Severina (08.12.2011, 00:50): Hat jemand die Übertragung der PR des "Don Giovanni" - die Saisonerföffnung an der Scala - gesehen? Ich fand's ziemlich flau. Von Robert Carsens Inszenierung bin ich enttäuscht, der hat sein Feuer wohl verbraucht, denn in den letzten Jahren wiederholt er sich nur mehr und zitiert sich quasi selbst. Beispiel: Donna Anna hält ein Programmheft des "Don Giovanni" in der Hand, ebenso wie die Tosca in Zürich, nur dass es dort Sinn machte und hier nicht. Diese Theater-am-Theater-Kiste kann ich wirklich nicht mehr sehen. Ich fand auch wenig von dem, was Carsen in der Pause erzählt hat, auf der Bühne umgesetzt, manchmal fühlte ich mich ins Rampentheater ödester Provenienz versetzt. Ehrlich gesagt habe ich mich bei einem Giovanni noch selten so gelangweilt wie bei dieser TV-Übertragung, er rangiert gleich hinter unserer Martinoty-Katastrophe an der WSO. (Kein Vergleich zu den spannenden Inszenierungen aus Salzburg und dem ThadW!!!) Deshalb verfolgte ich das Geschehen auf dem Bildschirm bald nur mehr so nebenbei, möglicherweise sind mir ja die tollsten Regieeinfälle entgangen!
Aber auch musikalisch riss mich dieser DG nicht vom Stuhl. Peter Mattei hat einen sehr schönen, einschmeichelnden Bariton, nur ist er mir für den Giovanni zu hell und warm, will sagen, er vermittelt mir nichts von dem, was diesen Womanizer ausmacht. Und so wenig verführerisch/gefährlich wie seine Stimme klingt, spielt Peter Mattei den Don leider auch. Schade, ich fand ihn als Onegin ganz großartig, aber als Giovanni ist er für mich keine Idealbesetzung.
Brynn Terfel war gut, aber nicht herausragend, Stefan Koczan knarrte sich eher unschön durch den Masetto und Giuseppe Filianoti war der absolute Tiefpunkt: Besonders "Il mio tesoro" grenzte an Notenquälerei und war meilenweit von jedem Mozartstil entfernt.
Von den Damen gefiel mir Anna Prohaska als Zerlina am besten, sie spielte auch sehr gut. Barbara Frittoli klang zwar besser als zuletzt, was aber nicht heißt, dass sie mich als Donna Elvira wirklich überzeugt hätte. Ihre vibratoreiche Stimme ist sowieso nicht mein Fall, und in der dünnen Höhenluft gesellte sich noch ein scharfer Beiklang dazu. Ja, und Anna Netrebko..... Ich mag sie bekanntlich sehr, aber das war heute eher nicht ihr Tag. Das Scala-Publikum hat zwar gejubelt, aber das war wohl dem "Eventcharakter" geschuldet und weniger ihrer tatsächlichen Leistung. Natürlich ist eine Anna Netrebko nie wirklich schlecht, aber heute hörte man, dass Singen ein anstrengender Job ist, besonders im letzten Akt musste sie ordentlich kämpfen.
Das waren jetzt nur ein paar Schlaglichter auf diese Übertragung, keine tiefschürfende Analyse, und mich würden Eure Eindrücke interessieren!
lg Severina :hello
Zefira (08.12.2011, 13:08): Manchmal ist es ja von Vorteil, wenn man nicht viel Ahnung hat: Ich kannte das "Theater im Theater"- Konzept in dieser Form noch nicht und war amüsiert über den Einfall mit dem Programmheft. Aber insgesamt habe ich die Inszenierung als erstaunlich konservativ empfunden. Von Robert Carsen hatte ich etwas anderes erwartet. War aber zufrieden, mal einen Don Giovanni ohne das so oft gesehene Sex & Crime-Brimborium zu sehen. Barenboims Dirigat gefiel mir (bei den Secco-Rezitativen gab es ein paar nette kleine Einfälle; wer denkt sich das eigentlich aus? Der Dirigent?) Was mich aber in letzter Zeit mehrfach gewundert hat, ist das Theater mit den Kopfmikrofonen. Im Ordner zu "Hoffmanns Erzählungen" habe ich das schon erwähnt. Gestern hatte ich bei Facebook kurz Kontakt mit einer Berufscellistin, die mich aufgeklärt hat, dass das anscheinend inzwischen Standard ist, wenn aufgezeichnet wird. Manchmal stört es ja vielleicht auch nicht, aber gestern fiel mir mehrfach auf, dass die Stimmen plötzlich ganz anders klangen, wenn zwei Sänger sehr dicht zusammenstanden (vermutlich mischen sich da die Aufnahmen von zwei Mikrofonen); und Peter Mattei sah ich mindestens einmal heftig mit seinem Kabel kämpfen :A
Bryn Terfel und Anna Netrebko, auf die ich mich gefreut hatte, habe ich beide schon besser gehört ... Aber das heißt nicht, dass sie mir nicht gefallen hätten.
Die Interviews in der Pause habe ich leider nicht gehört, weil ich die Zeit zum Telefonieren genutzt habe, aber ich werde sie noch nachholen; ich habe für Mimí aufgezeichnet.
(Ich vergebe wieder mal die goldene Zitrone für den ausgeleiertsten Bass. Der Komtur klang in der Friedhofsszene, als ob er vor sich selber Angst hätte :S )
Grüße von Zefira
Severina (08.12.2011, 15:02): "Erstaunlich konservativ" ist eine charmante Untertreibung, ich fand's wirklich sterbenslangweilig und schaffte es deshalb auch nicht, durchgehend bei der Stange zu bleiben. Und das passiert mir bei meinen Lieblingsopern äußerst selten! (Wobei ich Dir lieber nicht sage, welche meine Lieblingsinszenierungen sind, sonst sprichst Du womöglich nicht mehr mit mir :wink ) Den Komtur habe ich gar nicht erwähnt, er passte jedenfalls ins fade Konzept... Allerdings habe ich schon lange keinen überzeugenden mehr gehört - gibt es wirklich keine schwarzen Bässe mehr? Oft habe ich den Eindruck, diese Rolle wird nicht so richtig ernst genommen und halt so nebenbei besetzt, dabei hängt so viel dran. Mit einem vor sich hin säuselnden netten älterern Herr kann das Finale nur schief gehen. Georg Zeppenfeld ist leider noch zu jung, aber den könnte ich mir stimmlich sehr gut als Komtur vorstellen.
lg Severina :hello
Billy Budd (08.12.2011, 15:37): In Ermangelung eines Fernsehgerätes habe ich die Sendung nicht gesehen, werde mir aber die Radioübertragung zu Gemüte führen. Severinas Eindruck über Barbara Frittoli deckt sich mit meinem vom Simon Boccanegra. Als Komtur fielen mir auf die Schnelle (Ich gehe jetzt gleich los zum Rosenkavalier) Kurt Rydl, Walter Fink, Eric Halvarsson und Sorin Coliban ein. Billy :hello
Zefira (08.12.2011, 16:14): Die schönste Inszenierung von Don Giovanni, die ich je gesehen habe, kam aus Glyndebourne. Damit will ich jetzt aber nicht sagen, dass sie inszenatorisch herausragend war, sondern sie war einfach erstklassig gesungen.
Leider kann ich keinen einzigen Namen nennen, es ist viele Jahre her. Wenn ich mich recht erinnere, sang John Mark Ainsley, den ich mir demnächst als Orfeo ansehen darf, den Ottavio - das ist alles, was ich noch weiß.
Inszenatorisch sehr gut gefallen hat mir die allererste Inszenierung überhaupt, die ich je gesehen habe. Das war die von Peter Sellars aus 1991.
Ich mag an sich moderne Inszenierungen dieser Oper gern. Das vielgeschmähte Regiekonzept aus Aix-en-Provence, wo alle Personen der gleichen Familie angehörten und der Komtur ein von der Familie bestellter Schauspieler war, hat mich zum Beispiel überzeugt. Mir hängen nur Deutungen zum Hals heraus, bei denen die Bühne ständig voll nackter Frauen ist und Don Giovanni wie ein Mafioso aussieht.
Aber ich wüsste sehr gern, welches Deine Lieblingsinszenierungen sind! Und ich spreche auch danach noch garantiert mit Dir!
(Mein liebster Don Giovanni war übrigens immer Ruggero Raimondi! Bei dem wäre ich SEHR gern mal Zerlina gewesen!!!)
Severina (08.12.2011, 20:00): Liebe Zefira,
um Ruggero Raimondi hätten wir uns vermutlich gerauft als Zerlina :D :D! Ein Blick von dem genügte, dass die Knie weich wurden! Trotzdem war mein Don Giovanni mit dem meisten Sexappeal (was natürlich eine subjektive Bewertung ist!) Tom Hampson in der genialen Inszenierung von Jean-Perre Ponnelle in Zürich (Muss so um 1990 gewesen sein). Ich hab's schon ein paarmal gesagt: Für eine DVD dieser Aufführung gäbe leichten Herzens ich meine halbe DVD-Sammlung her, aber leider wurde damals nicht mitgeschnitten. Die Inszenierung war ein bisschen "gothic", bestach durch ein reduziertes, aber ungemein suggestives Bühnenbild und eine wie immer bei Ponnelle subtile, psychologisch genaue Personenführung. Nie zuvor und danach habe ich das "La ci darem la mano" so inszeniert - man müsste besser sagen: choreographiert - gesehen, das war nicht einfach "nur" verführerisch, das war eine magische Sogwirkung, die bis in die letzte Reihe des Zuschauerraumes körperlich spürbar war. Nie werde ich die unglaubliche Ausstrahlung von Hampson in dieser Szene vergessen, er war die personifizierte Sünde.
Wie gesagt, diese Inszenierung ist meine Nummer 1, den zweiten Platz hält Claus Guths Salzburger Produktion, die ich auf ihre Weise ebenso faszinierend finde wie Ponnelles Arbeit in Zürich. Es sind zwei gänzlich verschiedene Konzepte, aber beide sind bis ins Kleinste durchdacht und funktionieren. Auch an Kusejs Salzburger Inszenierung gefällt mir einiges, aber eben nicht alles, das Konzept ist nicht so stringent wie das von Guth.
lg Severina :hello
Zefira (08.12.2011, 20:04): Auf die Gefahr hin, hier total ins OT abzudriften: Ich habe vor vielen Jahren mal Hampson als Giovanni (bei einer TV-Übertragung) gesehen. Leider auch nicht aufgezeichnet, aber ich kann mich erinnern, dass in der Tafelszene statt der Komtur-Statue ein merkwürdiges Stahlgestell hereinfuhr, wenn ich es richtig vor Augen habe, mit einem ausgestreckten Pappmaché-Zeigefinger ... Meintest Du diese Inszenierung? Ich habe mich damals nur marginal dafür interessiert und mir leider nichts gemerkt, außer dass (ebenfalls bei der Tafelszene) Hampson dem Dirigenten ein Glas Wein angeboten hat. :beer
Gruß von Zefira
nikolaus (08.12.2011, 22:27): Ich bin mal wieder richtig froh, dass ich nicht so häufig Opern höre oder sehe und nur wenig davon verstehe.
So konnte ich diesen Don Giovanni geniessen und bin tatsächlich bis zum Ende dabei geblieben. Mir hat sowohl die Inszenierung gefallen in ihrer spielerischen Leichtigkeit und Zeitlosigkeit, als auch die musikalische Seite mit Dirigat und Sänger(darsteller). Und ich hatte den Eindruck, dass restlos alle Beteiligten auch ihren Spass hatten (für mich enorm wichtig).
Über die Qualität von Sängern allgemein wage ich sowieso kaum zu urteilen; dennoch: ich höre mir lieber das angeblich so ausufernde Vibrato einer Frittoli an als z.B. das gaumige Jaulen manch anderer ob ihrer stupenden Koloraturfähigkeiten gerühmten Sängerinnen.
So stehe ich wohl wieder - wie bei der Traviata mit Nathalie Dessay - alleine auf weiter Flur...
Macht ja nix!
Nikolaus. :hello
Severina (08.12.2011, 22:46): Original von Zefira Auf die Gefahr hin, hier total ins OT abzudriften: Ich habe vor vielen Jahren mal Hampson als Giovanni (bei einer TV-Übertragung) gesehen. Leider auch nicht aufgezeichnet, aber ich kann mich erinnern, dass in der Tafelszene statt der Komtur-Statue ein merkwürdiges Stahlgestell hereinfuhr, wenn ich es richtig vor Augen habe, mit einem ausgestreckten Pappmaché-Zeigefinger ... Meintest Du diese Inszenierung? Ich habe mich damals nur marginal dafür interessiert und mir leider nichts gemerkt, außer dass (ebenfalls bei der Tafelszene) Hampson dem Dirigenten ein Glas Wein angeboten hat. :beer
Gruß von Zefira
Nein, zu solchen Albernheiten hätte sich ein Ponnelle nie herabgelassen, der Mann besaß zwar jede Menge Humor, aber intelligenten! Vom Züricher Giovanni gibt es leider wirklich keine Aufzeichnung.
lg Severina :hello
Zefira (08.12.2011, 23:21): @ Nikolaus: Ich habe im Lauf der Jahre eine ganze Anzahl Don Giovanni-Inszenierungen gesehen, allerdings - muss ich zu meiner Schande gestehen - nur eine einzige wirklich im Opernhaus, alle anderen in Form von TV-Übertragungen. Die, die ich "live" gesehen habe, war auch - mit Abstand - die mieseste, aber meine Erwartungen waren schon ziemlich runtergeschraubt. Wir haben hier in Fulda kein Ensemble, es handelte sich um eine "durchreisende" Truppe aus Ungarn, und wenn schon zur Ouvertüre Bauern auf der Bühne raufen, nimmt man das Ganze besser gleich als Witz. Trotzdem kam ich von diesem Opernabend nach Hause mit der Erkenntnis: So mies kann die Inszenierung und die musikalische und sängerische Leistung kaum sein, dass sie diese unglaubliche Musik kaputt macht! Und in diesem Sinn genieße ich JEDE Don Giovanni-Aufführung. Egal, ob die Regie die blödesten Mätzchen veranstaltet und die Sänger nicht ganz auf der Höhe sind. Don Giovanni ist immer toll! Ich habe erst seit kurzem begonnen, wieder selbst ins Opernhaus zu pilgern (hoffentlich kann ich das zur festen Gewohnheit machen), und sobald ich Gelegenheit habe, werde ich mir auch mal wieder eine "richtige" Aufführung gönnen.
Grüße von Zefira
Waldi (04.01.2012, 16:47): Meine Lieben,
Spät, aber doch gebe ich ein bißchen Senf dazu (ich kann hier im Forum nicht über meinen privaten Computer schreiben, weil sich auf dem die nötige Java-Applikation nicht mit dem Explorer verträgt):
Ich habe nach längerem Zögern weggeschaltet, denn diese Inszenierung war sowas von unattraktiv, ideenarm und abgedroschen, daß es schon fast mitleiderregend war. Anna Netrebko, sich leicht bekleidet im Bett räkelnd, war schon zu oft da und wirkt langweilig (und mein Eindruck war, daß selbst die sonst so inszenierungsdisziplinierte Frau Netrebko sich bei dem Ganzen nicht so wohl fühlte und das in ihrer Leistung spüren ließ - die Donna Anna gehört ja sowieso nicht gerade zu ihren Idealpartien). Eine nackte Zofe wäre vor dreißig Jahren vielleicht ein Aufreger gewesen, heute wirkt so etwas peinlich und überflüssig. Der Don Giovanni klang so, als wäre er ein fürs Liedfach begabter lyrischer Bariton, der sich im falschen Stück befindet. Von Ausstrahlung keine Spur. Bryn Terfel sang wagnerisch, also mit der falschen Einstellung, ließaber wenigstens erkennen, welch großartiger Sänger er war bzw. sein könnte (obwohl er mir etwas abgenützt klang). Barbara Frittoli habe ich bei Mozart schon besser gehört, und die Zerlina war ja ganz nett, aber vermittelte nicht das Qualitätsniveau eines großen Hauses.
Einen "Don Giovanni" kann man heutzutage ganz anders besetzen, auch wenn wir keinen Siepi mehr besitzen. Da gibt es unter den Aktiven ganz andere Kaliber als die in Mailand gebotenen.
Für die Scala war das eine ziemlich ärmliche Darbietung. Ich sage das, obwohl die Wiener Staatsoper auch genug Butter auf dem Kopf hat...