Niccolo Paganini - 24 Capricen op.1

Rachmaninov (11.06.2006, 10:20):
Forianer,

man kann ja von den Kompositionen Paganini's halten was man will, eins haben sie mit Sicherheit bewegt, sie haben dafür gesorgt, daß technische Grundlagen ohne die heute die meisten Violinenkonzerte völlig undenkbar wären, zum Rüstzeug eines jeden Geiges zählen, der etwas auf sich hält.



Paganini komponierte immer an das zu seiner Zeit existierende Limit des Machbaren oder genauer gesagt darüber hinaus.
Da er für sich komponierte blieben die meisten Kompositionen nämlich für seine Zeitgenossen unerreichbar.

So wundert es nicht, daß seine 24 Capricen op.1 erst 50 Jahre nach Paganini überhaupt von einem Geiger ohne irgendwelche Kürzungen oder Veränderungen aufgeführt wurden.

Und selbst heute zählen Paganini's 24 Capricen wohl zu den Herausforderungen für einen Geiger dar.

D. Oistrach spielte wohl (angeblich) jeden Morgen zunächst einmal eine dieser Capricen und die Geläufigkeit seiner Finger zu testen.

Aufnahmen gibt es heute zahlreiche. Nennen möchte ich zunächst ersteinmal 2 aufgrund ihrer "Geschichte" bedeutende.



Michael Rabin, der tragischerweise durch Eigenverschulden früh verstab, war der erste Geiger, der die Capricen für die Schallplatte einspielte.

Zu seiner Ehrer und in Erinnerung an Rabin spielte I. Perlman die Capricen erneut ein:



Die Capricen höre ich relativ selten, da sie der Zuhörer einiges abverlangen wie ich finde.

Mögt ihr dieses Werk? Welche Aufnahmen kennt und schätzt ihr?
Jeff Klein (11.06.2006, 11:13):
Lieber Rachmaninov,

Ich besitze die Perlman Aufnahme und die reicht mir :)!Ich glaube ich habe die CD noch kein einziges Mal an einem Stück gehört, zuviel davon bereitet mir Kopfschmerzen :(, da die Musik, wie du bereits gesagt hast wirklich anstrengend ist.Es gibt einige Capricen die auch abseits von der beindruckenden Virtuosität sehr interessant klingen, zum Beispiel no.24 (wenn ich mich richtig erinnere, habe die CD leider nicht hier).Das beste an den Capricen ist für mich dass Paganini damit andere Komponisten inspiriert hat um seine Themen für Variationen zu verwenden... :ignore
Rachmaninov (11.06.2006, 11:18):
@Jeff,

mit der Perlman Aufnahme bist Du sicherlich gut beraten wenn Du das Werk eh wenig hörst.

Ja, schön sind die Variationen, die auf Basis der Capricen entstanden sind :engel
Zelenka (11.06.2006, 11:34):
Mein Paganini-Bedarf ist dauerhaft mit dieser Box abgedeckt, die natürlich auch die Capricen enthält:

http://images-eu.amazon.com/images/P/B00004SA88.03.LZZZZZZZ.jpg

In kleinen Dosen genossen, kann man Paganini sicher gut aushalten. Kopfschmerzen wie bei Jeff bereitet die Musik mir eigentlich nicht, und nach einem tieferen Sinn jenseits der geigerischen Pyrotechnik wage ich ohnehin garnicht erst zu fragen.

Gruß,

Zelenke
ab (12.06.2006, 22:18):
Die Michael Rabin Aufnahme, von vielen höchstlich gepriesen, kenne ich leider nicht, weil damals, als ich intensiv nach einer Aufnahme suchte, war sie nicht am Markt. Nach vielen Hörstunden fand ich damals die Aufnahme mit Shlomo Mintz mit Abstand am besten, sowohl technisch als auch musikalisch. (Ich habe sie mir dennoch nicht gekauft, weil leider, leider seine (damals immense) Musikalität einfach von meinem persönlichen Geschmack zu sehr abweicht.)
Rachmaninov (13.06.2006, 12:27):
@ab,

die Rabin Aufnahme ist gut, aber ich schätze Perlman eigentlich "höhrer" ein!
Sein Spiel erscheint mir brillianter.

Rapin wirkt impulsiver, energischer und kraftvoller.

R
Ganong (30.10.2006, 18:15):
Lieber Zelenka ,

liebe Freunde und Verächter der Musik Paganinis !

Accardo ist bei aller technischen Perfektion sicherlich der geigerisch kultivierteste Interpret geblieben .

Deine Auswahl ist hier , wie so oft , traumhaft sicher !

Es ist selbst für Paganiniverächter grosses geigespiel .

Ansonsten :

Michael Rabin ( Wer sonst ? ) , der etwas donesti´zierteer Itzhak Perlman un d R. Ricci , der leider etwas in Vergessenheit gearten ist .

Grüsse ,

Frank
AcomA (07.11.2006, 14:01):
liebe Geigenfreunde,

am meisten sagen mir des komponisten erste beiden violinkonzerte und die 24. caprice zu. von einigen wurde schon daraufhingewiesen, dass spätere oder damals zeitgenössische komponisten material für bearbeitungen oder neue werke aufgriffen.

mein bruder und ich hatten während der schulzeit eine regelrechte 'capricen'-phase. wir kauften uns einige der aufnahmen:

salvatore accardo (DG, hier schon genannt)
shlomo mintz (DG, hier schon genannt)
frank peter zimmermann (emi)

shlomo und frank peter fanden wir gleichermaßen stark und abwechslungsreich in der phrasierung und tongebung. dagegen erschien uns accardo eher routiniert bis langweilig.

gruß, siamak :)
Cetay (inaktiv) (04.06.2017, 19:17):
Ich muss mich an dieser Stelle als Paganini-Vielhörer outen. Wider besseren Wissens höre ich seine Violinkonzerte (alle!) und Quartette für Streicher & Gitarre sehr gerne - und ich habe sogar die 9 CDs umfassende GA aller Duette für Violine & Gitarre. Was ich früher sagte, kann so stehenbleiben:
Das fällt unter das, was die Angelsachsen so treffend aber nicht wörtlich übersetzbar mit guilty pleasure bezeichnen. Das ist wohl keine höchste Kompositionswissenschaft und überrumpelt manchmal recht perfide-schlagerhaft, aber es macht höllischen Spaß.


Die Beschäftigung mit den Paganinischen Capprici kann schnell zur Freizeit füllenden Angelegenheit werden, wenn man denn erst mal eine Virus-übertragende Aufnahme in die Ohren bekommen hat. Allein in den letzten drei Jahren sind unzählige Bereicherungen der Diskographie herausgekommen. Neben kaum zählbaren Normalaufnahmen von vielfach noch unbekannten Namen gibt es "korrekte" Einspielungen auf der violino storico, es wurde eine Transkription für Bratsche gesichtet und auffallend viele für Flöte, davon mindestens eine, die wiederum "historisch" zu sein für sich reklamiert. Auch eine von Schumann als Duo mit Klavierbegleitung eingerichtete Version wurde veröffentlicht.

Was sollte man davon kennen? Also ich finde auf jeden Fall, die historisch überkorrekte Aufnahme (... that uses an antique instrument, and antique bow and (...) catgut strings, made out of sheep intestines cut into strips and twisted, similar to a vibrating nerve ...; Tacuts) -durch Beachtung aller Wiederholungen auf weit über anderthalb Stunden ausgedehnt- mit Roberto Noferini ist ein absolutes Muss. Auch die Darbietung von Marieke Schneemann auf einer "historischen" Flöte entlässt mich erst, wenn der letzte Ton der 19 gegebenen Transkriptionen verklungen ist. Aber wie so oft wird alles zur Nebensache wenn Rachel Barton Pine die Bühne betritt - der eigentliche Anlass zur Wiederbelebung dieses Fadens. Nach Mozart und Bach hat sie sich nun Paganini vorgenommen - und hier wie wie da hört das Fragen auf und statt dessen wird gehört und konstatiert: Ja!
Nicolas_Aine (05.06.2017, 09:30):
Gerade ist auch eine Aufnahme von einem jungen deutschen Geiger, Niklas Liepe, in Arbeit. Er bat einige befreundete Komponisten, entweder eine neue Orchesterbegleitung zu schreiben oder eine der vorhandenen Klavierbegleitungen (von Schumann, Kreisler, Szymanowski etc.) entsprechend zu arrangieren. Die CD wird von Sony mit Gregor Bühl und der Deutschen Radiophilharmonie Saarbrücken Kaiserslautern produziert und dürfte gegen Ende des Jahr / Anfang nächsten Jahres im Handel sein.
satie (05.06.2017, 10:59):
Was mich bei den Capricen immer wieder abschreckt, ist die (offenbar unmöglich sauber zu realisierende) Intonation mancher Stellen. Bei der ersten Caprice beispielsweise diese Terzläufe abwärts. Ich habe mal um die 15 Aufnahmen verglichen und muss sagen, dass keiner der Interpreten das auch nur halbwegs sauber hinkriegt (das es sauschwer ist, müssen wir nicht erörtern, darum geht's ja...).
Wer kann mir in dieser Hinsicht eine Aufnahme empfehlen, die mir nicht wegen der unsauberen Intonation die Schuhe auszieht?

Danke für Hinweise!

Herzlich
Satie
Nicolas_Aine (05.06.2017, 16:44):
ich selber besitze nur die Perlman Aufnahme, die ist in der Hinsicht (wie so viele seiner Aufnahmen) auch nicht ganz perfekt.
Cetay (inaktiv) (04.11.2017, 10:13):
Was mich bei den Capricen immer wieder abschreckt, ist die (offenbar unmöglich sauber zu realisierende) Intonation mancher Stellen. Bei der ersten Caprice beispielsweise diese Terzläufe abwärts. Ich habe mal um die 15 Aufnahmen verglichen und muss sagen, dass keiner der Interpreten das auch nur halbwegs sauber hinkriegt (das es sauschwer ist, müssen wir nicht erörtern, darum geht's ja...).
Wer kann mir in dieser Hinsicht eine Aufnahme empfehlen, die mir nicht wegen der unsauberen Intonation die Schuhe auszieht?

Danke für Hinweise!

Herzlich
Satie
Versuch es mal mit dieser brandneuen Vorführung - da sollten deine Füße warm belieben. So sauber und leicht hab ich die erste Caprice noch nie gehört. Ich glaube, die könnte das auch morgens um drei Uhr frisch geweckt mit der Geige hinterm Rücken spielen.
satie (05.11.2017, 22:43):
Lieber Cetay,
endlich habe ich es geschafft, da reinzuhören, und ich gebe Dir Recht: bislang die sauberste Aufnahme, die ich gehört habe! Die Frau beherrscht ihre Technik. Bei der ersten Caprice habe ich es jetzt einfach aufgegeben, die ist offenbar einfach zu schwer, um sie wirklich lupenrein zu spielen (so empfindlich bin ich eigentlich gar nicht mal...). Die Terzenläufe sind offenbar etwas wahrhaft Teuflisches.
Sueye Park hat vor allem auch mal ein astreines Oktavenspiel (ebenfalls sauschwer und unangenehm). Sie hat eine gewisse Leichtigkeit in ihrem Spiel, die mir gefällt, auch übertreibt sie es nicht mit dem Vibrieren. Ja, Top-Aufnahme, natürlich bleiben die Stücke etwas für jene, die Harry Partch "Show horses in the concert ring" nannte (hier nachzulesen: http://www.public.iastate.edu/~jwcwolf/Papers/PARTCH.HTM ).
Aber allerherzlichsten Dank für den Tipp!