Nicolai Gedda gestorben

Cavaradossi (10.02.2017, 13:52):
Nicolai Gedda, geb. 11. Juli 1925, gest. 08. Januar 2017.

Er war einer der bedeutendsten, und vor allem der vielseitigste Tenor des 20. Jahrhunderts, stilistisch und geschmacklich ein Sänger der Extraklasse.
Sein Debüt feierte er 1952 in seiner Heimatstadt Stockholm und wurde dort von dem englischen Columbia-Produzenten Walter Legge entdeckt. Wenige Monate später war er bei der EMI, dem Mutterkonzern der britischen Columbia, unter Vertrag und bekam seine erste bedeutende Rolle in der heute legendären Pariser Produktion von Mussorgskys "Boris Godunow" unter dem Dirigenten Issay Dobrowen.
Danach begann eine steile Weltkarriere, die ihn auf allen großen Opernbühnen der Welt führte. Er sprach (und vor allem sang) in sieben Sprachen perfekt. Nicht nur in der Oper war er zu Hause, er sang ebenso Operette, Oratorium, Lieder deutscher, französischer, englischer und skandinavischer Komponisten. Unzählige Plattenaufnahmen, sowohl Recitals als auch Gesamtaufnahmen aus diversen Gebieten, geben Zeugnis seines überragenden Künstlertums. Er beherrschte allein über 70 Opernrollen.

Am 8. Januar 2017 ist er in seinem Schweizer Domizil am Genfer See gestorben. Auf seinen Wunsch wurde sein Tod erst jetzt bekannt gegeben.

R.I.P.
palestrina (10.02.2017, 16:11):
Das Schönste, was ein Mensch hinterlassen kann,
ist ein Lächeln im Gesicht derjenigen, die an ihn denken.

R.I.P. Nicolai Gedda
Dein Gesang wird in meinem Herzen bleiben .

Er hat uns Gottseidank, ein reiches Erbe hinterlassen!

palestrina

Wenn die Zeit endet, beginnt die Ewigkeit.

Wiki Eintrag
Cavaradossi (10.02.2017, 17:14):
Er hat uns Gottseidank, ein reiches Erbe hinterlassen!
Ja, palestrina, das hat er, und wir wollen dankbar dafür sein.
Neben den so überaus zahlreichen Gesamtaufnahmen aus Oper, Operette und sakraler Musik (Verdi: Requiem unter Carlo Maria Giulini) gibt es eine Fülle von wertvollen Recitals, deren Zahl fast nicht überschaubar ist. Stellvertretend nenne ich folgende 3 CD-Box:


Sie enthält neben Arien aus deutschen, italienischen, russischen und französischen Opern auch etliche Raritäten, wie z.B. Auszüge aus dem schon genannten "Boris Godunow" von 1952, zwei Stücke aus Glucks "Orphée et Eurydike" (aus der GA unter Louis de Froment), auch das erste komplette Arien-Recital unter André Cluytens aus dem Jahr 1953. Eine wahre Fundgrube! Es sind wahrlich "Great Moments of Nicolai Gedda", wie es im Titel heißt.
Die Welt wird lange warten müssen auf einen solchen universell gebildeten Künstler, mit einer so selten schönen Stimme, und einem so auserlesenen Geschmack. Gedda stellt nicht seine Stimme aus, sondern stellt sie stattdessen ganz in den Dienst der Musik.
Cavaradossi (11.02.2017, 11:04):
Ich will ja eigentlich nicht meckern, das steht mir auch gar nicht zu, aber ich bin doch erstaunt und befremdet, wie wenig Resonanz der Tod von Nicolai Gedda bei den hiesigen Forumsteilnehmern und auch in den öffentlichen Medien gefunden hat. Selbst die öffentlich-rechtlichen Sender befanden es nicht für angebracht, darüber in den Hauptnachrichten zu ein Wort zu verlieren. Traurig, aber wahr!
Nicolai Gedda war einer der größten klassischen Künstler des 20. Jahrhunderts, ein außergewöhnlicher Sänger, ausgestattet mit einer wunderbaren, unverwechselbaren Tenorstimme und von einer Vielseitigkeit, die keiner seiner Kollegen auch nur annähernd erreicht hat.
Sicher, er war nicht so populär wie Rudolf Schock, obwohl dieser ihm weder stimmlich noch darstellerisch das Wasser reichen konnte. Doch ist Nicolai Gedda dem deutschen Publikum alles andere als unbekannt. Er ist sehr häufig in Deutschland und Österreich aufgetreten, sowohl auf der Bühne wie im Konzertsaal, und auch im Fernsehen war er kein Unbekannter, wenn er sich auch nicht - wie Schock - in allen niveaufreien Shows wie "Der blaue Bock", "Glücksrad" und ähnlichen Sendungen getummelt hat.
Schade, Nicolai Gedda hätte eine andere Würdigung verdient!
Falstaff (11.02.2017, 23:22):
Ich muss gestehen, dass ich lange kein ausgesprochener Gedda-Fan war. Erst in der letzten Zeit habe ich seine überragende Stimmkultur, seine stilistische Sicherheit v.a. im französischen und russischen Fach, seine Vielseitigkeit und seine Stimmschönheit wirklich schätzen gelernt. Was mich dann geradezu 'zwang' immer häufiger Aufnahmen zu bestellen, nur weil er dabei war. :)

Aber unabhängig von meiner eigenen Vorliebe habe ich ihn immer als einen wirklich überragenden Künstler der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts angesehen. Als einen der bedeutendsten Tenöre aus dieser Zeit, als eine wirkliche Legende. :down :down :down

Kennengelernt habe ich ihn als Don Jose zusammen mit der Callas. Und hätte mir einen Corelli gewünscht. Wie dumm war ich damals. :D Wusste ich doch nicht, dass diese Partie heutzutage so gesungen werden muss. In der Tradition der französischen Oper und gleichzeitig modern, mit einer ganz leicht volleren Stimmfärbung in der Tradition der italienischen Oper.

Und da muss ich Cavaradossi rechtgeben. Die Reaktion oder besser gesagt Nichtreaktion der öffentlich-rechtlichen Medien ist beschämend, sagt aber wiederum ganz viel aus über den Stellenwert, den klassische Musik heute bei uns hat.
palestrina (13.02.2017, 11:06):


Die Biographie seiner Frau ist sehr lesenswert, und zeigt einen Menschen der mit beiden Beinen auf der Erde blieb.
Die engl. Aufnahme des Eugene Onegin (AD1994) muss ich doch erwähnen, N.Gedda singt hier den Monsieur Triquet mit seinem entzückenden Couplets! :thumbsup:

LG palestrina
palestrina (13.02.2017, 19:47):
Gluck „ Orphée et Euridice "



AD 1957 Mono
Nicolai Gedda
Janine Micheau
Liliane Berton
Orchestre de la Société des Concerts du Conservatoire
Louis de Froment

Diese Aufnahme hatte ich mir immer gewünscht, als sie dann endlich bei Hänssler erschien (früher Pathè) war ich überglücklich, aber welche eine Enttäuschung, der Klang ist ziemlich schlecht, warum ?( !?
Ich kann mich allerdings nicht mehr erinnern ob das bei den LPs auch so war?
Die Gesangsstimmen sind noch einigermaßen gut, aber die Chöre, na ja!
Aber was soll man meckern, die Hauptsache Gedda als Orphée und das ist letztendlich Freude genug! :)

LG palestrina
Jürgen (13.02.2017, 20:06):


Boris Godunov, Semkow 1976

Nicolai Gedda als Dimitri.

Leider lange nicht mehr gehört. Habe sie seit Urzeiten als LP (linkes Cover), und eigentlich des Schlussliedes des Narren wegen auch als CD besorgt (rechts).

Grüße
Jürgen
Cavaradossi (18.02.2017, 20:01):
Hier noch eine Aufnahme mit Gedda, die mit auf die einsame Insel muß, wenn's denn sowas noch gibt:





Mozart: DIE ZAUBERFLÖTE (GA 1964, leider ohne Dialoge)
mit Nicolai Gedda (Tamino), Gundula Janowitz (Pamina), Lucia Popp (Königin), Gottlob Frick (Sarastro), Walter Berry (Papageno), Franz Crass (Sprecher), Gerhard Unger (Monostatos), Elisabeth Schwarzkopf, Christa Ludwig & Marga Höffgen (3 Damen), Ruth-Margret Pütz (Papagena) u.a.
Philharmonia Chorus and Orchestra London, Dirigent: Otto Klemperer.

Das war Luxus pur! Nicolai Gedda singt einen aristokratischen Prinzen, vielleicht nicht ganz so strahlend wie Fritz Wunderlich (bei Böhm, DGG), aber mit unerreichter Dilikatesse.
Eine der ganz großen Produktionen mit Nicolai Gedda und dem unvergessenen Dirigenten Otto Klemperer.
Rotkäppchen (18.02.2017, 21:24):
Mozart: DIE ZAUBERFLÖTE (GA 1964, leider ohne Dialoge)
mit Nicolai Gedda (Tamino), Gundula Janowitz (Pamina), Lucia Popp (Königin), Gottlob Frick (Sarastro), Walter Berry (Papageno), Franz Crass (Sprecher), Gerhard Unger (Monostatos), Elisabeth Schwarzkopf, Christa Ludwig & Marga Höffgen (3 Damen), Ruth-Margret Pütz (Papagena) u.a.
Philharmonia Chorus and Orchestra London, Dirigent: Otto Klemperer.
Herrlich! Diese Zauberflöte war doch tatsächlich rein zufällig meine allererste Klassik-CD, ca. 1994 erworben unter etwas kuriosen Umständen. Ich war damals 15 und hatte nicht die geringste Ahnung, was für eine Aufnahme mit was für Gesangscracks 8o ich da erwischt hatte!
Don Juan d' Austria (19.02.2017, 11:15):
Kennen gelernt habe ich Nicolai Geddas Stimme als ich vor ca 12 Jahren auf Malta während meiner Schulsprachwoche in einer Mall auf einer Partymeile mut Freunden ein CD Geschäft "plünderte"... Die Schulkollegen holten den Partysoundtrack, ich stöberte das Geschäft durch. Die hatten dort damals genau 5 Opern Aufnahmen im Regal. Als wir das Geschäft verließen war die Opernabteilung leer. :D

Gekauft hab ich damals unter anderem
Il Turco in Italia - Scala- Callas Gedda Rossi-Lemeni
Madame Butterfly - Karajan - Callas Gedda
Sowie noch einen Boris Godunow, einen Freischütz und einen Lohengrin

Diese Madame Butterfly ist für mich immer noch die Referenzaufnahme und ich höre sie immer noch gerne.

Ebenso wie Les Huguenots, wo Gedda mich immer wieder fasziniert. Seine Höhen in Bellinis "Vieni fra queste bracchia" ganz große Kunst.


Und natürlich seine Operettenaufnahmen für EMI. Da vor allem der Bettelstudent, der Graf von Luxemburg und Paganini.

Einer der größten und vielseitigsten Tenöre des letzten Jahrhunderts...Ohne Wenn und aber. :)
Amonasro (19.02.2017, 11:58):
Auch in jedem Fall erwähnenswert ist diese Aufnahme:



Die Rolle des Arnold ist verglichen mit Geddas anderen Rollen relativ dramatisch und weniger lyrisch, trotzdem überzeugt Gedda auch hier.

Gruß Amonasro :hello