Mussorgsky, M.: Bilder einer Ausstellung (Vergleich Tuschmalov - Ravel)

Hosenrolle1 (30.04.2016, 18:47):
Vorab entschuldige ich mich dafür, dass dieser Vergleich nicht so detailliert ist, wie er sein müsste, sondern eher oberflächlich.


Der erste Vergleich beginnt mit der Promenade.

Ravel:




Die Promenade beginnt hier mit einer einsamen Trompete, ab Takt 3 kommen vier Hörner, drei Trompeten sowie Posaunen und Tuba dazu. Ausschließlich volle Blechakkorde, keine Streicher, kein Holz.

Ab Takt 9 (nicht abgebildet) übernehmen kurz die Streicher und Holzbläser, bevor es dann im vollen Orchestertutti weitergeht bis zum Ende.



Tuschmalov:



Tuschmalovs Promenade beginnt bereits mit luftigen Streichern, die jedoch unisono spielen, dabei nur vom Cello oktaviert werden, was bei Mussorgsky nicht vorkommt. Die Streicher werden lediglich von Clarinetten (ebenfalls unisono mit den Streichern) sowie Fagotten (unisono mit dem Cello) begleitet.
Die Tenutostriche fehlen bei Tuschmalov ebenfalls.

Ab Takt 3 kommen vier Hörner und Oboen dazu.

Ab Takt 9 dann dann Trompete, Posaunen und eine Tuba. Sogar eine große Trommel mit Becken wird eingesetzt, obwohl ich finde, dass sie hier nicht so gut passt.


Der Schluss unterscheidet sich ebenfalls:

Ravel schreibt eine Fermate vor, Tuschmalov eine Fermate mit dem Hinweis "lunga".





LG,
Hosenrolle1
Hosenrolle1 (30.04.2016, 22:14):
Beim Vergleich dieser beiden Stücke stellen sich mir vor allem zwei Fragen.

1.) Wieso beginnt Ravel mit einer Solotrompete, während Tuschmalov direkt mit einem viel breiteren Klang der Streicher und des Holzes beginnt?

Mussorgsky notiert hier einzelne Töne, insofern wäre die Solotrompete die direktere Übersetzung, aber gleichzeitig gefällt mir die Streicher-Version irgendwie besser.



2.) Ab Takt 10 finde ich beide Versionen (Ravel & Tuschmalov) nicht soo gut instrumentiert.

Bei Mussorgksy kommen hier im Klavier viele Achtelnoten, volle Akkorde, die aber transparent bleiben.

Ravel setzt an dieser Stelle hier (bzw. ein Takt vorher), nach dem ganzen Blech, das erste Mal die Streicher ein, in deren vollem Klang die Harmonik irgendwie verwässert wird, für meinen Geschmack.

Bei Tuschmalov finde ich es noch ungünstiger, hier ist es sogar umgekehrt: nach den Streichern fangen ab Takt 10 die Blechbläser an, diese Achteln zu spielen, was für mich aber sehr schwerfällig und noch verwaschener klingt.





LG,
Hosenrolle1
satie (01.05.2016, 10:42):
Original von Hosenrolle1
Beim Vergleich dieser beiden Stücke stellen sich mir vor allem zwei Fragen.

1.) Wieso beginnt Ravel mit einer Solotrompete, während Tuschmalov direkt mit einem viel breiteren Klang der Streicher und des Holzes beginnt?

Mussorgsky notiert hier einzelne Töne, insofern wäre die Solotrompete die direktere Übersetzung, aber gleichzeitig gefällt mir die Streicher-Version irgendwie besser.

Womit Du die obige Frage für Dich sehr schlüssig beantwortet hast! Es ist in der Klavierfassung eine einstimmige Passage, aber ob man das als Solo oder Unisono mehrerer interpretiert ist natürlich offen. Beides ist plausibel! Gerade so etwas ist doch spannend, oder?


2.) Ab Takt 10 finde ich beide Versionen (Ravel & Tuschmalov) nicht soo gut instrumentiert.

Bei Mussorgksy kommen hier im Klavier viele Achtelnoten, volle Akkorde, die aber transparent bleiben.

Ravel setzt an dieser Stelle hier (bzw. ein Takt vorher), nach dem ganzen Blech, das erste Mal die Streicher ein, in deren vollem Klang die Harmonik irgendwie verwässert wird, für meinen Geschmack.

Bei Tuschmalov finde ich es noch ungünstiger, hier ist es sogar umgekehrt: nach den Streichern fangen ab Takt 10 die Blechbläser an, diese Achteln zu spielen, was für mich aber sehr schwerfällig und noch verwaschener klingt.

Welche Aufnahmen benutzt Du? In puncto Transparenz habe ich an Ravel noch nie etwas aussetzen können. Hör mal in die Immerseel-Aufnahme rein.
Ansonsten: gut möglich, dass es auch schwächere Momente gibt.
Mir ist noch eingefallen: beide Versionen benutzten übrigens die Rimsky-Klavierversion, die teilweise nicht dem Originalen Manuskript entspricht (Paradebeispiel ist Bydlo: Klavierversion ist von Anfang an ff, aber Rimskys Ausgabe hat die Dynamik in pp verändert, mit anschließendem Crescendo!
Hosenrolle1 (01.05.2016, 11:50):
Original von Satie
Womit Du die obige Frage für Dich sehr schlüssig beantwortet hast! Es ist in der Klavierfassung eine einstimmige Passage, aber ob man das als Solo oder Unisono mehrerer interpretiert ist natürlich offen. Beides ist plausibel! Gerade so etwas ist doch spannend, oder?

Vielleicht anders gefragt: wieso fängt Tuschmalov mit diesem viel breiteren Klang an? Die Solotrompete ist sicherlich ein bisschen intimer, der breite Streicherklang hingegen zeichnet für mich irgendwie ein Bild der ganzen Ausstellung, des ganzen Saales oder Raumes, in dem die Bilder hängen, es hat für mich etwas festlicheres.


Welche Aufnahmen benutzt Du?

Tuschmalov:
https://www.youtube.com/watch?v=NQxcMlhmXa8

Ravel:
https://www.youtube.com/watch?v=FsvpFU7KY7E


In puncto Transparenz habe ich an Ravel noch nie etwas aussetzen können. Hör mal in die Immerseel-Aufnahme rein.

Es kann natürlich gut sein, dass es nur in meiner Aufnahme so ist. Bei der Immerseel-Aufnahme klingt es tatsächlich besser.

Bei Tuschmalov finde ich Hörner UND Posaunen, die diese vollen Akkorde spielen, schon zu dick, zu schwerfällig besetzt.




LG,
Hosenrolle1
satie (01.05.2016, 17:47):
Original von Hosenrolle1

Vielleicht anders gefragt: wieso fängt Tuschmalov mit diesem viel breiteren Klang an? Die Solotrompete ist sicherlich ein bisschen intimer, der breite Streicherklang hingegen zeichnet für mich irgendwie ein Bild der ganzen Ausstellung, des ganzen Saales oder Raumes, in dem die Bilder hängen, es hat für mich etwas festlicheres.


Na eben. Das sind zwei gültige Interpretationen. Man kann sich ber doch nur für eine auf einmal entscheiden. Ravel entschied sich für das Solo, Tushmalov für die zweite Sichtweise.
Warum nun welcher der beiden sich für das eine oder andere entschieden hat, ist nur im persönlichen Telefonat zu klären. Das könnte allerdings schwierig werden, wenn Du keinen guten Draht ins Jenseits hast...