Severina (12.02.2012, 23:23): Meine Lieben, vielleicht bin ich blind, aber ich finde keinen allgemeinen Thread, wo man eben schnell ein paar Bemerkungen zu einer Opernübertragung im Fernsehen abgeben kann. Gemeint sind hier keine Live-Übertragungen, die meist von mehreren diskutiert werden und daher einen eigenen Faden bekommen, sondern schon bekannte Aufzeichnungen, die halt wieder einmal über den Bildschirm flimmern.
Aktueller Anlass ist die Wiener "Manon", die eben auf ORF III, unserem neuen Kulturkanal läuft, und drei Überlegungen bei mir auslöst:
Einmal eine wehmütige, weil Adrian Eröd anno 2007 noch über einen prachtvollen, in allen Farben leuchtenden und in allen Lagen leicht ansprechenden Bariton verfügt hat, der doch inzwischen etwas an Glanz eingebüßt hat. Natürlich ist Eröd immer noch ein erstklassiger Sänger, aber kein außergewöhnlicher mehr, wie ich vor einigen Tagen bei seinem Valentin feststellen musste.
Die zweite Überlegung betrifft die Zukunft und ist viel tristerer Natur, denn Roberto Alagna, der eben den Des Grieux vokal malträtiert (oder vielmehr meine Ohren...), wird uns in den nächsten Jahren in geballter Ladung serviert werden, zählt er doch zu Meyers Lieblingssängern. (Das sagt wohl schon alles über die Kompetenz unseres lieben Herrn Direktors bezüglich Stimmen....) Die Abnützungserscheinungen an Alagnas Stimmbändern werden sich seit der "Manon" sicher nicht in Wohlgefallen aufgelöst haben, eher im Gegenteil....
Die dritte Überlegung ist allgemeiner Natur: So sehr ich moderne(re) Inszenierungen liebe, muss ich doch zugeben, dass sie in den meisten Fällen nicht repertoirefähig sind. Was bei der sorgfältig geprobten PR-Serie gut funktioniert und meist auch überzeugt, verliert sich mit den Jahren, und übrig bleibt ein hilfloses Arrangement in merkwürdigen Bühnenbildern, mit dem niemand mehr viel anfangen kann, die Sänger nicht und das Publikum noch viel weniger. Ich habe Andrei Serbans Inszenierung anfangs zwar nicht für genial, aber doch für gelungen gehalten, speziell das Transsylvanie-Bild gefiel mir ausgezeichnet. Nur war halt alles auf Anna Netrebko, Roberto Alagna (Gespielt hat er gut, das muss man ihm lassen) und Adrian Eröd zugeschnitten, mit anderen Besetzungen funktioniert das Konzept einfach nicht. (Schon gar nicht mit einer hausbackenen Norah Amsellem anstelle der Netrebko, die alle Register ihrer Verführungskünste zog und ihrem Partner ordentlich einheizte!) Meine letzte Live-Manon in der vorletzten Saison fand ich nur mehr wegen der Besetzung interessant, die Inszenierung war nur mehr rudimentär vorhanden, und das nur 4 Jahre nach der PR.
Da hat natürlich ein Stagione-Haus wie das ThadW die Nase vorn: Jede Produktion läuft nur 4 bis höchstens 7mal, wird mit dem Ensemble sorgfältig erarbeitet und punktet daher mit einer ausgefeilten Regie, die sich nie im Repertoirebetrieb bewähren muss und daher auf ungewöhnliche/ausgefallene Konzepte setzen kann. Und selbst wenn es sich um eine Übernahme handelt, wird sie vor Ort vom Regisseur betreut und noch einmal nachadjustiert, sodass das Ergebnis in den meisten Fällen vom Publikum goutiert wird.
Einen Ausweg für die WSO aus diesem Dilemma sehe ich auch nicht, denn die immer erhobene Forderung, dass halt auch Repertoirevorstellungen sorgfältig einstudiert werden müssen, ist völlig realitätsfern, weil die wenigsten international tätigen Sänger bereit sind, schon Tage vorher anzureisen und Repertoire zu proben. Ich erinnere an die Affäre Olga Borodina, die Holender vor die Tür setzte, weil sie sich weigerte, für Proben zur Verfügung zu stehen. Ihr Argument: Sie hätte diese Partie (Ich glaube, es war die Isabella) schon so oft gesungen und fände es lächerlich, dafür zu proben. Holender wurde damals von den Borodinafans verbal geprügelt, ich fand seine Haltung nur konsequent, denn auf der anderen Seite wurde ihm (und wohl jedem anderen Operndirektor auch) ja immer wieder die Lieblosigkeit vorgeworfen, mit welcher Repertoirevorstellungen abgespult wurden/werden.
Wie seht Ihr dieses Problem? Innovative, spannende Regie nur mehr im Stagionebetrieb, am Repertoiretheater dafür pflegegleichte 0815-Inszenierungen?? Das kann's ja auch nicht sein.
lg Severina :hello
Billy Budd (13.02.2012, 10:19): Liebe Severina, ich habe auch schon vergebens nach einem solchen Thread Ausschau gehalten und bin froh, dass es ihn nun gibt! Ich kann zu der "Manon" nichts sagen, da ich die Oper nicht kenne. Allerdings denke ich, dass das Thema Repertoire- oder Stangione-Betrieb nicht hier diskutiert werden sollte. Wenn ich mich recht erinnere, gibt es in einem gewissen Forum :wink einen Thread "Wie würdet Ihr ein Opernhaus leiten?". Einen ähnlichen könnten wir doch auch hier erstellen. Darin fänden auch die Themen Ensemble vs. Gäste, Inszenierungen (traditionell oder modern), Spielplan etc. statt. Billy :hello
Severina (13.02.2012, 15:49): Lieber Billy,
nein, nein, das passt schon in diesen Thread, weil es ja Überlegungen sind, die mir beim Anschauen der TV-Aufzeichnung gekommen sind. Da wurde mir nämlich bewusst, was ich schon verdrängt hatte, nämlich dass die Serban-Inszenierung im PR-Block durchaus ihre Meriten hatte, was natürlich auch an den charismatischen Sängern liegt, auf die sie zugeschnitten ist. Denn abgesehen von den stimmlichen Defiziten - Alagna spielt ausgezeichnet, die Chemie zwischen ihm und der Netrebko stimmt 100%ig. Umso trauriger, was nach gerade einmal vier Jahren aus dieser Produktion geworden ist. Bei der letzten Serie kam sie mir trotz Villazón verstaubter vor als so manche Uralt-Inszenierung.
Aber Du hast insofern recht, als dieses Thema einen eigenen Thread verdient, die Frage ist nur, ob er auf große Resonanz stößt. Allerdings würde ich nicht auch die "Intendantenfrage" mit hineinpacken, denn da käme erst recht ein Durcheinander raus.
lg Severina :hello
Waldi (13.02.2012, 16:11): Liebe Severina,
Das Problem scheint mir nicht wirklich lösbar. Natürlich sind qualitativ hochwertige und quantitativ ausreichende Ensembles heute normalerweise nicht mehr finanzierbar. Damit ergibt sich automatisch, daß frische Produktionen mit Originalbesetzung und Stagione-Aufführungen die besten Chancen haben zu gelingen. Jedoch können starke Bühnenpersönlichkeiten auch in eine Inszenierung mehr oder weniger hineinfinden bzw. das Resultat überzeugend gestalten, wenn diese von vornherein so angelegt ist, daß sie nicht jedes Detail so festlegt, daß jedwede Abweichung sofort das Gesamtkonzept ins Wanken bringt. Selbstverständlich wäre es ein Blödsinn, das zur absoluten Maxime zu erheben, aber man könnte doch einen Teil der Produktionen in diese Richtung planen (und unter Umständen müßte der jeweilige Regisseur sein Ego etwas hintanstellen und auch an die Zeit nach ihm denken), sodaß ein Abendspielleiter im Idealfall zumindest das Gröbste zu verhindern imstande wäre. Das ist keine Aufforderung zu Durchschnittsqualität, denn eine solche Inszenierung, die sowohl gut als auch "offen" für bisher nicht integrierte Protagonisten ist, zustande zu bringen, ist schwer, schwerer als gesuchte Originalität. Die Wiener "Manon" von 2007 bzw. gestern wurde für mein Empfinden von den Persönlichkeiten Netrebkos, Alagnas, Eröds etc. getragen. Ohne Künstler mit vergleichbarer Ausstrahlung und Können kann das schwer funktionieren, vor allem weil das teilweise reichlich sinnlose Gezappel und Getue auf der Bühne nur durch solche "Orientierungspunkte" gegliedert und dominiert wird. Ohne sie gerät später alles nur zu leicht ins Chaos oder wird einfach zusammenhanglos oder gar fad (ich erinnere an die der Netrebko regielich so gern verordneten, abgedroschenen Bettszenen, die ihr offenbar auch schon langweilig werden, die aber nur überzeugend wirken, wenn sie - oder die jeweilige Darstellerin - sich hundertprozentig hineinknien). Die Serban-Inszenierung hat, so wirkt es jedenfalls auf mich, ihre Grobheit und Hilflosigkeit mit übertriebenen Einzelheiten zu verdecken gesucht. Im Normalbetrieb kann das ja fast nur danebengehen. Übrigens: Natürlich war Alagnas Stimme im Vergleich zu früher lädiert, aber er bemühte sich umso mehr, diese Rolle zu gestalten und gab sich aus bis aufs letzte, sodaß ich trotz seiner Schwächen ihm meine Sympathie damals und auch jetzt nicht versagen konnte.
Liebe Grüße Waldi
Severina (13.02.2012, 17:00): Lieber Waldi,
ich habe zum grundlegenden Problem jetzt einen eigenen Thread gestartet (Vielleicht möchtest Du den ersten Teil Deines Postings hinüberkopieren?) , möchte daher hier nur auf die "Manon" eingehen:
Ich muss sagen, dass mir die Inszenierung bei der GP gefallen hat, natürlich ist sie kein Geniestreich, aber als "grob und hilflos" habe ich sie eigentlich nicht empfunden. (Gut, im Vergleich mit der Ponnelle-Manon vielleicht schon :D) Aber wie Du völlig richtig sagst: Sie hat nur mit der PR-Besetzung wirklich funktioniert, mit jeder späteren Serie ist sie mehr und mehr verflacht. Aber vielleicht würde sie Dir jetzt sogar besser gefallen, weil ein Großteil des "Gezappels" auf der Bühne inzwischen eliminiert worden ist - Statisten kosten Geld, das Sparefroh Holender schon bald gestrichen hat. Auch der Schluss wurde gottlob abgeändert, denn Manon darf jetzt in den Armen Des Grieux' ihr Leben aushauchen, ohne den albernen Sprint vor an die Rampe.
Was Alagna betrifft, so gebe ich ja zu, dass er ausgezeichnet gespielt hat, nur hat das in meinen Ohren seinen Gesang, den ich nun wirklich als grob und über weite Strecken sogar polternd bezeichnen würde, nicht ausgeglichen.
lg Severina :hello
PS: Wie schön, dass Du Dich hier wieder einmal zu Wort meldest!!! :leb
Severina (19.02.2012, 23:19): Eben zum xten Mal über den Bildschirm geflimmert und immer wieder ein Erlebnis (Also zumindest für mich :D!): Willy Deckers Salzburger Inszenierung der "Traviata" mit Anna Netrebko und Rolando Villazón! Ehrlich gesagt fasziniert mich diese Produktion mit jedem Wiedersehen ein Stückchen mehr, weil ich immer neue Details entdecke, mir immer bewusster wird, wie subtil das alles gearbeitet, wie exakt die Personenführung ist. In keiner mir bekannten Inszenierung wird z.B. der Vater-Sohn-Konflikt so beklemmend herausgearbeitet wie hier, alleine die Szene Alfredo-Giorgio Germont im zweiten Akt ist ein Drama für sich. Natürlich funktioniert das nur mit so charismatischen Singschauspielern wie Thomas Hampson und Rolando Villazón. Hampsons in letzter Zeit spröder gewordener Bariton passt perfekt zur extremen Härte, die er bei Willy Decker verkörpern muss. Balsamisch strömender Schöngesang würde seinen Charakter eher konterkarieren.
Rolando Villazón, 2005 noch im Vollbesitz seiner stimmlichen Mittel, verströmt sich nahezu in leidenschaftlichen Attacken, herrlich gesponnenen Legati und Piani zum Dahinschmelzen. Was ist nur aus dieser Prachtstimme geworden - es ist wirklich zum Heulen :I :I :I
Anna Netrebko ist sicher keine 100%ig ideale Violetta, aber was sie aus ihrem Stimmmaterial herausholt, ist umso beeindruckender. Außerdem mache ich gerne kleine vokale Abstriche, wenn zum Ausgleich ein derart überzeugendes Rollenporträt geboten wird. Unverständlich, dass oft behauptet wird, die Netrebko agiere puppenhaft, vermittle keine Gefühle. Hier ist sie absolut glaubhaft, berührend in ihrer Verletzlichkeit, ihr Gesicht jederzeit der Spiegel ihrer aufgewühlten Innenwelt.
Ja, diese Produktion steht unangefochten an der Spitze meine Traviata-Hitliste, und ich glaube nicht, dass sie so bald von einer anderen getoppt werden kann. Das hat die heutige Übertragung auf ORF III wieder einmal überzeugend bestätigt.
lg Severina :hello
Waldi (20.02.2012, 13:51): Die Salzburger "Traviata" ist nicht nur für Dich, liebe Severina, ein Erlebnis. Ich habe sie auch wieder angeschaut, und obwohl alle meine, seinerzeit bei Tamino geäußerten Vorbehalte gegen die Inszenierung nach wie vor bestehen, kann ich mich der überwältigenden Ausstrahlung von Netrebko und Villazón, mit etwas Abstand auch der Hampsons, nicht entziehen. Darauf baut ja auch die in sich sehr konsequent durchgeformte Gestaltung Willy Deckers, die mit anderen Protagonisten sicher nicht derart funktionieren könnte, und die ich als solche durchaus anerkenne und achte. Nur wird sie aus meiner Sicht eben der Musik nicht so gerecht. Aber wenn alle Regietheaterinszenierungen dieses Niveau hätten, könnten wir uns glücklich schätzen.
:hello Waldi
Severina (10.06.2012, 20:10): So, eben lief auf ATV II der "Don Carlo" von der MET von 2010, den ja einige von Euch live im Kino gesehen haben. Die Inszenierung ist die gleiche wie auf der Londoner DVD, die ich im entsprechenden Thread ausführlich besprochen habe, die Besetzung in den Partien von Posa, Filippe und Elisabetta identisch, ein wesentlicher Unterschied ist der Sänger des Titelhelden, nämlich Roberto Alagna in NY.
Ich habe eben im "MET-im-Kino-Thread" nachgelesen, was damals so geschrieben wurde, und kann mich Mimi und Zefira nur anschließen: Auch ich bin von Roberto Alagna positiv überrascht. Zwar ist er weit davon entfernt, ein idealer Carlo zu sein (Das war er anno 1996 in Paris, in der von mir obendrein bevorzugten franz. Version), aber die erwartete Katastrophe ist er auch nicht, in einigen Szenen gefiel er mir sogar sehr gut, z.B. in der großen mit Elisabetta im 2. Akt. Seine Stimme klang nicht so aschfahl und knarzig wie bei meinen letzten Live-Begegnungen mit ihm an der WSO. Schauspielerisch engagiert er sich ja immer sehr, insofern war das heute eine ziemlich runde Sache.
Aber zum Niederknien natürlich einmal mehr Keenlysides Posa (Für mich momentan konkurrenzlos!), auch da würde ich Zefira beipflichten, dass sein Spiel in NY noch ausgefeilter war als auf der DVD vom ROH. Aber ich habe heute aufgenommen und werde mir in den nächsten Tagen den Spaß machen, die beiden Aufführungen szenenweise zu vergleichen.
Und auf jeden Fall hat diese TV-Übertragung heute meine Vorfreude auf Keenlysides Posa in der WSO-GP am Donnerstag und der PR am Samstag natürlich enorm gesteigert :D!! (Die restliche Besetzung ist mit Stoyanova, Vargas, Pape, D'Intino natürlich auch nicht zu verachten!)
lg Severina :hello
Karolus Minus (10.06.2012, 22:04): Original von Waldi Die Salzburger "Traviata" ist nicht nur für Dich, liebe Severina, ein Erlebnis. Ich habe sie auch wieder angeschaut, und obwohl alle meine, seinerzeit bei Tamino geäußerten Vorbehalte gegen die Inszenierung nach wie vor bestehen, kann ich mich der überwältigenden Ausstrahlung von Netrebko und Villazón, mit etwas Abstand auch der Hampsons, nicht entziehen. Darauf baut ja auch die in sich sehr konsequent durchgeformte Gestaltung Willy Deckers, die mit anderen Protagonisten sicher nicht derart funktionieren könnte, und die ich als solche durchaus anerkenne und achte. Nur wird sie aus meiner Sicht eben der Musik nicht so gerecht. Aber wenn alle Regietheaterinszenierungen dieses Niveau hätten, könnten wir uns glücklich schätzen.
:hello Waldi
ich hoffe, das US-Fernsehen wird irgendwann die Version mit Dessay/Polenzani/Hvorostovsky von der Met liefern (im Kino ist sie ja gelaufen), das war nämlich die Übernahme aus Salzburg, da bin ich echt gespannt, wie das mit völlig anderen Persönlichkeiten funktioniert. ich weiß allerdings nicht, ob Decker nochmal selber geprobt hat oder nur ein Assi da war. Wenn man die Regisseure insgesamt vertraglich etwas mehr in die Pflicht nähme, dann ließe sich nämlich auch das Problem mit den neuen Besetzungen regeln, das Uralt-Repertoire-Theater mit "heute Besetzung A, nächste Vorstellung in 5 Wochen Besetzung B etc" gibt es ja eh nicht mehr, es werden allgemein Serien gespielt. Wenn also eine neue Serie angesagt ist mit vollständig anderer Besetzung, dann sollte der Regisseur - auch im eigenen Interese - nochmal auftauchen. Die guten Handwerker ändern dann nämlich von selbst auf die entsprechende Persönlichkeit, Konwitschny z.B. hat das in Hamburg mehrfach getan, aber dem scheint auch an seinen Produktionen gelegen zu sein, bei dem ein oder anderen Herrn hab ich eher den Eindruck, daß ihnen alles nach der Premiere wurscht ist. Liebe Grüße Karolus Minus
Severina (10.06.2012, 22:16): Ja, Konwitschny hat auch bei uns seinen "Don Carlos" im Vorjahr höchstpersönlich aufpoliert! Andernorts (Zürich z.B.) schickt er wenigstens seine Assistenten vorbei.
lg Severina :hello
Karolus Minus (10.06.2012, 22:49): Original von Severina Ja, Konwitschny hat auch bei uns seinen "Don Carlos" im Vorjahr höchstpersönlich aufpoliert! Andernorts (Zürich z.B.) schickt er wenigstens seine Assistenten vorbei.
lg Severina :hello
ganz übel wird es, wenn bei als "Premiere" deklarierten Übernahmen von anderen Häusern der Regisseur selbst vor dieser örtlichen Premiere nicht mehr auftaucht, so geschehen in der Hamburger "Arabella" (die Inszenierung aus Wien), zu der Herr Bechtolf nicht gesichtet wurde - und das mit fast lauter Rollendebutanten.... da KANN szenisch nichts dabei raus kommen!
Gute nacht - ich muß leider früh raus.... karolus Minus
Severina (12.07.2012, 22:44): Ich mag die "Fledermaus", daher habe ich nicht auf meine innere Stimme gehört, die mir ein vernehmliches "Tu es nicht!" zugeflüstert hat, und die PR-Übertragung aus Mörbisch eingeschaltet.
Ich dachte, die letzte Produktion der Intendanz Serafin würde vielleicht ein Höhepunkt sein, momentan schaut's eher nach einem Tiefpunkt aus. Sogar der Himmel beginnt gerade zu weinen.....
Daniela Fally ist eine sehr gute Adele, Alexandra Reinprecht spielt die Rosalinde sehr gut, ihre vibratoreiche Stimme war nie so ganz mein Fall, trotzdem gehört sie eindeutig zu den spärlichen Positiva dieser Aufführung. Zoryana Kushplers Höhen bohren sich genauso schmerzhaft in meine Gehörgänge wie bei ihrem Orlofsky an der WSO. Über die Herren breite ich bisher lieber den Mantel des Schweigens.....
Herbert Lippert quält sich mit dem Eisenstein und ist hörbar überfordert, ähnliches gilt für Daniel Serafins Dr. Falke (Das war er schon im Vorjahr mit der Mini-Rolle im "Zigeunerbaron") und konnte wirklich niemand die Peinlichkeit Harald Serafin als Gefängnisdirektor Frank verhindern??? Wenn ihm schon selbst offensichtlich die Einsicht fehlt, dass das einfach nicht geht, hätte man sie ihm eben in seinem eigenen Interesse vermitteln müssen. Ich bin alles andere als ein Serafinfan, aber so unterirdisch wie heute will ich ihn trotzdem nicht in Erinnerung behalten. Das ist einfach nur traurig.
Der Aufführung fehlt auch jeder Schwung, eine derart langweilige und charmelose "Fledermaus" habe ich wahrlich noch nie gesehen. Der Humor bedient sich derart vieler Holzhämmer, dass mich schon jetzt, mitten im 2. Akt, der Kopf schmerzt. Die teilweise neuen Texte bringen jedenfalls keine Verbesserung.
Nein, eine Werbung für die Operette ist diese "Fledermaus" wirklich nicht. Und so weit man das bei einer TV-Übertragung feststellen kann, reagiert auch das Publikum bisher sehr matt auf diese lahme Veranstaltung (Symptomatisch eben der zögerliche Höflichkeitsapplaus nach "Klänge der Heimat" - maximal 5 Sekunden!). Die Hoffnung, dass dieses Werkl noch in Schwung kommt, habe ich schon begraben..... So, jetzt ist Pause! (Sehr aprupt unmittelbar nach dem Czardas)
lg Severina :hello
Severina (13.07.2012, 00:01): O Gott, es wird immer schlimmer :(! Herbert Lippert bemüht sich erfolgreich darum, dass der Niveauunterschied zwischen ihm und Harald Serafin nicht allzu groß ist :ignore Eine leichte Verbesserung hingegen bei Daniel Serafin - in der Mittellage gelingen ihm ganz hübsche Passagen. Und womit Regisseur Helmut Lohner seine Gage rechtfertigt, ist bisher auch nicht wirklich ersichtlich. Als Frosch zieht er seine altbekannte Nummer ab, angereichert um ein paar halblustige politische Anspielungen. Immerhin hört man die ersten Lacher im Publikum.
lg Severina :hello
Solitaire (13.07.2012, 10:14): Hat jemand gesternd Abend "Figaro" auf ARTE gesehen? Ich hatte nach "La vendetta..." die Nase voll und habe stattdessen einen Abendspaziergang gemacht und mit Schatzi die Fledermäuse im Stadtpark beobachtet. Aber wer weiß, vielleicht habe ich ja was verpasst und es war noch ganz toll. Musikalisch hat mich das was ich gehört habe nicht vom Hocker gerissen (trotz Patricia Petibon) und die Inszenierung war für meinen Geschmack ohne jeden Charme.
Severina (13.07.2012, 10:18): Ich hab's aufgenommen, kann aber erst übernächste Woche reinschauen, weil ich gerade auf dem Sprung in die Provinz bin! Schlimmer als die Mörbischer "Fledermaus" kann diese Nozze aber nicht sein, zumindest scheint es eine Inszenierung gegeben zu haben, auch wenn sie vieleicht misslungen ist.
lg Sevi :hello
Karolus Minus (13.07.2012, 10:34): Original von Solitaire Hat jemand gesternd Abend "Figaro" auf ARTE gesehen? Ich hatte nach "La vendetta..." die Nase voll und habe stattdessen einen Abendspaziergang gemacht und mit Schatzi die Fledermäuse im Stadtpark beobachtet. Aber wer weiß, vielleicht habe ich ja was verpasst und es war noch ganz toll. Musikalisch hat mich das was ich gehört habe nicht vom Hocker gerissen (trotz Patricia Petibon) und die Inszenierung war für meinen Geschmack ohne jeden Charme.
ich habe mich bis zum Ende hervorragend amüsiert und fand es sowohl szenisch ausgesprochen witzig (und sehr detailliert) als auch gesamtmusikalisch prima gearbeitet. Herausragende Stimmen für Gesangsfans waren sicher nicht dabei (Petibon ab und an auch knapp unter dem Ton), aber mir ist eine gut gearbeitete Aufführung, die in sich stimmig ist und obendrein prima dirigiert war, inzwischen ohnehin wichtiger als Sänger per se. :hello Karolus Minus
Severina (13.07.2012, 10:37): Na, das steigert natürlich die Vorfreude! Ich werde dann sicher meinen Senf dazu geben!
lg Severina :hello
Solitaire (13.07.2012, 11:06): Okay, dann liegt's wohl an mir :D Ich wünsche jedenfalls viel Freude beim anschauen und freue mich auf Kommentare! :)
Billy Budd (13.07.2012, 11:09): Liebe Severina, ich mag im Gegensatz zu Dir die "Fledermaus" gar nicht, weswegen ich gar nicht auf die Idee gekommen bin, die Übertragung anzuschauen. Aber das war ohnhin kein Fehler, wie mir Deine Eindrücke bestätigen. Billy :hello
Hyacinth (13.07.2012, 11:14): Und im Kurier steht eine hymnische Kritik... ?(
Hyacinth :hello
Billy Budd (13.07.2012, 12:05): Original von Hyacinth Und im Kurier steht eine hymnische Kritik... ?(
Hyacinth :hello
Also da glaube ich eher unserer Severina. :D Billy :hello
Schweizer (13.07.2012, 18:14): Hallo Solitaire, ich fand den Aix-Figaro gesanglich wahrlich nicht festspielwürdig: einzig Kyle Ketelsen als Figaro hatte Niveau; Cherubino hat mir noch gefallen, Malin Byström hat die Porgi Amor-Arie verhauen, danach hat sie sich immerhin gesteigert. Was an Petitbon hervorragend sein soll, hat sich mir noch nie erschlossen denn ihr Timbre ist nichts besonderes. Aber wie immer hat sie dem Affen Zucker gegeben, einfach wieder zuviel gemacht, es mangelt ihr für die Susanna an Liebreiz und Charme. Die drei Comprimarii Marcellina/Bartolo/Basilio hatten alle nur Mittelmass. Zur Regie: was im ersten Moment mit der Anwaltspraxis, Untergegeben, einem Praktikanten etc durchaus originell zu sein scheint, passt dann aber über weite Strecken nicht zum Text. Warum würde ein Untergebener (Figaro), der das Heu mit seinem Chef nicht auf derselben Bühne hat, sich ein Schlafzimmer in der Kanzlei einrichten; schon eher würde das zum Graf, Pardon dem Chef passen falls er ein Workaholic wäre. Aber der Graf war als Chef angelegt, der die Angestellten für sich arbeiten lässt. Was hat ein Kleiderständer mit Roben/Dessous der Gräfin, Pardon der Frau Chef in einer Anwaltskanzlei zu suchen? Wieso wird ein Praktikant nicht einfach gekündigt, rausgeschmissen wenn er dem Chef lästig ist, sonder zum Militär geschickt. Warum wird in diesem Zusammenhang von einem Patent geschwafelt? Ich könnte weiterfahren: das Regiekonzept passt nicht zum Text! War der 1 Akt in sich abgesehen von den erwähnten Mängeln konzeptmässig in sich noch schlüssig, war davon im 2.Akt kaum noch was zu spüren, man bewegte sich in konventionellem Fahrwasser, der brave, schöne Jagdhund war noch das Aufregendste. Danach war mein Interesse definitiv erloschen denn meine Gähnerei machte mir augenfällig, dass ich nicht weitere zwei Akte für einen ungereiften Käse durchleiden will.
Karolus Minus (13.07.2012, 18:32): Hallo Schweizer,
auch wenn es natürlich die üblichen Probleme gab (jus primae noctis etc), wenn man die Handlung in die Gegenwart packt - aber das ganze Haus war ja eindeutig nicht nur Kanzlei sondern offenbar eine diese großen Villen, wo Kanzlei und Privaträume nah beieinander sind - und wo die Angestellten im Büro natürlich auch nebenbei noch für die Frau Chef arbeiten dürfen...
Und Figaro ist ja eigentlich erstmal einer der Sorte Angestellten, der noch stolz darauf ist, daß ihn der Chef mit der Zuteilung des Raums ausnutzt "toll, da stehen wir jederzeit zur Verfügung...".
Und rausschmeissen kann er Cherubino nicht (auch nicht laut Libretto), der weiß leider etwas zuviel.... wobei er ihn heute sicher auf einen besser bezahlten Posten zu einem Kollegen anschieben würde.... :hello Karolus Minus
Rideamus (13.07.2012, 18:33): Leider kann und muss ich mich Schweizer und Solitaire anschließen. Zwar fand ich Patricia Petibon besser als er, denn ihre Auffassung einer zicvkigen Susanna war zumindest originell, und schlecht gesungen hat sie in meinen Ohren auch nicht. Beim Rest der Bestzung aber habe ich denselben Eindruck gehabt. Eine Inszenierung fand zwar statt, und sie führte auch immer wieder zu hübschen Details in der Darstellung - an wem auch immer das lag -, aber es reichte doch vorn und hinten nicht um mich für diesen schwerlich besonders tollen Tag in der Kanzlei Conte und Contessa zu interessieren. So schaltete ich nach dem ersten Akt um und versuchte es noch einmal mit dem dritten Akt. Vergeblich. Den vierten verbrachte ich fest schlafend im Bett und bin sicher, nichts versäumt zu haben.
Schade übrigens um die orchestrale Leistung, denn die war durchaus rekommendabel, soweit ich es mitbekommen habe, wofür die immer wieder ins Bild fuchtelnden Hände des Dirigenten immerhin reichlich gesorgt haben.
:hello Rideamus
Schweizer (14.07.2012, 11:00): Hallo Karolus Minus, lesen Sie doch mal nach wieviele Zeilen der neue Büro-Figaro aus Aix dem FAZ-Feuilleton wert ist ... und Sie werden feststellen müssen dass Sie mit Ihrer Spass-Einschätzung sehr einsam bleiben werden.
Karolus Minus (14.07.2012, 11:29): Original von Schweizer Hallo Karolus Minus, lesen Sie doch mal nach wieviele Zeilen der neue Büro-Figaro aus Aix dem FAZ-Feuilleton wert ist ... und Sie werden feststellen müssen dass Sie mit Ihrer Spass-Einschätzung sehr einsam bleiben werden.
Na, wenn die Menge der Zeilen zählt.... Und ob der Inhalt der FAZ ein Beleg dafür ist, daß ich einsam bleiben werde? - hier im Forum war ich bisher der Einzige, dem es gefiel, anderweitig war das nicht der Fall.
Aber interessant, daß Sie auf die sachlichen Einwände, die ich gegen Ihren Vorwurf der Unlogik hatte, NICHT eingegangen sind....
Habe die Ehre
Schweizer (14.07.2012, 11:57): Tut mir leid, aber ich empfand genau umgekehrt: ihre pro-Argumente schienen mir unlogisch und darum bin ich nicht darauf eingegangen. Wenn schon dann schon: also wenn man den Figaro in die Jetzt-Zeit transferiert, dann bitte konsequent ... Welcher Kanzlei-Angestellte würde in der heutigen Freizeit- und Spass-Gesellschaft, in der alles auf egoistische Selbstverwirklichung ausgerichtet ist/wird, es sich wohl gefallen lassen, im Büro sich eine Schlafstelle einrichten zu müssen/wollen/können. Welcher Praktikant würde nicht eins-zwei gefeuert werden, weil in Zeiten mit hoher Arbeitslosenquote sofort zehn andere Kandidaten zur Auswahl bereit stehen um des Gefeuerten Platz zu geringerem Lohn einzunehmen.
Aber eben, die heutigen Gepflogenheiten der Geschäftswelt passen eben partout nicht zum Büchlein des Herrn da Ponte.
Karolus Minus (14.07.2012, 12:52): Original von Schweizer Tut mir leid, aber ich empfand genau umgekehrt: ihre pro-Argumente schienen mir unlogisch und darum bin ich nicht darauf eingegangen. Wenn schon dann schon: also wenn man den Figaro in die Jetzt-Zeit transferiert, dann bitte konsequent ... Welcher Kanzlei-Angestellte würde in der heutigen Freizeit- und Spass-Gesellschaft, in der alles auf egoistische Selbstverwirklichung ausgerichtet ist/wird, es sich wohl gefallen lassen, im Büro sich eine Schlafstelle einrichten zu müssen/wollen/können. Welcher Praktikant würde nicht eins-zwei gefeuert werden, weil in Zeiten mit hoher Arbeitslosenquote sofort zehn andere Kandidaten zur Auswahl bereit stehen um des Gefeuerten Platz zu geringerem Lohn einzunehmen.
Aber eben, die heutigen Gepflogenheiten der Geschäftswelt passen eben partout nicht zum Büchlein des Herrn da Ponte.
Zum Praktikanten: den will der Herr Anwalt ja auch feuern (genauso wie der Conte), aber er schiebt ihn eben ab - die Unlogik ist da zugegeben der Offiziersposten - weil der dummerweise mitgehört hat.
Und die Schlafstelle ist genau an der Schnittstelle zwischen Büro - es gibt ja zum richtigen Bürobereich auch noch Türen - und Privatsphäre (ich hab den zweiten Akt als eine Art Bügelzimmer empfunden, nichgt als Schlafzimmer). Und es gibt Angestellte (da allerdings meist ältere Semester) die sich für unentbehrlich halten, weil ja nur sie alles richtig machen können und sich damit noch gebauchpinselt fühlen. Figaro scheint noch von der Sorte zu sein, Susanna eindeutig nicht.
ich bin mir aber auch nicht ganz klar darüber, inwieweit hier französische Verhältnisse mitinszeniert wurden, Almaviva bekommt ja im Final 3 die Trikolore umgehängt. Der Herr Anwalt scheinz ja nicht nur der lokale Großgrundbesitzer zu sein, möglicherweise ist er auch noch obendrein zumindest Bürgermeister, da er ja in der Politik mitmischt (wenn er Botschafter in London werden soll, ja auch nicht auf unterer Ebene). Und Abhängigkeiten im ländlichen Raum sind auch heute anscheinend noch sehr anders, als in der Großstadt.
Man MUSS das natürlich nicht mögen (und Geschmäcker sind ja erfreulicherweise verschieden). Es hängt ja auch immer davon ab wieviel "word by word"-Genauigkeit man von einer Libretto-Umsetzung erwartet und von diversen anderen Fakten.
Ein schönes Wochenende Karolus Minus
Schweizer (14.07.2012, 13:10): Danke für Ihren konstruktiven Beitrag: ja, lassen wir den Teig mal ruhen und schauen ob Hefe hilft dass der Teig aufgeht? Da ich nur bis zur Pause geguckt habe, kann ich mich zu Ihren Kommentaren der folgenden Akte nicht äussern. Einverstanden: Ihnen hat's gefallen, mich hat es nicht überzeugt obwohl ich mit Interesse einer neuen Sichtweise dieses Werks entgegensah.
ar (14.07.2012, 15:26): Mir hat die Inszenierung sehr gefallen (nein Karolus, du bist nicht alleine). Dafür fand ich gerade Frau Petitbon nicht wirklich überzeugend (gerade im "Deh vieni" war sie schon arg daneben), auch Ketelsen überzeugte mich schon mehr. Byström fand ich ganz gut! Der/Die Cherubino fand ich sehr gut.
Zefira (14.07.2012, 16:43): Ich finde Ketelsen klasse, sowohl sängerisch als auch darstellerisch, und habe schon deshalb gerne hineingeschaut. Die Inszenierung überzeugt mich allerdings bisher nicht und Frau Petibons Timbre mag ich nicht besonders. Bisher habe ich noch nicht viel gesehen von der Oper, habe aber aufgezeichnet und werde mir bei Gelegenheit alles anschauen.
Grüße von Zefira
Hyacinth (14.07.2012, 23:34): Jetzt wo ich die Fledermaus auch (halb bis jetzt) gesehen habe, gebe ich mal auch meinen Senf dazu.
Ohne die Damen hätte ich nach zehn Minuten abgedreht. Die Witze sind, wie Severina schon gesagt hat, alles andere als besonders originell und lustig, aber Reinprecht und Fally schaffen es, dass ich trotzdem lachen musste (vor allem bei Fallys Fiakermilli-Spagat).
Alexandra Reinprechts hin und her zwischen Tenor und Ehemann ist köstlich, mal etwas neues und sie macht das auch sehr überzeugend. Gesanglich mache ich mir so meine Gedanken. Sie ist jung und eigentlich eine hervorragende Singschauspielerin, aber ein paar Töne - die langen, lauten ab dem g - klingen wackelig und manchmal fast schrill, wie bei älteren Sängerinnen. Und eben weil sie jung ist, ist das irgendwie bedenklich. Ihr hohes C ist allerdings - was ich gehört habe - lupenrein. In der Mittellage hat sie eigentlich ein ganz schönes Timbre und dass sich das nach oben so entwickelt ist schade, weil sie eine ausgezeichnete Darstellerin ist.
Daniela Fally ist (wie eigentlich immer) ebenso großartig. Auch sie versteht es irgendwie, die hohlen Witze lustig zu präsentieren. Sie ist genau, wie man sich eine Adele vorstellt. Abgesehen davon singt sie wunderbar. Eine Freude, die ich bald wieder an der Staatsoper sehen will.
Ja, und bei den Herren ist mir das Lachen dann vergangen. Da könnte man sich dreimal fragen: Wieso tut er sich das an? Wieso singt Herbert Lippert den Eisenstein und nicht einen Liederabend stattdessen? Seine Stimme klingt manchmal sehr schön (nicht mein Fall, aber er hat immerhin noch Stimme), aber die meiste Zeit ist er damit beschäftigt, den Takt zu finden oder die Töne. Oder beides. Und lustig ist er absolut nicht. Da sieht man, wie dürftige Personenregie umgesetzt wird. Die einen machen sich eine Hetz draus, die anderen werden peinlich.
Dasselbe gilt für Daniel Serafin. Er wirkt nicht lustig, eher überheblich und aufgesetzt. An Schmäh mangelts ihm vorne und hinten. Und an Gesangsausbildung anscheinend auch. So schlimm, wie ich mir das Anfangsduett der beiden erwartet hätte, wars aber gar nicht. Das war ziemlich passabel. Statt üben der akrobatischen Einlage hätten beide Herren aber gut getan, sich ein bisschen mehr aufs Singen zu konzentrieren.
Harald Serafin habe ich in seiner Operettensänger-Zeit nie erlebt, ich bin auch kein Serafin-Fan. Aber ich hoffe, dass er damals besser war. Es war allerdings eher die Tatsache, dass er teilweise verwirrt bis lleicht desorientiert gewirkt hat, die mir Sorgen bereitet hat. Anscheinend kann er wirklich nicht mehr einschätzen, dass er das nicht mehr kann. Traurig, dass er sich so verabschiedet hat.
Zoryana Kushpler war wie immer. Nicht einmal so übel, die hohen Töne waren verzichtbar. Authentisch war sie ja, das muss man ihr lassen.
Zur Regie äußere ich mich erst, wenn ich die ganze Fledermaus gesehen habe.
Das ist mein erster Eindruck nach der Hälfte, es mag vielleicht hart klingen, aber ich habe es selten erlebt, dass es in einer Aufführung solche Unterschiede zwischen den Darstellern gibt.
Ich bin gespannt auf den zweiten Teil (und Helmut Lohner)!
Lg, Hyacinth :hello
Billy Budd (15.07.2012, 11:57): Liebe Hyacinth, vielen Dank für Deine ausführlichen Eindrücke. Ungefähr so habe ich mir ja auch die Aufführung vorgestellt. Ich vermute, dass Reinprecht ihre Stimme durch zu schwere Rollen (sie singt ja immer die Freia) etwas beschädigt hat. Am besten hat sie mir als Adina gefallen. Die Rosalinde wird sie wieder bei der nächsten Silvester-Fledermaus singen. Lippert habe ich 2009 einmal live als Eisenstein erlebt, aber da es erst mein neunter Opernbesuch war, habe ich an diesen Abend so gut wie keine Erinnerung mehr. Ich finde ihn meistens mittelmäßig; als Erik war er gut, dafür als Aegisth grottenschlecht.
Auf jeden Fall scheine ich nichts verpasst zu haben, wenn ich mir die Übertragung nicht angeschaut habe.
Billy :hello
Hyacinth (15.07.2012, 18:12): Verpasst hast du nichts. So schlecht, dass ich sie mir nicht fertig anschaue ist sie nicht, aber ich weiß, warum ich Mörbisch bis jetzt keine Beachtung geschenkt hab.
Hyacinth (15.07.2012, 18:45): Zu Helmut Lohner:
Ich habe Lohner noch nie gesehen und frage kundige Forumsmitglieder: Spielt der immer so? Spielt der das nur oder kann er wirklich nicht besser spielen? Kann ja sein, dass er es in Wahrheit viel besser kann und ihm irgendwer (wer eigentlich, er ist der Regisseur) erklärt hat, dass er so spielen soll. Die Witze sind wie immer, typische politische Anspielungen. Aber so fad heruntergeleiert, dass man nicht einmal grinsen muss. Was eigentlich eine One-Man-Show sein sollte, wirkt, als würde Lohner den brav auswendig gelernten Text herunterrezitieren. Einfach nur fad.
LG, Hyacinth :hello
Severina (15.07.2012, 19:33): Liebe Hyazinth,
ja, meistens. Lohner ist ein Schauspieler, der überhaupt nicht wandlungsfähig ist, er spielt alles über einen Leisten. Hin und wieder passt es so halbwegs, meistens aber nicht, zumindest für mich nicht, denn erstaunlicherweise hat Lohner viele Fans, die ihn für ganz toll halten. Dazu hat er eine ganz eigentümliche, um nicht zu sagen manirierte Sprechweise, die er jedem Stück überstülpt und die mich meistens ganz nervös macht. Am penetrantesten war Lohner immer in der Regie seines Busenfreundes Otto Schenk, gemeinsam schafften sie es perfekt, den genialen Wortakrobaten Johann Nestroy zu dümmlichem Slapstick zu degradieren. Aber wahrscheinlich bin ich nur humorlos, denn bei den Salzburger Nestroy-Vergewaltigungen "Talisman" und "Zerrissener"herrschte rund um mich wiehernde Heiterkeit, während ich mit Wut im Bauch da saß, wie man das einem meiner Lieblingsdichter antun konnte. Der Hellsten einer ist er gerade auch nicht, wie bei Interviews immer wieder auffällt, aber gut, deshalb könnte er trotzdem ein sehr guter Schauspieler sein. Das Einzige, was mir von Helmut Lohner immer gefallen hat, waren seine Soloabende, wo er Wedekinds Lautenlieder, Brechtballaden oder Bänkelgesänge vorgetragen hat - da passt sein merkwürdiger Tonfall ganz gut.
lg Severina :hello
Hyacinth (15.07.2012, 20:04): Sein Tonfall hat mich als Frosch auch nicht gestört. Er hat aber einfach alles heruntergeleiert. Da merkt man dann, dass diese anlassbezogenen Witze in der Fledermaus nur lustig sind, wenn man einen guten Frosch hat (ich habe Rober Meyer gesehen. Grandios!). Würde ich die Fledermaus und die obligatorischen Sätze nicht schon einigermaßen kennen, hätte ich bei der Hälfte der Witze gar nicht verstanden, dass das komisch sein soll, was Lohner da herunterleiert. Seltsam, wenn ich beim 1. Akt so richtig lachen muss und das dann im Laufe der Vorstellung immer weniger wird, bis ich dann mit steinerner Miene vor dem Computer sitze und mich frage, wieso ich mir das eigentlich noch anschaue. Naja, jetzt ist es vorbei und Mörbisch ist nichts für mich.
LG, Hyacinth :hello
Billy Budd (15.07.2012, 20:21): Original von Hyacinth ich habe Rober Meyer gesehen. Grandios! Liebe Hyacinth, da gehen unsere Meinungen doch auseinander. Robert Meyer habe ich zwei Mal an der Volksoper als Frosch gesehen und habe mir vorgenommen, das mir nie wieder anzutun. Am meisten hat mich sein gekünstelt klingender Dialekt gestört, aber auch sonst hat er mich total genervt. In dieser Rolle haben mir Gerhard Ernst und Peter Simonischek am besten gefallen. Billy :hello
Hyacinth (15.07.2012, 20:34): Habe weder Ernst, noch Simonischek gesehen, aber ich fand Meyer damals gut. Der Mann ist wenigstens witzig, finde ich, auch wenn er ein Bayer und kein Wiener ist. Naja, so gehen die Meinungen auseinander :wink
Hyacinth :hello
Billy Budd (15.07.2012, 20:36): Damit, dass er Bayer ist, habe ich ja auch kein Problem, nur wirkt es peinlich, wenn er bayrischen Dialekt mit wiener mischt. Aber zum Glück macht Simonischek zum nächsten Jahreswechsel wieder den Frosch. Billy :hello
Hyacinth (15.07.2012, 20:48): Ja, da werde ich ganz sicher hingehen! Auf Borchev bin ich gespannt, Reinprecht und Fally kennt man ja bereits, Kushpler leider auch (das waren noch Zeiten, als man Kulman oder Kirchschlager als Orlofsky hatte... :( ), Vargas wird sicher der beste Alfred seit langem!
Hyacinth :hello
Billy Budd (15.07.2012, 20:52): Nix gegen Šramek, aber wenn ich mich richtig erinnere, wird Bankl auch wieder den Frank machen! :) Warum am Silvesterabend aber Tonca und nicht Fally als Adele eingesetzt wird, erschließt sich mir wiederum nicht. ?( Billy :hello
Hyacinth (15.07.2012, 20:59): Das ist echt merkwürdig. Aber vielleicht ist Fally anderswo verpflichtet...
Hyacinth :hello
Billy Budd (15.07.2012, 21:08): Könnte natürlich sein. Aber wenn mich die Erinnerung nicht trügt (ich habe jetzt nicht nachgeschaut) singt sie eh am Neujahrstag die Adele. Darüber hinaus ist auch noch in dieser Zeit als Zerbinetta eingesetzt und ich vermute kaum, dass Fally dazwischen noch anderswo eine Adele unterbringt. Billy :hello
Hyacinth (15.07.2012, 21:11): Fally wird mit der Zerbinetta am 29. Dezember und 2. Jänner genug zu tun haben. Die Partie ist ja nicht so ohne. Dann halt zur Entspannung noch zwei Adeles am 4. und 6. Jänner... Ich freu mich schon darauf! :D
Hyacinth :hello
peter337 (15.07.2012, 21:24): Meine Lieben!
Da will ich mich auch zur Mörbischer Fledermaus äußern - sie war außer Frau Daniela Fally grottenschlecht. Frau Alexandra Reinprecht sang zwar eine humorige Rosalinde nur ist ihr in der Seeluft das D entwischt, es war ein C mit kleinem Ansatz. Die Herren vom Eisenstein über Dr. Falke und Frosch waren Provinzztheater, ich habe vor -zig Jahren Helmuth Lohner noch besser gesehen, akrobatischer, das kann er nicht mehr, das Alter hat halt auch seine Spuren hinterlassen - und Regie sollte er nicht führen. Die Kostüme der Damen müssen von der letzten Altkleidersammlung gewesen sein und die größte Zumutung war, dass der ORF nach dem Czardas eine Pause einlegte um die Mörbischer Festspiele zu bejubeln und somit die ganze Aufnahme, trotz bedeutend längerer Zeitangabe bei mir im Recorder, im 3. Akt, knapp vor dem Terzett Alfred, Esenstein und Rosalinde aus war, was mir einen DVD Rohling kostete.
Resümee: Allein Daniela Fally hat Humor, Stimme und Charme, Harald Serafin sollte nicht noch den Frank sprechen, denn singen kann er, bedingt durch seine Erkrankung, seit 20 Jahren nicht mehr. Für mich war er ja auch nie "der Danilo oder Eisenstein", sondern ein recht passabel aussehender Möchtegerntenor.
Liebe Grüße sendte Euch Euer Peter aus Wien.
Hyacinth (15.07.2012, 21:56): Ist alles unterschrieben, Peter! Zu Reinprecht habe ich ja schon meine kleine Abhandlung verfasst (umso mehr bereue ich es, sie früher nicht oft genug gehört zu haben), den Rest hast du auf den Punkt gebracht, da gebe ich dir völlig recht.
Die Regie war ja nicht wirklich vorhanden. Mir fällt nicht einmal was wirklich negatives ein. Man hatte den Eindruck, jeder Sänger versucht, was er kann. Bei manchen gehts halt ins Auge. Und Retts Gequatsche... Achso, das gehört ja nicht zu Aufführung :wink
LG, Hyacinth :hello
Ingrid (15.07.2012, 23:55): Original von Hyacinth Auf Borchev bin ich gespannt, Hyacinth :hello
Auf ihn kannst Du Dich wirklich freuen. Er war ja lange Zeit Ensemblemitglied der BSO und unser aller Liebling. Vor allem als Papageno unübertroffen. Bin echt traurig, ihn jetzt kaum noch erleben zu können.
:hello Ingrid
ar (16.07.2012, 21:31): Dann ist Borchev also nicht mehr Ensemblemitglied? Seit wann?
Ingrid (17.07.2012, 00:35): Bin mir im Augenblick nicht mehr so sicher, ob er in dieser Saison schon weg war, da er ja doch noch einiges sang. In der nächsten Saison wird er aber nicht einmal mehr als Gast geführt. Das ist schon sehr seltsam und traurig!!! Wünsche ihm in der großen weiten Welt auf jeden Fall ganz viel Erfolg. Das Zeug hat er dazu. Er soll sich nur nicht verbraten lassen, denn er ist ja doch noch sehr jung.
:hello Ingrid
ar (31.07.2012, 21:43): Zuerst das Positive:
Julia Kleiter kommt meinem Rollenverständnis der Pamina am nächsten. Ein Mädchen, an der Schwelle zur jungen Frau, welches mitanpacken kann. „Ach ich fühls“ wurde hier wie in Zürich eher Anklage und Erpressung, darum das schnellere Tempo. Mir fallen im Moment nur zwei Paminen ein, die dieses Niveau auch erreichen: D.Röschmann und G.Kühmeier. :down
Georg Zeppenfeld ist für mich DER Sarastro unserer Zeit. Salminen? Das ist nur noch rumgedrückt (sowohl in den Höhen, als auch in den Tiefen). Klar, das klingt noch hell und jung. Aber Pape klang als Sarastro auch hell. Und Sarastro darf (jedenfalls für mich) auch noch jung klingen, wenn er so gut singt.
Richter war ok. Man hört sehr wohl, dass er ein französischsprachiger Schweizer ist. Nicht, weil er des Deutschen nicht mächtig wäre, sondern weil er die Betonungen in den Sätzen manchmal komisch setzt.
Fredrich würde ich eher an der unteren Grenze von ok einordnen. Darstellerisch eine kleine Damrau-Imitation, gelingt ihr das gesanglich ganz und gar nicht (was bringen mir bei „Der Hölle Rache“ die f‘‘‘, wenn das c‘‘‘ am Ende der Phrase immer abbricht oder gequetscht kommt?).
Werba: Nun ja, ich habe in einigen Kritiken gelesen, dass die Stimme bereits zu gross sei, um Papageno zu singen. Das empfinde ich als ziemlichen Bullshit! Werbas Stimme ist alles andere als zu gross, er müsste diese nur schlank führen (zwischendurch bewies er, dass er das auch könnte).
Gantner fand ich toll, gut interpretiert und gut gesungen. Schasching geht gar nicht, das war schon in Zürich nicht ok und ist es in Salzburg schon gar nicht!
Harnoncourt und sein Orchester fand ich toll. Hier verliert er sich zwar ein bisschen in der Stückarbeit und somit geht der grosse Bogen verloren, aber es ist zumindest interpretiert und macht (vielleicht auch nur für Harnoncourt) Sinn. Trotzdem gefiel mir das in Zürich besser, gerade wegen dem Fluss. Das Zitat von Elisabeth Schwarzkopf, dass Harnoncourt in den 90er Jahren mit seinem Figaro die Arbeit von 50 Jahren zerstört habe, hätte mich mehr entrüstet als ihn. Jedenfalls sind meine Sympathien für diese Sängerin definitiv in den Keller gesunken.
Jetzt zur Inszenierung: Ich fand, sie tut niemandem weh. Noch den Regietheater-Gegnern, noch den Befürwortern. Ich fands einfach lahm. Einmal abgesehen von den Mätzchen, war es einfach eine nacherzählte Zauberflöte, schlecht modernisiert.
Bei der Zauberflöte hat man IMO sowieso nur zwei Möglichkeiten: Man erzählt das Märchen (aber bitte nicht mit einem hohlen „Wiener“-Papageno, ich kann es gar nicht leiden, wenn der Papageno dem Affen zu viel Zucker gibt und dann erst noch im Wienerdialekt) oder man geht den Kusej-/Harnoncourt-Weg. Ich bevorzuge letzteren.
LG :hello
Severina (31.07.2012, 22:10): Lieber ar,
da sind wir ziemlich nahe beisammen, was die Sänger betrifft, sogar 100%ig! Kleiter und Zeppenfeld fand ich großartig, die durchwegs guten Kritiken für Fredrich verstehe ich überhaupt nicht, denn die Dame hat nicht nur nicht die Stimme, sondern vor allem auch nicht die Persönlichkeit für eine Königin der Nacht. Schasching ist schlicht eine Zumutung, das würde nicht einmal für eine Provinzbühne reichen.
Von der Inszenierung war ich enttäuscht, weil ich von Herzog schon etliche wirklich originelle Arbeiten gesehen und ihm zugetraut habe, eine kluge, witzige und gegen den Strich gekämmte "Zauberflöte" auf die Bühne zu bringen. Denn auch da gehen wir konform: In einer konventionellen Inszenierung halte ich diese Oper nur schwer aus, daher ist die Salzburger sicher nicht die schlimmste, die ich je gesehen habe. Ich fand zunächst die Idee einer "Versuchsanordnung" in einer geschlossenen Anstalt gar nicht so absurd, denn schließlich wird hier mit Menschenleben gespielt, werden Tamino und Pamina nicht nur von der Königin der Nacht, sondern auch vom ach so edlen Sarastro als willenlose Werkzeuge in ihrem Kampf um die Macht missbraucht. Leider beließ es Herzog diesmal bei einer Absichtserklärung, er hatte nicht den Mut (Oder durfte er nicht???), diesen Ansatz konsequent durchzuziehen, sondern gab ihn der Banalität und Konventionalität preis. Denn irgendwie läuft ja trotzdem alles wie gehabt ab, und da fragt man sich dann natürlich, was die merkwürdigen SiFi-Einsprengsel sollen. Das Ergebnis verärgert beide Seiten, die Anhänger einer konventionellen Regie ebenso wie die einer modernen, weil keine auf ihre Rechnung kommt. Und diese "Ich-will-aber-ich-trau-mich-nicht"-Inszenierungen frustrieren mich am meisten.
Kusej kann man lieben oder hassen, speziell seine "Zauberflöte", aber er bleibt nie mitten auf dem Weg stehen, sondern geht ihn konsequent bis ans Ende. Welches Ziel Herzog eigentlich anvisiert hat, erschließt sich mir diesmal nicht wirklich.
lg Severina :hello
Billy Budd (31.07.2012, 22:17): Schasching geht gar nicht, das war schon in Zürich nicht ok und ist es in Salzburg schon gar nicht! Schasching ist schlicht eine Zumutung, das würde nicht einmal für eine Provinzbühne reichen. Mich wundert ja, dass der auf dem Japan-Gastspiel der Wiener Staatsoper den Herodes (!!!) singen darf! Ich kopiere mal meinen Beitrag zur Radioübertragung aus dem Zauberflöten-Thread hier herüber: Ich habe nicht wie vorgesehen die ganze Übertragung gehört, sondern nach Sarastros "O Isis und Osiris" abgeschaltet, weil ichdieses Mozart-Gedudl bis auf wenige Ausnahmen abgesehen nur sehr schwer ertrage. Folglich würde ich auch die Aufführung nicht beurteilen, aber da ich heute Vormittag kundgetan habe, Eindrücke zu liefern, hier ein paar Sätze: Mit hat die Vorstellung sehr gut gefallen - jedenfalls war sie um Klassen besser, wie die letzte an der Staatsoper (keine Kunst!). Am meisten interessiert hat mich Georg Zeppenfeld, den ich für eine Zukunftshoffnung im Bassfach (gehört als Sarastro und Peneios) halte. Er kann nichts dafür, dass es für mich nur einen Sarastro gibt, weswegen es ungerecht wäre, ihm vorzuhalten, dass er nicht über die immense Tiefenresonanz eines Walter Fink verfügt. Zeppenfeld ist sicher einer der besten der unter 60-jährigen Interpreten dieser Rolle. Wohltuend war, dass die sehr tiefen Töne (ich glaub, es geht bis zum c runter, bin mir aber nicht sicher) gesungen und nicht gekrächzt wurden. In den Dialogen war jedes Wort verständlich. Wenn er so weitermacht, wird er sich gewiss zu einem erstklassigen Bassisten entwickeln. Wehmutstropfen in dieser sehr guten Besetzung ist Bernard Richter, der recht schlampig sang und die Dialoge zu hölzern aufsagte. Sehr angetan war ich von der mir bis heute unbekannten Julia Kleiter (Pamina). Mandy Friedrich sang eine durchschnittliche Königin (ein wenig unsicher in den Läufen und das f in der ersten Arie war nur ein mickriges Tönchen). Markus Werba war ein erfrischender Kontrast zu dem, der den Papageno an der Staatsoper gepachtet hat, nur sagte er die Dialoge zu steif auf. Martin Gantner erreichte als Sprecher die letzte tiefe Note ("Band" bei "zum ew'gen Band") nicht und vermittelte zu wenig Autorität. Gemeinsam mit Lucian Krasznec und Andreas Hörl (dessen Sarastro in Wien ziemlich peinlich war) verkörperte er die männlichen Nebenrollen (Priester und geharnischte Männer). Sandra Trattnigg, Anja Schlosser und Wiebke Lehmkuhl sangen drei gute Damen; Rudolf Schasching war ein verlässlicher Monostatos. Drei Tölzer Knaben sangen drei gute Knaben. Nikolaus Harnoncourt hat sehr eigenartige Tempovorstellungen (beispielsweise schaffte er die Ouvertüre in sechs Minuten), die aber keineswegs so störend sind wie die eines Thielemann (da graut mir schon vor dem Holländer morgen!).
Billy :hello
Hyacinth (07.08.2012, 20:24): Meine Endrücke der Zauberflöte:
Inszenierung: So schlimm wie andernorts berichtet finde ich die Inszenierung nicht. Oder nein, schlimm und brutal ist sie schon, aber sie passt. Es stört mich, dass der Freimaurerhintergrund völlig fehlt, aber eigentlich ist sie (bis auf Papagenos Auftrittsarie) in sich stimmig und man merkt nicht nur zwischen den Zeilen, dass es gefährlich sein kann, Sarastro zu widersprechen. Am Anfang war ich noch entsetzt und die grenzdebile, der Hirnwäsche unterzogene Papagena war auch ein bisschen grenzwertig, finde ich. Ein paar Slapstick-Einwürfe wie das Ausschlagen von Papagenos Zähnen war auch etwas übertrieben und Tamino sah im Unterleiberl auf der Straße eher aus, als wäre er grad von seiner Geliebten vor die Tür geworfen worden.
Dirigat: Harnoncourts Tempi waren sicher eigenwillig, vor allem die Verzögerungen, die aus heiterem Himmel kamen. Aber er hat Mozarts Manuskript studiert und ich nicht, weshalb ich darüber kein Urteil abgebe. Der flüssige Anfang des zweiten Aktes gefiel mir sehr gut, weil diese Stelle gern zu einem zähen Klangbrei wird.
Orchester: Ich bin kein Fan von Originalklangorchestern, ich wäre auch nicht gerne zu Mozarts Zeit in die Oper gegangen und bin froh über den Fortschritt, den es in der klassischen Musik in den 250 Jahren gegeben hat. Das Blech klang, wie es nicht anders geht, sehr scheppernd, die Kontrabässe kratzten ab und zu und die Oboe klang dumpf. Der Chor flüsterte mehr als er sang, vor allem beim Finale nach der Feuer- und Wasserprobe. Das dürfte Mozart wahrscheinlich auch in sein Manuskript geschrieben haben und alle Dirigenten haben es bisher ignoriert.
Julia Kleiter war für mich eine der besten Paminas, die ich je gesehen habe. Sie passte zum Schulmädchen-Look perfekt, spielte auch eher das Mädchen als die junge Frau. Ihre Stimme hatte Charakter, spiegelte alles wider, was sie mimisch darstellte. Die Arie im zweiten Akt bekam auch durch Harnoncourts flottes Dirigat einen wütenden Unterton; eine gute Alternative zu dem reinen melancholischen Schöngesang in dem man sonst kennt. Die Szene mit Monostatos habe ich noch nie so packend gesehen, es war kaum anzusehen wie sie hingerissen von Abscheu, Angst und Wut war.
Berhard Richter war für mich ein passender Tamino. Er sang gut, hatte, wenn nötig, einen klaren, zupackenden Tenor und eine schöne, lyrische Stimme. Optisch war er ideal, finde ich. Er wirkte nicht wie ein schöner Held, der in Wahrheit einfach lächerlich ist, sondern ganz natürlich und passte sehr gut zu Kleiter dadurch.
Mandy Fredrich hat mir in ihrer ersten Arie nicht wirklich gefallen. Ihre Spitzentöne waren gut, aber darunter war ihre Stimme für eine junge Koloratursopranistin ziemlich groß und vibrato-reich, was ihr bei den Koloraturen ein bisschen in die Quere kam. Umso mehr war ich erstaunt von der zweiten Arie. Den Dialog mit Pamina fand ich großartig, überhaupt keine Damrau-Imitation (mir gefallen beide Interpretation, auch wenn sie unterschiedlich sind!). Fredrich war die erste Königin, die ich gesehen habe, die nicht nur schrie, viel eher hatte sie eine manische, wahnsinnige Ruhe. Auch "Kein Wort" brüllte sie nicht, sondern lächelte sogar dabei. Vor so einer Königin fürchtet man sich doch viel mehr als vor einer hysterischen, herumschreienden Furie. Die Spitzentöne von Fredrich waren immer noch sehr gut, ihre Koloraturen sauber, aber eben eher voluminös, was man von einer Königin der Nach nicht gewöhnt ist (man denkt an das Perln von Gruberova oder Dessay). Seltsamerweise hatte ich nach dieser Arie Tränen in den Augen, was ich mir nicht erklären kann, aber mir perönlich hat Fredrich darstellerisch und gesanglich sehr gefallen.
Georg Zeppenfeld war der beste Sarastro, den ich seit langem gehört habe. Er spielte den Oberpsychiater, der sich an seinen Patienten nie die Finger schmutzig macht sehr gut, mit einer Kälte, die nur durch den Sonnenkreis auf seiner Brust etwas aufgeweicht wurde. Seine Stimme ist eine Bilderbuch-Sarastro-Stimme. Exzellent!
Markus Werba lieferte eine sehr solide Leistung ab, gestaltete mit seinem schönklingenden Bariton jede Phrase und spielte den Papageno genauso wie man ihn sich vorstellt. Seine Einwürfe in Dialekt ("Stana soll i fressen?") nach fünf Sätzen hochdeutsch wirkte etwas eigenartig, kann aber auch eine Idee des Herrn Regisseur gewesen sein.
Die drei Damen waren unspektakulär inszeniert und sangen sehr ordentlich. Rudolf Schasching flüsterte permanent, angeblich steht das auch in Mozarts Manuskript. Ich kenne ihn sonst nicht und hoffe, er kann auch ordentlich singen, wenn man ihn lässt. Die drei Knaben sahen eigentlich sehr niedlich aus in ihren Fräcken und mit ihren Glatzen und sangen sehr gut.
Hyacinth :hello
Severina (08.12.2012, 21:24): Wer hat gestern die TV-Übertragung der Eröffnungspremiere an der Scala, "Lohengrin", gesehen?
Mir hat vor allem die Inszenierung von Claus Guth sehr gut gefallen, wobei ich mir die Aufzeichnung noch ein paarmal anschauen muss, damit wirklich alle Puzzleteile ein vollständiges Gesamtbild egeben. Aber von allen Lohengrins der letzten Zeit (München, Bayreuth) überzeugt mich dieses wie immer bei Guth auf Psychologie setzende Konzept am meisten. Besonders den letzten Akt habe ich noch nie so spannend und in sich stimmig erlebt.
Meine ursprüngliche Enttäuschung über die Absage von Anja Harteros, die ich sehr mag, legte sich bald, denn Anette Dasch war ein mehr als ebenbürtiger Ersatz. Wenn es stimmt, dass sie nicht einmal einen Tag Zeit hatte, um das Regiekonzept zu verinnerlichen, muss man wirklich sagen: Hut ab vor dieser Leistung! Sie spielte so überzeugend, als wäre sie vom ersten Probentag an dabei gewesen. Auch stimmlich gefiel sie mir sehr gut, besser als bei der Übertragung aus Bayreuth.
Jonas Kaufmann brauchte diesmal eine kleine Anlaufzeit - da konnte ich erstmals nachvollziehen, was so viele an seiner gaumigen Stimmbildung stört - aber dann bot er eine Klasseleistung. Schauspielerisch war er natürlich von Anfang an voll da.
Bis auf den Telramund gefielen mir auch alle übrigen Protagonisten sehr gut, sei es René Papes eindrucksvoller König Heinrich, Zeijko Lucics fast zu schönstimmiger Heerrufer oder Eva Herlitzius als machtlüsterne Ortrud. Die Schärfen in der Höhe störten mich nicht, sie passten zum "hässlichen" Charakter der Figur.
Nicht begeistern konnte mich der Chor, der speziell im ersten Art einige Male wackelte und vor allem völlig unverständlich artikulierte.
lg Severina :hello
Yorick (09.12.2012, 09:43): Original von Severina Wer hat gestern die TV-Übertragung der Eröffnungspremiere an der Scala, "Lohengrin", gesehen?
Ich! :) Allerdings mit reichlich Hopfen ... :cool
Original von SeverinaMir hat vor allem die Inszenierung von Claus Guth sehr gut gefallen, wobei ich mir die Aufzeichnung noch ein paarmal anschauen muss, damit wirklich alle Puzzleteile ein vollständiges Gesamtbild egeben. Aber von allen Lohengrins der letzten Zeit (München, Bayreuth) überzeugt mich dieses wie immer bei Guth auf Psychologie setzende Konzept am meisten.
Ich will zwar nicht so hysterisch wie anderswo urteilen, aber ich denke, die Gesamtinterpretation ist schon gewöhnungsbedürftig: Nichts gegen die Deutungshoheit der Verantwortlichen und nichts gegen die Ausreizung der Vorlage - aber der intendierte Sinn des Komponisten, die Anlage der einzelnen Protagonisten sollte schon noch erkennbar bleiben. Nichts gegen einen gebrochenen Lohengrin, aber doch nicht ein epileptischer Katatoniker ...
Original von SeverinaBesonders den letzten Akt habe ich noch nie so spannend und in sich stimmig erlebt.
Er war gut, der letzte Akt, aber ich besitze wenigstens sieben Gesamtaufnahmen, die besser sind!
Original von SeverinaJonas Kaufmann brauchte diesmal eine kleine Anlaufzeit - da konnte ich erstmals nachvollziehen, was so viele an seiner gaumigen Stimmbildung stört - aber dann bot er eine Klasseleistung. Schauspielerisch war er natürlich von Anfang an voll da.
Darstellerisch nicht übel, für die Anlage seiner Figur konnte er ja nichts; aber sängerisch für mich absolut nicht überzeugend, besonders nicht in den leiseren Stellen. Er singt praktisch mit Akzent und moduliert die wagnerische Sprache auf eine Art und Weise, die nicht angebracht ist. Ich kenne ihn leider sonst nicht, daher auch keine seiner früheren Rollen, wo er vielleicht besser abschneidet.
Severina (09.12.2012, 11:07): Lieber Yorick, zunächst einmal danke für Deine Rückmeldung, ich dachte schon, ich muss monologisieren :wink! Nun, ich bin generell sehr aufgeschlossen, was Regiekonzepte betrifft, sie müssen mich nur überzeugen, und das schafft Claus Guth mit seinem "Lohengrin". Wobei ich noch nicht alles entschlüsselt habe, aber genau die Fragezeichen machen für mich eine Inszenierung interessant. Wenn alles auf den ersten Blick völlig klar ist, finde ich das eher langweilig. Aber ich habe kein Problem mit Deiner Position, die wahrscheinlich mehrheitsfähiger ist als meine. Ich kann halt nicht ganz abstreifen, dass meine erste Liebe dem Sprechtheater galt und ich von daher der Regie einen größeren Stellenwert beimesse als "Nur"-Opernfans. Für mich muss ein Regisseur eine größere intellektuelle Leistung erbringen als nur das Libretto zu lesen und möglichst bruchlos umzusetzen - mich faszinieren gerade die Brüche! Damit will ich nur meine Erwartungshaltung an eine Inszenierung skizzieren, ohne die Deine damit in Frage zu stellen - nur damit das klar ist!
Seltsam, ich habe Lohengrins konvulsische Zuckungen am Anfang überhaupt nicht mit Epilepsie in Zusammenhang gebracht (Sagt das Claus Guth? Sein Pauseninterview habe ich mir noch nicht angehört!) Für mich war das die faszinierende Verwandlung vom Schwan zum Menschen, seine Körperhaltung und Bewegungen erinnerten mich (Ich betone MICH!) an einen Vogel, der sich mühsam aus dem Ei befreit, streckt, zunächst noch wackelig auf den Beinen steht und erst allmählich "ganz" wird, seinen Körper beherrscht. Natürlich ist dieser Lohengrin kein Held - Gott sei Dank sage ich, die mit den Wagnerhelden seit jeher große Probleme hatte. Er ist wohl nicht aus freiem Willen zur Rettung Elsas geeilt, handelt wie unter Zwang, zweifelt an seiner Fähigkeit, diese Aufgabe zu bewältigen und vielleicht auch generell an der Sinnhaftigkeit dieser Aufgabe. (Wie gesagt, ich bin noch in der Reflexionsphase, vieles ist mir auch noch nicht klar!) Den Punkt, ab wann sich Elsas Fantasieheld verselbständigt, habe ich noch nicht gefunden!
Nun, Kaufmanns Stimme polarisiert schon immer, darüber zu streiten ist müßig. Ein Akzent ist mir nicht aufgefallen, aber ich verfüge zweifellos nicht über so viel Wagnererfahrung wie Du und kann gerade mit dem klassischen Wagnerstil überhaupt nichts anfangen. Nur eines würde mich interessieren: Was konkret stört Dich an Kaufmanns leisen Passagen? Gerade seine Piani fand ich nämlich ganz wunderbar. Seine Gralserzählung ganz ohne Pathos und Kraftmeierei geht mir immer durch und durch. (Francisco Araiza war wohl einer der ersten, der anno 1992 diese "unwagnerische", rein lyrische Interpretation kreiiert hat, und damit begann eigentlich MEINE positive Sicht auf Wagner...)
Auf jeden Fall lässt mich dieser "Lohengrin" nicht los, und ich werde heute wohl noch einen dritten Durchgang starten :D! Ganz im Unterschied zu der Münchner Produktion, die ich zwar vom Konzept her ganz interessant fand, die mich aber emotional nicht weiter beschäftigte. Gesehen und abgehakt - die Claus-Guth-Version hingegen werde ich noch längere Zeit nicht abhaken können!
lg Severina :hello
ar (09.12.2012, 12:09): Ich auch. Mir hats gefallen. Barenboim gefiel mir sehr, leider verlor er aber in einigen Szenen den Bogen (Zicken-Krieg), aber das Vorspiel zum dritten Akt und das Zwischenspiel gefieln mir sehr gut (sehr flott), auch wenn die Blechbläser einige Patzer hatten. Kaufmann fand ich sehr gut. Am Anfang war er mir zu dunkel, aber über die ganze Aufführung legte sich das und er spielte und sang die Partie sehr gut (wer kann am Boden liegend solche Töne von sich geben?). Dasch war IMO noch nie so gut, als Elsa (die Finta in Berlin hat wohl geholfen, ein bisschen schlanker zu singen), wenn man bedenkt, dass sie eingesprungen ist, dann kann ich nur WOW sagen. Tomasson fand ich nicht so gut, ihm fehlt die Höhe für die Partie, aber er hatte einige gute, gelunene Szenen. Pape war toll, wie immer. Mir fiel nur auf, dass ihm die hohe Partie mehr Mühe bereitete, als sonst. Aber das ist auf hohem Niveau gejammert. Herlitzius überzeugte mich mehr als in BT, aber unter dem Strich finde ich das immer noch nicht gut. Schade, besonders ihre Färberin hat mir sehr gefallen. Aber die Ortrud ist (trotz der immensen Höhe) wohl eine Mezzosopranpartie. Lucic hat mich persönlich enttäuscht, ich habe mehr erwartet (für mich klang das sehr gedrückt). Die Regie gefiel mir im Grossen und Ganzen (trotzdem kann ich die ewigen "alle sind psychisch krank"-Inszenierungen von Guth langsam nicht mehr ertragen, aber hier hat es noch gut funktioniert). LG
stiffelio (09.12.2012, 12:14): Liebe Severina, zunächst vielen Dank für den Tipp! Ich hatte, fernsehlos wie ich bin, diesen Lohengrin tatsächlich übersehen, konnte ihn aber nun auf arte+7 nachsehen. Ich fürchte allerdings, dass wir bei der Inzenierung nicht zusammen kommen werden. Der Lohengrin ist für mich mit Abstand die religiöseste Oper Wagners, weil sie ein Kernthema (und je nach Sicht auch Kernproblem) jeder Religion, aber ganz besonders der christlichen, in den Mittelpunkt stellt: das beweislose Vertrauen. Jede Inszenierung, die das nicht aufgreift, kann für mich bestenfalls interessant sein, geht aber letztlich an der Oper vorbei. So finde ich auch Guths Inszenierung teilweise interessant, teilweise allerdings noch mehr verwirrend (und da kannst du mir evtl. helfen, wenn es dir gelungen ist, etwas mehr hinter ihre Verrätselungen zu blicken). Sie verzichtet zumindest auf reißerische Effekte und ist mir in der Summe ebenfalls lieber als München und Bayreuth, aber durchschaut habe ich sie sicher noch nicht. Kaufmann sagt ja im Interview, dass Lohengrin hier letztlich eine Projektion der (psychisch offensichtlich kranken, zumindest schwer traumatisierten) Elsa ist, die in ihm ihren verstorbenen Bruder sieht. Diese Projektion entwickelt dann aber ein Eigenleben, das sich nicht mehr an Elsas Vorstellungen hält. So interessant das ist, finde ich solche Projektionen doch immer dann mühsam, wenn ich nicht erkennen kann, wo die Grenze zwischen Wahn und Wirklichkeit verlaufen soll. Ist die gesamte Oper ein Traum von Elsa? Was wäre dann ihre Aussage? Wenn aber zumindest ein Teil Wirklichkeit ist, warum reagieren dann alle samt König Heinrich,Telramund und Ortrud auf Lohengrin einerseits, als wenn er wirklich wäre - andererseits aber trotzdem unangemessen, denn dieser Lohengrin versprüht ja keineswegs die Sendung, die sein Text zu versprechen scheint. Er scheint dagegen psychisch eher noch stärker gestört zu sein als Elsa, eben eine Spiegelung aller ihrer Ängste und Zweifel. Wie können da alle dieses Nervenbündel ernsthaft als "Schützer von Brabant" preisen bzw. fürchten? Da passt dann auch nach meinem Empfinden an ganz vielen Stellen Text, Musik und Darstellung nicht mehr zusammen. So hoffe ich diesbezüglich auf ein paar erhellende Erklärungen von dir. Denn auch wenn das wohl niemals meine Lieblingsinszenierung werden wird, würde ich sie gerne aufgrund der musikalischen Qualität und der bildlich zumindest nicht abschreckenden Umsetzung besser verstehen als es momentan der Fall ist. Und ich gebe dir absolut recht, dass sie ganz bestimmt nicht langweilig ist.
VG, stiffelio
Severina (09.12.2012, 20:22): Liebe Stiffelio, leider hatte ich heute Nachmittag zwar lieben, aber unangesagten Besuch, sodass es nichts wurde mit der 3. Runde Lohengrin, die jetzt auch noch mindestens eine Woche warten muss, weil ich mich morgen in die Provinz begebe, wo ich keinen Zugriff auf meine Aufzeichnung habe. Wie gesagt ist mir diese Grenze zwischen Wahn und Wirklichkeit selber noch nicht klar, aber dieses Spiel mit den verschiedenen Seinsebenen ist wohl ein Markenzeichen von Claus Guth. Bei seinem Monteverdi-Zyklus im ThadW geht er genauso vor, nur sind halt die Libretti von Barockopern wesentlich einfacher gestrickt als bei Wagner, weshalb die Rechnung dort zumindest zu 90% aufgeht. Und was die restlichen 10% betrifft, so halte ich mich an Francisco Araiza, der einmal meine Frage nach einem rätselhaften Inszenierungsdetail so beantwortete: "Das weiß ich auch nicht, aber jede Inszenierung muss ein surreales Element enthalten." In einem Punkt werden wir uns ohnehin nicht treffen, nämlich beim religiösen Aspekt. Abgesehen davon, dass ich den als Agnostikerin sowieso nur selten registriere, finde ich im "Lohengrin" keine Spur von christlichem Gedankengut im Sinne des NT, bestenfalls den RAchegott des AT. Das Gottesgericht ist tiefstes Mittelalter und hat mit echtem Glauben gar nichts zu tun, sonst würden wir es ja heute noch so halten. (Wobei ich unsere korrupten Politiker nur zu gerne über glühende Kohlen gehen ließe, aber das nur nebenbei :cool :D) Und blindes Vertrauen ist meinem Verständnis ohnehin fremd, ich halte mich lieber an "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser!" Ich liebe inzwischen den "Lohengrin" musikalisch heiß und innig, inhaltlich allerdings ist er mir nach wie vor fremd, weil ich über all das Aberwitzige, was da passiert, nur ungläubig den Kopf schütteln kann. Jetzt habe ich ganz unbewusst "ungläubig" geschrieben, vielleicht ist das also wirklich mein Problem damit. Aber ganz sicher gefallen mir gerade deshalb Inszenierungen, die den Plot auf die psychologische Ebene herunterbrechen, so gut, weil mir die etwas zum Anhalten bieten. Auch die Münchner Lesart hat mir gefallen, aber nicht so gut wie die Mailänder. Herkömmliche Inszenierungen mit Schwan und Gral und all diesem Brimborium langweilen mich hingegen nur.
Und natürlich gefällt mir nicht jede Inszenierung, nur weil sie das Stück gegen den Strich kämmt, unseren Wiener "Lohengrin" von Barrie Kosky finde ich zum Beispiel furchtbar.
lg Severina :hello
stiffelio (09.12.2012, 21:34): Liebe Severina,
gegen surreale Elemente in einer Inszenierung habe ich nichts, allerdings würde ich dir zustimmen (bzw. deine Aussage dahingehend verdichten), dass die nicht wesentlich mehr als 10% ausmachen sollten, wenn man sich in einer Inszenierung nicht verlieren will. Was den Agnostizismus angeht: da gibt es ja verschiedene Strömungen und falls du agnostische Theistin sein solltest, lägen wir gar nicht so weit auseinander :wink. (Ich vermute allerdings aufgrund anderer Aussagen, dass du dich eher als agnostische Atheistin begreifst.) Zum christlichen Gedankengut im Lohengrin: wie schon gesagt, ist das letztlich Element praktisch jeder Religion, aber im NT ist es von Paulus wie folgt formuliert: "So sind wir zwar gerettet, doch auf Hoffnung. Die Hoffnung aber, die man sieht, ist nicht Hoffnung, denn wie kann man hoffen auf das, was man sieht." Das Frageverbot von Lohengrin führe ich auf den Sachverhalt zurück, der in diesem Satz umschrieben wird.
VG, stiffelio
P.S.: Zum Verhältnis von Vertrauen (beweislos ist für mich nicht gleich blind) und Kontrolle würde ich sagen: alles dahin, wohin es gehört. Gerade von einem Agnostiker würde ich erwarten, dass er sich der Begrenzheit menschlichen Wissens sehr bewusst ist und damit auch der fehlenden Kontrollmöglichkeiten dort, wo das Wissen überstiegen wird. Das geht jetzt natürlich über den Lohengrin weit hinaus und deshalb erwarte ich zu diesem Nachsatz auch keinen Kommentar von dir :wink.
Yorick (09.12.2012, 21:47): Original von SeverinaAbgesehen davon, dass ich den als Agnostikerin sowieso nur selten registriere, finde ich im "Lohengrin" keine Spur von christlichem Gedankengut im Sinne des NT, bestenfalls den RAchegott des AT. Das Gottesgericht ist tiefstes Mittelalter und hat mit echtem Glauben gar nichts zu tun, sonst würden wir es ja heute noch so halten.
Liebste Severina, auch wenn ich noch nicht dazukam, deinen anderen Beitrag zu beantworten - aber das hier meinst du sicher als Scherz!? Muss ich dir wirklich erst die Stoffgeschichte auseinandersetzen? :cool
stiffelio (09.12.2012, 21:57): Hallo Yorick,
bitte entschuldige meine Einmischung, aber wäre es dir möglich, deine Beiträge so zu formulieren, dass sie weniger provokant klingen? Damit würdest du mir einen großen Gefallen erweisen.
VG, stiffelio
Yorick (09.12.2012, 22:09): Original von stiffelio Hallo Yorick,
bitte entschuldige meine Einmischung, aber wäre es dir möglich, deine Beiträge so zu formulieren, dass sie weniger provokant klingen? Damit würdest du mir einen großen Gefallen erweisen.
VG, stiffelio Lieber stiffelio,
bei allem Verständnis, aber das kann ich leider nicht!
Gruß Yorick
Severina (10.12.2012, 00:23): Original von stiffelio Liebe Severina,
Was den Agnostizismus angeht: da gibt es ja verschiedene Strömungen und falls du agnostische Theistin sein solltest, lägen wir gar nicht so weit auseinander :wink. (Ich vermute allerdings aufgrund anderer Aussagen, dass du dich eher als agnostische Atheistin begreifst.)
Liebe Stiffelio, Das würde stimmen, gäbe es da nicht das kämpferische Element im Atheismus, das mir völlig fremd ist. Ich kämpfe nicht gegen religiöse Überzeugungen an, ganz im Gegenteil: Ich respektiere jede Religion und ihre Anhänger, würde nie versuchen, jemanden von seinem Glauben abzubringen und verhalte mich in Kirchen, Moscheen etc. - die für mich nur Objekte kunstgeschichtlicher Betrachtungen sind - so, dass ich niemanden in seiner Andacht störe oder religiöse Gefühle verletze. Ein richtiger Atheist hingegen versucht in der Regel seine Mitmenschen davon zu überzeugen, dass der Glaube an einen Gott Nonsens ist. Diese Art der Missionierung liegt mir völlig fern.
Aber mit Erlösungsmythen a la Lohengrin kann ich halt wenig bis gar nichts anfangen. Überhaupt ist der ganze Wagnerkosmos von meiner Lebensrealität weiter entfernt als der Mond. Gut, das sind natürlich die meisten Opernfiguren, aber während ich z.B. bei Verdi VERSTEHE, was seine Helden antreibt - auch wenn ich mich nie und nimmer so verhalten würde - fehlt mir dieses Verständnis bei Wagner völlig. Elsa, Lohengrin & Co sind für mich blutleere Reißbrettfiguren, die nichts, aber auch gar nichts mit mir zu tun haben und mich deshalb emotional nicht erreichen. Das schafft nur die Musik, die ich wie bei allen Wagneropern genial finde, wären da nicht die Libretti.... Wagner ist der einzige Opernkomponist, bei dem ich mir wünsche, er hätte nur Orchestermusik geschrieben.
Aber Inszenierungen wie die von Claus Guth schaffen es dann doch, die emotionale Distanz zwischen mir und den Figuren zu überbrücken, Mitgefühl und vor allem Interesse zu wecken. Mir ist klar, dass dieses Bekenntnis jetzt einige Leute anregen wird, sich Gedanken über meine geistige und seelische Disposition zu machen, aber das halte ich schon aus :cool (Und nein, ich fühle mich keineswegs seelenverwandt mit dieser Elsa, aber ihre Verstörung ist für mich nachvollziehbar. Sie ist zwar immer noch eine Kunstfigur - no na! -, aber eine mit menschlichen Zügen. )
Und Yorick, Du brauchst mir jetzt nicht den Wagner-Kosmos oder die Entstehungsgeschichte des "Lohengrin" erklären, ich habe genügend kluge Bücher darüber gelesen. (U.a. sämtliche von Wapnewski) Aber mich interessiert die unmittelbare Wirkung einer Oper auf mich, das, was sie MIR sagen KANN, und das hat nur bedingt mit dem zu tun, was mir der Komponist und Librettist (Im Falle von Wagner eine Personalunion) angeblich sagen WOLLEN.
Ebenso wenig interessiert es mich, ob die Gedanken, die ich mir über Guths Inszenierung mache, wirklich mit den seinen übereinstimmen. Wichtig ist, was ich für mich herauslese. Daher kaufe ich mir auch nie ein Programmheft, weil ich eine Inszenierung ohne "Gebrauchsanweisung" entschlüsseln will. Das Verständnis für eine Inszenierung ist für mich ein Schloss, in das nicht nur ein Schlüssel passt, jeder muss den für ihn richtigen finden. Wenn gar keiner passt, liegt's am Schloss, sprich die Inszenierung ist ein Schmarren (Achtung, subjektiv! :P). Wobei natürlich der Vergleich der einzelnen Schlüssel sehr interessant und anregend ist - nicht wahr, Stiffelio? :)
lg Severina :hello
stiffelio (10.12.2012, 20:57): Liebe Severina, :times10 Mich interessieren am Lohengrin eben ganz besonders die Parallelen, die sich durch das Frageverbot zum (christlichen) Glauben ergeben. Wo sind Gemeinsamkeiten, wo Unterschiede? Warum z.B. kann Lohengrin alle anderen Fragenden abwehren, nur Elsa nicht? Was würde geschehen, wenn Lohengrin nach seinem "Offenbarungseid" bleiben könnte? Wenn eine Inszenierung damit nichts anfangen kann, bin ich von ihr ähnlich enttäuscht wie du von einem Opernlibretto, das gegenüber einer geschätzten Theatervorlage (zu stark) abfällt. :wink
Dennoch können wir nach deiner Rückkehr die Guth-Inszenierung gerne nochmal aufgreifen. Im Moment grübele ich über den Punkt, inwieweit Lohengrin eine reine (von Elsa herbeigeträumte) Inkarnation von Gottfried sein könnte oder ob es Stellen gibt, an denen das definitiv nicht mehr aufgeht. Und hast du auch den Eindruck, dass Kostüme und Masken von Ortrud und Telramund dem berühmten Bild von Cosima und Richard Wagner nachempfunden wurden?
VG, stiffelio
Heike (11.12.2012, 23:25): So, ich habe mir eben die ersten beiden Akte angesehen und bin zunächst mal von der Inszenierung sehr begeistert! Mir hatte ja schon die halbszenische Budapester Aufführung sehr gut gefallen, die den ganzen heldischen Glamour wegließ und sich auf die Paar-Psychologie von Paranoia und Macht konzentrierte.
Dieser Lohengrin hier ist imho eine tolle Inszenierung und es ist phantastisch, wie die Dasch das als Einspringerin spielt. Ich finde es auch klasse, das in die wagnerianische Zeit zu verlegen und auf vage Assoziationen zu ihm zu zielen - ich sehe das auch so wie stiffelio, dass es da Anspielungen gibt. So als erste Idee würde mir dazu einfallen, dass man auch Wagner zum Übermenschen erst gemacht hat; und er sich erstens nicht zu erkennen geben wollte und zweitens auch anders ist als viele ihn sahen/ sehen. Könnte das ein gewollter Randaspekt dieser Inszenierung sein, sozusagen als Gruß zum Wagnerjahr?
Zu den Sängern und zu weiteren Details, wenn ich den Rest gesehen habe. Ich hoffe, ich schaffe das in der kurzen verbleibenden Zeit, wo das online ist :( Heike
p.s. warum reagieren dann alle samt König Heinrich,Telramund und Ortrud auf Lohengrin einerseits, als wenn er wirklich wäre Er ist ja wirklich, also die traumatisierte Elsa hat sich irgendeinen "normalen" Mann zum Helden zurechtphantasiert. Und alle rundrum projezieren eben auch teilweise ihre eigenen Wünsche auf ihn. Ob das jetzt in jedem Detail kongruent zu Text und Musik ist, das kann ich nach meinen ersten Eindrücken und auch ohne den Schluss gesehen zu haben nicht sagen. aber insgesamt scheint es mir ein stimmiges Konstrukt.
Jürgen (12.12.2012, 09:53): Original von Heike Ob das jetzt in jedem Detail kongruent zu Text und Musik ist, das kann ich nach meinen ersten Eindrücken und auch ohne den Schluss gesehen zu haben nicht sagen. aber insgesamt scheint es mir ein stimmiges Konstrukt.
Ich habe jetzt auch bis Mitte des 2.Akts geschaut. Bisher gefällt mir die Inszenierung recht gut, auch wenn ich einige Unstimmigkeiten zum Text schon jetzt benennen kann:
Zum einen singt Elsa im 2.Akt zu Ortrud: Hilf Gott! So muss ich dich erblicken, die ich in Stolz und Pracht nur sah! Die gute Ortud habe ich aber im 1.Akt zwar stolz aber überhaupt nicht prächtig erlebt. Ganz im Gegenteil: Gekleidet wie eine Gouvernante, komplett schwarz (als Gegenpol zu Elsa=komplett weiss). Ein kleiner Widerspruch, mit dem ich aber sehr gut leben kann.
Was mich wesentlich mehr gestört hat ist die Szene, als Lohengrin noch am Boden liegt, heftig zuckend und in abgerissenem Outfit (optisch eher einem Rebell wie Siegmund gleichend). Und beim Anblick dieses Schwanenritters singen die Brabanter (allesamt in geschniegeltem Anzug): Wie ist er schön und hehr zu schauen Diese Szene ist dermaßen widersinnig, dass ich sie mir auch unter Zuhilfenahme von Surrealismus nur schwer erklären kann.
Musikalisch gefiehl mir das Ganze überraschend gut. Insbesondere Elsa: Chapeau
Grüße Jürgen
stiffelio (12.12.2012, 21:39): Hallo Heike Original von HeikeSo als erste Idee würde mir dazu einfallen, dass man auch Wagner zum Übermenschen erst gemacht hat; und er sich erstens nicht zu erkennen geben wollte und zweitens auch anders ist als viele ihn sahen/ sehen. Könnte das ein gewollter Randaspekt dieser Inszenierung sein, sozusagen als Gruß zum Wagnerjahr? Wäre es dann nicht sinnvoller, wenn Lohengrin und nicht Telramund in Wagner-Maske erscheinen würde?
Zu den Sängern und zu weiteren Details, wenn ich den Rest gesehen habe. Ich hoffe, ich schaffe das in der kurzen verbleibenden Zeit, wo das online ist :( Ansonsten könnte dieser Link weiterhelfen "http://www.youtube.com/watch?v=uYt64nBUM38" :D
warum reagieren dann alle samt König Heinrich,Telramund und Ortrud auf Lohengrin einerseits, als wenn er wirklich wäre Er ist ja wirklich, also die traumatisierte Elsa hat sich irgendeinen "normalen" Mann zum Helden zurechtphantasiert. Und alle rundrum projezieren eben auch teilweise ihre eigenen Wünsche auf ihn. Lohengrin ein "normaler" Mann? Wo kommt der denn dann her? Und wo geht er zum Schluss wieder hin? Ich bekomme da Wünsche, Projektionen und Wirklichkeit immer noch nicht auseinander, nichtmal ansatzweise.
Hallo Jürgen Original von JürgenWas mich wesentlich mehr gestört hat ist die Szene, als Lohengrin noch am Boden liegt, heftig zuckend und in abgerissenem Outfit (optisch eher einem Rebell wie Siegmund gleichend). Und beim Anblick dieses Schwanenritters singen die Brabanter (allesamt in geschniegeltem Anzug): "Wie ist er schön und hehr zu schauen" Diese Szene ist dermaßen widersinnig, dass ich sie mir auch unter Zuhilfenahme von Surrealismus nur schwer erklären kann. Das ist auch für mich eine der Szenen, wo Text+Musik nicht mit der Darstellung zusammen gehen. Einschließlich König Heinrichs Reaktion: "...so nahst du uns von Gott gesandt". Es gibt noch einige mehr: z.B. wenn Lohengrin nach dem Kampf ähnlich wie Telramund am Boden liegt und der Chor singt "Ertöne, Siegesweise...". Grenzwertig finde ich auch, wenn Lohenngrin bei Telramunds Anklage im zweiten Akt wie ein Häufchen Elend hinter dem Klavier sitzt. Ein an seiner Sendung zweifelnder Lohengrin hätte mir noch wesentlich besser gefallen, wenn das nicht derart mit dem Holzhammer daher gekommen wäre. Sehr gut passt das Inszenierungskonzept dagegen imho zu Elsa erstem Auftritt. Und ich gebe zu, dass ich mich bei jedem Ansehen etwas besser an die oben kritisierten Darstellungspunkte gewöhnen kann :wink.
VG, stiffelio
Heike (13.12.2012, 10:17): Liebe stiffelio, den link gubt es leider nicht mehr :-( Wäre es dann nicht sinnvoller, wenn Lohengrin und nicht Telramund in Wagner-Maske erscheinen würde? Wagner als mystische Figur, Sieger, als Retter? Das erscheint mir dann doch zu gewollt. So, also bei Telramund und Ortrud, bliebe es eine vage Assoziation. Aber es war ohnehin nur eine Idee, die mir spontan kam.
Was die Unstimmigkeiten angeht, Projektionen sind ja oft per so unstimmig, Halluzinationen und Paranoia sowieso. Insoweit passen für mich die für Zuseher erzeugten Irritationen bisher durchaus ins Bild dieser mehr oder weniger "kranken" Inszenierung. Aber wiegesagt, ich hatte noch keine Zeit, alles anzusehen :( Heike
stiffelio (13.12.2012, 18:24): Original von Heike Wäre es dann nicht sinnvoller, wenn Lohengrin und nicht Telramund in Wagner-Maske erscheinen würde? Wagner als mystische Figur, Sieger, als Retter? Das erscheint mir dann doch zu gewollt. Na ja, DIESER Lohengrin, ist weder ein Sieger, noch ein Retter, oder? :wink
VG, stiffelio
Heike (13.12.2012, 20:47): eben!
stiffelio (16.12.2012, 20:52): an alle, die noch Interesse haben: es gibt einen neuen YT-Link "http://www.youtube.com/watch?v=iIkTM7seu-8"
VG, stiffelio
Heike (20.12.2012, 23:19): Ich habe den Lohengrin heute zu Ende gesehen und bin begeistert. Zunächst mal fand ich das musikalisch große Klasse, Barenboim hat das mit italienischem Schwung dirigiert, das hat mir sehr gut gefallen. Auch sängerisch kann man allenfalls punktuell kritisieren. Zuerst mal die Chöre, die fand ich nicht so gut, besonders die Männer (da sind wir in Berlin hier aber auch verwöhnt). Natürlich hatte auch Tomasson hier und da klar hörbare Probleme und auch Daschs Textverständlichkeit in der Höhe ist nicht so genial. Aber das Gesamtpaket hat mich überzeugt. Herlitzius war für Ortrud total passend und spielte auch intensiv, Pape war ein majestätisch ausgewogener König und Kaufmann war einer der besten Lohengrins, die ich gehört habe, auch wenn man hier und da auf hohem Niveau mäkeln könnte. Ich fand ihn v.a. sowas von sinnlich.... Der nahm diesem Lohengrin vor allem die Albernheit einer rein mythischen Kunstfigur weg und machte eine interessante männliche Rolle draus, auch stimmlich.
Dieser Lohengrin wird offensichtlich aus Elsas Phantasie (unter Schmerzen) geboren und stirbt so auch am Ende - denn Gottfried aufersteht wieder. Ich deute das so, dass Elsa jetzt völlig irre geworden ist (so auch ihr leerer Blick am Ende). Lohengrin muss weg (die Gralserzählung sorgt für den Grund - das Freudsche Überich = Gottes Strafe in Form des Grals mahnt sie). Sie ist ja sehr verwirrt und will Lohengrin einerseits erkennen/ wissen wer er ist, andererseits macht sie sich die Figur/Phantasie damit selbst kaputt. Ein Dilemma.
Siehe auch schon die grandiose Szene am Steg - Elsa kommt dem imaginierten Bruder immer näher, auch körperlich, phantasiert sich die ersehnte Liebe herbei und bekämpft die Nähe gleichzeitig. Während Lohengrin immer natürlicher, menschlicher wird, als er mit ihr allein ist, wird Elsa immer bedrohter, nervöser. Das fand ich so körperlich und spannend gespielt, die beiden haben allein dafür ein doppeltes BRAVO verdient. Elsa als früh traumatisierte und daher völlig ihren Ängsten und Phantasien ausgelieferte Frau fand ich sehr überzeugend. Offensichtlich hat Ortrud daran einen Anteil, denn die bestehenden Verstrickungen schienen mir sehr tief zu sein. Möglich, dass auch der Mord an Telramund ein Racheakt in der Phantasie von Elsa ist, den sie selbst nicht ausführen kann. So würde sich ja der Kreis schließen, sie lässt ihn zu Beginn das Gottesgericht verlieren und am Ende wird er restlos beseitigt. Wie auch immer, schließlich regrediert oder dissoziiert Elsa immer weiter und phantasiert sich schließlich völlig infantil wieder Gottfried zurück. Sie ist traumatisch in ihrer Vergangenheit gefangen.
So richtig logisch ist das alles in Details vermutlich nicht (ich müsste es öfter sehen), aber es regt ungemein die Phantasie an. Welche Projektion ist denn schon logisch? Und Projektionen gibt es mehr als genug. "Heil dir Schützer von Brabant" ist doch auch nur eine: Die untertänigsten Gesten der Männer (Niederknien, ihm die Jacken unter die Füße legen) sind doch übertrieben demütig und lassen eher an die imaginierte Hoffnung auf den Retter denken als an eine Begrüßung. Da finden sich auch noch andere Szenen, wer sich von wem jetzt was erhofft, das ist ein Wechselspiel an Verwirrungen aus Wunschsequenzen und Realität. Ich finde das gelungen.
Was die Wagner- Anspielungen angeht, da finde ich die Ähnlichkeit von Ortrud zu Cosima recht eindeutig. Aber Richard scheint mir doch eher in Gestalt des Klaviers vorzukommen und weniger personifiziert zu sein. Heike
Heike (20.12.2012, 23:23): Noch ein Nachtrag - warum müssen die bei den Übertragungen immer so dümmliche Moderatorinnen haben??? Es ist ätzend. Heike
Heike (20.12.2012, 23:57): Mich interessieren am Lohengrin eben ganz besonders die Parallelen, die sich durch das Frageverbot zum (christlichen) Glauben ergeben. Wo sind Gemeinsamkeiten, wo Unterschiede? Warum z.B. kann Lohengrin alle anderen Fragenden abwehren, nur Elsa nicht? Was würde geschehen, wenn Lohengrin nach seinem "Offenbarungseid" bleiben könnte? Wenn eine Inszenierung damit nichts anfangen kann, bin ich von ihr enttäuscht ...
Naja, ich finde andere Deutungen mindestens genauso legitim: Das Weib habe sich dem Manne bedingungslos anzuvertrauen .... so damals auch die christliche Lehre. Oder, das Volk vertraue der geltenden Moral, der Untertan vertraue dem Herrscher, der Soldat dem Befehl und das Kind den (Zieh)Eltern. Was soll und darf man in Frage stellen, was nicht?
Für mich ist die Frage nach dem Namen zunächst mal keine Glaubens-, sondern zuerst eine Erkenntnisfrage: ich will wissen, wer du bist, damit ich dir nahe sein kann. An meinem Namen sollst du mich erkennen ... Lohengrin will sich bei Wagner aber nicht zu erkennen geben. Nun kann man das als Regisseur so oder so machen, wofür diese Verweigerung bei ihm steht. Man kann das zweifellos spirituell sehen, aber auch ganz menschlich. Und warum will Elsa es unbedingt wisssen und ist eben anders als die anderen? Wie verschieden das umgesetzt wird, das finde ich immer wieder spannend. Heike
P.s. ich fände die Diskussion in einem Extra_Thread besser, vielleicht ann ein Mod das abtrennen? Damit man es wiederfindet?
Severina (21.12.2012, 17:44): Ehrlich gesagt, finde ich alle anderen Deutungen legitimer, denn mit dem christlichen Glauben habe ich das Frageverbot noch nie in Verbindung gesetzt, da steckt doch ein wesentlich archaischeres Gedankengut dahinter. Du hast die Guths Konzept ganz großartig analysiert und Aspekte aufgedeckt, die mir beim ersten Durchgang noch gar nicht aufgefallen sind. Zu einem zweiten bin ich immer noch nicht gekommen, leider verläuft mein Leben im Moment alles andere als opernfreundlich....
Klar geht nicht alles auf, das funktioniert fast bei keiner modernen Inszenierung, aber diese kleinen Ungereimtheiten nehme ich gerne für den Mehrwert in Kauf, den mir Claus Guths Konzept beschert. Denn wie Du so richtig sagst, ist Lohengrin hier zum ersten Mal kein asexueller, abstrakter Held, der mir immer völlig fremd geblieben ist, sondern ein sehr irdischer Mann, und was für einer!
Ich hoffe, dass ich dann im Jänner endlich Zeit für eine intensivere Auseinandersetzung mit dieser faszinierenden Produktion finde, aber versprechen kann ich es leider nicht. Im Moment bestimmen allzu viele Unwägbarkeiten mein Leben.
Deiner Bitte an die Mods, diese Diskussion in einen Extrathread auszulagern, kann ich mich nur anschließen! (Hätte ich geahnt, dass sich eine so interessante Debatte ergibt, hätte ich meinen Startbeitrag erst gar nicht in den Sammelthread gestellt, aber das weiß man eben nie.)
lg Sevi :hello
Heike (21.12.2012, 23:31): Liebe Sevi, Hätte ich geahnt, dass sich eine so interessante Debatte ergibt, hätte ich meinen Startbeitrag erst gar nicht in den Sammelthread gestellt Daher plädiere ich ja dafür, solche Diskussionen über aufführungen am besten im Werkthread zu führen, denn da gehen sie nicht so leicht unter und man kann v.a. auch mühelos auf tiefere Ebenen der Werkdiskussion wechseln! Meinetwegen könnte man das auch an den Lohengrin-Thread anhängen. Heike
stiffelio (22.12.2012, 19:23): Hallo Ihr beiden,
aus Zeitdruck nur eine kurze Rückmeldung, nur damit ihr wisst, dass ich prinzipiell noch dabei bin: Es ist tatsächlich interessant, unter wie verschiedenen Gesichtspunkten man den LOHENGRIN sehen kann. Für mich war seit dem allerersten Kontakt mit ihm immer sonnenklar, dass das Frageverbot eine Metapher für den religiösen Glauben ist und die Oper somit den Aspekt betrachtet, unter welchen Umständen Glauben nicht gelingen kann.
Wenn ich dich, Heike, richtig verstehe, begreifst du den Lohengrin von Guth jetzt doch als reine Fantasiefigur von Elsa? Vermutlich werde ich ihn mir auch nochmal einige Male anschauen müssen, um zu sehen, wie das unter dieser Vorgabe auf mich wirkt.
Die Inszenierung hat immerhin bei mir bewirkt, dass ich mir zum Vergleich den LOHENGRIN von Neuenfels angeschaut habe, den ich früher nicht einmal mit der Feuerzange anzufassen gewagt habe. :wink Und was ich nie vermutet hätte: dieses Experimentierlabor/Rattenkonzept und seine Umsetzung gefällt mir wesentlich besser als gedacht. Insbesondere die Figur des Lohengrin. Und obwohl das mit der Inszenierung wenig zu tun hat: mir ist auch aufgefallen, dass mir speziell in dieser Rolle das helle, leichte Timbre von Vogt noch wesentlich besser gefällt als das baritonale von Kaufmann. Dabei finde ich Vogt in der Neuenfels-Inszenierung auch alles andere als asexuell oder abstrakt, sondern im Gegenteil sehr menschlich.
VG, stiffelio
Severina (14.01.2013, 00:17): ORF III eröffnete das Verdijahr heute mit einem "Trovatore" aus Parma (2010), der von einem ausgezeichneten Marcelo Alvarez dominiert wurde. Endlich wieder einmal ein Manrico, dem die heldische Attacke im "Di quella pira" keine Probleme bereitet! Auch sonst verströmte Alvaréz viel tenoralen Schmelz, was mich allerdings bei ihm stört, sind die körperlosen Piani, da mangelt es an der Stütze. Der Rest der Sängerriege war mir bis heute völlig unbekannt, merken werden ich mir Claudio Sgura, den Conte di Luna. Eine markante und sehr durchschlagskräftige Stimme, wenn auch nicht sehr einschmeichelnd. Das störte mich beim "Il balen del suo sorriso", eine meiner liebsten Baritonarien, die für meinen Geschmack gefühlvoller klingen muss. Dafür protzte Sgura da mit endlos gehaltenen Tönen, was ihm prompt die einzigen Bravi während der Vorstellung einbrachte. (Zu meiner Verwunderung erntete Alvaréz nämlich nach seiner Stretta nur starken, aber kurzen Applaus und kein einziges Bravo. Verwundert insofern, weil die Italiener doch sonst bei jedem Spitzenton ausflippen und damit die schönsten Passagen ruinieren können!) Sgura bemühte sich auch als einziger um eine Personenzeichnung jenseits des Vokalen, während alle anderen auf den Dirigenten fokussiert waren und daran vom Regisseur ganz offensichtlich auch nicht gehindert wurden.
Teresa Romano war mit den dramatischen Anforderungen der Leonora ein wenig überfordert, in der Mittellage hingegen gelangen ihr sehr schöne Passagen, Mzia Nioradze hatte zwar keine derartigen Probleme, doch ziehe ich für die Azucena ein dunkleres Timbre vor.
Der Regisseur Lorenzo Mariani hinterließ keine sichtbaren Spuren seiner Tätigkeit. Es wird viel mit Schwertern gefuchtelt und Hände gerungen, keine Szene ist wirklich stringent durchgestaltet. Besonders bei Marcelo Alvaréz scheint es immer noch nicht angekommen zu sein, dass Oper Miteinander und nicht Nebeneinander bedeutet. Für einen Manrico, der mich so offensichtlich ignoriert, beim Liebesduett weder anschaut noch berührt, dafür aber den Dirigenten anschmachtet, wäre ich jedenfalls nicht in den Tod gegangen!!!
Besser als die nicht vohandene Regie fand ich das Bühnenbild, auch wenn dieser "Trovatore" seltsamerweise nur in der Nacht spielt. Eine überdimensionale Mondscheibe sendet fahles Licht auf den bläulich-weißen, wellenförmigen und im vorderen Teil mit Gesteinsbrocken angereicherten Boden aus. Natürlich muss sich dieser Vollmond beim "Di quella pira" blutrot färben.... Ansonsten gibt es sparsame Requisiten, die aber nicht immer Sinn machen. So steht bei Leonoras Auftrittsarie ein schneeweißes Pferd auf der ansonsten völlig leeren Bühne, was zugegeben recht effektvoll ist, aber höchstens einen ästhetischen Mehrwert bringt. Peinlich ist der Zigeunerchor, der offensichtlich erst Diebesgut unter sich aufteilt und dann fröhlich schunkelnd diverse Trophäen in die Höhe reckt....Im Übrigen ist der Graf von Aragonien offensichtlich nach Apulien übersiedelt, denn für die Burg, die sich schemenhaft auf dem Prospekt der Hinterbühne abzeichnet, hat ganz eindeutig Casteldelmonte als Vorlage gedient.
Aber insgesamt waren diese 3 Stunden vor der Flimmerkiste keine vergeudete Zeit, ich habe mich bei Opernübertragungen schon mehr geärgert!
lg Severina :hello
peter337 (14.01.2013, 14:43): Liebe Severina!
Da kann ich Dir nur beistimmen das Pferd war für mich eher erheiternd, was zu der düsteren Räubergeschichte nicht passt. Der Vollmond war auch etwas zu oft im Bild - aber ansonsten gesanglich schon recht gut. Bei der Acuzena da hast Du Recht, die Höhe war sehr gut, jedoch hat die Tiefe der Partie etwas gelitten. Ja, wo Du es schreibst, ich habe mir heute die Aufführung zweimal angesehen, wegen Überspielen auf DVD, Alvarez schaut sein Leonora fast nie an, wenn er zu ihr Liebesgesänge bringt, aber er hat einen schönen Tenor und den kann man ja heute lange suchen. Der Luna von Claudio Sgura war, endlich wieder einmal ein Bariton, der wirklich perfekt, mit etwas rauher Stimme, singt. Er singt ja in München demnächst den Jago und da stört mch eine solche Stimme kaum.
Das Orchester in Parma spiete einen guten Verdi - und hoffentlich war das nicht der letzte Verdi in diesem Jahr.
Liebe Grüße sendet Dir Peter. :hello :hello
Severina (14.01.2013, 15:57): Lieber Peter,
ja, Sgura war für mich die Entdeckung des Abends, ein Sänger mit eindrucksvoller Stimme und Persönlichkeit! Wie gesagt störte mich das raue Timbre auch nur bei "Il balen del suo sorriso", wenn man da einen Cappuccilli oder Hampson im Ohr hat, klang das ziemlich fahl, mit zu wenig Wärme. Schließlich ist das die einzige Stelle der Oper, wo sich Luna, verletzlich, menschlich, also sympathisch präsentiert, und das muss man mE auch heraushören. Aber bis auf diesen Einwand fand ich Sgura ausgezeichnet.
lg Severina :hello
Zefira (20.02.2013, 23:06): Falls jemand noch Interesse an einer intensiveren Diskussion zum Lohengrin hat, ich würde da gespannt mitlesen. Viel beitragen kann ich nicht, ich nähere mich Wagner nur sehr zögernd, aber ich hatte jedenfalls Gelegenheit, mir die Aufführung in einer DVD-Aufzeichnung anzusehen und bin anhaltend begeistert. Mit Sicherheit werde ich mir ein zweites und drittes Mal geben. Wobei ich, muss ich gleich sagen, erst mal von der Musik begeistert war - erst in zweiter und dritter Linie von den Sängern und der Regie (was nicht als Kritik gemeint ist).
Grüße von Zefira
stiffelio (21.02.2013, 23:12): Hallo Zefira,
da Heike und Severina hier im Moment sehr wenig schreiben, wird wohl aus einer Diskussion nicht viel werden, solange du dich nicht entschließen kannst, aktiv mitzumachen :wink. Ich wäre jedenfalls immer dabei, der LOHENGRIN gehört zu meinen Top-Lieblingen und ich sehe mittlerweile fast jede nicht völlig gegen den Strich gebürstete Aufnahme, die ich in die Finger kriegen kann. Wir teilen zumindest schonmal die Reihenfolge der Begeisterung an der Scala-Aufnahme: 1. Musik, 2. Sänger, 3. Regie (wobei das auch bei mir nicht heißt, dass ich die Inszenierung schlecht finde - sie lässt mich an einigen Punkten allerdings immer noch ziemlich ratlos zurück). Ein Versuch, kritisch mit mir über die Musik des LOHENGRIN zu diskutieren, hat wohl nicht viel Zweck :ignore, da sind die Punkte 2 und 3 evtl. ergiebiger. Was hat dir denn an den Sängern bzw. der Inszenierung gut und was weniger gut gefallen? Kennst du noch weitere Lohengrin-Aufnahmen?
VG, stiffelio
Zefira (22.02.2013, 16:36): Mir geht es mit Operninszenierungen, wenn ich überhaupt etwas damit anfangen kann, immer gleich: Ich könnte mich als Regisseur mit Sicherheit nicht entscheiden, welchen Aspekt ich eigentlich ins Zetrum setzen will, und es käme vermutlich ein disparater Mischmasch heraus. Ich sehe einerseits als Hauptthema die alte Frage: Man wünscht sich zwar einen göttlichen Retter (ist wohl ein typisch menschliches Verhalten), wenn er dann aber erscheint, erwartet man, dass er sich irgendwie legitimiert. Mir ist eben beim zweiten Anschauen des zweiten Akts zum Beispiel aufgefallen, wie sich da ein paar Herren im Hintergrund zusammenrotten, die nicht einsehen, warum sie einem hergelaufenen Helden in die Schlacht folgen sollen. Kann ich irgendwie verstehen. :A
Andererseits gefällt es mir aber auch, wie Klaus Guth hier die persönliche Spannung zwischen Lohengrin und Elsa in den Mittelpunkt stellt. Auf die Idee, Elsas Zuckungen bei Lohengrins Erscheinen als Geburtswehen zu interpretieren, wäre ich gar nicht gekommen - aber irgendwie scheint es mir stimmig. Sie benimmt sich ja auch später noch mehrmals so, als ob sie irgendwo in der Ferne eine Vision sähe; sogar wenn Lohengrin sie anspricht oder wenn er sie am Ende des zweiten Akts vor den Altar führt - Frau Daschs Gesichtsausdruck erinnerte mich an eine Seherin in Ekstase, etwa bei einer Marienerscheinung. Allerdings stimme ich auch dem Gedanken zu, der hier schon früher erwähnt wurde: wenn Lohengrin eine von Elsa produzierte Erscheinung ist, und vor allem, wenn das Volk auch noch an seine Mission glauben soll, dann ist sein optisch eher bescheidenes Auftreten nicht recht erklärlich ...
Aber mal abgesehen vn der Inszenierung (ich muss mir das wohl noch mehrmals ansehen, um gescheiter darüber reden zu können) fand ich als Wagner-Neuling die Musik total verblüffend. Ich muss wohl dazu sagen, meine bisherigen Versuche, mich in den "Ring" hineinzuhören, scheiterten alle schon nach wenigen Minuten - ich halte es einfach nicht aus, bis auf ganz wenige Orchesterstellen vielleicht. Mir schien die Musik im Lohengrin wie aus zwei gegensätzlichen Lagern zu kommen: Die Deklamation von Telramund und Ortrud konnte ich nur schwer ertragen, das ist mir (verzeiht bitte) zu sehr an der Grenze zum Geschrei, zum Teil schon über der Grenze. Das gesangliche Material von Lohengrin und Elsa schien mir stilistisch dagegen wie aus einer anderen Welt. Was natürlich auch an den Stimmen liegen kann ...
Bei Jonas Kaufmann habe ich oft ein bisschen Bedenken, er singt mir eigentlich zu halsig, aber die Pianostellen hat er wunderbar gebracht. Anette Dasch war über jede Kritik erhaben und René Pape liebe ich sowieso. Aber vielleicht kann mir jemand, der sich besser auskennt, beantworten, ob diese unglaublich schrille Deklamation bei Ortrud so "gehört" - ein paarmal schien mir ihre Stimme dicht vorm Umkippen, ich bekam Angst beim Zusehen, vor allem bei der Szene vor dem Münster.
Ich beschäftige mich auf jeden Fall noch weiter damit. Andere Inszenierungen zum Vergleich kenne ich (noch) nicht.
Grüße von Zefira
/edit: Frau Gerlach ist mir jedesmal eine Nervenprobe. Furchtbar, diese affektierte Sprechweise. Herr Guth hat es ja nicht geschafft, einen einzigen grammatikalisch einwandfreien Satz hervorzubringen, aber ich will mal so gnädig sein und zugute halten, dass das nicht nur (!) an Frau Gerlach gelegen hat. :ignore :ignore
palestrina (22.02.2013, 18:57): Ich glaube schon, die gute Frau hat ihn ja völlig aus dem Konzept gebracht!, Ich habe mich schon mit Herrn Guth unterhalten und das war einwandfrei!
Noch kurz zur Ortrud , liebe Zefira, natürlich muss sie schon einen gewissen Druck auf die Stimme ausüben , aber ob ich das als Schreien interpretieren soll ? Gerade bei "Entweihte Götter " , muss es einem durch Mark und Bein gehen! Und das du Angst vor ihr hattest ist ja sehr gut , den Sie ist ja das böse Weib im Lohengrin, sogar der Telramund kriegt Angst vor ihr! Ich schaue mir das heute Abend auch nochmal an, denn an einigen Stellen, stand ich auch auf dem Schlauch!?!?! Denn die Meinungen zu der Inszenierung sind so Gegensätzliche !
LG palestrina
stiffelio (22.02.2013, 19:58): Hallo Zefira und palestrina,
das klingt so, als könne sich nochmal eine ausgedehntere Diskussion entwickeln. Wollen wir dann nicht lieber in den Lohengrin-Werkthread umziehen? Ich versuche gerade, die wichtigsten Beiträge zur Scala-Aufführung dorthin zu kopieren...
VG, stiffelio
palestrina (22.02.2013, 20:02): Geht in Ordnung!!!!!!
LG palestrina
Zefira (22.02.2013, 21:04): Ja, ich bin einverstanden. Ich fürchte, nicht viel Kluges beitragen zu können. Bin keine große Opernkennerin und Wagner ist für mich totales Neuland. Bitte nicht auslachen, wenn ich Blödsinn schreibe. :haha
Grüße von Zefira
palestrina (22.02.2013, 21:20): Hallo Zefira , ich bin im Schreiben auch nicht so gut, mehr im hören, aber das macht doch nichts! Also weiter im Lohengrin Thread!
LG palestrina
Zefira (24.03.2013, 01:43): Hat noch jemand die Übertragung des Parsifal aus Salzburg gesehen? Ich bin ja noch Wagner-Neuling. Leider war das nichts für mich, weder der Plot, den ich ziemlich daneben fand (realitätsfremd und nicht mal als Gleichnis richtig zu gebrauchen), noch die Musik konnten mich begeistern. Einige Ideen der Regie haben mir gefallen, ansonsten fand ich nur Gurnemanz und Kundry richtig gut. Botha schien mir ziemlich ausgebremst, irgendwie habe ich ihm alle Eigenschaften, die Parsifal in der Oper zugeschrieben werden (Unschuld, Torheit, Mitgefühl) nicht richtig abgenommen, er sah für mich immer gleich aus - aber als Parsifal-Laie weiß ich nicht so recht, ob und wie das auch anders gegangen wäre. Eine Wohltat waren die Anmoderation und das Interview mit Thielemann. Anette Gerlach darf sich da ne Scheibe abschneiden.
mangels Fernseher (und ich konnte auch keinen Livestream im Internet finden), habe ich mir nur die ca. 5minütige Dokumentation vom Vortag auf 3sat angesehen - und dann beschlossen, dass ich meinen Bekanntenkreis mit Videorekorder NICHT anzapfen will, um mir das aufnehmen zu lassen. (Außerdem rechne ich damit, dass es früher oder später auf YT erscheinen wird.) Auch wenn man von 5 Minuten sicher nicht voll kompetent aufs Ganze schließen kann - ich fand es einfach nur grauenhaft, sorry. So richtig zum Parsifal-Abgewöhnen. Jetzt kann ich den MET-Parsifal im Kino (den du vermutlich nicht gesehen hast?) noch viel mehr schätzen.
Die Stimmen fand ich von dem, was ich gehört habe, zwar klangschön (besonders Botha), aber unbeteiligt, ohne überzeugende Emotion. Und dann ist für mich auch die Musik langweilig.
Mein Tip: wirf den PARSIFAL nicht vorschnell in die Ecke, sondern warte die (hoffentlich zügig erscheinende) DVD von der MET ab und probier es dann nochmal. Ich hatte trotz mehrerer Versuche vorher auch keinen rechten Zugang zu dieser Oper gefunden, aber seit dem 2.3. bin ich glühender PARSIFAL-Fan.
VG, stiffelio
Zefira (24.03.2013, 09:48): Hallo Stiffelio, ich habe inzwischen ein wenig hier herumgesucht, was andere so über Herrn Botha sagen - anscheinend habe ich die Mehrheit hinter mir. Ein Schauspieler ist er definitiv nicht. Ich habe die MET-DVD im Hinterkopf notiert. Vielleicht wird die "mein"Parsifal. Allerdings kann ich mir kaum vorstellen, dass sich mir dieser merkwürdige Plot in einer anderen Inszenierung wirklich erschließt. Ich habe die Zusammenfassungen in drei verschiedenen Opernführern gelesen, es blieb trotzdem jedes Mal ein größes "Hä????" Amfortas' Schicksal bewegt mich - den Rest verstehe ich einfach nicht.
?( Grüße von Zefira
stiffelio (24.03.2013, 13:16): Hallo Zefira,
wart's ab das ging mir genauso. Das einzige, was ich am PARSIFAL vor dem 2.3. faszinierend fand, war die Darstellung des Amfortas durch Hampson auf der DVD aus Baden-Baden (Inszenierung von Lehnhoff). Aber in der MET haben auch Kaufmann als Parsifal und Pape als Gurnemanz so hervorragend gespielt (ganz zu schweigen vom Gesang), dass es bei mir sofort "klick" gemacht hat. Dalayman als Kundry hat die mütterliche Seite von Kundry sehr stark betont, aber das machte sie großartig. Einzig Nikitin als Klingsor blieb als Charakter ein bisschen blass bzw. eindimensional, da könnte ich mir noch Steigerungspotenzial vorstellen. Aber sonst war es für mich perfekt.
Falls du jetzt schon Lust auf eine PARSIFAL-Plotdiskussion jenseits der Salzburger Aufführung verspürst, sollten wir aber lieber in den Parsifal-Thread umziehen.
VG, stiffelio
Zefira (24.03.2013, 13:45): Ich bin gleich eine Woche weg - nach Ostern vielleicht (da passt es ja auch zeitlich gut hin)...
Grüße bis dahin Zefira
Allegra (24.03.2013, 21:44): Hmmmm, ich habe mir den ersten Akt (mehr oder weniger) im TV angesehen. Das Orchester gefiel mir soweit gut, ausdrucksstark, die Sänger sauber, aber bei dem wenigen, das ich gehört habe, konnte mich zumindest Botha wenig überzeugen.
Die Inszenierung ... ich weiß nicht, ich bin ja wirklich kein Verfechter des ewig Alten, aber dieses Bühnenbild hat sich mir überhaupt nicht erschlossen. Obwohl ich dafür wohl die ganze Aufführung hätte sehen müssen - zugegeben.
Zefira (24.03.2013, 22:24): Diese Kritik trifft es m.E. ziemlich gut.
Mein Mann hat unsere Aufzeichnung heute (für unsere gerade verreiste Tochter) auf DVD gebrannt und ich habe mir deshalb einen Teil des dritten Akts noch einmal angesehen. Es ist leider wahr, die Sänger stehen die meiste Zeit nur herum. Selbst Szenen, die geradezu dazu herausfordern, sie bewegter zu gestalten, zum Beispiel Amfortas' Heilung, wirkten total statisch. Gurnemanz' Mienenspiel fand ich sehr ausdrucksvoll, aber Oper wird ja vorwiegend für das Saalpublikum gemacht, die haben von den Gesichtern nichts - die sahen wohl vorwiegend Rampensingen.
Nebenbei bemerkt - ich habe mich beim Lesen der Kritik sehr amüsiert über die Formulierung "raumgreifende Körperlichkeit". Das Wort dick ist wohl als politisch unkorrekt verpönt? Also ich habe keine Probleme zuzugeben, dass ich dick bin (wenn auch nicht so dick wie Botha ...)
Grüße von Zefira
ar (10.04.2013, 21:24): Kurz etwas zur Zauberflöte aus Baden-Baden: Rattle und die Berliner gefielen mir sehr, obwohl da jetzt nichts Innovatives dabei war (sollte man vielleicht auch nicht immer erwarten). Das einzige wirklich neue für mich war, dass ich bei „Er ists-Sie ists“ zum ersten Mal hörte, dass da in den tieferen Orchesterstimmen eine Gegenmelodie zum Gesang notiert ist. Gefiel mir! Die Inszenierung fand ich ganz ok, eigentlich sogar gut. Ich mag Carsens ewiges „Spiel im Spiel“ nicht mehr sehen, aber hier hat es in etwas anderer Form gepasst (Sarastro und die Königin sind beide gut und die Königin täuscht ihre Bosheit nur vor, um Tamino und Pamina zu prüfen). Gesanglich gefiel mir Michael Nagy als Papageno am besten, wie er seine (für einen lyrischen Bariton) grosse Stimme schlank und trotzdem auf vollem Körper führte und dazu einen einfühlsamen, lustigen Papageno ablieferte war einfach toll! Kate Royal als Pamina gefiel mir nicht so (sie führt ihre kleine Stimme so dunkel und schwer, dass sie sich ihre Höhe selber erschwerte), José van Dam zerstört mich solchen Auftritten seine eigene Legende. Ich kenne nicht viele Taminos unserer Zeit welche besser singen als Breslik. Durlovski fand ich als Königin sehr gut (sie musste an sich selbst rumfummeln, um Tamino zu „verführen“ (Kusej lässt grüssen)), Ivashchenko als Sarastro war auch klar über dem Durchschnitt. Für mich ein Highlight: Die drei Damen! Massis, Kozena und Stutzmann waren wirklich ein tolles Team, kann man das mit aktiven Sängern toppen? Ich empfehle jedem in die Aufführung reinzuhören und reinzusehen (auf Arte Live Web noch möglich).
stiffelio (12.04.2013, 20:57): Original von ar Die Inszenierung fand ich ganz ok, eigentlich sogar gut. Ich mag Carsens ewiges „Spiel im Spiel“ nicht mehr sehen, aber hier hat es in etwas anderer Form gepasst (Sarastro und die Königin sind beide gut und die Königin täuscht ihre Bosheit nur vor, um Tamino und Pamina zu prüfen).
Hallo ar,
diese Idee fand ich auch sehr interessant. Es ist lange her, dass ich eine Zauberflöte derart gespannt bis zum Ende verfolgt habe, um zu erfahren, wie das aufgelöst wird (also wann und wie Pamina, Tamino und auch Monostratos mit der Wahrheit konfrontiert werden). Dann war ich aber ziemlich enttäuscht: die Königin der Nacht taucht unerwartet beim "Triumph, du edles Paar" auf, umarmt ihre Tochter und alles ist Friede, Freude, Eierkuchen?! Hallo? Pamina und Tamino wirken kein bisschen überrascht, da hätte ich aber anders reagiert, wenn meine (Schwieger)Mutter mir einen Mord aufträgt und dann schwuppdiwupp mit dem prospektiven Opfer ein Herz und eine Seele ist. Ähnlich Monostratos: eben noch will er "die Frömmler tilgen von der Erd", dann fällt er vor Schreck hin, Pamina hilft ihm auf, Sarastro klopft ihm auf die Schulter, das wars gewesen und alle singen einträchtig "Es sieget die Stärke"!? Da hätte ich mir deutlich mehr erwartet und da wäre mir persönlich auch deutlich mehr eingefallen :ignore.
VG, stiffelio
ar (13.04.2013, 08:39): Das störte mich auch. Es wirkte so, als ob die beiden wussten, dass das nur ein "Spiel" ist. Und wieso mussten die Knäbchen immer im Kostüm der jeweiligen Figur singen, welche gerade Selbstmord begehen will?
stiffelio (13.04.2013, 11:47): Original von ar Und wieso mussten die Knäbchen immer im Kostüm der jeweiligen Figur singen, welche gerade Selbstmord begehen will?
alles durchdringende Empathie? :wink
VG, stiffelio
P.S.: die drei Knaben sind mir sowieso im "üblichen" Verständnis (Königin böse, Sarastro gut) einer Zauberflöte am rätselhaftesten. Die drei Damen empfehlen die ausdrücklich als Führer. Ist die Königin so irregeleitet, dass sie nicht durchblickt, woauf das hinausläuft? Kennst du da eine einleuchtende Interpretation? Gern auch im Zauberflöten-Thread.
Zefira (22.06.2013, 00:04): Hat noch jemand "Cosi fan tutte" am Teatro Real de Madrid gesehen? Lief eben auf Arte.
Ich habe die Oper leider nie auf der Bühe sehen können, aber mindestens fünf verschiedene Inszenierungen im Fernsehen (darunter auch eine sehr ambitionierte von Peter Sellars, die war in den Neunzigern mein Einstieg in die Oper).
Die heutige ist die beste, die ich je gesehen habe.
So bewegend, so tragisch. Zum Beispiel die Arie Guglielmos: Das ist etwas, worauf ich immer begierig warte; mindestens zweimal habe ich auch gesehen, dass der Sänger ins Publikum ging und einzelne Damen quasi ansang, was für viel Heiterkeit sorgte. Die Tragik, die in dieser Arie steckt, ist mir heute das erste Mal aufgegangen. Und das liegt nicht nur an der Inszenierung, es steckt auch in der Musik - auch das wurde mir das erste Mal klar. Überhaupt das Oszillierende, der finstere Abgrund im Witz, der bei Mozart ja immer drinsteckt, ist hier unglaublich gut herausgearbeitet worden.
Von den Sängern / Sängerinnen habe ich keinen einzigen gekannt, bis auf Kerstin Avemo als Despina. Die habe ich mal (auch im TV) im Don Giovanni aus Aix-an-Provence als Zerlina gesehen und erinnere mich gut, dass damals diskutiert wurde, ob man sie nicht in erster Linie wegen ihres Aussehens besetzt hätte. Der Verdacht, dass es an dem sein könnte, blieb auch diesmal nicht aus. Allerdings ist die etwas spitzige Stimme dieser Sängerin, die wie Luft aussieht, vielleicht in dieser Inszenierung ganz passend ...
Ich bin hingerissen und froh, dass mein Mann, der Gute, aufgezeichnet hat.
Nachtgrüße von Zefira
stiffelio (22.06.2013, 11:42): Liebe Zefira,
vielen Dank für den Hinweis! Ich habe seit meinem Kennenlernen der COSI (zugegeben vor recht langer Zeit) immer einen großen Bogen um diese Oper gemacht, weil mir die Handlung weniger als nichts sagte. Und dann rettet auch Mozarts Musik eine Oper für mich nicht mehr. Aber nun werde ich dank Arte+7 (eine Option, die ich gar nicht hoch genug loben kann) der COSI nochmal eine Chance geben. Ich habe eben ganz kurz hineingeschaut und Don Alfonso fand ich auf Anhieb darstellerisch und stimmlich genial.
VG, stiffelio
Severina (22.06.2013, 12:00): Original von stiffelio Liebe Zefira,
vielen Dank für den Hinweis! Ich habe seit meinem Kennenlernen der COSI (zugegeben vor recht langer Zeit) immer einen großen Bogen um diese Oper gemacht, weil mir die Handlung weniger als nichts sagte. Und dann rettet auch Mozarts Musik eine Oper für mich nicht mehr. Aber nun werde ich dank Arte+7 (eine Option, die ich gar nicht hoch genug loben kann) der COSI nochmal eine Chance geben. Ich habe eben ganz kurz hineingeschaut und Don Alfonso fand ich auf Anhieb darstellerisch und stimmlich genial.
VG, stiffelio
Liebe Stiffelio, mir geht es mit der Cosi genauso wie Dir - so heiß ich die beiden übrigen Da-Ponte-Opern liebe, so wenig kann ich mit dieser anfangen. Nicht einmal einer meiner Lieblingsregisseure, Claus Guth, konnte mir eine überzeugende Deutung anbieten. Aber von Haneke halte ich generell sehr viel, also bin ich neugierig. Leider war ich gestern selbst opernmäßig unterwegs und habe total vergessen, meinen Receiver zu programmieren. (Die Hitzewelle in Wien - seit Tagen um die 35° - dörrt meine Gehirnwindungen offensichtlich aus!) Aber eine Kölner Freundin hat mitgeschnitten und wird mir eine Kopie zukommen lassen!
lg Severina :hello
PS: Was ist bitte ARTE+7???
stiffelio (22.06.2013, 12:23): Original von Severina Was ist bitte ARTE+7???
die Möglichkeit, Arte-Sendungen 7 Tage lang im Internet nachträglich anzusehen. Die COSI z.B. hier: "http://www.arte.tv/guide/de/048633-000/cosi-fan-tutte?autoplay=1" Eine Super-Einrichtung, die mir schon den Scala-Lohengrin, den Züricher Holländer und einige andere Opern gerettet hat!! (Ich erfahre von solchen Übertragungen in der Regel erst hier im Forum, weil ich es einfach nicht schaffe, regelmäßig das Fernsehprogramm abzuklappern - da ich keinen Fernseher habe, besitze ich logischerweise auch keine Programmzeitschrift. Oder kennt jemand eine Internetseite, die alle Opernübertragungen im deutschen Fernsehen auf einen Blick anzeigt??).
VG, stiffelio
Zefira (22.06.2013, 12:27): Ich bin schon in den ersten Minuten dadurch neugierig geworden, dass Haneke der Despina das Kostüm genau dieser Figur hier angezogen hat:
(Quelle: Wikimedia) Der "Gilles" von Watteau ist eigentlich eine Clownsfigur, aber, wie man auf dem Bild unschwer erkennt, eine traurige und einsame. Schon das wirft ein bezeichnendes Licht auf Hanekes Inszenierung, die sich übrigens auch durch ein großartiges darstellerisches Zusammenspiel ausgezeichnet hat. Ich bin immer noch begeistert.
Grüße von Zefira
Severina (22.06.2013, 12:35): Original von stiffelio Original von Severina Was ist bitte ARTE+7???
die Möglichkeit, Arte-Sendungen 7 Tage lang im Internet nachträglich anzusehen. Die COSI z.B. hier: "http://www.arte.tv/guide/de/048633-000/cosi-fan-tutte?autoplay=1" Eine Super-Einrichtung, die mir schon den Scala-Lohengrin, den Züricher Holländer und einige andere Opern gerettet hat!! (Ich erfahre von solchen Übertragungen in der Regel erst hier im Forum, weil ich es einfach nicht schaffe, regelmäßig das Fernsehprogramm abzuklappern - da ich keinen Fernseher habe, besitze ich logischerweise auch keine Programmzeitschrift. Oder kennt jemand eine Internetseite, die alle Opernübertragungen im deutschen Fernsehen auf einen Blick anzeigt??).
VG, stiffelio
Danke! Leider bin ich es halt gewohnt, Oper auf meinem großen Flachbildschirm zu genießen (Ein Hauptgurnd für mich, unbedingt einen Fernseher besitzen zu wollen, abgesehen davon, dass wir Ösis mit ORFIII und ATV II regelmäßig in den Genuss von Opernübertragungen kommen!) Ehrlich gesagt kann ich mich bei Oper am PC nicht richtig konzentrieren, abgesehen davon, dass ich es höchst unbequem finde, drei Stunden und länger auf meinem Drehsessel hocken zu müssen. Aber als Notlösung werde ich diesen Link jetzt einmal abspeichern!
lg Severina :hello
Zefira (22.06.2013, 12:52): Oder kennt jemand eine Internetseite, die alle Opernübertragungen im deutschen Fernsehen auf einen Blick anzeigt?
Es gibt auch noch eine andere Seite, die finde ich nur auf die Schnelle grade nicht.
stiffelio (22.06.2013, 13:08): wow, vielen dank für diese tolle Seite! (wenn du die andere noch findest, würde die mich aber auch noch interessieren). Freilich zeigt sie auch wieder das ganze Dilemma: in den nächsten 14 Tagen - wenn ich nichts übersehen habe - KEINE EINZIGE Opernübertragung im deutschen Fernsehen... :(
VG, stiffelio
Severina (22.06.2013, 13:23): Na, da sind wir aber besser dran, denn am Wochenende kannst Du Dich ziemlich lückenlos von einer klassischen Musiksendung zur nächsten zappen! Seit es den Kultursender ORF III gibt, weiß ich endlich, wofür ich meine Fensehgebühren zahle. In Kombination mit ARTE, eventuell noch BR kommt manmanchmal locker auf 12 Stunden Musik! ATV II bringt in Monatsblöcken jeden Sonntagnachmittag eine Oper aus der MET oder aus Zürich, im Moment pausieren sie allerdings, auch auf servusTV (beides öst. Privatsender) "opert" es hin und wieder. Selbst der Hauptsender ORF II bringt nächste Woche eine Live-Übertragung aus der WSO, Strauss' "Capriccio". (Heute freue ich mich besonders auf die PR-Übertragung von Barbe Bleu" von der Styriarte Graz!) Also, im Moment bin ich wirklich mehr als zufrieden mit dem Kulturangebot im TV, es ist schon fast ein bisschen zu viel des Guten, weil man oft nicht weiß, welche Prioritäten man setzen soll.
lg Severina :hello
stiffelio (22.06.2013, 20:51): Hallo Zefira,
so, der freie Nachmittag hat für die COSI gerade gereicht. Ärgerlich war nur, das in der zweiten Hälfte irgendwann die passenden Untertitel ausgestiegen sind. Ich kann deine Begeisterung gut nachempfinden, Zefira. Don Alfonso und Despina als desillusioniertes (Ehe?)Paar, das hatte psychologisch etwas ungemein Interessantes, auch wenn dadurch einige Textzeilen über Despinas Zofen-Dasein nicht mehr recht passten. Und es war superb gespielt, am Anfang hat mich vor allem Don Alfonso begeistert (in der Szene, in der er mit den beiden Paaren auf dem Sofa sitzt, hab ich mich fast weggeschmissen vor Lachen, obwohl diese Inszenierung ja alles Andere als lustig ist). Aber Despina hat dann mächtig aufgeholt. Die anderen Paare wurden geradezu zur Nebensache deklariert, so wie sich Alfonso und Despina die Bälle zugeworfen haben. Es war ja sehr klar, dass sich die beiden gegenseitig etwas beweisen wollten, bei dem alle Anderen nur Mittel zum Zweck im Kampf der beiden sind.
Nur das Ende hat mich (wie bei vielen gewagten Regieansätzen) nicht mehr voll überzeugt. Dieses Taumeln, in dem für mich nur noch Halt- und Ratlosigkeit spürbar war, passte nicht zum Schlusschor. Da hatte ich irgendwie das Gefühl, dass Haneke die Ideen ausgegangen sind, die Oper zu einem wirklich zündenden Schluss zu bringen.
VG, stiffelio
Zefira (22.06.2013, 22:55): Dieses Taumeln, in dem für mich nur noch Halt- und Ratlosigkeit spürbar war, passte nicht zum Schlusschor.
Das sieht man aber oft. Ich habe mal eine Cosi-Inszenierung gesehen, bei der sich am Schluss alle wie Brummkreisel gedreht haben. Dieses hilflose Aneinander-Zerren ganz am Ende fand ich sogar eine sehr gute Idee.
Grüße von Zefira
Ingrid (22.06.2013, 23:59): Leider bin ich erst bei der Hälfte eingestiegen, aber wurde trotzdem von dem, psychologisch sehr gut ausgeleuchteten Spiel der Paare gleich voll mitgenommen. Der Schluss überzeugte mich dann endgültig davon, dass niemand etwas von diesem "Spaß" hatte, sondern alle in ihrer Gefühlswelt völlig durcheinander gebracht wurden und total unglücklich waren.
Eine gute Nacht wünscht Euch Ingrid
abendroth (23.06.2013, 00:59): Ich habe diese 'Cosi' auf derFestplatte, aber leider hatte ich bisher nur bis zum Zeitpunkt der Abreise der Verlobten schauen können. Auch ich habe schon so manche Cosi gesehen (leider auch nie auf der Bühne) und von den bisherigen habe ich besonders Gardiner, Harding-Chereau-Aix en Provence, und eine Amsterdammer Inszenierung in Erinnerung. Ehrlich gestanden kann ich nicht so recht verstehen, wenn man von den Da Ponte Opern ausgerechnet Cosi fan Tutte wegen des Librettos als minderwertig betrachtet. Das hat zwar eine lange Tradition, die, hab ich mal gelesen, bis auf Beethoven zurückgehen soll. Jedenfalls kann mir nicht einleuchten, warum man mit den Libretti des Figaro oder des Don Giovanni mehr anfangen können soll, als mit Cosi. Und wer deshalb, wegen des Librettos, auf die Musik verzichten will, ist selbst daran schuld.
Jedem, der hier über Hanekes Cosi geschrieben hat, sind die vorzüglichen schauspielerischen Fähigkeiten der Sänger aufgefallen. Ich freue mich schon auf die Fortsetzung und ich kann den Cosi-Verächtern hier nur dringend empfehlen ihre eventuellen Vorbehalte fallen zu lassen und von den Möglichkeiten auf arte +7 zu profitieren. (Je nach equipment kann man übrigens einen PC mit dem Fernsehapparat verbinden; z.B. über die HDMI Anschlüsse des labtops).
Fairy Queen (23.06.2013, 12:09): Ich freue mich dass es hier schon eine Diskussion zur Cosi von Haneke- Cambreling gibt, aber sie war etwas schwierig zu finden, vielleicht wäre ein eigener Thread nciht schlecht? Ich habe gestern den 1.Akt auf Arte +7 gesehen und halte das für eine sehr interessante und diskussionswürdige Inszenierung. Die musikalische Seite und das Casting der Sänger wirken serh überzeugend und konform mit dem Regie-Konzept. Hier der Link zu einer Kritik aus "Die Zeit", die mich im Gesamttenor nicht so ganz überzeugt, aber vie gute Gedanken hat.
Das Libretto dieser Oper gibt m.E. durchaus eine tragische Sichtweise auf die Geschichte und die Liebe her. Am Ende gehen schliesslich alle leer und desillusioniert aus und was aus den wieder-zusammengezwungenen Paaren nach dem letzen Vorhang werden soll, steht in den Sternen. Mir scheint der Ehebruch nach angeblichem Happy end schon genauso vorprogrammiert wie im Figaro. Vom romantischen und exclusiven Liebesgedanken ist diese Oper jedenfalls meilenweit entfernt . Dass Mozarts Musik immer auch neben aller Melancholie das Spielerische und Versöhnliche da sein lässt und heraufbeschwört, ist in der Inszeneirung wahrschieblich zu kurz gekommen (ich habe ja erst den 1.AKt gesehen) aber ich finde es legitim wenn ein Regisseur sich eine subjektivere Sicht aneignet und einen bestimmten Aspekt des Werks herausstellt, wenn dieser Aspekt tragend ist. Hoffe, heute mindestens AKT 2 zu schaffen.Liebe Grüsse an nah und fern
Danke für den tollen Hinweis auf Despian und den Watteau-Pierrot. Ich habe mich gestern die ganze Zeit gefragt, an welches Bild mich ihr Kostüm erinnert, jetzt weiss ich es!!!! Sie erscheint seltsam geschlechtslos und kein bisschen feminin und vom Leben und den Männern abgrundtief enttäuscht. Ein Panzer voll bitterem Sarakasmus und Traurigkeit über einem serh zerbrechlichen Kern und der Soubretten-Charakter geht zumindest im 1.AKt daneben total unter. Mir scheint diese Figur ein interpretationsschlüssel zu sein udn zumindest die interessanteste Despina die mir je untergekommen ist. Kerstin Avemo hat bei uns schon mehrfach an der Oper gesungen und ich verstehe nciht, wei man auf die Idee kommt, zu glauben, sie würde wegen ihres Aussehens genommen?????? F.Q.
Severina (23.06.2013, 12:27): Meine Lieben, ich werde in circa 10 Tagen einen Mitschnitt bekommen und mich dann hier zu Wort melden - falls es dann noch jemanden interessiert :D! (die Diskussion wird dann ja schon abgeschlossen sein!)
lg Severina :hello
stiffelio (23.06.2013, 12:57): Original von Fairy Queen Ich freue mich dass es hier schon eine Diskussion zur Cosi von Haneke- Cambreling gibt, aber sie war etwas schwierig zu finden, vielleicht wäre ein eigener Thread nciht schlecht?
o.k., ich mach mich mal schnell an die Arbeit. Liebe Mitdiskutanten, bleibt bitte mal ein paar Minuten auf euren Fingern sitzen. VG, stiffelio
Severina (12.07.2013, 23:39): Schaut eigentlich noch jemand außer mir die Live-Übertragung des "Rigoletto" aus Aix-en-Provence??
lg Severina :hello
stiffelio (13.07.2013, 06:39): lohnt sie sich?
VG, stiffelio
palestrina (13.07.2013, 07:12): Ich habe es aufgenommen, schaue es mir am Sonntag an , muss ja schließlich heute Arbeiten ! :D
LG palestrina
Amonasro (13.07.2013, 10:50): Die Sänger fand ich eigentlich recht gut, auch wenn sie mir bis dahin unbekannt waren. Es gab keinen einzigen Ausfall nach unten. Auch wirkte alles sehr harmonisch und homogen. Die Inszenierung erinnerte mich aber irgendwie immer an I Pagliacci - da hätte der Zirkus besser hingepasst. Alles in allem bin ich aber froh, diesen Rigoletto gesehen zu haben.
Gruß Amonasro
Severina (13.07.2013, 12:44): Nun ja, ich habe aus Aix schon Schlechteres gesehen, aber auch schon Besseres. Robert Carsen lässt den "Rigoletto" im Zirkus spielen, der Duca wohl als Direktor, Rigoletto passender Weise als trauriger Clown, aber wieso die Höflinge allesamt Einheitsschwarz (Anzüge mit Hüten) tragen, erschließt sich mir nicht, denn die müssten meiner Logik nach auch Zirkuspersonal sein. Das gibt's natürlich auch, in Form von Akrobatikeinlagen, die einmal mehr, einmal weniger gut passen. Dass Gilda ein Leben lang unbemerkt von der ganzen Truppe im Zirkuswohnwagen aufwächst, darf man nicht weiter hinterfragen. (Gut, auch im Original ist es natürlich mehr als merkwürdig, dass ein Hofnarr sich ein Stadthaus samt Personal leisten kann und dann auch noch völlig unbehelligt zwischen Palazzo und Haus hin und her wechselt, als Heimschläfer sozusagen!) Im Prinzip geht das Konzept auf, natürlich nicht in jeder Szene gleich gut. Der letzte Akt z.B. gefällt mir überhaupt nicht.
George Gagnidze war ein stimmlich guter Rigoletto, darstellerisch setzte er mehr auf seine imposante Gestalt als auf irgendwelche Subtilitäten. Aber "Cortigiani, vil razza danata" brachte er recht eindrucksvoll über die Bühne, auch das "Vendetta!" klang wirklich nach Rachegelüsten.
Gut gefiel mir auch Irina Lungu, der man das junge Mädchen glaubte, die aber trotzdem nicht so ein dünnes Stimmchen wie so manche Gilda aufwies. Für ein Sehr gut hätte sie allerdings beim "Caro nome" sicherer intonieren müssen, da stieß sie doch an ihre Grenzen.
Überhaupt nicht anfreunden konnte ich mich mit Arturo Chacon (?) Cruz als Herzensbrecher. OK, er schaut schnuckelig aus, verfügt auch über wesentlich mehr Bühnenpräsenz als sein Konkurrent in der Liga der Schönlinge, Vittorio Grigolo, aber in seiner Stimme ist nichts, was mich faszinieren könnte. Ein in meinen Ohren reizloses Timbre, das zudem in der Mittellage etwas irgendwie Blechernes durchschimmern lässt, ohne jeden betörenden Tenorschmelz. Die Höhen hat er zwar, und da blitzt hin und wieder auch etwas Farbe auf, aber das sind nur kurze Momente. Ansonsten ist Senor Cruz vor allem eines, nämlich laut! Ich kann mich an keinen Duca erinnern, der die Rolle in einem derart monotonen Einheitsforte durchgeplärrt hätte. Egal ob im Duett mit Gilda, beim "Ella mi fu rapita" oder beim "Possente amor" - es klingt alles gleich, alles über den gleichen Forte-Kamm geschoren. Im Duett vermisst man jede Zärtlichkeit (Klingende Piani stehen diesem Tenor überhaupt nicht zur Verfügung), man hört nichts vom Schmerz über Gildas Verschwinden und dann fehlt jeder Triumph in der Stimme, als er gewahr wird, dass das Mädchen sich im Palast aufhält. "La donna è mobile" schmettert er in berüchtigter Gassenhauertradition, ohne jede Doppelbödigkeit, die viele Tenöre der jüngeren Generation anklingen lassen, und im gleichen Ton kommt dann auch das "Bella figlia del amore". Das ist normalerweise eine der Knieschnackel-Szenen in dieser Oper, bei Senor Cruz vibrierte nur mein Trommelfell. Außerdem hatte ich den Eindruck, dass er am Schluss schon ziemlich kämpfen musste, kein Wunder bei ständigem Over-Powern!
Statt mit betörender Stimme verwöhnt der Tenor sein Publikum dafür mit seinem in seinen Augen wohl hinreißenden Körper, denn bevor er zu Gildas Tröstung eilt, lässt er sämtliche Hüllen fallen und schreitet als nackter Gott von dannen. (MIt ein paar Einheiten im Fitnessstudio hätte mich dieser Anblick allerdings mehr beeindruckt :ignore) Ich stelle mir außerdem vor, welchen Eindruck es auf ein unschuldiges, unerfahrenes und durch ihre Entführung geschocktes Mädchen macht, wenn sich ihr Retter splitterfasernackt nähert......
Also insgesamt ein sehr durchwachsener "Rigoletto"! Wie Amonasro bedauere ich auch nicht, ihn gesehen zu haben, ihn nicht gesehen zu haben, bedeutet umgekehrt aber auch keinen großen Verlust.
lg Severina :hello
stiffelio (20.07.2013, 11:17): Hallo an Alle (insbesondere auch Peter),
hat jemand gestern die Bregenzer Zauberflöte gesehen? (ich natürlich nicht - abgesehen vom fehlenden Fernseher könnte ich auch kein ORF2 empfangen). Würde es sich lohnen, sich um einen Mitschnitt zu bemühen? Was ich in der Presse lesen konnte, hat mir nur teilweise gefallen - Sarastro und Konsorten mal wieder als menschenverachtende Sekte X(.
VG, stiffelio
Allegra (24.07.2013, 19:26): Wurde bei uns letzte Woche in den Nachrichten vorgestellt. Es scheint ja eine sehr üppige Inszenierung zu sein. :wink
Aber von einem Mitschnitt weiß ich bisher auch nichts.
Ingrid (24.07.2013, 22:05): Live muss es ganz gut rüber gekommen sein, hörte ich heute von einem Herrn, der schon ganz oft in Bregenz war und auch mehrmals die Zauberflöte dort erlebte. Diesmal moderner, aber wohl trotzdem nicht schlecht.
Herzliche Grüße Ingrid
Severina (17.08.2013, 11:38): Die vielen Vorschusslorbeeren, die überwiegend euphorischen Kritiken und auch die Papierform versprachen einen großartigen Openabend, aber ehrlich gesagt fand ich ihn dann gar nicht sooo großartig.
Dass Peter Stein keine aufregende Inszenierung liefern würde, stand für mich von vornherein fest, aber ein bisschen weniger Belangloses hätte ich mir schon erwartet. Eine Zeitung kolportierte einen angeblichen Zwist zwischen Stein und Jonas Kaufmann, weil der sich geweigert hätte, zu allen Proben zu erscheinen. Das kann ich gut verstehen, denn WAS hätte er proben sollen??? Mit Anja Harteros und auch Thomas Hampson hat er schon so oft gearbeitet, dass er sich mit beiden blind versteht, da funktioniert das Zusammenspiel ohne viele Worte.
Das Ärgernis begann für mich schon beim völlig stimmungslosen Bühnenbild. Nun liebe ich bekanntlich minimalistische Lösungen, leere Räume, aber sie müssen Atmosphäre vermitteln, und das schaffen in Salzburg bestenfalls das Fontainebleau-Bild und das Kerkerbild. Diese weißen, völlig strukturlosen Wände mit ihren abgezirkelten Öffnungen erinnerten mich an die Puppenhäuser, die ich mir als Kind aus Schuhkartons zu basteln pflegte... Mit einer suggestiven Lichtregie hätte man auch daraus etwas machen können, aber auch die fehlt. Besonders lächerlich finde ich das Gartenbild, wo vor einem grünen Zelt im Hintergrund die armen Sänger durch aus roten Stoffbahnen gebildete Absperrungen irren müssen. Ähnliche Vorrichtungen gibt es heute bei Megaevents, um den Publikumsansturm zu regulieren.... Dann noch der Kitsch dieses vergoldeten Denkmals des seligen Karl V... Dass der dann als goldbestäubter "Geist" umherwandelt, den armen Carlo dadurch erschreckt, dass er ihm ganz wie der Tod im Jedermann von hinten die Hand auf die Brust legt, hat schon ein bisschen was von den Pradler Ritterspielen. Absolut lachhaft das Autodafè. Ich dachte ja bisher, schlimmer als an der WSO könne man diese Szene nicht in den Sand setzen, aber Peter Stein trat den Beweis an: Man kann! Das ist schlicht nur peinlich. (Was sollen bitte die Indianer? Noch dazu in einer derart lächerlichen Aufmachung, dass sie nicht einmal auf einem Kinderfasching damit durchkämen!)
Viele Kritiker schwärmten von den "historischen Kostümen", für die alte Gemälde Pate gestanden hätten. Nun, wo diese ominösen Gemälde hängen, wüsste ich wirklich gerne. Bis auf die Kopfbedeckung von Filippo war nichts, aber schon gar nichts zeitgemäß an diesen Kostümen, speziell bei den Damen. Das elegante, fließende schwarz-weiße Ensemble, das Elisabetta im 3. Akt trägt, erinnert an die Reformkleider einer Emilie Flöge, und wenn sie damit einem Gemälde entstiege, dann einem von Gustav Klimt. Wobei mich nicht die Kostüme an sich stören, die von kleidsam (Don Carlo) über hässlich (Posa) bis lächerlich (das Nachthemd Filippos) reichen, sondern der Unsinn, der darüber verbreitet wurde.
Unter diesen ungünstigen Rahmenbedingungen ist es ein Wunder, dass trotzdem spannende Momente zu erleben waren, aber die gingen ausschließlich auf das Konto des intensiven (Zusammen)spiels von Anja Harteros, Jonas Kaufmann und Thomas Hampson. Da stimmte wirklich alles, jede Geste, jeder Gesichtsausdruck, das war Musikdrama der Extraklasse.
Und stimmlich?
Nun ja, Jonas Kaufmann brauchte so ziemlich den ganzen Fontainebleau-Akt, um auf Betriebstemperatur zu kommen. Danach gefiel er mir sehr gut, bis auf die extrem kopfigen Piani, die mich diesmal störten. Aber die dramatischen Passagen ließen keine Wünsche offen. Aber wie Kaufmanns Gesicht sämtliche Gefühlsregungen des unglücklichen Infanten widerspiegelt, wie er in jedem Moment absolut im Spiel ist, unmittelbar auf seine Kontrahenten reagiert, das ist ein Erlebnis für sich und lässt mich leicht verschmerzen, dass mich sein Singen diesmal nicht so restlos glücklich gemacht hat. (Aber ich muss gestehen, dass mir bei seinen Verdi-Partien immer das letzte Quäntchen fehlt. Das ist der Komponist, der ihm zumindest in meinen Ohren am wenigsten in der Kehle liegt.)
Wunderbar, ganz ohne Abstriche, Anja Harteros, die einfach alles kann: Glasklare, innige Piani ebenso wie große dramatische Ausbrüche, emotional wahrhaftig und bezwingend in jeder Phrase. Großartig auch ihr Spiel, der innere Kampf der liebenden Frau mit der Würde der Königin.
Positiv überrascht war ich von Thomas Hampson, der im Unterschied zu meinen letzten Live-Begegnungen mit ihm diesmal überwiegend gesungen und nicht gebrüllt hat. Das sein einst so einschmeichelnder Bariton inzwischen härter geworden ist und an Schmelz eingebüßt hat, mit diesen Abstrichen muss man leider leben. Das wird aber durch die intensive Gestaltung dieses intelligenten Singschauspielers weitgehend ausgeglichen. Die Kritikerin der Wiener Zeitung, die von einer "fehlenden Chemie" zwischen Hampson und Kaufmann faselte, muss bei einer anderen Veranstaltung gewesen sein, den ergreifender als die beiden kann man die Kerkerszene wohl kaum gestalten. (Das war ebenso mitreißend wie bei Keenlyside und Villazón am ROH)
Sehr gut gefiel mir auch Ekaterina Semenchuks Eboli. Beim Lied von Schleier dachte ich mir noch "Sehr brav, aber nicht sensationell", aber wie sie dann bei "O don fatale...." ff aufdrehte, ohne schrill zu klingen, das hatte wirklich Klasse.
Absolut nicht festspielwürdig war für mich hingegen Matti Salminen. Er legte den Filippo über weite Strecken als Sprechrolle an, aber selbst da fehlte es ihm an der nötigen Durchschlagskraft. Dieser König verbreitete weder Autorität noch Schrecken, auf mich wirkte er eher wie ein gütiger Opa, der mit milder Nachsicht die Fantastereien eines Heißsporns wie Posa belächelt. (Tatsächlich umspielte in vielen Szenen ein leises Lächeln seine Lippen, das völlig deplatziert wirkte.) Für "Amor per te non ha" kratzte er dann sämtliche Stimmreste zusammen, schöpfte aus dem Fundus seiner reichen Erfahrung und brachte es insgesamt doch recht eindringlich über die Rampe. Trotzdem: Für die Salzburger Festspiele ist das zu wenig!
So, vielleicht später mehr, fürs Erste reicht es (mir)! Ich warte auf Eure Eindrücke!
lg Severina :hello
PS: Haben wir tatsächlich noch keinen Don-Carlo-Thread??? Das muss sich schleunigst ändern, aber vor dem September werde ich leider kaum dazu kommen, einen zu eröffnen.
Solitaire (18.08.2013, 21:35): Hallo Severina! Ich danke dir für deine Eindrücke, die mich bedauern lassen, die Oper nicht gesehen zu haben. Aber ich hatte als sie begann gerade 5 Stunden Meistersinger hinter mir (Videoaufnahme der Aufführung aus Salzburg vor zwei Wochen) und das für einen Tag genug Musik :cool Habe dennoch einen Teil des 1. Aktes gesehen und bedauere nun, es nicht aufgenommen zu haben :( Matti Salminen hat seine besten Zeiten m.E. definitv hinter sich, habe ihn neulich als Daland (ja, ich habe gerade eine hefftige Wagnerphase :engel) gesehen und war eher enttäuscht als begesitert.
Severina (18.08.2013, 21:48): Liebe Mina,
o wie schön, dass Du wieder an Bord bist! (Ein wenig habe ich es gehofft - denn wenn nicht mit dem DC, womit sonst könnte ich Dich ködern :D!)
Aber wir haben unsere Diskussion (sehr heiß und spannend :D) in einen Extrathread verlegt, ich habe außerdem unseren alten DC-Thread wieder hoch geholt und dort Deine nun schon verjährte Frage nach dem "Fummeltausch" beantwortet!
lg Sevi :hello
satie (23.08.2013, 10:24): Meine Lieben, zwar nicht direkt im TV, aber als Stream, deshalb stelle ich es hier ein. Mich erreichte eben diese freundliche Mail: Sehr geehrter Herr Günther,sehr geehrtes Klassikforum-Team,
momentan schaut die Opernwelt auf Salzburg – aber nur wenige haben die Möglichkeit, dort vor Ort zu sein, sich ihr eigenes Bild zu machen und ihre Erfahrungen auszutauschen. Deswegen interessiert Sie vielleicht ein ganz besonderes Experiment, dass es Ihnen und Ihren Mitgliedern ermöglicht, bei der Premiere der „Entführung aus dem Serail“ live dabei zu sein und darüber in Ihrem Forum zu diskutieren:
Am kommenden Montag, 26.08.2013 wird die Salzburger Premiere von Mozarts „Die Entführung aus dem Serail“ online als Live-Stream auf http://oper.servustv.com/ zu verfolgen sein.Wir würden uns freuen, wenn Sie Ihre Mitglieder auf dieses außergewöhnlich Experiment aufmerksam machen.
Über die Salzburger „Entführung“Auch die Inszenierung der Entführung geht neue Wege. Die Oper findet nicht in einem klassischen Theaterraum statt, sondern in einem ehemaligen Flugzeug-Hangar. Adrian Marthaler verlegt die Handlung in unsere heutige Mode- und Jet-Set-Welt und macht den gesamten Raum zum Spielfeld. Das Publikum vor Ort bewegt sich durch die Szenerie und wird damit selbst Teil der Aufführung. 20 Kameras sorgen dafür, dass auch vor dem Bildschirm ein außerordentliches Erlebnis daraus wird. Die Mitwirkenden Die Camerata Salzburg und der Salzburger Bachchor musizieren unter der Leitung von Hans Graf. Als Konstanze singt Desirée Rancatore, als Bassa Selim ist der Schauspieler Tobias Moretti dabei, Javier Camarena spielt den Belmonte, Kurt Rydl den Osmin und als Blondchen wird Rebecca Nelsen zu sehen und zu hören sein.Für Rückfragen stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung.
Mit freundlichen Grüßen Sandra Schöftner
Auf unserer Webseite finden Sie umfangreiche Materialien:http://oper.servustv.com/
stiffelio (23.08.2013, 14:39): zu dumm, gerade nächste Woche habe ich keinen Internetzugang :I. Aber trotzdem danke für den Tipp.
VG, stiffelio
Severina (05.10.2013, 23:42): Wer hat die PR-Übertragung von "La Fanciulla del West" aus der WSO gesehen? Wie erwartet, wure es ein großer Erfolg für alle Beteiligten, selbst der Regisseur bekam seine Bravi.
An meiner Einschätzung (Siehe mein GP-Bericht im WSO-Thread!) hat sich nichts geändert, jetzt wäre ich auf andere Meinungen neugierig!!
lg Severina :hello
Schweizer (05.10.2013, 23:47): Liebe Severina, nochmals herzliche Gratulation zum GP-Bericht: ich kann mich voll damit identifizieren. Positiva: 1) Regie ausser diesem Schluss mit dem Heissluftballon: Kitsch im Quadrat! Zum Glück war ich vorgewarnt und so hat das bei mir einen Lachanfall ausgelöst. Ganz speziell ist die Führung des Männerchors und der vielen Solisten im 1. Akt durch Marelli zu loben; wie mancher Regisseur ist in dieser Hinsicht eine Null. 2) Gesanglich waren Nina Stemme und Jonas Kaufmann Spitze. 3) Dirigat von Welser-Möst souverän, auch wenn er es ab und an (wieder einmal mehr) sehr krachen liess. 4) Insgesamt eine schöne, runde Aufführung.
Negativa: 1) der schon erwähnte Schluss. 2) mit Tomasz Konieczny, den ich das erste Mal höre, habe ich stimmlich grosse Mühe: für mich eine Fehlbesetzung, die Stimme ist über weite Strecken hässlich. Da ist nicht ein Yota Belcanto vorhanden. Na gut, man kann mir damit kommen, dass seine Bösewicht-Partie eine Verismo-Stimme, keinen Schönklang erfordert. Klar hat er die nötige Durchschlagskraft und die hohen Töne der Partie bereiten ihm nicht die geringste Mühe, aber sein Timbre ist derart gerade und unitalienisch ... nein, diese Stimme ist für eine italienische Oper nun wahrlich nicht mein Fall. Darstellerisch ist er mir zu jung aber rollenadäquat-gut.
Meckern auf hohem Niveau: 1) Stemme ist eine "sehr reife, herbe Minnie", hat mir im ersten Akt, so wie von Dir beschrieben, am besten gefallen. Auch im 3. Akt souverän wenn sie die Männer daran erinnert was sie alles für sie getan hat. Im mittleren Akt, der gesanglichen Tour-de-Force ohne Ermüdungserscheinungen grandios gewachsen, war sie mir einige Male zu hektisch, die finale Schummelei in der Kartenszene hat mich nicht überzeugt. 2) Ja und nun das Problem Kaufmann als Ganove Ramerrez: ihn, der sich jede Mutter mit Tochter im heiratsfähigen Alter als Schwiegersohn wünscht, war zu adrett, zu nett hergerichtet. Klar hat er sich wie immer in die Rolle eingegeben, aber - Du hast es in Deinem Bericht der GP angesprochen - er passt typmässig nicht so recht zur Figur/Partie.
Das die ersten Eindrücke des Schweizers
Severina (06.10.2013, 11:32): Lieber Schweizer,
worüber sollen wir diskutieren, wenn wir uns so schön einig sind? :wink :D Aber Scherz beiseite, ich freue mich über Deine Zustimmung, kann aber auch Deine Einwände durchaus nachvollziehen.
Nein, über eine schöne, einschmeichelnde Stimme verfügt Konieczny nicht, aber bei der GP hat er "Minnie, alla mia casa" doch gefühlvoller und weniger spröde intoniert. Aber Italianità bleibt er ganz klar schuldig, nicht ohne Grund singt er viel Wagner.
Auch die Stemme ist im deutschen Fach generell besser aufgehoben, mit ihren Verdipartien (Aida, Forza) hat sie mich nie restlos überzeugt. Aber als Minnie finde ich sie wirklich klasse, da fehlt mir (fast) nichts. Dass sie im Vergleich zu Kaufmann etwas (zu) alt wirkt, hat mich anfangs auch irritiert. Aber abgesehen davon, dass wohl erst eine reifere Sängerin den Anforderungen der Partie gewachsen ist, frage ich mich, ob Minnie wirklich so jung sein muss? Manche meinen "Ja, schließlich ist sie noch nie geküsst worden!" - aber ist das wirklich ein Indiz? Ein junges Mädchen hätte wohl kaum die nötige Erfahrung im Umgang mit Menschen, die nötige Autorität, sich als einzige Frau in diesem Camp zu behaupten und sich die Männer vom Leib zu halten. Sie hebt sich eben für ihren "Mr. Right auf, das soll durchaus vorkommen, auch heute noch. Außerdem beruht die Achtung der Männer (und damit ihr Schutzschild) doch auch darauf, dass sie sich eben mit keinem einlässt. Würde sie einen erhören - aber hallo! - dann würden garantiert auch bei den anderen alle Dämme brechen und Minnie wäre binnen Kurzem nicht mehr die gute Seele des Camps, sondern die Lagerhure. So ist sie für alle unantastbar, selbst ein Brutalo wie Jack Rance wagt es erst, sich an ihr zu vergreifen, als sie vom Sockel der Madonna heruntergestiegen und ihr Herz Dick Johnson geschenkt hat. (Das bringt ja auch die übrigen Männer gegen Dick auf, nicht so sehr der geplante Raub ihres Goldes, der ihm ja gar nicht nachgewiesen werden kann.)
Tja, und was findet also ein so gestandener Kerl wie Dick Johnson (speziell, wenn er von Jonas Kaufmann verkörpert wird :D!) an DIESER Minnie im Schlabberlook und mit Struwelpetermähne? Wäre es sein erster Blick auf sie, fände ich es auch ziemlich unglaubwürdig, dass er sofort für diese Kumpel-Minnie entflammt. Aber er kennt sie ja schon länger, und die erste Begegnung hat offensichtlich großen Eindruck auf ihn gemacht. Man kann sich vorstellen, dass Minnie da ein weniger unvorteilhaftes Outfit getragen hat und als begehrenswerte Frau wahrgenommen worden ist. Und trotz der optischen Einwände: Die Chemie zwischen Stemme und Kaufmann hat gestimmt, zumindest habe ich das so empfunden.
lg Severina :hello
Schweizer (06.10.2013, 13:50): Liebe Severina, ich habe seit gestern Abend und heute viel über die Aufführung nachgedacht und im Kontext damit sind mir gewisse Eigenheiten/"Schwächen" dieses Werks wieder voll bewusst geworden. Und damit verbunden sehe ich gewisse Dinge jetzt auch kritischer als gleich nach dem Fallen des Vorhangs! Zum Werk: 1) Die Aktschlüsse 1 + 3 haben musikalisch etwas Zerbröselndes/Lahmes an sich; die Musik verebbt, stirbt fast so vor sich ihn ... beim 1.Akt scheint mir das durchaus passend, denn es ist spät, es war Ladenschluss in der "Polka" oder der Würstel-Bude, die Kumpels haben sich zur Nachtruhe zurückgezogen, Dick ist als Letzter auch gegangen, Stille kommt auf, Minnie bleibt nachdenklich zurück ... ich stelle mir vor, dass sie (vielleicht den Abend Revue passieren lässt und) mit gemischten Gefühlen (Vorfreude, aber auch "ist das richtig?", Kopf- versus Bauchgefühl) über das bevorstehende Rendezvous mit Dick sinniert.
Dass das Werk aber auch eher langatmig endet - die Kumpels legen pianissimo einen sanften Teppich für die x-fach wiederholten "addio, mia California" des Liebespaars und dann nicht mal ein starker Schlussakkord als Akzent folgt, ist ein Antiklimax. Und damit ist mir auch klar geworden, warum Marelli zur Ballon-Lösung, und nicht zur viel naheliegenderen, dass nämlich die Eisenbahn zur Seite abfährt, gegriffen hat. Das Herabschweben und Aufsteigen des Ballons füllt die Zeit, die Protagonisten können frontal ihr Glück ins Publikum singen, bei der Zugsvariante müsste das aus der Gasse heraus geschehen, was nicht publikumswirksam ist. Versteh mich bitte recht, ich finde den Ballonschluss immer noch kitschig, aber ich bringe aus obgenanntem Grund für diese Lösung ein gewisses Verständnis auf. Der Werkschluss mit diesem Happyend ist werkimmanent schwierig zu gestalten, ob man nun das Paar a) wie früher auf Pferde steigen und wegreiten, b)(rückwärts) zum Horizont abmarschieren oder c) eng umschlungen-regungslos im kleiner werdenden Lichtkegel stehen lässt. Ein durchaus interessanter Einfall Marelli's war, dass er den Verlierer Jack Rance die Pistole beim Fallen des Vorhangs zum Selbstmord an die Schläfe heben lässt.
2) Im Grunde genommen von Puccini eine Gemeinheit, dass er der Minnie keine Arie geschrieben hat. Da gibt es zwar die Bibelstunde und das kurze Arioso nach Jack Rance's "Minnie, dalla mia casa" beginnend mit "Lassù in Soledad", das dann aus dem Nichts heraus auf einem ff dreigestrichenen c''' endet, aber eben, kein "Vissi d'arte", kein "In questa reggia", kein "Mi chiamono Mimì", kein "Un bel di", schlicht nichts mit dem man Furore machen oder "abräumen" kann. Dafür sehr viel Sprechgesang mit äusserst diffizilen Intervallsprüngen. Kommt dazu, dass Minnie als Titelfigur erst nach gefühlt langer Zeit auftritt (60 Seiten im Klavierauszug).
3) Auch Tenor (trotz "Ch'ella mi creda") und Bariton sind mit je einer knappen Arie kurz gehalten, es fehlt dieser Oper "der Ohrwurm".
Und trotzdem mag ich dieses Werk ausserordentlich! Fortsetzung folgt
Severina (06.10.2013, 15:01): Lieber Schweizer,
stimmt schon, Ohrwurmqualität hat diese Oper keine, eigentlich erstaunlich, dass sich doch immer wieder Sänger um die Fanciulla reißen, obwohl sie nicht mit einer Hitparadennummer reüssieren können. Aber es ist einfach schöne Musik, wie ich heute beim zweiten Durchgang wieder feststellen konnte, und gefällt mir ehrlich gesagt besser als der "Schmachtpuccini". (Nicht umsonst mag ich die Butterfly" gar nicht - außer in der Züricher Hertz-Inszenierung - und die "Bohème" immer weniger, je öfter ich sie höre.) Entgegen diverser Kommentare in online-medien finde ich den 1. Akt (in dieser Inszenierung!) kein bisschen langweilig, auch wenn man ungewohnt lange auf Minnie und noch viel länger auf den Tenor warten muss. Der Schluss allerdings mit den endlosen "Addios!" ist wirklich ein bisschen lähmend, vielleicht gerade deshalb, weil Puccini da wieder in den Herz-Schmerz-Modus verfällt und das ganze daher etwas aufgesetzt wirkt. Ich kann mir schon auch denken, was sich Marelli mit seiner Ballonnummer gedacht hat (siehe meine Rezension), aber für mich kippt die Stimmung total ins Lächerliche, und das ist wohl das Schlimmste bei einer Inszenierung. Natürlich wäre ein Ritt in den Sonnenuntergang ebenso lächerlich, keine Frage. Dass Minnie und Dick auf der Plattform des Waggons gaaaanz langsam (Sie müssten beim letzten "Addio!" noch sichtbar sein!) hinausrollen, wäre schon eine Lösung. Was hätte ich als Regisseur getan? Hm, so ganz spontan: Die Kumpels schneiden den Stacheldraht durch, öffnen den Zaun und Minnie und Dick spazieren hinaus in ein neues, freies Leben. Schließlich singt Minnie vorher von Menschenliebe, moralischen Werten, Gott, und da empfände ich das Einreißen von Barrieren als ein schönes Symbol. (Jaaaa, ich weiß, der Zaun ist da, um die Kumpels und ihr Gold vor bösen Räuberbanden zu schützen, nicht um sie einzusperren, trotzdem.... :D Umgekehrt werden Minenarbeiter heutzutage sehr wohl wie Gefangene gehalten, damit sie z.B. keine Diamenten hinausschmuggeln können.) Die Bildregie im Schlussbild finde ich übrigens ziemlich daneben (Obwohl ich ein großer Fan von Felix Breisach bin!), auch kam mir vor, dass es eine kleine technische Panne gab. Bei der GP versank die Szenerie nämlich fast zur Gänze, übrig blieb ein gigantisches Gebirgspanorama, und ganz oben hing immer noch der Korb mit dem Liebespaar. Das war schon ziemlich effektvoll - wenn man den dämlichen Freiluftballon ausblendete. Aber mit der Kameraeinstellung von ganz oben und ganz hinten verpuffte diese Wirkung völlig. (Wobei man den Korb wahrscheinlich wirklich nur vom Parkett aus sieht, außer er wurde bei der PR versehentlich zu schnell hochgeziogen. Das werde ich dann ja am Dienstag überprüfen können!)
ich warte noch auf einen Mitschnitt der Sendung und werde frühestens in einer Woche voll in eure Diskussion einsteigen können. Fürs erste kann ich nur beisteuern, dass ich in meiner prägenden ersten LA FANCIULLA (mit Giordani und Voigt) Giordani ebenfalls von A bis Z als "Gentlemangauner" wahrgenommen habe. Aber mal ehrlich: wer sich von den moralischen Vorstellungen einer Schankwirtin von einem Raubzug abhalten lässt, der ist kein "zu allem entschlossener Halunke" und ist vermutlich auch niemals einer gewesen.
VG, stiffelio
Severina (06.10.2013, 16:03): Nun ja, der Gauner ist in die Schankwirtin verliebt, und die macht ihm sehr nachdrücklich klar, dass ein etwaiger Räuber nur über ihre Leiche an das Gold kommt - es sind also nicht moralische Skrupel, die ihn davon abhalten, seinen Plan in die Tat umzusetzen.
Ich freue mich auf Deinen Einstieg, liebe Stiffelio!
lg Severina :hello
PS: Eben erreichte mich die Mail einer Freundin, die mit Oper nicht viel am Hut hat: Sie denkt seit der TV-Übertragung ununterbrochen an die "Fanciulla" und kann sich diese Faszination gar nicht erklären! Der Inszenierung gelingt es also offensichtlich, auch opernferne Menschen in ihren Bann zu ziehen, und das spricht auf jeden Fall für sie.
Schweizer (06.10.2013, 16:56): Liebe Severina, gratuliere zur die mich vom Sinn/Symbol her voll überzeugenden Stacheldraht-Idee, denn: - das Durchschneiden hätte auch Zeit in Anspruch genommen. - das Männerensemble hätte was zu tun gehabt.
nun zu den drei Hauptakteure - Jack Rance alias Tomasz Konieczny: habe mich dabei ertappt, dass meine spontane Äusserung über den zu jungen Sheriff eigentlich nur auf meiner bisherigen Sehgewohnheit beruht und kein fundierter Grund vorliegt warum der nicht jung sein kann. Obwohl er in schwarzem Leder ordentlich fies aussah, empfand ich ihn nicht als echt gefährliche Autorität, schon eher mal Raubein, mal geiler Macho. Zur Stimme nichts Neues, ich bleibe bei meinem gestrigen Urteil.
- Dick Johnson alias Jonas Kaufmann: auch bei ihm bleib ich dabei, dass er der Partie stimmlich alles geben konnte was sie verlangt, dass ich ihm aber trotz wie immer engagiertem Spiel den Räuberhalunken nicht recht abnehme. Bin nicht sicher, aber ich glaube es könnte damit zu tun haben, dass er sich zu elegant und geschmeidig bewegt, dass er zu sympathisch auf mich wirkte, das ich in seinem Gesichtsausdruck nie die Facetten Pokerface, Fiesheit, Hinterhältigkeit oder was man sonst mit einem Outcast zu assoziieren pflegt, ausmachen konnte?!? Ich bin momentan unfähig den Daumen präzis auf den wunden Punkt zu legen?
- Minnie alias Nina Stemme: gesanglich für mich über die Riesenpartie gesehen 1-A, wobei ich verstehe, wenn für gewisse Leute die wenigen ariosen Stellen zu wenig "pucciniesk-süss-weich", allenfalls mit Portamento daherkamen. Es ist schön wenn das eine Sängerin auch noch bringen kann, für mich ist es aber nicht essentiell, da ich wie Du Herbes über Butterfly-Süsse stelle. Darstellerisch hat sie (oder der Regisseur oder beide zusammen) auf Grund ihres Typs ein konsequent-glaubwürdiges Rollenportrait gelebt/geliefert. Du hast dazu viele kluge und einleuchtende Argumente in Deinem GP-Bericht geäussert. Ich kritisiere aber zwei Punkte: a) im ersten Akt war sie mir über Strecken etwas zu betulich, zu sehr brav-gütige Schlummermutter, zu wenig autoritär. Die Minnie ist doch eine starke Frau solange es nicht um ihre Gefühle geht, die rasiert sich doch jeden Tag wie wir hier sagen (weil sie Haare auf den Zähnen hat). b) im Poker-Duell mit Jack Rance hätte sie zwingend die Waffen einer Frau einsetzen müssen, um ihn aufzugeilen, abzulenken, zu verwirren. Da sie mit allen Wassern gewaschen ist, hat sie sich vor dem dreiteiligen Spiel um den Preis von Dick Johnson ja schon für den Fall der Fälle zusätzliche Karten aus der Kommode besorgt. Nach zwei Partien steht es unentschieden und dann liegt alles im Text und der Musik vor, aber Marelli (oder Stemme, oder beide) haben es für mich nicht umgesetzt, denn ich hab es bis heute jedes Mal überzeugender/besser gesehen/erlebt. Ihre schlaue Strategie beginnt damit, dass sie sich für an ihn gerichtete "amare parole" entschuldigt, anfügt, dass sie gut über ihn denke, jetzt und in Zukunft. Und er antwortet, dass er daran denke sie jetzt dann gleich in seinen Armen zu halten (Scarpia lässt grüssen!). Da bringt er sie geradezu zwingend auf die Idee ihm ein Blick ins Decolleté oder auf ein Bein zu gewähren ... das lässt sich umso einfacher realisieren als sie vorgibt sich schlecht zu fühlen, nahe einer Ohnmacht zu sein und nach einem Mittelchen/Fläschchen zu verlangen. Wenn man ein Malaise hat kann das Nachthemd oder das Morgenkleid ganz einfach verrutschen oder sich partiell öffnen ... nichts davon, es herrschte mE nur Hektik kein Gramm Erotik. Minnie spielt doch in dieser Szene ganz klar falsch, legt ihren Widersacher bewusst herein: das kam für mich überhaupt nicht rüber, schade. Und dabei ist das doch eine der tollsten Szenen des Werks! Gruss vom Schweizer
Severina (06.10.2013, 17:38): Lieber Schweizer,
bei Kaufmann sind wir ganz einer Meinung: Stimmlich ganz toll, da bleibt kein Wusch offen, aber darstellerisch fehlt ihm doch eine Dimension. Wie Du suche ich den wunden Punkt, am ehesten liegt er für mich darin, dass er eben von Anfang bis zum Ende der gleiche sympathische Typ ist, dabei müste es doch den entscheidenden Knackpunkt geben, wo aus dem Saulus der Paulus wird. Den sehe ich aber bei Kaufmann nicht. Charmante Herzensbrecherund unglücklich Verliebte liegen ihm ganz offensichtlich besser als Fieslinge. Das hat mich schon bei seinem Duca gestört, der mir auch zu eindimensional angelegt war.
Zu Stemme: Im 1. Akt habe ich nach wie vor nichts an ihr auszusetzen, da ist sie eben ganz der Kumpeltyp, der von den Männern genauso respektiert wird, aber bei der Pokerszene stimme ich Dir zu. Da wurde mir heute beim zweiten Durchgang erst klar, wieviel an Dramatik da verschenkt wird, das "Alles oder Nichts" eigentlich wenig Bedrohliches an sich hat. Und nur ein Jack Rance, der von Minnie schon entsprechend becirct worden ist, könnte dann so bereitwillig auf den Trick mit dem Schwächeanfall reinfallen. Der Mann ist schließlich Sheriff und mit allen Wassern gewaschen!
lg Severina :hello
Schweizer (06.10.2013, 18:46): "Und nur ein Jack Rance, der von Minnie schon entsprechend becirct worden ist, könnte dann so bereitwillig auf den Trick mit dem Schwächeanfall reinfallen. Der Mann ist schließlich Sheriff und mit allen Wassern gewaschen!" ... Ich entgegne als Mann: Männer, die nur das Eine im Kopf haben, denken manchmal nicht mehr mit dem Hirn!
Ingrid (06.10.2013, 20:26): Hallo, gerade sah ich mir die Aufnahme an und komme tatsächlich auch zu dem Schluss, dass Kaufmann, eigentlich doch mit großem Schauspieltalent gesegnet, mit der Rolle nicht viel anfangen konnte (stimmlich natürlich schon). Es kamen fast nur theatralische Gesten, ähnlich die eines Anfängers. Vielleicht wächst er mit der Zeit ja doch noch rein. Kann man nur hoffen.
Vielleicht lag es auch an der Frisur, die besonders ordentlich hingefönt war. Sein Wuschelkopf aus früheren Zeiten hätte da wahrscheinlich besser gepasst und auch noch mehr Bart im Gesicht. Evtl. ist es auch wegen heute Abend, denn bei der Echo-Preisverleihung kann er natürlich nicht wie ein Straßenräuber daher kommen.
Seltsam ist erneut, dass bei uns der Schluss, wie beim Carlo, nicht aufgenommen wurde. Ich weiß, da kam wahrscheinlich nur noch der Ballonflug und um den wäre es nicht schade, trotzdem ist es gemein. Bei uns war Schluss, als Minni ihre Pistole der Souffleuse gab. Kam dann noch einiges mehr? Mir fällt auch gerade noch ein, dass Minni im ersten Akt davon singt, dass sie in den Himmel fliegen möchte o.s.ä.. Vielleicht deshalb diese Idee? Liebe Grüße Ingrid
Severina (06.10.2013, 22:52): Original von Ingrid
Vielleicht lag es auch an der Frisur, die besonders ordentlich hingefönt war. Sein Wuschelkopf aus früheren Zeiten hätte da wahrscheinlich besser gepasst und auch noch mehr Bart im Gesicht. Evtl. ist es auch wegen heute Abend, denn bei der Echo-Preisverleihung kann er natürlich nicht wie ein Straßenräuber daher kommen.
Ingrid
Seltsam, bei der Echo-Preisverleihung erschien er mit Stoppelbart, als Dick Johnson glatt rasiert - ich fände es umgekehrt ja passender....
Auf ORF II brachte man die Fanciulla bis zum kitschigen Schluss, vielleicht wollte Euch ein barmherziger Mensch das ersparen :ignore!
lg Severina :hello
Ingrid (07.10.2013, 09:55): Beim Carlo war der Schluss ja ebenfalls kitschig. Da muss wohl wirklich jemand ein Einsehen mit uns haben, obwohl ich ab und zu auch sehr auf ein schmalziges Ende stehe. Kaufmann war beim Ballonflug sicher besonders liebevoll, oder? Seine Schusswunde ist ebenfalls sehr schnell verheilt und das Gewand wurde wohl vor der Beinaheaufhängung noch gewaschen, damit der schlanke Dick wieder so richtig gut aussieht.
Ganz egal, ich würde natürlich auf jeden Fall sehr gerne in einer der Aufführungen sitzen und das ganze Ensemble, incl. Ballonfahrt total genießen. Ein wenig lästern muss halt trotzdem mal sein und sogar über Jonas Kaufmann :wink Vielleicht kann er ja auch nichts dafür und er mußte so sein und spielen.
Gestern Abend fand ich noch Fotos von der Premierenfeier im Netz und da sah Frau Stemme umwerfend gut aus. Mindestens 10 Jahre jünger. Irgendwie hat die Maske da für die Bühne einiges verändert, was zumindest bei mir nicht so gut ankam.
:hello Ingrid
stiffelio (10.10.2013, 19:41): Original von Severina Nun ja, der Gauner ist in die Schankwirtin verliebt, und die macht ihm sehr nachdrücklich klar, dass ein etwaiger Räuber nur über ihre Leiche an das Gold kommt - es sind also nicht moralische Skrupel, die ihn davon abhalten, seinen Plan in die Tat umzusetzen.
Ich freue mich auf Deinen Einstieg, liebe Stiffelio!
lg Severina :hello
Liebe Severina,
so, jetzt hatte ich endlich Gelegenheit, die Übertragung zu sehen: es gibt sie seit Dienstag auf YT unter "http://www.youtube.com/watch?v=hr9b4mcM-fU" und "http://www.youtube.com/watch?v=S6WRWrfws7I" (einschließlich Schlussszene, liebe Ingrid :wink). Mit deinem obigen Einwand hast du in dieser Inszenierung völlig recht, liebe Severina. Ich hatte die Inszenierung aus der MET so im Kopf, dass es da Dick möglich gewesen wäre, das Gold in einem unbewachten Augenblick zu mopsen, ohne dafür über Minnies Leiche zu müssen. Das müsste ich aber nochmal überprüfen, ob mich meine Erinnerung trügt.
Zusammenfassend hat mir diese FANCIULLA gut gefallen, ohne mich völlig vom Hocker zu reißen. Eure leisen Einwände gegen Kaufmanns Darstellung kann ich nachvollziehen, würde sie aber auch auf Stemme ausdehnen: auch sie empfinde ich nicht als das naive, ungebildete Mädchen, als das sie sich im ersten Akt laut Libretto dauernd bezeichnet. Sie und Kaufmann empfinde ich in jeder Beziehung auf Augenhöhe, da ist es für mich nicht nachvollziehbar, dass Minnie sich so unterlegen fühlt.
Übereinstimmung auch bezüglich Konieczny: unbedingt rollendeckend und auch sein Timbre passend für den Sheriff.
Nach eurer ausgiebigen Vorwarnung konnte ich sogar mit dem Ballon gut leben: immerhin singt Minnie im ersten Akt davon, dass es ihr Traum sei, in den Himmel zu den Sternen zu fliegen. Vieleicht ist es das, was Marelli am Schluss aufgreifen wollte.
LG, stiffelio
P.S.: eines ist mir in der Handlung dieser Oper noch komplett unklar: Wie kommt Dick am Anfang des 3. Aktes aus Minnies Haus in die Hand der Goldgräber? Ist er von Minnie ausgebüchst? Hat sie ihn fortgeschickt? Wieso, nachdem sie ihn doch von Jack "erpokert" hatte? Haben sie sich an irgendeinem Treffpunkt verabredet und Dick will vorher noch seine Räuberbande auflösen, oder was? Das Libretto lässt einen da völlig im Unklaren, oder habe ich etwas übersehen? Ich hätte ja erwartet, dass Minnie und Dick nach dem Pokerspiel direkt von Minnies Haus aus gemeinsam in ihr neues Leben aufbrechen. Was hindert sie daran?
Florestan (11.10.2013, 08:49): Liebe Stiffelio, vielen Dank für den Hinweis. Ich werde mir die Aufführung bei nächster Gelegenheit mal ansehen. Hab nur mal kurz den Schluss des 2. Aktes gehört, der mir regelmäßig die Schauer über den Rücken jagt. Die Schlussszene ist auch in der Oper etwas sehr nahe am Kitsch, denn dieses Happy End ist eigentlich nicht Puccinis Sache. Vielleicht wollte er hier mal zeigen das seine Helden auch überleben können.
Florestan
Ingrid (11.10.2013, 16:15): Liebe Stiffelio,
herzlichen Dank für den Link. So konnte ich nun doch diesen kitischigen Schluss erleben, aber man braucht ihn wirklich nicht!!!! Kann mir gut vorstellen, warum Severina da beim ersten Mal anschauen liebend gerne mit einem Kübel kaltem Wasser hantiert hätte.
Die letzte starke Sekunde mit Jack Rance machte alles dann wieder etwas erträglicher, denn seine Reaktion konnte man besser verstehen, als die des davonschwebenden Paares. Der Grund für diesen Einfall war aber wohl wirklich Minnies Wunsch im ersten Akt.
Ansonsten wirft der 3. Akt, ähnlich wie Dir, viele Fragen auf. Eigentlich hätte Dick doch in ein Krankenhaus gemußt, um seine schlimme Verletzung versorgen zu lassen. Ohne wäre er doch so und so verblutet und dann hätte man sich das Aufhängen sparen können. Alles ein wenig seltsam, aber trotzdem musikalisch durchaus sehr annehmbar.
:hello Ingrid
Severina (11.10.2013, 17:16): Ich bin eigentlich immer davon ausgegangen, dass zwischen dem 2. und 3. Akt eine gewisse Zeit vergeht, in der Dick seine schwere Verletzung (in Minnies Obhut) auskuriert. Spital? Bleibt man in der Originalzeit von 1850, so sucht man das in erreichbarer Nähe eines kalifornischen Goldgräberlagers wohl vergeblich - damals überlebte man eine Schusswunde oder eben nicht. (Minnie scheint ja einige Erfahrung in Krankenpflege zu haben, sie hat ja auch Jim kuriert!) Aber auch im 20.Jhdt. würde ein steckbrieflich gesuchter Räuber wohl kaum ein Krankenhaus aufsuchen!
Wie Dick in die Hände seiner Vefolger gerät, ist eine andere Frage, die Anwort ist wohl unserer Fantasie überlassen. Ihr habt ja schon einige Möglichkeiten genannt. Für mich steht fest, dass Jack Rance keinen Augenblick die Absicht hat, sich an den Deal mit Minnie zu halten, er will Dick haben, tot oder lebendig, und irgendwann entdeckt er halt sein Versteck. Vielleicht hat sich Dick auch deshalb von Minnie getrennt, weil er weiß, dass er bis an sein Lebensende gejagt wird und er ihr ein Leben an seiner Seite unter diesen Umständen nicht zumuten will? Ehrlich gesagt irritiert mich diese Lücke im Ablauf wesentlich weniger als die "geerbte Räuberbande" und Dicks merkwürdiges Gefühl moralischer Verpflichtung, dieses Erbe auch tatsächlich anzutreten. Das kan ich nämlich nun gar nicht nachvollziehen!
lg Sevi :hello
stiffelio (11.10.2013, 17:33): Liebe Severina Original von Severina Für mich steht fest, dass Jack Rance keinen Augenblick die Absicht hat, sich an den Deal mit Minnie zu halten, hm, das wirft für mich die Frage auf: wenn er sich eh an den Deal nicht halten will, was hindert ihn darin, Dick trotz des verlorenen Pokerspiels zu verhaften oder gleich zu erschießen? Schon klar, sein Ehrenwort, aber wenn er sowieso vorhat, es zu brechen? Mich wundert halt schon, dass Minnie ihren schwer erpokerten Geliebten nach ihrem "Er ist mein!" überhaupt nochmal unbewacht ziehen lässt - gerade wenn sie befürchten muss, dass Jack (den sie ja gut kennt) sein Wort brechen könnte.
Ehrlich gesagt irritiert mich diese Lücke im Ablauf wesentlich weniger als die "geerbte Räuberbande" und Dicks merkwürdiges Gefühl moralischer Verpflichtung, dieses Erbe auch tatsächlich anzutreten. Das kann ich nämlich nun gar nicht nachvollziehen! Ich denke nicht, dass es sich dabei nur um eine moralische Verpflichtung gegenüber der Bande handelt. Dick scheint Familie zu haben (Geschwister, Mutter...), er spricht in dem obigen Zusammenhang von "uns". Möglicherweise sah er in der Räuberbande die einzige Chance, diese Familie weiter zu ernähren? Und wer sagt überhaupt, dass er das so ungeheuer ungern getan hat? Er könnte auch erst beim ersten Zusammentreffen mit Minnie den Wunsch entdeckt haben, dieser "Karriere" zu entkommen. Sehr einleuchtend finde ich diese Story zwar auch nicht, aber sie irritiert mich auch nicht so nachhaltig wie dich.
VG, stiffelio
nikolaus (08.12.2013, 20:39): Hat jemand auf arte die Übergang der "Traviata" aus Mailand gesehen?
Wenn ja, wie war die Aufführung?
Nikolaus :hello
Severina (08.12.2013, 23:12): Ja, habe ich.... Noch selten hat mich eine "Traviata" so wenig berührt wie diese, ja, zum ersten Mal waren mir alle drei Hauptpersonen gleichermaßen unsympathisch, ohne dass ich das anders als aus dem Bauch heraus begründen könnte.
Die Inszenierung war mehr als konventionell, denn lediglich die Handlung ins 20. Jhdt. zu holen, ohne dass daraus irgendwelche neuen Erkenntnisse gewonnen werden können, ist schlicht zu wenig, um nicht zu sagen ärgerlich. Wie man es richtig macht, haben Decker in Salzburg und Marthaler in Paris vorexerziert, Herr Tscherniakov konnte hingegen in keiner Szene plausibel machen, worum es ihm eigentlich ging.
Diana Damrau wirkt im ersten Akt wie eine verlebte, etwas vulgäre Kokotte, die ihre beste Zeit längst hinter sich hat, keineswegs wie die gefeierte Kurtisane, die glaubhaft macht, dass die Männer sie umschwärmen wie die Motten das Licht. Warum sich Alfredo so um sie bemüht - keine Ahnung! Beczala nimmt man den glühend Verliebten ohnehin nicht ab, statt Violeta leidenschaftlich zu umgarnen, bleibt er im Duett auf Distanz und schaut ihr zu, wie sie die umfangreiche Flaschensammlung sortiert. Gut, warum nicht: Vielleicht hat Alfredo mit seinen Kumpels einfach nur gewettet, ob er es schafft, dass sie für ihn alles hinschmeißt? Dazu passt dann allerdings die spießbürgerliche Idylle des zweiten Aktes ganz und gar nicht. Violeta ist von der mondänen Gesellschaftsdame zum biederen Hausmütterchen mit zerzausten Haaren und geschmackloser Garderobe mutiert, Alfredo erzählt "Un di felice" seinem Faktotum, während er die Zutaten für eine Pizza herrichtet, und wenn Giorgio Germont als Rächer der gefährdeten Familienehre auftritt, sitzen er und Violeta einander artig am Kaffetisch gegenüber und machen freundlich Konversation.
Es gibt nie Zärtlichkeiten oder wenigstens Berührungen zwischen Violeta und Alfredo, außer dass sie bei "Amami Alfredo" mit den Fäusten auf ihn los geht. Falls sie damit seine Liebe erzwingen will, weil sie fühlt, dass es damit nicht weit her ist, fehlt dafür jede vorangehende Motivation.
Im letzten Akt ist Alfredos Liebe zu Violeta, falls es je eine gewesen ist, längst erloschen, sein Besuch mehr lästige Pflicht als echtes Bedürfnis. Der später hinzukommende Vater scheint sich mehr um Violeta zu sorgen als der Sohn. Die Situation überfordert und nervt ihn, immer wieder schaut er auf die Uhr, bei der intimsten Szene der ganzen Oper, "Parigi o cara noi lasceremo", sucht er zunächst eine Vase für die spießigen Blumen, die er mitgebracht hat, dann sitzen sich die beiden auf Sesseln gegenüber, nicht anders als flüchtig Bekannte auf einer Cocktailparty. Es gibt auch jetzt keine einzige Berührung. Gut, das wäre ja ein interessanter Interpretationsansatz, dass Alfredo das Erobern mehr reizt als das Besitzen, er bei Flora weniger aus Eifersucht und Liebesschmerz als aus verletztem Stolz so ausrastet, aber das müsste eben von Anfang an als roter Faden konsequent durchgezogen werden.
Woran Violeta stirbt, bleibt ebenso rätselhaft, an Schwindsucht kaum, dafür ist sie bis zu ihrem Sekundentod - sie sitzt auf einem Sessel, plötzlich kippt ihr Kopf zur Seite - viel zu lebendig. Dafür hantiert sie auch im letzten Akt hektisch mit Flaschen und Ampullen - ob man darin jetzt Medizin oder schlicht Hochprozentiges vermutet, bleibt jedem überlassen. (Aber für einen Drogentod reicht's auch wieder nicht, Herr Tscherniakov drückt sich wie gehabt um eine klare Aussage herum!)
Die Inszenierung kann ich also nur mit zwei Worten zusammenfassen: Uninteressant und langweilig! (Aber wenigstens weniger kitschig und penetrant als die von Schenk und Zeffirelli!)
Diana Damrau fand ich stimmlich sehr gut, Beczala hatte nicht seinen besten Tag und wirkte überhaupt nicht sehr engagiert auf mich, das Buhkonzert gegen ihn war trotzdem absurd. Auch in seiner gestrigen Form war er noch um Klassen besser als so mancher Tenor, der sich an der Scala produziert und heftig akklamiert wird. Lucic bestätigte den Eindruck, den ich meistens von ihm gewinne: Eine schönstimmige Schlaftablette mit viel zu wenig Bühnenpräsenz.
Einige Buhs kassierte auch Daniele Gatti für sein nicht sonderlich inspiriertes Dirigat, aber die Missfallenskundgebungen waren auch in seinem Fall übertrieben.
Mara Zampieri, eine als schriller Paradiesvogel gestylte Anina, ist in dieser Inszenierung als stumme Zuhörerin in den meisten Szenen dabei und erhielt am Schluss die lautesten Bravi. Das Publikum an der Scala ist offensichtlich noch unbedarfter als das an der WSO.....
Mein Fazit: Wer die gestrige Übertragung nicht gesehen hat, hat kaum etwas versäumt!
lg Severina :hello
PS: Gegenfrage: Hat heute jemand auf ATV II den "Hamlet" von der MET 2010 mit Simon Keenlyside gesehen? Das war aufregendes MUsiktheater vom ersten bis zum letzten Ton :down :down :down :down!!!!!
Giovanna (08.12.2013, 23:33): Hallo Severina,
ja, den Hamlet habe ich auch genossen :times10, zumindest bis ein längeres Telefonat dazwischen kam und ich den Fernseher ausmachen musste. Aber da ich die Sendung eh aufgenommen habe, werde ich sie mir die nächsten Tage in Ruhe nochmals anschauen und dann hoffentlich komplett.
Viele Grüße Giovanna :hello
Hyacinth (08.12.2013, 23:37): Die Inszenierung von Dimitri Tcherniakov, die von der zugegebenermaßen sonst sehr kompetenten Moderatorin auf Arte zigmal als "modern", "heutig" und aus dem Leben gegriffen gepriesen wurde, war schlichtweg verstaubt und fad. Nach dem ersten Akt hätte ich nie angenommen, dass diese Produktion im hier und jetzt spielen soll - und das lag nicht an den Lustern. Der zweite Akt ließ hoffen, weil wenigstens das Land"idyll" von Alfredo ganz nett dargestellt war - Spitzenvorhänge, braune Einbauküche, Violetta läuft ungeschminkt durch die Gegend und Alfredo bäckt Kuchen - aber das wars auch schon. Geniale Momente blieben aus, bis auf ein paar nette, liebevolle Details (die tragende Rolle des Haushälters sei hier lobend erwähnt - eine wirklich nette Idee und sehr sympathische Darstellung), es zog sich für mich kein roter Faden durch. Bei der zweiten Ballszene sah man dasselbe wie im ersten Akt, Flora trug Indianerschmuck (ein Hinweis auf die heutige Zeit?!) und Violetta wurde in einen grünen Sack gesteckt und trug einen blonden "Afro" (schlecht aus Wien abgeschaut?). Der einzige Lichtblick war hier die Lichtregie. Der dritte Akt war für mich so gar nicht schlüssig, weil für mich nicht klar wurde, ob diese Violetta nun Schwindsucht hat oder nicht. Sie konsumierte offensichtlich regelmäßig Alkohol gemischt mit Tabletten (nicht gerade gesund) und als Grenvil mit Annina redete, zeigte er sich beim Wort "Schwindsucht" an die Stirn. Das würde nun dafür sprechen, dass Violetta sich immer mehr in eine Depression fallen lässt, vielleicht auch in eine bipolare Störung - würde die Hoffnungsausbrüche erklären. Wieso sie sich dann vor Schmerzen zusammenkrümmt ist unklar, wieso sie letztendlich stirbt auch. Wenn eine Violetta schon nicht hustend und röchelnd dahinsinkt, sollte man eine andere Todesursache meiner Meinung nach konsequent zeigen. Ob die Italiener jetzt wegen der vermeintlichen Moderne oder der Altbackenheit der Inszenierung gebuht haben, würde mich schon interessieren.
Sängerisch war es eine nahezu ausgewogene Vorstellung - sonst hätte ich ziemlich bald abgedreht.
Dass Diana Damrau zu gesund aussieht, stimmt, insofern würde die psychische Variante auch eher zu ihr passen. Dass sie zu gesund singt, wie ich andernorts gelesen habe, finde ich gar nicht. Mich fasziniert es viel eher, wenn jemand in der Lage ist, auch im Liegen einen Spitzenton voll gestützt im Pianissimo dahinschweben zu lassen. Ein bisschen warm werden musste sie vielleicht, es war ihr wie allen die Nervosität anzumerken, aber wenn man so eine Violetta hat, sollte man eigentlich ganz schnell still sein. Im "Sempre libera" konnte sie das Publikum noch einmal an vergangene Königinnen der Nacht oder Zerbinettas erinnern, von ihren spielerisch perlenden Koloraturen können sich viele Verdi-Sängerinnen eine Scheibe abschneiden. Im letzten Akt bewies sie dann, wie ein Mensch sich verändern kann, nicht nur optisch, auch stimmlich, schaffte es perfekt, Vibrato zurückzunehmen und die hörbare Krankheit nicht durch überzogenes Herumgehauche zu übertreiben.
Piotr Beczala war das Publikum weniger hold. Er hatte offen gesagt ein paar Momente, wo seine Stimme nicht wirklich frei schwingen konnte, er sich hörbar anstrengte, aber bewältigte andere Stellen mit der tenoralen Strahlkraft, die man von ihm gewohnt sein kann. Auch spielte er gut, vom flammenden heimlich Anbetenden zum bis über beide Ohren verliebten Hausmann, unbeherrschten Eifersüchtigen und schlussendlich zum eher reservierten, aus Pflichtgefühl Zurückkehrenden, der schon in der Tür steht, als Violetta stirbt.
Zeljko Lucic mag ja etwas zu jung für den Giorgio Germont sein, besitzt aber eine wunderschöne Stimme - daher ist der Rest für mich nebensächlich. Auch er scheint nicht wirklich bestürzt zu sein, als er sieht, was er Violetta angetan hat. Eher sorgt er sich um die Familienehre, als er Alfredo auf Floras Ball in die Schranken weist.
Vom Ensemble erwähnenswert wäre noch Mara Zampieri, die zwar nur wenig zu singen aber sehr viel zu spielen hatte und schon allein durch ihre farbenfrohe Frisur eine Ablenkung von den üblichen zugeknöpften, farblosen Anninas bot. Ihre Stimme setzte sie sehr klug im mezza voce ein, sodass das Publikum nicht gezwungen war, sie nur ob ihrer vergangenen Taten zu bejubeln.
Angeblich ist ja einiges schiefgelaufen, Damrau ist zum Beispiel zu ihrem Auftritt am 2. Ball nicht rechtzeitig gekommen und das Orchester musste alleine spielen - das ist mir erst aufgefallen, als ich es im Internet gelesen habe, gestern Abend dachte ich "Oh, schönes Oboen-Solo!" :wink
Beczala hat übrigens verlautbart, an der Scala nach der Traviata nicht mehr singen zu wollen. Also Scala und Tenöre passt anscheinend schlecht zusammen..
lg, Hyacinth :hello
Severina (09.12.2013, 00:01): Liebe Hyacinth,
da haben wir gestern ziemlich ähnlich empfunden, mit der Ausnahme, dass ich Beczala diesmal seine Figur absolut nicht glaubte bzw. er mir nicht vermitteln konnte, wie sein Alfredo wirklich tickt.(Ich habe ihn schon in anderen Inszenierungen als Alfredo erlebt und weiß, dass er es generell kann!) Aber wenn der Regisseur dem Liebespaar ganz offensichtlich jeden Körperkontakt verweigert, ist es sicher schwer, glaubhaft Leidenschaft zu mimen.
lg Severina :hello
Amonasro (09.12.2013, 00:02): Ich kann Severina und Hyacinth eigentlich nichts mehr hinzufügen; ich habe die Aufführung ähnlich empfunden.
Die Inszenierung war langweilig, nicht immer schlüssig; ganz so schrecklich wie das Publikum fand ich sie aber nicht: Manche Aspekte waren gelungen (z.B. der Diener und das häusliche Ambiente im 2.Akt), andere ziemlich fad (Duett Giorgio-Violetta, der Schluss). Die Sänger waren glücklicherweise stimmlich in guter Verfassung, sodass man die Aufführung wenigstens vokal genießen konnte. Dies gilt auch für Beczala! Lucic wirkte sehr unbeteiligt.
Insgesamt war der Abend zwar nicht verschwendet, aber so richtig gelohnt hat es sich auch nicht.
Gruß Amonasro :hello
Hyacinth (09.12.2013, 00:22): Liebe Severina,
auch ich habe dir wenig hinzuzufügen (wir haben wohl zeitgleich geschrieben, sonst hätte ich nicht nochmal so ausführlich mehr oder weniger dasselbe von mir gegeben :wink). Ich fand überhaupt, bei allen Charakteren, nichts, was einer einheitlichen Personenführung und Charaktergestaltung nahekäme (und das lag sicher nicht (nur) an den Sängern, denn Diana Damrau weiß normalerweise ihre Rollen stimmig rüberzubringen). Das mit dem Körperkontakt ist mir jetzt erst aufgefallen, als du es geschrieben hast! Aber es stimmt. Im ersten Akt ist nichts, im zweiten ein Bussi beim Teig kneten und das wars. Obwohl ich den Ansatz, dass die beiden im 3. Akt praktisch permanent aneinander vorbeisingen und sich nichts zu sagen haben schon spannend finde...
Ich war ja vorhin schon fast traurig, dass ich nicht hinfahren konnte aus Zeitgründen, aber jetzt bin ich froh, dass ich mir das Geld gespart habe. Denn Damrau wird, so hoffe ich, auch einmal in München oder Wien ihre Traviata singen!
lg, Hyacinth :hello
Jussi (09.12.2013, 15:39): Ich habe in den 2. Akt reingeschaltet und war einigermaßen entsetzt! Da kam ja - bis auf eine schöne Stimme der Damrau - emotional gar nichts rüber. Euren Kritikpunkten kann ich nur zustimmen! X(
stiffelio (09.12.2013, 18:56): Ich habe mir diese TRAVIATA gestern auf arte liveweb angesehen und exakt das Gefühl gehabt, das Severina mit diesem Satz beschreibt: Noch selten hat mich eine "Traviata" so wenig berührt wie diese, ja, zum ersten Mal waren mir alle drei Hauptpersonen gleichermaßen unsympathisch, ohne dass ich das anders als aus dem Bauch heraus begründen könnte. Bis ich eben eure Kommentare gelesen habe, dachte ich allerdings, das läge an meinem Unvermögen :ignore. Die TRAVIATA zählt nicht zu meinen Lieblingsopern, aber ich beginne mich zunehmend mit ihr anzufreunden. Weil alle Hauptpersonen für meine Ohren wirklich gut gesungen haben und ich auch an der Regie nichts wirklich Greifbares auszusetzen hatte, hielt ich es für mein spezielles Unvermögen, mich in diese Aufführung einzufühlen. Aber damit scheine ich ja nicht ganz alleine zu sein....
Es gab allerdings eine Szene, die mir richtig gut gefallen hat: das Finale vom 2. Akt, besonders der Beginn mit den Zigeunerinnen und Stierkämpfern, den ich bisher nie ganz verstanden habe. Dass diese Szene hier dazu dient, Alfredo zu mobben, fand ich sehr stimmig und gut gemacht. Beczala hat hier richtig gut gespielt und das ging bis zu der Stelle, wo er Violetta das Geld vor die Füße wirft. Danach fand ich die Regie wieder nicht so stimmig bzw. sie hat mich nicht mehr berührt. Aber abgesehen davon, dass ich Buhrufe generell nicht mag - die hat m.E. hier keiner verdient, auch nicht der Regisseur. Und die Sänger schon gar nicht!
VG, stiffelio
stiffelio (09.12.2013, 22:04): Original von Severina PS: Gegenfrage: Hat heute jemand auf ATV II den "Hamlet" von der MET 2010 mit Simon Keenlyside gesehen? Das war aufregendes MUsiktheater vom ersten bis zum letzten Ton :down :down :down :down!!!!!
Liebe Severina,
im Fernsehen gestern nicht (ich schätze, das ich ATV II auch mit Satellitenschüssel nicht empfangen könnte und unsere Wohnsiedlung ist nicht verkabelt), aber ich kenne diesen HAMLET von YT. Absolut großartig!!! aber ich bin mir nicht sicher, wieviel davon auf die reine Regie und wieviel auf den hier grandiosen Keenlyside und die sehr gut spielende Larmore als Königin zurückgeht. Man müsste diese Inszenierung mit einem anderen Hamlet sehen, aber gleichzeitig wäre es bitterlich schade darum. Hättet ihr (du und Giovanna) Lust auf einen Vergleich der DVD aus Liceu mit der MET? Mir schien, dass Keenlyside an der MET noch ein bisschen dicker aufträgt (schauspielerisch noch deutlicher, aber auch etwas weniger subtil), das habe ich bei seinem Marquis de Posa im Vergleich ROH/MET ähnlich empfunden.
VG, stiffelio
Severina (09.12.2013, 22:26): Liebe Stiffelio,
mir fehlt leider der Anfang, weil ich da noch im Zug gesessen bin, und konnte diesen "Hamlet" daher auch nicht aufnehmen. Ohrfeigen könnte ich mich, dass ich die Übertragung nicht im Vorfeld programmiert habe, aber ich dachte mir "Ich hab eh schon einen Hamlet mit Keenlyside, so anders wird der auch nicht sein!" Tja, ein Irrtum, denn ebenso wie Du fand ich seine Interpretation an der MET gereifter, intensiver, schlicht umwerfend! Ganz grandios die auch von Dir angesprochene Szene mit der Königin! Ich fürchte nur, ich habe mir nicht genug Details gemerkt, um ernsthaft in einen Vergleich einsteigen zu können, aber ich bete, dass eine DVD produziert wird!!!!
Wir werden durch ORF III und ATV II im Moment am Wochenende so zugedeckt mit klassischer Musik, dass mir immer wieder etwas durch die Lappen geht, denn Oper am Fließband halte ich schlicht nicht aus und meist fehlt mir dann auch die Motivation zum Aufnehmen, weil mein Festplattenreceiver fast voll ist und ich immer wieder Sachen löschen muss, bevor ich die Zeit hatte, sie mir anzuschauen :S
lg Severina :hello
Giovanna (10.12.2013, 18:19): Liebe Stiffelio,
prinzipiell hätte ich schon Lust, die Aufnahmen zu vergleichen, aber die Liceu-DVD habe ich noch nicht gesehen. Ich hab mal auf YT gestöbert und da eine Gesamtaufnahme gefunden. Die Qualität des Videos scheint zwar nicht so toll, aber ich schau mirs trotzdem mal an. Zudem muss ich zugeben, dass ich bei Hamlet eine absolute Anfängerin bin und die Oper noch so gut wie gar nicht kenne. Also müsst ihr mir etwas Zeit lassen, bis ich so richtig eingestiegen bin....
Viele Grüße Giovanna :hello
Schweizer (10.12.2013, 21:52): Liebe Mitforisten, ich war so eingespannt, dass ich erst heute mit eigenen Betrachtungen einsteigen kann. Auch ich war von dieser Traviata sehr enttäuscht, teilweise aus denselben Gründen wie ihr, vor allem aber weil ich, üblicherweise eher mit traditionalistischen Ansichten was Regiearbeiten anbelangt, von Herrn Tcherniakov, nach "seiner 100% schlüssig-ultramodernen Zürcher JENUFA" (ich habe mir letzte Woche eine der Reprisen-Vorstellungen nochmals reingezogen und fand sie auch beim zweiten Mal hervorragend, interessant, packend, unter die Haut gehend), schon sehr enttäuscht war. Dies umso mehr als schon im Vorfeld der Scala-Eröffnung über eine moderne Produktion spekuliert wurde … und nun ein dem italienischen Geschmack und dem konservativen St.Ambrogio-Publikum geschuldeter Kompromiss, der weder Fisch noch Vogel war, als Resultat herauskam. Meine Enttäuschung fusst also vornehmlich auf meiner Erwartungshaltung, weil ich eine moderne Traviata à la Decker erwartete.
Aber ich entdeckte auch interessante, neue Ansätze: 1) Annina, in einem sehr alten Opernführer meiner Grosseltern als Gesellschafterin erwähnt, ist nicht nur Dienerin Violettas, sondern ihre Vertraute, deshalb stets präsent. Ihre Präsenz war einerseits Mara Zampieri's Ausstrahlung, zurückhaltender Darstellung, aber auch ihrer Blickfang heischenden Frisuren wegen evident. Sie machte keine grosse Kiste daraus, spielte sich nie in den Vordergrund. Und trotzdem hat die Regie mit ihr in zwei Szenen Akzente gesetzt. Erstens zum Schluss des 1.Akts wenn Violetta in ihrer grossen Szene "E strano, ah forse lui, sempre libera" für ihr Hin- und Hergerissensein, für ihre Zweifel was sie nun tun soll eine Ansprechperson, in Annina einen fast unmerkbar kommentierenden Spiegel bekommt. Da hat die Regie bei mir gepunktet. Und zweitens in letzter Sekunde vor dem finalen Vorhang wenn Annina den beiden Germont-Waschlappen die Türe weist, ihnen weitere Peinlichkeit und/oder Heuchelei erspart. 2) Der ganze dritte Akt war trotz einigen Ungereimtheiten ungewohnt und sogar spannend: a) Violetta mal nicht schwindsüchtig, sondern alkohol-, eventuell sogar pillenabhängig (falls es nicht Schmerzmittel waren, die sie da in kurzen Abständen mit Alk runterspülte): dazu passte als Vorbereitung im ersten Akt die Sortiererei der Flaschen während des Duetts mit Alfredo. Da Alfredo, der in Tscherniakovs Sichtweise den ganzen Abend lang offensichtlich ein Unsympath mit weit entfernt vom uns geläufigen Rollenbild des Latin-Lovers ist (ohne dass es dem Regisseur gelungen wäre mir klar zu machen als was er ihn denn eigentlich sieht und einen schlüssigen Charakter hinzukriegen), fand ich auch sein linkisches Gehabe mit Blumenstrauss und Kartonschachtel zum ungewohnt negativen Alfredo passend (und ich spekuliere mal dass nebst dem ausgelassenen hohen C, einer suboptimalen Abendverfassung und der von der Regie gewollt unsympathische Alfredo ein Grund für die Buh's waren). Zum insgesamt positiven Resultat des dritten Akts, damit auf Grund des letzten Eindrucks die Aufführung einigermassen beim Publikum rettend, hat Diana Damrau ganz entscheidend beigetragen: sie hat endlich fast sämtliche ihrer Untugenden abgelegt und mit einem grandiosen, verinnerlichten "Addio del passato" den einsamen Höhepunkt des ganzen Abends gesetzt … und das gelang nur, weil sie mal praktisch nichts machte, endlich echt war, mit und aus der Musik heraus fühlte, litt, ausdrückte.
Ihre Kardinal-Untugend ist ihr dauerndes hyperaktives overacting: fast jede Phrase wird mit Händen, wildem Gestikulieren, Umherrennen verdoppelt und plus Mimik/Grimassieren gar verdreifacht. Beispiele gefällig: Violetta der ersten drei Bilder von A bis Z. Ich rede nun wirklich nicht den Rampenstehern und gerade ins Publikum hinaussingenden Opernsängern das Wort, aber was zuviel ist, ist zuviel, oder im Umkehrschluss: VIEL weniger, wäre VIEL mehr!!! (Und es soll mir niemand kommen, diese ihre Untugend sei von Tcherniakov inspiriert; nein, das ist leider Damrau pur, es störte mich bereits bei ihrer hochgelobten schizophrenen Dresdener Gilda neben JDF und Lucic, auch als hochschwangere Lucia in Berlin neben Calleja übertrieb sie masslos, zum umtriebigen Charakter der Zerbinetta in München ging es gerade noch knapp schadlos durch und zur Philine in der Genfer Mignon passte es, da sie dort ihrem Rollencharakter gemäss die Bravourarie "je suis Titania" als Diva-Einlage präsentieren durfte). Liebe Diskutierfreundinnen (Severina, stiffelio, Ingrid u.a.mehr), Ich wundere mich, dass ihr mit Eueren so klugen und differenzierten Analysen das überseht, entschuldigt und sie stets lobt. Denn ich habe auch stimmlich meine Einwände: Diana Damrau singt mit der Violetta klar über ihren stimmlichen Möglichkeiten: a) die Stimme hat mittlerweile bereits ein schnelles Vibrato wegen Überbelastung/Raubbau b) für den dramatischen Kulminationspunkt der Violetta, das "Amami Alfredo", hat sie eindeutig zu wenig Substanz, stimmliche Breite und deshalb war diese die stimmlichen Möglichkeiten der Sängerin testende Prüfung ungenügend, verschenkt. Dieses Minus an Stimme für dieses fordernden Phrasen wurde von ihr natürlich wieder mit Aktionismus cachiert, indem sie mit Fäusten Alfredo's Brust traktierte. c) Ihr Stimm-Timbre (Geschmacksache) ist für Verdi-Heldinnen zu hell, gleissend. Ich bin gewiss kein Netrebko-Fan und ich weiss, dass Vergleiche fast ausnahmslos hinken, aber Netrebko ohne hohes E und gelegentlichen Intonationstrübungen ist eine Violetta, Damrau mit hohem E und genauen Tonhöhen ist keine Violetta, sorry. Wo sind Euere Ohren geblieben, dass ihr diese Unzulänglichkeiten und ihre ungenügenden Stimmressourcen nicht hört? Zu ihrer Verteidigung: sie setzt sich stets zu 120% ein, sie gibt mehr als alles, leider eben zuviel. Sie hat eine gute Technik, ist eine überdurchschnittliche Sängerin. Nach all den barfüssigen Heroinen im Unterrock scheinen sich nun die Kostümbildner neuerdings darauf zu kaprizieren, die Titelheldinnen möglichst unvorteilhaft zu kleiden (Bsp: Nina Stemme in der Wiener Fancuilla und jetzt war Diana Damrau dran). Der Ausstatter gehört für diese Fetzen massakriert; als Violetta in Akt2 erstmals im ockerfarbigen Sack über die Bühne wuselte, hab ich sie erst gar nicht erkannt, da ich annahm, der Regisseur habe eine bedienstete Magd dazu erfunden.
Nochmals zurück zur Regie, einer mir völlig verquer kommenden, nicht plausiblen Szene: Alfredo hat mit "tutti a me…" Violetta soeben für ihre Kurtisanen-Dienste bezahlt, sie blossgestellt, sie beleidigt, erniedrigt … und was macht die Regie: sie muss auf ihn zugehen, kniet vor ihm nieder und versucht ihn zu berühren … erst rutscht er auf dem Stuhl von der Kante nach hinten, bei ihrem zweiten Versuch steht er mit abwehrender Handbewegung auf und flieht. Habt ihr eine Erklärung für die für mich völlig unverständliche Reaktion der gedemütigten Frau?
Lucic als Père Germont hätte ich beinahe zu erwähnen vergessen: na ja, gut gesungen jedoch wenig Persönlichkeit im Spiel; allerdings vermeinte ich von der Regie her eine leichte Bereicherung des üblich-einförmigen Rollencharakters als "Bösewicht" auszumachen indem er sowohl im dritten wie vierten Bild Empathie mit Violetta zeigte.
Mein Fazit: eine von der Regie her unbefriedigende Aufführung mit drei in verschiedenem Masse unbefriedigenden Hauptrollensängern. Aber es gab doch mindestens zwei-drei interessante Abweichungen von der Norm, die in einem durchgezogenen Konzept durchaus hätten inspiriert wirken können.
Gruss vom Schweizer
Fairy Queen (10.12.2013, 22:57): Lieber Schweizer, ich hatte Damraus wilde Gestik der Regieanweisung zugeordnet und andernorts bereits daran Anstoss genommen, denn mir ist das sehr unangenehm aufgefallen Für mich ist es wie für Dich ein Zeichen schlechten Schauspiels jede Gesangsaussage mit den Händen zu unterstreichen. Ich finde ebenfalls, dass Diana Damrau zwar eine vorzügliche Sängerin aber keine Violetta ist, auch wenn sie die Technik perfekt beherrscht und bereits das meine grosse Hochachtung fordert- wer kann das schon so gut????? Was mich an ihrer Violetta stört, ist der Mangel an "Schwindsucht" und Morbidität- sie singt so strahlend und gesund dass ich Schwieirigkeiten habe, ihr die Rolle abzunehmen. Ihre Stimme hat nicht die dunklen Farben der Palette noch die Fragilität an sich, die berührt und die andere Violettas von Natur aus mitbringen. Ich bin trotzdem voller Bewunderung für ihre Leistung. Leider ist durch die Inszenierung jeder Störfaktor noch doppelt und dreifach unterstrichen worden, so als habe man es darauf abgesehen, diese Figur der Kameliendame mit aller Gewalt zu konterkarieren. Das Entthronen von Ikonen mag gutes Recht eines Regisseurs sein, aber mich hat es abgestossen und emotional total kalt gelassen. Zu den Kostümen sage ich lieber ncihts mehr, sonst wird mir noch unterstellt, ich wolle nur schöne Kleider in der Oper sehen.... :D Aber wenn man bedenkt dass Dumas Kameliendame die eleganteste, raffinierteste und teuerste Kurtisane von tout paris war, dreht sich einem schon der Magen drum. Und das in Milano, der Stadt der Eleganz! Nee, da lob ich mir Paris und die Kostüme von Laurent Pelly. Eine sehr unerfreuliche Traviata, mir taten die Sänger eher leid. F.Q.
Severina (10.12.2013, 23:10): Lieber Schweizer, so weit sind wir gar nicht auseinander, denn auch ich fand den 3. Akt in Ansätzen interessant und bedauerte eben, dass Tcherniakov offensichtlich nicht den Mut (Unvermögen ist es wohl kaum) hatte, diese "Traviata" von Anfang an konsequent gegen den Strich zu kämmen. Nach zwei konventionell-langweiligen Akten konnte dann der Letzte für mich nicht mehr viel retten. Der Schluss, als Anina die beiden Germonts vor die Tür setzte, war wohl der stärkste Regieeinfall.
Ich begann meine Eindrücke mit dem Eingeständnis, dass mir in dieser Produktion alle drei Hauptpersonen gleichermaßen unsympathisch waren, keine mein Mitgefühl gewinnen konnte, und das war im Falle der Damrau natürlich auch eine Folge ihres hektischen Aktionismus, der mich im ersten Akt genervt hat. Auch ihr Vibrato blieb mir nicht verborgen, allerdings verlor sich das im Laufe der Aufführung - oder gewöhnte ich mich daran?
Im übrigen ist alles relativ: Meine letzten Wiener Violetas waren stimmlich derart fehlbesetzt - Der Gipfel: Natalie Dessay!!! - ,dass Diana Damrau dagegen wirklich eine Offenbarung war. Krassimira Stoyanova wiederum bot eine makellose vokale Leistung, blieb aber als Persönlichkeit allzu blass. Als Gesamtpaket würde ich ebenso wie Du Anna Netrebko bevorzugen.
lg Severina :hello
Schweizer (11.12.2013, 09:29): Liebe Fairy, ich verstehe Dich hier und andernorts (wo ich erst jetzt eben zum Nachlesen der Beiträge zur selben Aufführung kam) was Du zum Charakter der berühmtesten Pariser Halbweltdame, zu ihren Kleidern und zu Deinem Gesamteindruck, der dann für mich völlig logisch und nachvollziehbar zwiespältig ausfiel, ausführst. "wer kann das schon so gut" … Du erliegst offensichtlich wie viele andere dem schon seit Jahren herrschenden Damrau-Hype: technisch ist sie super, volle Anerkennung ohne Einschränkung, aber sie singt die Violetta an zu grossen Häusern (Partie-Début an der MET ein Irrsinn, jetzt die Scala und im 2014 einige Violettas an der ROH, der STOP München und Wien; bedenke(t) doch bitte woher sie stimmlich herkommt, genau wie Dessay vom Koloraturfach; sie hat mehr stimmliche Substanz als ND, klar entwickeln sich Stimmen weiter, werden runder, grösser, aber wenn sie sich in ein stimmintensiveres Fach begibt, doch bitte nicht gleich in den grössten Häusern. Darf ich an die "Hoffmann's Erzählungen" mit Villazon in München erinnern. Da sang sie eine fulminante Olympia (ihr ureigenes Fach), war aber der Antonia, die viel stimmintensiver ist, bei strengem Massstab auch nicht gewachsen. Aber auch da wurde von allen Seiten nur applaudiert. Möglich, dass ich ihr gegenüber überkritisch bin, weil mir ihr Overacting nicht liegt (aus diesem Grund habe ich mich um keine Karte bemüht als sie bei uns im vergangenen Mai die Violetta neben Pirgu/Petean in der x-ten Wiederaufnahme der schon uralten Flimm-Produktion sang). Fairy, es liegt mir fern ihr die Violetta abzusprechen, an einem kleinen Haus heute schon ja, an den grossen Häusern nein. Und um auf Deine oben zitierte Frage zurückzukommen: es gibt wahrscheinlich nur eine Handvoll Sängerinnen, die technisch die Violetta heute so gut bringen wie sie, aber zahlreiche, die das nötige Stimmvolumen dafür haben. Gruss vom Schweizer
PS/off thread: aus guter Quelle hab ich erfahren, dass Maria Agresta in Zürich in der Saison 2014/15 die Norma singen wird.
Schweizer (11.12.2013, 09:54): Liebe Severina, stimmt, wir liegen summa summarum nicht weit auseinander. Eine Szene, die Du bemängelt hast, fand ich aber von der Idee her gar nicht übel, nämlich als Père Germont in Akt2 auftaucht und Violetta ihm Tee serviert; sie will doch erst mal höflich sein, einen guten Eindruck machen als sie erfährt, wer da vor ihr steht, dass da der Vater ihres Lebenspartners hereingeschneit kommt. Das ergäbe für Violetta eine hervorragende Vorlage, schauspielerisch die Stimmung kippen zu lassen (in der Musik ist das sowieso vorhanden) wenn dieser Vater dann nicht nur die zeitliche, sondern die endgültige Trennung von Alfredo fordert. Bin einig mit Dir, dass so, wie es herüberkam, dieses Teetrinken zu gemütlich, es irgendwie falsch war.
Könntest Du mir bitte helfen was Du für eine Erklärung zum Aktschluss des Flora-Bildes hast, wie hast Du das empfunden? Ist das Masochismus, dass Violetta nach der Erniedrigung durch Alfredo auf diesen zugeht, vor diesem niederkniet? Ich bin da immer noch ratlos ... Gruss vom Schweizer
Fairy Queen (11.12.2013, 12:14): Lieber Schweizer, auch wenn ich deine Argumente gut verstehen kann, will ich mir als Nicht-Insiderin kein Urteil im Sinne: Diana Damrau kann die Violetta an grossen Häusern nciht singen" erlauben. Dazu fehlt mir das notwendige Sachverständnis und ich kenne ausser der Scala, BSO und WSO die Häuser nciht . Ich bin aber zugegebenermassen abgesehen vom Lied und Koloraturfach überhaupt kein Damrau-Fan, mir gefällt schlicht und einfach das Timbre nicht besonders. Aber ich bewundere ihr überragendes Können und freue mich, dass eine deutsche Sängerin es so weit gebracht hat- mit Fleiss, Talent und Arbeit :D Wieviele Violettas es in deinem Sinne heute gibt, weiss ich nciht, könntest du mal Einige nennen? Was Maria Agresta als Norma angeht ist das eine Super-Nachricht: m.E. ist sie dafür wie geschaffen und ich kann nur hoffen, dass diese Produktion dann nciht nur in Zürich bleibt Sie müsste übrigens auch eine tolle Violetta werden. :leb :leb :leb Liebe Grüsse FQ
Schweizer (11.12.2013, 12:30): Liebe Fairy, eine hast Du ja gleich selbst auf den Schild erhoben: Maria Agresta, völlig Deiner Meinung; eine andere, die mir spontan einfällt, ist Anja Harteros.
Allegra (11.12.2013, 13:26): Original von stiffelio Ich habe mir diese TRAVIATA gestern auf arte liveweb angesehen und exakt das Gefühl gehabt, das Severina mit diesem Satz beschreibt: Noch selten hat mich eine "Traviata" so wenig berührt wie diese, ja, zum ersten Mal waren mir alle drei Hauptpersonen gleichermaßen unsympathisch, ohne dass ich das anders als aus dem Bauch heraus begründen könnte.
Und ich empfand exakt das Gegenteil: mich hat selten eine Traviata so sehr berührt. Um die Inszenierung jetzt im Detail zu kommentieren fehlt es mir gerade leider an Gesundheit und ich möchte mir die Aufzeichnung nochmal genauer ansehen, ich habe jedoch den Ansatz so verstanden, daß beide, Violetta wie auch Alfredo sich gewaltig etwas vormachen. Sie will aus ihrem Milieu ausbrechen, da bietet sich Alfredo als der richtige Rettungsanker an. Und dass sie sich dann doch verliebt, schien eher dem Zufall zugerechnet. Er macht sich etwas vor und glaubt an die große Liebe, die tatsächlich nicht vorhanden war. Was einzig Papa Germont zumindest in Andeutungen erkannt hat. Sehr eindrucksvoll für mich die letzte Szene, als Alfredo auf die Uhr schaut, und wie auch sein Vater immer wieder Richtung Ausgang strebt, bis sie - endlich und erleichtert - hinausgeworfen werden. Blumen und Pralinen - tja, das wirkt genauso unwichtig und nichts sagend wie es sein soll. Die große Liebe beschenkt man anders … und nimmt sie vor allem in die Arme.
Gesanglich gefiel mir Diana Damrau mit zunehmendem Abend immer besser, den letzten Akt fand ich wie gesagt sehr berührend, nicht zuletzt aufgrund ihrer Leistung. Beczala sehe ich zwar weniger als den perfekten Alfredo, aber an seiner Darbietung kann ich nichts bemängeln. Die Buherei war blanker Blödsinn. Daniele Gattis Dirigat kam mir zweitweise etwas sehr gedehnt vor, hätte manchmal etwas spritziger sein können.
Teetrinken: Das habe ich nicht wirklich als falsch empfunden. Sie flüchtet förmlich in ein Leben, das vollkommen konträr zu ihrem bisherigen ist. Und dass sie sich nicht wirklich von dieser Vergangenheit lösen kann, zeigt nicht nur der Besuch Germonts auf, sondern auch die Violetta-Puppe, die immer wieder im Hintergrund auftaucht. Sie bemüht sich um (neue) Normalität: biederes Kleidchen mit Puschen, Häuslichkeit, und eben Teetrinken - man ist ja höflich.
Interessant, eure Beiträge zu lesen! Ich muss die Aufführung unbedingt nochmal sehen. Zum Glück lauert sie auf der Festplatte. :P
Schweizer (11.12.2013, 14:04): Liebe Allegra, ich finde Deinen Beitrag und Dein Gefühl was den Regieansatz anbelangt, sehr spannend: wenn ich mir das durch den Kopf gehen lasse, kann ich mir durchaus vorstellen, dass Tcherniakov in diese Richtung zielen wollte, nur fehlen mir dazu die visuellen Argumente im 1.Akt; vielleicht gab es sogar welche dafür, nur habe ich sie offensichtlich übersehen, weil ich nicht mit diesem Interpretationsansatz gerechnet habe? Ich meine, wenn ein Regisseur eine wahrlich andere, unübliche Interpretation anstrebt, müsste er doch den Betrachter klar auf diese Fährte ansetzen/locken... Deshalb Allegra meine Frage: wie, wann und anhand von welchen Interaktionen zwischen Violetta und Alfredo bist Du auf diese Idee gekommen, dass beide sich etwas vormachen … das würde mich brennend interessieren? Ich hoffe Du kannst/magst Dich trotz angeschlagener Gesundheit gelegentlich dazu äussern, ich wünsche Dir baldige gute Besserung. Gruss vom Schweizer
Severina (11.12.2013, 14:57): Lieber Schweizer,
Du nimmst mir das Wort aus dem Mund, denn genau das ist auch mein Einwand, dass Tcherniakov über einen interessanten ANSATZ leider nicht hinausgekommen ist, dass er diese Linie viel zu wenig konsequent von A bis Z verfolgt hätte, sodass sie eigentlich erst im letzten Akt deutlich sichtbar wird.
Auf mich wirkt Alfredo im ganzen ersten Akt nie wirklich verliebt, sondern eher so, wie ich es oben salopp angedeutet habe: Als ob er mit seinen Kumpels gewettet hätte, Violeta von ihrem Weg abzubringen, aber eben nicht aus echter Liebe oder Sorge, sondern mehr als interessantes Experiment. Er versucht kein einziges Mal, ihr wirklich nahe zu kommen, in seinen Abschiedsworten schwingt nichts mit, außer dass er halt jetzt geht, das "Perque?" klingt völlig neutral (also weder hoffnungsvoll, noch zornig, weil sich Alfredo gefoppt fühlt, wie das z.B. Araiza immer so eindrucksvoll vermittelt hat), "O Ciel, domani!" - da höre ich bei Beczala keinen Himmel, eher ein "Na, gut, dann halt bis morgen!" Einen stürmisch Verliebten, dem sich da eben ein Spalt der Himmelstüre aufgetan hat, stelle ich mir jedenfalls anders vor!
Aber auch bei Violeta erkenne ich kein Anzeichen, dass ihr die Worte Alfredos irgendwie nahe gehen, ein bisschen nervt er sie, ein bisschen amusiert er sie, und gerade deshalb ist die Verwandlung in das verhuschte Hausmütterchen des 2. Aktes so unglaubwürdig. Eben weil im 1. Akt NICHTS (zumindest für mich!) darauf hindeutet, dass das das Leben ist, wonach sie sich sehnt.
Zu Deiner Frage betreffend Floras Fest muss ich gestehen, dass ich dieses Bild mit einigen Unterbrechungen gesehen habe. Positiv aufgefallen ist mir zunächst, dass Violeta nicht wie üblich melodramatisch in Ohnmacht fällt, sondern völlig vernichtet auf einen Stuhl sinkt, mit leerem Blick vor sich hinstarrt. Das fand ich sehr eindrucksvoll. Sie ist emotional völlig am Ende, tiefer kann sie nicht mehr fallen, und dazu passt dann schon irgendwie, dass sie sich an Alfredo klammert wie an ihren letzten Rettungsanker. Ihre große Zeit als Edelkurtisane ist vorbei, das weiß sie, einer gutbürgerlichen Existenz steht ihre Vergangenheit im Weg, der Einzige, der schon einmal bereit war, darüber hinwegzusehen - aus welchen Motiven auch immer - war Alfredo. Warum also nicht auch ein zweites Mal? Nur ist Alfredo eben - wenn ich Tcherniakovs Konzept richtig verstehe - eben längst nicht mehr blind in Violetta verliebt, wenn er sie überhaupt noch liebt. In meinen Augen ist es viel mehr der verletzte Stolz, der ihn in die Konfrontation mit Duphol treibt. Das "Che bramate?" z.B. kann man auf viele Arten betonen (Auch wieder von hoffnungsvoll bis wütend), bei Beczala höre ich nur eine ziemliche Gleichgültigkeit heraus.
lg Severina :hello
Severina (11.12.2013, 16:01): Original von Fairy Queen Lieber Schweizer, auch wenn ich deine Argumente gut verstehen kann, will ich mir als Nicht-Insiderin kein Urteil im Sinne: Diana Damrau kann die Violetta an grossen Häusern nciht singen" erlauben. Dazu fehlt mir das notwendige Sachverständnis und ich kenne ausser der Scala, BSO und WSO die Häuser nciht . Ich bin aber zugegebenermassen abgesehen vom Lied und Koloraturfach überhaupt kein Damrau-Fan, mir gefällt schlicht und einfach das Timbre nicht besonders. Aber ich bewundere ihr überragendes Können und freue mich, dass eine deutsche Sängerin es so weit gebracht hat- mit Fleiss, Talent und Arbeit :D Wieviele Violettas es in deinem Sinne heute gibt, weiss ich nciht, könntest du mal Einige nennen? Was Maria Agresta als Norma angeht ist das eine Super-Nachricht: m.E. ist sie dafür wie geschaffen und ich kann nur hoffen, dass diese Produktion dann nciht nur in Zürich bleibt Sie müsste übrigens auch eine tolle Violetta werden. :leb :leb :leb Liebe Grüsse FQ
Liebe Fairy,
eine stimmlich perfekte Violetta ist für mich Krassimira Stoyanova - wunderschönes Timbre (satter und dunkler als die Damrau), strupende Technik. Aber leider leider mangelt es ihr an der nötigen Ausstrahlung für eine glaubhafte Kurtisane, und schwindsüchtig wirkt sie ebenso wenig wie die meisten ihrer Kolleginnen in dieser Partie. Wobei Violetta in dieser Inszenierung für mich ohnehin nicht an der Schwindsucht stirbt, sondern ein wesentlich komplexeres Krankheitsbild aufweist - eine Mischung aus psychischen und physischen Ursachen.
lg Sevi :hello
Schweizer (11.12.2013, 17:11): Liebe Fairy, natürlich kann sie die Partie an grossen Häusern singen (sie tut es gerade), aber es wäre weit klüger, sie würde damit noch etwas zuwarten. Gruss vom Schweizer
Schweizer (11.12.2013, 17:15): Liebe Severina, 100% d'accord was Stoyanova betrifft; ich habe A.Harteros vorgeschlagen, weil sie im selben Alter wie Damrau ist, Erfahrung mit der Violetta hat und das Mehr an Stimmsubstanz aufweist, das mir bei Damrau (aktuell noch) fehlt. Gruss vom Schweizer
stiffelio (11.12.2013, 20:22): Original von Schweizer Nochmals zurück zur Regie, einer mir völlig verquer kommenden, nicht plausiblen Szene: Alfredo hat mit "tutti a me…" Violetta soeben für ihre Kurtisanen-Dienste bezahlt, sie blossgestellt, sie beleidigt, erniedrigt … und was macht die Regie: sie muss auf ihn zugehen, kniet vor ihm nieder und versucht ihn zu berühren … erst rutscht er auf dem Stuhl von der Kante nach hinten, bei ihrem zweiten Versuch steht er mit abwehrender Handbewegung auf und flieht. Habt ihr eine Erklärung für die für mich völlig unverständliche Reaktion der gedemütigten Frau?
Hallo Schweizer,
meine persönliche Erklärung: hier hat Tcherniakov das Libretto ungewohnt wörtlich genommen. Denn was singt Violett an dieser Stelle? Nicht etwa: "Alfredo, du hast mich so gedemütigt, das kann ich dir nie verzeihen!", sondern (laut Operaguide-Übersetzung): "Alfredo, Alfredo, du kannst nicht die ganze Liebe dieses Herzens erfassen; du erkennst nicht, dass ich sie dir sogar um den Preis deiner Verachtung bewiesen habe! Aber der Tag wird kommen, an dem du es wissen wirst … Du wirst zugestehen, wie sehr ich dich liebte… Gott möge dich dann vor deinen Gewissensqualen retten, auch noch im Tode werde ich dich dennoch lieben."
Wenn ich nur diesen Text lese und mir dazu eine passende Gestik überlege, dann liegt eine vor Alfredo knieende Violetta gar nicht so fern. Der Knackpunkt: Violetta darf in einer 100%ig naturalistischen Inszenierung diese Worte natürlich NICHT direkt an Alfredo richten, denn sie lüften ja das Geheimnis, dass sie vor ihm verbergen will/soll. Deshalb singen in dieser Szene Alfredo, Germont und Violetta ihren Text üblicherweise jeweils als "Selbstgespräch". (Interessant ist freilich, dass zumindest das Libretto auf Operaguide hier nur für Alfredo und Germont die Anweisung "für sich" enthält, nicht für Violetta.) Ich denke, dass Tcherniakov aber Violetta hier so agieren lässt, wie es ihren Gefühlen entspricht, nicht, was sie realistischerweise tun müsste.
VG, stiffelio
Schweizer (11.12.2013, 22:21): Liebe stiffelio, ein grosses Dankeschön für Deinen auf einer Textanalyse basierenden Beitrag, der durch die Tatsache, dass opera-Guide für Violetta nicht das "Selbstgespräch" vorsieht, von Tcherniakov eins zu eins umgesetzt erscheint. Aber Deine logische Erklärung passt für mich nicht zum von der Regie präsentierten Geschehen in Akt 1 und 2, da sie sich ja nicht zu lieben scheinen, sondern beide einer Illusion nachleben, sich was vormachen? Mein Einwand richtet sich nicht gegen Dich stiffelio: in einer nach üblichem Schema ablaufenden Traviata würde das als Regie-Alternative zum ohnmächtig werden oder hinsinken bestens passen. Im vorliegenden Fall wären diese Äusserungen von Violetta jedoch völlig verlogen respektive unpassend. Severina's plausibler Interpretationsversuch scheint mir als Möglichkeit für das Gesehene schon eher zu passen, obwohl er mich auch nicht restlos überzeugt hat … ich muss darüber nachdenken und hoffen, dass Allegra's weitere Gedanken vielleicht bei mir den Zwanziger zum fallen bringen, zum besseren Verständnis beitragen, mir die Augen öffnen werden. Gruss vom Schweizer
Severina (12.12.2013, 00:00): Lieber Schweizer, restlos überzeugt mich bei dieser Inszenierung auch nichts, dazu ist alles zu halbherzig, zu unausgegoren, ohne klare Stoßrichtung. Ich hatte ein paarmal das Gefühl, als würde eine Türe einen Spalt geöffnet, aber bevor ich noch richtig sehen konnte, was sich dahinter verbarg, wurde sie mir auch schon wieder vor der Nase zugeknallt. Alles in allem eine ziemlich unbefriedigende Produktion und ärgerlich vor allem deshalb, weil mehr drin gewesen wäre, wenn...- aber da drehen wir uns im Kreis!
lg Severina :hello
stiffelio (12.12.2013, 11:11): Lieber Schweizer, Original von Schweizer Aber Deine logische Erklärung passt für mich nicht zum von der Regie präsentierten Geschehen in Akt 1 und 2, da sie sich ja nicht zu lieben scheinen, sondern beide einer Illusion nachleben, sich was vormachen?
Für mich wäre das kein zwingender Widerspruch, weil ein "Sich-Vormachen" und "echte Liebe" sich äußerlich ziemlich ähnlich sehen können, oder das "Sich-Vomachen" sogar auf stärkere Gesten setzen kann - man muss sich ja sozusagen mit Gewalt etwas vormachen. Mir schien es auch nicht so, als ob das in Gänze ein lügnerisches Spiel war, in dem Alfredo und Violetta sich gegenseitig bewusst in die Irre führen wollten - der treffendste Begriff, den ich bisher über diese Inszenierung gelesen habe, lautete "Ambivalenz". Und dazu passte die Gestik von Violetta gar nicht schlecht. Dennoch hat mir die Inszenierung nicht so gut gefallen, dass ich sie mir noch mehrmals würde anschauen wollen, um sie besser zu begreifen. Vielleicht ist das sogar das schlechteste Zeichen: dass sie in mir kein Verlangen weckt, sie entschlüsseln zu wollen :wink (womit natürlich nichts über ihren objektiven Wert gesagt ist).
VG, stiffelio
Schweizer (12.12.2013, 12:30): Liebe stiffelio, ich habe mir ebenfalls kurz überlegt, ob ich einen neuerlichen Anlauf machen soll, werde es aber wie Du bleiben lassen; einziger Anreiz wäre nochmals Akt1 genau unter die Lupe zu nehmen um, in Kenntnis was in Akt3 an interessanten Ansätzen geboten wurde, zu prüfen, ob und was ich dort allenfalls an Regiesubstanz übersehen haben könnte, was Herrn Tcherniakov's Arbeit eventuell schlüssiger erscheinen liesse. Nochmals merci für Deinen gestrigen Operaguide-Input, der für mich ein neues, interessantes Element zum Finale des dritten Bilds jenseits dieser halb garen Aufführung beisteuerte. Gruss vom Schweizer
Allegra (13.12.2013, 17:50): Lieber Schweizer, erstmal vielen Dank für deine Genesungswünsche – ich tue mein Bestes und fürs Schreiben braucht man ja keine Luft … Außerdem kann ich euch übers Internet nicht anstecken. ;-)
Ich hoffe, das geht mir nicht allzu konfus durcheinander, ich lasse die Aufzeichnung gerade noch einmal parallel mitlaufen.
Severina nimmt es ja vorweg: Alfredo wirkte nie richtig verliebt. Ja, genau, das ist doch der Punkt! Für mich sieht das aus wie eine Flucht, ein Sich-Verlieren in eine Art Traumwelt, will sagen: fast pubertär – nämlich eine Zeit, in der man sehr gern zu Tagträumen neigt und sich manchmal ein wenig in der Realität versteigt. Eine Wette möchte ich da nicht voraussetzen, aber ev. ein, wie du sagst, interessantes Experiment, das ihm aber aus den Fingern gleitet und sich verselbständigt. Er trifft auf eine Unnahbare, und zwar in jeder Hinsicht: für ihn persönlich (da sie ihren Stand kennt und von ihm nichts will) und gesellschaftlich-sozial, da eine solche Verbindung völlig illusorisch ist. Was durchaus den Reiz, genau diese Frau zu erobern, erhöhen mag.
Violetta: Schon zu Beginn, als sie vor dem Spiegel steht, wird deutlich, als was sie sich sieht – ein alternde und kranke Frau, die außer dem flüchtigen Vergnügen wohl nicht mehr viel erwarten kann im Leben. Sie zieht den ersten Ärmel hoch und dreht sich um, zum Publikum, zur Öffentlichkeit, mit einem Lächeln. Grandios – seht her, das zeige ich euch! Wie es in mir aussieht, geht niemanden etwas an. „Nur wer feiert, lebt!“ Alfredos Geste, Hände und Gesichtsausdruck als er vorgestellt wird: unsicher, ein bisschen peinlich berührt. Will er sich jetzt wirklich dieser Realität stellen? Er gibt wohlerzogen die Hand, worauf Violetta amüsiert reagiert. Auch diese ersten Blickkontakte – wie ein Schuljunge auf einer Party der Älteren, wo er eigentlich gar nicht hingehört. Was mach ich hier, wie komme ich aus dieser Situation wieder heraus? Bis sie sich ihm zuwendet und die Dinge ihren Lauf nehmen. Gaston ist es, der Violetta immer wieder auf Alfredos Verehrung hinweist (was ihm offensichtlich unangenehm-angenehm ist) und ihn zu einem Trinkspruch nötigt. Er ist brav, artig, wohlerzogen und leicht zu manipulieren in dieser verruchten Gesellschaft. Und das stellt Beczala glänzend dar. Stürmisch verliebt - ja, ist er das denn überhaupt? Alfredo bekennt, sie seit einem Jahr zu verehren – aber wie? Aus der Ferne, heimlich, voller hehrer Ideale von wahrer Liebe; und doch weiß er sehr genau, was sie ist, sie sagt es ihm ja auch noch ins Gesicht, aber .... Und allein ihre mimische Reaktion auf seine Bekenntnisse finde ich sehr aussagekräftig. Jetzt muss er da durch – und Alkohol hilft ja bekanntlich, also hoch die Gläser. Aber diese Ideale bleiben im Vordergrund so wie ihre amüsierte Ablehnung bestehen bleibt, was deutlich wird, als beide auf Stühlen sitzen und sie ihm gönnerhaft aufs Knie klopft. Das „Perque?“ klingt für mich erstaunt: Reagiert sie jetzt doch auf ihn, nachdem er erst geschlagen scheint? Offenbar. Ungläubiges „O Ciel, domani!“ hat mit großer Verliebtheit nichts zu tun, ich verstehe es als Erstaunen über ihre nun doch erfolgte Reaktion. Hatte er also Recht mit seiner Ansicht.
Wenn ich so weitermache, schreibe ich hier Romane, aber zumindest mal soweit.
Auf jeden Fall nehmen die Dinge ihren Lauf, Violetta geht auf ihn ein, und beide verlieren sich am Ende in einer jeweils ihnen eigenen Realität, die nicht unbedingt deckungsgleich sein muss: Alfredo in der Liebe, die sich angesichts ihrer Hingabe verselbständigt und in Fürsorge und biederer Häuslichkeit auf dem Lande äußert. Es wirkt auf mich alles so wohlerzogen. Violetta in der Liebe, die sich in Hingabe bis zur versuchten Selbstaufgabe und Selbsterneuerung (als Bäuerin und damit Flucht aus ihrem früheren Leben) zeigt – was aber nicht funktionieren kann, wie Papa Germont und die Puppe klar werden lassen. Wahre Liebe ist das nicht, sondern tatsächlich ein "Sich-Vormachen".
Stiffelio fasst meine Auffassung gut in Worte: „Für mich wäre das kein zwingender Widerspruch, weil ein "Sich-Vormachen" und "echte Liebe" sich äußerlich ziemlich ähnlich sehen können, oder das "Sich-Vomachen" sogar auf stärkere Gesten setzen kann - man muss sich ja sozusagen mit Gewalt etwas vormachen. Mir schien es auch nicht so, als ob das in Gänze ein lügnerisches Spiel war, in dem Alfredo und Violetta sich gegenseitig bewusst in die Irre führen wollten - der treffendste Begriff, den ich bisher über diese Inszenierung gelesen habe, lautete "Ambivalenz". Und dazu passte die Gestik von Violetta gar nicht schlecht.“
„Wahre“ oder „echte Liebe“ kann ich nirgendwo erkennen. Beide leben ihre ureigensten Sehnsüchte und/oder Träume aus, die am Ende der gegebenen Realität weichen müssen. Sie mögen durchaus Zuneigung empfinden, aber auf jeweils ihre eigene Art und ohne wirklichen Bezug zur Realität des anderen.
Für den dritten Akt werde ich mich gern nochmal mit der Aufzeichnung befassen.
Schweizer (14.12.2013, 15:29): Liebe Allegra, ich danke Dir sehr für Deine Ausführungen, die ich in Kenntnis dessen, was ich im letzten Bild gesehen/erlebt/selbst empfunden habe, in Erinnerung an Akt1 durchaus nachvollziehen kann, aber … selbst wäre ich nie darauf gekommen, da für mich nicht offensichtlich, zu wenig klar herausgearbeitet. Kommt dazu, dass die Musik, wenn es denn vom Regisseur so, wie von Dir beschrieben, gemeint war, nun wahrlich gegenteilige Gefühle ausdrückt. Und so versteige ich mich zum gewagten Gedanken, dass die Bildabfolge hätte geändert werden müssen, nämlich das letzte Bild als Einstieg; schliesslich haben wir schon oft Rückblenden/Träume und ähnliches mehr mit oder ohne Sinngewinn auf der Bühne erlebt. Ich vermute mal, dass mir Akt1+2 als Rückblende interessanter, wahrscheinlich sogar schlüssiger erschienen wären … aber das ist nun reine Spekulation. Nochmals lieben Dank mir auf die Sprünge helfen zu wollen. Gruss vom Schweizer
Florestan (19.03.2014, 09:11): Für alle Opernfreunde im Allgemeinen und die Strauss-Bewunderer im Besonderen gibt es noch bis zum 23.3. auf Arte die Produktion der Elektra vom Opernfest aus Aix en Provence 2013 zu erleben. Die Inszenierung stammt von Patrice Chéreau und als Sänger wirken mit:
Diese Aufführung ist grandios! Zum einen wegen der sehr eindrucksvollen Arbeit von Chéreau, die ohne Mätzchen und den üblichen Modernisierungsblödsinn auskommt, und zum anderen wegen der überragenden Leistung der Sänger, die auch schauspielerisch ihrer Rolle absolut gerecht werden. Hier ist insbesondere Evelyn Herlitzius zu nennen, die in der Elektra die Rolle ihrers Lebens gefunden zu haben scheint. Eine solche Urgewalt habe ich bis dahin noch nicht bei dieser Rolle erlebt. Sie verkörpert die extremen Stimungsschwankungen dieser Rolle perfekt, und bleibt ihr auch sängerisch nichts schuldig. Waltraud Meier als Klytemnästra ist ebenso überzeugend, und ihre Mimik passt bestechend zur Gemütsverfassung dieser Frau. Bislang galt die Darstellung dieser Rolle durch Leonie Rysanek, welche ich in Salzburg unter Maazel erlebt habe, für mich als Höhepunkt. Aber Frau Meier ist in der Kombination Stimme und Darstellung noch überzeugender. Mikhail Petrenko gibt einen eher zurückhaltenden Orest, mit sparsamen Gesten. Stimmlich passt es sehr gut zur gesamten Ensembleleistung, die wie aus einem Guss wirkt. Auch Adrienne Pieconka meistert ihre Szene vorbildlich, und wirkt durch das warme Timbre in ihrer Stimme absolut authentisch. Das Dirigat von Salonen passt sich den Sängern an wie ein Kostüm. Er vermeidet die allzu drastischen Orchestereffekte, und achtet auf den Gesamtzusammenhang. Dennoch dirigiert er da wo es angebracht ist mit der nötigen Dramatik und orchestralen Klangdifferenzierung (z.B. in der Szene Elektra-Klytemnästra). Wer ein aufregendes Opererlebnis sucht wird hier bestens bedient.
LG Florestan
palestrina (19.03.2014, 10:56): Hallo Florestan , mir hat das auch sehr gut gefallen, vor allem die Sänger Leistungen waren hervorragend ! Was mir nicht so zusagte ,war das die Bühne mir immer zu dunkel war und das viele hin und her gerenne . Ja die Szene mit Orest war sehr gut und hat eine große Spannung aufgebaut, gerade wegen des ruhigen verhaltens des Orest ! Grandios fand ich die Mutter/Tochter Szene, beide ergänzten sich aufs trefflichste !
LG palestrina
Severina (16.08.2014, 01:02): Man kann zum abstrusen Libretto des "Trovatore" stehen wie man will, aber eine gewisse Spannung kann man ihm nicht absprechen. Da passiert doch Hochdramatisches zwischen den vier Hauptprotagonisten, und daraus eine dreistündig zelebrierte Langweile zu machen, ist auch irgendwie Kunst. Allerdings war ich darauf vorbereitet, denn Alvis Hermanis hat mich auch als Theateregisseur noch nie überzeugt, warum also sollte ihm Oper besser liegen?
Dabei wäre die Grundidee, den Plot im Museum anzusiedeln und Leonores (der kleinen Aufseherin) Träume von der romantischen Welt der Troubadure Wirklichkeit werden zu lassen, gar nicht so schlecht (Wenn sie auch nicht neu ist, auch Konwitschny siedelte seine Grazer "Aida" in einer Galerie an, Laurent Pelly ließ seinen "Giulio Cesare" in einem Antikenkabinett spielen). Bloß genügt eine Idee alleine nicht, man muss sie auch umsetzen können, und das kann Alvis Hermanis nicht. Er verschenkt sämtliche Möglichkeiten, die dieses Konzept in sich birgt, und kaschiert das öde Rampensingen mit einer Parade berühmter Renaissancebilder, die ständig unmotiviert über die Bühne wandern, quasi als Kontrapunkt zu den statisch wirkenden Sängern. Eine derart hilflose Personenführung, sofern man das Herumstehen und Aneinander-vorbeisingen- und agieren überhaupt so bezeichnen kann, habe ich noch selten erlebt. Keine einzige Person gewinnt Profil, vermag zu interessieren oder gar zum Mitleiden anzuregen. Zumindest mich hat das, was da drei Stunden über den Bildschirm flimmerte, völlig kalt gelassen. Bei einigen Szenen fragte ich mich, ob das jetzt ernst oder als Parodie gemeint war, z.B. die gesamte Klosterszene, die an Spannungslosigkeit kaum zu überbieten war, dabei handelt es sich um einender dramatischsten Momente in dieser Oper. Aber wer das Libretto nicht kennt, wäre bei dieser Inszenierung kaum auf die Idee gekommen, dass es um Leben und Tod bzw. den Kampf zweier Männer um die von beiden geliebte Frau geht. Jeder singt vor sich hin, als höchstes der Gefühle werden ein paar Fäuste geballt, und schließlich gehen alle so geordnet und gemütlich ab, als hätten sie sich zu einem heiteren Picknick verabredet.
Leider kann auch der musikalische Part das szenische Desaster nicht kompensieren, denn gesungen wird mit Ausnahme von Anna Netrebko absolut nicht festspielwürdig. Zwar wurde mir an anderem Ort mein Unvermögen vorgehalten, die katastrophale Technik dieser Sopranisten zu erkennen, aber damit kann ich leben. Mir gefällt einfach ihr Timbre, mir gefällt der süffige "Sound" ihres Singens, und heute spürte ich bei ihr als Einzige des gesamten Ensembles so etwas wie Emotionen, wenn auch nur sehr schaumgebremst. Eine Anna Netrebko in Bestform war das nicht.
Francesco Melii kenne ich als ausgezeichneten Mozart- und Rossinitenor, wie man auf die unselige Idee kommen kann, ihn als Manrico zu besetzen, muss man Herrn Pereira fragen. Wobei er mir heute besser gefiel als bei der PR-Übertragung im Radio, als er die Stretta total verhaute. Heute riss ihm wenigstens nur ein Ton ab, doch merkte man trotzdem die Überforderung des Sängers mit dieser Partie.
Welcher Teufel Placido Domingo reitet, nach etlichen Baritonpartien nun auch den Conte di Luna vokal zu vergewaltigen, weiß nur er selbst. In den Ensembles nahezu unhörbar, stemmte und plagte er sich durch seine Soli und Duette, sein einst goldenes Timbre wirkte spröde und glanzlos. Warum einer der größten TENÖRE der letzten Jahrzehnte sein eigenes Denkmal derart beschädigt, ist wirklich unverständlich. Was mich am meisten frapppierte, dass Domingo auch als Persönlichkeit blass blieb. Sollte dieser Luna übrigens tatsächlich dieselbe Mutter wie Manrico gehabt haben, müsste dem ein biologisches Wunder zugrunde liegen, denn er wirkt wie der Großvater seines Bruders....
Ebenso miserabel empfand ich die Leistung der kanadischen Mezzosopranistin Marie Nicole Lemieux als Azucena. Sie konnte weder stimmlich und noch weniger darstellerisch die komplexe Persönlichkeit der Zingara vermitteln, verfügte auch nicht über das nötige Volumen, um die emotionalen Ausbrüche glaubhaft zu gestalten.
Daniele Gatti Dirigat passte sich der szenischen Langeweile an, auch aus dem Graben kam kein Feuerwerk, sondern bestenfalls ein paar Sternspritzer.
Mein Fazit: Wenn dieser "Trovatore" tatsächlich der Höhepunkt der heurigen Festspiele gewesen sein soll, wie uns die Medien seit Wochen einhämmern, dann gute Nacht, Salzburg!
Du schreibst mir aus vollem Herzen, alles stimmt und ist so richtig. :thanks
Das war keine Höhepunkt aus Salzburg :(, da sind mir ja Salzburger Nockerln noch lieber. :J :J
Liebe Grüße und Handküsse sendet Dir Dein alter Peter. :hello :hello
Zefira (16.08.2014, 10:33): Ich habe sie auch gesehen und hatte die gleichen Gedanken :D
Die Grundidee der Regie gefiel mir, aber diese Bilder-Herumschieberei fand ich furchtbar hektisch und unangenehm. Etwas weniger Bewegung in der Kulisse und dafür mehr bei den Sängern wäre Gold wert gewesen. Von den Sängern gefiel mir auch nur Anna Netrebko wirklich gut. Dass sie mit derart faden Partnern schauspielerisch nicht zur Höchstform kam, ist kaum verwunderlich. Schade um die Oper!
Billy Budd (16.08.2014, 11:16): Original von Severina Wer hat die Übertragung noch gesehen??? Ich nicht, aber ich scheine ja nix verpaßt zu haben. :cool Schön, daß wieder mehr Leben ins Forum kommt! Billy :hello
stiffelio (16.08.2014, 11:50): Liebe Severina und alle anderen,
ich möchte eine winzigkleine Lanze für diesen TROVATORE brechen. Vielleicht liegt es einfach nur an der unterschiedlichen Erwartungshaltung, denn in den hiesigen Rezensionen, die ich vorher gelesen hatte, wurde diese Inszenierung als derart öder Kostümschinken beschrieben, dass ich wirklich Null erwartet hatte. Anna Netrebko hat mir sehr gut gefallen, wie weit sie von ihrer Bestform entfernt war, kann ich nicht beurteilen. Placido Domingo hatte doch noch etwas mehr Volumen, als ich von einem >>70 jährigem erwartet hätte. Francesco Meli hatte mich noch nie vollständig überzeugt, daran gemessen gehörte das gestern zu dem Besseren, was ich von ihm bisher erlebt habe. Natürlich darf man seine dramatischen Ausbrüche nicht an Marcelo Alvarez messen, aber er hat aus der Not eine Tugend gemacht, indem er so viele schöne weiche Töne an geeigneten Stellen produziert hat, wie sie Alvarez vor lauter Kraft oft gar nicht hinbekommt. Bei einem dramatischen Sopran hätte mich das Vibrato von Marie Nicole Lemieux massiv gestört, durch ihre tiefere Tonlage kam das in meinen Ohren aber nicht so schlimm an. Bleibt die Inszenierung: wir sind und einig, dass die Grundidee gut war, man aber sehr viel mehr aus ihr hätte machen können. Ich hatte immer wieder den Eindruck, dass über die groben thematischen Bezüge hinaus (beim Trovatore wird das Bild eines Sängers gezeigt, bei der Brüdergeschichte eine Maria mit dem Jesuskind und einem zweiten geflügelten Jungen - soll das Johannes der Täufer sein? wo ist der tiefere Sinn??) sich Alvis Hermanis im wesentlichen an den Farbkompositionen orientiert hat. Das ist zwar optisch schön, war mir aber deutlich zu wenig. Ich halte es aber immerhin für möglich, dass da tiefsinnige Bezüge hintersteckten und ich nur zu blöd war, sie beim ersten Anschauen zu entschlüsseln :ignore. Das gilt auch für die stumme Sequenz vor der Finalszene, wo Frau Netrebko zunächt wieder im Aufseherkostüm steckt, bevor sie sich das Renaissancekleid anzieht. Leonora als eine Art modern gelesener Senta, die sich den Trovatore zurecht fantasiert und ihn retten will, als das Museum ausgeräumt wird? O.k., ein ausbaufähiger Gedanke, aber er wurde dann am Schluss nicht wieder aufgegriffen und versandete damit. Außerdem, was soll an tiefsinniger Quintessenz dahinterstecken? "Der Trovatore ist nur eine alte Geschichte, etwas fürs Museum, mehr steckt nicht dahinter"? Ich schließe nicht aus, dass mir jemand diese Inszenierung so erklären könnte, dass sie für mich Sinn macht, aber ich erwarte es nicht. Aber immerhin war mein Vater, der die Sendung auch gesehen hat, völlig begeistert, so dass es offenbar doch auch das "richtige" Publikum für diese Aufführung gibt (auch jenseits von den dusseligen Interviews der Moderatorin). Und immerhin (auch wenn das natürlich nicht den Kern einer Aufführung ausmacht) waren es wirklich schöne Kostüme, die zu den Sängern gut gepasst haben, anders als z.B. in der letzten TRAVIATA an der Scala. Ich habe die Sendung durchgehalten und mich weniger gelangweilt, als ich es erwartet hatte :wink.
VG, stiffelio
Severina (16.08.2014, 15:05): Liebe Stiffelio,
ich muss Dich enttäuschen, denn zumindest ich kann hinter diesem 0815-Gestentheater keinen tieferen Sinn erkennen, einen wirklich tiefen schon gar nicht. Ehrlich gesagt habe ich mich gestern bei der Übertragung so geärgert, dass ich auch nicht die geringste Lust verspüre, mich gedanklich noch länger damit auseinanderzusetzen, um vielleicht doch noch den einen oder anderen Regiebrosamen zu entdecken. Warum z.B. in erster Linie Madonnenbilder sinnlos im Kreis wandern mussten, wüsste ich auch zu gerne. Hermanis kann doch wohl im Ernst keine Parallele zwischen der Jungfrau Maria mit dem Jesuskind und Azucena und Manrico sehen??? Und Luna als Johannesknabe??? Wenn das wirklich so gedacht ist, braucht der Regisseur in mehr als einem Fach Nachhilfeunterricht!
Was die Sänger betrifft, darfst Du bitte nicht vergessen, dass wir gestern keine Übertragung aus dem Stadttheater Hintertupfing erlebten, sondern von den Salzburger Festspielen, die zumindest früher einmal mit dem Anspruch angetreten sind, die weltbesten Besetzungen aufzubieten. Wenn dieses zum Teilheillos überforderte Ensemble tatsächlich zur aktuellen Sängerelite gehört, sollte man vielleicht nicht so harsch urteilen, wenn landauf, landab die Kulturetats gekürzt werden.... Salzburg ist ganz gewiss kein Ausgedinge für Tenöre, die sich an Baritonrollen vergreifen, weil's in ihrem angestammten Fach nicht mehr klappt. Ich wage übrigens zu behaupten, dass in Hintertupfing ein derart mieser Luna von der Bühne gebuht werden würde.
lg Severina :hello
stiffelio (16.08.2014, 17:46): Liebe Severina,
keine Sorge, ich habe nicht erwartet, dass du dich in der Hoffnung auf tiefere Erkenntnisse nochmal in die Inszenierung versenkst - dafür ist meine Hoffnung zu gering, dass sich da etwas entdecken lässt :wink. Aber wenn ich wieder Erwarten etwas höre, was bei mir ein paar Groschen fallen lässt, melde ich mich nochmal.
VG, stiffelio
Severina (16.08.2014, 20:24): Original von peter337 Liebe Severina! :wink
Du schreibst mir aus vollem Herzen, alles stimmt und ist so richtig. :thanks
Das war keine Höhepunkt aus Salzburg :(, da sind mir ja Salzburger Nockerln noch lieber. :J :J
Liebe Grüße und Handküsse sendet Dir Dein alter Peter. :hello :hello
Lieber Peter,
ich freu mich, dass Du hier wieder einmal vorbeischaust! :D lg Severina :hello
Amonasro (20.08.2014, 20:58): Auch ich habe diese Aufführung im Fernsehen verfolgt und kann mich dem Gesagten nur anschließen. Die einzigen (kleinen) Lichtblicke waren Anna Netrebko, die mir zumindest stimmlich gefiel, und die Wiener Philharmoniker unter Daniele Gatti, die zwar die dramatischen Höhepunkte nicht immer packend genug, aber immerhin durchgehend solide darboten.
hat noch jemand gestern abend "Fierrabras" von den diesjährigen Salzburger Festspielen auf 3sat gesehen? Ich persönlich bin begeistert! :leb Einerseits von den grandiosen Sängern: Michael Schade als Fierrabras! Georg Zeppenfeld als Karl der Große!! und auch der Rest ist mit Julia Kleiter, Dorothea Röschmann, Markus Werba, Benjamin Bernheim und Peter Kálmán herausragend besetzt. Andererseits von dem gelungenen Spagat, den Peter Stein hier zwischen Kulissen und Kostümen, die an die Entstehungszeit erinnern (bzw. wie Oper damals aufgeführt wurde - dieses sperrig-pathetische Libretto ist vermutlich nur so einigermaßen erträglich), und moderner Personenführung vollführt.
Man kann die Übertragung unter http://www.3sat.de/mediathek/index.php?display=13&mode=play&obj=46433 noch 6 Tage nachsehen.
VG, stiffelio
Giovanna (05.10.2014, 12:42): Hallo Stiffelio,
ja, ich habe zumindest den Schluss noch anschauen können, davor hat leider ständig das Telefon geklingelt...
Das was ich dazwischen gehört und gesehen habe, hat mir auch sehr gefallen, besonders die Musik! :times10
Danke für den Tipp mit der Mediathek, da kann ich das Ganze in Ruhe nachholen und zur Not einfach "Pause" drücken :-)
LG Giovanna
Viola (05.10.2014, 13:33): Original von stiffelio Hallo Schubert-Freunde, Ich persönlich bin begeistert! :leb
Ich auch!! :down :down :down
Liebe Stiffelio, herzlichen Dank für diesen Link - da ich ein großer Freund dieser Oper bin, habe ich vor kurzem vergeblich nach dieser Aufzeichnung gesucht, von der ich in der Presse gelesen hatte (der ZEIT-Rezensent war auch sehr angetan).
Deine Eindrücke teile ich - bei dieser Aufführung stimmt einfach alles. Metzmacher vertritt Harnoncourt perfekt. Man sieht und spürt, wie ihn, und bei weitem nicht nur ihn, diese Musik begeistert. Ein Hochgenuss.
Herzliche Grüße Viola
stiffelio (06.10.2014, 20:18): Liebe Viola,
kann es sein, dass wir in dir einen der seltenen Fierrabras-Experten haben, der alle drei Aufnahmen - Wien, Zürich und Salzburg - kennt? Dann würde ich mich irrsinnig freuen, wenn du deine Eindrücke im neu eröffneten Fierrabras-Thread mit uns teilst. :leb In meiner Freizeit läuft hier "Fierrabras" inzwischen praktisch in Endlosschleife :D und ich bin immer mehr begeistert - übrigens inzwischen auch von Teilen der Guth-Inszenierung. Wer einmal herzhaft lachen möchte (ganz ohne Herablassung), der sehe sich die Minuten 46:50-48:40 in diesem Link an: "http://www.youtube.com/watch?v=EOmozTygAQc" (und auf diese Musik folgt dann die herrlich gefühlvolle Liebesarie von Eginhard!). Wunderbar!
VG,stiffelio
Viola (07.10.2014, 10:27): Liebe stiffelio,
nein, ein Fierrabras-Experte bin ich keinesfalls, nur ein Liebhaber dieser wunderschönen Musik. Mir hatte diese Abbado-CD ...
... vor vielen Jahren ein Freund als „Geheimtipp“ geschenkt – und mir ging es mit ihr wie Dir jetzt: ich habe sie in der freien Zeit praktisch jeden Tag gehört, immerzu. Die Melodien sind Ohrwürmer, find ich, kein Wunder, dass Ingo Metzmacher mitsang. (Ich glaube auch, die Bezeichnung „Singspiel“ trifft eher den Charakter der Werke, Opernliebhaber, die Dramatik wünschen, sind bei Schubert garantiert enttäuscht.) Es ist mir auch ziemlich egal, ob zum Genuss, wenn die Texte hinzukommen (so unerträglich find ich sie gar nicht, sie spiegeln die Zeit, von der sie handeln, und genau das stellt Peter Stein in der historischen Kulisse fantastisch dar - mag sein, auch ich bin hoffnungslos verstaubt und antiquiert, wenn mir solches gefällt, mich stört es aber nicht), wie Hanslick seinerzeit bissig anmerkte, ein kindliches Gemüt gehört. Kann sein :) Du sprichst von märchenhaft. So ähnlich sehe ich es auch.
Für mich zählt aber letztlich – und dadurch bin ich „falsch“ in der Opern-Unterabteilung des Forums, da eher einseitig gepolt – also für mich zählt in erster Linie die Musik. Bin kein Theatertyp, der eine Bühnen-Umsetzung zwingend braucht (und gar nicht der Typ, der sie studiert und analysiert - hier unterscheiden wir uns :wink), von daher bevorzuge ich auch eher (aber natürlich nicht nur) CDs als DVDs, obwohl das widersinnig ist, ich weiß, denn eine Oper ist nun einmal ein Bühnenwerk. Deshalb habe ich auch die beiden anderen Fierrabras-Inszenierungen nicht angeguckt – ich war mit meiner Einspielung wunschlos glücklich (bin es immer noch – und wenn ich glücklich bin, suche ich meist nicht weiter ...)
Bei der Salzburger Inszenierung sollte Nikolaus Harnoncourt dirigieren. Da ich seinen Sichtweisen allgemein und seinem Schubert insbesondere zugetan bin, er sich überhaupt sehr für die Schubert-"Opern" einsetzt (zudem: er dirigiert seiner festen Überzeugung nach nur Meisterwerke ...), ...
Was Du hier weiter oben und insbesondere im Fierrabras-Thread schreibst, kann ich nur Wort für Wort unterschreiben. Empfinde es ebenso. Was Salzburg betrifft. Die beiden anderen Inszenierungen kenne ich nicht. Mal gucken ... Aber da ich kein Freund von wie auch immer gearteten "Deutungen" bin, weiß ich noch nicht, ob ich Lust darauf hab. Peter Steins Inszenierungen liegen mir. Ich hab's gern "einfach" und verständlich. Ohne aufgesetzte Dramatik und ohne, dass sich eine selbstverliebte Regie vor das Werk (die Musik) schiebt.
Herzliche Grüße Viola
P.S. Vielleicht gefällt Dir auch diese Musik, von der Schubert schwärmerisch meinte, sie sei "unendlich schön":
stiffelio (07.10.2014, 20:23): Original von Viola Liebe stiffelio,
nein, ein Fierrabras-Experte bin ich keinesfalls, nur ein Liebhaber dieser wunderschönen Musik. ... Deshalb habe ich auch die beiden anderen Fierrabras-Inszenierungen nicht angeguckt – ich war mit meiner Einspielung wunschlos glücklich (bin es immer noch – und wenn ich glücklich bin, suche ich meist nicht weiter ...)
Liebe Viola,
dennoch ganz lieben Dank, dass du nochmal geantwortet hast :thanks
VG, stiffelio
stiffelio (08.12.2014, 00:01): Klaus Florian Vogt (Florestan) Anja Kampe (Leonore) Peter Mattei (Don Fernando) Falk Struckmann (Don Pizarro) Mojca Erdmann (Marzelline) Kwangchul Youn (Rocco) Florian Hoffmann (Jaquino)
Dirigent/-in: Daniel Barenboim Inszenierung: Deborah Warner
Wow, ich bin noch ganz erschlagen. Von Deborah Warner hatte ich mir eigentlich eine traditionellere Inszenierung erwartet. Wobei - Regietheater war das eigentlich nicht, FIDELIO wurde "nur" kostüm- und ausstattungstechnisch in die Gegenwart übertragen. Ort eher unbestimmt, aufgrund einiger Schwarzafrikaner unter den Gefangenen würde ich ihn am ehesten in den USA verorten. Ein bisschen war es eine Mischung aus der Bernstein-DVD in deren Lebendigkeit und Ernsthaftigkeit (deren Intensität wurde m.E. aber dann doch nicht erreicht) und der MET-DVD in der Inszenierung von Flimm in ihrem Gegenwartsbezug, jedoch völlig ohne deren oft spielerische, manchmal bissige Ironie. Durch den konsequenten Gegenwartsbezug wurde es ein überdurchschnittlich burschikoser und unpathetischer FIDELIO. So etwas funktioniert vermutlich nur mit einer derart erfahrenen und hochkarätigen Sängerriege, wie sie hier zur Verfügung stand, denn es ist m.E. äußerst schwer, Oper allgemein und insbesondere FIDELIO überzeugend burschikos zu spielen. (wie gründlich es danebengehen kann, ist für mich in der DVD mit Diener und Sacca in leidvoller Erinnerung). Wenn etwas dabei ein bisschen auf der Strecke blieb, dann war es für mich die Innigkeit; ich hätte mir etwas mehr Finesse in der psychologischen Führung von Leonore und Florestan gewünscht. Aber man kann eben nicht alles gleichzeitig haben.
Wenn Struckmann abgesungen ist (Zitat von palestrina aus dem Termin-Thread), wurde evtl. tontechnisch nachgebessert, denn weder bei ihm noch bei den anderen Sängern hatte ich von Volumen oder Durchschlagskraft her etwas auszusetzen, mir ist auch kein Wobble o.ä. aufgefallen. Kampe glänzte vor allem in ihrer großen Arie, deren Tücken sie scheinbar mühelos bewältigte. Meine Vorliebe für Vogt ist bekannt, aber auch wenn ich versuche objektiv zu bleiben, hat er seinen großen Auftritt am Anfang vom 2. Akt ebenfalls sehr gut gemacht. Sehr viel Gelegenheit, danach noch groß aufzutrumpfen, hatte er (m.E. regiebedingt) danach nicht mehr. Insgesamt bin ich aber sehr froh, ihn endlich mal als Florestan erlebt zu haben. Mattei als Minister passte perfekt in das Inszenierungskonzept: den Minister erfolgreich (und mit bekannter stimmlicher Großartigkeit) vom dicksten Pathos zu befreien konnte vermutlich nur ihm so gelingen. Youn, Erdmann und Hoffmann haben ihre Sache für mich sängerisch sehr gut und darstellerisch überzeugend gemacht, ohne absolut grandios zu sein.
Das war jetzt nur ein allererster, noch weitgehend unreflektierter Eindruck. Ich werde mir diesen FIDELIO sicher noch öfter ansehen, er soll einen Monat lang auf arte concert abrufbar sein (ich nehme an, ab morgen unter diesem Link: "http://concert.arte.tv/de/beethoven-fidelio-barenboim-scala-mailand"). Viola, wie hat es dir gefallen? Und wer hat ihn sonst noch gesehen?
VG, stiffelio
Zefira (08.12.2014, 09:07): Mein Mann hat aufgezeichnet; ich werde es mir in den nächsten Tagen anschauen - sofern ich die Ruhe dazu finde. Danke einstweilen für die Eindrücke, die machen neugierig!
Viola (08.12.2014, 09:14): WOW! Stand das nicht auch auf Jaquinos T-Shirt, ganz groß?
Liebe stiffelio,
hier kurz meine Eindrücke, auch spontan. Insgesamt eine sehr schöne Aufführung einer meiner Lieblingsopern, bis zur Pause war ich sogar hellauf begeistert - vor allem vom feinen Humor der Haus-(Arbeits-)-Szenen, Jaquino zwar ein wenig blass, Marzelline dafür desto köstlicher (bildschöne Frau, aber auch gute Sängerin und Darstellerin), Leonore und Rocco fand ich großartig (vor allem auch stimmlich - hier unterscheiden wir uns in der Einschätzung ein wenig).
Nach der Pause hatte die Aufführung für mich ein paar Längen, am Musikalischen lags glaub ich weniger (Barenboim wurde zu recht bejubelt, ein exzellentes Dirigat), ein Punkt - wie Du's auch empfunden hast - war sicher die etwas distanziert wirkende Eheleute-Beziehung, ihr dargestelltes Verhältnis passte nicht so recht zum Opernstoff (vielleicht wars beabsichtigt?). Zum anderen aber - und hier unterscheiden wir uns wohl doch: also dieser Florestan hat mich ... völlig, rundum enttäuscht. Für mich hat er eine eher "schwache" (schlanke?) Stimme, (ich hatte noch Siegfried Jerusalem im Ohr, dessentwegen ich mir den Leipziger Fidelio zugelegt hatte), aber auch im Darstellerischen, er konnte mich nicht überzeugen, nicht im Ansatz. (Hier ist Jonas Kaufmann in der Harnoncourtschen Aufführung meiner Ansicht nach unübertroffen. Also in der Rolle des Gefangenen, dem man Kerker-Leid und Befreiungs-Glück abnimmt. Stimmlich ohnehin um Welten besser als Vogt, also in meinen Ohren jedenfalls ...) Struckmann, nicht schlecht, überragend aber auch nicht. Hat seine Sache gut gemacht, denk ich, "abgesungen" empfand ich ihn nicht.
Höhepunkt des Abends war für mich Anja Kampe, die ich noch nirgendwo je gehört oder gesehen hatte. Unglaublich klare, strahlende, ausdrucksstarke Stimme. Ein Hochgenuss, sie zu hören. Leonore und Rocco :down (und natürlich Barenboim plus Orchester, wobei, die herrliche Solo-Oboe, wegen der allein schon ich die Masur-CDs ständig wieder auflege, die vermisste ich irgendwie auch) - der Beifall des Publikums entsprach dem meinen ziemlich genau.
Herzliche Grüße Viola
Nachtrag: Habe gerade ein wenig zu Anja Kampe nachgelesen. Sie stammt aus dem Thüringer Wald. :) Und, sie stand schon mit Jonas Kaufmann gemeinsam auf einer Fidelio-Bühne. Schade, dass sie ihren Gatten diesmal tauschen musste ... Aber klar, bestimmt bedauern das nicht alle Opernfreunde in gleicher Weise.
palestrina (08.12.2014, 15:01): Hallo zusammen !
Als erstes muss ich sagen F.Struckmann war besser als ich ihn 4x gehört habe , aber nicht gut , in den Ensembles hat man ihn kaum gehört !
Frau Gerlach ist zum davonlaufen ! :D
Insgesammt fand ich die Aufführung bis Ende des 1ten Aktes sehr gut , besonders A.Kampe war sehr beeindruckend . :down und auch Mojca Erdmann war eine bezaubernde Marzelline. Mit der Stimme von Kwangchul Youn kann ich pers.nicht viel anfangen. Und der junge F.Hoffmann war gut , aber etwas von der Regie vernachlässigt ! Peter Mattei war ein strahlender Minister, aber auch da wäre die Regie mehr gefordert gewesen, als immer mit ausgebreiteten Armen herumzulaufen ! Nun zu KFV ,nein nein nein, das war ein Florestan der 2 Jahre im Kerker verbrachte und die Stimme sehr darunter gelitten hat :I ! Und das schrecklichste , bei "Oh Namenlose Freude" stand einer links und der andere rechts , hatten die sich nichts mehr zu sagen , oder warum hat Leonore das alles auf sich genommen? Der 2te Akt ging für meine Begriffe ganz schön in die Hose . ?( Mir fehlte irgendwie der gesammte Enthusiasmus beim Schluss , etwas mehr Wahrheit und nicht so künstliche Bewegungen, das erinnert mich imner an Inszenierungen bei der die Regie nichts mit dem Chor anzufangen weiß ! Und nun zum Orch.u.D.Barenboim , ja fand ich gut , z.T. mir etwas zu schnell , aber er war sehr um Differenzierung bedacht und hat die beiden großen Arien sehr gut begleitet! Man merkte auch dass er Vogt sehr unterstützt hat bei seiner Arie !!
Also im großen und ganzen ein z.T.gelungener Fidelio ! S.o.ein gelungener 1. Akt .
LG palestrina
stiffelio (08.12.2014, 15:57): Liebe Viola, WOW! Stand das nicht auch auf Jaquinos T-Shirt, ganz groß? Da hast du recht, das war mir gar nicht mehr bewusst. :J An Vogt scheinen sich echt die Geister fast so zu scheiden wie an Kaufmann. Ist schon etwas verrückt, dass ich beide so gern mag. (OT: Gibt es eigentlich noch jemand hier im Forum, der beide toll findet?) An der Regie schälen sich bei mir jetzt hauptsächlich zwei Kritikpunkte heraus: der eine ist das, was du Distanziertheit zwischen Leonore und Florestan nennst. Die ist mir auch sauer aufgestoßen, ich bin aber mittlerweile sicher, dass das nicht an den Sängern liegt, sondern Absicht von der Regie ist. So weit entfernt, wie Kampe und Vogt beim "o namenlose Freude" stehen, ist das sicher nicht auf deren beiden Mist gewachsen. Was damit gezeigt werden soll, bin ich mir nicht sicher. Dass beide nach der Rettungsaktion noch zu stark unter Schock stehen, um sich gleich in die Arme zu fallen? Dass zwei Jahre Trennung eine zu lange Zeit ist, um sie sofort überbrücken zu können? Es liegt ja echt so etwas wie Schüchternheit in ihrer zögerlichen Annährung. Oder ein "Einfrieren der Echtzeit", analog zum Quartett "Mir ist so wunderbar"? (Dazu passt dann aber spätestens das "Du bist's!"-"Ich bin's!" leider nicht mehr so recht.) Der zweite Punkt ist die recht unverblümte Andeutung, dass Pizarro beim Fluchtversuch erschossen wird. Diese "Lösung" mag ich generell nicht, aber hier fand ich sie besonders störend (wenngleich optisch nicht schlecht umgesetzt), weil es überhaupt niemanden zu kümmern scheint und das für mich nicht zu den dargestellten Charakteren passt. Sind die wirklich alle so abgebrüht, dass niemand auch nur zusammenzuckt? In Zürich mit Kaufmann passte das wenigstens noch ganz gut zum Rest des Konzeptes. (Da du diese Inszenierung bezüglich Florestan selbst als Vergleich herangezogen hast, rein interessehalber eine Nachfrage: dass Kaufmann mehr Traumatisierung durch die Haft zeigt als Vogt, darin sind wir uns einig. Aber mehr Glück nach der Befreiung? Wo siehst du bei Kaufmann Glück, wenn man mal von der kurzen Umarmung mit Nylund ganz am Ende des Freude-Duetts absieht?)
Dass Youn den Rocco stimmlich sehr gut bewältigt hat, darin sind wir uns einig. Für das Prädikat "grandios" fehlte mir eine Prise Ausdruck. Ich hätte gerne den Gewissenskonflikt von Rocco und sein Durchringen zur Zivilcourage noch deutlich herausgearbeitet gesehen. Nicht klar war mir z.B., was Rocco im Handgemenge von Leonore und Pizarro mit der umgedrehten Schaufel vorhat. Will er Leonore niederschlagen oder Pizarro? Oder sich nur selbst verteidigen? Spannend und gut gemacht fand ich die Andeutung, dass Rocco ein Alkoholproblem hat. Das deutet seinen Konflikt natürlich an, blieb mir aber etwas zu diskret. Als er Pizarro nach dem Freigang der Gefangenen entgegentritt, wirkt weder Pizarro sonderlich gefährlich, noch Rocco besonders erschreckt. Das hat Polgar in Zürich und Salzburg eindrucksvoller hinbekommen und Jungwirth an der WSO ebenfalls. Natürlich kann das aber rein an der Regie gelegen haben, die starkes Nach-Außen-Kehren innerer Gefühle nach meinem Eindruck weitgehend gemieden hat.
Freilich ist das alles sowieso Meckern auf sehr hohem Niveau und ändert nichts daran, dass ich diesen FIDELIO immer noch sehr sehenswert finde. Ein toller Effekt war z.B., als Florestan durch die Handlampe von Pizarro völlig geblendet wurde. Und ein für mich neuer Einfall, dass Pizarro Leonore am Ende der Kerkerszene die Pistole entwindet, die sich dann als Attrappe(?) herausstellt. Oder auch, dass Pizarro beim Minister zunächst ganz harmlos und unwissend tut. Da hat dann Rocco einen effektvollen Auftritt, als er die Eintracht der beiden stört.
VG, stiffelio
P.S.: Lieber palestrina, deinen Beitrag hab ich eben erst gesehen und muss ihn erstmal sorgfältig studieren. Aber hierbei Frau Gerlach ist zum davonlaufen ! kann ich dir spontan aus vollstem Herzen beipflichten. :ignore
palestrina (08.12.2014, 16:51): Hallo Stiffelio, ja ich fand schon mal beide gut, aber als KFV anfing Kaufmann nachzueifern da war es vorbei, es gibt soviel was er singen könnte, seine Stimme ist einfach kein Heldentenorstimme , oder sagen wir einmal er muss noch an sich arbeiten . Windgassen z.B. war auch kein HT , aber er wusste es mit seiner Technik auszubügeln !
LG palestrina
Schweizer (08.12.2014, 16:51): Liebe stiffelio, vorausschicken muss ich, dass ich auf Grund eines Familienanlasses mich erst ab der Pizarro-Arie in die Scala-Übertragung einschalten konnte. Als Folge davon kann ich mich zu den Sängern Marzelline und Jacquino schlicht nicht äussern, da sie ja nur im Spielopernteil zu Beginn der Oper substanziell was zu singen haben.
"Wow, ich bin noch ganz erschlagen." … von was wohl, von der kaum existierenden Personenregie, von der Inszenierung, von den Sängern, vom Dirigat?
Ich gehe mit folgendem Teil Deiner Einschätzung zur Regie einig: "Von Deborah Warner hatte ich mir eigentlich eine traditionellere Inszenierung erwartet. Wobei - Regietheater war das eigentlich nicht, FIDELIO wurde nur kostüm- und ausstattungstechnisch in die Gegenwart übertragen.", wobei ich Dein "traditionellere" auf traditionell korrigieren möchte und denke, dass Du das auch so gemeint hast?
Zum Glück outest Du Dich im folgenden "meine Vorliebe für Vogt ist bekannt", denn andernfalls müsste ich annehmen ich hätte eine andere Übertragung als Du gehört. Ich traute meinen Augen kaum als ich beim ersten flüchtigen Überfliegen Deiner Ausführungen las: "So etwas funktioniert vermutlich nur mit einer derart erfahrenen und hochkarätigen Sängerriege, wie sie hier zur Verfügung stand" und "hat er seinen großen Auftritt am Anfang vom 2. Akt ebenfalls sehr gut gemacht. Sehr viel Gelegenheit, danach noch groß aufzutrumpfen, hatte er (m.E. regiebedingt) danach nicht mehr. Insgesamt bin ich aber sehr froh, ihn endlich mal als Florestan erlebt zu haben." … Klaus Florian Vogt ist kein Florestan, sondern wirkt wie ein kleiner Junge, der schüchtern vor dem Sankt Nikolaus steht, und ständig zweifelt ob er sein auswendig gelerntes Verschen auch fehlerfrei zu Ende bringt ohne sich aus lauter Schiss (vor der Partie) in die Hose zu machen! Eine Fehlbesetzung deluxe und mit deluxe meine ich nicht Luxusfehlbesetzung sondern eine krasse Fehlbesetzung (für eine Scala-Inaugurazione respektive jedes andere grosse Opernhaus mit dem Anspruch auf eine erstklassige Besetzung einer Neuproduktion), die Herr Lissner (und nicht A.Pereira) zu verantworten hat. Vogt's Stimme hat zu wenig Körper/Kern, hat so gar nichts Heldisches anzubieten und er ist mit seinem technisch zwar gut geschulten Organ auch unfähig Emotionen, im vorliegenden Fall das Delirieren in seiner Arie, die Wiedersehensfreude mit der Gattin oder im Schlussbild den Lobgesang auf seine heldenhafte Retterin "Wer ein solches Weib errungen", zu transportieren. Leider alles ungenügend und schaumgebremst! Hinweis/Beweis1: nach seiner Arie rührte sich (m.E. völlig zu recht) keine Hand; es gibt von der Partitur her die Möglichkeit für Applaus bevor es mit dem Auftritt Roccos und Leonores im Kerker weitergeht und auch Barenboim wartete ein Moment, weil er wohl dachte/hoffte dass da was kommt. Hinweis/Beweis2: bei den Soloverbeugungen bekam KFVogt, von der wie stets dummschwätzenden Frau Gerlach kaschiert, von den Hauptrollenträgern weit weniger Anerkennung als Kampe, Young oder gar Struckmann. Ich schätze die Publikums-Reaktion der Mailänder Prime-Besucher als gerecht/richtig ein.
Beim zweiten vertieften Lesen Deiner Kommentare zu Vogt ist mir klar geworden, dass Du (m.E. wahrscheinlich unbewusst) selbst an seiner Leistung zweifelst: wie anders ist es möglich, dass Du die Regie als Entschuldigung für seine farblos-unheldische Rolleninterpretation heranziehst. In diesem Zusammenhang möchte ich - nicht nur an Dich, sonder auch an Viola - anmerken, dass ich das "sich-nicht-in-die-Arme-fallen" von Leonore und Florestan als den einzig interessanten Regieansatz dieser Aufführung empfunden habe: denn wenn man umständehalber solange getrennt war und miteinander nicht mehr vertraut ist, kann ich nachvollziehen, dass die Annäherung fast scheu und zögerlich erfolgt.
ad "ich hätte mir etwas mehr Finesse in der psychologischen Führung von Leonore und Florestan gewünscht. Aber man kann eben nicht alles gleichzeitig haben." … stimmt nur teilweise: Kampe versuchte ja unermüdlich einen Eisklotz aufzutauen.
Erwähnenswert ist auch die Tatsache, dass es vom Kerker ohne Pause respektive ohne Einschub einer weiteren Ouvertüre direkt ins Schlussbild weiterging. Ob das die Regie oder Barenboim angeregt, vorgeschlagen, durchgebracht hat, ist für mich unerheblich, immerhin eine diskussionswürdige Änderung zur üblichen Praxis in einer im Grunde genommen braven Aufführung, die weder verstört noch begeistert. Man wird bestimmt später nie sagen wollen "weisst Du noch, der Fidelio 2014 an der Scala"!
Zu den andern Sängern: Anja Kampe kenne ich als sowohl überzeugende Senta und gute Leonore aus dem letztjährigen Homoki-Fidelio in Zürich; und hier gehe ich wieder voll mit Dir einig, dass die Sopranistin die Tücken ihrer sauschweren Arie mühelos bewältigte: das war sogar bravourös! Leider hielt sie jedoch gestern nicht ganz durch, litt ab dem Kerkerensemble mit Pizarro, Rocco und Florestan an etwas Energieverlust, es machte sich eine gewisse Müdigkeit bemerkbar; die hohen Töne kamen alle noch intonationsrein rüber, hatten aber nicht mehr die vorherige schöne Rundung, einzelne Spitzentöne bekamen einen leicht schrillen Beiklang. Aber das ist Gemecker auf hohem Niveau, sie bot als Einzige eine überdurchschnittliche Leistung.
Auch der Pizarro ist, gelinde gesagt, gesanglich eine schweinisch-schwere Partie, nicht technisch gesehen, jedoch weil der Orchestersatz so dick ist und deshalb ist sie nur von einem Heldenbariton mit grosser Röhre, Kondition und sowohl guter Tiefe wie Höhe gegen die dauernden Orchesterfluten zu bewältigen. Struckmann nennt diese Qualität immer noch sein eigen, auch wenn altersbedingt die Stimmfarben etwas fahler geworden sind.
Young hat mir gut gefallen, war ein stimmiger Rocco und Mattei ein zuverlässiger, nicht weiter auffallender Minister.
Fazit: ein leider unausgeglichenes Ehepaar und drumherum nix Schlechtes und nix Aussergewöhnliches.
Gruss vom Schweizer
stiffelio (08.12.2014, 18:41): Lieber palestrina,
Peter Mattei war ein strahlender Minister, aber auch da wäre die Regie mehr gefordert gewesen, als immer mit ausgebreiteten Armen herumzulaufen ! Kennst du einen FIDELIO, wo das nicht so ist? Der Minister ist m.E. extrem schwer zu spielen ohne in reines Pathos abzugleiten und bei Mattei wirken die ausgebreiteten Arme wenigstens natürlich. :wink Und das schrecklichste , bei "Oh Namenlose Freude" stand einer links und der andere rechts , hatten die sich nichts mehr zu sagen , oder warum hat Leonore das alles auf sich genommen? Dafür hat Schweizer ja nun schon eine flammende Verteidigung geschrieben. :P Aber auch unabhängig davon: neu ist das nicht, im weiten Abstand zueinander stehen Leonore und Florestan z.B. auch in Zürich und in Valencia. Ich mag es ja auch nicht, aber es scheint schon Tradition in den Inszenierungen zu haben. Mir fehlte irgendwie der gesammte Enthusiasmus beim Schluss , etwas mehr Wahrheit und nicht so künstliche Bewegungen, das erinnert mich imner an Inszenierungen bei der die Regie nichts mit dem Chor anzufangen weiß ! Ich denke, ich verstehe ungefähr, was du meinst. Aber auch hier: wieviele Fidelio-Finale kennst du, die natürlicher wirken? Oft steht der Chor sogar völlig bewegungslos herum wie bei einem Oratorium, die Bernstein-DVD ist eine rühmliche Ausnahme.
Lieber Schweizer,
ich beschränke mich mal im Wesentlichen auf deine beiden Fragen, denn bei KFV liegen wir soweit auseinander, dass wir wohl kaum zusammenkommen werden. Vielleicht reicht der schlichte Satz, dass für mich Florestan eben keine "Heldenröhre" haben muss. … von was wohl, von der kaum existierenden Personenregie, von der Inszenierung, von den Sängern, vom Dirigat? hm, ich hätte spontan gesagt vom Gesamteindruck. Der wird in diesem Fall dominiert von der erstaunlich schlüssigen und lebendigen Aktualisierung, zusammen mit den Sängerleistungen insbesondere von Kampe, Mattei und (ich kann's nicht ändern) KFV. wobei ich Dein "traditionellere" auf traditionell korrigieren möchte und denke, dass Du das auch so gemeint hast? Ich habe eigentlich gemeint, dass es fließende Übergänge zwischen den (theoretischen) Polen 100% traditionell und 100% Regietheater gibt und dass ich Frau Warner auf dieser Skala etwas mehr Richtung 100% traditionell eingeordnet hätte.
Sorry, dass ich mich jetzt vorwiegend wiederholt habe.
VG, stiffelio
Viola (08.12.2014, 18:45): Jetzt ist hier schon viel Stoff (schön!!), ich schalt mich deshalb nur kurz dazwischen, und mach's kurz:
@ stiffelio Du hast Dir wieder viele detailreiche Gedanken (zusätzlich :wink) gemacht, die zum Weiterdenken anregen, danke, vieles davon hätte ich nicht gesehen, oder nicht gleich (Scheinwerfer und Pistole fielen mir aber auch positiv auf); es stimmt, auch Harnoncourts Ehepaar glänzt nicht durch besondere Intimität, aber ich hatte insgesamt einen stimmigeren Eindruck von Florestan, auch durch das, was sein Gesang ausdrückte, nicht nur gestisch und mimisch ... ansonsten, ja, im Ansatz könnte man es so ansehen, dass nach langer Trennung erst einmal "Fremdeln" normal ist (noch schöner wär halt, wenn die Nähe sofort wieder da ist, ein Kennzeichen großer Liebe, aus meiner Sicht, bei Freundschaft ist es ähnlich ...)
@ palestrina freue mich sehr, dass wir bis auf Roccos Stimme und einen etwas zu zügigen Dirigenten diesmal offenbar hundertprozentig einer Meinung sind :)
@ Schweizer danke für diese ausführlichen Äußerungen, denen ich bis auf Kleinigkeiten komplett zustimme (vor allem den Nicht-Helden habe ich genau SO wie Du erlebt); nur, wenn Du einerseits schreibst, Anja Kampe versucht inniglich, den Eisklumpen aufzutauen - worin ich Dir recht gebe! - und andererseits meinst Du, die (merkwürdige, zu durchgängige, find ich halt, nicht nur direkt beim ersten Wiedersehen) Entfernung der beiden sei im Prinzip ein guter Regieeinfall - widerspricht sich das nicht bisschen? Vielleicht meintest Du aber auch nur die eine Szene ("Oh namenlose Freude"), während ich jegliche Ehepaar-Szenen meinte, als ich von zu viel Distanz sprach. Hätte mir schon deutlich mehr Bezug zueinander gewünscht und also, wie es palestrina meinte, eine Art emotionaler "Bestätigung" der Motivation von Leonores Aufopferungen (mir fällt grad kein besseres Wort ein) zuvor.
Herzliche Grüße an alle Viola
Schweizer (08.12.2014, 19:52): Liebe Diskutanten, ich fand es berührend und völlig schlüssig, dass sich Leonore und Florestan nicht wie meist "aufeinander stürzten, sich in die Arme fielen", denn wie gesagt, nach längerer Trennung ist man sich nicht mehr vertraut, man singt zwar davon (mein Mann/mein Weib an meiner Brust), man träumt davon, man wünscht es sich (dass es wie früher wird), aber die durch die Trennung hervorgerufene Distanz lässt sich nicht eins-zwei überwinden … und so gehen sie, während des Freude-Duetts, scheu-langsam, in Etappen aufeinander zu, und erst mit dem Ende der Musik kommen sie zusammen, geben sich die Hände, berühren sich Kopf an Kopf.
Für mich hat es psychologisch "gestimmt" und mich hat der Widerspruch zwischen Text und Gezeigtem nicht gestört weil ich für mich einen Sinn dahinter erkannte und sie ja letztendlich zusammen kamen, die Distanz überwinden konnten.
Ich gebe stiffelio recht, dass es aktuell "Mode ist", Liebespaare oft meterweit voneinander stehen/singen zu lassen: im Wiener/Zürcher Trachtengrin (Inszenierung Homoki) hat mich hingegen "das nie Zusammenkommen/das nie sich Berühren" von Elsa und Lohengrin während der ganzen Brautgemachszene irritiert und der Sinn hat sich mir nicht erschlossen?
Gruss vom Schweizer
Schweizer (08.12.2014, 20:13): Liebe stiffelio, danke für Deine zwei erhellenden Erläuterungen betreffend "traditionelle Regie" und "Gesamteindruck". Dass wir bei KFV nicht zusammenkommen werden, ist uns beiden sonnenklar; ich respektiere Deine gelieferte Begründung "dass für mich Florestan keine Heldenröhre haben muss", finde es aber ein wenig schade (von Dir in einer kontroversen Diskussion ungewohnt), dass Du es bei dieser Pauschalaussage bewenden lässt und auf keinen meiner sehr präzise formulierten Kritikpunkte eingehst. Gruss vom Schweizer
stiffelio (08.12.2014, 22:26): Lieber Schweizer,
na gut, dir zuliebe. :wink Um ehrlich zu sein, hatte ich nach deinem Satz "KFV wirkt..." keine rechte Lust, auf deine einzelnen Kritikpunkte einzugehen, weil ich erstens deine Wortwahl in diesem Satz ziemlich respektlos fand und er zweitens auf mich eben nicht so wirkt, oder präziser: das "Schüchterne", das "Pfeifen im Wald" passt für mich zum Florestan. Das ist aber eine emotionale Sache, über die ich eine weitere Diskussion sinnlos fände. Deine sachlich formulierten Einwände danach (.....zu wenig Körper/Kern...) respektiere ich, sie sind aber für mich persönlich irrelevant. Wenn ich eine Stimme als schön und zur dargestellten Person als passend empfinde (und ich höre da durchaus Emotionen), dann ist es mir weitgehend egal, wieviel Applaus jemand dafür von wem bekommt. Was die gewünschte "Finesse in der psychologischen Führung" betrifft: das war ein regietechnischer, kein stimmlicher Wunsch. Es ging mir darum, dass nicht nur das Realistische (=die Entfernung, die in den zwei Jahren gewachsen ist) dargestellt werden sollte, sondern auch der innere Wunsch, ganz nahe zusammenzukommen. Und da nährt sich eben Kampe Vogt genauso zögerlich an wie umgekehrt. Ganz genau genommen wäre sie sogar die einzige, die die räumliche Distanz überwinden kann, denn Vogt ist durch seine Fußfessel daran gehindert.
Lassen wir es doch dabei, dass für dich und von mir aus auch nach einigen objektiv messbaren Kriterien KFV eine Fehlbesetzung gewesen sein mag. Für mich war er es nicht.
VG, stiffelio
Schweizer (08.12.2014, 23:13): Ein herzliches Dankeschön, stiffelio, dass Du Dich zu einer Antwort überwinden konntest (keine Ironie): ich schätze die Klarstellung betreffend "Finesse in der psychologischen Führung", denn erst jetzt habe ich begriffen was Du offensichtlich schon zuvor damit ausdrücken wolltest.
Im weiteren bin ich einverstanden: let's agree to disagree.
Nun hast Du mit "das Pfeifen im Wald" zum Charakter der Florestan-Partie einen neuen Begriff eingeführt, der für mich ein Rätsel darstellt: ich verstehe Bahnhof, was meinst Du bitte damit?
Nochmals danke, Gruss vom Schweizer
stiffelio (09.12.2014, 11:36): Lieber Schweizer,
ich habe oft versucht, mich in Florestan hineinzuversetzen. Wobei das im Grunde unvorstellbar ist: zwei Jahre Isolationshaft. Als einziger Kontakt ein Wärter, der keine Fragen beantwortet. Zwei Jahre nicht wissen, wo man sich eigentlich befindet und was als nächstes passieren wird. Und das Schlimmste tritt ein: es passiert - nichts. Zwei Jahre lang, zwei mal dreihundertfünfundsechzig Ewigkeiten. Gefangen ohne Anklage, ohne Möglichkeit der Verteidigung, ohne Urteilsspruch. Zwei Jahre verdammt zur völligen Wehrlosigkeit. Nicht mehr wissen, ob es Nacht ist oder Tag... Ich könnte endlos so weitermachen. Und dann nimmt ihm der unsichtbare, unbekannte Gegner noch das letzte: ausreichend Nahrung und Wasser, um auf Dauer physisch zu überleben. Nach dem Versuch der geistigen Vernichtung, der Florestan auf unvorstellbare Weise widerstanden hat, nun die quälend langsame physische Vernichtung.
Florestan war auch zuvor kein Mann der körperlichen Kraft, er war ein Mann des Wortes, des geistigen Widerstandes: "Wahrheit wagt ich kühn zu sagen". Und jetzt singt er: "Gott, welch Dunkel hier". Er könnte mindestens ebenso singen "welch Stille hier" und tut das ja indirekt auch mit seinem nächsten Satz "nichts lebet außer mir"*. Er singt gegen die unerträgliche, grenzenlose Stille und Einsamkeit an. Da überzeugt mich eine Stimme, der man die existentielle Angst und Unsicherheit anmerkt, mehr als eine volltönende Heldenbrust. Du hast es also im Grunde mit deinen respektlosen Worten gar nicht so schlecht beschrieben, mich hat nur das Verächtliche darin gestört. Das alles meinte ich mit der Metapher "Pfeifen im Wald", zu der offiziellen Bedeutung siehe: http://de.wikipedia.org/wiki/Pfeifen_im_Walde Gut möglich, dass ich mich mit diesem stimmlichen Verständnis von Florestan außerhalb dessen bewege, was üblicherweise von dieser Rolle erwartet wird, aber das halte ich problemlos aus. :wink
Zur bemängelten darstellerischen Rollengestaltung und deren Regiebedingtheit: Mir scheint, dass diese Regie einen größtmöglichen Realismus angestrebt hat, mit möglichst wenig opernhaften Ungereimtheiten. Wenn man sich die Bühne und das Singen wegdenkt, eine Art Spielfilm. Erschwert zusätzlich noch dadurch, dass hier überdurchschnittlich viel vom sprachlich veralteten Originaltext gesprochen wird. Diesem Ziel fällt einiges zum Opfer, was man sonst in der Personenregie interessant ausgestalten kann. Ein Florestan-unabhängiges Beispiel: beim "wer du auch seist, ich willl dich retten" wendet sich Leonore oft so eindeutig Florestan zu, dass Rocco wirklich blind und taub sein müsste, um nicht zu merken, was sie da bewegt. Das fällt hier weg, Leonore bewegt sich nur wenige Schrittchen in Richtung Florestan, wodurch dieses Duett auch gewisse Längen bekommt (Barenboim dirigiert hier zusätzlich überdurchschnittlich langsam, was aber den wunderbaren Kontrabassstellen zugute kommt). Unter diesen Vorgaben einschließlich der offensichtlich gewollten körperlichen Distanz zwischen Leonore und Florestan hat der gefesselte und geschwächte Florestan nach seiner Arie nur relativ begrenzte darstellerische Möglichkeiten, zumal auch die Kameraführung Gesichtsnahaufnahmen eher vermeidet. Ich wiederhole mich: Es ging Frau Warner offensichtlich weniger um ein opernhaftes Nach-außen-kehren der inneren seelischen Vorgänge der Protagonisten als um eine realistische Verankerung des großen Ganzen in der Gegenwart. Ich habe mir jedenfalls den 2. Akt inzwischen dreimal komplett angesehen und kann wirklich nicht finden, dass Vogt darstellerisch im Vergleich zur hoch gelobten Kampe so blass bliebe. Ich kann ihm den Charakter, den er darstellt, abnehmen.
Auch von mir ein herzliches Dankeschön, dass du meine Kritik nicht krumm genommen hast und dass wir uns bei allem "disagree" hier friedlich austauschen können.
VG, stiffelio
*EDIT: sorry, ich hatte im Eifer des Gefechtes übersehen, dass das doch ganz direkt sofort nachgeliefert wird: "o grauenvolle Stille"
Schweizer (09.12.2014, 21:09): Liebe stiffelio, zuerst ein grosses, herzliches MERCI für den superben ersten und zweiten Abschnitt Deines jüngsten Beitrags: wirklich einfühlend und eindrücklich wie Du Dich in die Haut und Psyche des eingekerkerten Florestans hineinversetzt hast. :down :times10 :down
"Protest" melde ich allerdings allerdings gegen "mit deinen respektlosen Worten gar nicht so schlecht beschrieben, mich hat nur das Verächtliche darin gestört." an: ich stehe zu meiner zugegebenermassen pontiert formulierten Aussage wie KFVogt's Leistung bei mir angekommen ist; was Deine (erlaubte) subjektive Reaktion - und das ist nun meine subjektive Reaktion auf Deine Interpretation meiner Kritik - scheint mir das die eines betrübten Fans zu sein, weil ich Deinem Idol auf den Schlips getreten bin. Ich habe heute eine ganze Reihe Fidelio-Kritiken gelesen; Fazit in bezug auf KFV's Florestan: grosses Lob oder totale Ablehnung, etwas dazwischen habe ich nirgendwo gefunden, scheint es nicht zu geben?!? Sein Stimm-timbre und wie er singt polarisiert wie bei kaum einem andern Sänger. Ich lasse es dabei bewenden, denn wir werden uns in diesem Fall auch nicht annähernd finden können.
Auch bedanke ich mich für den bereitgestellten Link "Pfeifen im Walde": diese Redewendung ist mir in meinem ganzen Leben nie begegnet, habe sie weder je von jemandem gesprächsweise gehört noch irgendwo gelesen. Man lernt nie aus, danke!
Was Du zur Regie ausführst, kann das durchaus die mögliche Absicht von Frau Warner gewesen sein; Dein abschliessendes Plädoyer zugunsten von KFVogt kann ich nicht unterschreiben.
Gruss vom Schweizer
stiffelio (09.12.2014, 23:02): Lieber Schweizer,
wenn du so willst, bist du tatsächlich unbeabsichtigt einem Idol von mir auf den Schlips getreten, allerdings ist dieses Idol primär nicht KFV sondern Florestan. Wenn mich eine Aufführung emotional berührt wie diese, dann verschmelzen für mich Darsteller und Operfigur für die Dauer der Aufführung zu einer Person. Wobei die Intensität, mit der ich diesem FIDELIO entgegengefiebert habe, schon darin begründet war, dass ich Vogts Art zu singen ja kenne und auch meine Interpretation von Florestan. Mir war daher klar, dass beide sehr gut zusammen passen und ich musste nur noch hoffen, dass nicht etwas an dem Drumherum diese Synthese zerstören würde. Das ist nicht geschehen und deshalb bin ich sehr glücklich mit diesem (von KFV verkörperten) Florestan. Daher auch meine "Verteidigung" anhand von Florestan wie ich ihn verstehe. Und daher danke für dein Lob meiner Ausführungen zu ihm, mir ist daran nochmal bewusster geworden, dass du die beiden eben nicht so als Einheit siehst wie ich und mit deiner despektierlichen Äußerung nicht Florestan herabsetzen wolltest.
Damit können wir es jetzt auch von meiner Seite aus bewenden lassen.
VG, stiffelio
Schweizer (09.12.2014, 23:35): Bin voll und ganz einverstanden, gute Nacht stiffelio !
Rotkäppchen (10.12.2014, 22:30): Hallo zusammen,
hier noch kurz die Eindrücke einer Fidelio-Ignorantin. Das war mein erster Fidelio seit mindestens 10 Jahren! Daher ist meine Wahrnehmung natürlich etwas anders, mangels Vergleichsmöglichkeiten. Mein Gesamteindruck war sehr positiv: gar nicht langweilig, geistig nicht überfordernd :P. Wie schon angesprochen, war die äußerst zaghafte Annäherung der Eheleute nach der Rettung nicht das, was man spontan (romantischerweise) erwartet, aber dennoch vertretbar und sinnvoll. Es war ja nicht so, dass die beiden gar nicht zusammengefunden hätten, es war eben alles sehr zögerlich, aber doch letztendlich berührend.
Star des Abends war für mich sängerisch Anja Kampe, gefolgt von Mojca Erdmann (ich liebe spreche aber generell eher auf hohe Stimmen an). Die Kontroverse um den "KFV" kann ich insofern nachvollziehen, als dass sein Tenor ja wirklich sehr, wie soll ich sagen..., feminin timbriert ist und es ist sicher eine Frage der Erwartungshaltung, wie man darauf reagiert. Ich hatte keine spezielle Erwartungshaltung und fand seine Verkörperung des Florestan absolut glaubwürdig: ein halbtoter Gefangener, der mit der Welt und dem Leben abgeschlossen hat - keiner kann absehen, ob er sich jemals wieder erholt. Auf tiefere Männerstimmen bin ich nicht so sensitiv - alles in allem fand ich sie in Ordnung.
Fazit: Dieser Fidelio hat mir auf jeden Fall Lust gemacht, mich noch ein bisschen mehr mit dieser Oper, deren 100%ig in allen Details glaubwürdige Inszenierung m.E. eine extrem schwere Aufgabe ist, auseinanderzusetzen!
LG, Rotkäppchen
stiffelio (11.12.2014, 09:57): Ihr Lieben,
eine meiner persönlichen Fidelio-Stories muss ich noch mit euch teilen, weil sie so gut zum obigen Thema "Nähe versus Distanz zwischen Leonore und Florestan" passt: Meine Tochter war gerade 6 Jahre alt, als sie einmal in das Finale vom WSO-Fidelio (Bernstein) hineinstolperte, das bei mir über den Laptop flimmerte und es kam zu folgendem Dialog:
Tochter: "Bäh, ist der dreckig. Und die umarmt ihn noch!" Ich: "Ja weißt du, das ist ihr Mann, von dem sie zwei Jahre lang getrennt war. Da freut sie sich so, ihn wiedergefunden zu haben, dass es ihr egal ist, ob er dreckig ist." Tochter "Sie freut sich, dass er wieder da ist?" Ich: "Ja, das siehst du doch."
Pause. Lange Pause.
Dann wieder meine Tochter: "Wenn du zwei Jahre lang weg gewesen wärest, würde ich mich auch freuen, wenn du wiederkommst."
Pause (Aha, denke ich, sie hat's verstanden (innerliches pädagogisches Schulterklopfen)).
Tochter: "Aber wenn du so dreckig wärest, würde ich dich dann nicht umarmen!!"
:A
Tja, Kindermund... :P
VG, stiffelio
stiffelio (12.12.2014, 17:52): Original von Rotkäppchen Fazit: Dieser Fidelio hat mir auf jeden Fall Lust gemacht, mich noch ein bisschen mehr mit dieser Oper, deren 100%ig in allen Details glaubwürdige Inszenierung m.E. eine extrem schwere Aufgabe ist, auseinanderzusetzen!
LG, Rotkäppchen
Hallo Rotkäppchen,
deinem Fazit kann ich nur zustimmen. Beethoven spannt eben einen extrem weiten Bogen von der Singspielebene über die dramatische Ebene bis hin zum oratorienhaften Finale. Dementsprechend wird das Finale eben auch oft als Oratorien-Standbild inszeniert. Die WSO-DVD unter Bernstein ist aus meiner Sicht nach wie vor die einzige, die da einen mich 100%ig überzeugenden Spagat hingekriegt hat. Wenn du Lust auf Vergleiche hast, können wir gerne entweder in den Fidelio-Thread umziehen oder auch erstmal hier weitermachen.
VG, stiffelio
Rotkäppchen (12.12.2014, 23:29): Liebe stiffelio,
jetzt bin ich inzwischen ganz schön mit dem Fidelio angefixt :P und würde gern nochmal auf das Finale zurückkommen. Du schreibst ja, dass selbiges etwas oratorienhaftes hat:
Dementsprechend wird das Finale eben auch oft als Oratorien-Standbild inszeniert. In der Mailänder Version ist das Finale aber so gar nicht weihevoll dargeboten, sondern sehr lebendig, ich möchte fast sagen, richtig fröhlich, zumindest was den Chor betrifft. Und auch zwischen den Hauptpersonen gibt es ziemlich viel, meist positive, Interaktion (die man ja vorher z.T. vermisst hatte ...), was mir grundsätzlich gut gefällt und einen versöhnlich und lebensbejahend aus der Oper entlässt. :)
Warum aber zum Schluss im Chor Arbeiter mit Helmen auftauchen, ist noch so eine Sache, über die man spekulieren kann. Waren das auch Gefangene, die Zwangsarbeit leisten mussten? Macht Arbeit unfrei? Oder haben die an der Befreiung der Gefangenen mitgearbeitet? Hat da jemand eine schlüssige Interpretation? Das ist im Moment alles ein bisschen merkwürdig, stört bei mir aber nicht den guten Gesamteindruck.
Viele Grüße, Rotkäppchen
Giovanna (13.12.2014, 08:43): Hallo Rotkäppchen,
ich hab das für so verstanden, dass der Weg zu Florestans Kerker z.T. freigesprengt wurde und daher einige Leute Baustellenhelme aufhatten. Aber vielleicht mache ich mir es mit dieser Deutung auch viel zu einfach...
Was mir aber nicht ganz klar ist, ist der Schneefall im Finale. Wenn er Kälte symbolisieren soll, kommt mir das dem Sinn der Oper total entgegengesetzt vor ?( Wie habt ihr das gesehen oder gedeutet? Aber als "Bild" hat mir das trotzdem gut gefallen (wenn schon in der Realität momentan keine Spur von Schnee zu sehen ist :I)
LG Giovanna
Rotkäppchen (13.12.2014, 10:31): Hallo Giovanna,
o.k., die Sache mit dem Freisprengen macht Sinn, daran hatte ich noch gar nicht gedacht. Ja, über den Schnee hatte ich mich ebenso gewundert. Im ersten Moment hatte ich an Konfetti gedacht, das hätte zur ausgelassenen Freude der Choristen gepasst, wäre dann aber doch etwas dick aufgetragen gewesen. Als ich es dann als Schnee identifizieren konnte, hatte ich ganz positive weihnachtliche Assoziationen, Kälte-Assoziationen weniger... Gefallen hat mir die Stimmung, die dieses Bild vermittelt, auch!
LG, Rotkäppchen
stiffelio (13.12.2014, 20:09): Liebe Giovanna und Rotkäppchen,
ich habe den Schnee ebenfalls als einen Hinweis auf die Weihnachtszeit=Frieden verstanden. Aber auch für den nicht-christlich orientierten Menschen dürfte Schnee ein Sinnbild für Ruhe (Schnee dämpft den Schall) und Reinheit (er deckt alles mit einer weißen Decke zu) sein.
Ob mit den Bauhelmen eine ganz wörtliche Sprengung des Kerkers angedeutet werden sollte, bin ich hingegen skeptisch. Was für einen Sinn sollte das haben? Es weiß doch außer Pizarro und Rocco niemand, dass in diesem Kerker (der ohnehin eher wie ein altes Magazin wirkt) ein Mensch gefangen ist. Wozu dann eine Sprengung? Und das würde ja auch bedeuten, dass Pizarro von einer mehr oder weniger feindlichen Armee angegriffen wird. Dagegen spricht, dass der Minister und Pizarro am Anfang ungewohnt einig wirken (der Minister weiss offenbar noch nichts von Pizarros Verbrechen und Pizarro scheint entschlossen, einen gütigen Gefängnisleiter vorzutäuschen). Ich habe heute nochmal intensiv gegoogelt und diese beiden Links gefunden http://www.deutschlandfunk.de/fidelio-in-mailand-stimmvolle-und-stimmige-inszenierung.691.de.html?dram:article_id=305605 und http://www.kleinezeitung.at/s/kultur/4614271/Fest-und-Protest_Pereiras-erste-ScalaSaison-startete-mit-Fidelio-. Insbesondere im zweiten Link der Halbsatz "...wenn der Minister an der Spitze einer Bürgerschar, die mit orangenen Helmen und roten Schals geradewegs vom Majdan oder anderen Protestbewegungen zu kommen scheint, das Gefängnis inspiziert und die Gefangenen befreit,..." scheint mir bei aller örtlichen Vagheit der Inszenierung die Bauhelme stimmig als eine Anspielung auf den ukrainischen Konflikt, zumindest auf eine Protestbewegung aus der Bürgerschaft heraus nahezulegen. Dazu passt auch, dass ich bei den Bildern des Finales an die Öffnung des Brandenburger Tores in Berlin denken musste (ob Frau Warner oder die Bühnenbildnerin auch diese Assoziation hatten, weiß ich freilich nicht).
Ich selbst bin bei diesem Finale ein bisschen zwiegespalten. Einerseits schätze ich, dass es ungewöhnlich lebendig wirkt (wenn auch etwas "künstlich-amerikanisch"), allerdings finde ich schon schade, dass Beethovens ursprüngliche Idee, dass hier in erster Linie treue Frauen zu ihren gefangenen Männer stehen, überhaupt nicht mehr durchkommt. Ganz gut trifft es dieser Link http://www.br.de/radio/br-klassik/sendungen/allegro/mailaender-scala-100.html mit dem Satz: "Die wild jubelnden Massen am Schluss lassen das Publikum etwas rätseln. Hier sind alle ein bisschen Bergarbeiter, Revolutionäre und Prekariat, aber egal, die namenlose Freude überwiegt..." (nur, dass es mir eben nicht so ganz egal ist :wink).
Eigentlich gefällt mir am allerbesten an dieser Inszenierung, dass Frau Warner nicht auf den modischen Zug aufgesprungen ist, Florestan als einen durch und durch gebrochenen Menschen zu zeigen, den auch seine physische Befreiung im Grunde nicht mehr retten kann. Ich möchte beim FIDELIO Beethovens Vision der Humanität, Freiheit und Liebe schon ernst nehmen dürfen. :engel Langsam wird es hier aber so detailiert (was mich natürlich sehr freut :leb), dass ich mich frage, ob wir nicht doch zugunsten besserer Vergleichsmöglichkeiten in den Fidelio-Thread umziehen sollten. Ich mache gleich mal den Anfang...
VG, stiffelio
Rotkäppchen (14.12.2014, 00:54): Original von stiffelio ... scheint mir bei aller örtlichen Vagheit der Inszenierung die Bauhelme stimmig als eine Anspielung auf den ukrainischen Konflikt, zumindest auf eine Protestbewegung aus der Bürgerschaft heraus nahezulegen. Dazu passt auch, dass ich bei den Bildern des Finales an die Öffnung des Brandenburger Tores in Berlin denken musste (ob Frau Warner oder die Bühnenbildnerin auch diese Assoziation hatten, weiß ich freilich nicht).
Noch ein Wort vor dem Umzug in den FIDELIO-Thread:
An die Öffnung des Brandenburger Tores musste ich auch denken, finde es aber in Ordnung, dass es sich bzgl. eventueller politischer Dimensionen hier offenbar nur um Anspielungen handelt, die nicht konsequent zu Ende geführt werden, sondern Spielraum für individuelle Interpretation lassen. Man muss nur mal den Wiki-Artikel zum Fidelio studieren. In dem werden einige krasse Inszenierungen beschrieben, in denen die Oper für eindeutige politische Aussagen benutzt wurde.
Ist jetzt OT, aber die eine dieser dort beschriebenen Inszenierungen habe ich doch tatsächlich vor 10+ Jahren gesehen... Wiki sagt dazu das hier:
Eine der politisch brisantesten dürfte die Inszenierung gewesen sein, die unter der Regie von Christine Mielitz am 7. Oktober 1989 – zum vierzigsten und letzten Jahrestag der DDR – in der Semperoper Dresden Premiere hatte. Diese Premiere fiel in die Tage, in denen in Dresden hunderte Demonstranten, die friedlich für Meinungs- und Reisefreiheit demonstrierten, zusammengeknüppelt, auf LKW verladen und in Gefängnisse abtransportiert wurden. Die Regisseurin bringt ein solches DDR-Gefängnis mit Stacheldrahtzaun und Sichtbeton als Bühnenbild für ihren „Fidelio“ auf die Bretter. In der Schlussszene tritt das „Volk“ in normaler Alltagskleidung auf die Bühne, so, als wären die Mitglieder des Chores gerade eben von der Demo auf der Straße in die Oper marschiert – und in der szenischen Umsetzung bedrängt dieses „Volk“ den Minister, die Gefangenen freizulassen, so wie draußen auf der Straße die Demonstranten die Freilassung der eingesperrten Kollegen und Freunde einfordern.
Ich habe eine Vorstellung viele Jahre später gesehen -- die Inszenierung ist, sozusagen als Denkmal, bis heute im Repertoire der Dresdner Oper. Vielleicht sollte ich das, trotz aller Skepsis gegen solche offensichtlichen Politisierungen des Fidelio, nochmal anschauen demnächst, meine Erinnerungen sind nämlich mehr als blass.
LG, Rotkäppchen
Hosenrolle1 (14.12.2014, 01:26): Eine interessante Diskussion - aktuelle politische Themen im Fidelio ...
Ich habe hier ein 9 minütiges Interview mit dem Musikkritiker und Kulturjournalist Karl Löbl (2014 leider verstorben), der über dieses Thema spricht. Sehr sehenswert!
https://www.youtube.com/watch?v=VPPaD8MiOKc
LG, Hosenrolle1
stiffelio (14.12.2014, 10:26): Original von Rotkäppchen Vielleicht sollte ich das, trotz aller Skepsis gegen solche offensichtlichen Politisierungen des Fidelio, nochmal anschauen demnächst,
Liebe Rotkäppchen,
sag bitte Bescheid, wenn dieser FIDELIO wieder in den Spielplan aufgenommen wird. Ich könnte mir vorstellen, dass mir das glatt eine Reise nach Dresden wert wäre. :)
Original von Hosenrolle1 Ich habe hier ein 9 minütiges Interview mit dem Musikkritiker und Kulturjournalist Karl Löbl
Hallo Hosenrolle1,
wirklich ein sehr interessantes Interview, vielen Dank für den Link! Mich hat besonders berührt, dass ihm als Halbjuden der FIDELIO im ThadW 1945 stärker in Erinnerung geblieben ist als derjenige anlässllich der Neueröffnung der WSO 1955.
VG, stiffelio
Rotkäppchen (14.12.2014, 10:55): Original von stiffelio sag bitte Bescheid, wenn dieser FIDELIO wieder in den Spielplan aufgenommen wird. Ich könnte mir vorstellen, dass mir das glatt eine Reise nach Dresden wert wäre. :) VG, stiffelio Liebe stiffelio, leider in dieser Spielzeit nicht mehr, da gab es nur drei Aufführungen im Oktober. Aber, da es sich um eine Art Dauerbrenner handelt, können wir auf die nächste Saison hoffen, ich behalte die Sache im Auge.
Lieber Hosenrolle1, ebenfalls danke für den Link -- mich hat das auch sehr berührt!
LG, Rotkäppchen
Schweizer (15.12.2014, 19:54): ad stiffelio: Danke für die Familien-Anekdote …. köstlich!
"Erwähnenswert ist auch die Tatsache, dass es vom Kerker ohne Pause respektive ohne Einschub einer weiteren Ouvertüre direkt ins Schlussbild weiterging. Ob das die Regie oder Barenboim angeregt, vorgeschlagen, durchgebracht hat, ist für mich unerheblich, immerhin eine diskussionswürdige Änderung zur üblichen Praxis" … Ich bin erstaunt, dass weder stiffelio noch sonst irgendwer BISHER auf diese markante, unübliche Änderung der Scala-Aufführung eingegangen ist !!! :I
Denn wenn nach dem dramatischen Kulminationspunkt im Kerker eine Ouvertüre - sozusagen - zur Beruhigung, zum Herabfahren des Emotionspegels gespielt wird, kann ich sehr gut mit einem oratorienhaften, praktisch konzertanten Schlussbild leben.
Der nahlose Übergang der Scala-Aufführung hat mE durchaus etwas für sich, man bleibt "dran" … nur - wie das Beispiel zeigt - ist es schwierig aus der spärlichen Rest-Handlung "etwas Schlaues" zu machen. Ansätze dazu waren vorhanden: a) das Pizarro erst noch freundlich, wie ein beflissener Untergebener beim Minister steht. b) dass er später auf der Flucht draussen abgeknallt wird. c) aber dann gibt der einige Minuten dauernde Schlussgesang einfach handlungsmässig nichts mehr her.
Die für mich auf Grund des Bühnenbildes und der Kostümierung des Chors nicht eben nachvollziehbaren "Freudenorgie" mit Helme/Hüte in die Luft werfen, mit Schals wedeln und ins Publikum winken "scheint in Sevilla einfach Mode zu sein", das erinnerte mich stark an den 4.Akt einer andern Oper vor der Arena (Ihr dürft 3mal raten an welches Werk ich denke ?) :haha Das wirkte auf mich wie eine Verlegenheitslösung, überzeugte mich nicht.
Gruss vom Schweizer
stiffelio (15.12.2014, 22:08): Lieber Schweizer,
dein Beitrag passt so schön zu meiner Frage in Fidelio-Thread, dass ich mir erlaube, ihn dort hinüber zu kopieren und dir dort zu antworten. Bis gleich :hello, stiffelio
Severina (31.01.2015, 18:15): Liebe Stiffelio,
spät, aber doch, löse ich mein Versprechen ein, Dir meine Meinung zum MET-Barbiere mit Flórez, Di Donato und Peter Mattei zukommen zu lassen. Wie Du weißt, hielt ich ja immer die Leiser/Caurier-Inszenierung am ROH für die beste mir bekannte, weil ich deren feinen Humor, der so ganz ohne Holzhammer auskommt, sehr schätze. Außerdem arbeiten die beiden Regisseure die Lovestory Rosina-Almaviva derart subtil heraus, dass sie mir zum ersten Mall so richtig zu Herzen ging. Normalerweise geht sie ja in einem Meer von Gags hoffnungslos unter.
Daher ließ ich die Aufzeichnung der MET-Produktion, die mir ein netter Mensch als Mitschnitt zugesandt hatte, eher so nebenbei einmal durchlaufen, dachte mir "Der übliche Klamauk," und archivierte sie als Barbiere Nr.4 mit Flórez. Nun kam aber wie gesagt Dein Hinweis auf die Sendung auf ORF III und die Bitte, mich dazu zu äußern. Daher habe ich mir gestern die Aufzeichnung zum ersten Mal bewusst und konzentriert angeschaut, heute Vormittag noch einmal, und jetzt wackelt meine Rangliste erheblich!
Anfangs nervten mich die ständig umherwandernden Türen, wohl in erster Linie deshalb, weil ich diesen Bühnenbild"schmäh" schon von Pesaro her kenne, wo del Monaco Rossinis "Otello" ebenfalls in einem Türenballett spielen ließ, allerdings noch penetranter. Und nach wie vor ist mir die Inszenierung im Ganzen ein wenig zu klamaukhaft, zu sehr auf Slapstick ausgerichtet. Über den im Stehen schlafenden und ständig herumkugelnden Diener konnte ich z.B. nach einer Stunde nicht mehr lachen. Aber auf der anderen Seite ist jede Szene von A bis Z durchdacht, gibt es so viele kluge, witzige Details (z.B. gleich in der ersten Szene), dass dieser Einwand irgendwann verstummt. Nur die "Klavierstunde" ist mir einfach zu verblödelt, da gefällt mir die dezentere Version am ROH viel besser. Bei Bartlett Sher gibt es erst im letzten Bild innige Zweisamkeit zwischen den Verliebten, davor setzt er eindeutig auf Witz und nicht auf Gefühl.
Was aber den MET-Barbiere so großartig macht, ist das perfekte Zusammenspiel sämtlicher Protagonisten, der spürbare Spaß, mit dem sie bei der Sache sind. Flórez, di Donato und Mattei scheinen einander blind zu verstehen, da reagiert einer blitzschnell auf den anderen, denn so manches Detail scheint aus dem Augenblick entstanden zu sein. Jeder ist immer im Spiel drinnen, geht mimisch und gestisch auf die Partner ein - mit einem Wort: Lebendiges Musiktheater, wie es sein soll!
Ja, und Peter Mattei ist natürlich wirklich unerreicht als Figaro, nicht nur mit seiner Prachtstimme, sondern vor allem mit seiner Bühnenpräsenz. Er beherrscht die Szene, aber ohne die anderen an die Wand zu spielen, was ich ihm sehr hoch anrechne. Es geht ihm nicht darum, als Einziger zu brillieren, sondern um das Gesamtpaket, mit einem Wort ein echter Teamplayer. Mattei gibt einen herrlich schlitzäugigen Figaro, der die Puppen tanzen lässt und dem jederzeit der Schalk im Nacken sitzt. Daneben ist er aber ein "herrliches Mannsbild", viril, mit Sexappeal und einem gewaltigen Schuss Don Juan im Blut. Gegen ihn nimmt sich Pietro Spagnoli, der Londoner FIgaro, sehr handzahm und blass aus.
In einem Punkt hat das ROH aber nach wie vor die Nase vorn, nämlich beim Don Basilio Ferruccio Furlanettos - die köstliche Charakterstudie eines schmierigen, windigen Opportunisten.
Gratuliere, es ist Dir gelungen, mich mit dem MET-Barbiere zu infizieren!!
lg Severina Winken
stiffelio (31.01.2015, 19:55): Liebe Severina,
au weia, jetzt erwischst du mich mitten im Schubertfieber. Mal sehen, ob ich eine Vollbremsung einlegen und auf Rossini umsteigen kann :wink. Aber egal, wie lange es dauert, da kommt von mir bestimmt noch einiges an Kommentar. Willst du deshalb nicht doch deinen Text nochmal in den ohnehin irrtümlich eröffneten Einzelthread kopieren? Sonst geht er hier irgendwann unter und es schadet doch nichts, wenn es ihn zweimal im Forum gibt, zumal noch über eine so umwerfende Produktion. :D Schön, dass sie dir auch so gut gefällt!
VG, stiffelio
stiffelio (08.02.2015, 19:00): Liebe Severina,
so, gestern konnte ich den Barbiere zur Aufmunterung gerade wieder gut gebrauchen. :D
Original von Severina Ja, und Peter Mattei ist natürlich wirklich unerreicht als Figaro, nicht nur mit seiner Prachtstimme, sondern vor allem mit seiner Bühnenpräsenz. Er beherrscht die Szene, aber ohne die anderen an die Wand zu spielen, was ich ihm sehr hoch anrechne. ... Gegen ihn nimmt sich Pietro Spagnoli, der Londoner Figaro, sehr handzahm und blass aus.
In diesem Zusammenhang würde mich deine Meinung zu etwas interessieren, was du evtl. schon andernorts gelesen hast. Gerade in dem Duett "All'idea di quel metallo", das Mattei zweifellos ganz famos gestaltet, ist mir musikalisch gesehen aufgefallen, dass mit Mattei und Florez meinem Eindruck nach sozusagen zwei Hauptpersonen singen und durchaus auch "konkurrieren", während Spagnoli Florez stärker die Hauptstimme überlässt und sich besser "anschmiegt". Beides gefällt mir auf seine Weise sehr gut, es ist aber ein total unterschiedlicher Eindruck von diesem Duett. Würdest du eine dieser beiden Versionen klar der anderen vorziehen? Und hast du eine Ahnung, wie das wohl von Rossini ursprünglich gemeint war (auch wenn mir klar ist, dass man das wohl kaum wirklich wissen kann)?
Nur die "Klavierstunde" ist mir einfach zu verblödelt, da gefällt mir die dezentere Version am ROH viel besser. Ich kann nachvollziehen, was du meinst. Aber immerhin ist es die Einleitung dieser Szene (als Almaviva in der Don Alonso-Verkleidung hereinkommt), bei der sich mein Sohn vor Lachen jedesmal fast in die Hose macht und die letztlich sein Interesse am Barbiere geweckt hat. Wenn die Blödelei wenigstens dazu beiträgt, Kinder für die Oper zu begeistern... :wink
Nur noch eine Frage, ein bisschen OT, hat aber schon mit der Bühnenpräsenz von Mattei zu tun. Er simuliert das Gitarrenspiel im Ständchen für Rosina im 1. Akt so täuschend echt, einschließlich Vibrato, dass ich mich frage, wie es möglich ist, dass er trotzdem störende Nebengeräusche verhindern kann. Das ist doch eine echte Gitarre, mit Saiten bezogen, wie kann er damit nur so lautlos "in der Luft" spielen? :B
VG, stiffelio
Severina (11.02.2015, 22:48): Liebe Stiffelio,
wie Du richtig vermutest, kann ich Deine Frage nach Rossinis Intention nicht beantworten, aber zu seiner Zeit war der Tenor der absolute King auf der Bühne (Hinter der Primadonna natürlich!), daher hätte ihm möglicherweise die ROH-Version besser gefallen.
Ich finde Flórez-Mattei in dieser Szene sehr überzeugend, denn sie begegnen einander ja absolut auf Augenhöhe. Beide profitieren voneinander (Almaviva von Figaros Schlitzäugigkeit, dieser wiederum vom Geld des Conte), ich sehe aber kein typisches Herr-Diener-Verhältnis in ihrer Beziehung. Dass Mattei bei "All' idea di quel metallo.." zunächst aufdreht, ist ganz in Ordnung, denn der erste Teil dieser Szene gehört zweifellos ihm, dafür nimmt er sich am Schluss dann sehr zurück und überlässt Flórez das Heft.
Eines muss man natürlich bei Konserven immer bedenken: Wie sich die Stimmen mischen, hängt auch von der Tontechnik ab, live klingt das oft ganz anders. Daher traue ich mich schon lange nicht mehr, einen Sänger nach einer CD oder gar einem YouTube-Clip zu beurteilen, denn da klingt dank der Technik eine Mücke bald nach einem Elefanten.... Erst wenn ich ihn live gehört habe, weiß ich, ob die CD eine Mogelpackung war oder er wirklich etwas drauf hat. (Keine Sorge, Mattei hat natürlich live eine Menge drauf! :D!)
Wenn man wie ich so verrückt ist, sich eine ganze Serie mit seinen Lieblingssängern anzuschauen (Im April/Mai sechsmal "Don Pasquale" :D!) weiß man außerdem, dass jede Vorstellung nicht nur musikalisch, sondern auch szenisch von den anderen abweicht. Natürlich nicht in den Grundzügen, aber in Details. Da genügt oft eine Winzigkeit (ein Blick, eine Geste..), und eine Szene wirkt plötzlich viel tiefgründiger, berührender als in der letzten Vorstellung, und wenn man in der nächsten just auf diesen magischen Moment wartet, stellt er sich nicht ein, weil genau diese Geste diesmal nicht erfolgt. Genau wie eine Stimme nicht immer gleich perfekt funktioniert, gelingt auch die 100%ige Identifikation mit einer Rolle nicht in jeder Vorstellung. Daher muss einem bewusst sein, wenn man sich bei einer DVD in winzige Details verbeißt, dass es sich dabei um eine Momentaufnahme handelt und so manches, was man für einen genialen Regieeinfall hält, ganz spontan entstanden ist. Das ist auch das Faszinierende, wenn man eine ganze Serie sieht: Man erlebt, wie ein Ensemble immer besser zusammenwächst, sich irgendwann blind versteht und quasi frei spielt für spontane Interaktionen. Besonders bei einer opera buffa wird oft hemmungslos extemporiert, wenn die Chemie zwischen den Sängern stimmt. Und dass sie bei diesem Barbiere 100%ig stimmt, spürt man von der ersten bis zur letzten Minute! Gerade bei Mattei würde mich brennend interessieren, wie er den Figaro in den Folgevorstellungen angelegt hat, was er da noch so aus dem Hut gezaubert hat an mimischen und gestischen Einlagen. Aber natürlich müssen wir uns glücklich preisen, dass es zumindest EINE Aufzeichnung gibt!
Zu Deiner zweiten Frage: Das frappiert mich auch und ich habe schon ernsthaft überlegt, ob Mattei am Ende nicht wirklich "echt" Gitarre spielt!
lg Severina :hello
stiffelio (14.02.2015, 17:17): Original von Severina Zu Deiner zweiten Frage: Das frappiert mich auch und ich habe schon ernsthaft überlegt, ob Mattei am Ende nicht wirklich "echt" Gitarre spielt!
Lustig, das habe ich mich auch gefragt, aber gleich wieder als aberwitzig verworfen. Vermutlich ginge das doch von der Akustik her gar nicht, oder? Die MET ist schließlich kein kleines Haus.
VG, stiffelio
Severina (21.02.2015, 22:12): Schaut jemand "Aida" von der Scala (Live auf ServusTV)?? Eine ziemlich matte Sache... Eine "versteinerte" Inszenierung (Regisseur Peter Stein - nomen est omen :cool!) und sehr mäßige Sängerleistungen. Besonders enttäuscht bin ich von Fabio Sartori - was war das einmal für ein toller Tenor!
lg Severina :hello
Billy Budd (22.02.2015, 01:21): Wer hat denn außer Satori noch gesungen? :)
Carlo Colombara / Il Re Anita Rachvelishvili /Amneris Christin Lewis /Aida Matti Salminen / Ramfis George Gagnidze / Amonasro Cond.Zubin Mehta
Muss mir das nochmal in Ruhe zu gemüte führen , auf den ersten Eindruck, na ja , war das nicht so prickelnd !
LG palestrina
Billy Budd (22.02.2015, 12:08): Danke, lieber Palestrina, für die Besetzungsliste! :) Na servas, Matti Salminen im Jahr 2015 als Aida-König... :B :B Billy :hello
pavel (22.02.2015, 12:45): @palestrina: Aber Amonasro und Ramphis sind vertauscht.
palestrina (22.02.2015, 15:29): Ist vollkommen Richtig , ich werde es jetzt berichtigen , Danke !
LG palestrina
Severina (23.02.2015, 14:43): Von Waldi erreichte mich folgende Mail als Antwort auf meine Frage bezüglich der Mailänder "Aida", die ich mit seiner Erlaubnis hierher kopiere:
Liebe Sevi,
Zu Deiner Frage im Klassik-Forum: Ich habe die Mailänder "Aida" gesehen (ohne den Schluß allerdings), aber, wie Du ja weißt, ist mir von daheim das Klassik-Forum unzugänglich, und mein Institutscomputer spinnt nach wie vor. . Ich nehme also diesen Umweg hier (und falls sich drüben eine Diskussion regen sollte, kannst Du mich ruhig zitieren).
Von der Inszenierung bin ich ebenso wenig angetan wie Du. Am besten passen noch die statischen Bilder, von der Personenführung bin ich ziemlich enttäuscht. Auch die Kostüme sind eher schwach. Selbst wenn ich zugestehe, daß Pereira und Stein sparen mußten, ist der Gesamteindruck eher unterdurchschnittlich. Die Staubi-Elemente sind wirklich Staubi (das Am-Boden-Wälzen u.dgl.). Natürlich kann man die Aufführung insgesamt akzeptieren, aber viel mehr als Repertoireniveau hat sie meiner Meinung nach nicht.
Gegen Zubin Mehta habe ich natürlich nichts einzuwenden. Er dirigiert sorgfältig einen eher eleganten, etwas zurückhaltenden Verdi mit viel Rücksicht auf die Sänger. Mit einer anderen Mannschaft hätte er wohl mehr Feuer entzündet.
Kristin Lewis, wieder eine, die keine zweite Leontyne Price ist, singt ihre Leibpartie mit ziemlich sauberem Organ (bei einer Live-Übertragung finde ich kleine Unebenheiten nicht störend) und sieht ja ganz nett aus, aber es fehlen mir die Ausstrahlung und die dramatische Überzeugungskraft. Ich denke bei ihrer Interpretation eher an eine Liu. Technisch im großen und ganzen O.K., aber es bleibt kein individueller Eindruck heften - oder doch nur im geringen Maß. Gleich den meisten Mitsängern ist sie keine große Schauspielerin. So schafft es keiner, der matten Regie mehr Leben einzuhauchen. Am ehesten geht in dieser Beziehung noch Salminen an, der hat natürlich Routine und braucht als Hohepriester nicht viel mehr als eine Portion Würde; stimmlich ist er zwar nicht mehr der Alte, aber bleibt immerhin noch eindrucksvoll.
Rachvelishvili-Amneris könnte unter einem anderen Regisseur vermutlich besser zur Geltung kommen. Sie hat wirklich das Stimmpotential und gefällt mir deshalb von allen Hauptdarstellern am besten.
Der arme Fabio Sartori ist natürlich gehandikapt. Ein Pavarotti wußte mit seiner Fülle ganz gut umzugehen. Sartori ist das leider nicht gegeben, und Heldentenor ist er auch keiner. Er bewältigt mit relativem Anstand, Müh und Not eine Partie, die nicht die seine ist. Er hat sichtlich eine ganz gute Schulung, die dabei hilft, aber unterm Strich bleibt das Ergebnis Schmalspur. Die anderen Herren singen wie die Vorzeigeeleven in der Opernklasse, teils mit echt schönen Tönen, aber eben, wie schon gesagt, nicht mehr als ordentliches Repertoireniveau.
Aufgehorcht habe ich nur bei der Tempelsängerin - die war wirklich sehr gut.
Aus der Scala kam in den letzten Jahren schon viel Schlechteres, aber Vorzeigequalität hat diese "Aida" nur wenig. Man kann sie durchaus ansehen und anhören - und dann rasch vergessen.
So weit Waldi, dessen Einschätzung ich mich weitgehend anschließe. Mit Kristin Lewis konnte ich allerdings weniger anfangen als er. Salminen war besser als befürchtet (Habe immer noch seinen gruseligen Philipp aus Salzburg im Ohr...), aber für eine Scala-PR dürfte er wirklich nicht (mehr) die erste Wahl sein.
dem ist bei viel wohlwollen nicht aber auch gar nicht's hinzuzufügen . Ich fand Kostüme und Bühnenbild , als erstes überhaup nicht passend, die Personenregie war das übliche und die Sänger bis auf die Amneris s.Waldi sehr gut , dem armen Satori hatte man quasi einen Sack übergestülpt , da hätte es bestimmt besseres gegeben, das seine Leibesfülle besser kaschiert hätte! Ich habe es noch auf der Festplatte und schaue es mir die Tage noch mal an , vielleich kommt da ja noch was erhellendes ! :D
LG palestrina
Severina (23.02.2015, 15:30): Lieber Palestrina,
von mir kommt kaum noch etwas Erhellendes, denn ich habe die Aufnahme gleich nach dem Schlusston wieder gelöscht. Meine upc-Festplatte ist schon ziemlich voll, und mit DIESER "Aida" will ich sie nicht sprengen. Als Freundin minimalistischer Bühnenbilder war das noch der beste Teil dieser Produktion, dieser stilisierte Pylon gefiel mir z.B. recht gut. Das war aber auch schon alles. Rätselhaft, warum die Alten Ägypter schon zu Lebzeiten als Semi-mumien herumwandeln müssen ?( Und Du hast völlig Recht: Bei einer PR müsste der Kostümbildner auf die Figur eines Sängers (dessen Maße ihm ja bekannt sind!) eingehen und ihn nicht der Lächerlichkeit preisgeben. Bei Repertoirevorstellungen ist das etwas anderes, da kann man die Kostüme bestenfalls auf den aktuellen Gast etwas adaptieren.
Als ich Sartori vor zwei Jahren zum letzten Mal in Zürich erlebte, wog er noch gefühlte 20kg weniger. Vorgestern bin ich regelrecht erschrocken bei seinem Anblick, denn das hat nichts mehr mit Ästhetik zu tun, sondern ist wirklich gesundheitsgefährdend. Noch viel mehr als das bekümmerte mich aber die stimmliche Überforderung, denn einst verfügte er über einen wirklich herrlich timbrierten Tenor, den er sehr virtuos einsetzen konnte. Als Radames war davon nichts zu hören. Richtig peinlich der matte Höflichkeitsapplaus nach dem "Celeste Aida", normalerweise brandet da zum ersten Mal Jubel auf.
lg Severina :hello
palestrina (23.02.2015, 16:03): Ja, Severina so ist es , ich habe ihn auch vor 4 Jahren im Makenball gehört und seine Stimme war sehr ansprechend ,er war allerdings immer schon etwas füllig :wink , aber ich denke man sah das noch mehr bei diesem Sack den er an hatte ! :D
LG palestrina
Rotkäppchen (23.06.2015, 19:33): Ich denke, wir ziehen mal aus dem Termine-Thread hierher um, Ausgangspunkt war Zefiras Posting:
Original von Zefira Ich wäre mal interessiert, Meinungen zur Traviata-Inszenierung zu hören. (Im, hm, Nachbarforum stehen erwartungsgemäß nur Verrisse.) Was das Milieu angeht, war wohl von Villazón genau das zu erwarten: Zirkus. Violetta immer wieder gedoubelt von einer Trapezkünstlerin, die ihr nicht mal wirklich ähnlich sah. Ich habe nicht durchgehend zusehen können, vielleicht hat sich mir deshalb einiges nicht erschlossen, aber ich fragte mich in der Szene am Ende, ob Violetta womöglich die Versöhnung nur imaginiert. Olga Peretyatko war einmalig gut, sowohl sängerisch wie auch darstellerisch ein Genuss. Da ich aufgezeichnet habe, werde ich sicher noch mal hineinschauen.
Grüße von Zefira
/edit: Ich habe eben eine Online-Kritik überflogen und festgestellt, dass die komplette Opernhandlung offenbar imaginiert ist, was am Anfang irgendwie vermittelt worden sein soll. Da ich die ersten zehn Minuten verpasst habe, fehlte mir diese Info. Aber das erklärt natürlich einiges.
/noch ein edit: "Eines steht jedenfalls fest: Villazons Inszenierung der "Traviata" hat mehr mit ihm selbst und seinem tragischen Sängerdasein zu tun als mit Verdi. Was er mit seiner Übertragung in die "Traviata" hineinliest, ist der Bühnentod einer Künstlerin." ... steht in dieser Kritik. Interessant.
Hallo Zefira, ich bin ganz schön zwiegespalten -- hast Du inzwischen nochmal reinschauen können? Villazón war ja am Anfang zu sehen und er nannte die Arbeit "seine persönliche Sicht" auf das Stück und das ist es wohl in unverkennbar starkem Maße, wie es auch in der br-klassik-Kritik steht. Insgesamt fand ich die Grundidee, das Ganze in Violettas Rückblick laufen zu lassen, nicht so schlecht, auch wenn es nicht neu ist - das muss es schließlich nicht sein. Problematisch war eher, dass die Beziehungen der Personen irgendwie nur sehr vage herausgearbeitet wurden, dadurch verlor für mich das Stück seine Stringenz und vor allem seine Eindringlichkeit. Doubles mag ich an sich nicht so gern, aber trotzdem hat mir die Trapezkünstlerin gefallen, ihr Abstürzen hatte eine starke Symbolkraft. Weniger gelungen kam mir die Darstellung des Vater Germont als Komtur aus dem Jenseits sowie die Darstellung von Douphol als Quasi-Teufel(?) mit seiner Zombie-Gefolgschaft vor, welche alle zusammen das junge Paar mobben und bestrafen -- wofür eigentlich? --, vor, da fehlte mir die Logik. Etwas unklar war auch, ob die Inszenierung in der Neuzeit spielt, worauf manche Details hindeuteten. Dann hätte aber für Violetta eine andere Krankheit als die Schwindsucht gefunden werden müssen.
Die Stimmen der drei Hauptdarsteller haben mir sehr gut gefallen, die beiden Herren fielen schauspielerisch (regiebedingt vermutlich) im Vergleich zu Olga Peretyatko ab.
Mein Fazit insgesamt: schöner Gesang, eine ganz nette Inszenierung mit so einigen Fragezeichen ... sicher keine Aufnahme, die ich mir mehrmals ansehen werde.
Viele Grüße, Rk
Zefira (24.06.2015, 11:22): Hallo Rotkäppchen, danke für Deine Einschätzung. Ich bin noch nicht dazugekommen, meine Eindrücke aufzufrischen, aber am Freitag habe ich hier einige Stunden sturmfreie Bude und werde mir einige Szenen nochmal ansehen!
Grüße von Zefira
Zefira (26.06.2015, 17:48): So, die ersten beiden Akte habe ich nun immerhin ansehen können. Wenn man außer acht ließe, dass die ganze Handlung imaginiert ist, wäre in der Tat vieles nicht zu verstehen. Das beginnt schon mit dem Zirkusthema: Für eine Zirkusartistin, die die Manege verlässt und mit ihrem Anbeter in ein Landhaus zieht, wäre das eine Aufgabe von Zwang und Härte für Luxus, nicht umgekehrt. Die ganze Zirkusumgebung kann wohl nur als Metapher verstanden werden, funktioniert dann aber ganz gut, man sagt ja auch "Zirkusvorstellung" oder "den Zirkus mitmachen" für High-Society-Parties.
Vor diesem Hintergrund verstehe ich aber nicht, warum im zweiten Akt immer noch das Manegengerümpel herumliegt. Da hätten die bunten Sofas der Decker-Inszenierung wesentlich besser gepasst. Dass Vater Germont als steinerner Gast erscheint, ist wohl auch nur subjektiv zu verstehen, denn Verdi hat ihn musikalisch doch eigentlich gerade nicht unerbittlich und streng gestaltet. Gut - aus Violettas Sicht ist er derjenige, der das Idyll beendet, da mag es angehen, aber irgendwie nimmt es der Figur die Intensität, finde ich. Überhaupt bringt Villazóns Deutung es mit sich, dass neben Violetta alle Statisten werden - schade, aber konsequent ...
Sängerisch fand ich den Vater Germont sehr gut, Olga Peretyatko sang glänzend, allerdings hat sie manchmal etwas sehr Mädchenhaftes an sich, was nicht so ganz zu Violetta passt (finde ich) - aber das ist jetzt wirklich Quengeln auf allerhöchstem Niveau.
(Villazóns Escher-Hemd - siehe hier - habe ich übrigens schon eine ganze Weile als Strickpullover in Planung :o)
Grüße von Zefira
ps. So eine Idee wie die Spieluhr am Anfang funktioniert wohl auch nur in den Zeiten der Videowand im Opernhaus - die Zuschauer im Haus sehen das doch gar nicht :A
Rotkäppchen (26.06.2015, 21:10): Hallo Zefira,
war das nicht so, dass die Spieluhr noch vor dem Vorspiel eine Melodie spielen durfte, so dass aufmerksame Zuschauer schon etwas davon mitkriegen konnten?
Ansonsten gebe ich Dir Recht, die Zirkusmetapher ist schon sinnvoll und gar nichts o weit hergeholt. Mit etwas gutem Willen hätte man, denke ich, schon die Beziehungen intensiver gestalten können, aber das wollte Villazón offenbar ausdrücklich nicht. Da kann man trefflich darüber streiten, ob das am Werk vorbei geht oder nicht. Wie Du fand ich es auch eher schade. Eine meiner Lieblingsszenen ist ja die Spiel- und Geldwerf-Szene, die finde ich unheimlich spannend komponiert -- von deren Umsetzung war ich auch eher enttäuscht, da sie ziemlcih abstrahiert daherkam. Ich mag es lieber, wenn da die Personen richtig aneinandergeraten :D.
Naja, im Grunde, wie Du sagst, Quengeln auf hohem Niveau. Im Grunde war es schon durchdacht und im Rahmen des etwas speziellen Konzepts auch unterhaltsam. Sehr witzig war ja die raffinierte Applaus-Inszenierung :P.
Villazóns Escher-Hemd - siehe hier - habe ich übrigens schon eine ganze Weile als Strickpullover in Planung :o)
Na, dann nix wie ran an die Nadeln :D.
LG, Rk
Rotkäppchen (19.07.2015, 08:52): Zitat Zefira
Es war immer dann toll, wenn die beiden Hauptdarsteller im Bild waren, die waren nämlich richtig gut (abgesehen davon, dass ich Kaufmanns Timbre in den Piani manchmal nicht so besonders mag, aber das ist Geschmackssache). Die Chiemie stimmte da einfach, die waren mitreißend.
Ketelsen hat mich total enttäuscht und die Regie erschien mr eigenartig zusammengewürfelt, das Bühnenbild mit den Karten und Stühlen fand ich gut, aber die Tumultszene im letzten Akt war viel zu statisch, da wurde Potential verschenkt. Und ein paar Einzelheiten fand ich sehr merkwürdig ... vielleicht später dazu mehr.
Zitat Amonasro
Ja, Aldrich und Kaufmann fand ich auch sehr überzeugend. Kaufmann hatte ich schon mal in dieser Rolle im Fernsehen gesehen, erinnere mich leider nicht mehr genau daran.
Auch bei mir zählt Carmen nicht zu den Lieblingsopern und so oft habe ich sie auch noch nicht gehört. Einzelne Teile finde ich immer klasse, aber als Gesamtpaket....
Bei der Inszenierung gebe ich zu bedenken, dass es ein Open-Air-Festival war; da wird nach meiner Erfahrung deutlich zurückhaltender inszeniert als im Opernhaus. So war diese Aufführung abgesehen von den großen Spielkarten auch relativ konservativ, was man gut oder schlecht finden kann. Dank des schauspielerischen Talents zumindest der beiden Protagonisten geriet die Vorführung aber nicht zum reinen Rampensingen, sondern war durchaus spannend. Die Lichteffekte fand ich sehr schön anzusehen. Tatsächlich waren einige Szenen zu statisch (z. B. Chorszenen im 4. Akt oder Quintett im 2. und Sextett zu Beginn des 3. Akts). Ich vermute die allgegenwärtigen Spielkarten sollten in Anlehnung an die Szene, in der Carmen, Frasquita und Mércédes sich die Karten legen, zeigen, dass das Schicksal der Hauptfiguren schon von Beginn an festgeschrieben ist bzw. sie ihm nicht entfliehen können. Insofern logisch, als die Handlungen von Carmen und José direkt ihrem Charakter entsprechen, diese Charaktere aber völlig unvereinbar sind. Eine andere These könnte eine Aussage nach dem Motto: "Das ganze Leben ist nur ein Spiel" sein (bezogen auf Carmens freiem Lebenswandel, ihr immer-nur-an-den-Augenblick-Denken unabhängig von den Folgen, etc.).
Gesanglich war die Aufführung auf jeden Fall lohnend. Kate Aldrich, die ich hier erst zum zweiten Mal gesehen habe, bestätigte den guten Eindruck, den ich beim ersten Mal (als Amneris in Aida) von ihr hatte. Fast eine ideale Carmen. Das Zusammenspiel mit Jonas Kaufmann war hervorragend, daher waren die Szenen dieser beiden auch die Höhepunkte des Abends. Vor allem die Finalszene, die ich sowieso für die beste dieser Oper halte, war sehr intensiv und authentisch. Beide blieben ihren Rollen weder stimmlich noch darstellerisch etwas schuldig. Mit den übrigen Sängern bin ich nicht ganz so zufrieden: Die Micaëla von Inva Mula wirkte zu reif für die Rolle des naiven, noch sehr jungen Mädchens und konnte die Figur weder stimmlich noch darstellerisch glaubhaft darstellen. Zu dem fand ich die Stimme auch nicht besonders schön; wenn ich da an Kiri te Kanawas Micaëla denke.... Ketelsen als Escamillo blieb unauffällig, der Rest der Besetzung agierte auf hohem Niveau. Insbesondere im Quintett im 5. Akt habe ich jedoch die Leichtigkeit und Spielfreude vermisst, die in solchen komischen Ensembles gefragt sind.
Insgesamt eine auf jeden Fall sehenswerte Aufführung, die vor allem von den beiden Hauptdarstellern getragen wurde.
Es wurde leider die Fassung mit gesungenen Rezitativen gespielt; ich bevorzuge hier gesprochene Dialoge, die auch Bizets Intentionen entsprochen haben. Der Vorteil der Dialogfassung ist der, dass der gesprochene Anteil bis zum Ende hin immer kleiner wird, sodass der letzte Akt fast komplett durchkomponiert ist. Dies korrespondiert mit der Handlung, die zu Beginn noch deutlich an die komische Oper erinnert (die Carmen wird von Bizet als "Opéra comique" bezeichnet), später aber immer mehr zur (damals meist durchkomponierten) Tragödie wird. Die Dialoge sind auch länger als die Rezitative und bringen deutlich mehr Komik in die Handlung (vor allem die Szenen Remendados aber auch z. B. Lillas Pastia, der in dieser Fassung ganz gestrichen wurde).
Gruß Amonasro :hello
Hallo zusammen,
habe mal Eure Beiträge aus dem Termine-Thread hierher kopiert ... Die Aufführung ist inzwischen in die Mediathek gewandert, falls es jemanden interessiert:
Jetzt zu meiner Meinung: Amonasros Einschätzung, dass es wegen des Opern-Air-Aspektes gewisse Einschränkungen gab, ist natürlich richtig, aber hätte man nicht trotzdem etwas mehr an der Chorführung arbeiten können? Oder den Einzug von Escamillo und seinen Kollegen im letzten Bild weniger lächerlich gestalten können? Insgesamt überwiegt bei mir aber schon der positive Eindruck: zwei stimmlich und schauspielerisch wirklich tolle Hauptdarsteller und eine mit wenigen Ausrutschern ästhetisch gelungene Inszenierung mit starken Symbolen. Ich nehme an, dass es live atmosphärisch schön dicht war. Bzgl. der weiteren Sänger muss ich Amonasro Recht geben: Die Sängerin der Micaëla fiel etwas ab, mich störte mehr die recht scharfe Stimme als die Darstellung. Ketelsen als Escamillo hat mir in seiner Auftrittsszene gut gefallen, im letzten Bild etwas blass, vielleicht auch regiebedingt. Sehr gut gesungen und gespielt haben die Sängerinnnen der Frasquita und Mércédes.
Komisch hat das Ganze auf mich übrigens an keiner Stelle gewirkt, eher düster -- finde ich aber durchaus in Ordnung, denn die Story an sich hat für mich so gut wie gar nichts Lustiges, sie führt einmal mehr ziemlich krass die Unzulänglichkeit des/der Menschen an sich in mehreren Ebenen vor. Genau das kam m.E. sehr treffend heraus in dieser Inszenierung. Naja, letzten Endes ist das ja auch Ziel von beiden: Komödie und Tragödie, insofern passt's schon :D.
Viele Grüße, Rk :hello
Zefira (19.07.2015, 14:07): So war diese Aufführung abgesehen von den großen Spielkarten auch relativ konservativ, was man gut oder schlecht finden kann.
Mir gefiel der schlicht-konservative Stil der Kostüme: die Uniformen, die Arbeitsschürzen der Tabakarbeiterinnen im ersten Akt, die Kleidung der Kinder, die langen Mäntel der Schmuggler, die an Westernfilme erinnerten. Kate Aldrich war im schwarzen Spitzenkleid eine prachtvolle Erscheinung.
Interessant fand ich, dass Kaufmann in der Schlussszene mit Espadrilles an den nackten Füßen auftrat. Das hätte rührend sein können - eine treffende Illustration des sozialen Abstiegs. Aber warum trug er dann plötzlich ein weißes Hemd mit Schlips? Und, da wir schon bei Fußbekleidung sind: richtig krass fand ich den Auftritt der Stierkampfteilnehmer im letzten Akt. Alle in aufwendigen Matadorkostümen, aber nackten Füßen! Sogar Escamillo, der im dritten Akt noch schöne pinkfarbene Strümpfe angehabt hatte, erschien barfuß! Was um Himmelswillen soll das bedeuten? Ketelsen, der im Torerokostüm eine gute Figur hätte machen können - immerhin hat er die Figur, an der so ein Kostüm gut aussieht - wirkte gerade in dieser Szene auf mich sehr unbeholfen und schien sich unwohl zu fühlen. Ich hatte den Eindruck, er konnte sich überhaupt nicht mit der Rolle identifizieren und ließ jede Ausstrahlung vermissen. Schade, er kann das wirklich besser! Ich werde mir einige Teile sicher nochmal ansehen, mein Mann hat aufgezeichnet.
Grüße von Zefira
Zefira (20.07.2015, 10:21): Nachtrag: ich habe mir inzwischen das Vorspiel zum letzten Akt nochmal angesehen. Der arme Ketelsen hat mittendrin einen seiner Schuhe verloren. Das erklärt mindestens zum Teil seine Verunsicherung, vielleicht haben die Schuhe von Anfang an nicht richtig gepasst. Womöglich ist das auch die Erklärung für seinen späteren Barfußgang.
Rotkäppchen (20.07.2015, 13:16): Na sowas, das mit dem Schuh ist mir auch nicht aufgefallen, muss ebenfalls nochmal reinschauen. Die Idee, während des Orchestervorspiels zum letzten Bild Carmen und Escamillo pantomimisch ein Stück der Geschichte "erzählen" zu lassen, fand ich im Übrigen sehr schön. Es war natürlich weder nötig noch (vermutlich) innovativ, aber irgendwie sehr stimmungsvoll.
Interessant fand ich, dass Kaufmann in der Schlussszene mit Espadrilles an den nackten Füßen auftrat. Das hätte rührend sein können - eine treffende Illustration des sozialen Abstiegs. Aber warum trug er dann plötzlich ein weißes Hemd mit Schlips?
Das mit dem sozialen Abstieg finde ich durchaus schlüssig: ein gutes Hemd und einen Schlips hatte der arme Don José vielleicht noch von früher im Schrank, nur sein Vorrat an guten Schuhen war eben zu Ende. Er wollte sich für sein Treffen mit Carmen offenbar so schick wie möglich machen...
Mal davon abgesehen: Für das Publikum live vor Ort waren die Schuhe vielleicht ohnehin nicht so genau analysierbar.
Viele Grüße, Rotkäppchen
stiffelio (16.08.2015, 20:25): Hier die Besetzung:
ganz herzlichen Dank für deine Ankündigung dieser interessanten Übertragung im Termine-Thread, weil ich sie sonst bestimmt verpasst hätte! Ich gestehe, mich hat vor allem EIN Name auf dem Besetzungszettel gereizt: McVicar. Und es hat sich gelohnt, ich empfand es als eine ganz typische McVicar-Inszenierung: extrem detailreich und phantasievoll bebildert, sehr genaue Personenführung; Ironie, Witz und Artistik da, wo sie hingehören und ansonsten ein "Ernstnehmen" des Stoffes, den ich so oft schmerzlich vermisse. Zu den Sängern: darstellerisch waren alle 1 bis 1a, stimmlich hätte ich mir vom "Heldenpaar" Belmonte und Konstanze etwas mehr Schmelz und etwas weniger Vibrato gewünscht, das waren für mein Empfinden keine idealen Mozartstimmen (besonders Belmonte nicht). Am besten hat mir sängerisch der Osmin gefallen. An Orchester und Dirigat hatte ich nichts auszusetzen. Leider konnte ich noch nicht alles sehen (mir fehlt noch ein Stück vom 3. Akt), aber man kann ja noch lange nachsehen, ich hoffe, dass ich es in den nächsten Tagen schaffe und dann nochmal detaillierter berichten kann.
VG, stiffelio
Rotkäppchen (16.08.2015, 20:51): Liebe stiffelio,
ich hatte mit der ENTFÜHRUNG bisher gar nicht viel am Hut und habe es mir trotzdem angesehen, mir fehlen allerdings zwei Stellen mittendrin, wegen zwischenzeitlicher familiärer Verpflichtungen :wink. Es hat mir insgesamt gut gefallen, vor allem konnte ich als Quasi-Serail-Anfängerin gut folgen, die Inszenierung wirkte lebendig und stimmungsvoll. Zu den Stimmen kann ich nicht allzu viel sagen (außer, dass mir wirklich niemand negativ aufgefallen ist -- das ist schon viel :D), da fehlen mir die Vergleichsmöglichkeiten, obwohl mir einige Filet-Arien durchaus bekannt vorkamen. Insofern habe ich nichts zu bemängeln. Dass einige Akteure mit hörbarem Akzent unterwegs waren, das war eigentlich ganz witzig, da es ja ein exotisches Sujet ist :D. Ich hoffe ebenfalls, dass ich nochmal Zeit finde, die mir fehlenden Stellen anzusehen ... Ansonsten bleiben mir sicher die Szenen, in denen, wie von Dir beschrieben, "Witz und Artistik" zelebriert wurden, am längsten im Gedächtnis :times10.
LG, Rk :hello
Schweizer (18.08.2015, 14:11): Darf ich mich zur Glyndebourne-Entführung zu Wort melden, meine Eindrücke: 1) Seit ganz ganz langem wieder einmal eine "Normal-Aufführung" ohne ständiges Rätseln-Müssen was uns Herr oder Frau Regisseur(in) wohl sagen will, keine Zeitverschiebung, keine hässlichen Kostüme, keine Darsteller(innen) im Unterrock, keine Nackerten, keine Sonnenbrillen, keine Spitalbetten, keine Aktenköfferchen etc etc etc Ich habe es unglaublich genossen !!!!! 2) Nachdem ich mich als Traditionalist geoutet habe, meckere ich nachfolgend auf hohem Niveau: 3) Die Regie gefiel sich aber nicht dahingehend, dass mich ein schales Déjà-vu-Gefühl beschlich, nur schöne Tableaus und Arrangements zu präsentieren, sondern war sehr genau und setzte auch Akzente, die für mich neu-ungewohnt waren, mir sehr positiv auffielen. Zwei Beispiele: Osmin ist üblicherweise ein alter, misstrauischer Brummbär-Eunuch mit (Falstaff-)Bauch, hier ein junger Mann, ein viel differenzierter als üblich gezeichneter Charakter, dem in der Unterhose nichts zu fehlen scheint und dem man abnimmt, dass er die Blonde begehrt, sich nicht nur ihr gegenüber als Oberaufseher des Bassa durchsetzen will. Die Stimme des Sängers war vielleicht nicht schwarz à la Gottfried Frick, hatte aber weder mit dem lang ausgehaltenen tiefen d noch mit all den hohen e's Mühe, die sängerische Top-Leistung des Sänger-Ensembles. Bassa Selim: sein französischer Akzent hat mich keineswegs gestört, im Gegenteil, mir hat das sogar gefallen, denn das setzte ihn ganz klar vom übrigen Personal der Oper ab: er ist der Vertreter eines andern Kulturkreises, einer anderen Religion, denkt, fühlt, handelt verschieden. Darstellerisch war er äusserst facettenreich, eine grandiose Leistung, der allerbeste Bassa, der mir je untergekommen ist. Sprachlich war ihm Klaus Maria Brandauer in Zürich natürlich überlegen, aber wie dieser Franzose alle Gefühle des Bassas von Begehren, Eifersucht, Grossmut, Beherrschung, Wut, Enttäuschung etc zu zeichnen und herüber zu bringen fähig war, die zweite Spitzenleistung dieser Produktion. 4) Ich gehe mit Euch einig, dass das schwächste Glied unter den Sängern Belmonte war: ein nicht eben schönes Tenor-Timbre und eine magere Dynamikskala, die eigentlich nur mezzoforte und forte kennt, dazwischen wenig und im Pianobereich rein gar nichts. Ein Ausfall war er nicht, aber er fiel im Vergleich mit den übrigen Sängern deutlich ab. Dass man die mit Höchstschwierigkeiten gespickte Baumeister-Arie im 3.Akt nicht gestrichen hat, war mir unverständlich (ich bin eben verdorben, mein letzter Belmonte war Javier Camarena, ein ganz anderes Kaliber!) aber … 5) man hat die längste, von mir je auf einer Bühne erlebte Entführung geboten, alle Stiche in den musikalischen Nummern waren geöffnet; und dasselbe gilt für die Prosa, auch da gibt es weit kürzere Fassungen. 6) Und warum die Öffnung aller Dialoge geboten wurde, verstehe wer wolle, wenn ausser Osmin alle übrigen Sänger nicht deutscher Muttersprache sind und ausser bei der Schwedin Eriksmoen als Blonde bei allen andern Vokalverfärbungen beim Sprechen und Singen hörbar waren. Es war zwar kein Kauderwelsch was geboten wurde, aber mindestens die Straffung der Dialoge auf die Normalversion wäre meiner Meinung von Vorteil, angebracht gewesen. 7) Eriksmoen als Blonde war stimmlich ein sicherer Wert, hat mir prima, viel besser als im letzten Dezember als Pamina in Zürich, gefallen. Hier war sie richtig eingesetzt, die Pamina kam zu früh. 9) Pedrillo war mehr als ein Spieltenor, sicher und spielfreudig wie seine Blonde, die passten bestens zusammen, waren sich ebenbürtig. 10) Sally Matthews war eine gross-stimmig-dramatische Konstanze, die aber saubere Koloraturen hinzulegen imstande war. Ich kann verstehen, dass ihre Leistung bei Verfechtern von instrumental geführten Stimmen auf ein weniger positives Echo stiess. Erstaunlich was sie rein physisch während der Marternarie in Spiel und darstellerischem Ausdruck zu leisten im Stande war … oft wird diese Arie wie ein Einsprengsel, praktisch konzertant geboten.
Gruss vom Schweizer
Amonasro (18.08.2015, 19:03): Lieber Schweizer,
du bringst meine Eindrücke dieser Aufführung ziemlich genau auf den Punkt. Auch bei mir haben der Bassa Selim und Osmin den stärksten Eindruck hinterlassen. Das nicht immer perfekte Deutsch der Mitwirkenden fiel mir zwar auch auf, hat den positiven Gesamteindruck aber nicht bedeutend trüben können. Besonders gelungen fand ich, dass der Bassa nicht einfach nur relativ unbeteiligt seinen Text heruntergesagt hat, wie ich das auch schon gesehen habe, und dadurch als reine Sprechrolle überhaupt nicht wie ein störender Fremdkörper wirkte. Nicht selten warte ich während der Dialoge nur auf die nächste Nummer, hier waren sie ein wichtiger Teil des ganzen, was ich insbesondere der überzeugenden Darstellung von Franck Saurel zuschreibe. Die Inszenierung war traditionell im positiven Sinne: kein bloßes Rampensingen, sondern gekonnte Personenführung und sichtliche Spielfreude bei allen Beteiligten. Das lässt mich auch über den mich stimmlich weniger überzeugenden Belmonte hinwegsehen. Insgesamt ein sehr befriedigendes Opernerlebniss, obwohl ich nur selten Mozart höre. Zur Entführung habe ich dennoch ein besonderes Verhältnis: Es war die erste Oper, die ich vollständig gehört habe und zwar im Musikunterricht in der Schule.
Gruß Amonasro :hello
stiffelio (18.08.2015, 21:29): Lieber Schweizer,
ganz herzlichen Dank für deinen ausführlichen Beitrag, der mir den entscheidenden Motivationsschubs gegeben hat, mich auch nochmal ein bisschen ausführlicher zu Wort zu melden. Es ist glatter Wahnsinn, wir haben bei 9einhalb deiner 10 Punkte völlige Übereinstimmung! Ganz besonders bei Punkt 1 (den hast du köstlich auf den Punkt gebracht :rofl). zu 3) Osmin sehe ich genau wie du. Einziger Kritikpunkt, wenn man so will (ich will es nicht): Im Libretto ist tatsächlich mehrfach von einem "Alten" die Rede, da hat sich McVicar also die Freiheit genommen, Osmin gegen die Vorlage zu bürsten - mit soviel Überzeugungskraft, dass es mich nicht stört, ich es vielmehr, wie du, interessant fand. Zustimmung im Grunde auch beim Bassa, den Akzent fand ich regietechnisch auch passend, mich hat allerdings daran gestört, dass ich dadurch beim besten Willen nicht jedes Wort verstehen konnte und die Sprechtexte ja leider auch in den Untertiteln nicht vorkommen. Bei dem "allerbesten Bassa" muss ich allerdings widersprechen: das ist für mich nach wie vor Matthias Habich in der Schwetzinger Produktion. Der hatte für mich noch mehr Farben auf der "leisen" Palette, konnte aber in den passenden Momenten ebenso expressiv agieren. Kennst du die DVD? Wir sind uns aber trotzdem völlig einig, dass Franck Saurel trotzdem ein Bassa der Spitzenklasse war. zu 4), ja die fehlende Dynamikskala bei Belmonte nach unten ist mir auch aufgefallen. Alllerdings auch an ein paar Stellen, bei denen auch andere Sänger beteiligt waren (z.B. Konstanze beim letzten "mit wonnevollen Blicken" im Kerkerduett). Deshalb bin ich mir nicht ganz sicher, ob das nicht auch ein Problem des Dirigenten war, der ja auch an der Festlegung der Lautstärke beteiligt ist. zu 5 und 6) gerade wegen der unter 3) monierten fehlenden Textverständlichkeit war ich recht froh, dass McVicar sich so genau an das Libretto gehalten hat. So konnte ich durch Nachlesen fast alle Stellen enträtseln. Außerdem finde ich es schon im positiven Sinne bemerkenswert, wie unverstaubt eine Aufführung auch dann wirken kann, wenn man sich trotzdem an den "verpönten" Sprechtext hält. Zustimmung auch für 7-10), obwohl ich zugeben muss, dass ich in jeder dieser Rollen schon Sänger erlebt habe, die mir noch besser gefielen. Deshalb wird dies zwar eine bemerkenswerte und gute Aufführung für mich bleiben, aber doch nicht in meinen Olymp "beste Aufführung dieser Oper aller Zeiten" aufsteigen.
Aber um dennoch nochmal in das Lob einzusteigen: ganz große Klasse hatte für mich einerseits die "Martern"-Arie, die du ja auch schon erwähnt hast und regietechnisch-darstellerisch auch die "Kerkerszene". Da hat dann für mich zumindest darstellerisch auch Belmonte ganz stark gepunktet. Es war sogar die erste Belmonte-Darstellung, der ich eine echte Wandlung abnehme: vom sichtbar snobistischen Engländer am Anfang hin zu jemandem, der nachhaltig anerkennt, dass auch andere Kulturen ihre Werte haben (diese "Selbstironie" von McVicar, wie schon in seinem GIULIO CESARE, fand ich sowieso ganz köstlich. Als Pedrillo zu Beginn mit seiner Tabakspfeife auftrat, hätte ich mich fast auf dem Boden gewälzt). Ein weiterer großer Pluspunkt: McVicar hat aus dem fast immer unterschlagenen "stummen Schwarzen", der sehr wohl im Libretto vorkommt, eine ganz wichtige Rolle gemacht. Das war sozusagen die Umkehrung von Belmonte - der Haremswächter, der die Entführung verrät und die Liebenden zunächst trennt, dann aber doch so bewegt ist, dass er ihre Umarmung am Schluss zulässt.
Gerne wieder bei der nächsten TV-Debatte!! Ich freue mich sehr, dass du dich mal wieder gemeldet hast. :leb VG, stiffelio
stiffelio (22.08.2015, 21:59): Lieber Schweizer (und natürlich auch alle anderen Fidelio-Freunde),
hier meine ersten Eindrücke vom Salzburger FIDELIO: Es war weniger schlimm als befürchtet, es gab einige sehr eindrückliche Bilder und Florestan war auch nicht ausnahmslos das pathologische Nervenbündel, als das er in den Rezensionen dargestellt wurde, es gab innige Momente zwischen ihm und Leonore. Guth hat für mein Empfinden zwei entscheidende Fehler gemacht: Erstens wollte er offenbar dem FIDELIO eine Inszenierung "aus einem Guss" überstülpen. Die beklemmend-bedrohliche Atmosphäre zog sich durch alle Szenen hindurch. Ich empfinde es aber als das ganz Besondere und m.E. auch von Beethoven bewusst Gewollte, dass der FIDELIO eben nicht aus einem Guss ist, sondern einen riesigen Bogen spannt, von der Singspielebene bis zur Menschheitsutopie. Zweitens kann ich die Schlussszene (Florestan hält sich beim Chor immer sichtbar gequält die Ohren zu und als er beim letzten Choreinsatz mitsingt, bricht er - meinem Eindruck nach: tot - zusammen) nicht anders deuten, als dass Guth den Jubelchor als falsche Utopie entlarven wollte (im Sinne von: "Glück kann - wenn überhaupt - immer nur im ganz privaten Rahmen vorkommen"). So ist er aber von Beethoven m.E. nun wirklich nicht angelegt. Da wird ein Bruch eingefügt, der auch nicht im Entferntesten in der Oper angelegt ist.
Für den Rest übernehme ich der Einfachheit und Schnelligkeit zuliebe deine Punkteauflistung: 1. Die Personenverdoppelungen empfand ich weitgehend ohne einen Nährwert, der ihren Einsatz gerechtfertigt hätte. Einzige Ausnahme: der Beginn von Leonores großer Arie, wo sie ja wirklich einige (eher rhetorische) Fragen an Pizarro richtet. Dass Pizarros Doppelgänger da noch auf der Bühne war, hatte was. 2. Ich habe eine Vorliebe für Gebärdensprache (ohne mehr als einige theoretische Dinge über sie zu wissen). Dennoch hat mich ihr Sinn, sie in dieser Aufführung einzusetzen, nicht wirklich erschlossen. 3. Die Kostüme fand ich im Großen und Ganzen nicht störend (was ja nicht mehr selbstverständlich ist). Als unpassend habe ich lediglich die geschniegelten weißen Kittel der Gefangenen empfunden, die auf mich dadurch teilweise eher als Respektspersonen, statt als rechtlose Gefangene wirkten. 4. Interessant die Sichtweise der Regie auf Pizarro: Guth hat sich offenbar wesentlich mehr für ihn interessiert als für Rocco (der überdurchschnittlich blass blieb). Ein Pizarro, der wesentlich gespaltener rüberkam, als es sein durch und durch schurkisches Outfit vermuten ließ. Er wirkte als Schurke alles andere als selbstzufrieden, dagegen erlöst und glücklich in seiner vorübergehenden "Auferstehung" im Finale. 5. Wirklich beeindruckend war die Lichtregie. Das Schattenspiel fand ich am eindrucksvollsten vor dem Freudenduett "o namenlose Freude". Diese unscharfen, im Abstand von Atemzügen an die Wand projizierten Schattenbilder haben auf mich atmosphärisch ungeheuer eindrücklich gewirkt: ein Traumreich zwischen den Welten. 6. Einfach nur entsetzlich die Einblendungen von den Bühnenarbeiten während der großen Leonoren-Ouvertüre. Wie kann man nur auf diese Weise diese wunderbare (und hier auch wunderbar gespielte) Musik kaputt machen? Orchester (und Dirigent) waren für mich generell ein großer Pluspunkt dieser Aufführung, nur im ersten Akt waren mir manche Tempi einen Hauch zu getragen. 7. Die sängerischen Leistungen fand ich durchweg wirklich gut, die beiden Hauptrollen Leonore und Florestan sogar grandios. Einzig und allein das Timbre des Ministers hat mir nicht so zugesagt, das würde ich aber unter persönlichen Geschmack verbuchen.
VG, stiffelio
Hosenrolle1 (22.08.2015, 22:46): Original von stiffelio 2. Ich habe eine Vorliebe für Gebärdensprache (ohne mehr als einige theoretische Dinge über sie zu wissen). Dennoch hat mich ihr Sinn, sie in dieser Aufführung einzusetzen, nicht wirklich erschlossen.
Meine Theorie ist, dass der Regisseur wollte, dass man darüber redet, dass man irgendetwas vollkommen Neues (hauptsache NEU, nicht sinnvoll!) auf der Bühne sieht, und dass manche interessierte Zuseher versuchen herauszufinden, was da von der Dolmetscherin kommuniziert wurde.
"Hast du den neuen Fidelio gesehen?" "Welchen meinst du?" "Der mit Harnoncourt" "Welcher war das?" "Der mit der Gebärdensprache" "Aja, ja, den hab ich gesehen"
LG, Hosenrolle1
Rotkäppchen (22.08.2015, 22:57): Nanu, stiffelio, hast Du den Fidelio auf youtube geguckt oder warum warst Du so schnell fertig :D ?
Auch wenn mich die Fidelio-Kenner jetzt totschlagen -- mir hat die Version bis auf Einzelheiten sehr gut gefallen, auch wenn ich den Vorwurf, dass das Konzept an Beethovens Utopie vorbeiging, nicht entfkräften kann und will. Mir war wichtig, dass es sehr bewegende Momente (u.a. die von stiffelio erwähnten ganz innigen Szenen zwischen Leonore und Florestan) gab, ein echter Magic Moment war das Finale von Florestans Auftrittsmonolog/-arie, dort machte Leonores Double auch richtig Sinn und allein wegen dieser Szene hat es sich für mich gelohnt! Über Florestans Ende und was das genau bedeutet, wurde ja nun schon viel geschrieben. Also, ehrlich gesagt, wirkte er ja vor seinem Zusammenbruch ganz erstaunlich vital, fast hyperaktiv, deswegen ist er für mich nicht gestorben -- er hat sich halt übernommen -- kein Wunder nach so langer Zeit im Kerker -- und wenn sich das richtige Antidepressivum für ihn finden lässt (denn er war ja zunächst als ganz schwer psychisch krank dargestellt), dann wird's vielleicht wieder werden...
Beste Grüße, Rk
Schweizer (23.08.2015, 09:20): Liebe Stiffelio, liebe Forianer ich habe gestern unverhofft Besuch bekommen und so wurde es nichts mit meiner Absicht diese Fidelio-Produktion mir ein zweites Mal anzuhören und anzusehen. Erlaubt mir anzufügen, dass ich vor 14 Tagen nach einer Operation gerade eben wieder zu Hause war, sich seither meine Eindrücke, womöglich auf Grund der Narkose (?), partiell bereits verflüchtigt haben. Als Konsequenz nehme ich einfach zu Deinen Punkten Stellung:
"Guth ... wollte er offenbar dem FIDELIO eine Inszenierung "aus einem Guss" überstülpen. Die beklemmend-bedrohliche Atmosphäre zog sich durch alle Szenen hindurch. Ich empfinde es aber als das ganz Besondere und m.E. auch von Beethoven bewusst Gewollte, dass der FIDELIO eben nicht aus einem Guss ist, sondern einen riesigen Bogen spannt, von der Singspiel-ebene bis zur Menschheitsutopie." Ich verstehe Deine Erklärung, das kann man so sehen: es ist ja die ganz besondere Eigenheit dieses Werks, dass es eigentlich "im seichten Singspielton" beginnt und ab Pizarros Auftritt unvermittelt die Wendung ins Dramatisch-Heroische nimmt; ich verstehe aber durchaus, dass ein Regisseur diesen offensichtlichen Bruch zu glätten, einzuebnen versucht.
ad 1) das ging mir ganz ähnlich, Verdoppelungen sind ein Markenzeichen, eine Macke von Guth. ad 2) ich habe Leonore's Double mit Wohlwollen verfolgt, obwohl ich der Gebärdensprache nicht mächtig bin; bis zum Finale hat sie mich weder gestört noch überzeugt, "ihr übertrieben-heftiges Gefuchtel" ebendort liess bei mir den Gedanken aufkommen, ob wohl Welser-Möst ohnmächtig geworden sei und sie nun das Orchester leite (Ironieschalter ein/aus). ad 3) d'accord ad 4) auch in diesem Punkt stimme ich zu: Pizarro wird von Guth differenziert gezeichnet, das Double hingegen war eindimensional die Inkarnation des Bösen. ad 5) auch projizierte Schatten sind ein Guth'sches Markenzeichen, in dieser Aufführung eindrücklich und gekonnt eingesetzt. ad 6) völlige Übereinstimmung: diese verdammte Unsitte, dass heutzutage Regisseure oft meinen Vorspiele/Ouvertüren bebildern zu müssen, völlig daneben, ein Misstrauen der Musik gegenüber! Ich nehme aber an, dass das nur am Fernseher so war. ad 7) Mich hat nur Kaufmann als Singschauspieler gepackt, da er dem Regisseur bedingungslos in seinem Anliegen einen vom Eingesperrtsein total zerstörten Menschen zu zeigen, gefolgt ist und das auszudrücken verstand. Ab dem zweiten Akt kamen für mich dank JK Emotionen auf, vorher war alles unterkühlt, eine nicht uninteressante, jedoch sterile Fingerübung?!?
Gruss vom Schweizer
stiffelio (23.08.2015, 13:36): Original von Rotkäppchen Nanu, stiffelio, hast Du den Fidelio auf youtube geguckt oder warum warst Du so schnell fertig :D ?
Erraten :wink. Ich hatte abends keine Zeit, deshalb habe ich den FIDELIO dank YT auf den Nachmittag vorgezogen.
ein echter Magic Moment war das Finale von Florestans Auftrittsmonolog/-arie, dort machte Leonores Double auch richtig Sinn und allein wegen dieser Szene hat es sich für mich gelohnt! Wir sind uns einig, dass JK insgesamt die Kerkerszene toll dargestellt hat, allerdings machte sein gehetztes Gehabe eines Verfolgten für mich weniger Sinn, da er ja immer in Einzelhaft war und auch keine Verhöre o.ä. stattgefunden haben - es sei denn, man ignoriert die Libretto-Vorgaben auch in diesem Punkt.
Original von Schweizer Ab dem zweiten Akt kamen für mich dank JK Emotionen auf, vorher war alles unterkühlt, eine nicht uninteressante, jedoch sterile Fingerübung?!? Lieber Schweizer, wie beurteilst du in diesem Zusammenhang Pieczonkas Leonoren-Arie im 1. Akt? Zumindest sängerisch fand ich sie sehr eindrucksvoll.
VG, stiffelio
Hosenrolle1 (23.08.2015, 13:52): Original von Schweizer ad 6) völlige Übereinstimmung: diese verdammte Unsitte, dass heutzutage Regisseure oft meinen Vorspiele/Ouvertüren bebildern zu müssen, völlig daneben, ein Misstrauen der Musik gegenüber! Ich nehme aber an, dass das nur am Fernseher so war.
Da sprichst du etwas Wahres an. Ich glaube, es ist mittlerweile selten geworden, dass man einen Vorhang einfach geschlossen lässt und nur die Ouvertüre dazu spielt, die einen auf das folgende Stück einstimmt, und der Rest der Fantasie der Zuschauer überlassen bleibt. Ganz zu schweigen von der Vorfreude auf das, was kommen wird, wenn der Vorhang sich öffnet.
:I
LG, Hosenrolle1
Schweizer (24.08.2015, 16:14): Liebes Rotkäppchen, im Gegensatz zu Dir habe ich dieser Fidelio-Produktion nicht viel Positives abgewinnen können: 1) für "alte Hasen" war dieser Fidelio vielleicht nicht uninteressant, weil er einfach anders ist, aber das ist kein Qualitätsmerkmal. 2) Für Rookies war diese Produktion eher bis total ungeeignet, da die fehlenden Dialoge dem Verständnis nicht förderlich sind. Zudem erschwerte der Guth'sche kalt-psychologisierende Regieansatz und die zwischen die Musikstücke hineingeschobenen Geräusche nicht nur das Verständnis, sondern auch die Stimmung vor Ort im Publikum (praktisch kein Applaus) und am TV. Mich liess das Ganze weitestgehend kalt (zeitweilig langweilte ich mich sogar), diese Regie ist für mich eine gescheiterte Kopfgeburt. 3) Natürlich sind die Dialoge der schwächste Werkteil; sie zu streichen scheint aktuell im Trend zu liegen: Homoki hat das in Zürich jüngst in einer Neuinszenierung auch schon gemacht, mit besserem Resultat… ideal war es aber auch nicht. Ich plädiere für eine Verknappung der Dialoge aufs Minimum. 4) Zurück zu den eingefügten Geräuschkulissen: mir schien es, dass mehrfach im ersten Akt nach einer Gesangsnummer eine kleine Pause entstand, weil man am Sound-Pult den Schalter erst auf Start umkippte wenn kein Applaus aufkam. Das ergab jedes Mal ein minimes Loch und bedeutete für mich Spannungsabfall. Am unglücklichsten war das bei der Rocco-Arie, die hing völlig in der Luft, hatte kein Bezug zum vorher oder nachher! Überhaupt schien es mir, dass Rocco Regisseur Guth schlicht nicht interessierte? 5) ad Stiffelio: ich kann mich an Leonore's "Abscheulicher, wo eilst Du hin…" nicht erinnern (Narkose?), was nur bedeuten kann, dass mich weder der Vortrag noch die Darstellung der grossen Arie gepackt hat. Ich fand Frau A. Pieczonka als Fidelio-Leonore mittelprächtig (vielleicht ist mein Eindruck auch dem Double geschuldet, die mich im Finale mit ihrem extremen Gefuchtel nervte und mit dem sich in den Vordergrund drängen/spielen die richtige Leonore aus dem Fokus nahm), bei Ariadne, Chrysothemis oder Färberin ist sie weit besser aufgehoben.
Gruss vom Schweizer
stiffelio (25.08.2015, 18:24): Lieber Schweizer,
danke für deine Rückmeldung zu Frau Pieczonka. Rotkäppchen hat sich leider bis auf Weiteres verabschiedet, deshalb kann es sein, dass sie dir nicht mehr antwortet.
Bis hoffentlich bald, VG, stiffelio
Schweizer (25.08.2015, 19:11): Liebe Stiffelio, das sich Rotkäppchen verabschiedet hat, ist mir entgangen, danke für den Hinweis. Bei meinem Feedback an Dich zu AP ist ein Element meiner Antwort "verschwunden" (?): abgesehen vom Finale war sie im "O namenlose Freude"-Duett schwach, offensichtlich von der Kerkerszene dermassen ermüdet oder ausser Atem, dass sie neben JK praktisch unterging. Es scheint mir AP ist bei Dir viel positiver rübergekommen?
Gruss vom Schweizer
stiffelio (25.08.2015, 20:39): Na ja, teils teils. Einerseits habe ich schon Leonoren erlebt, die bei mir viel emotionaler und ausdrucksstärker angekommen sind. Andererseits hat die Leonoren-Partie nunmal einiges an sauschweren Stellen und es hat mich schon begeistert, wie einwandfrei AP diese gemeistert hat.
VG, stiffelio
nikolaus (25.08.2015, 22:31): Original von stiffelio Lieber Schweizer (und natürlich auch alle anderen Fidelio-Freunde),
2. Ich habe eine Vorliebe für Gebärdensprache (ohne mehr als einige theoretische Dinge über sie zu wissen). Dennoch hat mich ihr Sinn, sie in dieser Aufführung einzusetzen, nicht wirklich erschlossen.
VG, stiffelio
Ich will mich mal einmischen, auch wenn ich die Aufführung nicht gesehen habe. Aber meine 84jährige Mutter war total begeistert.
Auf die Personenverdopplung mit Gebärdensprache angesprochen meinte sie ohne lange nachzudenken: "Na für mich ganz logisch: die sollten das Innenleben, das Seelenleben der Personen verdeutlichen. Ganz toll gemacht!" Warum Guth nun gerade Gebärdensprache eingesetzt hat, war ihr dabei überhaupt nicht wichtig, sie hat es als stimmiges Ganzes empfunden.
Nikolaus.
Hosenrolle1 (26.08.2015, 07:06): Wobei man hier vielleicht zwei Einwände anbringen kann.
1.) Die Gebärdensprache ist ja auch "nur" eine SPRACHE - inwiefern kann da da das Innenleben einer Figur gezeigt werden? Kann man Gefühle besser durch Handzeichen darstellen als durch das gesprochene Wort?
2.) Tut das mit dem Innenleben nicht eigentlich schon Beethovens Musik?
LG, Hosenrolle1
nikolaus (26.08.2015, 23:50): Nun, wie gesagt, ich habe es nicht gesehen. Aber: 1. Gebärden haben für mich sehr viel mit Tanz zu tun, und Tanz ist für mich ein stärkeres Ausdrucksmittel als das Wort, wenn es um Emotionen, um das "Innere" geht. (Ich gebe zu, dass ich kein besonderer Freund des Wortes bin...)
2. Ja, selbstverständlich, aber Tanz/Gebärden verstehe ich hier als Verstärker, als Katalysator. Ob man es unbedingt braucht, ist eine andere Frage...
Nikolaus
Hosenrolle1 (26.08.2015, 23:53): Aber inwiefern haben Handzeichen, die Wörter/Sätze darstellen, etwas mit Tanz zu tun?
Bzw. ist die Gebärdensprache ja nicht wirklich ausdrucksvoller, denke ich, weil sie eben "nur" Wörter bzw. Sätze darstellt, aber aber keine Pantomime sind.
LG, Hosenrolle1
Peter Brixius (27.08.2015, 11:07): Ich habe mich schon innerlich heftig gescholten, weil ich glaubte, den Salzburger "Fidelio" verpasst zu haben. Ich hatte zwar einen Radiomitschnitt, aber da fehlte die ganze Inszenierung, die mich ja auch interessierte.
Aber gestern entdeckte ich den Mitschnitt aus dem Fernsehen in meiner Cloud, von dort habe ich ihn mir heute Morgen auf die Festplatte gezogen und gleich einmal neugierig hineingeschaut.
Es sind erste, allerdings schon bestimmende Eindrücke, die ich da vermittelt bekam und auch ausführlicher besprechen müsste. Zunächst die musikalische Ausführung: eher eine gute Durchschnittsinterpretation, die mich letztlich nicht überzeugte. Bei der Ouvertüre hätte ich mir mehr Rauheit und stärkere Kontraste gewünscht. Auch dem Quartett fehlte die fast unerträgliche Spannung, die es bei einer großen Interpretation haben kann.
Ansonsten war es der "Singspiel"-Teil, den ich mir ansah. Für mich hat die Oper "Fidelio" drei deutlich zu unterscheidende Stufen: Singspiel - Musikdrama - Oratorium. Dieser Singspielteil hat seine Brüche und Aufbrüche, zunächst ist es das hartnäckige Pochen, das die scheinbare Idylle stört, dann der Einbruch der Utopie mit "Hoffnung", es folgt die geniale Verdichtung der Absichten der Protagonisten in dem erwähnten Quartett. Die Spannung wird ein wenig zurück genmmen in der Gold-Arie Roccos, damit aber auch schon ein Kontrast zur nächsten Szene geschaffen.
Und nun eine (verstörend zerstörte) Singspielhandlung ohne Dialog. Wo doch gerade der Wechsel von Dialog und musikalischer Nummer die Singspielsphäre ausmacht. Das kann nicht gut gehen, ging auch nicht gut aus. Wichtige Informationen zum Profil der Persoenen entfielen, die gerade für die Verdichtung im Quartett notwendig seind. Seltsam sprachlos hingen dann die gesungenen Teile in einer Umgebung, die Sprache erfordert hätte. Ich erkläre mir so auchdas Fehlen einer Dynamik, wie ich sie im "Fidelio" gewohnt bin, wo ein Stück in das andere drängt.
Das Auftreten der Gebärdendarstellerin im Quartett war für mich dann der Tiefpunkt. Dort ein Gezappel, wo Konzentration das künstlerische Mittel ist? Es kam mir chaplinesk vor, was da geboten wurde, ein Fremdkörper hier und aus dem Quartett wurde ein Hin und Her von vielen.
Nun, ich hoffe auf Besseres im Folgenden, halte aber mal fest, dass ich den Verzicht auf den Dialog für einen Fehler halte, der im Fortgang wahrscheinlich nicht mehr viel zu sagen hat, aber im "Singspielteil" meiner Meinung nach verfehlt ist.
Liebe Grüße Peter
Schweizer (28.08.2015, 10:33): Lieber Peter, Kompliment: besser als Du kann man die Disparatheit des Singspielteils nicht formulieren; ich stimme voll mit Dir überein, dass die einzelnen Musiknummern im luftleeren Raum verloren gehen, die Handlung zerbröckelt und deshalb kein Drive entsteht. Das ist auch der Grund dafür warum ich von einer regielichen Kopfgeburt gesprochen habe, es geht einfach nicht auf. Ich bin gespannt Deine Beurteilung zu lesen, wenn Du Dir Teil 2 + 3, Musikdrama und Oratorium, angehört und angesehen hast. Gruss vom Schweizer
Peter Brixius (28.08.2015, 12:35): Eine Bemerkung zu der Ermächtigungsverfügung in Sachen Text, die Guth ebenso ansprach wie die Moderatorin im Fernsehen. Damit verhält es sich folgendermaßen: Zu der Aufführung am 21.11.1814 in Prag übersandten "die Verfasser der Oper" Weber die Partitur. Dabei gelegt war ein Notizzettel, übrigens nicht in der Schrift Beethovens:
»1. Die Partitur zurückzusenden. 2. Die Oper weder einzeln noch im Ganzen wegzugeben. 3. Die Ouverture nur dann abzukürzen, wenn sie zu lang schiene. 4. Die Arie mit Obl: Violin und Violoncello auszulaßen. 5. Den Text nach Gefallen abzuändern und zu verkürzen. 6. Den Chor der Gefangenen in bessere Verbindung mit dem Stück zu bringen. 7. Die Rolle des Fidelio so gut als nur möglich zu besetzen, damit sie auch außer dem Gesang gut gespielt werde. 8. Das Büchel von Wien mitzunehmen. 9. Den Marsch mit Truppen zu besetzen. 10. Das Erste Terzett zu verkürzen, nämlich jenes mit dem Klopfen. 11. Den Gesang leise accompagniren laßen. 12. Vergleichung des Italienischen Büchels mit dem Deutschen und Verbesserung des letzteren.« [A. W. Thayer: Ludwig van Beethovens Leben: 3. Band. Deutsche Komponisten von Bach bis Wagner, S. 7188 (vgl. Beethoven-Thayer Bd. 3, S. 458) http://www.digitale-bibliothek.de/band113.htm ]
Eine Erlaubnis, den ganzen Dialog wegzulassen, kann ich beim besten Willen aus der Notiz nicht erkennen. Im Gegenteil ist bei der Rolle des Fidelios verlangt, dass sie über den Gesang hinaus die Rolle gut verkörpere.
Bei den anderen Hinweisen lässt sich ableiten, dass es um eher praxisbezogene Ratschläge zu einer konkreten Aufführung ging. Oder sollte man nun aufgrund dieser Notiz die Ouvertüre nur in gekürzter Form darbieten.
Texte und mit ihnen die Dialoge waren nicht sakrosankt. Insbesondere die Zensur (man denke mal an den Wiener "Freischütz") erheblich in den Text eingreifen.
Ich bleibe dabei, gerade der erste Teil der Oper verlangt den Dialog, auch schneidet man dem Melodram den Boden unter den Füßen weg, lässt man die Dialoge nicht zu, es fehlt dann das Steigerungselement.
Zugegeben, alterümliche Wendungen im Dialog legen eine Modernisierung (wenigstens eine vorsichtige) des Textes nahe. Aber auch der Originaldialog ist durchaus verständlich, die Oper ohne Dialog jedoch meiner Meinung nach nicht.
Liebe Grüße Peter
Hosenrolle1 (28.08.2015, 12:51): Original von Peter Brixius Texte und mit ihnen die Dialoge waren nicht sakrosankt. Insbesondere die Zensur (man denke mal an den Wiener "Freischütz") erheblich in den Text eingreifen.
Auweh, ja: da hat man die gesamte Wolfschluchtszene weggestrichen, weil man meinte, dass sie für das Publikum zu gruselig sei. Dabei wird gerade in jener Szene am deutlichsten, dass Kaspar einen Pakt mit Samiel hat und die beiden machen sich aus, wie es weitergehen soll. Mehr noch, man erfährt hier Kaspars Pläne. Fehlt das alles, dann versteht man die Handlung ohne vorherige Kenntnis derselben sicher noch schlechter.
Zugegeben, alterümliche Wendungen im Dialog legen eine Modernisierung (wenigstens eine vorsichtige) des Textes nahe. Aber auch der Originaldialog ist durchaus verständlich, die Oper ohne Dialog jedoch meiner Meinung nach nicht.
Ich finde es immer interessant, wenn man diese alte Sprache liest und bei Unklarheiten ärgere ich mich nicht, sondern versuche herauszufinden, was gemeint ist. Ich persönlich bräuchte also keine Modernisierung, die sich an MICH anpasst.
In HUG kommt das Wort "Jungfernleder" vor. Da finde ich es doch interessanter zu recherchieren, was das genau ist, und etwas dazuzulernen, statt dass ein Regisseur das Wort austauscht und daraus etwa "Gummibären" macht.
LG, Hosenrolle1
Peter Brixius (28.08.2015, 16:36): Ich bin da auch Partei, ich genieße geradezu ältere sprachliche Wendungen. Es sind die erfrischenden Kohlesäurebläschen in einem Getränk. Für mich geht bei einer Übertragung auch immer Information verloren.
Aber deshalb bin ich zurückhaltend, das von anderen zu erwarten, die nicht so ein erotisches Verhältnis zu (älterer) Sprache haben wie ich. Aber mal ehrlich: bei Bach lässt man alles in den Kantaten so stehen, wie es da steht - und bei Beethoven nervt das? Da stimmt doch was nicht, oder?
Liebe Grüße Peter
Hosenrolle1 (30.08.2015, 13:48): In der heutigen Ausgabe der Kronen Zeitung steht etwas Interessantes.
Es folgen Auszüge:
Das Programm der Salzburger Osterfestspiele 2016 mit Verdis "Otello" steht fest. Doch für Osterfestspielchef Christian Thielemann drängt die Zeit: 2017 wird das 50-jährige Bestehen der Osterfestspiele gefeiert, die Herbert von Karajan 1967 gegründet hat. Thielemann wälzt dafür ein nostalgisches Projekt: Er will - wie Karajan 1967 - Richard Wagners "Walküre" jetzt mit seinen "Dresdnern" aufführen.
Und:
Wagner soll nämlich auf der Großen Salzburger Festspielhausbühne in den Originalbühnenbildern Günter Schneider-Siemssens, des "Haus-und-Hof-Bühnenbildners" und Ausstatters Karajans, aufgeführt werden.
Ich bin ja gespannt, wie das Publikum das aufnehmen wird. Ich bin mir sicher, da wird´s wieder eine große Aufregung geben. Die einen werden sich aufregen, weil es nicht modern ist, die anderen werden es bejubeln, weil es nicht modern ist.
Nach den drei Bildern zu urteilen sieht das für mich trotzdem nicht nach Walküre aus. Was soll das für ein Baum im 1. Akt sein?
Beim Überfliegen des Artikels habe ich mich zuerst verlesen und dachte, dass die Bühnenbilder der Uraufführung rekonstruiert wreden.
Besetzung: John Mark Ainsley, Juliane Banse, Pavol Breslik, Annette Dasch, Rainer Trost, u.a.
LG, Hosenrolle1
Amonasro (07.11.2015, 20:23): Gerade beginnt auf 3sat Wagners Fliegender Holländer aus Zürich mit Bryn Terfel und Anja Kampe - eine Aufzeichnung von 2013.
hast Du Dir den "Holländer" gestern angeschaut? Der muss schonmal vor 2 1/2 Jahren im TV gelaufen sein, im Holländer-Thread war (
> klick) kurz die Rede davon, nicht sehr positiv :(.
Ich konnte gestern nur die letzte Stunde sehen, aus der sich die Grundidee der szenischen Umsetzung nicht enträtseln ließ; hab' s aber aufgenommen und muss nochmal Anlauf nehmen...
:hello Viele Grüße, Rk
Amonasro (08.11.2015, 17:06): Hallo Rotkäppchen,
ich habe die Aufführung nicht komplett gesehen, nur den 1. Akt und Teile des 2. und 3.
Die gesanglichen Leistungen waren, soweit ich das beurteilen kann, recht gut. Den Monolog des Holländers und das Duett mit Senta waren schon fesselnd. Sentas Ballade habe ich leider nicht gesehen. Mit dem Erik war ich nicht zufrieden. Der Sänger wirkte doch ziemlich angestrengt. (Ich habe ihn aber auch nur im 3. Akt gesehen.) Salminens Daland war solide und er hat den geldgierigen Händler überzeugend dargestellt.
Die Handlung schien im Büro eines Kaufmanns angesiedelt, der wohl Kolonialwaren importiert. Ganz erschlossen hat sich mir die Inszenierung aber nicht. Das Bühnenbild war eher schlicht gehalten und man konnte sich gut auf die Darsteller konzentrieren.
Gruß Amonasro :hello
Amonasro (08.11.2015, 17:07): Der Beitrag wurde versehentlich zweimal gepostet, sorry.
Rotkäppchen (12.11.2015, 22:39): Original von Amonasro Die Handlung schien im Büro eines Kaufmanns angesiedelt, der wohl Kolonialwaren importiert. Ganz erschlossen hat sich mir die Inszenierung aber nicht. Das Bühnenbild war eher schlicht gehalten und man konnte sich gut auf die Darsteller konzentrieren.
Hallo Amonasro, inzwischen habe ich es geschafft, den Holländer aus Zürich komplett zu sehen. Deine Beschreibung trifft sich mit meinem Eindruck – kein großer Wurf, "stört" aber auch nicht zu sehr, falls man nicht gerade scharf darauf ist, jedes Detail nachvollziehen zu können und unbedingte Logik fordert... Die meiste Freude hatte ich an den weiblichen Stimmen, allen voran Anja Kampe, die Männerstimmen sämtlich eher durchwachsen ... Richtig positiv fand ich, dass alle Rollen mit optisch sehr passenden Darstellern besetzt waren; aber das führt auch nicht dazu, dass ich Lust hätte, mir die Aufzeichnung etwa mehrmals anzusehen/-hören – eine Aufnahme, die wohl am ehesten wertvoll für die Fans des einen oder anderen Mitwirkenden ist :D.
:hello Gruß, Rotkäppchen
stiffelio (12.12.2015, 22:04): Hallo an Alle, insbesondere Rotkäppchen,
Zitat von Rotkäppchen (aus dem OpernTV-Ankündigungsthread)
LIVE AUS DER MAILÄNDER SCALA: "GIOVANNA D'ARCO" VON GIUSEPPE VERDI
Mit: Anna Netrebko (Giovanna) Francesco Meli (Carlo VII.) Carlos Alvarez (Giacomo) Korrektur: Devid Cecconi Dmitry Beloselskiy (Talbot)
inzwischen konnte ich die Arte-Aufzeichnung der Scala zu Ende sehen. Das war ein beeindruckendes, wenngleich nicht völlig umwerfendes Opernerlebnis für mich. Die Inszenierung hat mir mit ihrer Konzentration auf Giovannas Innenleben jedenfalls sehr gut gefallen. Richtig grandios waren die Chöre gelöst! Bezüglich Anna Netrebko war ich meistens zwischen Bewunderung für eine engagierte und eine ebenso stimmkräftige wie wohlkingende Leistung und leisen Zweifeln, ob diese Stimme wirklich zur Rolle der Giovanna passt, hin und her gerissen. Keine Zweifel hatte ich bei Francesco Meli: seine wunderschöne und sanfte Stimme, die in der Rolle des Manrico von eineinhalb Jahren noch einiges Umdenken erforderte, passte hervorragend zur Rolle des sanftmütigen, wohlwollenden, aber eher schwachen König Carlo. Der Dritte im Hauptrollenbunde, Carlos Alvarez, sang zwar gut, aber m.E. etwas weniger mitreißend als die anderen beiden Protagonisten und konnte auch mit der Stimmkraft an einigen Stellen nicht ganz so mithalten.
Eine einzige, kurze Enttäuschung, die aber wohl vorprogrammiert war: Dem wunderbaren Duett nach Giovannas "Pronto sono" am Ende des Prologs fehlte insbesondere bei Giovannas Part der letzte Schwung. Das muss meiner Meinung nach ganz pointiert rhythmisch gesungen werden und davon war hier nichts zu hören. Da bin ich möglichweise durch die Aufnahme mit Susan Dunn von 1989 verdorben, die das ganz hervorragend macht (wer vergleichen möchte: "https://www.youtube.com/watch?v=KqJwV-QmTH8" bei 39:44 min). Kann es sein, dass Anna Netrebkos Stimme für solche Artistik doch nicht mehr beweglich genug ist? Oder hat sie einfach eine andere Auffassung von dieser Stelle?
Wie hat es euch gefallen?
VG, stiffelio
Rotkäppchen (12.12.2015, 22:55): Hallo, liebe stiffelio, ich muss noch um etwas Geduld bitten. Ich bin noch nicht durch und habe außerdem keine Ahnung von der "Giovanna". Aber bist Du sicher, dass Carlos Alvarez gesungen hat? Auf concert.arte, wo die Aufzeichnung jetzt bis Januar liegt (
> http://concert.arte.tv/de/giovanna-darco-verdi-mailaender-scala), ist ein anderer Sänger aufgelistet ?(.
Bis bald, LG, Rk :hello
palestrina (13.12.2015, 07:55): Hallo , nein Alvarez hat nicht gesungen, es war der Einspringer Cecconi , den Alvarez sagte ab !
LG palestrina
nikolaus (13.12.2015, 10:07): Original von stiffelio
Bezüglich Anna Netrebko war ich meistens zwischen Bewunderung für eine engagierte und eine ebenso stimmkräftige wie wohlkingende Leistung und leisen Zweifeln, ob diese Stimme wirklich zur Rolle der Giovanna passt, hin und her gerissen.
Ich habe zwar nur Ausschnitte gesehen, war aber auch zwiegespalten: ich hatte aber eher den Eindruck, dass sie sich insgesamt am Rande ihrer Möglichkeiten bewegte. Überzeugen konnte sie mich mit den mehr lyrischen Passagen in den höheren Lagen; dort wird die Schönheit ihrer Stimme besonders deutlich. In den "dramatischen Ausbrüchen" musste sie meinem Eindruck nach ganz schön kämpfen. Leider sah man das auch in den Nahaufnahmen, die mich hier aus irgendeinem Grund besonders gestört haben. Zur Inszenierung möchte ich mich lieber nicht äussern. Ich hatte den Anfang verpasst und kam nur schwer in das "Setting". Daher fand ich einige Situationen unfreiwillig komisch. Die zu kritisieren, wäre aber ungerecht, dazu fehlt mir der Zusammenhang.
Nikolaus.
stiffelio (13.12.2015, 13:11): Hallo palestrina,
vielen Dank für die Korrektur! Da bin ich ja beruhigt, denn Alvarez habe ich zwar nur einmal vor einigen Jahren (und stark maskiert) erlebt, hatte ihn aber auch stimmlich deutlich anders in Erinnerung.
VG, stiffelio
stiffelio (13.12.2015, 13:25): Hallo nikolaus,
Original von nikolaus In den "dramatischen Ausbrüchen" musste sie meinem Eindruck nach ganz schön kämpfen. Leider sah man das auch in den Nahaufnahmen, die mich hier aus irgendeinem Grund besonders gestört haben.
Stimmt, optisch machte das einen recht angestrengten Eindruck. Aber letztlich fand ich ihren Kampf erfolgreich, was die Durchschlagskraft anbelangt.
Zur Inszenierung möchte ich mich lieber nicht äussern. Ich hatte den Anfang verpasst und kam nur schwer in das "Setting". Daher fand ich einige Situationen unfreiwillig komisch. Die zu kritisieren, wäre aber ungerecht, dazu fehlt mir der Zusammenhang.
Ja, Einiges war optisch ziemlich ungewohnt (der goldene Carlo auf seinem Pferd, der kreuztragende Jesus vor der Kathedrale, der Scheiterhaufen aus Zimmermöbeln, die leibhaftigen Dämonen am Ende des ersten Aktes (die einzige Stelle, wo ich im Zweifel war, ob weniger nicht mehr gewesen wäre)), aber das Meiste macht für mich im Kontext Sinn und fand ich wie gesagt gut und intelligent gelöst.
VG, stiffelio
stiffelio (13.12.2015, 13:34): Liebe Rotkäppchen,
Original von Rotkäppchen ich muss noch um etwas Geduld bitten. Ich bin noch nicht durch und habe außerdem keine Ahnung von der "Giovanna". Na klar habe ich gerne Geduld. Und Ahnung von dieser Oper habe ich auch nicht, ich mag sie nur. :wink
VG, stiffelio
palestrina (13.12.2015, 13:51): Hallo zusammen, also ich habe bis zum Schluß durchgehalten und fand das ganze ziemlich , hmmm ! :wink Man sollte allerdings dazu sagen, wenn es nicht kitschig sein sollte , war diese Lösung gar nicht soooo schlecht , wie soll man die Verklärung der Giovanna darstellen , damit es eben nicht kitschig wird , deshalb höre ich dann lieber :)und denke mir die Schlussapothese , mit Engel und Heiligenschein! :D
Zum Gesang, na ja , die A . Netrebko konnte schon viel besser und der F.Meli war auch nicht das gelbe vom Ei und der besagte Einspringer der hatte auch schwzu kämpfen , über Jahre hinweg war R.Bruson der Giacomo vom Dienst ! Stiffelio, du meinst den Schluss vom Prolog , ja da fehlt die ganze Attacke , nicht nur von Netrebko ,von allen !! Sicher singt Meli schön, aber die Durchschlagskraft geht im ab, wie beim Trovatore .
Habe mir eben nochmal die Aufn.mit Caballé, Domingo, Milnes angehört , na da geht ganz schön die Post ab, das war '73 und Caballé in Bestform !
LG palestrina
Fairy Queen (13.12.2015, 20:15): Pardon, doppelt
Fairy Queen (13.12.2015, 20:15): Bonsoir, einer der Vorteile wenn man krank im Bett liegt ist, endlich mal wieder eine Oper auf Arte ansehen und dazu etwas schreiben zu können. Giovanna d'Arco kannte ich noch nicht und hab mich sofort gefragt, was unser lieber Rideamus wohl dazu gesagt hätte. Und Severina. Dass diese Oper über 100 Jahre nicht mehr an der Scala gegeben wurde,war Anlass genug für Chailly sie für die grosse inaugurazione, ein Riesenereignis in Mailand , aus der Scala- Mottenkiste herauszukramen. angeblich war das Ganze von enormen Sicherheitsvorkehrungen überschattet, die Anna Netrebko, zu der aussage, dass schade ihrer stimme hingerissen haben sollen.
Zuerst einmal frage ich mich beim Hören, was das Ganze mit Schiller zu tun haben soll?????? Die Geschichte ist nicht nur fern der eigentlichen Historie, von der ja bereits Schiller abweicht, sondern auf eine arge Schmonzette reduziert. Das finde ich bei diesem Stoff wirklich schade. Was Verdi allerdings aus dem amputierten Libretto macht, ist schmissige Risorgimento-Musik und wirklich hörenswert. Besonderes Lob gebührt, wie schon oben gesagt, den Chören, da würde man am liebsten mitschmettern. Mir hat die Inszenierung keinesfalls missfallen. Ich fand die Idee sehr gut und kohärent, dem Kitsch zu geben was des Kitsches ist. Die brennenden Scheiterhaufen, Dämonen und Kathedralen waren Fantasy - History und genau passend zu diesem Fantasy-History Plot. Der goldene Ritter als Jungmädchentraum und Mischung aus Luke Skywalker, und King Arthur - ich war sehr angetan von diesem mutigen Regieteam. Sie haben das Libretto so ernst genommen wie man es im 21.Jh eben kann und in passende, zeitgemässe Bilder umgesetzt. Was die Sänger angeht, muss man gleich sagen, dass es sich bei der Giovanna um eine Mörderrolle handelt und man froh sein kann, überhaupt jemanden dafür zu finden. Ich fand zwar auch, dass Netrebko keine passende Besetzung für eine 14jährige Jungfrau ist und sie zudem eine unmögliche Frisur und Kostüm ertragen musste, aber stimmlich wie konditionsmässig war sie der Sache vollkommen gewachsen. Ausserdem spielt sie die Rolle sehr gut, im Rahmen der Möglichkeiten die sie als reife Frau in dieser Rolle eben hat. Das ist ja das Elend der Soprane: wenn die Stimme fertig ist , eine solche Rolle zu singen,ist die Person oft rausgewachsen. Was die Komponisten sich dabei denken, ist mir rätselhaft. Mir wäre auch eine blonde Kindfrau à la Patricia. Ciofi lieber gewesen, aber man braucht dazu schon ein schweres lyrisches Kaliber Was die Männer angeht, fand ich Francesco Meli ansprechend und rollendeckend, wenn auch nicht überragend, während Carlo Alvarez höchstselbst sicher besser gewesen wäre. Insgesamt ein sehr erfreuliches Opernerlebnis zumal ich den Eindruck hatte, dass Chaily voll in seinem Element angekommen ist und seinen Verdi mit dem nötigen Schmiss und Schmackes dirigiert hat. Aber wenn man die Oper bereits kennt und andere Inszenierungen gesehen hat, fällt das Urteil evtl anders aus, bei mir ist es wie gesagt, ein erster Eindruck. Liebe Grüsse in nah und fern Fairy Queen
EinTon (13.12.2015, 20:19): Original von Fairy Queen Bonsoir, einer der Vorteile wenn man krank im Bett liegt ist, endlich mal wieder eine Oper auf Arte ansehen und dazu etwas schreiben zu können.
Hallo, Fairy!
Ich kenne die Oper zwar überhaupt nicht :D , wünsche Dir aber auf jeden Falle gute Besserung! :)
Gruß,
Normann
Hosenrolle1 (13.12.2015, 20:21): Original von Fairy Queen Giovanna d'Arco kannte ich noch nicht und hab mich sofort gefragt, was unser lieber Rideamus wohl dazu gesagt hätte. Und Severina.
Meines Wissens ist sie im C-Forum, da kannst du sie sicher erreichen.
Auch von mir gute Besserung :)
LG, Hosenrolle1
EinTon (13.12.2015, 20:30): @Hosenrolle: Das von Dir hier hereingesetzte Zitat bezog sich auf einen vergangenen Kontext und war eigentlich nicht für diesen Thread gedacht... http://www.capriccio-kulturforum.de/wcf/images/smilies/rolleyes.png
Hosenrolle1 (13.12.2015, 20:39): Achso, ok, ich lösche es wieder.
LG, Hosenrolle1
EinTon (13.12.2015, 20:41): OK, Danke! :)
stiffelio (13.12.2015, 22:10): Liebe Fairy,
ganz herzlichen Dank für deine Rückmeldung trotz Krankheit, auch ich hoffe, dass du bereits auf dem Weg der Besserung bist
Original von Fairy Queen ich war sehr angetan von diesem mutigen Regieteam. Sie haben das Libretto so ernst genommen wie man es im 21.Jh eben kann und in passende, zeitgemässe Bilder umgesetzt. Stimmt, ganz genauso hab ich das auch empfunden, nur dass ich es nicht so gut ausdrücken konnte. :beer
Mir wäre auch eine blonde Kindfrau à la Patricia. Ciofi lieber gewesen, aber man braucht dazu schon ein schweres lyrisches Kaliber Mich würde sehr interessieren, was du in diesem Zusammenhang zu Susan Dunn sagen würdest (siehe den Link oben) - auch nicht 100%ig eine Kindfrau, aber das Kaliber schien sie mir zu haben.
VG, stiffelio
Amonasro (13.12.2015, 22:15): Ich habe mir das ganze heute ebenfalls angesehen und die Inszenierung hat mich nicht wirklich überzeugt. Die Idee mit dem Schlafzimmer war zunächst ganz interessant, aber insgesamt ist alles doch sehr plakativ bis kitschig geraten (Gummidämonen, goldener König). Die Sänger waren zwar gut; Francesco Meli gefiel mir jedoch in anderen Partien besser, bei Verdi fehlt ihm einfach an manchen Stellen die Durchschlagskraft. Anna Netrebko und der eingesprungene Bariton Cecconi sangen solide, ohne bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Da ich mich mit Giovanna d'Arco bisher noch gar nicht befasst habe, kann ich ansonsten leider nicht viel beitragen.
Original von Fairy Queen Zuerst einmal frage ich mich beim Hören, was das Ganze mit Schiller zu tun haben soll?????? Die Geschichte ist nicht nur fern der eigentlichen Historie, von der ja bereits Schiller abweicht, sondern auf eine arge Schmonzette reduziert. Das finde ich bei diesem Stoff wirklich schade.
Interessanter Weise soll der Librettist Temistocle Solera geleugnet haben, dass ihm Schillers Drama als Grundlage diente (laut Wikipedia); offenbar wird es aber trotzdem als Vorlage angesehen. Näheres habe ich dazu leider nicht finden können.
Gruß Amonasro :hello
Hosenrolle1 (13.12.2015, 22:21): Zu dem Problem mit der 14 jährigen Giovanna d´Arco: in einer Rezension zu HUG in der Staatsoper im "Online Merker" bringt der Rezensent etwas gutes zur Sprache:
(...) sind beide in einem Alter, wo es ihnen nicht mehr gelingen kann, auch nur annähernd wie Kinder zu wirken (wo sind denn die vielen schönen Zwanzig-Plus-Damen des Direktors?)
LG, Hosenrolle1
nikolaus (13.12.2015, 22:31): Nachdem ich in der arte-mediathek mir nun doch die gesamte Oper angeschaut und angehört habe, muss ich tatsächlich mein obiges Urteil revidieren:
Das Regiekonzept ist - bis auf einzelne Schwachstellen - wirklich schlüssig. Man muss es nicht mögen, aber es ist - inklusive Bühne und Licht - gut umgesetzt. Doch, das hat mir gefallen.
Was Anna Netrebko betrifft: Hochachtung, das ist sicher keine leichte Partie, und sie hat das fabelhaft gemeistert. Ich bleibe zwar dabei, dass sie bisweilen an ihre Grenzen gehen musste, aber die hohen lyrischen Passage waren wirklich eindrucksvoll (und die machen ihr wohl auch am meisten Spass, wie sie im Interview vorher angab). Auch Meli und er Einspringer Cecconi haben mir alle in allem gut gefallen.
Nikolaus.
P.S.: etwas off-topic, aber ich hörte in letzter Zeit einige Verdi-Opern mit Maria Callas. Wenn ich diese alten Aufnahmen aus den 50er Jahren mit den mir bekannten aus heutiger Zeit vergleich, habe ich den Eindruck, damals habe man mit mehr Esprit, mit mehr Tempo (oder wie auch immer) gesungen und gespielt, ohne dass die Sänger hörbar Mühe hätten. Täusche ich mich, oder ist es tatsächlich eine anderer "Stil" (oder fehlen einfach die fähigen Sänger?)
Ich bin im Moment ziemlich beschäftigt mit dem Rätsel im Nachbarforum :D, aber inzwischen bin ich doch mit der Giovanna durch und da ich bisher keine Aufnahme dieser Oper kenne, habe ich jetzt natürlich nichts an Details zu kritisieren, außerdem habt Ihr schon soviel gesagt. Mir gefällt die Oper rein musikalisch sehr gut, ich werde mir die Tonspur gleich noch extrahieren, für unterwegs. Dass die Idee, die Handlung imaginiert ablaufen zu lassen, clever ist, habt Ihr ja schon gewürdigt. Insofern war es fast egal, was auf der Bühne ablief... Ohne einen solchen oder ähnlichen Trick, lässt sich das Werk wahrscheinlich gar nicht auf die Bühne bringen, höchstens konzertant. Dass Anna Netrebko physiognomisch angestrengt aussah, das fand ich nicht so schlimm, das passte doch zum Konzept, die Giovanna als Grenzgängerin zwischen Wahn und Wirklichkeit, zwischen Leben und Tod anzusiedeln.
Was mich interessieren würde: Netrebko hat in letzter Zeit bekanntermaßen wiederholt sehr viel Lob für ihre Trovatore-Leonora bekommen. Wie verhält sich denn die Giovanna bzgl. der Schwierigkeit zu dieser Rolle?
:hello Rk
Fairy Queen (16.12.2015, 01:35): Danke für eure guten Wünsche- halb so schlimm, eine Erkältung in der Saison braucht das Immunsystem- besser jetzt als an Weihnachten, und am Samstag hab ich mit letzter Kraft noch ein Weihnachtskonzert mitsingen können. Was Netrebko angeht, auch wenn ich wirklich kein Fan bin, sie hat einfach das stimmliche und darstellerische Zeug zu diesen grossen Verdi-Rollen. Man findet immer irgendetwas zu kritisieren, aber es gibt nicht viele Sängerinnen dieses Kalibers und ich finde sie ist endlich im richtigen Repertoire angekommen. Ich habe schon vor Jahren gewusst,dass sie im leichteren Belcanto-Fach fehl am Platz ist, mich hat sie da nie überzeugt. Aber vielleicht hat sie ihre Karriere einfach richtig und klug aufgebaut und kann deshalb heute solche Rollen wie Trovatore Leonora singen. und das ist gewiss noch noch nicht das Ende der Fahnenstange. Ich erwarte i nein paar Jahren mindestens noch eine Turandot, vielleicht sogar Isolde. Ob die Leonora schwieriger ist als die Giovanna weiss ich nicht, ich kenne leider die Partition der Giovanna nicht. Und die "Schwierigkeit" ist je nach Stimmtypus eh sehr relativ. Wahrscheinlich ist für Netrebko die Giovanna schwieriger, für Andere wäre es umgekehrt. Liebes Rotkäppchen,ein Ausnahmetalent wie die Callas kann man schlecht als Massstab nehmen und dass die Sänger damals keine Mühe hatten, würde ich so nicht unterschreiben Die Callas hatte oft sehr viel Mühe....... Aber es gab auch in meinen Ohren irgendwie eine natürlichere Frische und Unbekümmertheit, einen Schwung, der noch nicht total von der Mediatisierung überschattet war. Heute muss quasi jeder Ton perfekt sein, weil Alles sofort und unmittelbar in die ganze Welt gesendet wird. so wird Vieles nur noch steril weil unter enormem Druck. Dei Sänger Können kein Risiko eingehen und Alles klingt dann irgendwie gleich. Callas ist viele Risiken eingegangen, das ging teilweise daneben, aber es hat eben auch die überraschenden und unvergleichlichen Momente von Authentizität Der Stimmen und Rolle ermöglicht.
Was die Inszenierung angeht: ich wüsste nicht , wie man das heutzutage besser machen sollte. 19.Jahrhundertt Kitsch wird 1 zu 1 mit 21. Jahrhundert-Kitsch wiedergegeben. Und zwar so, dass auch unter 20 jährige verstehen können, was da abgeht. Mir imponiert dieses Regie-Team mächtig, das muss man sich erst mal trauen in einer Oper wie der Scala! Letztlich haben sich, nach Verdis Lesart und der der Regisseure Jungfrauenträume seit dem 14Jh nicht massgeblich verändert....... Was die Vorlage angeht, weiss ich auch nicht mehr, Schiller ist jedenfalls nicht mal ansatzweise erkennbar. Wenn man das mit Don Carlo vergleicht, hat sich Verdi hier wirklich meilenweit entfernt. Da er ein sehr guter Literaturkenner war, stellt sch die Frage nach dem Warum. Nur Theaterkalkül?
Bonne nuit Fairy Queen
Hosenrolle1 (16.12.2015, 01:38): Was die Inszenierung angeht: ich wüsste nicht , wie man das heutzutage besser machen sollte. 19.Jahrhundertt Kitsch wird 1 zu 1 mit 21. Jahrhundert-Kitsch wiedergegeben. Und zwar so, dass auch unter 20 jährige verstehen können, was da abgeht.
Ich glaube, Joachim Kaiser würde dir hier heftigst widersprechen :wink
LG, Hosenrolle1
nikolaus (16.12.2015, 20:43): Original von Fairy Queen
Liebes Rotkäppchen,ein Ausnahmetalent wie die Callas kann man schlecht als Massstab nehmen und dass die Sänger damals keine Mühe hatten, würde ich so nicht unterschreiben Die Callas hatte oft sehr viel Mühe....... Aber es gab auch in meinen Ohren irgendwie eine natürlichere Frische und Unbekümmertheit, einen Schwung, der noch nicht total von der Mediatisierung überschattet war. Heute muss quasi jeder Ton perfekt sein, weil Alles sofort und unmittelbar in die ganze Welt gesendet wird. so wird Vieles nur noch steril weil unter enormem Druck. Dei Sänger Können kein Risiko eingehen und Alles klingt dann irgendwie gleich. Callas ist viele Risiken eingegangen, das ging teilweise daneben, aber es hat eben auch die überraschenden und unvergleichlichen Momente von Authentizität Der Stimmen und Rolle ermöglicht.
Bonne nuit Fairy Queen
Liebe Fairy Queen,
ich bin zwar nicht Rotkäppchen :wink, danke aber für Deine Antwort. Mit "Frische und Unbekümmertheit" triffst Du genau das, was ich empfinde. Was Du über Perfektionismus und (fehlendes) Risiko schreibst, leuchtet mir ein. Man hat schon den Eindruck, das jedes eingegangene Risiko mit nicht optimalem Ausgang "abgestraft" wird.
Beste Grüße,
Nikolaus.
(Gerade läuft Il Trovatore mit Callas, Panerai, Barbieri und di Stefano... packend!!)