Rolf Scheiwiller (23.03.2006, 13:16): Guten Tag zusammen. Gerne möchte ich die Interessenten fragen, was sie, falls sie überhaupt dieses Medium nutzen, von den konservierten Operninszenierungen halten. Ich gebe gerne zu, dass ich von meinen zahllosen DVDs viele nur ein einziges mal spielte. Warum? In jedem Fall war die Inszenierung nicht mein Geschmack. Es gibt allerdings auch etliche die ich öfters sehe. Da ich altmodisch bin diesbezüglich liebe ich die MET-Inszenierungen besonders. Allerdings ist die Bildqualität nicht immer top. Bei den Neusten jedoch ein Erlebnis. Besonders wenn man 16x9 schauen kann. Eine ueberragende Aufnahme diesbezüglich ist Fausts Verdammnis aus Salzburg. Auch interpretatorisch. Mit Kasarova, und Cambreling am Pult. Ein Erlebnis sind auch die diversen Freiluftkonzerte der Berliner im Waldstadion. Levine, Ozawa,Abbado und Rattle sind sich nicht zu schade für ein nicht immer aufmerksames Publikum zu spielen.
Gruss. Rolf.
Markus (23.03.2006, 13:28): Hallo Rolf,
prinzipiell halte ich es für eine tolle Möglichkeit, Aufnahmen, die bleibenden Wert haben, immer wieder ansehen zu können. Vorteile der DVD gegenüber dem Liveerlebnis ist, dass man bei der DVD - eine gute Musikanlage vorausgesetzt - eine optimale akustische Wiedergabe hat, und das oft auf einem künstlerischen Level, wie man es "in der Provinz" selten findet.
Ein weitere Vorteil in meinen Augen, ich gebe zu, dies ist allerdings Geschmacksache, ist im Falle einer guten Kameraführung die Konzentration auf das Wesentliche. Wenn ich im Opernhaus im hinteren Bereich sitze, sehe ich einfach nicht mehr die Details, die Mimik und Gestik in der Qualität, wie dies auf der DVD möglich ist.
Ein weiterer Vorteil ist die Möglichkeit, gerade bei fremdsprachigen Aufführungen Untertitel einzublenden.
Bin gespannt wie Eure Ansicht zu diesen und anderen Punkten ist.
Gruß,
Markus.
Ganong (23.03.2006, 14:03): Lieber Rolf , eine überzeugende Opern - DVD ist für mich in jeder Beziehung "Don Carlos" aus Salzburg mit Karajan , Furlanetto , Carreras , Cappuccilli .Agnes Baltsa (!!) und Fiamma Izzo d'Amico . Ansonsten gebe ich Dir Recht : Die ( fast ) nostalgisch - realistischen Operninszenierungen an der MET , durch Zeffirelli oder Visconti sind für mich bis heute nicht mehr ereeicht worden . Leider gibt es nicht alle auf DVD . Grüsse , Frank
klapps (23.03.2006, 14:08): Bei Videos war ich wegen der schlechten Qualität dagegen. DVD ist klanglich und vom Bild o.k. Außerdem kann man den (deutschen) Text idR mitverfolgen aber auch abschalten. Ich habe einige DVD aus der Agostini Serie, die es bei ebay sehr billig gibt und sehe sie gerne, wie z.B. die da Ponte Opern Mozarts. Ich bin nicht auf konservativ oder modern festgelegt bei Inszenierungen: Otto Schenk oder Konwitschny, beide sehe ich mir an, nur Sinn muss es machen. Für Neulinge, die ein Werk noch nie auf der Bühne gesehen haben, ist der Einstieg über DVD evtl. leichter als über CD. Ich tu mich bei einer DVD schwerer, eine Pause zu machen, während ich Opern GAs auf CD oft über mehrere Tage verteilt höre.
Rolf Scheiwiller (23.03.2006, 14:52): Hallo Ganong. Ja, diese Inszenierung passte auch perfekt auf die Riesenbühne des Grossen Festspielhauses. Der Don Giovanni ,auch mit Karajan wirkte bös in die Länge gezogen. Kennst Du, ebenfalls mit K. den Falstaff und den Rosenkavalier? Für diese Opern ist die Bühne wirklich zu riesig. Die Kameras hatten enorme Schwierigkeiten, auftretende Leere zu kaschieren. Dabei ist, wie im Spielfilm die Kameraarbeit absolut prioritär. PS. Ich darf annehmen, dass du Agnes Baltsa gerne hörst? (Der !! wegen ) Hab sie einige male in Zürich gesehen. Wagner-Wesendonck-Lieder. Und Carmen.
@ Markus. Absolut richig Deine Hinweise.
Gruss an alle, auch an klapps. Rolf.
Ganong (23.03.2006, 17:42): Lieber Rolf , Agnes Baltsa ist sicherlich eine der faszinierensten Sängerinnen , die ich stimmlich u n d darstellerisch erleben konnte . Gerade auch als Eboli . Auch wenn ich nicht dabei war : Bei ihrem Temperament kann ich mir ihre tatsächlich statgefunden Streiterein mit dem Imperator Maximus gut vorstellen . Die Rolle der Eboli ist sicherlich psychologisch und stimmlich eine der grossen Herausforderungen der Opernliteratur .Die verrett ist von ähnlicher Qualitär ( stimmlich wie darstellerisch ) . Überhaupt ist die Eboli als Frauengesatlt der Oper viel interessanter als die Elisabetta . Trotz deren immens schwieriger Arie "Tu che le vanità" . "Rosenkavalier" ist , wie Du richtig schreibst , keine Oper für die Riesenbühne in Salzburg . Offen gesagt : ich mag diese Oper auch nicht . Viele Grüsse , Ganong
Ganong (25.03.2006, 17:36): Lieber Rolf , bei Durchsicht der DVDs habe ich festgestellt , dass ich in diese Liste der Grossen Oper auf DVD JonVickers faszinierende Interpretation des Otello ( mit Freni als Desdemona ) hervorheben muss . Am Rande : es ist seltsam , dass ich inzwischen mehrere "grundsätzliche" Operngegener kenne , die sich geradezu andächtig verschiedene Opern zu Hause anhören und ansehen . Liegt es am Medium DVD ? An der Möglichkeit , einzelne Szenen sofort zu widerholen ? An der besseren Konzentrationsfähigkeit ? Grüsse , Ganong
Rolf Scheiwiller (25.03.2006, 18:48): Hallo Ganong. Es gibt sehr viele Opernbesucher, die überhaupt keine CD -Opernaufnahmen zu Hause haben. Sie werden ihre Gründe haben. Ich bin seit 2 Jahren nur noch in den DVD- Abteilungen der Musikhäuser anzutreffen. Natürlich nur wenn es um Bühnenwerke geht. Ich ertrinke in CD- Gesamtaufnahmen und kaufe nur noch DVDs. Wenn man erstklassige Geräte hat, dann ist eine Oper auf dem 16 x 9 TV und mit den Lautsprechern ein tolles Erlebnis. Für Opern ist es praktisch, wenn man nach Wunsch die UT ein-oder ausblenden kann.
Ich ging früher bis zu drei mal in der Woche (!!!) ins Opernhaus. Diese Zeit ist vorbei. Lernte dank DVD Opern wie Jenufa und andere wenig populäre erst schätzen.
Gruss Rolf
Jeremias (05.12.2006, 14:14): Ich habe bei EBAY gestern eine sehr gut bewertete DVD mit Pique Dame von Tschaikowsky ersteigert. Auf CD tue ich mir mit russischsprachigen Opern sehr schwer, auch wenn die Musik sehr beeindruckend ist. Aber das Live-Erlebnis in Wuppertal hat mich neulich überzeugt. Ich denke, dass zumindest hier die "Konserve" ein probates Mittel ist, um die Oper nach dem ersten Kennenlernen jetzt tiefer zu erforschen!
Rachmaninov (06.12.2006, 18:18): @Jeremias,
ich denke bei Opern auf DVD ist es wichtig das nicht nur der Klang stimmt und die entsprechenden Komponenten sondern auch die visuelle Übertragung passt.
IMO dürfte eine Übertragung auf einem TV kleiner 42" wenig Sinn ergeben. Oder?
Solitaire (11.03.2008, 09:05): Ich persönlich bin ein großer Fan von DVDs ,denn sie geben mir die Möglichkeit, Künstler und Inszenierungen zu sehen, die ich sonst nicht zu sehen bekäme. Natürlich geht eigentlich nichts über das Opernerlebnis vor Ort, aber wenn ich die Wahl habe zwischen einer mittelmäßigen Aufführung im Theater und einer grandiosen auf DVD, entscheide ich mich in aller Regel für die DVD. Allerdings soll ich nicht immer so arrogant sein: auch in unserem Kleinstadttheater habe ich schon wunderbare Aufführungen erlebt. (Eugen Onegin, Tannhäuser, Siroe Ré di Persia etc.) Natürlich sollte man einen DVD-Opernabend ebenso behandeln, wie einen Theaterbesuch: Licht aus, Telefon ignorieren. Ich hab auch schon mal ein genervtes „Geht jetzt nicht!“ in den Hörer geblafft und gleich wieder aufgelegt. Einen entscheidenden Vorteil hat hat das Teatro Solitaire jedenfalls: ich komme mir nicht ständig vor wie in einer Lungenheilanstalt. Und ja: ich habe den Eindruck, daß Opern auf kleinen Fernsehern nicht so gut kommen. Allein schon wegen des Klanges.Mein Gatte und ich haben uns vergangenes Jahr einen furchtbar ordinären, riesigen Flachbildschirm gegönnt. Was soll ich sagen, Bild und Ton sind, mit Verlaub, geil! :D
Rideamus (16.03.2010, 16:18): In diesem Fall, den ich jetzt einlegen werde, weil ich mal etwas zum Lachen und Amüsieren brauche, würde ich die Threadfrage uneingeschränkt bentworten.
Natürlich hätte ich die Inszenierung auch gerne live gesehen, aber wie schön ist es doch auch, sie immer wieder abrufen zu können.
Jacque Offenbach: LA BELLE HÉLÉNE mit Felicity Lott, Michel Sénéchal und Yann Beuron. Dirigent: Marc Minkowski. Inszenierung: Laurent Pelly
:hello Rideamus
peter337 (16.03.2010, 21:31): Eine DVD gibt es die ich immer wieder gerne ansehe:
Don Pasquale mit Ruggero Raimoni und Juan Diego Florez
Auch der Dr. Malatesta ist mit der Norina so herrlich.
Liebe Grüße Euer Peter aus Wien. :hello :hello
Mimì (17.03.2010, 10:57): Hallo zusammen,
ich bin großer Opernfan, und da mein Budget ja nicht immer für einen Opernbesuch ausreicht ^^, finde ich DVDs sehr praktisch. Natürlich geht nichts über ein LIVE-Erlebnis, das ist einfach wunderbar! Doch bei den DVDs hat man die Möglichkeit, mehr auf die Details in Musik und Darstellung zu achten und es ist doch schön, wenn man eine gute Inszenierung mit hinreißender Besetzung immer wieder abrufen kann. Und schließlich kommt man ja nicht alle Tage mal nach Mailand, Wien, Paris oder gar New York :D. Wenn ich eine Oper kennen lernen möchte, würde ich auch lieber auf DVD einsteigen. Wenn ich weiß, worum es geht und wie der Text gerade lautet, verstehe ich viel besser, warum die Musik nun so verläuft und warum der Sänger sie so interpretiert. Ich finde aber auch, wenn man sich ein bisschen damit beschäftigt, kann man auch über CD einsteigen. Da muss man sich dann eben in Geduld, Aufmerksamkeit und genauem Zuhören üben, das können die meisten heute leider einfach nicht mehr :(. Für Einsteiger ist daher sicher die DVD besser. Auch wenn ich Opernkarten für eine Oper hab, die ich noch gar nicht kenne, muss ich mich zuvor damit befassen, sonst käme ich im LIVE-Auftritt gar nicht mit. Das kann aber auch an mir liegen :ignore. Da schaue ich mir vorher ganz gerne eine DVD an. Nichtsdestotrotz, Oper sollte man auch live erleben, so ein Abend bleibt unvergesslich!
Liebe Grüße, Mimì
Severina (17.03.2010, 12:30): Hallo Mimi, ich sehe das genau wie Du: So oft wie möglich will ich Oper live konsumieren, aber DVDs sind natürlich eine tolle Ergänzung und gestatten einem wenigstens virtuell die Teilnahme an Aufführungen, zu denen man sonst nie käme. Ich stelle an mir immer fest, dass ich die DVDs am wenigsten mag, wo ich die Produktion aus eigener Anschauung kenne. Denn natürlich läge mein Fokus oft ganz woanders als der Kameramann ihn hat und leide dann oft so ein bisschen, wenn ich auf dem Bildschirm das nicht sehe, was ich eben gerne sähe. Z.B. bei der "Fille du Regiment", die so viele köstliche und witzige Regiedetails enthält, die man natürlich unmöglich alle auf der DVD mitverfolgen kann, sonst müsste man ständig alles in der Totale bringen, und dann sieht man erst recht nichts. Kenne ich die Produktion hingegen nicht, weiß ich auch nicht, was gerade links und rechts vom Kameraauge passiert und erliege der Illusion einer 1:1-Aufzeichnung. Eine Ausnahme in dieser meiner Philosophie sind viele DVDs von der Oper Zürich, denn dort sorgt Bildregisseur Felix Breisach mit raffinierten Schnitten und dem Einsatz von vielen Kameras (Oft auch mitten auf der Bühne) für eine ungemein dichte und spannende Umsetzung, sodass da eine Inszenierung auf DVD manchmal besser wirkt als vom Zuschauerraum aus.
Meine liebste DVD aus Zürich ist übrigens "Macbeth" mit Thomas Hampson!
lg Severina :hello
Honoria Lucasta (17.03.2010, 14:48): Da ich fern besserer Opernhäuser wohne (Gott sei's geklagt, aber selbst meine Freunde am Nationaltheater hier in Sarajewo würden nicht behaupten, es handele sich dabei um eins der ersten Häuser...), ist die DVD (früher die Laserdisc, noch früher das Video) für mich die einzige Möglichkeit, überhaupt etwas Qualitatives zu sehen und zu hören. Ich genieße es auch sehr, mal einfach nur einen Akt sehen zu können oder einen anderen eben nicht sehen zu müssen. Und es ergibt sich auch die Möglichkeit des Vergleichs, die man sonst nicht hätte. Ein wenig ufert das manchmal aus (ich habe beim letzten Zählappell im heimischen Schrank 7 Don Giovannis auf DVD vermerkt :D) aber jede einzelne (na ja, fast) ist mir aus einem bestimmten Grund lieb und teuer.
Und vor allem: ich bekomme meinen leider stockunmusikalischen Mann, der sich in bewundernswerter Konsequenz allein meinetwegen an die Oper herangearbeitet hat, viel eher dazu, sich mit mir zusammen etwas anzusehen, wenn es dazu UNTERTITEL gibt - und das finde auch ich eine grandiose Sache bei den DVDs.
Leider ist das Angebot auf DVD noch nicht allumfassend. Es fehlt z. B. die Wiener Aufführung von "Le Nozze di Figaro" mit Ruggero Raimondi aus dem Jahr 1991, die es auf Video noch manchmal antiquarisch gibt, die dann aber schon so abgenudelt ist, daß das Ansehen keinen Spraß mehr macht (ein schöner Ausschnitt ist aber auf you tube, Raimondi als einzig denkbarer Graf Almaviva!). Es wäre schön, wenn Firmen in der Beziehung mal etwas stärker in den Archiven wühlten.
Grüße!
Honoria
Severina (17.03.2010, 15:26): Liebe Honoria, ich würde sagen, von Wien fehlt das meiste! X( (Ich z.B. warte sehnsüchtig darauf, dass unsere "Viaggio a Reims" - ebenfalls mit Raimondi :D - auf DVD erscheint, damit ich meine abgenudelte Videokassettze endlich ersetzen kann.) Leider hält unser noch amtierender Dauerdirektor sehr wenig von DVDs ("Rentiert sich nicht!"), leider hält unser ORF noch weniger von seinem Bildungsauftrag, Kultur freihaus zu liefern, sodass die WSO wohl das Opernhaus mir den wenigsten DVDs ist. Ich hoffe sehr, dass sich dieser blamable Zustand unter unserem neuen Direktor ändert!! g Severina :hello
Zefira (17.03.2010, 17:16): Ich hätte zum Thema "Opern, die man live kaum erlebt" auch mal eine Frage. Ich habe von der lieben Mimì die hier zum Geburtstag bekommen:
Ein Glücksfall, da stimmt einfach alles bis ins Detail! Jetzt habe ich gesehen, dass es auf DVD auch eine Orfeo-Aufnahme mit Dietrich Henschel in der Hauptrolle gibt. Kennt die hier vielleicht jemand und kann mir Näheres dazu sagen, vor allem zur Inszenierung?
Severina (17.03.2010, 17:42): Liebe Zefira, die Züricher DVD kenne und liebe ich (Die ist übrigens ein glänzendes Beispiel für das, was ich in meinem letzten Posting geschrieben habe: Diese Inszenierung kommt auf der Konserve viel besser rüber als live!)
Die zweite Einspielung kenne ich leider nicht, aber zwischen der Regie eines Klaus Michael Grüber und Pier Luigi Pizzi liegen natürlich Welten. Wenn Dich also a) fasziniert, solltest Du Dir von b) nicht allzu viel erwarten..... Oder Dich eben mit der musikalischen Seite trösten! :D
lg Severina :hello
Hosenrolle1 (29.03.2015, 14:34): In aller Kürze einmal: ich wollte mir diese DVD hier kaufen:
War aber etwas verwundert, dass der Sound in 5.0 vorliegt, also ohne eigens angesteuerten Subwoofer!
Bei dieser Oper, wo es so druckvoll zugeht, wo es so tiefe Bässe gibt, keinen Woofer arbeiten zu lassen, das entzieht sich meinem Verständnis!
Ich habe ARTHAUS Musik also eine Mail geschrieben und darauf hingewiesen und natürlich gefragt, ob das vielleicht ein Druckfehler sei, und bekam die Antwort, dass es sich um keinen Druckfehler handelt - dieses Format sei für Opernaufnahmen völlig normal.
Ja, eigenartig nur, dass diese DVD des selben Herausgebers:
gleich drei Soundformate anbietet: PCM Stereo, DD 5.1 sowie DTS 5.1.
Deswegen werde ich mir die DVD (bzw. die BluRay) nicht kaufen. Meine Frage wäre: hat jemand diese Salome und kann mir vielleicht sagen, wer für das Audio Engeneering verantwortlich war? Mich würde interessieren ob da vielleicht der selbe Tontechniker dran saß wie bei HUG!
LG, Hosenrolle1
Severina (29.05.2015, 22:48):
Rotkäppchen und Palestrina haben mich so nett um meine Eindrücke von dieser DVD gebeten haben, und dem will ich natürlich gerne nachkommen! :D Da sich die CD mit nahezu identer Besetzung (Einzige Änderung: Daniel Behle singt den Artabano) schon lange in meinem Besitz befindet, bot die musikalische Seite keine Überraschung - ich wusste, dass hier eine großartige Besetzung aufgeboten worden war. Wobei mir persönlich das Timbre von Valer Barna-Sabadus am besten gefällt, aber das ist natürlich reine Geschmackssache. Die Krone für die brillianteste Technik würde aber auch ich Franco Fagioli überreichen. :down :down :down
Aber es geht ja um die DVD und damit um die optische Umsetzung des "Artaserse"! Tja, was soll ich sagen... Die fantasievollen, unglaublich aufwändig fabrizierten Kostüme sind natürlich eine Augenweide, auch die Maskenbildner haben Großartiges geleistet. Dazu die gemalten Kulissen, so einfach wie praktikabel - es läuft also alles auf die Illusion hinaus, hier wirklich barockes Theater zu erleben. Dazu passen auch die sparsamen (euphemistisch formuliert) Interaktionen der Protagonisten, die sich ganz auf ihr Hauptgeschäft, das Singen konzentrieren. Nun, warum nicht, es ist durchaus reizvoll, sich auch einmal auf eine solche Inszenierung einzulassen. Aber dann häufen sich die Irritationen: Die Stühle, im übrigen ohne Funktion, passen so gar nicht in das imaginierte Ambiente, noch weniger die Schminktische am linken und rechten Bühnenrand mit ihren Girlanden aus Glühbirnen, im Hintergrund leuchtet ein Schild "Sortie" und zwischen den prächtig kostümierten Sängern tummeln immer wieder "zivile Gestalten" in dunklen Anzügen, mit Kopfhörern und anderen Attributen des 21. Jhdts. Sie geleiten die Sänger auf die Bühne, reichen Requisiten usw. usw. Und da beginnt mich die Sache wirklich zu ärgern, denn wieso ist Silviu Purcarete ein solcher Feigling????? X( Wieso steht er nicht dazu, dass er im Grunde den "Artaserse" als pittoreskes Kostümspektakel inszenieren will und null Bock auf Aktualisierungen welcher Art auch immer hat? Es wäre doch ein völlig legitimes Konzept! Aber nein, irgendwie schien ihm die Angst vor dem Feuilleton im Nacken gesessen zu sein: "Was mach ich bloß? Ich will keinen Artabano mit MG, keine Semira als Terroristenbraut, aber wenn ich alles so inszeniere, wie es im Büchl steht, halten mich alle für hoffnungslos altmodisch und ohne jede Inspiration. Hmmm, da war doch was ... Heureka, ich hab's: Verfremdung, Brechung der Illusion! Das ist's! Ich zeige einfach, dass alles nur ein Spiel ist, dass Theater gespielt wird! Ich zeige die Maskenbildner bei der Arbeit, ich zeige die Bühnenarbeiter, ich lass den Arbace zwischendurch an der Mineralwasserflasche nuckeln (Geniale Idee, muss ich mir patentieren lassen!). Ich muss mir dann auch nicht den Kopf zerbrechen, wie ich diese endlosen Dacapo-Arien sinnvoll in Szene setzen kann (Wie das der Carsen und Loy immer hinkriegen, ist mir sowieso schleierhaft!), weil ich barockes Theater imitiere, und da brauchen die Sänger nur stehen und singen. Und damit sich kein blöder Rezensent aufregen kann, wird dann - Simsalabim! - verfremdet und gebrochen!"
Ja, und jetzt breche ich, weil ich diese abgelutschte "Spiel-im-Spiel-im-Spiel-im-Spiel....."-Nummer wirklich nur mehr schwer aushalte. Sie ist die letzte Zuflucht von Regisseuren, die eigentlich keine Idee haben, wie sie ein Werk "modern" interpretieren könnten, es im Grunde auch gar nicht wollen, aber das beklemmende Gefühl haben, es dem Feuilleton zu schulden. Dabei ist der Hut, den sie sich mit ihrem "genialen Trick" aufsetzen, beinahe so alt wie der, den sie im Altkleidercontainer entsorgen wollten. Und da kann ich nur mit Altmeister Goethe sagen: "Man merkt die Absicht und ist verstimmt!"
Das heißt jetzt nicht, dass ich diese DVD ganz und gar furchtbar finde oder ich ihre Anschaffung bereuen würde, aber mein Genuss wäre wesentlich größer ohne diese völlig überflüssige Fiktion "Wir führen eine Oper auf!" Denn leider setzt der Bildregisseur noch einen zusätzlich drauf, indem er auch das Geschehen auf der Hinterbühne miteinbezieht. Und da wird es dann wirklich ärgerlich, wenn während einer Arie plötzlich ein Kulissenschieber ins Bild kommt oder der herzhaft lachende Inspizient. ("Ist doch fad, wenn der jetzt fünf Minuten immer das gleiche singt, da zeigen wir lieber, was gerade hinter den Kulissen abgeht!") Aber auch das ist eine neue Mode, die mir schon so manche DVD verleidet hat. (Besonders penetrant beim "Werther" aus Paris mit JK!)
Ich finde es einfach schade, dass hier die Chance verspielt wurde, sich dem barocken Theater wirklich anzunähern. So bleibt das Vergnügen an den fantastischen Kostümen und der Virtuosität der Sänger, und alleine das rechtfertigt die 19,90€ allemal.
Insofern: Danke, Palestrina, für Deine sanfte Überredungskunst!
lg Severina :hello
Rotkäppchen (30.05.2015, 14:28): Liebe Severina,
das ist schön, dass Du gleich etwas zu Deinen Eindrücken geschrieben hast! Ich denke es ist auch eine Frage der Opernerfahrung, wie man dieses Spiel-im-Spiel-Konzept wahrnimmt. Wenn man Opernjunkie ist und seit Jahren das immer wieder geboten bekommt, nervt es einfach nur noch, so wie Du schreibst (es sein denn es gibt mal eine ganz außerordentlich gekonnte Arbeit). Für jemanden, der das noch nicht so oft erlebt hat, wirkt es vielleicht ganz interessant, pfiffig und abwechslungsreich...
LG, Rk :hello
Severina (30.05.2015, 15:22): Liebes Rotkäppchen, da hast Du sicher recht, ich hab diesen "Schmäh" nun schon so oft erlebt, dass ich wirklich nur mehr müde gähnen kann. Wobei in letzter Zeit die imaginierte "Theaterprobe" immer häufiger durch "Filmset" ersetzt wird (z.B. Villazóns "L'Elisir" in Baden-Baden, Vicks "Guillaume Tell" in Pesaro usw. usw.), was aber auch nicht wesentlich origineller wirkt.
Ich kenne eigentlich nur zwei wirklich gelungene Umsetzungen: Mary Zimmermanns "Sonambula" (MET) und Lotte de Beers "Les pecheurs de perles" am ThadW. Ihren Einfall fand ich besonders genial: Sie machte eine Reality-Show a la Dschungelcamp daraus, wodurch die Absurditäten der Handlung plötzlich nicht mehr so an den Haaren herbeigezogen wirkten. Wobei ich gestehe, dass ich, weil ich noch nie im Leben Dschungelcamp gesehen habe, mir so manchen Gag erst von meinem Sitznachbarn in der Pause erklären lassen musste :D. Leider fiel diese Vorstellung gerade in jene Phase, wo mir die Lust an diesem Forum gründlich vergangen war, daher gibt's dazu keine Rezension.
Aber zurück zum Thema: Mich stört besonders diese in letzter Zeit so moderne Einbeziehung des Backstagebereichs, weil mich das emotional immer total herausreißt. Was soll dieser ständige Hinweis: "Schaut her, wir spielen jetzt Oper, aber für die blödsinnige Handlung können wir nichts!" Denn genauso empfinde ich das. Denn wozu sollte es sonst gut sein, bzw. worin besteht der Mehrwert für die Aufzeichnung? Jeder weiß, dass Kulissen nicht von selber wandern, sondern geschoben oder durch Knopfdruck in Bewegung gesetzt werden, jeder weiß, dass die Sänger nicht vom Schnürboden fallen, sondern von irgendwoher auftreten, aber wieso muss man das explizit vorgeführt bekommen? Das ist für mich wesentlich desillusionierender als ein Carlo als Selbstmordattentäter (bei Bieito in Basel) oder ein Scarpia als Juntachef.
lg Severina :hello
Rotkäppchen (30.05.2015, 19:02): Liebe Severina,
durch unsere Diskussion habe ich mich eben an meine erste Begegnung mit einer Spiel-im-Spiel-Inszenierung erinnert und das war auch unerfreulich, aber nicht weil es genervt hat sondern weil ich es nicht verstanden habe. Das war das Oratorium Belshazzar von Händel (auf deutsch auch noch, hat mich damals aber nicht angehoben), das Harry Kupfer in ein Ghetto verlegt hatte: den gefangenen Juden war erlaubt worden, ein altes Werk aufzuführen und sie haben dann partiell ihre eigene Situation wiedererkannt etc.. -- war so Mitte der 90er Jahre und ich hatte damals noch nicht viel Opernerfahrung, man konnte auch nicht im Internet nachsehen und im Programmheft gab es nur einen völlig verschwurbelten, unverständlichen Text dazu. Durch puren Zufall bin ich dann viel später mal in der Bibliothek an ein Opernjahrbuch geraten, in dem genau diese Kupfer-Arbeit mit einfachen Worten erläutert wurde und da hat es Klick gemacht, seitdem kenne ich dieses Inszenierungskonzept. Letztendlich habe ich diese Produktion über Jahre verteilt viermal gesehen, weiß nicht mehr, ab welchem Mal ich wusste, wie es zu verstehen ist. Es gab auch immer wieder entrüstete Leserbriefe in der Lokalpresse, dass diese Inszenierung eine Zumutung sei und völlig unverständlich... Also, irgendwie scheint das Spiel-im-Spiel ein bisschen etwas für Freaks zu sein. Ich frage mich, ob es für Unbedarfte Zuschauer vielleicht sogar einfacher ist, das zu verstehen, wenn mit dem Holzhammer (alias z.B. eben mit Einbeziehung des Backstage-Bereichs) gearbeitet wird. Aber gut, inzwischen kann man ja sowieso das Internetorakel befragen, in allen Lebenslagen :D.