Severina (13.05.2010, 14:16):
Der kleine österreichische Privatsender "ServusTV" schaffte heute etwas, wozu der Staatsfunk nicht im Stande (oder woran er besser gar nicht interessiert) ist, nämlich eine Übertragung des "Simone Boccanegra" von der Scala mit Placido Domingo in der Titelpartie :down. (Natürlich nicht live, aber immerhin!)
So konnte ich nun endlich meine Neugierde stillen, wie sich Domingo in einer Baritonpartie anhört, und noch dazu in meiner Lieblingsoper von Verdi!
Zunächst ein paar Worte zur Inszenierung!
Das Bühnenbild ist sehr reduziert und stilisiert - einige Treppen und Schiffstaue im 1. Bild, gegeneinander verschobene Blöcke, ein leicht fließenderVorhang und ein Wasserbecken im 2., eine vergoldete gotische Rückwand mit Dogenthron im 3., dieselbe Wand im 4., nur dass davor nun nun ein langer Tisch mit drei Hochlehnern steht, im Schlussbild tauchen Versatzstücke von 2-4 auf, dominant ist der Dogenthron im Zentrum der ansonsten meist leeren Bühne. Dann gibt es einige "Zutaten", deren Sinn sich mir nicht erschließt: Wieso schweben im 2. Bild scherenschnittartige Zypressen (samt Wurzeln) langsam vom Schnürboden herunter und gewinnen am Ende des Duetts Simone-Amelia Bodenhaftung?? Wieso prangt just eine riesige Darstellung von C.D. Friedrichs Eismeer über dem Dogenthron im Ratssaal??? Um die "eisige" Stimmung zwischen Patriziern und Plebejern zu illustrieren? Das wäre denn doch zu platt. Das ist zum Teil hübsch anzusehen, aber völlig sinnfrei und vor allem ohne jeden Bezug zu einer Deutung des Stückes.
Die bleibt Regisseur Federico Tiezzi ohnehin schuldig, denn er beschränkt sich darauf, den Personenverkehr zu regeln und die Sänger beim Singen nicht durch irgendwelche Aktionen zu stören. Das mögen einige löblich finden, ich finde es langweilig und vor allem dem "Simone Boccanegra" nicht gerecht werdend, in dem wesentlich mehr steckt als ein pseudohistorischer Mummenschanz. (Als solchen möchte ich die Kostüme bezeichnen!)
Dass mich dieser "Simon Boccanegra" trotz der Verweigerungshaltung des Regisseurs aber dann doch nicht langweilte, lag einzig und alleine an den Sängern, die es Kraft ihrer Persönlichkeiten schafften, wenigstens das Seelendrama deutlich zu machen, wenn schon das politische nicht wirklich stattfand.
In Anja Harteros Gesicht kann man jede Gefühlsregung ablesen, sei es Angst um den Geliebten, überwältigende Freude bei der Enthüllung, dass Simone ihr Vater ist, Verachtung gegenüber Paolo und unendliche Verzweiflung bei Simones Tod. Alle diese Seelenzustände vermochte sie ungemein nuanciert auch mit ihrer Stimme auszudrücken, deren kostbares Timbre ich wohl nicht extra zu rühmen brauche - nicht umsonst wurde Anja Harteros zur "Sängerin des Jahres" gekürt. Sie ist sicher die stimmschönste Amelia, die ich je zu hören bekam, und sie beherrscht diese Partie technisch einwandfrei und scheinbar völlig mühelos bis hin zu den strahlenden Höhen.
Auch Fabio Sartori, ihr Geliebter im Stück, ist aktuell sicher der beste Gabriele Adorno, was die stimmliche Realisierung betrifft. Ich habe ihn in dieser Partie schon live an der WSO gehört, und zumindest in Wien habe ich diese Partie noch nie besser gehört. Optisch muss man gewaltige Abstriche machen, wobei mich immer wieder erstaunt, wie wendig er trotz seiner mächtigen Körperfülle ist. Aber natürlich muss man angesichts einer strahlenden Schönheit wie Anja Harteros ganz fest an die inneren Werte Gabriele Adornos glauben, damit diese Geschichte funktioniert.... (Bei den Duetten knickte die Harteros immer richtig in der Hüfte ein, damit sie ihn nicht allzu deutlich überragte :D )
Ferrucccio Furlanetto ist seit vielen Jahren unser Fiesco vom Dienst - er hat diese Rolle quasi von Ruggero Raimondi geerbt. In letzter Zeit klang sein geschmeidiger Bassbariton oft etwas brüchig und seltsam fahl, davon war jetzt bei der TV-Übertragung nichts zu merken, sodass ich seit langem wieder so richtig angetan von diesem Sänger war. Umso erstaunter war ich, als Furlanetto bei seinem Solovorhang mit einem Buhkonzert empfangen wurde, wie ich es in dieser Vehemenz schon lange nicht mehr gehört habe. Meiner Meinung nach muss das außermusikalische Gründe haben, denn seine gesangliche Leistung rechtfertigt das auf keinen Fall.
Außerdem verfügt er über genügend Persönlichkeit, Fiescos Charakter glaubhaft darzustellen, und wenn dann zwei solche "Bühnentiere" wie er und Domingo in direkter Konfrontation aufeinanderprallen, ergibt das Musiktheater vom Feinsten, das an Dramatik kaum zu überbieten ist.
Wobei wir beim Titelhelden angelangt wären. Placido Domingo ist seit 30 Jahren ein Fixstern an meinem Opernhimmel, ich verdanke ihm so viele Sternstunden, ich liebe seine einzigartige Stimme (trotz technischer Mängel, für die ich nicht taub bin) so sehr, dass ich mich über jeden seiner Auftritte freue, weil mir dabei immer bewusst ist, dass es sein letzter sein kann. Die Diskussion, ob ein in die Jahre gekommener Tenor auf Baritonpartien umsatteln soll bzw. darf, ist schon so oft geführt worden, dass ich sie hier nicht wieder aufgreifen will. Domingos Stimme war schon immer sehr baritonal eingefärbt, und ehrlich gesagt klang sein Simone beinahe dünkler als so mancher sehr helle echte Bariton, wie z.B. zuletzt Zeijko Lucic an der WSO. Ich weiß, dass das für Puristen kein Argument ist, ich fand dieses "Experiment" sehr interessant, wobei ich gerne zugebe, dass ich vielleicht weniger tolerant bei einem Tenor wäre, der mir nicht so am Herzen liegt. :D Natürlich blieb es mir nicht verborgen, dass das künstliche Nachdunkeln der Stimme teilweise auf Kosten der Farben ging, und natürlich muss man insgesamt Abstriche machen, denn dass "unser Platschi", wie wir ihn in Wien liebevoll nennen, nicht mehr wie einst im Mai klingt, ist eine biologische Selbstverständlichkeit. Und ebenso natürlich können neutrale Beobachter einwenden, dass das reflexartig darangehängte "Aber immer noch besser als so mancher Junge" keine wirkliche Rechtfertigung dafür ist, dass er mit beinahe 70 Jahren immer noch auf der Bühne steht. Nun, für mich gehört er immer noch dorthin, denn mit seiner überwältigenden Persönlichkeit lässt er mich so manches stimmliche Manko leicht vergessen. Natürlich muss er seine Rollen klug wählen, denn als jugendlicher Liebhaber macht er sich lächerlich.
Daher ist auch das Vorspiel des Simone ziemlich grenzwertig, denn als Marias Verlobter geht der rüstige Senior nicht mehr wirklich durch. Umso überzeugender wirkt er dann als liebender Vater, und wenn Gebriele Adorno zunächst Skurpel hat "einen Greis im Schlaf zu erschlagen", passt das diesmal punktgenau. In der großen Ratsszene schließlich spricht aus Domingo Lebensweisheit und die Erfahrung des Alters, dem nichts Menschliches mehr fremd ist und den keine menschliche Niedertracht mehr überraschen kann. Beinahe rührend klingt dann nach seinem großen Ausbruch sein Flehen um Liebe und Frieden. Ja, dieser Doge verfügt über die Autorität, Patrizier und Plebejer in die Knie zu zwingen, das habe ich schon lange nicht mehr so überzeugend gesehen.
Großartig dann im letzten Bild die Szene mit Fiesco, die auch optisch sehr eindrucksvoll ist mit dem einsamen Thron, und ungemein berührend die Sterbeszene. Es passiert mir selten, dass ich bei einer Konserve Tränen vegieße, aber bei diesem Simone flossen sie reichlich. Dabei "tat" Domingo viel weniger als seine Rollenkollegen, er torkelte weder auf der Bühne herum, krümmte sich auch nicht ständig unter imaginären Schmerzen, fast alles spielte sich nur in seinem Gesicht ab - aber was spielte sich da alles ab :down :down!!! "Ergreifend" ist zwar ziemlich abgedroschen, aber ich finde keinen adäquateren Ausdruck.
Soll ich jetzt kitschig sein und sagen: "So kann den Tod nur einer spielen, der zumindest den Hauch davon schon selber gespürt hat?" Möglich. Aber fern von jeder Philosophie zählt Placido Domingo zu den ganz großen Menschendarstellern - möge er uns mit seiner einzigartigen Bühnenpräsenz noch eine Weile erhalten bleiben!!!!
Und möge er im richtigen Moment mit Würde zurücktreten und nicht wie leider so viele seiner Kollegen sein eigenes Denkmal nachhaltig beschädigen.
Sehr schön fand ich übrigens, dass nach dem Verhallen des Schlusstones einige Sekunden absolute Stille herrschte, bis der Applaus einsetzte. Wenn das just bei den temperamentvollen Italienern passiert, zeugt das wohl davon, dass nicht nur ich ergriffen war von Simones Sterben.
lg Severina :hello