Nachträglich: Wien Staatsoper 24. Januar 2011, Massenet, WERTHER
Flosshilde (25.08.2011, 13:39): Ich greife einmal Severinas Vorschlag aus dem Jonas Kaufmann Thread auf und schildere meinen persönlichen Eindruck über die von mir besuchte Werther Vorstellung.
Vorweg muss sich sagen, dass ich am 26.01.2010 in der Pariser Opéra Bastille die inzwischen auch auf DVD erschienene Werther-Vorstellung mit Jonas Kaufmann und Sophie Koch erleben durfte, die ein für mich einmaliges positives Erlebnis war. Gerade deshalb und natürlich wissend, dass es in Wien ein anderer Werther werden würde, habe ich versucht keine überhöhten Erwartungen mitzubringen. Generell bin ich auch gegenüber jeglicher Art von Regie immer offen eingestellt. Unvorbereitet fahre ich allerdings selten und Dank gewisser Quellen konnte ich vor meinem Besuch in Wien die beiden Werther-Vorstellung vom 17. und 21.01. anhören. Für mich klang JK am 17.01. etwas angestrengt und musste hörbar gegen das Orchester brüllen. Der 21.01. gefiel mir schon besser, allerdings hatte ich weiterhin einige Probleme, mich für das Orchester zu begeistern. Da ich aber wusste, dass es nur wenig Proben vorher gab (und wohl keine einzige Bühnenprobe mit Orchester), hoffte ich, dass sich der Gesamtklang bis zu meiner Vorstellung noch weiter verbessern würde. Dazu war es mein erster Besuch in Wien und an der WSO und ich bin so wenig voreingenommen wie möglich gekommen. Die Stadt selber hat mir unheimlich gefallen, das Opernhaus ebenfalls, optisch für mich eines der schönsten in meiner bisherigen Sammlung.
Trotz allem wurde ich mit diesem Werther nicht warm und zwar so wenig, dass es fast ein kleiner Schock für mich war. Die Wiener Philharmoniker, darf man die überhaupt kritisieren? Ich wage es jetzt einmal. Ich hätte nie gedacht, dass ich mir in einer Oper einmal wünschen würde, dass das Orchester verschwindet. Ist schwer zu beschreiben, aber ich hatte das Gefühl, dass das Orchester regelrecht eine Barriere zwischen Bühne und Zuschauersaal darstellt, und zwar eine teilweise undurchdringliche. Und damit meine ich nicht die Lautstärke, ich konnte die Sänger immer und jederzeit gut hören. Es war eher eine emotionale Wand, ich hatte Probleme die Sänger "zu erreichen" und nach meiner Meinung mussten sich auch die Sänger anstrengen, um durch diese „Wand“ bis zum Publikum durchzukommen. Zum Teil mag es am Dirigenten gelegen haben, aber am störendsten fand ich nicht die großen Orchesterparts, sondern einzelne Solo-Stellen. Für mein Gefühl litt insbesondere mein Liebling Jonas Kaufmann darunter, irgendwie hinderte ihn die ständige Anstrengung gegen das Orchester durchdringen zu müssen, sich vollständig in die Figur des Werther zu verwandeln. Entspannt schien er mir nur in Phasen, wo kaum Orchestermusik erklang, dann kam für mich auch sofort die Figur des Werther zum Vorschein. Aber selbst als er sich endlich in die Figur das Werther verwandelt hat, eine leise wunderbar fließende Phase sang, das Orchester einen Teppich darunter legte und Stille im Publikum herrschte – dann schrammelt die Solo-Violine (austauschbar mit Solo-Cello, Solo-Oboe usw.) plötzlich ihre drei Takte darüber, als ob sie ein Mozart Violin (Cello-, Oboen-)konzert spielt, ich habe mich teilweise richtig erschreckt. Die Instrumente klangen für mein Gefühl zu exponiert, so als ob sie sich zu wichtig nehmen würden. Ich hatte nie das Gefühl, dass hier ein Sänger begleitet wurde oder ein musikalisches Miteinander stattfand, sondern die Instrumente haben sich in solchen Momenten einfach in den Vordergrund gespielt.
Vielleicht, wenn ich nicht in Paris hätte erleben dürfen, dass es auch ganz anders geht, wäre ich von diesem Wiener Werther begeistert gewesen, denn natürlich hatte er wunderbare Moment (über Einzelheiten und die Regie gerne später). Aber so ging es mir, wie viele meiner Bekannten, die ebenfalls in Paris waren, in Wien war es einfach nicht „richtig“.
So etwas habe ich noch nie in der Oper erlebt und es hat mich ein wenig aus der Bahn geworfen. Ich habe lange überlegt, ob es an mir persönlich gelegen hat, vor allem nachdem ich aus Wien so viele begeisterte Berichte lesen konnte. Aber auch das nachträgliche Anhören aller vorhandenen Aufnahmen inklusive Rundfunksendung, konnte mein Empfinden bezüglich der „Wiener“ nicht ändern.
Kann es sein, dass die WSO mit akustischem Schwerpunkt auf den Orchestergraben und nicht auf die Bühne gebaut ist? Der Graben liegt zudem noch sehr hoch und exponiert – alles eher nicht ideale Bedingungen für eine (leise) Oper.
Es war mein erster Besuch in diesem Haus und ich hatte vorher zwar von einigen Bekannten Ressentiments gegen die Akustik im Haus gehört, aber keine generellen negativen Aussagen. Auf alle Fälle habe ich mich nicht getraut Tickets für den Faust nächstes Jahr zu bestellen, einfach aus Angst, dass ich meinen Lieblingstenor wieder nicht richtig werde wahrnehmen können. Ich habe für mich aber entschieden, mir die WSO noch einmal unvoreingenommen mit Sängern anzuhören, denen nicht mein besonderes Herzblut gehört.
Liebe Grüße Flosshilde
Severina (25.08.2011, 15:46): Liebe Flosshilde,
das ist jetzt eine wirklich interessante Wahrnehmung, auch wenn es mir noch nie so ergangen ist. Aber ich bin halt durch die Wiener quasi musikalisch sozialisiert worden, ich kenne es gar nicht anders und muss auch gestehen, das mein Hauptaugen- oder in dem Fall Ohrenmerk bei den Sängern liegt. Mir passiert es im Gegenteil immer wieder, dass ich nach einer Vorstellung gar nicht so genau sagen könnte, wie das Orchester eigentlich war, weil ich gar nicht darauf geachtet habe. Was mir daher in erster Linie auffällt, wenn ein Dirigent eine Belcantooper (oder auch Verdi) als lieblosen Humptata herunterklopft oder die Sänger gnadenlos zudeckt. Aber das ist jetzt Deine Wahrnehmung, und die ist für Dich richtig. Was mich sehr interessieren würde, wie Jonas Kaufmann diese Kommunikation mit dem Orchester empfunden hat. Konntest Du ihn dazu befragen? In der Regel schwärmen die Sänger nämlich von diesem "herrlichen Orchester", was man natürlich nicht so bierernst nehmen darf, wenn ihnen diese Frage in Wien gestellt wird :wink. Auch passiert es immer wieder, dass die Sängerriege den Philis am Schluss Applaus spendet, und das müssten sie nun wirklich nicht tun, wenn ihnen nicht danach wäre. Aber ich werde mich in Zukunft bemühen, stärker auf die Orchesterbegleitung zu achten. Allerdings ist es mir wirklich noch nie passiert, dass ich den Eindruck hatte, ein Solist verhaut dem Sänger seine Phrase. Klar: Die Philis sind in erster Linie ein Konzertorchester, einige empfinden den Operndienst auch eher als Fron denn als Ehre, und ich kann mir schon vorstellen, dass es ihnen schwer fällt, im Graben nicht den großen Solisten raushängen zu lassen, sondern sich einem größeren Ganzen unterzuordnen. Das fällt Dir als Außenstehende natürlich auf, mir, die ich mit den Philis groß geworden bin, hingegen nicht.
Lustig ist nur, dass ich, also meine Wahrnehmung, Jonas viel engagierter empfunden habe als in Paris, denn zumindest im Fernsehen wirkte dieser "Werther" auf mich zum Teil richtig lähmend. Gut, das konnte natürlich wirklich an der bescheuerten Kameraführung liegen, die sich ja großteils damit begnügte, einen träumerisch ins Weite schauenden Jonas Kaufmann zu zeigen.
Wo bist Du eigentlich gesessen? Denn es gibt schon Plätze, wo die Akustik nicht so ideal ist. Am besten ist die Galerie, aber da sitzt man halt sehr bühnenfern, und gerade seinen Lieblingen möchte man gerne näher rücken. Zumindest mir geht das so :D! Vom "Faust" erwarte ich mir ehrlich gesagt nicht allzu viel und bin ziemlich erstaunt, dass Jonas in dieser Produktion singen will. (Oder kennt er sie gar nicht??) Der Regisseur schied nämlich während der Proben krankheitsbedingt aus und ließ einen Bühnenbildtorso zurück, in dem die Sänger mehr oder weniger hilflos herumstehen. Eigentlich ist's ein konzertanter Faust in Kostümen, und ich fürchte, nicht einmal ein so begnadeter Singschauspieler wie Kaufmann kann da das festgezurrte Ruder rumreißen. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt!
lg Sevi :hello
Severina (25.08.2011, 17:47): Ich habe jetzt gerade meine insgesamt vier Werther-Rezensionen noch einmal gelesen, weil ich nicht mehr alles so in Erinnerung hatte, und da war ich mit Dir ja völlig einer Meinung, dass Chaslin sehr unsensibel dirigiert hat und das Orchester viel zu laut war. Allerdings spürte ich nicht so wie Du negative Auswirkungen auf Kaufmanns Gesang, mir schien er, mit Ausnahme der 1. Vorstellung, wo ich ihn insgesamt nicht so toll fand, ziemlich mühelos über das Orchester hinwegzukommen.
Jammerschade, dass Du nicht in der letzten Vorstellung warst, wo Jonas ein Dacapo gegeben hat, zum ersten Mal bei "Pourquoi me reveiller", seit ich in die Oper gehe. Ehrlich gesagt kann ich mir nicht vorstellen, dass ein Sänger freiwillig eine Arie wiederholt, wenn er sich nicht wirklich wohl fühlt und für ihn alles passt. (Vielleicht hat er ja vorher ein ernstes Wörtchen mit Chaslin gesprochen, damit er den Turbo drosselt :wink)
lg Sevi :hello
PS: Na klar darf man die Wiener Philis kritisieren, ich tu's ja auch immer wieder, wenn sie einmal keine starke Hand spüren, sich in passiver Resistenz üben und wie ein Kurorchester aus Tripstrill klingen - vorzüglich bei Belcantoopern......
Flosshilde (25.08.2011, 22:07): Hallo Severina,
Original von Severina Mir passiert es im Gegenteil immer wieder, dass ich nach einer Vorstellung gar nicht so genau sagen könnte, wie das Orchester eigentlich war, weil ich gar nicht darauf geachtet habe.
Mir geht das normalerweise genauso, ich achte auch immer hauptsächlich auf den Gesang - genau deshalb hat es mich in Wien ja so irritiert, dass das Orchester hier „störend“ im Weg war. :wink
Ich will ja nicht einmal behaupten, dass es negative Auswirkungen auf den Gesang gehabt hat, es war nur eben so, dass ich trotz wunderbar singender Sänger und wunderbar spielender Musiker den Opernabend nicht genießen konnte. Und es war das erste und glücklicherweise bisher einzige Mal, dass es mir in dieser Form passiert ist.
Original von Severina Lustig ist nur, dass ich, also meine Wahrnehmung, Jonas viel engagierter empfunden habe als in Paris, denn zumindest im Fernsehen wirkte dieser "Werther" auf mich zum Teil richtig lähmend.
Vielleicht liegt auch hier ein wesentlicher Punkt, ich sagte ja schon, dass der Pariser Werther für mich ein sehr positives Erlebnis war. Natürlich ist es ein Unterscheid es live oder nur aus der Konserve zu erleben, aber auch im Fernsehen oder auf der DVD ist für mich da nicht im geringsten etwas lähmend. Mir fehlt etwas die Zeit, um es ganz ausführlich zu schildern, aber zusammenfassend war einer der wesentlichen Unterschiede zwischen dem Werther in Paris und Wien, dass in Paris kein einziges Mal Jonas Kaufmann auf der Bühne gestanden hat, sondern das war von der allerersten Sekunde an „Werther“. In Wien hat stattdessen Jonas Kaufmann den Werther gegeben und ist nur für einzelne Momente wirklich mit der Rolle verschmolzen. Es entspricht aber wahrscheinlich genau meinem persönlichen Geschmack, ich liebe träumerisch in die Weite blickende Tenöre. Und bin endgültig und rettungslos Jonas Kaufmann-Verehrerin geworden, während eines Liederabends, bei dem er (fast) regungslos die Winterreise sang. Dazu liebe ich seine leisen Töne und bin seinem Piano völlig verfallen. :down :down :down
Original von Severina Jammerschade, dass Du nicht in der letzten Vorstellung warst, wo Jonas ein Dacapo gegeben hat…
Auch wenn ich es natürlich im Nachhinein gehört und sogar sehr genossen habe, bin ich ziemlich sicher, dass es mir live zunächst nicht gefallen hätte. Allgemein gehöre ich zu der Fraktion, die es schöner findet, wenn das Publikum ergriffen lauscht, abhängig von der Handlung der Oper finde ich laute Bravorufe und Zwischenklatscher sogar eher störend. Hier liegt wahrscheinlich auch eine Erklärung dafür, dass ich mit dem Wiener Werther nicht so warm wurde, ich bin das Wiener Publikum und seinen Enthusiasmus nicht gewöhnt. :(
Ich möchte niemanden auf die Füße treten, aber mir ist es ein wenig unverständlich, wie man in so einer Oper und an der Stelle ein „bis“ fordern kann. In Paris gab es da nicht einmal Applaus und das hatte nichts mit Missfallen zu tun. Wie ich oben schilderte, da stand ein echter Werther auf der Bühne und hat seine Seelenqualen ausgelebt, da war Applaus oder sogar eine Zugabe undenkbar. Allerdings bin ich lernfähig und revidiere auch einmal meine Meinung. Es ist eben eine andere Art von Vergnügen, so die Oper zu genießen, wie Jonas sagt, die Wiener sind „verrückte“ Stimmenfetischisten. :)
Original von Severina Ehrlich gesagt kann ich mir nicht vorstellen, dass ein Sänger freiwillig eine Arie wiederholt, wenn er sich nicht wirklich wohl fühlt und für ihn alles passt.
Freiwillig? Ihr habt ihm ja kaum eine andere Wahl gelassen - nach 3 Minuten Applaus hat er es eben noch einmal gemacht :wink Im Ernst, ich bin sicher, dass Jonas keine Probleme hatte, ich bin es ja, die sich hier beklagt und nicht der Tenor. :D Wenn es irgendwie ein Problem für ihn gewesen wäre, hätte er es sicher nicht gesungen. Und er hat in dieser Zugabe auch das Erstaunliche geschafft, beim zweiten Mal noch besser zu singen als beim ersten, wahrscheinlich weil das Orchester vor lauter Verwunderung endlich einmal den Sänger begleitet hat und nicht andersrum. Hier hat das Orchester plötzlich ganz anders gespielt, die Emotionen waren greifbar und danach ging es dann auch ohne Applaus weiter.
Original von Severina Wo bist Du eigentlich gesessen?
Sicher saß ich nicht ideal, denn es waren ja zugewiesene Plätze für die dummen Touristen, die im Vorfeld bestellt hatten, vorne mittig im Parkett. Allerdings habe ich sämtliche Aufführungen dieser Werther-Serie von verschiedenen Orten der WSO gehört, und das machte keinen wesentlichen Unterschied.
Original von Severina Am besten ist die Galerie, aber da sitzt man halt sehr bühnenfern
Generell ist die Galerie wohl in allen Häusern der akustisch beste Platz, aber bis auf London wo ich wirklich sehr gerne im Amphi sitze, bevorzuge ich bei Jonas Kaufmann auch den zusätzlichen optischen Genuss :D
Original von Severina Vom "Faust" erwarte ich mir ehrlich gesagt nicht allzu viel und bin ziemlich erstaunt, dass Jonas in dieser Produktion singen will. (Oder kennt er sie gar nicht??)
Ich kann mir letzteres sehr gut vorstellen :wink Allerdings ein "konzertanter Faust in Kostümen" käme ja dem Pariser Werther sehr nahe und würde mir dann wohl wieder gefallen. Dumm, dass ich keine Karte habe.
Liebe Grüße Flosshilde
P.S. Wenn ich Zeit habe, werde ich mich auch noch einmal inhaltlich zu dem Wiener Werther äußern und nicht nur meckern.
Severina (25.08.2011, 23:10): Liebe Flosshilde,
ich finde es sehr erfrischend, hier nicht nur monologisieren zu müssen, also meckere ruhig weiter :D! Völlig richtig, dass man eine Opernaufführung im TV nur partiell beurteilen kann, und die völlig idiotischen Backstageeinblendungen, die einen immer völilg herausrissen aus allen Illusionen, trugen wahrscheinlich auch dazu bei, dass mich Jonas' Werther nicht wirklich gefangen nehmen konnte. Wobei ich ja auch in Wien gefunden habe, dass er die totale Hingabe an die Rolle, wie sie Villazón vorexerziert hatte, nicht vermitteln konnte. Trotzdem war er auf seine Art ein toller Werther und speziell die letzte Vorstellung wird mir unvergesslich bleiben. Was den Applaus betrifft, so stört mich der nach einer Arie weniger als am Schluss, wenn er unmittelbar nach dem letzten Ton einsetzt oder, noch viel schlimmer, wenn schon in die ausklingende Musik hineingeklatscht und damit die ganze Stimmung zerstört wird. Wie man derart unsensibel sein kann, verstehe ich wirklich nicht. Aber die meisten Sänger warten nicht nur auf den Zwischenapplaus, sondern schätzen ihn auch als willkommene Atempause! Domingo meinte einmal, dass er eine bestimmte Arie (fällt mir grad nicht ein, mein Gehirn funktioniert bei unseren Saunatemperaturen momentan nur partiell) nirgendwo so gerne und gut singt wie in Wien, weil da das Publikum zuverlässig in die Zäsur hineinklatscht, und das gibt ihm die nötige Verschnaufpause für den exponierten Spitzenton im zweiten Teil.
Aber ich versteh schon, was Du meinst, und ich fand es z.B. bei der Züricher "Tosca" sehr schön, dass der Dirigent nach "E lucevan le stelle" zügig weiter dirigiert und dem Publikum keine Chance zum Applaudieren gegeben hat. Zum Dacapo: Zwingend war das keineswegs, denn 3 Minuten und noch mehr Applaus nach einer Arie kommt in Wien öfter vor. Die meisten Tenöre stehen das durch und zeigen sich durchaus resistent gegen Bis-Rufe (Ich kann mich eigentlich an gar keine erinnern, nur an tosenden Applaus und Jubel) Kaufmann war der Erste, der hier eines gegeben hat, und zumindest in meiner näheren Umgebung waren alle sehr verblüfft, weil damit niemand gerechnet hatte. Bei gewissen Arien erwartet man ein Dacapo (Una furtiva lagrima z.B.), nicht aber in "Werther". Also, genötigt wurde der gute Jonas bestimmt nicht, er hat halt sich und uns die Freude gemacht. Dass übrigens die Wiederholung meist noch um einen Deut besser klingt als das "Original", ist beinahe immer so, was auch verständlich ist: Die Nervosität vom ersten Mal (Pack ich's?) fällt weg, und der Jubel muss ja einen ganzen Schwall von Glückshormonen auslösen, der einen förmlich beflügelt. Übrigens hatte sich Jonas nach seiner ersten Wiener "Tosca" über das Publikum beschwert, dass es zu wenig enthusiastisch reagiert hat, bei der Werther-Serie dürfte die Liebe also endlich eine gegenseitige gewesen sein. Dass wir Wiener Stimmenfetischisten sind, unterschreib ich sofort - das hat bei uns eine lange Tradition und wird sich wohl so bald nicht ändern. Wobei mein Fetischismus etwas differenzierter ist: Ich hatte nie ein Faible für die in Wien so beliebten "Wer-kann's-lauter-länger-und-höher-Tenöre" à la del Monaco & Co, sondern für die subtilen Gestalter. Denn genau wie Du messe ich einen Sänger an der Qualität seiner leisen Töne, an seiner Pianokultur, und wenn mich die dahinschmelzen lassen, ist mir ein verkrachter Spitzenton völlig wurscht. (Ein Beispiel: Wenn ein Alfredo so wie Kaufmann bei der Pariser "Traviata" ein "Parigi o cara...." zum Abheben singt, verzeihe ich ihm locker einen Patzer bei der Cabaletta. Denn das eine ist Ausdrucksintensität vom Feinsten, das andere eine Zirkusnummer.)
lg Sevi :hello
Ingrid (25.08.2011, 23:18): Original von Flosshilde Es entspricht aber wahrscheinlich genau meinem persönlichen Geschmack, ich liebe träumerisch in die Weite blickende Tenöre. Und bin endgültig und rettungslos Jonas Kaufmann-Verehrerin geworden, während eines Liederabends, bei dem er (fast) regungslos die Winterreise sang. Dazu liebe ich seine leisen Töne und bin seinem Piano völlig verfallen. :down :down :down
Bei mir war es die schöne Müllerin. Da flossen die Tränen in Strömen und kein Tenor berührte mich seither so stark. Bei diesem jetzigen Liederabend passierte in mir leider nicht ganz so viel, aber das lag ganz bestimmt nicht an Jonas, sondern allerhöchstens an der Liedauswahl.
Den Pariser Werther liebe ich inzwischen total, obwohl ich beim ersten Mal auch nicht so richtig mit der Inszenierung und vorallem den Szenen aus dem Hintergrund klar kam. Bei mir war es die Rose-Insz., mit der ich ständig verglich und der ich zuerst noch den Vorrang gab. Inzwischen aber nicht mehr. Vom Wiener Werther kenne ich leider nur einige schöne Fotos und natürlich Severinas Rezensionen :down Danach wäre ich doch schon mal sehr gerne dabei gewesen. LG Ingrid
Flosshilde (27.08.2011, 15:39): Liebe Severina,
Original von Severina zum Dacapo: Zwingend war das keineswegs, denn 3 Minuten und noch mehr Applaus nach einer Arie kommt in Wien öfter vor.
Was Wien betrifft bin ich wohl ein absoluter „Newbie“, 3 Minuten Applaus zwischendurch ist normal? :B Meine Bekannten und ich, darunter auch Wien-Erfahrene, waren der Meinung, dass die Forderung nach einer Zugabe nach der Arie vom ersten Abend an deutlich spürbar war. So etwas habe ich bisher noch in keinem anderen Haus erlebt, Applaus und Bravos nach einer Arie ja, aber nicht so lange. Ich sehe, ich muss da noch einiges lernen, was Wien betrifft. :)
Da ich hier diesen Thread eröffnet habe – was aber eher ein Versehen war, denn es sollte eigentlich unter die Berichte der WSO – möchte ich meine bisherigen Ausführungen zu dem Wiener Werther gerne inhaltlich noch etwas ergänzen. In diesem Zusammenhang habe ich die alten Posts zu diesem Thema gelesen und bin dabei auch auf den DVD Vergleich Paris - Wien gestoßen. http://www.das-klassikforum.de/thread.php?threadid=1375&hilight=Werther
Schade, dass ich das nicht direkt im Januar gelesen hatte, du hättest garantiert eine flammende Verteidigungsrede für Paris von mir bekommen :wink Nicht in jedem Punkt, auch ich habe einige Einwände zur Kameraführung von Jacquot (wobei die erschienende DVD und die Fernsehsendung vom 26.01.2010, nicht identisch sind). Da ich allerdings zz die DVD nicht in meinem Besitz habe und mir auch allgemein die Zeit fehlt, kann ich hier nicht ausführlich darauf eingehen. :(
Aber ein kurzer Vergleich meiner beiden Live-Erlebnisse wäre wohl ein sinnvoller Abschluss dieses Threads. Dazu muss ich allerdings erst meine Erinnerungen etwas auffrischen und brauche sicher ein wenig Zeit, um es niederzuschreiben. Bitte also um etwas Geduld und hoffe hier in den nächsten Wochen noch ein paar sinnvolle Zeilen anfügen zu können.
Liebe Ingrid,
Original von Ingrid Bei mir war es die schöne Müllerin. Da flossen die Tränen in Strömen und kein Tenor berührte mich seither so stark. Bei diesem jetzigen Liederabend passierte in mir leider nicht ganz so viel, aber das lag ganz bestimmt nicht an Jonas, sondern allerhöchstens an der Liedauswahl.
Das gehört jetzt eher in den Kaufmann Thread, aber mir ging das in München ähnlich. Jonas Kaufmann hat mich mit demselben Programm in Bamberg allerdings völlig „erwischt“. Lag also entweder doch an der Tagesform des Tenors, an der Akustik, dem Drumherum (hustendes Publikum, Handyklingeln, Gläserklirren im Foyer) oder an allem zusammen.
Ich muss mich leider abmelden, fröne meinem Hobby und reise hinter Sängern her. Eigentlich sollte es diesmal Thomas Quasthoff werden, der mich aber wieder einmal versetzt und ich bekomme Markus Eiche. Habe hier einiges Gute über ihn gelesen und bin gespannt. Aber eigentlich ist mein Reisegrund der Tenor, dieser Sängergattung gilt nun einmal mein Hauptaugenmerk. :D
Liebe Grüße Flosshilde
Ingrid (27.08.2011, 22:43): Original von Flosshilde “. Lag also entweder doch an der Tagesform des Tenors, an der Akustik, dem Drumherum (hustendes Publikum, Handyklingeln, Gläserklirren im Foyer) oder an allem zusammen.
Liebe Grüße Flosshilde
Liebe Flosshilde,
genau, das alles zusammen brachte mich wahrscheinlich auch so aus dem Konzept und vielleicht sogar Jonas. Habe echt noch nie so ein disziplinloses Publikum erlebt. Sie warteten oft nicht einmal das Ende eines Liedes ab, um mit einem wahren Hustenorkan zu beginnen. Es war echt gruselig.
Wünsche Dir weiterhin viel Freude bei Deinen Opern- und Konzertreisen und nicht zu viele Ausfälle. Hoffentlich hast Du nicht auch Karten für Japan. Bei diesem Lohengrin stellen sich mir schon in Gedanken sämtliche Haare auf. Nur die erste Vertretung vom Florestan in München könnte ihn noch toppen :I