Rolf Scheiwiller (24.03.2006, 09:00): Guten Tag. Wir alle wissen, dass im Barock nicht nur Meisterwerke geschrieben wurden. Aber eben auch solche! Monteverdis Schöpfungen stehen auf dem höchsten Podest. L Orfeo, Il Ritorno und L Incoronazione.. kennt der Opernfreund. Da gibt es aber diverse von andern die auch schöne Musik enthalten. Aber weit weniger bekannt sind. Ich denke an Vivaldi, Cavalli, Cesti, Hasse . Natürlich an die Franzosen. An die ganz besonders. Denn Lully, Charpentier und Rameau haben überragende Meisterwerke hinterlassen. Ich besitze so viele schöne Einspielungen dieser Grossen dass ich auch allen andern Interessierten empfehlen kann einmal in ein Werk hineinzuhören. Die meisten von uns und der Rest der Welt(im ganz wörtlichen Sinn!) kennen mindestens etwas von Charpentier. Die Eurovisions-Melodie aus seinem grösseren Requiem. Wer möchte etwas zu diesem Thema beitragen?
Freundlichen Gruss. Rolf.
martin (11.04.2006, 20:38): Hallo Rolf,
grundsätzlich ein Thema, das mich interessiert.
Ich kenne ein paar Händelopern, das hatte ich ja schon geschrieben. Einen Komponisten, von dem ich wirklich sehr viel kenne und den Du erstaunlicherweise überhaupt nicht erwähnt hast, ist aber Henry Purcell. Daß ich fast alles von ihm kenne, liegt aber auch daran, daß meine Lebenspartnerin meine Leidenschaft für Purcell teilt. Es gibt da sehr viel schönes, vor allem natürlich Dido und Äneas mit dem berühmten "When you are laid in earth", aber auch diese ganzen "Semi-Opern": King Arthur, the Indian qeen und natürlich vor allem die Fairy Queen. Purcell ist toll!
Mit Lully habe ich vor kurzem mal einen Versuch gemacht. Hatte mir eine seiner Opern aus der Bücherhalle ausgeliehen. Tut mir leid, ich fand ihn stinklangweilig.
Dann habe ich einige Opern in der Hamburger Musikhochschule gesehen. Vor allem Rameaus "Castor und Pollux", sehr schön, obwohl ich ihn mir dann doch nicht auf CD geholt habe. Zählt Gluck noch zum Barock? Orpheus und Eurodice fand ich sehr schön. Mondonville wirst Du vermutlich nicht kennen, lebte ungefähr zu Zeiten Glucks. Hat mir gut gefallen, aber leider wissen weder ich noch meine Lebenspartnerin, wie diese Oper hieß!
Daß alle Opernfreunde die Opern von Monteverdi kennen, ist von Dir sehr optimistisch gedacht. Allerdings kenne ich von Monteverdi die Madrigalbox von Brilliant, die ich sehr gut finde ( u.a. mit Emma Kirkby) und ich weiß, daß ich diese Opern irgendwann noch mal unbedingt kennen lernen muß!
Vielen Dank für Dein interessantes Posting ! Weisst, ich kann immer nur einige der Komponisten aufzählen in meinen bescheidenen Beiträgen. Die Mitglieder im Forum müssen ja auch noch etwas zu tun haben. Von Purcell hab ich vieles im Regal. Neben " Dido " in mehreren Aufnahmen ,. Dann seine Theatermusik unter Hogwood (7CD). Dann Dioclesian, Fairy Queen mit Gardiner und Norrington.Seine Werke die Du oben schon erwähntest auch. Etwa 8 CDs mit Geistlicher Musik unter R. King. Hyperion. Und noch anderes, das ich momentan nicht im Kopf habe.
Ich hab noch folgende Barockopern im Haus: (soweit ich mich erinnern kann )
Campra Idomenee
Mondonville Venus et Adonis
Hasse Cleofide,Piramo e Tisbe
Cavalli Serse, La Calisto, LOrmindo
Rameau Hipolythe et Aricie, Platee ( auch auf DVD )
Charpentier David et Jonathas, Medee
Rossi Orfeo
Vivaldi Orlando furioso, Ottone in Villa, und noch einige andere, die ich nicht auswendig weiss.
Joh. Christ. Bach Endimione
Cesti Orontea
Lully Athys, Phaeton
Monteclair Jephte
Also, wie Du siehst. Noch genug Musik zum immer wieder Hören.
Gruss. R.
Daniel Behrendt (12.04.2006, 22:24): Lieber Rolf, lieber Martin
Zum Thema Barockoper fällt auch mir auf Anhieb Purcells Dido & Aeneas ein - dieses wohl populärste Werk Purcells hat mich schon in Teenageralter für das Genre "entjungfert". In der letzten (oder vorletzten?) Saison feierte in der Berliner Linden-Oper eine unglaublich schöne Inszenierung der "Dido" Premiere. Sascha Walz schuf eine Choreografie, die nicht nur die perfekte Verkörperung von Purcells Musik darstellt, sondern auch unendlich ästhetisch anzusehen ist. Die Tänzer agieren u.a. in einem riesigen Wasserbassin und veranstalten ein herrlich fließendes Unterwasserballett - die Produktion scheint sich zum Dauerbrenner zu entwickeln, da sie bei den diesjährigen Festtagen wieder ein paar Mal auf dem Spielplan stand. Ich hab's leider nur im Fernsehen gesehen, aber im nächsten Jahr bin ich dabei, so viel ist sicher!
Da "Dido" schon ewig ein "Repertoirstück" ist, kann man anhand der umfangreichen, viele Jahrzehnte umfassenden Diskographie einen sehr plastischen Eindruck von der Entwicklung der historisierenden Aufführungspraxis gewinnen. Die Finessen und die Verve mit der René Jacobs, William Christie oder Emmmanuelle Haim musiizeren lassen, wären vor 15, 20 Jahren ohen Frage kaum denkbar gewesen - Ob solche zugespitztenTempi und eine derart ausgekügelte Rhetorik allerdings zu Purcells Zeiten realisierbar gewesen wären, bezweifle ich doch stark - es ist eben nichts so modern, wie die historisierende Aufführungspraxis... Und: Dass das Altbewährte hin und wieder sein Gutes hat, beweist Janet Baker, nach wie vor eine Dido, die von jüngeren Kolleginnen in technischer Hinsicht wohl überboten, in der Ausdruckskraft aber nur selten erreicht wurde - Bakers Leistungen der 60er Jahre stehen auch heute noch nahezu einsam da.
"Dido" macht natürlich Lust auf mehr - und so habe ich mir nach und nach die ganzen Semi-Operas, die Oden und Schauspielmusiken von Purcell erschlossen - er gehört ob der Phantastik und der Menschlichkeit seiner Musik zu meinen unangefochtenen Lieblingen. Irgendwo las ich, dass Purcell der "Shakespeare der Musik" sei - ja, da ist was dran.
LG! Daniel
martin (14.04.2006, 00:44): Lieber Daniel,
die Inszenierung habe ich mir im Fernsehen auch angesehen - allerdings nicht zu Ende, weil mich diese Inszenierung nicht überzeugte und auch die musikalische Darbietung nicht vom Hocker riß. Meine Freundin als große Purcellliebhaberin hats zuende gesehen, aber ihr gefiel es auch nicht. Vor allem ist dies eine kurze Oper, durch die Inszenierung wurde sie durch unmusikalische Pantomime sehr in die Länge gestreckt - ich konnte damit nichts anfangen. Zumal die Inszenierung eben auch nicht mein Fall war.
Ich habe vom Dido und Äneas zwei Versionen: Einmal die mit der Otter ( Deutsche Grammophon, einer der seltenen Fälle, wo ich mir mal eine Hochpreisaufnahme gegönnt habe), weil ich die Otter einfach phantastisch finde. Ich hatte "When I am laid in earth" mit der Otter vorher schon auf einem Sampler und das hat mich umgehauen, als ich das hörte, mußte ich einfach weinen. Also nichts gegen Sampler, für mich war das mein Einstieg zu Purcell.
Dann noch einen Querschnitt auch von der deutschen Grammphon mit Mackeras ( wo auch noch ein ganz netter Querschnitt der Fairy queen mit drauf ist, ich mag die CD immer noch, da sie für mich mein Einstieg in den Purcell war, klasse CD, aber natürlich nur Querschnitte). Da ist das schöne, daß die Hexenszene mit einem Alt besetzt ist. Aber Dido und Äneas ist toll, da sind wir uns einig. Aber wieso wird die Hexe in Dido und Äneas überhaupt mal mit einem Baß, mal mit einem Alt besetzt, ich verstehe das nicht! Ich finde den Alt viel besser, dieser brummelnde Baß, der auch in der Fernsehinszenierung zum Tragen kam wie bei der Aufnahme mit der Otter, kann mich in dieser Szene musikalisch überhaupt nicht überzeugen. In der Mackerasaufnahme gehört diese Szene für mich zu den Purcellschen Urerlebnissen.