Sfantu (21.09.2018, 18:55): Im "Was höre ich gerade jetzt"-Faden wollte ich vorhin eigentlich meiner Begeisterung für das erste Streichquartett von Franz Hummel Ausdruck geben. Da schoss es mal wieder quer: mein altes Problem: Bei einem Grossteil der Kunstmusik ab 1945 komme ich recht bald ins Schwimmen, wenn ich beschreiben will, was ich da höre (was man da hört). Zu unübersichtlich oder zu schwer nachzuvollziehen ist mir das Wirrwarr (berndeutsch: chrüsimüsi oder karsumpu) der Entwicklungslinien, der Schulen, der Stile. Als ich in einem anderen Leben Musikwissenschaften studierte, sagte uns damals ein Dozent, der erklärtermassen Neue Musik für entbehrlich hielt sinngemäss: "& dann gibt es da natürlich noch die Zeitgenossen, die aufs Podium stolzieren, irgendwelchen Firlefanz zwischen die Saiten klemmen & sich mit dem Allerwertesten auf die Klaviatur setzen - das ist dann freilich höhere Kunst".
Wenn ich ebenfalls mit Neuer Musik nichts anfangen könnte, wäre es bequem (& vielleicht originell) mir diese Kurzdefinition zu eigen zu machen & da mit hätte sich's. Das Gegenteil ist aber der Fall. Ich entdecke so viel Neues, das mich fesselt. Wenn ich es aber beschreiben will, fehlt mir schlicht & ergreifend das Wissen. Im barock-klassisch-romantischen Kanon bin ich einigermassen sattelfest & kann das Meiste links & rechts des Hauptstroms orten, benennen, charakterisieren. Mein Wunsch ist, das mit Musik von 1945 bis heute auch zu können.
Wenn jetzt die Experten, Praktiker, Komponisten unter euch gähnend abwinken & sagen "Wo anfangen?" oder "Nicht schon wieder" oder "Wie soll ich einem ausserirdischen, taubstummen Frettchen fortgeschrittene Differentialrechnung beibringen?", dann kann ich das verstehen.
Gibt es in dem Fall vielleicht einen Literaturtipp? Einen Neue-Musik-Führer, der gut zu lesen & zu verstehen ist?
Im voraus vielen Dank (im besten Falle geht es ja nicht nur mir so...)
satie (22.09.2018, 20:25): Hm... Gute Frage! Ich kann grundsätzlich Alex Ross "The rest is noise" empfehlen, allerdings ist das eine Gesamtgeschichte der Neuen Musik, also nicht spezifisch auf die Musik nach 45 bezogen. Aber es liest sich gut. Ich will Mal schauen, ob ich noch etwas besseres finde!
Herzliche Grüße Satie
Sfantu (23.09.2018, 16:53): Vielen Dank für den Hinweis, Satie! Steht schonmal auf meinem Einkaufszettel.
VG, Sfantu
satie (23.09.2018, 18:12): Ein weiteres Standardwerk zum Thema: Ulrich Sibelius: Neue Musik nach 1945
Hier gibt es vor allem Einzelportraits von Komponisten mit guten Beschreibungen ihres Stils, aber auch Panoramen verschiedener Strömungen etc.
Und dann noch: Constantin Floros: Neue Ohren für Neue Musik. Streifzüge durch die Musik des 20. und 21. Jahrhunderts
Liest sich gut und gibt auch einen guten Überblick über die gesamte Historie seit der zweiten Wiener Schule
Sfantu (25.09.2018, 12:48): Nochmals vielen Dank!
LG, Sfantu
EinTon (28.09.2018, 19:47): Hm... Gute Frage! Ich kann grundsätzlich Alex Ross "The rest is noise" empfehlen, allerdings ist das eine Gesamtgeschichte der Neuen Musik, also nicht spezifisch auf die Musik nach 45 bezogen. Aber es liest sich gut. Er scheint aber einem sehr konservativen Ansatz zu huldigen, mit starken Ressentiments gegenüber avantgardistischen Strömungen, gegenüber Atonalität, Serialismus etc.
satie (29.09.2018, 05:00): Kann ich nicht unterschreiben. Wer ihm Böses will, wird schon Wege finden. Dass das ein Buch von einem Amerikaner aus entsprechender Perspektive ist, muss man natürlich schon akzeptieren. Wer denkt, hier einen Adornianer vor sich zu haben, wird enttäuscht. Gerade das finde ich sehr erfrischend. Floros bietet da übrigens einen guten Gegenpol. Ansonsten ist der Dibelius zu empfehlen. Das Buch von Josef Häusler, das bei Capriccio empfohlen wird, kenne ich nicht. Häusler ist mir vom Radio wohlbekannt, von daher könnte das was sein. Es ist in der Tat schwierig, etwas zur ganz aktuellen Musik zu finden, was mich bei der aktuellen Situation nicht sonderlich überrascht...aber nein, ich will nicht polemisch werden.
Herzliche Grüße Satie
EinTon (29.09.2018, 15:02): Es ist in der Tat schwierig, etwas zur ganz aktuellen Musik zu finden, was mich bei der aktuellen Situation nicht sonderlich überrascht...aber nein, ich will nicht polemisch werden. Äääh, das hätte mich aber jetzt doch mal genauer interessiert... ;)
Cetay (inaktiv) (29.09.2018, 22:11): Für einen schnellen Überblick - weder historisch-systematisch noch annähernd umfassend - finde ich den Guide to contemporary classical music, der in den Jahren 2012-13 von der Zeitung The Guardian in Form von wöchentlich erscheinenden Komponistenporträts herausgegeben wurde, unschlagbar. Durch die hier und da zu findenden Rück- und Querverbindungen ergibt sich schon so etwas wie eine Vernetzung, nur halt ohne Jahreszahlen und Stilsystematik. Dafür ist es wunderbar zu lesen und wurde ganz klar mit der Absicht zum Hören zu verführen geschrieben - mit Erfolg!
Sfantu (01.10.2018, 12:41): Besten Dank an alle für die vielen Hinweise!
Cetay (inaktiv) (03.10.2018, 14:04): Wenn man nur lange genug sucht... Hier ist das, was mir vorgeschwebt ist. Ein Zeitstrahl mit Namen und Stilen - als Ausgangspunkt für eine systematische Exploration.
satie (03.10.2018, 15:46): Danke für den Hinweis, so etwas ist immer auch cool für den Unterricht. Die Darstellung hat Ähnlichkeit mit Saathens (Saaten? Bingrad zu faul, um nachzusehen) "Musik im Spiegel der Zeit", das sind synchronoptische Tafeln von den Anfängen bis 1975, hier noch mit historischen Querbezügen. Leider lebte der Verfasser nicht lange genug, um das 20. Jahrhundert komplett abzubilden. Wenn man diese Tafeln allerdings anschaut, merkt man auch sehr schnell, wie schwierig es ist, eine Auswahl von Komponisten zu treffen. Trotzdem: ein guter Startpunkt!