auch genießen, ohne zu wissen, wie viele Hörner da jetzt schmettern , schmettern sollten und ob sie dies den Bruchteil einer Sekunde zu früh oder zu spät getan haben.
Und noch etwas: Du wirfst den Kritikern nicht ganz zu Unrecht vor, dass sie oft mehr über die Inszenierung als über den musikalischen Part schreiben. Aber was machst Du? Dich scheint bei einer Opernaufführung nur das Orchester zu interessieren, denn zu 80% schreibst Du darüber. Sänger scheinen für Dich nur ein notwendiges Übel zu sein, dabei sind sie aber die HAUPTSACHE bei einer Opernaufführung. Zumindest empfindet das der Großteil der Opernfans so.
lg Severina :hello
palestrina (26.01.2015, 16:04): GELÖSCHT! Satie
Hosenrolle1 (26.01.2015, 16:24): Ich denke, ich werde mich aus diesem Thread wieder verabschieden, bevor das in diese Richtung weitergeht.
Schade!
LG, Hosenrolle1
Peter Brixius (26.01.2015, 16:50): Eben noch habe ich mir Gedanken gemacht, warum man über Musik schreibt (und damit auch an den Leser gedacht), es ist gar nicht so weit von der Frage entfernt, warum man etwas über Musik liest. Da sind viele Antworten möglich, ich schreibe einmal meine:
Ich habe (Opern-)Kritiken meist und am liebsten nach der Vorstellung gelesen. Vorher sagt mir das wenig, weckt vielleicht falsche Erwartungen, meist kann ich nicht viel mit dem Geschriebenen anfangen. Manchmal kann mich aber auch eine begeistert geschriebene Kritik zum Opernbesuch bewegen (wie im Falle der Carmen, die ich in der ENO ansah - man denke, eine französische Oper auf englischer Sprache ... Aber mit Sally Burgess als Carmen war das schnell vergessen). Aber da nehme ich nur die Begeisterung mit - erst will ich das Stück erleben.
Aufmerksamer studiere ich schon das Programmheft, das mich in die Zusammenhänge einführt. Aber dann kommt der wirklich heiße Stoff: die Oper - die Opernaufführung.
Im Nachhinein versuche ich meist alles an Kritiken zu finden, die mir erreichbar sind. Dann will ich wieder erleben, vertiefen, abgleichen und vergleichen. Dann ziehe ich auch zu Hause Partitur und Aufzeichnungen zu Rate, stelle Fragen und versuche sie zu beantworten.
Ich gebe zu, oft genug gehe ich sträflich unvorbereitet in die Vorstellung, lerne das Werk (wie eine ganze Anzahl von Britten-Opern) erst bei der Aufführung kennen, freue mich, wenn ich das Erlebnis wieder auflegen kann, bemerke dann die Unterschiede (denn keine Vorstellung ist gleich). Aber für die Vorstellung fahre ich alle Sensoren aus, lasse mich überwältigen, identifiziere mich mit der Musik, lebe mit den Protagonisten (und sterbe mit ihnen). Rationalisierungen und Analysen kommen später - viel später.
Übrigens geschieht mir das auch bei Werken, die ich sehr gut kenne, Glucks "Telemaco" habe ich intensiv studiert, aber als ich ihn in Wien sah, habe ich erst mal alles vor der Tür gelassen und mit jeder Pore die Musik aufgesogen.
Und - bitte - jeder soll nach seinen Vorstellungen glücklich werden. Was dem einen passt, wird den anderen kneifen. Ich denke nur mit Schaudern an eine "Missa solemnis" unter Gardiner, bei der ich vorher viel in die Partitur geschaut hatte, selbst im Auto hatte ich bei der Hinfahrt noch die Missa solemnis laufen. Ich habe die Hälfte der Veranstaltung "versäumt", ich wurde nicht warm, erst dann löste sich der Panzer, ich war wieder offen - und alles gut (ja gut, nicht sehr gut, aber das ist ein anderes Thema).
Aber ich bin ja noch jung, ich kann noch viel ausprobieren :D
Zum Ende: Oft genug habe ich Kritiker beobachtet, manchmal auch neben ihnen gesessen, mich mit ihnen unterhalten. Da notierten sich flüchtig das eine oder andere - und ich bedauerte sie.
Liebe Grüße Peter
EinTon (26.01.2015, 17:30): Original von Severina Sänger scheinen für Dich nur ein notwendiges Übel zu sein, dabei sind sie aber die HAUPTSACHE bei einer Opernaufführung. Zumindest empfindet das der Großteil der Opernfans so.
Spätestens seit Wagner (Leitmotivik!) ist das Orchester schon mehr als nur eine nette harmonische Grundierung für goldene Kehlchen... :wink
Billy Budd (26.01.2015, 17:35): GELÖSCHT! Satie
Severina (26.01.2015, 17:44): Lieber EinTon, ganz klar, ich behaupte ja auch nicht, das Orchester sei unwichtig. Aber ein Opernkomponist komponiert nicht nur für Streicher, Bläser etc., sondern auch/vor allem (Darüber kann man natürlich trefflich streiten :wink) für das Instrument menschliche Stimme. Wäre dem nicht so, würde er Symphonien oder Kammermusik schreiben. Viele haben ihren Lieblingssängern quasi in die Kehle komponiert, was es der heutigen Sängergeneration nicht immer leicht macht, in diese oft nur allzu großen Fußstapfen zu treten.
lg Severina :hello
EinTon (26.01.2015, 17:54): Zitat entfernt, Satie
Ich bin aber der Meinung, dass ad-personam-Beiträge à la:
Zitat entfernt, Satie
trotzdem nicht sein müssen, auch nicht bei berechtigter Kritik gegenüber "querständigen" Meinungen.
MFG,
Normann
Billy Budd (26.01.2015, 17:58): Da bin ich anderer Meinung. :wink
satie (26.01.2015, 18:50): Original von Billy Budd Da bin ich anderer Meinung. :wink
So, so! Dann meinst Du also, Du hast nicht dem Disclaimer zugestimmt, der da besagt:
"Dialogstörung, Belästigung oder Schaffung von Feindbildern sind zu unterlassen und führen zum Ausschluß aus dem Forum!"
Weiteres folgt per PN.
Billy Budd (26.01.2015, 19:05): Ok. Ich sehe zwar nach wie vor nicht, wo ich eine Dialogstörung oder ähnliches begangen hätte, aber ich entschuldige mich trotzdem für alles, was ich hier in diesem Thread geschrieben habe, und verspreche, nie wieder irgendwie mit Hosenrolle hier in Kontakt zu treten (außer eventuell per PN). Billy :hello
palestrina (26.01.2015, 19:10): Original von Billy Budd Ok. Ich sehe zwar nach wie vor nicht, wo ich eine Dialogstörung oder ähnliches begangen hätte, aber ich entschuldige mich trotzdem für alles, was ich hier in diesem Thread geschrieben habe, und verspreche, nie wieder irgendwie mit Hosenrolle hier in Kontakt zu treten ! Billy :hello
Das gleiche gilt für mich, da es ja von meinem Posting ausging !
LG palestrina
Rotkäppchen (27.01.2015, 00:28): Ihr Lieben,
ich finde den Faden trotz aller temporärer Missstimmung nicht schlecht: die ganz alten Beiträge von 2007 sind sehr interessant und enthalten viele vernünftige Einsichten. Ebenso stimme ich Severina zu, dass sowohl Kritikern als auch dem Opernpublikum ganz schlicht die Lebenszeit fehlt, sich bei der Fülle an hörenswerter Musik dermaßen zu vertiefen, auch wenn das sicher sehr gewinnbringend sein kann. Oder, anders gesagt, was man in der Tiefe verpasst, gewinnt man in der Breite bzw. umgekehrt. Insofern wird die individuelle Herangehensweise eines Einzelnen immer ein Kompromiss zwischen diesen Gegenpolen sein. Ich persönlich gehe, was Musik betrifft, auch lieber in die Breite, dazu stehe ich. Und das hat auch mit dem Effekt, den Hosenrolle1 im Grunde beschreibt, zu tun: dass man nämlich, je mehr man sich in irgendeine Sache vertieft, immer mehr merkt, was man noch alles wissen müsste bzw. wie wenig man doch weiß und leicht ein unzufriedenes Gefühl bekommt. Und bezüglich Musik möchte ich dieses Gefühl eigentlich nicht haben (das habe ich beruflich schon genug...). Das schließt nicht aus, dass ich mich temporär gern genauer mit dem einen oder anderen Werk beschäftige, wie Peter es in seinem Posting z.B. beschreibt.
Um zur Musikkritik zurückzukommen, könnte man sich vielleicht tatsächlich darauf einigen, dass es da verschiedene Niveaus geben kann, soll und wird. ...und es für fast jede Art von Kritik auch ein Publikum gibt.
LG, Rk
Billy Budd (27.01.2015, 00:33): Liebes Rotkäppchen! Du hast das, was ich mir denke, so ausgedrückt, wie ich es nicht besser könnte - daher völlige Zustimmung! :beer :beer :beer
Severina (27.01.2015, 02:11): Liebes Rotkäppchen,
auch mir sprichst Du aus der Seele, speziell was das Verhältnis von Breite und Tiefe betrifft. Ich bin keine Musikwissenschaftlerin und verspüre auch kein Bedürfnis, eine zu werden - ich liebe die Oper, und das seit 40 Jahren - basta. Wenn jemand seine Befriedigung darin findet, sich 10 Jahre lang mit drei Opern zu beschäftigen und den Rest mehr oder weniger zu ignorieren, so ist das sein gutes Recht und selbstverständlich zu akzeptieren. Aber ich verwahre mich gegen die anmaßende Unterstellung, dass ein anderer, der an diesen Sezierspielen kein Vergnügen findet, keine Liebe oder Leidenschaft für Oper empfindet, keine Ahnung vom Tuten und Blasen hat und daher am besten den Mund hält. Ich jedenfalls erkühne mich, auch weiterhin ohne vorheriges Partiturstudium über Opernaufführungen zu schreiben, ich werde auch in Zukunft der Inszenierung einen großen Stellenwert einräumen, weil sie MIR ebenso wichtig ist wie die musikalische Umsetzung eines Werkes und ich werde mich ganz bestimmt nicht dafür rechtfertigen. Und damit Hosenrolle unter den unglaublichen Banalitäten und 0815-Phrasen meiner Beiträge nicht über Gebühr leiden muss, empfehle ich ihm (oder BITTE ihn sogar!), sie schlicht und einfach zu ignorieren, so wie ich es mit seinen auch zu tun gedenke.
Bisher kamen wir im Klassikforum ganz ohne musiktheoretische Eignungstests aus, bisher kamen wir ohne Oberlehrer und vor allem ohne alberne Niveaudiskussionen aus, und ich wünsche mir sehr, dass das auch so bleibt!!!! Und bevor ich jetzt eine Abmahnung wegen "Dialogstörung" bekomme, erkläre ich von meiner Seite aus den Dialog mit Hosenrolle für beendet.
lg Severina :hello
Hosenrolle1 (27.01.2015, 15:11): ich finde den Faden trotz aller temporärer Missstimmung nicht schlecht: die ganz alten Beiträge von 2007 sind sehr interessant und enthalten viele vernünftige Einsichten. Ebenso stimme ich Severina zu, dass sowohl Kritikern als auch dem Opernpublikum ganz schlicht die Lebenszeit fehlt, sich bei der Fülle an hörenswerter Musik dermaßen zu vertiefen, auch wenn das sicher sehr gewinnbringend sein kann.
Ein berechtigter Einwand, aber was ist die Alternative? Nichtssagende, von Unkenntnis des Werkes geprägte Rezensionen? Wie ich schon sagte, natürlich verlangt keiner ein extrem gutes Fachwissen über die jeweiligen Werke, aber ein Kritiker, der dafür bezahlt wird, sollte doch schon darauf schauen, dass er möglichst viel darüber weiß. (Ähnlich wie man auch etwa von einem Sportkommentator erwartet, dass er die Spielregeln der jeweiligen Sportart fehlerlos beherrscht, und auch die Spieler und Mannschaften kennt). Es ist auch bei mehreren Werken möglich, sich ein ordentliches Wissen anzueignen, das es ihm ermöglicht, fundierter darüber zu schreiben.
Selbstverständlich gibt es auch das Gegenteil: Leute, die dieses Expertenwissen haben, aber nicht in der Lage sind, das auch zu beschreiben, sich in hinter sprachlichem Bombast verstecken, ohne die Absicht zu haben, den Leser neugierig auf das Werk zu machen. Solche Rezensionen wirken auf mich routiniert, aber keineswegs begeistert.
Und aus meiner Sicht sollte eine Rezension für ALLE interessant und gewinnbringend sein, für die Laien und für die, die sich intensiver damit beschäftigen.
Und das hat auch mit dem Effekt, den Hosenrolle1 im Grunde beschreibt, zu tun: dass man nämlich, je mehr man sich in irgendeine Sache vertieft, immer mehr merkt, was man noch alles wissen müsste bzw. wie wenig man doch weiß und leicht ein unzufriedenes Gefühl bekommt.
Ich würde das eher positiv sehen: man merkt, wieviel mehr in einer Komposition steckt, und begibt sich auf eine Entdeckungsreise. „ALLES“ zu verstehen oder zu kennen, zu können, ist schier unmöglich, hat aber auch damit zu tun, welche Ziele man sich persönlich steckt, welche Interessen man hat. Letztendlich beschäftigt man sich ja aus eigenem Interesse intensiv mit einem Werk.
LG, Hosenrolle1
Peter Brixius (27.01.2015, 15:32): Es gibt unterschiedliche Bedürfnisse und entsprechend unterschiedliche Wege, einem Bedarf zu genügen. Wenn ich von meinem Posting ausgehe, dann habe ich die Situation eines Musikfreundes geschildert, der nach einem Musikgenuss in Kritiken einen Nachvollzug des eigenen Erlebnisses suchte, ein Wiedererleben, eine Vertiefung.
Das ist ein ganz anderes Bedürfnis als das, mich durch die Schilderung einer bestimmten Inszenierung auf einen Kunstgenuss vorzubereiten - selbst wenn man sich da in einem speziellen Fall auf ein und denselben Text bezieht.
Ein anderes ist wieder, wenn ich von einem Kunsterlebnis berichte, um es zunächst einmal für mich in Worten zu bewältigen, dann aber verwandten Seelen mitzuteilen. Da ist man sicher empfindlicher, weil nun das eigene "Ich" in dem Bericht steckt, Kritik also auch das eigene Ich angreifen könnte.
Wenn ich über Musik schreibe, so in der Regel, um für ein Stück, von dem ich begeistert bin, auch andere zu begeistern. Dass da einiges an Analyse hilfreich ist, versuche ich im Moment in einer Artikelfolge in meinem Blog zu belegen. Ich werde gerne hier die Ergebnisse meiner Überlegungen einbringen.
Für den interessierten Leser scheint mir jeder Weg interessant - und höchst unnütz, wenn man einen verhindern möchte. Selbst wenn sie sich kritisch aufeinander beziehen, so ergänzen sie sich für den Leser vorteilhaft. Es kann also nicht um ein Entweder-Oder gehen, sondern um ein Sowohl-Als Auch.
Vorwürfe in welche Richtung auch sind nicht hilfreich, ob ich nun dem erlebenden Kunstfreund seinen Subjektivismus, dem analysierenden seine "Oberlehrerhaftigkeit" vorwerfe. Wer den anderen informiert, wird im günstigen Fall ihn etwas lehren, ihn belehren.
Freuen wir uns, dass es ein Breite von Äußerungen im Forum gibt, von denen, die mit Andacht an der Lippe eines Sängers hängen bis zu denen, die sich den Befund in der Partitur genau ansehen und ihre Schlüsse ziehen. Voneinander lernen, scheint mir eine win-win-Position.
Liebe Grüße Peter
EinTon (27.01.2015, 15:49): @Hosenrolle: Ist nicht böse gemeint, aber:
Du meinst aber deine Ausführungen doch hoffentlich nicht in dem Sinne, Severina und andere Laien-Rezensent(inn)en sollten hier am besten nicht mehr schreiben? (Ich persönlich unterstelle Dir das selbstredend nicht, aber für einige kam es anscheinend so rüber...)
Ich selber habe (ohne musikwissenschaftliche etc. Ausbildung) übrigens auch schon Rezensionen verfaßt, allerdings für (im weitesten Sinne) Progressiv Rock (bevorzugt. sog. "R.I.O." bzw. "Avantprog"), Du kannst sie hier nachlesen,
und ich habe dazu nicht jede einzelne Note mit dem Mikroskop, äh, Oszilloskop untersucht um mich moralisch dazu "im Recht" zu fühlen.
Einen Konzertbericht habe ich auch schon mal verfaßt, einfach im Rahmen meiner Möglichkeiten und meines Wissens: http://www.das-klassikforum.de/thread.php?postid=60460#post60460
und bisher hat sich noch niemand beschwert.
Auch aus anderen Laienkritiken (und du selber hast ja, wenn ich nicht irre, auch kein Musikstudium absolviert, trotzdem hast Du bei amazon Kritiken geschrieben) kann ich oft anregendes entnehmen, in diesem Sinne:
Warum nicht?
Gruß,
Normann
EinTon (27.01.2015, 15:51):
Peter Brixius (27.01.2015, 16:04): Lieber Normann,
ich bin ziemlich skeptisch Kritiken in Form von Analysen gegenüber. Ich halte mehr davon, dass (wenn man sie braucht) die Analyse der Kritik zuvor geht, in der Kritik verschwindet. Denn das Interesse einer Analyse ist ein anderes als das einer Kritik.
Das heißt nicht, dass man man nicht hin und wieder auf Analysen zurück greifen muss, am Ende auch auf die Noten. Ich schreibe gerade etwas über den "Freischütz", wo Oberhoff (zum Anfang der Freischütz-Ouvertüre) etwas über An- und Abschwellen schreibt, in den Noten aber nur ein cresc. (<), kein decresc. (>) zu finden ist. Da entscheidet doch der Befund in den Noten. Und die Folgerungen, die Oberhoff aus seinem vermeintlichen Abschwellen zieht, sind einfach falsch.
Aber, liebe Freunde, nicht alles, was kritisch ist, ist eine Kritik. Mein Oberhoff-Beispiel ist eine Buchrezension, also eine Form der Kritik, wenn ich aber hier über eine Opernaufführung berichte, ist es erst einmal eine Erlebnisbeschreibung. Die kann, muss aber nicht "kritisch" sein. Im Gegenteil: Ich finde Berichte, die sich nicht an den Formen professioneller Kritik orientieren, erfrischend und informativ, ich möchte sie nicht missen.
Liebe Grüße Peter
Hosenrolle1 (27.01.2015, 16:23): @Hosenrolle: Ist nicht böse gemeint, aber:Du meinst aber deine Ausführungen doch hoffentlich nicht in dem Sinne, Severina und andere Laien-Rezensent(inn)en sollten hier am besten nicht mehr schreiben? (Ich persönlich unterstelle Dir das selbstredend nicht, aber für einige kam es anscheinend so rüber...)
Nein, mir ging es hauptsächlich um "professionelle" Kritiken. Bzw. generell darum, was ich persönlich mir von einer Kritik erwarte, welche Punkte sie für mich persönlich erfüllen sollte, damit ich auch etwas davon habe.
Wie Peter Brixius schon sehr schön geschrieben hat, ein wichtiger Punkt ist auch, dass man etwas dazulernen kann. Es gibt auf beiden Seiten schlechte Kritiken; eben jene von Fachleuten, die dennoch völlig nichtssagend und routiniert sind, und von Laien, die ebenfalls austauschbare, also auf jede andere Opernaufnahme/-vorstellung anwendbare, Kritiken schreiben.
Vielleicht zwei konkrete Beispiele:
eine Amazon-Rezension zu einer HUG-Aufnahme sieht so aus:
1. Garde der damaligen DDR Opernsänger wie Theo Adam oder Peter Schreier in dieser Produktion. Trotz analoger Produktions-Aufnahme, ist diese CD recht gut remastered.Note: Gut.
Der erste Satz ist schon eigenartig: da wird also gesagt, dass tolle, berühmte Sänger mitspielen. Das soll offenbar bedeuten, dass diese Aufnahme deswegen auch toll ist.
Der Informationsgehalt ist aber gleich null. Denn
A) WER auf dieser Aufnahme singt entnehme ich der Produktbeschreibung bzw. dem Cover der CD
B) nur weil namhafte Sänger vertreten sind, bedeutet das nicht, dass sie auch für jede Rolle geeignet sind
Zweiter Satz: die CD ist "recht gut" remastered. Was heißt das? Gibt es Verzerrungen bei hohen Lautstärken? Gibt es ein Grundrauschen? Man erfährt es nicht. Hat er die Schallplattenversionen (es gab da mehrere, von Eterna, von Telefunken, etc., ich habe sie als Schallplatten daheim) mit dieser CD verglichen und kann da Unterschiede heraushören?
Und zum Schluss: "Note: Gut".
Es gibt aber auch die andere Seite:
zu einer DVD einer HUG-Inszenierung von Katharina Thalbach fallen einem anderen Rezensenten u.a. Sätze wie dieser ein:
Engstirnigkeit occupiert unrechtmäßig die inhaltliche Substanz von Romantik, degradiert sie zu Trivialität, Borniertheit mit anmaßender, kitschtümelnder Fixierung, die sie als Diktatur ihrer Emotion platzieren will, alles andere negierend, was lebendiges Musiktheater auch ausmacht.
Wen will der Rezensent damit beeindrucken, wenn er in seine Sätze möglichst viele Fremdwörter hineinquetscht? Solche Taktiken sollen höchstwahrscheinlich kaschieren, dass dem Rezensenten zum musikalischen Teil nicht mehr viel einfällt, und tatsächlich sieht seine Sängerbewertung so aus:
Antigone Papoulkas agiert involvierend singschauspielerisch als Hänsel wie auch Anna Gabler als Gretel. Hans-Joachim Ketelsen verleiht dem Vater Gestalt. Irmgard Vilsmaier ist die Mutter, Iris Vermillion liefert eine Glanzleistung als Hexe.
Und das war´s. In diese absolut nichtssagenden Beschreibungen, wer welche Rolle spielt, werden noch professionell klingende Wörter wie "agiert," oder "involvierend" eingebaut.
Auch aus anderen Laienkritiken (und du selber hast ja, wenn ich nicht irre, auch kein Musikstudium absolviert, trotzdem hast Du bei amazon Kritiken geschrieben)
Das stimmt leider, aber ich habe das alles wieder gelöscht, vor längerer Zeit, weil ich gemerkt habe, dass ich meine Rezis ständig auf den neuesten Stand bringen müsste. Davon abgesehen hat der Platz, den Amazon für eine Rezension anbietet, auch nie ausgereicht, da musste ich immer stark kürzen, das war auch nicht so prickelnd.
LG, Hosenrolle1
Hosenrolle1 (27.01.2015, 16:29): Original von Peter Brixius Ich schreibe gerade etwas über den "Freischütz", wo Oberhoff (zum Anfang der Freischütz-Ouvertüre) etwas über An- und Abschwellen schreibt, in den Noten aber nur ein cresc. (<), kein decresc. (>) zu finden ist. Da entscheidet doch der Befund in den Noten. Und die Folgerungen, die Oberhoff aus seinem vermeintlichen Abschwellen zieht, sind einfach falsch.
Ich fand das mit dem "An- und Abschwellen" auch ziemlich eigenartig, v.a., da Oberhoff direkt unter diese Aussage ein Notenbeispiel dieser Stelle platziert, die auch deutlich zeigt, dass da kein Decrescendo stattfindet.
Im Gegenteil: Ich finde Berichte, die sich nicht an den Formen professioneller Kritik orientieren, erfrischend und informativ, ich möchte sie nicht missen.
100%ige Zustimmung von mir!
LG, Hosenrolle1
Rotkäppchen (27.01.2015, 21:38): Original von Peter Brixius
Ein anderes ist wieder, wenn ich von einem Kunsterlebnis berichte, um es zunächst einmal für mich in Worten zu bewältigen, dann aber verwandten Seelen mitzuteilen. Da ist man sicher empfindlicher, weil nun das eigene "Ich" in dem Bericht steckt, Kritik also auch das eigene Ich angreifen könnte.
Wenn ich über Musik schreibe, so in der Regel, um für ein Stück, von dem ich begeistert bin, auch andere zu begeistern.
Freuen wir uns, dass es ein Breite von Äußerungen im Forum gibt, von denen, die mit Andacht an der Lippe eines Sängers hängen bis zu denen, die sich den Befund in der Partitur genau ansehen und ihre Schlüsse ziehen. Voneinander lernen, scheint mir eine win-win-Position.
Die Frage, warum einige von uns das Bedürfnis haben, hier von ihren Musikerlebnissen zu berichten (ganz abseits professioneller Kritiken), finde ich äußerst interessant. Mir haben die zitierten Sätze sehr gut getan, da ich ähnlich empfinde und denke.
Ich lese Besprechungen in Klassik-Foren, egal mit welchem Fokus, egal ob kurz oder lang, ob emotional oder sachlich, ja schon lange bevor ich in einem solchen Mitglied wurde und fand/finde das sehr spannend und freute/freue mich über jeden neuen Bericht. Dass es da subjektiv zugeht und ich gerade manche Verrisse dann eher als Satire sehe und darüber lache, ist eine andere Sache. Meine eigenen Besprechungen machen mir viel Freude und halten mich durchaus dazu an, genauer hinzuhören und zu -sehen (aber ganz ungezwungen) als ich das vor Jahren getan habe. Auch das ist ein schöner Gewinn. Und ja, es steckt da tatsächlich ein Teil vom eigenen Ich drin, ich muss mir immer einen Ruck geben, bevor ich so einen Text online stelle -- und trotz dieser Skrupel habe ich das Bedürfnis, es wieder zu tun, ein bisschen paradox ist das...
LG, Rk
EinTon (27.01.2015, 23:00): Original von Hosenrolle1
eine Amazon-Rezension zu einer HUG-Aufnahme sieht so aus:
@Hosenrolle: Es wäre vielleicht besser, den Zitaten Links auf die zitierten Seiten beizufügen, sonst könnte Satie am Ende noch Ärger wegen "Zitateklau" bekommen. Das würde dann zB so aussehen:
1. Garde der damaligen DDR Opernsänger wie Theo Adam oder Peter Schreier in dieser Produktion. Trotz analoger Produktions-Aufnahme, ist diese CD recht gut remastered.Note: Gut.
Hosenrolle1 (28.01.2015, 08:38): Die Frage, warum einige von uns das Bedürfnis haben, hier von ihren Musikerlebnissen zu berichten (ganz abseits professioneller Kritiken), finde ich äußerst interessant.
Ich denke, dass es vor allem auch einen Unterschied gibt zwischen Kritik und Berichten (Konzertberichten, Opernberichten, etc.). Ein Bericht kann durchaus subjektiv sein, er kann lang oder kurz sein, wie du schon sagst. Von einer Kritik jedoch erwarte ich, dass sie fundiert ist, und konstruktiv, also auch begründet. Mir reicht es nicht, wenn der Kritiker sagt „Das Orchester spielte schlampig“. Was soll das heißen?
In diesem Zusammenhang fällt mir ein gutes Beispiel ein.
2007 war die Premiere einer neuen Freischütz-Inszenierung in der Wiener Volksoper. Der Dirigent verlangte von den Hörnern, dass sie die Vorschläge im Jägerchor KURZ spielen sollten (also nicht „Taja-ta, Taja-ta“, sondern „Tja-ta, Tja-ta“).
So wurde es gespielt, und weißt du was dann passierte? In vielen Zeitungen wurden diese kurzen Vorschläge (die eigentlich genau so in der Partitur stehen, und etwa auch von Harnoncourt so genommen wurden) als versehentliche Kiekser der Hornisten gewertet, in der Zeitung „DerStandard“ war sogar von einem „hornistischen Gfrett“ die Rede!
Wie ich später las, schickte der Dirigent nach diesen Kritiken einen Brief an die wichtigsten Zeitungen, um ihnen zu versichern, dass der „Fehler“ allein bei ihm lag, die Hörner an jenem Abend aber ausgezeichnet gespielt haben.
Da wird einem Orchester (bzw. in diesem Fall der Horngruppe) attestiert, dass sie nicht gut spielen würden – und das nur, weil die jeweiligen Kritiker ganz offenbar noch nie in die Partitur geschaut haben, und nicht zu wissen scheinen, was kurze Vorschläge sind.
Ich bin also immer sehr vorsichtig, wenn ein Kritiker meint, dass eine Instrumentengruppe oder das Orchester irgendwie schlampig gespielt haben, denn diese Einschätzung kann auch durchaus daher kommen, dass der Kritiker keine Ahnung vom Notentext hat. Beispiele wie diese zeigen mir, dass es nicht ganz unbegründet ist, wenn ich mir von einem Kritiker wünsche, er möge sich mit einem Werk etwas intensiver auseinander setzen.
Mir haben die zitierten Sätze sehr gut getan, da ich ähnlich empfinde und denke.
?
@Hosenrolle: Es wäre vielleicht besser, den Zitaten Links auf die zitierten Seiten beizufügen
Gerade nachgeholt, danke!
LG, Hosenrolle1
Rotkäppchen (28.01.2015, 08:58): Hallo Hosenrolle1, warum das Fragezeichen? Ich hätte auch schreiben können, dass Peter mir aus dem Herzen gesprochen hat oder ähnliches -- so war das gemeint. LG, Rk
Hosenrolle1 (28.01.2015, 09:06): Achso, ich dachte, du meintest die drei Amazon-Zitate. Alles klar.
LG, Hosenrolle1
Hosenrolle1 (17.02.2015, 15:19): Überhaupt fände ich es schön, wenn sich Kritiker weniger mit den Ideen des Regisseurs sondern viel mehr mit dem Werk selbst beschäftigen und DIESES beschreiben würden, d.h., mit der Musik sowie dem Gesang.
Ich lese Kritiken sehr oft, auch zu mir unbekannten Werken, und ständig meint der Rezensent, er muss in mehreren Spalten davon berichten, was dem Regisseur nicht für tolle (oder schlechte) Sachen eingefallen sind. Manche von denen sind offenbar auch Hobbypsychologen, die einem das Geschehen auf der Bühne gleich erklären.
Und am Ende wird die Musik noch schnell abgetan, weil musiziert wurde ja übrigens auch noch.
"Der Regisseur lässt von der Decke schwarze Stoffstreifen herunterhängen, das bedeutet dies und jenes, das ist genial! Brillant auch, wie er mit Videoinstallationen diese und jene Effekte erzeugt, und wie er die Figuren wie Karl Lagerfeld und Ulrike Meinhof aussehen lässt - auf diese Weise kann sich der Zuseher noch besser mit den Figuren identifizieren. Überhaupt ist ja genialstens, wie sich die Figur am Ende nicht erschießt, sondern von einem Erschießungskommando hingerichtet wird - eine brillante Parabel auf die momentane Lage im Land XY, wirklich trefflich inszeniert. Ein Genieeinfall war auch, dass auf dem Boden zig Statisten in Tierkostümen herumkrabbeln - sie stehen für unterbewusste Ängste der Figuren, die der Regisseur auf treffliche Weise sichtbar macht. Es ist absolut erstaunlich, wie der Regisseur tiefenpsychologisch ausdeutet, und wie er tiefere Schichten freilegt, und überhaupt alles vielschichtig gestaltet.
Ach ja, musiziert wurde auch ordentlich, die Sänger waren ok, falls da ein Chor auf der Bühne war, war der auch gut. Hingehen!"
Bei den meisten Kritiken habe ich also das Gefühl, dass man sich mehr mit den Erleuchtungen des Regisseurs beschäftigt, statt mit dem, was noch übrig geblieben ist von dem, was in der Partitur steht.
LG, Hosenrolle1
Peter Brixius (17.02.2015, 19:38): Original von Hosenrolle1 Bei den meisten Kritiken habe ich also das Gefühl, dass man sich mehr mit den Erleuchtungen des Regisseurs beschäftigt, statt mit dem, was noch übrig geblieben ist von dem, was in der Partitur steht.
Lieber Hosenrolle1,
mir geht es so wie Dir. Statt etwas über die Musik zu lesen, über die Klangsprache, die verwirklicht wurde, über die vielfältigen Entscheidungen, die der Dirigent getroffen hat, um seine besondere Lesart zu Gehör zu bringen, liest man eine Theaterbesprechung, ergänzt mit der individuellen Befindlichkeit einzelner Sänger. Die Konzeption scheint es nur auf der Bühne zu geben, nicht im Orchestergraben. Klar, die Instrumentalisten sollen nur die SängerInnen zur Geltung bringen, nicht anders sieht die Aufgabe des Dirigenten aus - und wenn der Regisseur ins Feuer gerät, so sicher, weil er es schuld ist, dass da eine Gesangskraft nicht ihr Optimum erreicht hat.
Wie viele der Opernkritiken fallen so und so ähnlich aus? Als ich kürzlich wieder die unterschiedlichen "Telemaco"-Besprechungen über die Wiener Aufführung durchging, fand ich sehr wenig über die Besonderheit der Musik Glucks, aber die Inszenierung nahm breitesten Raum ein. Vielleicht braucht maneinfach weniger Wissen, um über ein Bühnengeschehen zu schreiben als über musikalische Vorgänge.
Liebe Grüße Peter
Andréjo (17.02.2015, 20:45): Vielleicht braucht maneinfach weniger Wissen, um über ein Bühnengeschehen zu schreiben als über musikalische Vorgänge.
Davon bin ich überzeugt.
Ich würde aber noch einen Schritt weitergehen, wobei ich darum bitte, die folgenden Ausführungen cum grano salis zu nehmen.
Akustische Erfahrungen werden auch unter Liebhabern stets von optischen überlagert, ja ausgestochen. Das Primat des Optischen zeigt sich in der Entwicklung der modernen Medien genauso wie im künstlerischen Bereich. Warum wird in der Musik diese fragwürdige Unterscheidung zwischen klassischer und Unterhaltungsmusik getroffen, in der Literatur und in der Bildenden Kunst nicht annähernd in gleicher Weise?
Gewiss auch, weil der rein akustische Reiz als flüchtig empfunden wird, eine ernsthafte Beschäftigung damit als vergleichsweise anstrengend. Als Folge dieses Phänomens wird mit der Verbreitung der modernen Medien seit vielleicht hundert Jahren ein Keil getrieben zwischen sogenannte ernste und sogenannte nur unterhaltende Musik. Nicht wenige - oberflächliche wie ernsthafte Rezipienten - bedürfen der Unterstützung der Musik durch das optische Medium. Dies erklärt auch den nicht selten weniger intellektuell motivierten, aber in stärkerem Maße am Ereignis orientierten Opernfreund im Vergleich zum Liebhaber anderer Musiksparten - und damit auch den weniger intellektuellen Typus eines Kunstkritikers.
:helloWolfgang
Hosenrolle1 (17.02.2015, 20:57): mir geht es so wie Dir. Statt etwas über die Musik zu lesen, über die Klangsprache, die verwirklicht wurde, über die vielfältigen Entscheidungen, die der Dirigent getroffen hat, um seine besondere Lesart zu Gehör zu bringen, liest man eine Theaterbesprechung,
Was ich auch deswegen besonders unfair finde, weil Rezensenten oft den herunterhängenden schwarzen Stofffetzen mehr Aufmerksamkeit widmen und sie eingehender besprechen als die Arbeit der Musiker im Orchestergraben, die sich (im Gegensatz zu den Stofffetzen) Mühe geben, ihren Part so gut wie möglich zu spielen.
ergänzt mit der individuellen Befindlichkeit einzelner Sänger.
Oder, was ich auch immer schlimm finde, ist dieser „Starkult“, der da oft betrieben wird. Da beschreibt der Rezensent dann auch gerne in mehreren Sätzen, welche Laufbahn der Sänger hinter sich hatte, in welchen Häusern er verpflichtet sein wird in der Zukunft, usw. usw. Da muss man dann Sätze lesen wie „Sänger XY wird in der kommenden Spielzeit nicht mehr in der Stadt YX auftreten, sondern wo anders. Dem Theater geht dadurch ein großes Ensemblemitglied verloren“ usw. Ich habe nie verstanden, wie man sich so sehr dafür interessieren kann, wo und wie lange welcher Sänger in welchen Partien auftritt. Das sind einfach Leute, die ihren Job machen. Ich frage ja meinen Bankbeamten auch nicht, wann er in einer anderen Filiale arbeiten wird, und freue mich über die Infos.
Wenn ich mir Autogramme nach einer Vorstellung geholt habe, habe ich NIE Fragen gestellt wie „Werden sie dem Haus noch lange erhalten bleiben?“ oder „Planen sie in naher Zukunft, die Partie der XY zu singen?“. Nein, ich habe meistens die Leistung gelobt, wenn sie mir gefiel, und dabei aber immer eine oder zwei Stellen erwähnt, die mir besonders auffallen. Ich bin mir sicher, dass die SängerInnen massenweise hören, wie toll sie doch an diesem Abend waren. Gut und schön.
Aber ich möchte auch zeigen, welche Stellen mir gefielen, und sage dann ein Beispiel, etwa sauber gesungende 16tel Läufe über diesem und jenem Wort, oder wie schön die piano-Höhen an einer bestimmten Stelle klangen etc..
Ich habe OpernsängerInnen immer als normale Menschen erlebt, mit denen man meistens auch gut smalltalken konnte (was natürlich nach der Vorstellung in der Hektik und dem allgemeinen Trubel immer ein wenig stressig sein kann). Ich denke mir hinterher auch nicht "Boah, Wahnsinn, ich konnte mit ihnen sprechen, ich bin so happy jetzt!". Für mich sind das (genauso wie Musiker) Menschen, die sich mit dem beschäftigt haben, womit ich mich beschäftige, nämlich Partituren. Mit Sängern rede ich genauso wie mit Instrumentalisten, wenn ich die Möglichkeit dazu habe.
Wie viele der Opernkritiken fallen so und so ähnlich aus? Als ich kürzlich wieder die unterschiedlichen "Telemaco"-Besprechungen über die Wiener Aufführung durchging, fand ich sehr wenig über die Besonderheit der Musik Glucks, aber die Inszenierung nahm breitesten Raum ein. Vielleicht braucht maneinfach weniger Wissen, um über ein Bühnengeschehen zu schreiben als über musikalische Vorgänge.
Sehe ich auch so. Wobei man zur Not in beiden Fällen noch mit bestimmten Wörtern oder Satzkonstruktionen bei denen punkten kann, die sich davon beeindrucken lassen. Es ist leicht, in jeder Abweichung des Bühnenbilds von den Regieanweisungen z.B. eine „tiefenpsychologische Ausdeutung“ oder die „Freilegung verborgener Schichten“ zu sehen. Das klingt hochgestochen, und viele Leser denken sich „Boah, der kennt sich aus, der MUSS einfach Recht haben“.
Aber was ist nun mit der Musik? Was ist mit den Lesern, die gerne wissen möchten, wie die Musik interpretiert wird? Die wissen möchten, ob die Musik vielleicht schleppend langsam oder viel zu schnell war, die wissen möchten, ob es krasse Veränderungen gab, die der Dirigent sich erlaubt hat. Die wissen möchten, ob man sich etwa an bestimmten, wichtigen Stellen an die Dynamikvorschriften gehalten hat, oder ob es ein Durcheinander war. Die wissen möchten, ob bestimmte Details ausgearbeitet wurden, oder ob alles sehr verwaschen klang. Was kann man da erwarten? Man erfährt es nicht.
Manche Rezensenten dürften auch schon längst gemerkt haben, dass sie musikalisch offenbar viel zu wenig Ahnung haben, und haben da ebenfalls Standardphrasen, die bei Bedarf verwendet werden, und so liest man Sätze wie „Der Dirigent verstand es trefflich, die Vielschichtigkeit der Partitur herauszustellen“, oder „Dirigent XY setzte den Farb- und Facettenreichtum der Partitur gekonnt um“. Beispiele dafür bleibt der Rezensent natürlich schuldig, immerhin klingen die Wörter gescheit genug, und das alleine muss schon Beweis genug sein für die Richtigkeit seiner Angaben.
LG, Hosenrolle1
Nicolas_Aine (12.04.2015, 14:53): was ich durchaus interessant finde, ist die Wahrnehmung der Musiker im Vergleich zur Kritik. Bspw. hatte ich letztens ein Konzert, wo sich das Orchester einig war, dass die erste Hälfte wirklich langweilig gespielt war und das am Dirigent lag, der in diesem Orchester nicht sehr beliebt ist. In der Zeitung kam allerdings eine begeisterte Kritik, die sowohl den Dirigent als auch das Orchester sehr gelobt hat. Was ich damit nicht meine, sind so Kleinigkeiten, die vielleicht hier und da mal schiefgehen, und die man im Orchester vielleicht eher hört, sondern es ist mir schon öfter passiert, dass Kritik und Orchester völlig gegensätzliche Wahrnehmungen hatten, und zwar in beide Richtungen.
Hosenrolle1 (12.04.2015, 15:58): Oft genug haben "Kritiker" die unterschiedlichste Meinung. Als ich 2012 die "Salome" sah, suchte ich danach verschiedene Kritiken der Premiere von 2011, die nahezu die selbe Besetzung hatte.
Hauptsächlich waren es Kritiken irgendwelcher Tageszeitungen, die nicht wirklich viel mit Musik am Hut haben, aber trotzdem mal drauflos schreiben.
Hier ein paar Auszüge:
Zur Salome:
"zu kleine Stimme" vs."enorme Durchschlagskraft"
"Gnadenlos ging sie in dem gewaltigen Orchesterapparat unter" vs. "hat auch für dieses Haus genug Volumen – passt daher genau"
Herodes:
"stimmlich farblos" vs."stimmlich gut gerüstet"
"wurde dem Tetrarchen aber mit stark maskig geführtem Tenor vokal nicht gerecht" vs. "versteht es, seine Stimme (...) exzellent zum Ausdruck zu bringen (...) Einfach toll."
Herodias:
"klotzte pragmatisch mit Wagnertönen - und damit wars gut" vs. "überzeugte"
"königlich gesungen" vs. "solide, in der Höhe oft spitz und grell"
Jochanaan:
"Fülle und Charakter" und "prachtvoll orgelt" vs. "weniger Fülle in der Tiefe"
Orchester:
"lässt die klangfarblichen Schattierungen plastisch hervortreten" vs. "unsauber, grobschlächtig und viel zu laut musizierend"
"Beachtlich" und "sichere Führung" und „erhellende Ergebnisse" vs. "Tösend, rhythmisch im Nirgendwo" und "man spielte laut und etwas grell, gar nicht feinfühlig"
Man sollte generell auf Kritiken nicht so viel geben, weil auch anhand dieser sich widersprechenden Beispiele ("hatte genug Volumen", dagegen "viel zu kleine Stimme, ging gnadenlos unter"!!) wieder ersichtlich ist, dass es nicht nur eine Meinung geben kann.
Und oft genug haben diese Kritiker sehr wenig bis gar keine Ahnung - was aber sicher auch damit zusammenhängt, dass sie großteils bei Tageszeitungen arbeiten und sich da gar nicht eingehender mit den von ihnen besprochenen Werken beschäftigen können.
Die o.g. Kritiker haben auch gar nicht begründet, oder irgendwie erläutert, was nun etwa "königlich gesungen" heißen soll. Da habe ich eher den Eindruck, dass der Schreiber sich dachte: "Ah, Herodias ist eine Königin, also schreibe ich mal, dass sie königlich singt, das muss reichen".
Aber auch bei den (oft nur scheinbar) professionellen Kritiken, die mit solchen Sätzen wie "klangfarbliche Schattierungen wurden plastisch herausgearbeitet" punkten wollen, muss man aufpassen; meistens jedoch entlarven sich diese Sätze als Phrasen, wenn man in den zweifelhaften Genuss kommt, mehrere Kritiken dieser Person zu lesen - man findet diese Satzbausteine nämlich so oder so ähnlich immer wieder mal.
LG, Hosenrolle1
Peter Brixius (12.04.2015, 17:25): Original von Hosenrolle1 Oft genug haben "Kritiker" die unterschiedlichste Meinung. Als ich 2012 die "Salome" sah, suchte ich danach verschiedene Kritiken der Premiere von 2011, die nahezu die selbe Besetzung hatte.
Hauptsächlich waren es Kritiken irgendwelcher Tageszeitungen, die nicht wirklich viel mit Musik am Hut haben, aber trotzdem mal drauflos schreiben.
Lieber hosenrolle1,
ist doch besser, als wenn sie voneinander abschreiben, oder? Ich habe mich immer vor Opernkritiken gedrückt, ich kann sie wohl an einer Hand abzählen. Tonträgerrezensionen zu schreiben ist was anderes, dazu kann man mich verführen.
Es wäre interessant, die von Dir zitierten widersprüchlichen Aussagen mal näher zu untersuchen. Ein paar Ideen habe ich da:
1) unterschiedlicher Sitzplatz, unterschiedliche akustische Bedingungen 2) unterschiedliche Präferenzen, dadurch auch (unbewusst) unterschiedliches Hörverhalten 3) mitgebrachte Erfahrungen, die sich mit den gemachten mischen (Ich kenne jemanden als unsicheren/sicheren Protagonisten - entsprechend vernachlässige/betone ich Gehörtes).
Kritiken sind keine wissenschaftliche Untersuchungen, was sie ausmacht ist im Gegenteil gerade das subjektive Urteil. Bei CD-Kritiken schaue ich mir immer den Rezensenten an und rufe ab, wie weit ich bislang mit ihm übereinstimme. Ich interpretiere sein Urteil aufgrund meiner mit ihm gemachten Erfahrungen.
Ich bewundere Opernkritiker (auch die hobbymäßigen), weil sie einiges mitbringen, was ich wohl nie erlangen werde. Mit höchster Konzentration einer Aufführung als Kritiker zu folgen, hieße für mich, das ästhetische Vergnügen an der Aufführung zu zerstören. Kann ich das Erlebnis reproduzieren, ist es eine andere Sache für mich.
Kritiken zu kritisieren macht mir (wie Dir) da schon eher Spaß. Aber das mache ich prinzipiell nur bei Profis. Laienkritiken sind für mich wichtige Erfahrungsberichte.
Aber für alle Kritiken gilt - und das ist nicht abwertend gemeint: Sind sie "ehrlich", weichen sie voneinander ab, mehr oder weniger, versteht sich.
Man sollte generell auf Kritiken nicht so viel geben, weil auch anhand dieser sich widersprechenden Beispiele ("hatte genug Volumen", dagegen "viel zu kleine Stimme, ging gnadenlos unter"!!) wieder ersichtlich ist, dass es nicht nur eine Meinung geben kann.
Deshalb widerspreche ich Dir in diesem Punkt: Man soll durchaus viel auf Kritiken geben. Da hat jemand seinen Abend geopfert, Eindrücke gesammelt, versucht zu objektivieren, hat Urteile daraus entwickelt - und das in Sprache so gebracht, dass Leser sie verstehen, sie nachvollziehen können. Vergleicht man nun Kritiken, wie Du es tust, dann stellt sich für mich sofort die nächste Frage des Warum. Im Telemaco-Thread habe ich da versucht im Einzelnen Antworten zu finden. Nur einmal Dein letztes Beispiel: wurde die Stimme vom Dirigenten unterstützt, hat er evt. das Orchester zurückgenommen oder (wie es mir mal bei Dudamel passierte) rücksichtslos gegen die die Stimmen dirigiert? Und noch einmal: Welche Rollenvorstellung hatte der Regisseur/der Sänger - wie weit hat sie der Dirigent unterstützt? Kurz: Man kann genug Volumen haben - und trotzdem im Orchester untergehen. Es gibt eine berüchtigte Aufnahme der Vier letzten Lieder mit Schwarzkopf unter Karajan, wo er gnadenlos gegen die Stimme dirigierte. Frau Schwarzkopf war hinterher mit der Welt fertig. So kann man auch Stimmen zerstören. Übrigens alles andere als der Normalfall bei Karajan, mit dem die Sänger normalerweise sehr zufrieden waren.
Und oft genug haben diese Kritiker sehr wenig bis gar keine Ahnung - was aber sicher auch damit zusammenhängt, dass sie großteils bei Tageszeitungen arbeiten und sich da gar nicht eingehender mit den von ihnen besprochenen Werken beschäftigen können.
Es gibt solche Kritiker, das ist richtig. Da habe ich auch schon tolles Zeug gelesen. Wenn der Lokalredakteur auch schon mal ein Konzert bespricht, kann es sehr lustig werden. Und dann liest man Auszüge aus bekannten Konzert- oder Opernführer - natürlich ohne Angabe des Zitats. Ich hatte mal einen "Liebling", den erwischte ich immer mit Pahlen ...
Die o.g. Kritiker haben auch gar nicht begründet, oder irgendwie erläutert, was nun etwa "königlich gesungen" heißen soll. Da habe ich eher den Eindruck, dass der Schreiber sich dachte: "Ah, Herodias ist eine Königin, also schreibe ich mal, dass sie königlich singt, das muss reichen".
Nun ja, "königlich gesungen" ist eine Metapher, die kann man interpretieren ... Solange man nicht wie Nero beim Brand von Rom singt - aber das war "kaiserlich" :haha
Aber auch bei den (oft nur scheinbar) professionellen Kritiken, die mit solchen Sätzen wie "klangfarbliche Schattierungen wurden plastisch herausgearbeitet" punkten wollen, muss man aufpassen; meistens jedoch entlarven sich diese Sätze als Phrasen, wenn man in den zweifelhaften Genuss kommt, mehrere Kritiken dieser Person zu lesen - man findet diese Satzbausteine nämlich so oder so ähnlich immer wieder mal.
Solche Satzbausteine gibt es und gab es schon immer. Ich bin immer mißtrauisch bei Lyrismen (nicht zuletzt, weil ich selbst dazu neige). Aber wenn man viele Texte verfasst/verfassen muss, bleibt einem wohl nichts anderes übrig. Es ist aber auch Positives daran: Wenn es derselbe Kritiker ist, macht es die beurteilten Leistungen eher vergleichbar als wenn er immer wieder im Ausdruck variierte..
Liebe Grüße Peter
Rotkäppchen (12.04.2015, 18:15):
Und oft genug haben diese Kritiker sehr wenig bis gar keine Ahnung - was aber sicher auch damit zusammenhängt, dass sie großteils bei Tageszeitungen arbeiten und sich da gar nicht eingehender mit den von ihnen besprochenen Werken beschäftigen können.
Es gibt solche Kritiker, das ist richtig. Da habe ich auch schon tolles Zeug gelesen. Wenn der Lokalredakteur auch schon mal ein Konzert bespricht, kann es sehr lustig werden. Und dann liest man Auszüge aus bekannten Konzert- oder Opernführer - natürlich ohne Angabe des Zitats. Ich hatte mal einen "Liebling", den erwischte ich immer mit Pahlen ...
Hallo zusammen, bei Kritiken in Tageszeitungen würde ich mehr Nachsicht üben, da dort für ein sehr gemischtes Publikum geschrieben wird, das insgesamt wohl eher an allgemeinen Informationen (um z.B. zu entscheiden, ob es sich diese oder jene Produktion, die in der Stadt so läuft, ansehen/-hören soll/will) und weniger an Details interessiert ist; bzw. bei zuvielen Details den Autor auch schnell mal als abgehoben klassifiziert und gar nicht mehr ernst nimmt. Insofern ist es u.U. sogar in Ordnung, aus Konzert-/Opernführern zu zitieren, wie ich finde. Naja, das bisschen Zeit, es ein wenig umzuformulieren, sollte eigentlich sein, ist aber halt nicht immer :wink.
:hello Rk
Hosenrolle1 (12.04.2015, 18:22): Ich habe leider heute und morgen vormittag einiges zu tun, weswegen ich erst gegen Mittag auf eure Beiträge antworten kann. Ich bitte um etwas Geduld, da ich nicht nur auf die Schnelle antworten möchte.
LG, Hosenrolle1
Peter Brixius (12.04.2015, 18:54): Original von Rotkäppchen bei Kritiken in Tageszeitungen würde ich mehr Nachsicht üben, da dort für ein sehr gemischtes Publikum geschrieben wird, das insgesamt wohl eher an allgemeinen Informationen (um z.B. zu entscheiden, ob es sich diese oder jene Produktion, die in der Stadt so läuft, ansehen/-hören soll/will) und weniger an Details interessiert ist; bzw. bei zuvielen Details den Autor auch schnell mal als abgehoben klassifiziert und gar nicht mehr ernst nimmt. Insofern ist es u.U. sogar in Ordnung, aus Konzert-/Opernführern zu zitieren, wie ich finde. Naja, das bisschen Zeit, es ein wenig umzuformulieren, sollte eigentlich sein, ist aber halt nicht immer :wink.
Liebes Rotkäppchen,
so halte ich es - allerdings mit der Folge, dass ich Kritiken in diesen Tageszeitungen auch nicht mehr lese. Das gilt aber nicht für alle Tageszeitungen, bei mir in der Nähe finde ich sowohl den Kölner Stadt-Anzeiger wie die Rheinische Post zuverlässig. Dann gibt es ja auch noch die FAZ, die WELT und die Süddeutsche - auch alles Tageszeitungen. Und die Liste lässt sich bestimmt noch verlängern.
Das Traurige ist eher, dass viele Tageszeitungen sich keinen eigenen Kritiker mehr "leisten" sondern ihn per Presseagentur einkaufen. Da ist mir mein Pahlen-Fan sicher lieber als dass die Landschaft zubetoniert wird.
Ein wenig träumen darf man ja: Wenn ich an meine Aufenthalte in London denke, wo ich am nächsten Tage zwei, den Tag darauf die dritte und evt. vierte umfangreiche Kritik lesen konnte. Das waren Tageszeitungen ...
Liebe Grüße Peter
Rotkäppchen (12.04.2015, 20:23): Lieber Peter,
ich hatte mich, das merke ich jetzt, nicht ganz eindeutig ausgedrückt. Mein Posting bezog sich tatsächlich eher auf lokale Tageszeitungen. Einkaufen von einer Pressagentur finde ich auch nicht erstrebenswert, eigentlich ein No-Go. Es gibt ja schon manchmal Kritiker bei (größeren) lokalen Tageszeitungen, die den Spagat ganz gut schaffen und sowohl fachkundig als auch (in Bezug auf eine breite Leserschaft) verständlich schreiben. So zumindest meine Erfahrung; und solche Texte -- die Namen der in diesem Sinne "zuverlässigen" Rezensenten kennt man ja irgendwann, wenn man eine Zeitung abonniert hat -- lese ich dann auch recht gern.
LG, Rk
Peter Brixius (12.04.2015, 20:42): Liebes Rotkäppchen,
der Kölner Stadt-Anzeiger und die Rheinische Post sind ja auch lokale Tageszeitungen (Köln und Düsseldorf). Ich habe auch gute Erfahrungen mit der Berliner Morgenpost und dem Tagesspiegel. Da sind wir wohl einer Meinung: Wo es noch eine gute lokale Berichterstattung gibt, kann man dankbar sein. In Dresden kenne ich mich leider nicht so aus.
Liebe Grüße Peter
Rotkäppchen (13.04.2015, 13:28): Lieber Peter,
bei mir hat ja seit Jahren das Internet die Tageszeitung bedrohlich stark verdrängt. Mein Mann ist da ein bisschen anders, daher haben wir tatsächlich nach wie vor eine Zeitung ("Sächsische Zeitung" -- das ist eine der zwei großen Tageszeitungen in der sächsischen Provinzhauptstadt) aus Papier täglich im Briefkasten, von der ich mir allerdings nur die Kulturseite ansehe und nach Konzert- bzw. Opernkritiken Ausschau halte. Und da finde ich das Niveau recht gut. Es sind auf jeden Fall typischerweise Originalartikel von (meist) langjährigen Mitarbeitern, die durchaus auf das Kulturressort spezialisiert sind und nicht nebenbei noch über die neuesten Baumaßnahmen der Stadt schreiben. Den einen Kritiker habe ich auch schon mehrfach im Konzert gesehen -- der geht also wirklich hin und macht sich Notizen (was für ein Stress...). So richtig offensichtliche und bösartig formulierte Verrisse sind aber eher selten. Die Autoren wählen ihre Worte tendenziell vorsichtig (man kann jedoch negative Punkte meist eindeutig zwischen den Zeilen lesen); das finde ich für eine Lokalzeitung insgesamt o.k..
:hello LG, Rk
Peter Brixius (13.04.2015, 14:03): Liebes Rotkäppchen,
das ist nun leider eine Entwicklung, die ich auch mit Sorge beobachte. Als ich vor über zehn Jahren hier einzog, steckte morgens in jedem Briefkasten eine Tageszeitung, bei mir gar zwei aus beruflichen Gründen.
Jetzt habe ich mal wieder für drei Monate probeweise eine Tageszeitung abonniert - und war der einzige in einem Apartment-Haus von von fast 20 Parteien. Das Internet und seine Möglichkeiten sind sicher die eine Ursache, dazu gibt es allein drei kostenlose Anzeigeblätter, die auch lokale Nachrichten bringen (auch im kulturellen Bereich). Und das Zeitungssortiment in den umliegenden Kiosks ist auch immer schmaler geworden.
Es gibt für die Verluste keinen Ersatz, meinem Gefühl nach hat das Informationsbedürfnis nachgelassen. Immerhin gibt es ja auch noch die Konkurrenz des Fernsehens, wenn auch da die Versorgung mit kulturellen Nachrichten ziemlich mies ist.
Freuen wir uns, dass es u.a. in einem Forum wie diesem da noch Multiplikatoren gibt, die auch Regionales an eine interessierte allgemeine Öffentlichkeit weiter geben.
Das stimmt, wobei man dann fairerweise in der Kritik erwähnen sollte, wo man saß. Ich habe das bei der Salome selbst erlebt; ich saß halb rechts, halb links, ganz rechts, ganz links, weiter vorne und weiter hinten, und da vielen mir sehr große Unterschiede auf. Links war die Musik deutlich weniger druckvoll und leiser, dafür die Trompete an manchen Stellen ohrenbetäubend laut, rechts spürte man die große Trommel in der Magengrube, hörte dafür etwa die Oboe am Anfang des Schleiertanzes gar nicht mehr.
Schon deswegen ist es ein Problem, wenn man nur EINE Aufführung besucht, weil der Klang so unterschiedlich sein kann. Ich weiß ja nicht, wo Kritiker von Tageszeitungen o.ä. so sitzen, aber zumindest sollte man erwähnen, wo man saß. (Da bin ich auch wieder für konzertante Aufführungen, wo ein paar Meter weiter rechts oder links nicht so einen krassen Unterschied machen, aber dafür gibt´s ja einen eigenen Thread)
Ich bewundere Opernkritiker (auch die hobbymäßigen), weil sie einiges mitbringen, was ich wohl nie erlangen werde. Mit höchster Konzentration einer Aufführung als Kritiker zu folgen, hieße für mich, das ästhetische Vergnügen an der Aufführung zu zerstören. Kann ich das Erlebnis reproduzieren, ist es eine andere Sache für mich.
Da bin ich bei dir, obwohl das mit dem ästhetischen bei mir persönlich so eine Sache ist. Mit den meisten Inszenierungen kann ich dann wenig anfangen, dafür konzentriere ich mich umso mehr auf die Musik und den Gesang. Also mir geht da sozusagen nichts verloren, wenn ich mich nicht auf das Bühnengeschehen konzentriere, zumal ich normalerweise sowieso möglichst viele Aufführungen sehe.
Als ich mehrere Freischütze hintereinander sah, saß ich fast immer in einer Loge über dem Orchester, und in einer Vorstellung habe ich nur mehr ins Orchester geschaut, weil das wesentlich faszinierender für mich war … man könnte sagen, eine ganz eigene Ästhetik, sozusagen, von der auch Strawinsky sprach, als er schrieb:
„Wenn man Musik in ihrem vollen Umfange begreifen will, ist es notwendig, auch die Gesten und Bewegungen des menschlichen Körpers zu sehen, durch die sie hervorgebracht wird. Es ist nun einmal so, daß jede musikalische Schöpfung einer Realisierung bedarf“
(s. Kaisers Klassik Kunde-Thread)
Kritiken zu kritisieren macht mir (wie Dir) da schon eher Spaß. Aber das mache ich prinzipiell nur bei Profis. Laienkritiken sind für mich wichtige Erfahrungsberichte.
Ich selbst achte eigentlich nicht so sehr darauf, ob derjenige ein Laie ist oder nicht. Es gibt ja, wie gesagt, Profis, die meinen, dass ihre Kritiken eigene kleine Kunstwerke sein müssen.
Ich finde, der Anspruch, zumindest ein bisschen Noten lesen zu können ist nicht zu hoch, denn das lernt man – wenn man es denn möchte – sehr schnell, und man muss sich dann nicht nur auf sein Gehör verlassen, sondern kann z.B. auch sehen, wer was spielt. Es geht nicht um Musiktheorie, sondern darum, dass man etwa die Stimme eines Instruments, eine Melodie nachverfolgen kann.
Also ein gewisses Grundwissen wäre mir für einen Kritiker schon wichtig – zumindest ansatzweise sich ein Werk zu erarbeiten. Dann fällt es auch leichter, zu benennen, welche Stellen man meint, welche Instrumente da spielen, worauf der Dirigent geachtet hat, an welchen Stellen sich Klänge besonders schön gemischt haben, usw.
Und dann würden sicher auch weniger Sätze wie „Das Orchester spielte sehr gut und dynamisch“ oder „Meisterhaft verstand es der Dirigent, die vielen Klangschattierungen der Partitur plastisch und nuancenreich zu Gehör zu bringen“ auftauchen.
Für mich zählt also nicht die Ausdrucksweise, der Schreibstil, sondern, ob sich jemand mit einem Werk WIRKLICH beschäftigt hat, und gewisse Grundkenntnisse mitbringt und Wert darauf legt, die Arbeit des Dirigenten und des Orchesters nicht mit einem oder zwei kurzen Sätzen abzutun.
Deshalb widerspreche ich Dir in diesem Punkt: Man soll durchaus viel auf Kritiken geben. Da hat jemand seinen Abend geopfert
Na, das klingt aber so, als wäre so ein Opernbesuch etwas äußerst unschönes, sozusagen ein "musikalisches Opfer" :D
Eindrücke gesammelt, versucht zu objektivieren, hat Urteile daraus entwickelt - und das in Sprache so gebracht, dass Leser sie verstehen, sie nachvollziehen können.
Naja, aber was kann man bei einer Aussage wie „spielte dynamisch“ oder „spielte kraftvoll“ nachvollziehen? Ich kann mir darunter nichts konkretes vorstellen. Ist damit gemeint, dass es sehr laut gespielt hat? Und wenn ja, wie wurden die leisen Stellen wiedergegeben? Eine Partitur hat gemeinhin doch mehr Lautstärkeanweisungen als forte, oder fortissimo.
Hier drei Auszüge aus Kritiken vom "Opernfreund", wo die Arbeit des Dirigenten bzw. die Musik beschrieben wird, und mein Kommentar dazu, was ich mir darunter vorstellen kann.
Carlo Rizzi erweits sich als vorzüglicher Kapellmeister im besten Sinne des Wortes, schenkt den Sängern viel Aufmerksamkeit und Hilfestellung mit zuverlässiger Zeichengebung und sensiblem Eingehen auf ihre Bedürfnisse.
Man hat die Sänger gut gehört.
Jacques Lacombe konnte seine Vertrautheit mit der schwierigen Partitur mit sicherer Stabführung unter Beweis stellen.
Das Orchester hat keine hörbaren Fehler gemacht.
Ivan Repuši räumte den Sängerinnen und Sängern, dem Chor und dem Orchester genügend Zeit für das Auskosten von Donizettis wunderschönen Phrasen ein und führte das Ensemble feinfühlig und unaufgeregt durch den Abend.
Es wurde nicht zu schnell gespielt, man hat die Sänger gut gehört.
Bei diesem letzten Zitat ging es um die Oper "Samson et Dalila". Eine ungefähr 500 Seiten dicke Partitur wird mit "feinfühlig" und "unaufgeregt" abgetan.
Da ist von "schwierigen Partituren" die Rede, aber was daran schwierig oder kompliziert ist, welche Stellen besonders vertrackt sind oder hohe Ansprüche an das Orchester stellen, und WARUM sie es sind, oder wie dem Dirigenten und dem Orchester bestimmte Stellen gelangen, das bleibt er einem schuldig.
Vielleicht wird da gehofft, dass der Leser sagt: "Oho, er redet von komplizierten Partituren, na der muss sich auskennen". Sowas KANN ich einfach nicht ernst nehmen.
Gleichwohl aber wird ausführlich über die Regiearbeit und das Bühnenbild berichtet, da werden alle möglichen Details erläutert: ""Der Regisseur lässt die Figur XY dieses und jenes machen, verpasst ihr eine neue Hintergrundgeschichte, die erst offenbar wird, als die ursprünglich nur als Randfigur gedachte YX am Ende des 3. Akts noch einmal auftaucht und ..." usw. usw.
LG, Hosenrolle1
Peter Brixius (13.04.2015, 18:16): Original von Hosenrolle1 Kritiken zu kritisieren macht mir (wie Dir) da schon eher Spaß. Aber das mache ich prinzipiell nur bei Profis. Laienkritiken sind für mich wichtige Erfahrungsberichte.
Ich selbst achte eigentlich nicht so sehr darauf, ob derjenige ein Laie ist oder nicht. Es gibt ja, wie gesagt, Profis, die meinen, dass ihre Kritiken eigene kleine Kunstwerke sein müssen.
Da muss ich mich präzisieren. Aber zunächst eines vorausgeschickt. Da ich häufiger in Uraufführungen sitze, bin ich da so gut wie sicher, dass anwesende Kritiker keine Partitur zur Verfügung haben/hatten, wenigstens in der Regel.
Eine Partitur hilft mir, Fragestellungen und Eindrücke zu verorten. Und da mache ich eben einen großen Unterschied zwischen einer wissenschaftlichen beschäftigung mit einem Werk oder einem Opernerlebnis. In dem einen Fall wird die Analyse vorwiegen, in dem anderen die Schilderung eines Erlebnisses. Man kann sicher auch beides miteinander verbinden. Deshalb unterscheide ic auch eine "professionelle" Kritik (da erwarte ich deutlich mehr Vorwissen, ich nehme an, dass wir da in der Hautsache einer Meinung sind) und eine Laienkritik. Natürlich schreibt kein "blutiger Laie" eine Opernkritik, die Leute, die das hier in dem Forum machen, haben alle Vorkenntnisse und Erfahrungen, das sind keine blutigen Laien. Aber eben auch keine Profis.
Ich hätte sehr gerne Laienkritiken zum "Telemaco" gelesen, so mussten mir Pausengespräche und Nach-Oper-Bemerkungen weiter helfen. Die Frage war in etwa: Was vermittelt sich bei einer grundsätzlichen Offenheit zu einer historischen Oper aus dem 18. Jahrhundert? Für mich ist das Verstörende, dass kaum über die Musik gesprochen wird, sondern weitgehend nur über die Inszenierung. Aber wenn Musik nur mehr Anlass für eine Inszenierung ist, dann ist mir das deutlich zu wenig.
Nein ein Laienkritiker hätte mir vermitteln können, wo er emotional besonders bewegt war, was ihn ergriffen hat, wo er mitlitt. mitliebte, mithasste. Was an der Musik ihm zugänglich war, was ihn verstörte. Dafür braucht man die Partitur nicht zu kennen.
Wo ich meine Probleme mit Laienkritikern habe: Wenn sie Profis nachahmen, im Duktus, im Stil, in Urteilen. Da können sie nur verlieren. Wobei ... ganz stimmt das nicht. manchmal lese ich da Einverständlicheres als beim Profi. Kurz, jeder der mit ein wenig Selbstbewusstsein von seinen Operneindrücken schreibt, ist bei mir willkommen. Wenn es dann noch sprachlich stimmt ...
Ich finde, der Anspruch, zumindest ein bisschen Noten lesen zu können ist nicht zu hoch, denn das lernt man – wenn man es denn möchte – sehr schnell, und man muss sich dann nicht nur auf sein Gehör verlassen, sondern kann z.B. auch sehen, wer was spielt. Es geht nicht um Musiktheorie, sondern darum, dass man etwa die Stimme eines Instruments, eine Melodie nachverfolgen kann.
Wie gesagt: Wenn wir zusammen in eine "Aida" gehen (da nehme ich an, dass Du davon noch keine Note gesehen hast), können wir die Oper erleben und hinterher - da bin ich sicher - ein langes Gespräch über unsere Eindrücke führen. Wir könnten auch die Eindrücke schriftlich niederlegen. Dann hätten wir zwei Laienkritiken. Du wirst Dir da vielleicht wie ein Seiltänzer ohne Absicherung vorkommen, aber ich locke Dich schon unbeschadet über das Seil.
Und solche vorläufigen, aber nützliche, einsichtige, schöne Eindrücke finde ich immer wieder bei Laienkritiken.
Also ein gewisses Grundwissen wäre mir für einen Kritiker schon wichtig – zumindest ansatzweise sich ein Werk zu erarbeiten. Dann fällt es auch leichter, zu benennen, welche Stellen man meint, welche Instrumente da spielen, worauf der Dirigent geachtet hat, an welchen Stellen sich Klänge besonders schön gemischt haben, usw.
Je mehr man davon - auch Dank der Erfahrung - mitliefern kann, umso besser. Das muss aber nicht bessere Kritiken bedeuten :cool Noch einmal: Mit einer Kritik will ich jemand anderem meine Erlebnisse in der Oper vermitteln. Kritik ist für mich erst einmal das sprachliche Vermögen, Erlebnisse, vor allem musikalische, zu kommunizieren. Wie immer spielt da eine Rolle, wem ich etwas kommuniziere. Und so gibt es eine ganze Bandbreite von Kritiken.
Ich habe mal eine Arbeit über Laienkritik (diesmal literarische) bei Amazon geschrieben. Da habe ich über tausend kritische Äußerungen über einen Glottauer-Roman analysiert. Da reicht eben auch die Laienkritik von "hat mir gefallen" bis zu einem mehrseitigen Erfahrungsbericht (meist mit einer umfangreichen Inhaltsangabe). Auf der einen Seite ist die Laienkritik Resultat einer Beschäftigung mit einem Werk (in unserem Fall also einem Opernbesuch), auf der anderen Aufforderung an den Leser, eine Aufführung zu besuchen/zu vermeiden. In die Annalen der Literaturgeschichtsschreibung sollen solche Texte nicht eingehen. Dabei gibt es darunter Texte von einem erstaunlich hohem Niveau.
Und dann würden sicher auch weniger Sätze wie „Das Orchester spielte sehr gut und dynamisch“ oder „Meisterhaft verstand es der Dirigent, die vielen Klangschattierungen der Partitur plastisch und nuancenreich zu Gehör zu bringen“ auftauchen.
Für mich zählt also nicht die Ausdrucksweise, der Schreibstil, sondern, ob sich jemand mit einem Werk WIRKLICH beschäftigt hat, und gewisse Grundkenntnisse mitbringt und Wert darauf legt, die Arbeit des Dirigenten und des Orchesters nicht mit einem oder zwei kurzen Sätzen abzutun.
Es gibt Fachleute, die um vieles mehr wissen als ich, denen aber die Fähigkeit fehlt, das Wissen für jeden verständlich mitzuteilen. Dann liest man die Analyse einer Haydn-Sinfonie (um mich mal an meine Agenda wieder zu erinnern), aber die Form der Darstellung spricht nur für einen anderen Fachmann, der die Informationen decodieren kann. Deshalb in Sachen Symphonie Nr. 76 auf wikipedia oder Michael Walter zu verweisen, bringt mE nur wenig für die Leute, die ich erst einmal für das Werk gewinnen will. Da gefällt mir ein Erlebnisbericht schon viel besser.
Leider - und darauf weist Du hin, sind solche Berichte leicht mit formelhaften Aussagen überzogen, die zwar einen guten Wiedererkennungswert, aber wenig Inhalt verbunden sind. Wenn man sich da an unsern Goethe hielte:
Such Er den redlichen Gewinn! Sei Er kein schellenlauter Tor! Es trägt Verstand und rechter Sinn Mit wenig Kunst sich selber vor! Und wenn's euch Ernst ist, was zu sagen, Ist's nötig, Worten nachzujagen?
Liebe Grüße Peter
Hosenrolle1 (03.05.2015, 22:22): Das Thema hier heißt "Grenzen und Möglichkeiten"; eine Grenze sollte für einen Kritiker m.E. darin liegen, das Publikum direkt oder in Bezug auf eine Inszenierung zu beleidigen.
Ein Beispiel dafür habe ich unlängst im "Opernfreund" gelesen, über die "Don Pasquale" Aufführung in der Wiener Staatsoper.
http://www.deropernfreund.de/staatsoper-6.html]
Dort wird in der Überschrift gesagt: "Etwas für schlichte Gemüter".
Es mag sein, dass die Inszenierung für den Kritiker zu klamaukhaft war, und sie ihm nicht gefallen hat - völlig legitim!
Aber dem Publikum, das Spaß daran fand, ein "schlichtes Gemüt" zu unterstellen - das geht einfach nicht. Das ist überheblich und absolut unprofessionell.
LG, Hosenrolle1
Billy Budd (04.05.2015, 00:01): Oh doch, das geht.
Cantus Arcticus (04.05.2015, 10:02): Original von Hosenrolle1 Das Thema hier heißt "Grenzen und Möglichkeiten"; eine Grenze sollte für einen Kritiker m.E. darin liegen, das Publikum direkt oder in Bezug auf eine Inszenierung zu beleidigen.
Ein Beispiel dafür habe ich unlängst im "Opernfreund" gelesen, über die "Don Pasquale" Aufführung in der Wiener Staatsoper.
http://www.deropernfreund.de/staatsoper-6.html]
Dort wird in der Überschrift gesagt: "Etwas für schlichte Gemüter".
Es mag sein, dass die Inszenierung für den Kritiker zu klamaukhaft war, und sie ihm nicht gefallen hat - völlig legitim!
Aber dem Publikum, das Spaß daran fand, ein "schlichtes Gemüt" zu unterstellen - das geht einfach nicht. Das ist überheblich und absolut unprofessionell.
Liebe Hosenrolle1 Ich habe den von Dir genannten Artikel auf deropernfreund.de gelesen (auf diesen Post hin). Ja, auf den ersten Blick ist das ist eher harte Schreibkost aber: Der Rest des Artikels bezieht sich - aus meiner persönlichen Sicht - eher auf ein mehr als "verunglücktes" Bühnenbild.... www.deropernfreund.de/staatsoper-6.html Irina Brook – die Tochter des legendären britischen Theaterregisseurs Peter Brook – verpflanzte die Handlung in ein italienisches Nachtlokal der 1960iger Jahre. Ein Anflug von "Italianità", die auch zu Donizettis Musik passen würde, kam in dieser Aufführung leider nur selten auf. Noëlle Ginefri-Corbel hatte nämlich ein zunächst eher düsteres und schäbiges Lokal, das man in Wien als Cafe-Espresso bezeichnen würde, auf die Bühne gestellt. Weit entfernt von einem mondänen Nightclub, weit entfernt von einer italienischen Bar.
...sowie auf eine unpassende Ausstattung:
www.deropernfreund.de/staatsoper-6.html Auch die Kostüme von Sylvie Martin-Hyszka hinterließen keinen bleibenden Eindruck, ich frage mich manchmal, wieso kann man nicht einmal talentierte Absolventen von Modeschulen dazu bringen für das modische Outfit auf Opernbühnen zu sorgen.
Wenn ich nun andere Beiträge auf dieser Seite zu anderen Aufführungen lese, bekomme ich wohl einen Eindruck davon, was an der Staatsoper so "abgeht" :B
Ich kann Billy gut verstehen :(
Grüsse :hello Stefan
Hosenrolle1 (04.05.2015, 13:41): Original von Cantus Arcticus Ich habe den von Dir genannten Artikel auf deropernfreund.de gelesen (auf diesen Post hin). Ja, auf den ersten Blick ist das ist eher harte Schreibkost aber: Der Rest des Artikels bezieht sich - aus meiner persönlichen Sicht - eher auf ein mehr als "verunglücktes" Bühnenbild.......sowie auf eine unpassende Ausstattung:
Das mag einerseits sicher auch zutreffen, gleichzeitig schreibt der „Rezensent“ aber auch: (Hervorhebung von mir)
Dass Brook aber offenbar das Qualitätsniveau in dieser Komödie an amerikanische TV-Vorabendserien oder Musikantenstadl-reife Gags annähert, das verwunderte doch einigermaßen. Wenngleich das Publikum lautstark Gefallen an diesem Klamauk fand.
Und im Titel der Rezension, auf der Hauptseite, steht:
Don Pasquale für schlichte Gemüter - Riesenbeifall!
Und ich schrieb ja im vorigen Post von direkten Beleidigungen, oder der Möglichkeit
Original von Hosenrolle1 in Bezug auf eine Inszenierung zu beleidigen.
Also sozusagen indirekte Beleidigungen.
Zugegeben, dieser konkrete Fall ist vergleichsweise harmlos, aber es gibt leider tatsächlich Rezensionen, in denen sich der Schreiber nicht entblödet über das Publikum herzuziehen, oftmals gekoppelt mit irgendwelchen Vermutungen, was in den Köpfen dieser "dummen breiten Masse" vorgeht.
(Interessanterweise kommen diese fast immer nur im Zusammenhang mit der Regie vor, oder mit der Handlung des Stückes)
Gut, es ist auch zu beobachten, dass diejenigen, die so etwas tun, nicht vom Fach sind. In dieser Rezension etwa wird die Musik in einem einzigen Satz abgetan mit:
In musikalischer Hinsicht bemühte sich Jesús López Cobos am Pult des Wiener Staatsopernorchesters um Esprit, was ihm aber nicht in allen Phasen gelang.
Das war´s. Auch eher schlicht, oder? :ignore
Im Opernfreund etwa schreiben aber auch keine bezahlten Kritiker, insofern rege ich mich über so etwas gar nicht auf. Wer beleidigt, hat keine Argumente, und disqualifiziert sich dadurch schon selbst.
Ich lese da lieber Zeitschriften wie das "Opernglas", da gibt es Rezensionen, die durch Informationen und Fachwissen glänzen, nicht durch Beleidigungen :wink
LG, Hosenrolle1
Severina (04.05.2015, 15:21): Original von Cantus Arcticus Wenn ich nun andere Beiträge auf dieser Seite zu anderen Aufführungen lese, bekomme ich wohl einen Eindruck davon, was an der Staatsoper so "abgeht" :B
Ich kann Billy gut verstehen :(
Grüsse :hello Stefan
Lieber Stefan,
ich kann Dir versichern, dass das, was Frau Brook anscheinend unter Humor versteht, eine Beleidigung für jeden nur halbwegs anspruchsvollen Opernbesucher darstellt! Insofern fühle ICH mich von Frau Brook beleidigt, keineswegs von der sehr zutreffenden Kritik von Ernst Kopica - der im Übrigen sehr wohl vom Fach ist!
Ich beneide Dich um Deine Nähe zur Züricher Oper! Früher war ich regelmäßig dort (auch in Basel), leider schaffe ich das aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr.
lg Severina :hello
Hosenrolle1 (04.05.2015, 15:40): Ernst Kopica - der im Übrigen sehr wohl vom Fach ist!
Das kann durchaus sein; es wäre nur schön, wenn man das auch in seinen Kritiken erkennen könnte, in denen das Dirigat, das Orchester, die Interpretation leidiglich in einem, max. zwei Sätzen pauschal abgetan werden.
Beispiele:
Carmen:
Im Graben sorgte der umtriebige Gerrit Prießnitz für genügend Schwung und verzichtete auf allzu plakative Effekte.
Albert Herring
Wie der musikalische Leiter Gerrit Prießnitz für eine perfekte Umsetzung der Partitur sorgte, verdient uneingeschränktes Lob.
Der Wildschütz
Routinier Alfred Eschwé motivierte das Volksopernorchester zu einer kompakten Wiedergabe, auch die einzelnen Soloeinwürfe passten perfekt.
Die verkaufte Braut
Enrico Dovico führt am Pult das Orchester und die Sänger souverän durch den Melodienreichtum Smetanas.
Ein Walzertraum
Dirigent Guido Mancusi konnte bei diesen Rahmenbedingungen auch mit dem Volksopernorchester keine Wunderdinge vollbringen
Vielleicht haben wir auch nur eine sehr unterschiedliche Auffassung der Bezeichnung "vom Fach". Wie auch immer, ich bleibe dabei: wer beleidigt, disqualifiziert sich.
LG, Hosenrolle1
Cantus Arcticus (04.05.2015, 16:17): Original von Severina Original von Cantus Arcticus Wenn ich nun andere Beiträge auf dieser Seite zu anderen Aufführungen lese, bekomme ich wohl einen Eindruck davon, was an der Staatsoper so "abgeht" :B
Ich kann Billy gut verstehen :(
Grüsse :hello Stefan
Lieber Stefan,
ich kann Dir versichern, dass das, was Frau Brook anscheinend unter Humor versteht, eine Beleidigung für jeden nur halbwegs anspruchsvollen Opernbesucher darstellt! Insofern fühle ICH mich von Frau Brook beleidigt, keineswegs von der sehr zutreffenden Kritik von Ernst Kopica - der im Übrigen sehr wohl vom Fach ist!
Ich beneide Dich um Deine Nähe zur Züricher Oper! Früher war ich regelmäßig dort (auch in Basel), leider schaffe ich das aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr.
lg Severina :hello
Liebe Severina Vielen Dank für Deine Antwort und es tut mir leid zu hören, das Deine Gesundheit ein Besuch der Oper in der Limmatstadt (oder der Rheinstadt) verunmöglicht. Ich glaube aus Deinem Post echte Empörung heraus zu hören. Ich habe den betreffenden Eintrag auf der Webseite nochmals durchgelesen: Es stimmt, die Schreibe ist unter aller ... :ignore. X(
Eine Frage: Wo muss ich Herrn Ernst Kopica einordnen? Der Name kommt mir bekannt vor, aber woher...?
Viele Grüsse :hello Stefan
Cantus Arcticus (04.05.2015, 17:01): Liebe Hosenrolle1 Danke für Deine Erläuterungen :thanks Ich nehme einfach ein paar Zitate heraus, um noch das Meinige dazu zu schreiben, okay?
Original von Hosenrolle1
Das mag einerseits sicher auch zutreffen, gleichzeitig schreibt der „Rezensent“ aber auch: (Hervorhebung von mir)
Dass Brook aber offenbar das Qualitätsniveau in dieser Komödie an amerikanische TV-Vorabendserien oder Musikantenstadl-reife Gags annähert, das verwunderte doch einigermaßen. Wenngleich das Publikum lautstark Gefallen an diesem Klamauk fand.
Ja, klingt so nach der saufenden und grölenden Räuberhorde, die im Wirtshaus randaliert.
Und im Titel der Rezension, auf der Hauptseite, steht:
Don Pasquale für schlichte Gemüter - Riesenbeifall!
Annahme von mir: Da ist des Schreibers eherner Anspruch an staubtrockene Ernsthaftigkeit - enttäuscht und beleidigt - mit der Zivilisation des 21. Jahrhunderts kollidiert?
Und ich schrieb ja im vorigen Post von direkten Beleidigungen, oder der Möglichkeit
Original von Hosenrolle1 in Bezug auf eine Inszenierung zu beleidigen.
Also sozusagen indirekte Beleidigungen.
Zugegeben, dieser konkrete Fall ist vergleichsweise harmlos, aber es gibt leider tatsächlich Rezensionen, in denen sich der Schreiber nicht entblödet über das Publikum herzuziehen, oftmals gekoppelt mit irgendwelchen Vermutungen, was in den Köpfen dieser "dummen breiten Masse" vorgeht.
(Interessanterweise kommen diese fast immer nur im Zusammenhang mit der Regie vor, oder mit der Handlung des Stückes)
Auch wenn vergleichsweise harmlos, ist er es meiner Meinung nach nur bedingt. Wodurch zeichnet sich "richtige" Regie aus? Ist die Anpassung einer Szene an heutige Lebensformen richtig oder falsch? Will ich Verdis MacBeth in einer Inszenierung aus der Ursprungszeit sehen oder als Intrigenspiel, welches im Umfeld einer lateinamerikanischen Revolution angesiedelt ist? Nun ja, ist SEHR WEIT hergeholt, aber als extreme durchaus vertretbar. Wenn ich es nicht schaffe, unvoreigenommen eine Neuinszenierung zu besuchen, wo alles möglich ist und dies auch gemacht wird, sondern von vornherein mit - der vielleicht erhofften - Erwartung des Fehlschlags im Publikum Platz nehme... dann würde ich zumindest darüber nachdenken, wie ich meine Zeit künftig zu nutzen gedenke. Denn das ist keine sinnvolle Freizeitbeschäftigung :(
Gut, es ist auch zu beobachten, dass diejenigen, die so etwas tun, nicht vom Fach sind. In dieser Rezension etwa wird die Musik in einem einzigen Satz abgetan mit:
In musikalischer Hinsicht bemühte sich Jesús López Cobos am Pult des Wiener Staatsopernorchesters um Esprit, was ihm aber nicht in allen Phasen gelang.
Das war´s. Auch eher schlicht, oder? :ignore
Ja, und oft gepaart mit diffusem Halbwissen. Würde man den Schreiber nach Dingen fragen wie z.B.: Was ist mit Phasen gemeint? Sind es Rezitative? Meint er die Ouvertüre oder bestimmte Chorpassagen? Oder hat der Dirigent Phasen gehabt? Haben ihm bestimmte SängerInnen und die Art, wie Sie singen, nicht gefallen und warum? Was meint der Schreiber mit "Esprit"? Hingabe? Richtige Akzentuierung der Partiturvorgaben? Ich bin sicher, da schweigt des Kritikers Mund....
Im Opernfreund etwa schreiben aber auch keine bezahlten Kritiker, insofern rege ich mich über so etwas gar nicht auf. Wer beleidigt, hat keine Argumente, und disqualifiziert sich dadurch schon selbst.
Ich lese da lieber Zeitschriften wie das "Opernglas", da gibt es Rezensionen, die durch Informationen und Fachwissen glänzen, nicht durch Beleidigungen :wink
Vermutung: Vielleicht ist genau das der Grund, warum die Kritiker im Opernfreund und NICHT im Opernglas schreiben. Wobei ich dem Opernfreund per se keine Unterstellungen hinsichtlich Ernsthaftigkeit und Motivation machen möchte.
Liebe Grüsse :hello Stefan
Hosenrolle1 (04.05.2015, 17:28): Liebe Hosenrolle1 Danke für Deine Erläuterungen :beer
Danke auch dir für deine Antwort, die ich mit großem Interesse gelesen habe! :beer
Annahme von mir: Da ist des Schreibers eherner Anspruch an staubtrockene Ernsthaftigkeit - enttäuscht und beleidigt - mit der Zivilisation des 21. Jahrhunderts kollidiert?
Vor allem habe ich es so verstanden, dass zuerst gesagt wird: „Diese Inszenierung ist für schlichte Gemüter“, um dann direkt hinterher zu schildern, wie das Publikum (nämlich mit einem „Riesenbeifall“, der auch noch mit Ausrufezeichen hervorgehoben wird) reagiert hat - und somit beides in Verbindung bringt.
Auch wenn vergleichsweise harmlos, ist er es meiner Meinung nach nur bedingt. Wodurch zeichnet sich "richtige" Regie aus? Ist die Anpassung einer Szene an heutige Lebensformen richtig oder falsch? Will ich Verdis MacBeth in einer Inszenierung aus der Ursprungszeit sehen oder als Intrigenspiel, welches im Umfeld einer lateinamerikanischen Revolution angesiedelt ist? Nun ja, ist SEHR WEIT hergeholt, aber als extreme durchaus vertretbar.
Es ging mir ja auch keineswegs darum, das der Rezensent keine Freude hatte mit den Kalauern auf der Bühne. Nach dem, was da geschrieben wurde über die Inszenierung, hätte ich auch keine Lust, mir das anzusehen.
Was ich einfach schlimm finde, ist die Überheblichkeit in manchen Rezensionen (wobei diese hier zugegeben wirklich noch harmlos ist, ich las da schon ganz andere), die teilweise sogar in Beleidigungen mündet.
Wenn ich es nicht schaffe, unvoreigenommen eine Neuinszenierung zu besuchen, wo alles möglich ist und dies auch gemacht wird, sondern von vornherein mit - der vielleicht erhofften - Erwartung des Fehlschlags im Publikum Platz nehme... dann würde ich zumindest darüber nachdenken, wie ich meine Zeit künftig zu nutzen gedenke.
Ich kann dir da nur voll und ganz zustimmen!
Viele Kritiken (nicht nur beim Opernfreund, das war jetzt nur ein Beispiel unter vielen) zeigen leider sehr deutlich, dass der Rezensent klar auf einer bestimmten Seite geht und mit einer bestimmten Erwartung in die Oper geht. Wird diese nicht erfüllt, hagelt es Kritik.
Diese Erwartungen können natürlich unterschiedlich sein: die einen wollen UNBEDINGT eine Verlegung in die Neuzeit sehen und schimpfen teilweise in ihren Kritiken sogar auf „altbackene“ Bühnenbilder, andere wiederum verteufeln alle Neudeutungen und schimpfen generell einmal darüber.
Für mich lesen sich diese Kritiken dann nur wie eine Meinungsmache, aber keineswegs objektiv und schon gar nicht informativ. Ich möchte nicht wissen, was der Kritiker für richtig und falsch hält, ich möchte, dass er mir sagt, wie die Aufführung war. Natürlich kann und soll er dabei auch seine Meinung dazu vertreten – diese aber unbedingt auch begründen; zu sagen „Das war gut“ oder „Das war schlecht“ ist zuwenig.
Kurz: ein Kritiker sollte unvoreingenommen sein, und nicht davon erzählen, wie SEINE Erwartungen enttäuscht wurden.
Ja, oder oft nur diffuses Halbwissen. Würde man den Schreiber nach Dingen fragen wie z.B.: Was ist mit Phasen gemeint? Sind es Rezitative? Meint er die Ouvertüre oder bestimmte Chorpassagen? Oder hat der Dirigent Phasen gehabt? Haben ihm bestimmte SängerInnen und die Art, wie Sie singen, nicht gefallen und warum? Was meint der Schreiber mit "Esprit"? Hingabe? Richtige Akzentuierung der Partiturvorgaben?
Auch hier: 100%ige Zustimmung.
Vermutung: Vielleicht ist genau das der Grund, warum die Kritiker im Opernfreund und NICHT im Opernglas schreiben. Wobei ich dem Opernfreund per se keine Unterstellungen hinsichtlich Ernsthaftigkeit und Motivation machen möchte.
Ich auch nicht, und ich habe dort auch schon ein paar gute Rezensionen gelesen, wo (wenn auch nicht im von mir persönlich gewünschten Umfang) Meinungen auch nachvollziehbar begründet wurden.
LG, Hosenrolle1
Billy Budd (04.05.2015, 17:55): Bin ich der einzige, der nicht kapiert, um was in dieser Diskussion eigentlich gehen soll?
Severina (04.05.2015, 18:29): Nun ja, es geht darum, ob Ernst Kopica in seiner Don_Pasquale-Kritik die Dinge beim Namen nennen darf oder ob das eine Beleidigung des Publikums darstellt. Ich fürchte, dass Stefan weiter oben meine Position missverstanden hat, denn ich bin in diesem Punkt ganz der Meinung von EK (Was ich bei Gott nicht immer bin :cool!)
Wenn Du, lieber Stefan, schreibst: "Annahme von mir: Da ist des Schreibers eherner Anspruch an staubtrockene Ernsthaftigkeit - enttäuscht und beleidigt - mit der Zivilisation des 21. Jahrhunderts kollidiert?" so tust Du ihm damit bitter Unrecht. Herr Kopica verfügt sehr wohl über Humor, nur hat das, was in dieser Inszenierung abgeht, mit Humor nur sehr bedingt zu tun. Es ist, um mich zu wiederholen, primitiver Holzhammerklamauk, und um den lustig zu finden, braucht's wohl wirklich ein schlichtes Gemüt. Niemand erwartet sich bei "Don Pasquale" staubtrockene Ernsthaftigkeit, aber Unterhaltung auf einem gewissen Niveau. (Über die Züricher Inszenierung 2006 konnte ich z.B. herzlich lachen!) Wenn es jemand zum Brüllen komisch findet, dass Don Pasquale alle paar Sekunden sein Toupet verliert - nun ja.......
lg Severina :hello
Billy Budd (04.05.2015, 18:32): Original von Severina Nun ja, es geht darum, ob Ernst Kopica in seiner Don_Pasquale-Kritik die Dinge beim Namen nennen darf oder ob das eine Beleidigung des Publikums darstellt. Ich fürchte, dass Stefan weiter oben meine Position missverstanden hat, denn ich bin in diesem Punkt ganz der Meinung von EK (Was ich bei Gott nicht immer bin :cool!) Danke, habs vorhin echt net durchschaut :ignore ... naja, im Don Pasquale war ich auch nicht und werd auch nicht gehen, Floréz hin oder her...
Cantus Arcticus (05.05.2015, 08:58): Original von Severina Nun ja, es geht darum, ob Ernst Kopica in seiner Don_Pasquale-Kritik die Dinge beim Namen nennen darf oder ob das eine Beleidigung des Publikums darstellt. Ich fürchte, dass Stefan weiter oben meine Position missverstanden hat, denn ich bin in diesem Punkt ganz der Meinung von EK (Was ich bei Gott nicht immer bin :cool!)
Wenn Du, lieber Stefan, schreibst: "Annahme von mir: Da ist des Schreibers eherner Anspruch an staubtrockene Ernsthaftigkeit - enttäuscht und beleidigt - mit der Zivilisation des 21. Jahrhunderts kollidiert?" so tust Du ihm damit bitter Unrecht. Herr Kopica verfügt sehr wohl über Humor, nur hat das, was in dieser Inszenierung abgeht, mit Humor nur sehr bedingt zu tun. Es ist, um mich zu wiederholen, primitiver Holzhammerklamauk, und um den lustig zu finden, braucht's wohl wirklich ein schlichtes Gemüt. Niemand erwartet sich bei "Don Pasquale" staubtrockene Ernsthaftigkeit, aber Unterhaltung auf einem gewissen Niveau. (Über die Züricher Inszenierung 2006 konnte ich z.B. herzlich lachen!) Wenn es jemand zum Brüllen komisch findet, dass Don Pasquale alle paar Sekunden sein Toupet verliert - nun ja.......
lg Severina :hello
Liebe Severina Danke für Deine Berichtigung. Da ich ihm - und auch anderen - auf keinen Fall Unrecht tun will, habe ich es als Annahme mit Fragezeichen formuliert.... sorry, war nicht genau ersichtlich aus meinem Text.
Ah ja, eine Berichtigung noch zum eigenen Text oben wegen des Halbwissens: Dass will ich Herrn Kopica ebenfalls in keinster Weise unterstellen.... Ich habe zwischenzeitlich auf dem Netz ein bisschen recherchiert und meinen Wissenstand zur Person ein wenig erweitern können.
Viele Grüsse :hello Stefan
Nicolas_Aine (05.05.2015, 20:50): Original von Severina Nun ja, es geht darum, ob Ernst Kopica in seiner Don_Pasquale-Kritik die Dinge beim Namen nennen darf oder ob das eine Beleidigung des Publikums darstellt. Ich fürchte, dass Stefan weiter oben meine Position missverstanden hat, denn ich bin in diesem Punkt ganz der Meinung von EK (Was ich bei Gott nicht immer bin :cool!)
Wenn Du, lieber Stefan, schreibst: "Annahme von mir: Da ist des Schreibers eherner Anspruch an staubtrockene Ernsthaftigkeit - enttäuscht und beleidigt - mit der Zivilisation des 21. Jahrhunderts kollidiert?" so tust Du ihm damit bitter Unrecht. Herr Kopica verfügt sehr wohl über Humor, nur hat das, was in dieser Inszenierung abgeht, mit Humor nur sehr bedingt zu tun. Es ist, um mich zu wiederholen, primitiver Holzhammerklamauk, und um den lustig zu finden, braucht's wohl wirklich ein schlichtes Gemüt. Niemand erwartet sich bei "Don Pasquale" staubtrockene Ernsthaftigkeit, aber Unterhaltung auf einem gewissen Niveau. (Über die Züricher Inszenierung 2006 konnte ich z.B. herzlich lachen!) Wenn es jemand zum Brüllen komisch findet, dass Don Pasquale alle paar Sekunden sein Toupet verliert - nun ja.......
lg Severina :hello
Muss das eine - auch im konkreten Fall - denn das andere ausschließen?
Severina (05.05.2015, 23:01): Lieber Nicolas,
tut mir Leid, aber ich stehe im Moment total auf der Leitung: Was genau meinst Du damit?
lg Severina :hello
Nicolas_Aine (07.05.2015, 19:42): Kein Problem, wahrscheinlich hätte ich mich deutlicher ausdrücken sollen.
Was ich sagen wollte: Kann man denn nicht die Dinge beim Namen nennen, ohne das Publikum zu beleidigen? Er könnte doch z.B. schreiben, dass der Humor nicht gelungen war oder die Gags stupide waren oder ähnliches. Weil auch wenn Kopica in der Sache Recht haben mag (das will und kann ich nicht beurteilen), muss er doch nicht gleich dem Publikum ein schlichtes Gemüt vorwerfen, das sehe ich wie Hosenrolle1.
Severina (07.05.2015, 22:11): Lieber Nicolas,
danke für die Klarstellung! Im Prinzip hast Du natürlich recht, aber die Sache hat noch einen anderen Hintergrund. EKs Berichte stehen nämlich auch im online-Merker, wo man im Forum nicht die geringsten Skrupel hat, Opernbesuchern, die moderne Inszenierungen bevorzugen, perverse Neigungen oder andere psychopathische Defekte zu unterstellen. Es wird z.B. auch behauptet, dass der Beifall für diese Inszenierungen gar nicht ernst gemeint ist, in Wahrheit gefällt den Leuten dieser Mist gar nicht (Es kann nicht sein, was nicht sein darf!!), sie tun nur so, weil sie "in" sein wollen, und was der Unsinnigkeiten mehr sind.
Daher sehe ich in EKs Bemerkung zum "schlichten Gemüt" mancher Opernbesucher eine eher harmlose Retourkutsche für das, was sich die anhören müssen, die andere Inszenierungsformen mögen. Aber klar, einfach so in den Raum gestellt kommt es nicht so gut rüber, da muss ich Dir zustimmen!
lg Severina :hello
Nicolas_Aine (07.05.2015, 23:21): Liebe Severina,
ah, danke für die Hintergrundinfos, ich kenne mich weder in der Opern- noch in der Kritikerwelt aus.
Viele Grüße, Nicolas
Hosenrolle1 (10.05.2015, 20:15): Ich habe mir heute ein Interview mit Prof. Joachim Kaiser auf der Seite von Bayern 4 Klassik angehört, und darin geht es auch um das Schreiben von Kritiken.
Im 1. Abschnitt kann ich Kaiser nur teilweise folgen, weil ich nicht ganz weiß, worauf er hinauswill:
Sie müssen so schreiben, dass sie diese verschiedenen Gruppen (gemeint sind verschiedene Zuschauer mit verschiedenen Ansprüchen an eine Rezension, Anm.) erreichen, und das gelingt ihnen nur, wenn sie imstande sind, den Gegenstand, über den sie schreiben, zu dramatisieren.
Bis dahin ok.
Das heißt sie müssen sich zum Stück, zur Aufführung eine These oder zwei zurechtlegen und müssen imstande sein diese These so vorzutragen und so lebendig zu machen, dass die Informationen, die sie zu geben haben, sozusagen wie Konterbande erscheinen als Argumente, die die These stützen.
Mit der „These“ verstehe ich nun, dass man sich zur jeweiligen Aufführung (NICHT zu der jeweiligen Oper generell!) Gedanken macht und eine klare Meinung über die erbrachten Leistungen vertritt. Und diese Meinung gilt es – wenn ich es richtig verstehe – nun durch die Informationen so zu transportieren, dass sie gleichzeitig als Argumente dienen.
Ein bisschen sehr undeutlich formuliert, finde ich, aber bitte.
Nun aber der interessantere Teil:
Diese Fähigkeit, einen Gegenstand so vorzuführen dass eine Kritik nicht nur eine Aufzählung von Noten ist. „Der König war gut, die Königin war schlechter, für das Kind wollen wir uns gar nicht mehr interessieren“, das ist schlecht.
Ja, da bin ich ganz bei ihm; diese bloßen Aufzählungen trifft man häufig an, und leider sind sie auch tatsächlich sehr kurz gehalten.
Jede Kritik die so aufgebaut ist, dass ich merke, sie hat eigentlich kein wirkliches Ziel, sondern da wird nur abgehakt „wie war der eine, wie war der andere“, das ist schlecht, weil in dem Moment, wo sie im Stande sind etwas interessant zu machen, etwas dramatisch zu machen, da kann es sein, dass es die Menschen wirklich interessiert.
Auch hier volle Zustimmung.
Wo ich Kaisers Meinung nicht so ganz vertrete, ist dieser Satz:
Eine Kritik so abzufassen geht ohne eine gewisse künstlerische Sensibilität nicht.
Ich würde generell nicht sagen, dass „gute“ Kritiken tolle Literatur sein müssen. Man kann auch in einfachen Worten diese Kriterien, die Kaiser oben nennt, erfüllen, dessen bin ich mir sicher. Insgesamt denke ich, Kaiser so verstanden zu haben, dass es ihm v.a. um die Nachvollziehbarkeit einer Rezension geht; Thesen werden aufgestellt und begründet.
LG, Hosenrolle1
Hosenrolle1 (11.05.2015, 16:22): Gerade habe ich eine Kritik zum Rheingold im Landestheater Linz gelesen.
http://www.deropernfreund.de/linz-donau-6.html
Die Rezension beginnt äußerst vielversprechend:
Dem Programmheft war zu entnehmen, dass das Landestheater Linz als weltweit erstes Theater Das Rheingold mit dem neu edierten Orchestermaterial des Schott-Verlags nach der Richard Wagner-Gesamtausgabe herausbringt. In erwartungsvoller Spannung ließ sich der Rezensent daher auf seinen Sitz nieder.
Das klingt sehr interessant, und nun möchte ich auch wissen, ob es Unterschiede zu den "üblichen" Fassungen gibt, und wenn ja, wie groß diese sind und/oder wie sie aussehen.
Nach der Rezension, die es zum Glück vermeidet, sich ausladend mit der Inszenierung zu beschäftigen, sondern v.a. über die sängerischen Leistungen redet, ging es endlich um die Musik:
Dennis Russel Davies war am Pult des Linzer Bruckner-Orchesters ein unterstützender Begleiter der Stimmen, was natürlich auf Kosten der dramatischen Struktur der Partitur ging. Er vermied ausladende sinfonische Bögen und setzte vielmehr auf einen zurückhaltenden Wagner-Sound
Das fand ich sehr enttäuschend; was ist nun mit den Änderungen? Hat man die gemerkt? Sollte der Rezensent die Oper (idealerweise auch die Partitur und deren verschiedene Ausgaben) so gut kennen, dass man die Änderungen hört?
Und, angenommen, man hätte es nicht gehört: wieso erwähnt er dies nicht, indem er anmerkt, dass ihm keine Änderungen aufgefallen sind? Hier erfahre ich lediglich, dass der Dirigent nicht allzu laut hat spielen lassen.
Schade!
LG, Hosenrolle1
Hosenrolle1 (16.05.2015, 23:09): Die Überschrift dieses Beitrags könnte fast eine Frage an Joachim Kaiser sein, ist es aber nicht.
Es geht um eine aktuelle Rezension im "Merker" zum Freischütz in Dresden.
Da gab es folgende Passage:
Matter Einheitsapplaus auch für wirklich herausragende Einzelleistungen und wenig vernehmbare Anteilnahme an Werk und Wiedergabe in Pausengesprächen waren an beiden Abenden zu registrieren – für echte Opernfans ein enttäuschender Faktor. Was in Wien aufgrund der billingen Stehplätze und eines relativ großen Kontingents an erschwinglichen Sitzplätzen (zwischen 10.- und 15.-€), den Stammbesuchern möglich gemacht wird, nämlich fast tägliche Opernbesuche, das ist in der sächsischen Residenzstadt kaum denkbar.
Wenn ich in einer Kritik, oder auch nur einem Bericht etwas von "echten Fans" lese, höre ich normalerweise sofort auf zu lesen. Denn was soll das sein? Gibt es eine offizielle Checkliste, in denen steht, wer ein echter Fan ist und wer nicht?
Diesem Text könnte ich entgegen halten: "Ein echter Fan ist, wer in der Pause NICHT mit anderen plaudert, sondern zum Orchestergraben geht und sich dort umschaut. Und ein echter Fan geht nicht so oft wie möglich in zig Opern, nur damit er oft dort war, sondern beschäftigt sich intensiv mit weniger Opern. Und: ein echter Fan muss Partituren lesen."
Das ist natürlich nicht ernst gemeint - und deswegen hätte eine solche Aussage auch NICHTS in einer Rezension verloren, weil sie bewertend und unhaltbar ist.
Erst vorgestern spielte AC/DC hier in Österreich ein Konzert. Im Forum einer österr. Tageszeitung war da immer die Rede davon, wie langweilig das Publikum doch sei, und das seien keine echten Fans, und die stärkste Aussage war: "Solche Fans hat die Band nicht verdient!".
Da machen die Leute also ihren Spaß an einem Konzert abhängig vom Rezeptionsverhalten anderer Besucher, oder den Themen der Gespräche untereinander in der Pause.
"MEINE Meinung ist, dass das keine echte Fans sind, und weil das MEINE Meinung ist, habe ich Recht, und alle anderen nicht."
LG, Hosenrolle1
Rotkäppchen (16.05.2015, 23:29): Genau diese Kritik hatte ich heute auch gelesen. Ja, die Sache mit den echten (und unechten) Opernfans war sicher nicht diplomatisch formuliert, da gebe ich Dir recht.
Allerdings hat die Rezensentin Tatsachen beim Namen genannt, die für die, ja wie nenne ich sie denn jetzt, einheimischen regelmäßigen Operngänger wirklich schmerzlich sind. Ich kann das aus eigener Erfahrung bestätigen, dass es (a) ein Horror sein kann, in organisierte Touristengruppen hineinzugeraten, (b) man sich total ausgegrenzt fühlt, wenn komplette Vorstellungen an Reiseanbieter verkauft werden (wird explizit in der Rezension angesprochen) und (c) regelmäßige (von täglichen will ich gar nicht reden, da fehlte mir ohnehin die Zeit) Opernbesuche aus preislichen Gründen in Dresden unmöglich sind (es sein denn, man spezialisiert sich auf unpopuläre Werke, was ich partiell tue). Insofern haben mir die Bemerkungen schon aus dem Herzen gesprochen, ungeschickte Formulierung hin oder her...
Hier nochmal der Link: http://www.der-neue-merker.eu/dresden-semperoper-der-freischuetz
LG, Rk (zur Zeit in Opernpause aus o.g. Gründen)
Hosenrolle1 (02.08.2015, 07:18): Gerade sehe ich eine Kritik zu einer "Siegfried"-Aufführung, die man hier ansehen kann: http://www.der-neue-merker.eu/erl-tiroler-festspiele-siegfried-tenorale-durchhaltekraft-wurde-nicht-belohnt
Dabei fiel mir eine Stelle auf:
Zäumen wir einmal das Pferd von hinten auf und beginnen wir mit dem Schlussapplaus nach Richard Wagners Siegfried bei den Tiroler Festspielen Erl. Denn da ließ es das Publikum an Fachkenntnis und Fingerspitzengefühl mangeln, als Michael Baba in der Titelrolle bestenfalls einen Gefälligkeitsapplaus erhielt.
Man spricht also dem gesamten Publikum "Fachkenntnis" ab, weil es für den Rezensenten nicht laut und lang genug geklatscht hat. Aha.
Da stellt sich mir die Frage, wieviel Fachkenntnis braucht man, um zu merken, dass ein Sänger ständig untergeht in der Musik, oder jederzeit deutlich zu hören ist? Und: wird hier nicht der eigene Geschmack über den der anderen gestellt? Was, wenn dem Publikum die Stimme, die "lyrischen Passagen" etc. einfach nicht gefallen haben?
Könnte es nicht auch sein, dass das Publikum nach den über 4 Stunden Spielzeit keine große Lust hatte, lange und heftig zu applaudieren? Oder dass einem diese Oper nicht so wichtig ist? Oder man Wagner mag, jedoch nur seine Musik, nicht den Gesang?
Das sind alles Faktoren, die durchaus eine Rolle spielen können - aber mit "Die wissen alle nichts" macht man es sich m.E. schon sehr einfach.
Was schreibt der Rezensent denn über die Musik:
Mit der entschuldbaren Ausnahme des Hornrufes spielten die Damen und Herren wiederum ganz ausgezeichnet.
Respekt! Über 4 Stunden Dirigat auf den Punkt gebracht - ganz ausgezeichnet!
LG, Hosenrolle1
Severina (02.08.2015, 13:32): [Dieser Beitrag und einige folgende Passagen wurden gelöscht. Die kompletten Beiträge finden sich hier: http://das-klassikforum.de/thread.php?postid=130489]
Satie
Hosenrolle1 (02.08.2015, 18:23): Zurück zum Ausgangspost: Dem ganzen Publikum mangelnde "Fachkenntnis und Fingerspitzengefühl" zu unterstellen, halte ich auch für zumindest gewagt, auch hier wäre wohl eine andere Formulierung besser gewesen.
Und um nichts anderes ging es mir hier, danke, dass du das nochmal gesagt hast hier :). Wenn in einer Kritik steht, dass das Publikum sich in irgendeiner Weise schlecht benommen hat, etwa Telefonklingeln, Quatschen während der Vorstellung etc., dann ist das eine Sache.
Aber einfach mal einer unbekannten Masse pauschal die "Fachkenntnis" abzusprechen, nur weil sie dem Rezensenten nicht laut genug geklatscht hat, finde ich mehr als übertrieben. Man kennt diese Leute ja nicht persönlich.
@Hosenrolle: Naja, zumindest der Satz danach bezieht sich ja auch noch auf die Orchesterleistung. Aber viel ists nicht, da gebe ich dir Recht.
Interessant wäre z.B. zu erfahren, was es mit dem Hornruf auf sich hat. Wenn der Rezensent schon anderen mangelnde Fachkenntnis vorwirft, dann wäre es doch schön, wenn er selbst ein 4 stündiges Dirigat nicht in einem Satz abtut. Welche Stellen gelangen besonders gut und warum, welche waren seiner Meinung nach weniger berauschend und warum? Es "verlangt" ja keine eine detaillierte Analyse, aber zumindest ein bisschen eine Beschreibung wäre doch was Feines.
LG, Hosenrolle1
Rotkäppchen (02.08.2015, 22:13): Haben wir das nicht schonmal diskutiert: bei den Kritiken im Online-Merker sollte/darf man nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen, da die Kritikerschaft aus ganz unterschiedlichen Opernfreaks besteht, die eben nicht alle professionelle Kritiker sind. Außerdem: undiplomatische, verletzende Äußerungen (sei es nun gegen Publikum oder gegen die Musiker :() lassen ja auch professionelle Kritiker vom Stapel ... leider.
LG, Rk :hello
Cetay (inaktiv) (03.08.2015, 12:17): Original von Severina wenn ich über einen Konzertbesuch schriebe: "Das Violinkonzert Op.61 von Beethoven ist wirklich tolle Musik, aber besser wäre es ohne diese Solovioline." So weit hergeholt ist dieses Beispiel nicht. Ich habe mal in einer vergleichenden Besprechung des Violinkonzerts von Sibelius darauf hingewiesen, dass Kritiker nur selten auf den Orchesterteil eingehen, obwohl der bei diesem Konzert von gleicher Wichtigkeit ist (belegt mit Zitaten des Komponisten) und dass ich deswegen die von der Kritik bevorzugten Aufnahmen und die Kritker an sich nicht ganz so hoch einschätze - was in den Ohren eines Mitglieds ein ärgerlicher auf-Teufel-komm-raus origneller Ansatz war. So weit so gut. Ich habe danach allerdings nicht in gefühlt 1327 anderen Threads immer aufs neue darauf hingewiesen, dass die Violine bei einem Violinkonzert nicht die alleinige Hauptrolle spielt. Ich wüßte nicht, wozu ich das tun sollte, wenn ich einmal die Botschaft bekommen habe, dass das niemand wissen will.
Hosenrolle1 (09.08.2015, 11:20): Kopfschüttelnd lese ich gerade die aktuelle Rezension zu einer Freischütz-Aufführung unter der Regie von B. Fassbaender.
http://deropernfreund.de/jennersdorf-12.html
So heißt es über die Wolfsschlucht-Szene:
Die Wolfsschlucht-Szene war klug gelöst - anstelle von altbackenem romantischen Geisterwald waren Max, Kasper und Samiel von allen anderen Figuren des Stückes umgeben, die mit Masken regungslos an Tischen saßen
Das ist ja ein ziemlich beliebtes Wort - "altbacken".
Nur, die Wolfsschlucht ist KEIN romantischer Geisterwald, sondern eben eine Schlucht, mit Felswänden, einem Wasserfall, etc.
Und was ist altbacken an der Natur? Gibt es heutzutage keine Wälder, keine Schluchten mehr? Gab es die nur vor 200 Jahren?
Und: Masken sind nicht altbacken? Soviel ich weiß, trug man die schon vor Jahrhunderten bei Theateraufführungen. Aber bitte, zumindest weiß man, dass der Rezensent völlig vorurteilsfrei in die Aufführung gegangen ist :D
Was soll uns damit vermittelt werden? Hat das Böse gesiegt? Wenn schon Brigitte Fassbaender nicht der göttlichen Erlösung vertrauen will, dann wäre ihr vielleicht jene Lösung zu empfehlen gewesen (...)
Ja, am Ende gibt es KEINE (altbackene) göttliche Erlösung, die gibt es auch im Stück nicht. Max wird ein Probejahr gewährt, und eine unsinnige Tradition wurde abgeschafft.
Eine Schlucht auf der Bühne zu zeigen, womöglich noch mit echt aussehenden Bäumen (furchtbar! wie kitschig!) ist also altbacken, göttliche Erlösungen aber nicht. Ok.
Am Ende der Rezension wird HUG auch noch als Kinderoper bezeichnet.
Keine Sorge, ich nehme sowas nicht ernst, ich lache da nur darüber :J
Trotzdem zeigen solche Aussagen, dass ein Kritiker möglichst unvoreingenommen sein sollte; ich wette, hätte man da halbwegs naturalistische Bühnenbilder gehabt, hätte die Regie noch so toll sein können, der Rezensent hätte sie abgelehnt - oder womöglich geschrieben, dass die Regie toll war, TROTZ der altbackenen Kulissen.
LG, Hosenrolle1
Peter Brixius (09.08.2015, 11:43): Lieber hosenrolle1,
da tust Du gut daran, die Rezension nicht ganz ernst zu nehmen. Wo es eine Inszenierung gibt, wird es in der Regel auch einen Musikjournalisten geben, der - allein schon wegen all der sinngebenden Informationen aus dem Arbeitsstamm des Regisseurs - die Inszenierung "versteht".
Die Wolfschluchtszene ist eine Märchenhandlung, ebenso wie der "Freischütz" märchenhafte Züge hat. Es ist eben eine Oper der Romantik. Die sollte man nicht nach Belieben umdrehen.
Liebe Grüße Peter
Hosenrolle1 (09.08.2015, 13:17): Schwierig wird es halt, wenn man mit einer bestimmten Erwartungshaltung in die Oper geht.
Man muss dem Rezensenten ja zu Gute halten, dass er manche Regieeinfälle auch kritisiert, und auch auf manche musikalischen Sachen eingeht, so erwähnt er etwa die Viola am Ende von Ännchens Nummer im 3. Akt, etc.
Zwar nicht wirklich ausführlich, aber immerhin besser als nur zu schreiben: "Spielten schön".
Dabei wird klar, wie die Erwartungshaltung des Rezensenten aussah: eine gescheite "Neudeutung", bloß keine altbackene Gespenstergeschichte aus Ururururururgroßmutters Zeiten.
Was ich nebenbei auch eigenartig fand; es wird geschrieben:
Die Wolfsschlucht-Szene war klug gelöst - anstelle von altbackenem romantischen Geisterwald waren Max, Kasper und Samiel von allen anderen Figuren des Stückes umgeben, die mit Masken regungslos an Tischen saßen und wohl die Komplexe, Ängste und Träume von Max verkörperten.
Also offenbar weiß der Rezensent selbst nicht 100%ig, was das überhaupt zu bedeuten hatte, inwiefern kann man es dann "klug" finden?
Sieht man sich aber diese Rezension an, so bemerkt man, dass das Wort recht inflationär gebraucht wird.
Auch in der Rezension darunter, vom selben Rezensenten über den Figaro, steht zu lesen:
Sehr klug war auch die Chorfrage gelöst: der Chor im ersten Akt war überhaupt gestrichen, für die Chorpasssagen im 3.Akt wurde der sauber einstudierte Jugend- und Kinderchor eingesetzt
Ja, irrsinnig klug, wenn man Stücke aus einer Oper einfach weglässt!
LG, Hosenrolle1
EinTon (09.08.2015, 13:56): Original von Peter Brixius Lieber hosenrolle1,
da tust Du gut daran, die Rezension nicht ganz ernst zu nehmen. Wo es eine Inszenierung gibt, wir es in der Regel auch einen Musikjournalisten geben, der - allein schon wegen all der sinngebenden Informationen aus dem Arbeitsstamm des Regisseur - die Inszenierung "versteht".
Wobei Rezensionen natürlich immer subjektiv sind (und das auch sein dürfen!), und man sollte sie als (natürlich im Idealfall gut begründete) Meinungen lesen. Man braucht die Meinung ja nicht zu teilen, aber sich jetzt darüber zu echauffieren, dass ein Rezensent einen Standpunkt vertritt, der einem selber nicht gefällt halte ich nicht für zielführend...
Original von Peter Brixius Die Wolfschluchtszene ist eine Märchenhandlung, ebenso wie der "Freischütz" märchenhafte Züge hat. Es ist eben eine Oper der Romantik. Die sollte man nicht nach Belieben umdrehen.
Liebe Grüße Peter
Ich halte es nicht grundsätzlich für illegitim, die Intention des Librettoautors/Komponisten ggf. auch durch die Inszenierung zu konterkarieren, nach dem Motto von Lachenmann "Schönheit ist Verweigerung von Gewohnheit"...
Ob solche "Umdeutungen" immer überzeugend gelingen ist natürlich noch einmal eine andere Frage.
Peter Brixius (09.08.2015, 14:09): Lieber EinTon,
Umdeutungen sind auch bei mir durchaus erwünscht. Die Wolfschluchtszene bietet einem Psychoanalytiker durchaus Ansatzpunkte. Was es hier besonders schwierig macht: Für Kind und für Weber war das eine zentrale Szene - und zwar genau so, wie sie da steht. Es ist eine andere Wirklichkeit, die auf unsere Wirklichkeit wirkt. Wie man mit der Wolfschlucht umgeht, ist dann aber das Entscheidende, also als Manifestation von Naturkräften, als Wirken des Bösen - und da kann man sich noch einiges einfallen lassen.
Wenn man so ein Szenarium aus der Sagenwelt kennt, dann wundert einen sofort eines: Warum zwingt Samiel in dieser Lage Max nicht zu einem Pakt. Drunter wäre es in keiner sagenhaften Geschichte gelaufen. Dass Samiel am Ende als Alternative hat, den ihm ohnedies verfallenen Samiel einzusammeln oder - als fernes Ziel - Max und Agathe als Opfer einzuheimsen, ist doch für einen Teufel eine zu billige Sache - bei den gelieferten Freikugeln.
Kurz: Jede Umdeutung muss ihre Konsistenz beweisen. Schafft sie das nicht, ist sie misslungen.
Liebe Grüße Peter
EinTon (09.08.2015, 14:11): Original von Hosenrolle1
Ja, am Ende gibt es KEINE (altbackene) göttliche Erlösung, die gibt es auch im Stück nicht.
Eine Schlucht auf der Bühne zu zeigen, womöglich noch mit echt aussehenden Bäumen (furchtbar! wie kitschig!) ist also altbacken, göttliche Erlösungen aber nicht. Ok.
Aber gerade dann, wenn Du es so siehst, müsstest Du ziemlich viele Stücke in denen es sehr wohl um "göttliche Erlösungen" geht, (z. B. die Oper "Saint François d'Assise" von Messiaen, aber auch den Großteil aller Oratorien etc.) umschreiben bzw. "neudeuten". Und das ist doch - wie ich Dich so kenne - gerade nicht Deine Intention...
Hosenrolle1 (09.08.2015, 14:19): Original von EinTon Wobei Rezensionen natürlich immer subjektiv sind (und das auch sein dürfen!), und man sollte sie als (natürlich im Idealfall gut begründete) Meinungen lesen. Man braucht die Meinung ja nicht zu teilen, aber sich jetzt darüber zu echauffieren, dass ein Rezensent einen Standpunkt vertritt, der einem selber nicht gefällt halte ich nicht für zielführend...
Das habe ich aber nicht getan, vielmehr hat mich gestört, dass der Rezensent offenbar nicht vorurteilsfrei in eine Aufführung geht, sondern mit einer bestimmten Erwartungshaltung.
Ich halte es nicht grundsätzlich für illegitim, die Intention des Librettoautors/Komponisten ggf. auch durch die Inszenierung zu konterkarieren, nach dem Motto von Lachenmann "Schönheit ist Verweigerung von Gewohnheit"...
Ich mag ja die Handlung, die Personen des Freischützes eigentlich gar nicht, ich halte nichts vom Abknallen von Tieren nur des Spaßes wegen.
Aber ich sehe schon, dass diese Oper alles andere als eine "Heile Welt"-Oper ist, die wie ein 50er Jahre Heimatfilm möglichst gute Laune verbreiten will.
Dafür ist schon die Musik von Weber viel zu düster, es brodelt unter der scheinbaren Idylle. Man sehe sich nur die Einleitung von Agathens Cavatine im 3. Akt an, wo die Hörner eine Reihe von Synkopen spielen, so dass man als Hörer keinen Taktschwerpunkt erkennen kann, erst das kurz darauf einsetzende Cello verschafft ein bisschen mehr Klarheit - hier ist alles aus den Fugen geraten.
Am Ende stirbt der Böse, Samiel hat seinen Triumph, und eine alte Tradition wurde aufgegeben, die Gesellschaft muss sich quasi neu ordnen.
Viele, die den Freischütz möglichst mit Kulissen sehen wollen, die der Rezensent "altbacken" nennt, denken aber leider, dass die Oper recht oberflächlich ist. Ein schöner Wald, ein bisschen Spukerei und schöne Musik.
Leider denken das aber auch manche Rezensenten von diesem Werk, die deswegen naturalistische Kulissen auf keinen Fall sehen wollen.
LG, Hosenrolle1
EinTon (09.08.2015, 14:29): Original von Hosenrolle1 Das habe ich aber nicht getan, vielmehr hat mich gestört, dass der Rezensent offenbar nicht vorurteilsfrei in eine Aufführung geht, sondern mit einer bestimmten Erwartungshaltung.
Eine "Erwartungshaltung" hat aber wohl jeder von uns in einer Opern- oder Konzertaufführung, Du und ich eingeschlossen :wink. D.h. auch das würde dem Rezensenten nicht unbedingt vorwerfen.
Hosenrolle1 (09.08.2015, 14:44): Original von EinTon Eine "Erwartungshaltung" hat aber wohl jeder von uns in einer Opern- oder Konzertaufführung, Du eingeschlossen :wink.
Das stimmt natürlich, nur denke ich, als Kritiker sollte man in der Hinsicht objektiver sein; es ist wie das Beispiel mit dem Kritiker, der keine Western mag.
Ein schlechter Filmkritiker wird jeden Western schlecht bewerten, egal ob es ein Billigstreifen mit miesen Darstellern ist, oder "Zwei glorreiche Halunken" von Leone.
Ein guter Kritiker wird aber, obwohl ihm das Genre nicht zusagt, merken, dass es auch im unbeliebten Genre schlechte und gute und sogar überragende Filme gibt, und das auch so schreiben.
Um das auf die Oper umzulegen: wenn beim Freischütz sozusagen naturalistische Kulissen zu sehen sind, dann kann die Inszenierung (Personenführung, etc.) gut oder schlecht sein - der Kritiker denkt nur "Altbacken, verstaubt, von gestern" und bewertet schlecht.
Ein guter Kritiker wird aber bei "klassischen", aber auch bei modernen Inszenierungen erkennen, ob etwas gut oder schlechter ist.
Natürlich spielt der eigene Geschmack da auch noch eine Rolle, gar keine Frage, und man muss die Meinung des Kritiker, egal wie sie ausfällt, auch nicht teilen.
Aber wenn ich das lese, möchte ich doch schon in der Hinsicht ein bisschen mehr Objektivität. Wenn dann noch inhaltliche Fehler dazu kommen, die zeigen, dass der Schreiber das Werk gar nicht mal so gut kennt, wird es noch schwieriger.
Früher habe ich gegen moderne Inszenierungen, aber auch gegen klassische Inszenierungen mit schlechter Personenführung ordentlich gewettert, aber mittlerweile tu ich das eigentlich nicht mehr. Wenn ich das sehe, dann beschreibe ich höchstens, was in der Inszenierung vorkommt, ohne es zu bewerten, ansonsten bleibe ich lieber bei der Schilderung des Gesangs und der Musik, das ist mir dann doch wichtiger.
Wenn also beispielsweise eine Inszenierung für mich schrecklich ist, manche SängerInnen oder das Dirigat aber echt super, dann empfehle ich den Datenträger weiter.
LG, Hosenrolle1
EinTon (09.08.2015, 14:53): Original von Hosenrolle1 Um das auf die Oper umzulegen: wenn beim Freischütz sozusagen naturalistische Kulissen zu sehen sind, dann kann die Inszenierung (Personenführung, etc.) gut oder schlecht sein - der Kritiker denkt nur "Altbacken, verstaubt, von gestern" und bewertet schlecht.
Und tust Du nicht genau das bei "Regietheater"-Inszenierungen? :)
Hosenrolle1 (09.08.2015, 15:10): Ich bewerte es für mich, aber in der Rezension schreibe ich nur was vorkommt, damit sich der Leser selbst entscheiden kann, ob er das sehen will oder nicht.
Wie gesagt, für mich ist Musik und Gesang dann doch wichtiger, und wenn das passt, empfehle ich es weiter.
LG, Hosenrolle1
Hosenrolle1 (09.08.2015, 15:37): Wenn ich etwa sehe, dass das Knusperhaus in einer Inszenierung SO aussieht:
dann werde ich nur sagen, was man sieht, OHNE es zu bewerten. Vielleicht noch darauf hinweisen, dass ich mich frage, wieso die Titelfiguren von einem "Giebel" und "Fenster wie Zucker so blank" singen, Text und Bühnenbild hier nicht zusammenpassen, was aber keine Wertung an sich ist.
LG, Hosenrolle1
Hosenrolle1 (30.09.2015, 22:39): Etwas ratlos hat mich eine Stelle einer aktuellen Kritik zur Oper "Der König Kandaules" im neuen Merker zurückgelassen.
In dem Stück gibt es ja eine Stelle, an der sich Nyssia auszieht (nicht zu vergleichen mit der Salome, wo die Nacktheit durchaus Interpretationssache ist, da davon bei Wilde und bei Strauss nichts konkretes steht!).
Nyssia lüftet tatsächlich nur ihren Gesichtsschleier, steht also nicht entblößt vor den „Freunden“, wie auch die einst so anrüchige Bettszene mit viel Geschmack und bewundernswerter Dezenz dargeboten wurde, Voyeure kamen mit Recht nicht auf ihre Kosten!)
"Voyeure kamen mit Recht nicht auf ihre Kosten!". Ich meine, ich kann mir schon schwer vorstellen, dass sich jemand eine ca. 3 stündige Oper antut, nur um mal für einen Augenblick eine nackte Frau zu sehen, die, wenn er Pech hat, ihm noch nicht mal gefällt.
Die Szene spielt ja in diesem Schlafzimmer, in dem sich eine Frau auszieht - sind dann nicht eigentlich ALLE Zuseher Voyeure, wenn sie ihren Blick nicht abwenden?
Angenommen, man würde "nur" den nackten Oberkörper sehen, und alles wäre sehr ästhetisch, fantasievoll, mit Andeutungen inszeniert, kurz: so, dass alles sehr kunstvoll aussieht, und nicht auf bloße Skandalwirkung hin plump oder gar ordinär inszeniert wird- wäre man da immer noch ein Voyeur, oder wird man zum Kunstgenießer, wenn man hinschaut? Nackte Haut wäre ja immer noch zu sehen.
LG, Hosenrolle1
Cantus Arcticus (01.10.2015, 17:02): Original von Hosenrolle1 Etwas ratlos hat mich eine Stelle einer aktuellen Kritik zur Oper "Der König Kandaules" im neuen Merker zurückgelassen.
In dem Stück gibt es ja eine Stelle, an der sich Nyssia auszieht (nicht zu vergleichen mit der Salome, wo die Nacktheit durchaus Interpretationssache ist, da davon bei Wilde und bei Strauss nichts konkretes steht!).
Nyssia lüftet tatsächlich nur ihren Gesichtsschleier, steht also nicht entblößt vor den „Freunden“, wie auch die einst so anrüchige Bettszene mit viel Geschmack und bewundernswerter Dezenz dargeboten wurde, Voyeure kamen mit Recht nicht auf ihre Kosten!)
"Voyeure kamen mit Recht nicht auf ihre Kosten!". Ich meine, ich kann mir schon schwer vorstellen, dass sich jemand eine ca. 3 stündige Oper antut, nur um mal für einen Augenblick eine nackte Frau zu sehen, die, wenn er Pech hat, ihm noch nicht mal gefällt.
Die Szene spielt ja in diesem Schlafzimmer, in dem sich eine Frau auszieht - sind dann nicht eigentlich ALLE Zuseher Voyeure, wenn sie ihren Blick nicht abwenden?
Angenommen, man würde "nur" den nackten Oberkörper sehen, und alles wäre sehr ästhetisch, fantasievoll, mit Andeutungen inszeniert, kurz: so, dass alles sehr kunstvoll aussieht, und nicht auf bloße Skandalwirkung hin plump oder gar ordinär inszeniert wird- wäre man da immer noch ein Voyeur, oder wird man zum Kunstgenießer, wenn man hinschaut? Nackte Haut wäre ja immer noch zu sehen.
LG, Hosenrolle1
Nun, interessanter Punkt. Wenn man die Entwicklung des Körperbewusstseins genauer anschaut, dann kann man heute davon ausgehen, dass aufgrund des - ich sage es einmal so - sexuellen Overkills in unserer Gesellschaft das sich ausziehen (für Film oder Bühne) so normal ist wie Kuchenbacken. Man kann auch fragen: - Ist das Auftreten eines Aktmodells im Kunststudium zwecks Zeichenstunde ebenfalls Gegenstand möglichen Voyeurismus'? - Oder der Besuch einer Bilderausstellung, der nackte Menschen zeigt?
Ich finde mich hier wieder bei der Sinnfrage: Ist es dramaturgisch sinnvoll und notwendig, dies zu tun oder ist es nur PR-Zweck? Gibt das Libretto eine solche Handlung vor?
Ich habe da eine einfache, aber klare Haltung: Die wenigsten Operninszenierungen sind so gut, dass Sie gefahrlos solche Szenen ohne Blessuren überstehen.
Was meine ich damit: Wenn die Handlung der Oper solche Szenen vorgibt und die Inszenierung macht wie sie heisst: Sie inszeniert die Oper, dann wird eine solche Szene automatisch als inhärenter Bestandteil der Handlung wahrgenommen. Alles andere ist Mumpitz oder Selbstverwirklichung des Regisseurs. Aber das ist meine Meinung und die kann jetzt sehr kontrovers diskutiert werden.... :cool
Viele Grüsse :hello Stefan
Hosenrolle1 (01.10.2015, 17:45): Vorweg: falls das Thema umfangreicher werden sollte und/oder andere dafür sind, habe ich selbstverständlich kein Problem, wenn diese Diskussion in einen passenderen Thread verschoben wird!
Nun, interessanter Punkt. Wenn man die Entwicklung des Körperbewusstseins genauer anschaut, dann kann man heute davon ausgehen, dass aufgrund des - ich sage es einmal so - sexuellen Overkills in unserer Gesellschaft das sich ausziehen (für Film oder Bühne) so normal ist wie Kuchenbacken. Man kann auch fragen: - Ist das Auftreten eines Aktmodells im Kunststudium zwecks Zeichenstunde ebenfalls Gegenstand möglichen Voyeurismus'? - Oder der Besuch einer Bilderausstellung, der nackte Menschen zeigt?
Das sind mMn ebenfalls sehr gute Beispiele, denn auch hier wird Nacktheit eigentlich „kunstvoll“ in Szene gesetzt. (Wobei natürlich die gemalten Bilder durchaus sehr ordinär bis abstoßend sein können, was man, wie ich vermute, einem Maler wohl eher nachsehen würde als einem Opernregisseur).
Ich fände es ja eigenartig, wenn ein Museum solche Bilder ausstellt, jedoch teilweise oder völlig verhüllt, mit der Begründung, dass Voyeure nicht auf ihre Kosten kommen sollen. Vielleicht kein wirklich guter Vergleich, aber dennoch.
Ich finde mich hier wieder bei der Sinnfrage: Ist es dramaturgisch sinnvoll und notwendig, dies zu tun oder ist es nur PR-Zweck? Gibt das Libretto eine solche Handlung vor?
Leider habe ich weder bei Imslp noch im Internet das Libretto des „König Kandaules“ gefunden, es soll auf dem Stück Le Roi Candaule basieren, jedoch kann ich leider kein französisch. Deswegen kann ich leider auch nicht genau sagen, das Zemlinsky für eine Regieanweisung gibt.
Laut der Wikipedia-Beschreibung zieht sich Nyssia nackt aus und wird dabei beobachtet, ohne dass sie es merkt, da der Beobachter unsichtbar ist.
Ich habe da eine einfache, aber klare Haltung: Die wenigsten Operninszenierungen sind so gut, dass Sie gefahrlos solche Szenen ohne Blessuren überstehen. Was meine ich damit: Wenn die Handlung der Oper solche Szenen vorgibt und die Inszenierung macht wie sie heisst: Sie inszeniert die Oper, dann wird eine solche Szene automatisch als inhärenter Bestandteil der Handlung wahrgenommen.
Da bin ich ganz bei dir: wenn im Libretto deutlich steht, dass so etwas zu sehen ist, dann ist es nunmal Bestandteil der Handlung; in diesem konkreten Fall wäre es, eine entsprechende Regieanweisung in der Partitur vorausgesetzt, ein wichtiger Bestandteil, denn, Zitat Wikipedia:
"Er drängt dem sich anfangs wehrenden Gyges den im Fisch gefundenen Ring auf, von dem er mittlerweile herausgefunden hat, dass er magisch ist und die Fähigkeit hat, seinen Träger unsichtbar zu machen. (...) Kandaules hilft ihr beim Entkleiden und verlässt heimlich das Zimmer. Der unsichtbare Gyges ist nun mit ihr allein. Er kann ihrer Schönheit nicht widerstehen und verbringt die Nacht mit ihr, die ihn für ihren Ehemann hält.“
Es geht meines Erachtens nicht darum, dass die ZUSCHAUER Voyeure sind und auf ihre Kosten kommen, sondern dass dieser Gyges offenbar eher unfreiwillig einer ist, dann aber von ihrem Anblick überwältigt wird.
Alles andere ist Mumpitz oder Selbstverwirklichung des Regisseurs.
Hier weiß ich nicht, ob ich dich richtig verstehe.
Vielleicht ein konkretes Beispiel: in der Salome steht ja weder bei Wilde noch bei Strauss etwas davon, dass sie am Ende des Tanzes nackt sein soll, obwohl ja vieles (auch Wildes Aussagen über diese Figur) darauf hindeutet.
Nun habe ich diesen Tanz in miesen Versionen (nicht nur Oper, auch Theater!) gesehen, wo die Nacktheit am Ende eher nach Effekthascherei aussah, ich sah auch welche, wo der komplett enthüllte Körper sehr fantasie- und kunstvoll inszeniert wurde. Und auch solche, wo man nur teilweise nackt war, oder die Nacktheit eher angedeutet wurde, ebenfalls ästhetisch inszeniert.
Nehmen wir an, im Libretto würde tatsächlich stehen, dass sie nackt ist – wäre dann eine fantasievolle, ästhetische, „künstlerische“ Inszenierung dieser Nacktheit auch eher Selbstverwirklichung, weil sie nicht einfach und direkt gezeigt wird?
Auf eine spannende Diskussion!
LG, Hosenrolle1
Peter Brixius (01.10.2015, 21:07): Lieber hosenrolle1,
der Stoff ist seit der Antike bekannt und wurde gern berbeitet, u.a. von Friedrich Hebbel "Gyges und sein Ring". Was den Naturzustand der Königin angeht, so spricht der Titel des Hans Sachs-Stück schon Bände:
Hans Sachs: Die nackat Kunigin von Lydia
Hier ist die Nacktheit tatsächlich ein zentraler Bestandteil der Geschichte, wie man sie allerdings auf die Bühne bringt, ist damit noch nicht gesagt. Wenn bei Hans Sachs die Frauenrollen von Männern gespielt wurden, war das Ergebnis vielleicht auch nicht so interessant. Aber spätestens unsere Maler ...
Liebe Grüße Peter
Hosenrolle1 (01.10.2015, 21:24): Danke für die Aufklärung!
Dass der Stoff schon SO alt ist wusste ich gar nicht - der Hans Sachssche Titel gefällt mir aber sehr gut :D
Um vielleicht meine Frage von vorher etwas zu präzisieren: in diesem Fall geht es ja darum, dass eine Frau denkt, sie sei alleine, während sie nackt dasteht oder sitzt oder sonst was macht.
Wäre es in diesem Falle auch ok, das Ganze fantasievoll und ästhetisch zu inszenieren, oder wäre das zu viel des Guten?
Die Salome tanzt ja öffentlich, WENN sie nackt ist, dann inszeniert sie es schon selbst möglichst wirksam, weil sie damit etwas erreichen möchte. Nyssia aber ist alleine und wird sich ganz anders verhalten in dieser Szene, nehme ich mal an.
(Blöd ist natürlich, dass ich mangels Libretto und Partitur keine Ahnung habe, wie diese Szene genau abläuft, was exakt passiert, was die Regieanweisungen sagen :()
LG, Hosenrolle1
satie (01.10.2015, 21:50): Original von Hosenrolle1 Wäre es in diesem Falle auch ok, das Ganze fantasievoll und ästhetisch zu inszenieren, oder wäre das zu viel des Guten?
Ich störe mich hier an dem Wort "ästhetisch". Wenn etwas inszeniert wird, kann es nicht ohne Ästhetik geschehen. Die Frage ist vielmehr, welcher Ästhetik es folgt. Das Wort gleichzusetzen mit einem Schönheitsbegriff wäre nicht richtig. Ich beobachte öfter, dass Leute etwas als "unästhetisch" bezeichnen, was schlicht kaum möglich ist.
Hosenrolle1 (01.10.2015, 22:22): Original von Satie Ich störe mich hier an dem Wort "ästhetisch". Wenn etwas inszeniert wird, kann es nicht ohne Ästhetik geschehen. Die Frage ist vielmehr, welcher Ästhetik es folgt. Das Wort gleichzusetzen mit einem Schönheitsbegriff wäre nicht richtig. Ich beobachte öfter, dass Leute etwas als "unästhetisch" bezeichnen, was schlicht kaum möglich ist.
Danke für den Hinweis, tatsächlich habe ich leider verabsäumt den Begriff nach meiner Vorstellung genauer zu definieren, und so klingt das ziemlich schwammig.
Ich versuche meine persönliche Auffassung davon mal an zwei Beispielen zu beschreiben.
Wenn Nyssia sich "ganz normal" ausziehen würde, also einfach die Sachen ablegen, und dann ebenfalls "ganz normal" herumgeht, dann wäre das für mich schon in der Kategorie Realismus.
Würde das aber z.B. so geschehen, dass sie zwar nackt ist, man aber etwa durch halbtransparente Kleidung, oder dem Spiel mit der Beleuchtung, mit Licht und Schatten, mit Perspektiven, mit Andeutungen usw. alles "in Szene setzt", dann wäre das für mich ästhetisch.
Oder, um ein stark überzogenes, übertriebenes, fiktives Beispiel zu nennen:
Würde die Salome sich den letzten Schleier vom Körper reißen und sich dann selbst am ganzen Körper befummeln, oder ungelenk herumhüpfen, dann wäre das für mich der Versuch des Regisseurs, zu provozieren oder zu schocken.
Ästhetisch wäre für mich z.B., wenn es so passiert wie auf Platz 2 meines Schleiertanz-Rankings (https://youtu.be/JNgniBjT3RI?t=9m19s), wo Salome, ihre Nacktheit nur noch mit den Händen bedeckend, von einem großen, halbtransparenten Tuch verhüllt wird, bevor aus sie demselben herauskommt, sich zur Seite dreht und Herodes für eine Sekunde alles zeigt, bevor sie davonhuscht.
Ästhetisch fand ich in dieser Version, dass man Salome unter diesem halbtransparenten Tuch sieht, mit der Fantasie, mit Andeutungen gespielt wird - ohne dass ich das Gefühl habe, dass es da um eine Schockwirkung oder Effekthascherei oder ähnliches gehen soll.
(In diesem konkreten Fall würde ich höchstens bemängeln, dass man sie schon BEVOR sie unter dem Tuch steckt ganz nackt sieht, aber darum geht´s jetzt nicht)
Zusammengefasst wäre "ästhetisch" für mich in erster Linie, wenn man (halb)nackte Körper nicht einfach nur "zeigt", sondern mit Dingen wie Beleuchtung, Kleidung etc. spielt, um es nicht plump, ordinär, realistisch oder gar geschmacklos wirken zu lassen.
"Kunstvoll" ist da sicher ein wesentlich passenderer Begriff, der es besser trifft. Das Wort "ästhetisch" habe ich in erster Linie als Gegenstück zu ordinären, vulgären, plumpen, auf Schockwirkung bedachten Darstellungen verwendet.
LG, Hosenrolle1
Hosenrolle1 (26.11.2015, 04:25): Ich habe mir ja fast schon abgewöhnt, die Opernkritiken beim „Opernfreund“ zu lesen, speziell die Kritiken von LS, die im Grunde nur aus Textbausteinen bestehen, die sich in jeder Rezension verlässlich wiederholen. Von der überheblichen Art und Weise, wie über „konventionelle“ Inszenierungen hergezogen wird, mal ganz abgesehen. Nach einer längeren Pause also habe ich mal wieder reingesehen, und mir ein paar Kritiken angetan … und war doch über gleich zwei Dinge überrascht.
Zum einen geht es um zwei Kritiken, einmal zur Salome, und einmal zur Norma.
Zur Salome schreibt LS folgendes:
Serebrennikovs „Salome“ weist einen knallharten Gegenwartsbezug auf. Gekonnt hat der Regisseur, (…) die Handlung in den Kontext des Islamischen Staates verlegt (…). Der Vorhang ist von Anfang an geöffnet. Noch während das Publikum seine Plätze einnimmt, flimmern über riesige Leinwände Bilder von Gewalt und Terror.
Breit wird in gewohnter Weise das Regiekonzept ausgewalzt, es wird beschrieben, wie aktuell das Ganze ist, um damit zu enden, dass das Ganze ein „in jeder Beziehung packender, preisverdächtiger Meilenstein unter den „Salome“-Deutungen“ sei.
Was muss ich dann aber bei der Norma lesen?
„Ohne das Drama mit allzu aktualisierenden Bildern zu knechten, holt die Regie die Geschichte von der unkeusch kollaborierenden Priesterin und dem Volksaufstand in eine eher symbolische Gegenwart.“
Moment: wurde die Salome also auch geknechtet? Oder ist das dort was anderes? Sehr konsequent ist das nicht, meiner Meinung nach.
Nun habe ich auch eine Rezension zu einem Fidelio gelesen, der extrem bearbeitet wurde.
Wie üblich lobt LS solche szenischen Veränderungen über den grünen Klee und erfreut sich an allen Dingen, die irgendetwas mit der Gegenwart zu tun haben, was z.B. in Äußerungen wie diesen ersichtlich wird:
Bis dahin musste man sich auf einige Überraschungen gefasst machen. Ein Theater, das einen Regisseur wie Tilman Knabe engagiert, kann davon ausgehen, dass er ihm keine klassische Inszenierung auf die Bühne stellt, sondern diese in der Gegenwart ansiedelt. Das ist sicher kein Fehler und sollte auch so sein, damit das betreffende Opernhaus seinem allgemeinen kulturpolitischen Auftrag, einen Spiegel der Jetztzeit zu bilden, genügen kann.
Ernsthaft? LS erklärt uns jetzt, wie Operninszenierungen auszusehen haben? Möglichst immer „aktuelle Bezüge“ einbauen? Und wo steht etwas davon, dass Opernhäuser den kulturpolitischen Auftrag haben, einen „Spiegel der Jetztzeit“ zu bilden? Auweia …
Ok, derlei ist man gewohnt, aber auch hier kam wieder etwas Überraschendes. Ein paar Auszüge aus der Schilderung der Inszenierung:
Das Publikum bezieht er in das Geschehen ein. In der Pause mischen sich einige bedrohlich anmutende, von Gisa Kuhn mit schwarzen Unformen und Stahlhelmen ausgestattete faschistische Soldaten unter die Besucher. Im Laufe des Abends werden Willküropfer der Stalinistischen Terrorherrschaft eingeblendet.
Pizarro und Rocco urinieren einmal ungeniert in die Pissoirs, die den rechten Teil der nüchtern wirkenden Bühne dominieren. Der auf die Putzfrau Marzelline lüsterne Jacquino muss auch mal sein (künstliches) Geschlechtsteil herausholen. Marzelline kennt Fidelios Geheimnis. Sie und Leonore dürfen sich splitterfasernackt zusammen in der Dusche vergnügen.
Kein Kommentar. Auch das wird natürlich gelobt, versteht sich.
Dann aber sowas:
In Trier brachte man indes zum größten Teil nicht Musik aus der Fassung letzter Hand auf die Bühne, sondern aus der Ur-Fassung von 1805, die den Titel „Leonore“ trägt und die recht beachtlich ist. Schade nur, dass man deshalb auf so manche liebgewonnene Musiknummer verzichten musste.
Da muss ich ihm aber recht geben. Gummidödel, lesbische nackte Frauen unter der Dusche, das passt alles zu Beethovens Stück, das lässt sich ohne Probleme damit vereinbaren. Aber die Ouvertüre zu streichen, das ist schon ein starkes Stück. DAS hätte Beethoven sicher nicht gewollt. Wenn der das wüsste ...
Das große Problem der Inszenierung bestand aber darin, dass Knabes Ansatzpunkt zu stark auf Kosten der herrlichen Musik ging.
Na und? Wir leben im Jahr 2015, da passt so eine verstaubte Musik nicht mehr so gut. Was sind denn das für konservative Ansichten?
Der erste Akt war lediglich einem Kammerorchester anvertraut. Marzelline sang ihre teilweise gekürzte Arie zu unvernehmbarer Musik aus dem Kopfhörer.
Sehr gut, SO muss das! Kopfhörer sind ein Bezug zur Jetztzeit. Ein genialer Einfall des Regisseurs, und so erfrischend aktuell! Ich sehe auch immer wieder Leute mit Kopfhörern, und manchmal trage ich sogar selbst welche.
Genial beobachtet.
Ihr anschließendes Duett mit Jacquino war lediglich von Bongos begleitet. Einmal übernahm lediglich das Akkordeon die musikalische Stütze der Sänger. Diese musikalisch nicht akzeptable Vorgehensweise zog sich praktisch durch den gesamten ersten Akt.
Nein nein, das ist völlig akzeptabel – denn, um wieder ernst zu werden – wenn man ein Stück wie Beethovens Fidelio so verschandelt, dann ist es nur konsequent, wenn man auch vor der Musik nicht Halt macht. Wenn man Regieanweisungen grob missachtet, dann ist das bewunderungswürdig, wenn man die Musik anrührt, auf einmal „nicht akzeptabel“`?
Tut mir leid, das ist eine Logik, die ich nicht verstehe, und ich werde auch in Zukunft um diese Rezensionen einen Bogen machen.
LG, Hosenrolle1
Hosenrolle1 (27.11.2015, 13:59): Der Thread trägt ja den Titel "Grenzen und Möglichkeiten".
Eine Möglichkeit einer Kritik wäre, dass der Kritiker nicht nur Stimmen mit Adjektiven beschreibt, sondern möglichst auch dazu sagt, welche Idealvorstellungen ER für die jeweilgen Rollen hat.
In dieser Kritik zu HUG ist das leider nicht der Fall: http://der-neue-merker.eu/wien-staatsoper-haensel-und-gretel-recht-nett
Gleich gefolgt von Daniela Sindram als Hänsel, die deutsche Mezzosopranistin wurde dem Niveau der Wiener Staatsoper auf jeden Fall gerecht. Ihr warm timbrierter Mezzo fand immer die richtige Lautstärke und Färbung.
Was ist nun das Niveau der Wiener Staatsoper? Und: wäre es nicht wichtiger, dass man eher der ROLLE, der dargestellten Figur gerecht wird?
Ich meine, was nützt es einem, wenn man eine tolle Technik und eine hohe Lautstärke hat, wenn man aber mit dem Timbre, mit der Stimme überhaupt nicht zur dargestellten Figur passt?
Im zweiten Satz steht ja auch noch "fand immer die richtige Lautstärke und Färbung". Lautstärke ok, aber was ist die "richtige Färbung"? Was soll "richtig" sein, in dem Zusammenhang?
Ich fand diesen Hänsel unterdurchschnittlich, eben viel zu tief, zu schwer, in der Höhe leicht angestrengt, unbeweglich. Es kann sein, dass sie in anderen, erwachsenen Rollen toll klingt, es kann sein, dass ihre Gesangstechnik auf einem hohen Niveau liegt - aber als Hänsel ist diese Stimme m.E. völlig ungeeignet. Nur sage ich ja dazu, wie meine Idealvorstellung aussieht.
Umso mehr hat mich dann aber dieser Abschnitt gewundert, wo ich dem Kritiker wiederum völlig Recht geben muss:
Bei Janina Baechle (als Mutter Gertrud) und Michaela Schuster (als Knusperhexe) muss man sich leider fragen, ob die dramatischen Rollen, welche diese beiden Sängerinnen in ihrem Repertoire haben, ihren Stimmen wirklich gut tun bzw. getan haben. Besonders bei Schuster führte ein (leider allzu häufig vorgenommenes) Forcieren zu einem schon grenzwertigen „wobble“.
(Nebenbei, was mir aufgefallen ist: man hat Wert darauf gelegt, den Text so wie in der Partitur zu singen. Das Taumännchen singt laut Partitur "Mit Mutter Sonne reis´ ich". Jedoch wird das nirgendwo gesungen, auf keiner einzigen Aufnahme die ich habe, dort heißt es immer "Und mit der Sonne reis´ ich". Hier aber war es tatsächlich Mutter Sonne!).
LG, Hosenrolle1
Hosenrolle1 (29.12.2015, 22:44): Im "merker" las ich heute eine Rezension zur HUG-Vorstellung der Wiener Volksoper.
Da gab es dann z.B. diese Aussage:
Die Kinder – als Hauptzielgruppe dieser Oper – folgten jedoch begeistert der „Action“. Die vielen aufgeregten Gesichter und leuchtenden Augen belegten die Richtigkeit der Entscheidung, Hänsel und Gretel (wie auch die Fledermaus) als traditionelle Fixpunkte zum Jahreswechsel beizubehalten.
Kinder als Hauptzielgruppe dieser Oper - eigentlich ein Grund, die folgende Rezension nicht weiter zu lesen.
Das neue Ehrenmitglied der Wiener Volksoper zog alle Register, war schrill, bedrohlich aber auch humorvoll und wurde für diese authentische Rollengestaltung gebührend gefeiert.
Was, bitte, ist eine "authentische" Rollengestaltung? Und wieso ist eine humorvolle Hexe "authentisch"?
Der Jugendchor und die Kinderkomparserie der Volksoper Wien sorgten für stimmungsvolle Bilder und erfreuten die Kinder und die Großelterngeneration gleichermaßen.
Aja, und die Leute in meinem Alter, die waren gar nicht dort? Für mich klingt das nach einer Werbefritzen-Aussage: "Besuchen Sie unsere Vorstellung, die Generationen von Kindern und Erwachsenen gleichermaßen begeistert".
ABER: es gab eine Stelle, die mir gut gefallen hat, wo ich absolut zustimmen muss:
Die Stimmen drückten genau diese kindliche Unschuld aus, die arrivierte Primadonnen oft nicht vermitteln können.
Gemeint ist hier vor allem der Abendsegen. Sehr gut beobachtet, und leider sehr wahr. Viele Leute, die Sängerinnen für Aufnahmen casten, vergessen, dass hier Kinder gespielt werden sollen, und keine Walküren oder irgendwelche Verdi-Heroinen.
LG, Hosenrolle1
Hosenrolle1 (25.01.2016, 20:16): Eine neue Salome-Inszenierung, diesmal von Claus Guth, der die Handlung – welch Überraschung – in die heutige Zeit verlegt. Eine Rezension im "merker" gerät dabei stellenweise seltsam …
Allerdings war es nicht einfach, sich gegen das oft am Anschlag musizierenden Orchester der Deutschen Oper Berlin durchzusetzen, das der junge Alain Altinoglu fast ständig ins Forte und Fortissimo treibt.
Gibt es ein Messgerät dafür, was Forte und was Forte-Fortissimo ist? Ich bin erstaunt, wie genau das hier beschrieben wird.
Die Nuancen in Richard Strauss’ facettenreicher Partitur werden von ihm ignoriert.
Ich bin sicher, die „Nuancen“, die irgendwie kein Kritiker näher benennen will, sind der Kritikerin wohl bekannt.
Schon zur Pause erntet er die ersten Buhs.
Pause??
Die sind sein Markenzeichen, vielleicht fühlt er sich gerade dadurch in seinen Ansätzen bestätigt. Hier angenehmerweise mal kein schwüles Orientgehabe und keine Halbnackte, die sich tanzend nach und nach ihrer 7 Schleier entledigt.
Und damit disqualifiziert sich die Rezensentin völlig.
Zum einen ist „mal kein“ völliger Unsinn, denn wo sieht man heute noch eine Salome, die dort spielt, wo Oscar Wilde sie spielen lässt?
Und zum anderen ist „schwüles Orientgehabe“ abwertend, und zeugt davon, wie wenig Ahnung die Kritikerin von dieser Oper, von diesem Stück hat. Die Handlung findet in einer schwülen Sommernacht statt, die Strauss auch in seiner Musik herrlich schildert. Und das „Orientgehabe“, das die Kritikerin hier so stört, gehört nun mal dazu, denn es ist der Palast einer dekadenten, prunkvollen Gesellschaft, die im krassen Gegensatz zu Jochanaan steht, der in seiner Schlichtheit und seinem religiösen Fanatismus das andere Extrem bildet.
Strauss selbst wollte eine Orientoper mit „östlichem Kolorit und schwüler Sonne“, er sprach von "fremdartigen Kadenzen" die "schillern wie Changeant-Seide" – aber das trifft den Geschmack der Rezensentin dann nicht. Sie geht in die Salome, und freut sich, wenn die Oper gar nicht aufgeführt wird, weil das wäre ihr Fall nicht.
Guth stellt die Salome in eine Familie der fünfziger Jahre. Es könnte dem Sujet nach eine vorgestrige oder heutige sein. Die Frau hat zum zweiten Mal geheiratet, ihr jüngerer Ehemann vergreift sich jedoch schon seit Jahren an ihrer Tochter Salome.
DA wird natürlich nicht geschrieben, dass es „mal wieder“ eine Herodes-missbraucht-Salome-Inszenierung ist.
Sie als Mutter schaut einfach weg, obwohl sie genau weiß, was da läuft. Es genügt ein Blick in die Medien, um zu wissen, dass solches klammheimlich öfter geschieht, als wir ahnen.
Jetzt erklärt uns die Kritikerin auch noch die Welt. Interessanter wäre, welche "Facetten" die Kritikerin in der Partitur schon entdeckt hat.
Sie alle tanzen mit ihm (Choreografie: Sommer Ulrickson), mit einer verschwindet er auch in einer Umkleidekabine. Hilf- und aktionslos steht die Mutter davor. Was drinnen passiert, können sich alle denken. (Am Hofe von Herodes vor gut 2.000 Jahren dürfte es wohl ähnlich zugegangen sein).
Ja, ganz sicher … vielleicht mal das Stück lesen, statt es als „Orientgehabe“ abzutun.
Genau so sieht auch das (angeblich) abgeschlagene Haupt des Jochanaan aus, das die erwachsene Salome schließlich in Händen hält. Zum Glück kein Theaterblut triefendes Abbild mit schwarzem Zottelhaar in einer Schüssel.
Ja, das wäre ja auch sehr unpassend, so ein Kopf auf einer Silberschüssel, nachdem Salome das gefordert hat.
Dennoch – ein Skandal sieht anders aus, eher hapert es hier zuletzt mit der Logik.
Nicht nur dort …
Die Rezension schrieb Ursula Wiegand.
LG, Hosenrolle1
uhlmann (26.01.2016, 17:14): ich finde es relativ unnötig, rezensenten hier namentlich hinzustellen, nachdem du sie zur schnecke gemacht hast.
Jürgen (26.01.2016, 17:34): Ich habe eben die komplette Rezension von Frau Wiegand gelesen.
Die Pause ist wohl wieder verschwunden.
Und wenn ich davon absehe, habe ich an der Rezension nichts auszusetzen. Ist halt ihre Meinung.
Schlussendlich ist mein Interesse an dieser Aufführung geweckt.
Hosenrolle1 (26.01.2016, 18:59): Original von uhlmann ich finde es relativ unnötig, rezensenten hier namentlich hinzustellen, nachdem du sie zur schnecke gemacht hast.
1.) Ich hätte auf die Kritik auch direkt verlinken können, dort steht der Name ebenfalls
2.) Ich habe den Namen genannt, damit man weiß, um welche Rezension es sich handelt. Momentan gibt es zwei verschiedene Rezis auf deren Seite
3.) Wenn ich eine Rezension von Joachim Kaiser oder Marcel Prawy kritisiere, dann nenne ich da ebenfalls den Urheber der Rezension. Warum sollte ich das hier anders halten?
4.) Ich habe hier niemanden zur Schnecke gemacht, sondern eine Rezension kritisiert
5.) Zur Schnecke gemacht und am schärfsten kritisiert werden die merker-Kritiker im merker-Forum, dort auch teilweise ziemlich heftig, und gerade dort nennt man die Namen, allerdings nicht zur Einordnung
@Jürgen: im Forum dort hat sich auch jemand gewundert über den Abschnitt mit der Pause, der Moderator meinte, er werde Rücksprache mit der Rezensentin halten und diese Passage löschen.
Was mich hier so stört ist die Phrasendrescherei, in denen von "Facetten", "Nuancen" und "vielschichtig" geredet wird, ohne irgendwas dazu zu sagen, gekoppelt mit herablassenden Äußerungen über das Originalwerk - "Gott sei dank" sieht man dieses und jenes nicht, was das Werk beinhaltet.
Und hier ist für mich eine Grenze erreicht: ein Kritiker sollte offen für alles sein, und nicht mit der Einstellung "Was in der Partitur an Anweisungen steht ist altbackener Unsinn, hoffentlich zeigen die das heute nicht" in eine Vorstellung gehen.
Und natürlich wenn man abwertend von "Orientgehabe" redet. Das ist grob unsachlich.
LG, Hosenrolle1
satie (28.01.2016, 09:27): Original von Hosenrolle1 Was mich hier so stört ist die Phrasendrescherei, in denen von "Facetten", "Nuancen" und "vielschichtig" geredet wird, ohne irgendwas dazu zu sagen, gekoppelt mit herablassenden Äußerungen über das Originalwerk - "Gott sei dank" sieht man dieses und jenes nicht, was das Werk beinhaltet.
Ich wäre da vorsichtig. Ich schreibe selbst mitunter Texte für die Zeitschrift "positionen", auch Rezensionen und dort muss ich mich ganz streng an die vorgegebene Zeichenanzahl halten. Man glaubt nicht, wie schwer das ist! Ich musste teilweise Passagen aus den Texten nehmen, die eigentlich nötig gewesen wären, um einen Gedanken wirklich zu Ende denken zu können. Es kann durchaus sein, dass man zugunsten allgemeiner Darstellungen auf Details verzichten muss. Natürlich kenne ich die Gegebenheiten beim Merker nicht.
Und hier ist für mich eine Grenze erreicht: ein Kritiker sollte offen für alles sein, und nicht mit der Einstellung "Was in der Partitur an Anweisungen steht ist altbackener Unsinn, hoffentlich zeigen die das heute nicht" in eine Vorstellung gehen.
So, wie der Zuschauer auch mal für Neuinterpretationen offen sein sollte. Was soll man denn machen mit einer Oper? Würde sie immer nur genau nach den Anweisungen im Originallibretto inszeniert, ergäbe sich gar kein Diskurs mehr, man wüsste genau, wie die Inszenierung aussehen wird. Wenn man das will, habe ich einen guten Tipp: DVD der Lieblingsinszenierung kaufen und fortan nur noch diese anschauen, dann gibts garantiert keine bösen Überraschungen.
Und natürlich wenn man abwertend von "Orientgehabe" redet. Das ist grob unsachlich.
Das wäre es doch eher dann, wenn die Rezensentin ein tatsächlich vorhandenes Orientgehabe (ich gebe zu, sprachlich ist das schon unterirdisch...) gegeben hätte. Sie hebt ja aber gerade lobend hervor, solches habe es dort nicht gegeben. Man kann durchaus einen abstoßenden Kulturimperialismus in den ganzen Orientalismen der (Spät-)Romantik sehen ("Lied von der Erde" hat mit China gerade so viel zu tun wie sich es jemand vorstellen konnte, der niemals etwas von China gesehen hat). Und da tut es eben gut, wenn eine Inszenierung davon befreit wird und das, was unsterblich ist - die Musik - in einen neuen Zusammenhang stellt.
Herzliche Grüße Satie
Hosenrolle1 (28.01.2016, 12:57): Original von Satie Ich wäre da vorsichtig. Ich schreibe selbst mitunter Texte für die Zeitschrift "positionen", auch Rezensionen und dort muss ich mich ganz streng an die vorgegebene Zeichenanzahl halten. Man glaubt nicht, wie schwer das ist! Ich musste teilweise Passagen aus den Texten nehmen, die eigentlich nötig gewesen wären, um einen Gedanken wirklich zu Ende denken zu können. Es kann durchaus sein, dass man zugunsten allgemeiner Darstellungen auf Details verzichten muss. Natürlich kenne ich die Gegebenheiten beim Merker nicht.
Da gebe ich dir schon Recht, das mit den Platzgründen ist sicher auch ein Faktor, den man berücksichtigen sollte.
Dennoch fällt leider auf, dass auffallend viele Rezensionen recht ausführlich schildern, wie die Inszenierung ist, und oft genug wird auch erklärt, was damit gemeint sein könnte.
Nach dem Motto: "An dieser Stelle tritt eine Figur ganz in schwarz auf, was ein Hinweis auf dieses und jenes psychologische Problem sein könnte, wovon auch der Regisseur spricht. Das passt hervorragend ins Regiekonzept" etc.
Geht es dann um die Schilderung der Musik, dann wird es aber schwierig. Ich habe ja schon öfter betont, dass ich keinerlei Probleme damit habe, wenn man nicht die Zeit und/oder die Lust hat, Partituren so gut es geht zu studieren. Da kann man ohne Probleme schreiben "Die Musik fand ich sehr laut, meistens habe ich nur das Blech gehört, von den Streichern oder Holzbläsern so gut wie nichts" oder so etwas. Dazu braucht man keine Schulung, kein musiktheoretisches Wissen.
Wenn man aber davon redet, dass eine Partitur "vielschichtig" sei, wenn man sagt, dass ein Dirigent nicht alle "Facetten" einer Partitur ausgelotet hat, dann hat das für mich null Aussagekraft, denn zum einen sind das nur Phrasen, die gut klingen und Kennerschaft vorgaukeln sollen, zum anderen sagt es nichts über die Musik, über die Höreindrücke aus.
Selbstverständlich "verlange" ich da keine Abhandlung über jeden einzelnen Takt, über jedes winzige Detail - bitte nicht missverstehen.
Aber ein paar wenige Beispiele wären doch schön, vielleicht in dieser Richtung: "Der Dirigent lotet viele Facetten der Partitur nicht aus; die Harfen in Takt XY gehen gnadenlos unter, die vielen Klangfarben der Holzbläser in Takt XY mit ihren perlenden Läufen werden vom Blech verschluckt, die Akkorde bei der Stelle XY viel zu schnell gespielt, wo es doch gerde hier eine weihevolle Stimmung braucht" etc.
Damit würde ich als Leser dann sehen, dass sich der Rezensent doch ein bisschen mit der Musik beschäftigt hat und versucht, zu begründen, was er mit "Facetten" meint.
So, wie der Zuschauer auch mal für Neuinterpretationen offen sein sollte. Was soll man denn machen mit einer Oper? Würde sie immer nur genau nach den Anweisungen im Originallibretto inszeniert, ergäbe sich gar kein Diskurs mehr, man wüsste genau, wie die Inszenierung aussehen wird.
Natürlich sollte man (zumindest als Kritiker) auch für Neuinterpretationen offen sein. Aber hier sieht es mir danach aus, dass die Kritikerin NUR für Neuinterpretationen offen ist, denn sie sagt ja nicht "Zum Glück gibt es hier kein Orientgehabe, wie es in der Inszenierung von XY der Fall war". Sie meint schon das, was in der Partitur bzw. im Stück von Oscar Wilde an Anweisungen steht (so sie diese überhaupt einmal gelesen hat).
Und das wiederum zeigt mir, dass sie sich nicht mit dem Stück und der Oper beschäftigt hat.
Der Schauplatz der Oper ist ein Balkon, außerhalb des Palastes von Herodes.
In einem Programmheft wurde das besser geschildert, ich zitiere:
Seitenweise schildert Herodes in Oscar Wildes Schauspiel und Richard Strauss´ Oper seine Reichtümer und evoziert dadurch eine Sphäre üppigster Opulenz. Doch geben Dichter und Komponist auch einen entsprechenden ebenso prächtigen wie orientalisch-pittoresken Handlungsort an? Eher nicht, wenn die Schauplatzangabe lautet: „Eine große Terrasse im Palast des Herodes, die an den Bankettsaal stößt. Einige Soldaten lehnen sich über die Brüstung. Rechts eine mächtige Treppe, links im Hintergrund eine alte Zisterne mit einer Einfassung aus grüner Bronze. Der Mond scheint sehr hell.“ Diese Beschreibung nimmt sich recht prosaisch aus. Es ist kein Ort, an dem man sich länger aufhält; es ist eine Durchgangsstation, die von einer Treppe bestimmt wird, von der nicht gesagt wird, wohin sie eigentlich führt. Es ist der Hinterhof der Macht, in dem der Mond heller strahlt als der Glanz des Festes, das die Herrschaft feiert. Es ist der Wartebereich, in dem die Handlanger der Macht, die Bodyguards und Pagen, darauf harren, gerufen zu werden. Es ist die verbotene Zone, wo man diejenigen wegsperrt, die unbequem sind. Es ist ein Unort, unkonkret, unfertig.
Ich sehe in dieser Szenerie kein "Orientgehabe". Aber dennoch, natürlich soll der Palast von Herodes, sollen die Gewänder etc. prunkvoll sein, denn das ist sehr wichtig, weil Herodes und seine ganze Gesellschaft verschwendungssüchtig und dekadent ist, vielleicht ähnlich wie der Herrscher in Poes "Die Maske des roten Todes". Die Ausstattung ist nicht einfach nur da, um hübsch auszusehen, sie ist auch weit entfernt davon, kitschig zu sein, auch wenn wir so etwas in zahlreichen tatsächlich kitschigen Hollywoodfilmen gesehen haben.
Würde man sich näher mit den Werken und ihren Schauplätzen, bzw. den Regieanweisungen zu Kostümen, Ausstattung und Beleuchtung beschäftigen, sich anschauen WARUM das so da steht, welche Wirkungen, welche Aussagen damit gemacht werden sollten, dann würde man sicher weniger oft von "verzichtet auf altbackene Fachwerkhäuser" oder "verzichtet auf deutsche Märchenromantik" lesen.
Manch einer würde beim Mondschein in der "Salome" wohl sagen "O Gott, Mondschein, sowas verkitscht-romantisches" - und aus dieser Abwehrhaltung heraus übersieht man, dass der Mond dort nicht nur eine wichtige Rolle spielt, sondern auch alles andere als romantisch dargestellt wird, im Gegenteil, alleine das "Motiv des Mondes", von der Flöte vorgetragen (RZ 157, Takt 2), hat etwas von "Ruhe vor dem Sturm", es kündet großes Unheil an, es herrscht Endzeit-Stimmung, die umso ärger wirkt nach dem großen Fieberausbruch des Herodes (RZ 242, Takt 3), wenn das Mond-Motiv erneut ertönt.
Ähnlich verhält es sich auch etwa bei der Ausstattung: die sollte, aus den o.g. Gründen, in diesem Fall opulent sein, nicht um dem Auge was zu bieten, sondern um gemeinsam mit der Musik die Dramatik der Handlung zu unterstreichen, um den Zuseher gemeinsam mit der heißen, schwülen Wüstenbrise zu erdrücken.
Es ist für mich völlig in Ordnung und legitim, wenn man auch andere Versionen davon sehen will - aber diese von Wilde und Strauss erschaffene Atmosphäre also "Orientgehabe" oder "Kitsch" oder "Morgenlandromantik" oder so abzutun und damit lächerlich zu machen - das geht nicht.
LG, Hosenrolle1
Hosenrolle1 (05.02.2016, 11:41): Eine neue Kritik zur Berliner "Salome", diesmal im "Opernfreund".
Gleich zu Beginn heißt es:
Die gröhlenden Buhs knallen in die kleine Pause hinein, die zwischen Schlussakkord und allgemeinen Beifall entsteht. (...) doch ist die snobistische und barbarische Meinungsäußerung zumindest eine unbegreifliche Unverschämtheit gegenüber den Musikern (insbesondere dem außerordentlichen Orchester) und Sängern (insbesondere dem Interpreten des Jochanaan und des Herodes), deren Einsatz diesen Abend erst ermöglicht hat (...)
Ich glaube nicht, dass die Buhs den Sängern oder gar dem Orchester galten; die wären vermutlich erst gekommen, wenn der Dirigent die Bühne betreten hätte. Ist natürlich nur eine Vermutung, aber die Buhs auf Orchester und Sänger zu beziehen und als "barbarisch" und "snobistisch" zu bezeichnen .... naja.
Auch in dieser Rezension geht es natürlich um die Regie, und da muss man folgendes lesen: (Hervorhebungen von mir)
Nein, man muss diese Deutung, die mit nicht weniger als 6 Kinddoubles der Salome arbeitet, nicht schön finden, aber sie ist sinnvoll, weil sich Text und Musik nicht gegen sie sträuben. Mag Oscar Wilde auch seine Interpretation der Kindfrau Salome als Parodie auf die Decadence konzipiert haben (unmöglich, dass er selbst sein brillantes Wortgeklingel völlig Ernst nahm), so muss die Regie einen guten Grund für Salomes extreme Seelenbewegungen finden. Claus Guth ist es gelungen (...)
Auch das zeigt, dass sich der Rezensent offenbar nicht wirklich mit dem Werk beschäftigt hat. In der Salome gibt es KEINEN Kindesmissbrauch - diese Idee ist ein Hirngespinst von mehreren Regisseuren, die das für originell halten, es hat aber mit dem Stück rein gar nichts zu tun. Das ist nicht "sinnvoll", und es sträubt sich sehr wohl gegen die Musik und besonders den Text.
Zur Erinnerung: Salome wundert sich gleich bei ihrer ersten Szene, wieso der Tetrarch sie so ansieht, auch Herodias sagt später, er solle Salome nicht so ansehen.
Das passt so überhaupt nicht zusammen mit Guths "Regiekonzept". Außerdem: in Wildes Stück (Strauss hat diese Passage gekürzt) meint Herodias, dass Herodes mit mehreren seiner Sklavinnen sexuell verkehrt hat, und dabei nie ein Kind zustandekam. Herodes nimmt sich also nach Belieben seine Sklavinnen - aber Salome will er jetzt, bis er ganz am Ende vor lauter Schaudern sein Interesse verloren hat.
Das hat nichts mit einem Missbrauch zu tun, im Gegenteil: Herodes hat erst seit einiger Zeit Interesse an ihr, und konnte sie noch nicht haben.
Da eine Missbrauchsgeschichte hineinzuinterpretieren ist nicht "sinnvoll", sondern sinnentstellend.
Der Rezensent schreibt auch, dass die Regie einen guten Grund für Salomes "extreme Seelenbewegung" finden MUSS. Darüber kann man diskutieren, ich aber sehe es nicht so. Die Salome ist voller Symbolik, es ist eine Art "Traumoper", vereinfacht gesagt, sie ist unwirklich und schillernd, da gibt es Todesengel und einen Mond, der sich verdüstert, im Gegensatz etwa zu "La Boheme", das realistischer ist, ohne Geister und dergleichen.
denn das Geheimnis der innigen Beziehungen zwischen verführter Tochter und vergewaltigendem Vater sind, in der Oper wie in der Realität, größer als die Geheimnisse des Todes.
Auweh ...
Und natürlich kommt der kitschig-orientale Mist auch nicht gut weg:
mehr Analyse bürgerlicher Abgründe als orientalistische Staffagen – das ist in Ordnung
Zu den "orientalischen Staffagen" habe ich im vorigen Beitrag ja schon genug gesagt, aber wie kann man bitte die Handlung auf der Bühne mit der Kulisse vergleichen?
Die Analyse von Figuren und die Kulisse im Hintergrund sind zwei verschiedene Dinge. Davon abgesehen: wieso sollte sich eine analytische Herangesehensweise und "orientalische Staffagen" gegenseitig ausschließen?
Das verstehe, wer will.
Zumindest in einem Punkt pflichte ich dem Rezensenten bei:
Wer das Programmheft einer Produktion als integralen Bestandteil derselben betrachtet wie der lesende Opernfreund, durfte sich wieder darüber wundern, warum ein offensichtlich am „normalen“ Publikum extrem vorbeigeschriebener Beitrag die Dramaturgie passieren konnte. Marcus Coelen darf sich da auf 7 Seiten in einem seltsamen Text über das Werk äußern, dass man begreift, wieso sich nicht alle Zuschauer zum Kauf eines Programmhefts entschließen können. Nun ja, der Mann ist Psychoanalytiker… also schreibt er auch so: verschwurbelt, unpräzis, absurde Thesen in einem Jargon aufstellend, den man nicht „Sprache“ nennen möchte. Zum Verständnis der komplexen Inszenierung trägt er, anders als der kurze, fast poetische Text der Dramaturgin Yvonne Gebauer, nichts bei.
Gut, ich glaube zwar nicht, dass die, die das Heft NICHT gekauft haben, wissen, was darin steht, aber davon abgesehen kann ich mir vorstellen, dass der Beitrag Oberhoffsche Qualitäten besitzt. 7 Seiten ... da wäre ein Interview mit dem Dirigenten doch spannender, meine ich.
Andererseits, warum soll der Text im Programmheft zum Verständnis der Inszenierung beitragen? Besser wäre es m.E., dass er zum Verständnis des Stückes beiträgt! Dann wäre das Programmheft auch noch in 10 oder 20 oder 30 Jahren interessant und gültig, wenn von dieser Inszenierung schon lange keine Rede mehr ist.
Natürlich ist das nur eine Meinung von vielen, aber hier wird ja geschrieben "Es IST sinnvoll", statt etwa "Halte ich für sinnvoll". Es mag vielleicht in dem Regiekonzept sinnvoll sein, aber der Rezensent stellt ja den Bezug zu Wildes Salome her ("Wilde kann das nicht Ernst gemeint haben") und meint, dass man damit Wildes Stück aufwerte. Als eigenes Stück mag Guths Inszenierung sinnvoll sein, aber nicht in Bezug auf Wildes/Strauss´ Salome.
Die Rezension schrieb FP.
LG, Hosenrolle1
Jürgen (08.02.2016, 11:40): Original von Hosenrolle1
Andererseits, warum soll der Text im Programmheft zum Verständnis der Inszenierung beitragen? Besser wäre es m.E., dass er zum Verständnis des Stückes beiträgt! Dann wäre das Programmheft auch noch in 10 oder 20 oder 30 Jahren interessant und gültig, wenn von dieser Inszenierung schon lange keine Rede mehr ist.
LG, Hosenrolle1
Nun, da hätte ich eine Erklärung parat. Wenn das Stück nämlich schon häufig aufgeführt worden ist (wie z.B. die Salome), dann ist die Handlung quasi Allgemeingut. Wer sie noch nicht kennt, weil er Opern-Neuling ist kann sie mittlerweile im Internet ergoogeln. Dort findet er auch Sekundärinformationen, die auch nicht selten in Programmheften oder CD-Booklets zu finden sind.
Bei Informationen und Erläuterungen zu Inszenierungen ist man meist auf dieses Programmheft angewiesen. Rezensionen, die so etwas bieten, erscheinen meist im Nachhinein. Ich persönlich bin immer froh, wenn ein Programmheft solche Informationen liefert.
Grüße Jürgen
Hosenrolle1 (08.02.2016, 13:38): Original von Jürgen Nun, da hätte ich eine Erklärung parat. Wenn das Stück nämlich schon häufig aufgeführt worden ist (wie z.B. die Salome), dann ist die Handlung quasi Allgemeingut.
Naja, da bin ich mir nicht so sicher. Wo wird die Handlung denn noch so aufgeführt, wie sie aufgeschrieben steht? Eine Salome spielt in der Flowerpower-Zeit, die andere spielt in einer Schneiderei, eine dritte zu Hause bei Karl Lagerfeld.
Wer sie noch nicht kennt, weil er Opern-Neuling ist kann sie mittlerweile im Internet ergoogeln.
Das ist m.E. das Problem. Gerade als Opernneuling ist es doch schade, wenn man eine Oper in Reinform nur dann kennenlernt, wenn man recherchiert, googelt, oder Bücher liest, statt sie im Opernhaus kennenzulernen.
Das Problem ist doch, dass Regisseure offenbar davon ausgehen, dass ein Großteil der Leute das Stück schon kennt, und er deswegen alles umkrempeln und verändern kann. Er geht von einem Publikum aus, das das Stück schon kennt.
Nur: woher soll man es kennen, wenn man keine Partituren oder Bücher liest, und keine Chance hatte, das Stück im Original zu sehen?
Ich sehe das immer so ähnlich wie bei einer Parodie: wenn ich eine Parodie sehe, sollte ich idealerweise auch das Original kennen, damit ich weiß, worauf sich die Witze beziehen.
Natürlich bin ich dafür, dass man sich über ein Werk kundig macht, auch vor dem Opernbesuch, gar keine Frage! Aber wenn diese Form die Einzige ist, um ein Werk kennenzulernen, dann finde ich das problematisch. Ist es nicht besser, wenn man sich eine neue Inszenierung ansieht, mit Neudeutungen etc., und diese dank eines vorherigen Opernbesuchs einordnen kann, statt dank des Internets?
Deswegen fände ich es auch besser, wenn in einem Programmheft mehr zum eigentlichen Stück steht, als dazu, wieso Herodes wie Karl Lagerfeld aussieht, oder wieso der Regisseur in der Geschichte eine Missbrauchsgeschichte sieht. Wenigstens sollte zur konkreten Inszenierung UND zum eigentlichen Stück etwas stehen.
Ich gehe ja prinzipiell alleine in die Oper, aber würde ich mit jemandem hingehen wollen, ginge das schon nicht mehr. Etwa in die Salome, die es an der Volksoper gespielt hat. Wenn ich jemandem erzähle, wie toll die Oper ist, die Musik, die Stimmung, die Atmosphäre, die exotische Handlung etc., dann kann ich ihn nicht mitnehmen in eine Inszenierung, wo die Kulisse aus einem schrägen Leintuch mit großem Loch in der Mitte besteht, und wo das, was gesungen wird, nichts zu tun hat mit dem, was auf der Bühne passiert. Da würde Herodes singen "Beiß in diese Frucht", obwohl nirgendwo eine Frucht zu sehen ist. Wenn ich das Stück schon gut kenne, dann kann ich mir ja darüber Gedanken machen, aber jemandem, den ich von dieser Oper begeistern will, könnte ich da echt nicht mitnehmen.
LG, Hosenrolle1
Hosenrolle1 (26.02.2016, 17:54): Wie unterschiedlich Auffassungen sein können, und wie witzig es manchmal ist, wenn ein Rezensent nicht von sich, sondern für eine anonyme Mehrheit spricht, durfte ich gerade in dieser "Walküre"-Rezension im "Opernnetz" lesen, welche hier zu finden ist:
Der Haupteinwand allerdings ist die fehlende oder durch das sichtbare Orchester immer wieder gestörte Illusion. Man möchte ja den mit Verve dirigierenden Pultchef gar nicht sehen, sonst ist er auch fast völlig im Graben verdeckt, der hier, hinter der Szene wild mit seinen Armen fuchtelnd, schlicht stört. Das Bühnen-Theater wird immer wieder durch die Realität des arbeitenden Orchesters zunichte gemacht.
LG, Hosenrolle1
Hosenrolle1 (03.03.2016, 22:24): Auf der Seite des "Opernnetz", wo es ebenfalls Rezensionen gibt, las ich gerade eine solche zum Musical "Kiss me, Kate", von 2005. Zu finden hier.
Darin heißt es (fett von mir):
Wolfgang Gruber vertraut dem amerikanisch-affirmativen Blick auf die doppelbödige Story: Shakespeares Grundidee aus dem schlichten amerikanischen Blick, die Show als Selbstzweck ohne Ironie, ohne kritische Akzente. Doch das alles ist raffiniert komponiert: für schlichte Gemüter ein Abtauchen in die guten alten Zeiten, für kritischere Geister voller Verweise auf die Künstlichkeit der präsentierten Welt eine gelungene Parodie voller Widerhaken.
Und da wundern sich manche Leute, dass "Opernlaien" oder "Klassiklaien" meinen, dass Klassikliebhaber versnobt und hochnäsig sind.
Kein Wunder, wenn hier Leute, die gerne auch mal in ein Stück gehen wollen um gute Musik und/oder Gesang zu hören, ohne ständig nach versteckten Symbolen etc. suchen zu müssen, als "schlichte Gemüter" bezeichnet werden.
Dazu kommen die typischen, gleichzeitig aber nichtssagenden "Fremdwörter", wie hier z.b.:
Im Graben evoziert Bendix Dethleffsen mit den formidablen Bergischen Symphonikern einen authentischen Musical-Klang (...)
Das Musical-Publikum im Essener Aalto goutiert das Gebotene (...)
Grausigst ....
LG, Hosenrolle1
Jürgen (04.03.2016, 08:55): Original von Hosenrolle1 Auf der Seite des "Opernnetz", wo es ebenfalls Rezensionen gibt, las ich gerade eine solche zum Musical "Kiss me, Kate", von 2005. Zu finden hier.
Darin heißt es (fett von mir):
Wolfgang Gruber vertraut dem amerikanisch-affirmativen Blick auf die doppelbödige Story: Shakespeares Grundidee aus dem schlichten amerikanischen Blick, die Show als Selbstzweck ohne Ironie, ohne kritische Akzente. Doch das alles ist raffiniert komponiert: für schlichte Gemüter ein Abtauchen in die guten alten Zeiten, für kritischere Geister voller Verweise auf die Künstlichkeit der präsentierten Welt eine gelungene Parodie voller Widerhaken.
Und da wundern sich manche Leute, dass "Opernlaien" oder "Klassiklaien" meinen, dass Klassikliebhaber versnobt und hochnäsig sind.
Kein Wunder, wenn hier Leute, die gerne auch mal in ein Stück gehen wollen um gute Musik und/oder Gesang zu hören, ohne ständig nach versteckten Symbolen etc. suchen zu müssen, als "schlichte Gemüter" bezeichnet werden.
Dazu kommen die typischen, gleichzeitig aber nichtssagenden "Fremdwörter", wie hier z.b.:
Im Graben evoziert Bendix Dethleffsen mit den formidablen Bergischen Symphonikern einen authentischen Musical-Klang (...)
Das Musical-Publikum im Essener Aalto goutiert das Gebotene (...)
Grausigst ....
LG, Hosenrolle1
Nun, die Fremdwörter mögen typisch und wohl auch dick aufgetragen sein, aber nichtssagend sind sie nicht. Im Falle von evozieren ist das Fremdwort allerdings deplaziert. Ein bestimmter Klang sollte realistisch erzeugt und tatsächlich hörbar sein, und nicht vor meinem inneren Auge entstehen.
Nun zu den schlichten Gemütern. Ich, der sehr selten in die Oper geht, möchte schlicht die Musik in einer einfachen & passenden Umgebung genießen, ohne mich mit mir unverständlichen Verweisen befassen zu müssen. In diesem Falle fühle ich mich mit der Formulierung schlichte Gemüter ganz gut getroffen.
Es gibt aber auch Powerbesucher, die das Standardrepertoir schon 20 mal gesehen haben. Wenn man denen jedesmal die gleiche librettogetreue Inszenierung vorsetzen würde, schliefen die ein, oder blieben gleich fern.
Kurzum: Auch diese Verweise haben ihre Berechtigung, auch wenn sie mich manchmal stören.
Grüße Jürgen
Hosenrolle1 (04.03.2016, 11:52): Original von Jürgen Nun, die Fremdwörter mögen typisch und wohl auch dick aufgetragen sein, aber nichtssagend sind sie nicht.
"Nichtssagend" meinte ich in dem Sinne, dass sie, so bemüht wie sie hier verwendet werden, (meiner Meinung nach) eine "intellektuelle Überlegenheit" suggerieren sollen, und weniger dazu dienen, die Musik zu beschreiben.
Nun zu den schlichten Gemütern.
Ich, der sehr selten in die Oper geht, möchte schlicht die Musik in einer einfachen & passenden Umgebung genießen, ohne mich mit mir unverständlichen Verweisen befassen zu müssen.
Das finde ich völlig in Ordnung, und mir geht es nicht viel anders - aber schlichte Gemüter sind wir deswegen sicher nicht.
In diesem Falle fühle ich mich mit der Formulierung schlichte Gemüter ganz gut getroffen.
Ich denke, dass es in diesem Fall nur darum ging, zu sagen "Wir sind die gescheiten, die anderen sind die Dummen, die eh nix kapieren". Ziemlich beleidigend.
Man hätte ja auch schreiben können, dass Leute, die nur die Show genießen wollen auf ihre Kosten kommen - aber nein, diese Leute werden gleich als "schlichte Gemüter" abqualifiziert.
LG, Hosenrolle1
Hosenrolle1 (11.03.2016, 16:22): Aus einer aktuellen Rezension eines Kinderkonzertes im "Opernfreund": (fett von mir)
Die 27 Abo-Reihen des renommierten Konzerthauses umfassen das gesamte Spektrum der Musik, vom Barock, den Wiener Philharmonikern, dem Jazz und der Kammermusik bis hin zur leichteren Muse; für jeden Geschmack ist etwas dabei. Glücklicherweise auch etwas für Kinder, gilt es doch den Nachwuchs auch musikalisch und mit Live-Events rechtzeitig zu sensibilisieren.
Was soll der markierte Satz genau bedeuten?
LG, Hosenrolle1
Hosenrolle1 (17.03.2016, 16:50): Eigentlich fast schon OT, aber dennoch geht es um eine Rezension, diesmal vom "Opernnetz" zu einer Kinderoper.
Darin heißt es:
Die erste Aufführung des Nachtschrecks im freien Verkauf konnte das Parkett des Hauses dagegen nur zu einem Drittel füllen, was sich nicht positiv auf die Stimmung auswirkt. Und die Distanz des Publikums zur Bühne verhindert zusätzlich jede Interaktion. So still hat man wohl noch keine Kinderoper erlebt.
Finde ich seltsam: da sitzen Kinder, die zuschauen und ruhig sind, sich benehmen - und das wird dann bemäkelt?
Und wieso Interaktion? Ich dachte, das sei eine Kinderoper, und kein Animationsprogramm. Eine "echte" Oper funktioniert ja auch nicht so, dass man ganz knapp am Rand der Bühne sitzt und womöglich noch von den Darstellern angesprochen wird.
Hier kann ich die Kinder nur für ihr Verhalten loben!
LG, Hosenrolle1
satie (17.03.2016, 22:13): Original von Hosenrolle1 Eigentlich fast schon OT, aber dennoch geht es um eine Rezension, diesmal vom "Opernnetz" zu einer Kinderoper.
Darin heißt es:
Die erste Aufführung des Nachtschrecks im freien Verkauf konnte das Parkett des Hauses dagegen nur zu einem Drittel füllen, was sich nicht positiv auf die Stimmung auswirkt. Und die Distanz des Publikums zur Bühne verhindert zusätzlich jede Interaktion. So still hat man wohl noch keine Kinderoper erlebt.
Finde ich seltsam: da sitzen Kinder, die zuschauen und ruhig sind, sich benehmen - und das wird dann bemäkelt?
Und wieso Interaktion? Ich dachte, das sei eine Kinderoper, und kein Animationsprogramm. Eine "echte" Oper funktioniert ja auch nicht so, dass man ganz knapp am Rand der Bühne sitzt und womöglich noch von den Darstellern angesprochen wird.
Hier kann ich die Kinder nur für ihr Verhalten loben!
LG, Hosenrolle1
Ich frage mich, wie weit dieser Thread noch etwas mit den Grenzen und Möglichkeiten der Musikkritik zu tun hat. Das Beispiel ist doch eine ganz normale Schilderung des Eindrucks des Kritikers. Bei dieser Kinderoper wurde die Musik aus Hoffmanns Erzählungen übernommen und zu einer neuen Handlung zusammenmontiert. Da frage ich mich ohnehin gleich, welche Leute sich überhaupt für so etwas interessieren. Die leeren Plätze erstaunen mich weniger. Was die Interaktion betrifft, so muss damit ja nicht gleich gemeint sein, dass die Kinder wie im Kasperletheater gen Bühne brüllen, welchen Verlauf die aktuell gezeigte Situation denn nun bitteschön nehmen soll, oder gar, dass sie mit ihrem obligatorisch in der Hand befindlichen Softeis und der Colaflasche gleich ganz hemmschwellenfrei gröhlend die Bühne stürmen oder im Graben stinkfrech das Dirigat übernehmen mit ihren krustigen, selten gewaschenen Sandkastenfingern und den aus der Nase hängenden Rotzzapfen. Es kann ganz einfach gemeint sein, dass man irgendeine Rückmeldung in Richtung des auf der Bühne Gezeigten gibt. Die Atmosphäre sollte bei einem aus Kindern bestehenden Publikum sich doch von einer Altersheimveranstaltung unterscheiden. So verstehe ich den Kritiker jedenfalls. Da hats halt nicht geprickelt. Und nur weil Kinder ruhig sind, heißt das weder unbedingt, dass sie zuschauen, noch dass sie sich benehmen. Dafür unterrichte ich solche schon zu lange, um das beurteilen zu können...
Hosenrolle1 (17.03.2016, 22:25): Original von Satie Bei dieser Kinderoper wurde die Musik aus Hoffmanns Erzählungen übernommen und zu einer neuen Handlung zusammenmontiert. Da frage ich mich ohnehin gleich, welche Leute sich überhaupt für so etwas interessieren. Die leeren Plätze erstaunen mich weniger.
Da bin ich ganz bei dir.
Es kann ganz einfach gemeint sein, dass man irgendeine Rückmeldung in Richtung des auf der Bühne Gezeigten gibt. Die Atmosphäre sollte bei einem aus Kindern bestehenden Publikum sich doch von einer Altersheimveranstaltung unterscheiden. So verstehe ich den Kritiker jedenfalls.
Aber wodurch es sich unterscheiden soll geht aus der Rezi leider nicht hervor. Was erwartet sich der Kritiker? Herumgerenne auf den Gängen? Zwischenrufe? Vielleicht denkt er auch nur, dass es "unnatürlich" ist, wenn Kinder in einer Kinderveranstaltung ruhig sind, und hat irgendwelche dubiosen Vorstellungen davon, wie so etwas normalerweise ablaufen müsse. Sehr eigenartig, das Ganze ...
Und nur weil Kinder ruhig sind, heißt das weder unbedingt, dass sie zuschauen, noch dass sie sich benehmen. Dafür unterrichte ich solche schon zu lange, um das beurteilen zu können...
Naja, solange sie nicht auf den Sitzen herumturnen und ruhig sind ... :wink
LG, Hosenrolle1
Hosenrolle1 (22.09.2016, 18:21): Tut mir leid, aber ich musste gerade über eine aktuelle Rezension zur Salome im neuen Merker schmunzeln, die hier zu finden ist: http://der-neue-merker.eu/wien-staatsoper-salome-9
Dort heißt es:
Ulrike Helzel als Page vermochte da erstens stimmlich nicht mitzuhalten, zweitens schauspielerisch nicht aus ihrer (weiblichen) Haut: Nie würde ein Mann einen anderen so berühren wie sie den Hauptmann. Kleinigkeiten? Eher nicht, stören sie doch den Gesamteindruck.
Ist dem Rezensenten entgangen, dass der Page homosexuell ist?
Aber die Oper, die Figuren, die Handlung ist ja eh nebensächlich, denn solche Dinge wie diese hier sind natürlich von viel größerer Wichtigkeit:
Ich kann nicht umhin zu bemerken, daß die Stimme von Norbert Ernst (...) dunkler klang als noch vor ein paar Monaten. Ob das mit seiner Aspiration zum Wechsel in das Heldenfach zu tun hat? Einer Umstellung der Gesangstechnik?