Opernraritäten

Florestan (03.10.2013, 11:11):
Hallo liebe Opernfreunde

In diesem Forum wird so viel über etablierte Opernkomponisten und deren Werke geschrieben, dass ich eine kleine Serie mit weitgehend unbekannten Opern starten möchte. Denn auch abseits des Mainstream hat es bedeutende Zeugnisse des Opernschaffens gegeben. Dankenswerterweise werden gelegentlich in den kleineren Theatern hierzulande auch rare Werke zum Leben erweckt. Diese Bühnen und deren Intendanten trauen sich viel mehr als die großen und subventionsverwöhnten Häuser. Man denke nur an die Ära Kirsten Harms in Kiel oder John Dew in Bielefeld. Während meiner 13 Jahre in Krefeld hat es fast jedes Jahr eine Auftragskomposition gegeben.

Beginnen möchte ich mit Ethel Smyth und ihrer Oper "The Wreckers"

Ethel Smyth war eine in jeder Hinsicht bemerkenswerte Frau. Sie war nicht nur eine ausserordentlich begabte Musikerin, sondern hat sich auch vehement für die Anerkennung von Frauen und deren Gleichberechtigung eingesetzt.
Durch ihr Studium in Leipzig hat sie zeitlebens eine enge Verbindung zu Deutschland. Sie war mit Elisabeth von Herzogenberg, einer Sopranistin und Gattin des Komponisten Heinrich von Herzogenberg eng befreundet. So lag es nahe, dass sie ihre wichtigste Oper „The Wreckers“ (deutscher Titel „Strandrecht“) in Leipzig zur Aufführung anbot. Der damalige GMD Arthur Nikisch war von der Partitur schwer begeistert und erklärte sich bereit das Werk aufzuführen. Dummerweise wurde er vor der Premiere abgesetzt, da er sein Budget gewaltig überzogen hatte. Sein nachfolger, ein Herr Hagel, war so fair die Aufführung dennoch mit den von Nikisch engagierten Künstlern zu ermöglichen. Die Premiere 1906 war ein großer Erfolg, mit insgesamt 15 Vorhängen. Allerdings hatte Hagel den dritten Akt durch Kürzungen arg verstümmelt, was der Komponistin gar nicht gefiel, die daraufhin protestierte und die ursprüngliche Version aufgeführt sehen wollte. Nachdem dies abgelehnt wurde, ging sie am Morgen vor der zweiten Aufführung kurzerhand in den Orchestergraben und sammelte sowohl die Dirigierpartitur als auch alle Stimmen ein, und fuhr nach Prag, wo der damalige Intendant Angelo Neumann ebenfalls eine Aufführung plante. Dieser bekam aber vorher einen Schlaganfall, und konnte die Aufführung nicht mehr beaufsichtigen. Es kam zu einem Fiasko.
Die forsche Aktion von Frau Smyth hatte jedoch fatale Folgen. Weder konnten weitere Aufführungen in Leipzig stattfinden, noch Theater gefunden werden, die bereit waren ein hohes Risiko einzugehen, mit einer so streitbaren Frau zu kooperieren. Die Pechsträhne wurde noch fortgesetzt durch eine für die Wiener Hofoper vorgesehene Aufführung die nicht zu Stande kam. Der damalige Assistent von Gustav Mahler, Bruno Walter, war von dem Werk hellauf begeistert, und schlug Mahler die Aufführung vor, die jener auch vornehmen wollte. Bevor es dazu kam, trat Mahler jedoch von seinem Amt wegen der fortgesetzten antisemitischen Ausfälle gegen ihn zurück.
1909 konnte Sir Thomas Beecham die Oper am Covent Garden als erste englischsprachige Version herausbringen. Nachdem dann John Barbirolli 1939 weitere Aufführungen dirigierte, verschwand das Werk in der Versenkung. Die erste deutsche Aufführung nach dem Krieg fand 1987 in Hagen statt.

Die Handlung der Oper (Zitat aus dem Opernführer von Ulrich Schreiber):

Das Werk spielt an der Küste von Cornwall in den 1770er Jahren, als die erste industrielle Revolution in England manchen tradierten Broterwerb zunichte machte. Die Bewohner eines Fischerdorfs wissen sich zu helfen, sie beanspruchen nicht nur gemäß altem Strandrecht das nach Stürmen an die Küste getriebene Gut. Sie gehen noch weiter und lassen das vor dem todbringenden Riff warnende Leuchtfeuer nach Bedarf ausgehen, um Schiffbrüche zu provozieren (Alfred Hitchcock verfilmte den Stoff 1939 in RIFF-PIRATEN, seiner letzten Arbeit in England). Pastor Pascoe rechtfertigt das Unrecht, da er als Anhänger der methodistischen Wesley-Bewegung sich und seine Gemeinde dem von Gott auserwählten Volk zugehörig weiß. Als keine Beute mehr anfällt, führt er das auf den sündigen Lebenswandel der Dorfbewohner zurück. Dem Mittfünfziger tritt seine junge Frau Thirza - eine charaktervolle Mezzopartie - entgegen und wirft ihm Bigotterie vor. Mehr noch: Sie ist es, die mit eigener Hand die auf See Gefährdeten mit einer leuchtenden Fackel warnt. Im jungen Fischer Mark findet sie dabei einen Gefolgsmann, und wenn er im nächtlichen II. Akt die Fackel entzündet, lodert mit dem Leuchtfeuer Liebe zwischen beiden auf.
Dabei beobachtet Pascoe sie, der allerdings von den Dorfbewohnern selbst angeklagt wird, den angeblichen Verrat begangen zu haben. Standhaft weigert er sich, seine Frau zu denunzieren, doch die Liebenden bekennen gemeinsam ihre Tat. Obwohl Avis, die von Mark zurückgewiesene Tochter des Leuchtturmwärters, ihren Geliebten mit der Behauptung zu retten versucht, er habe die vergangene Nacht bei ihr verbracht, ist dieser mit Thirza zur Sühne bereit: Sie werden zum Tod durch Ertrinken in einer von der anstehenden Flut überspülten Grotte verurteilt.
Dieser tristanesk verklärte Liebestod ist eine der stärksten Passagen der Partitur, deren herber Grundton und dramaturgische Zwangsläufigkeit schon auf Brittens PETER GRIMES vorausweisen - zu den Parallelen zählt im 1. Akt auch die Mascagnis CAVALLERIA RUSTICANA nachempfundene Kirchenmusik hinter der Szene als Folie der Handlung im Vordergrund. Das 'Werk ist durchkomponiert, lässt aber in den ersten beiden Akten eine Nummernfolge von Soli, Duetten und Ensembles durchscheinen, die im Finale 1 in den ekstatischen Tanz der Dörfler mündet und an die Tableau-Dramaturgie der Grand Opéra erinnert. Es gibt aber auch, so im RATTENLIED der Avis im 1. Akt, den lockeren Tonfall eines Couplets im Stil der Opéra comique, ebenso leicht folkloristisch angehaucht wie Marks Schilderung seines Leidens am kalt-nebligen Klima im 1. und Teile des Duetts der Liebenden im 2. Akt. Starken Eindruck hinterlässt neben den zündenden Chören auch das Vorspiel zum 2. Akt „AUF DEN KLIPPEN VON CORNWALL“, eine atmosphärische Naturschilderung. Vom Wagnerismus der Jahrhundertwende gibt es bis auf einen Anklang an den FLIEGENDEN HOLLÄNDER in der Ouvertüre keine Spur.

Die Musik hinterlässt einen starken Eindruck, und beginnt gleich mit einem Chor, der in Konkurrenz zu „Jerusalem“ von Parry jedem „Proms“ Konzert Ehre bereiten würde. Leider gibt es nur eine Tonaufzeichnung von der Oper, die aber recht gut gelungen ist. Es handelt sich hierbei um den Mitschnitt einer konzertanten Aufführung aus der Royal Albert Hall 1994.

http://ecx.images-amazon.com/images/I/61rhawDyQNL._SY355_.jpg

Den Klavierauszug gibt es hier http://imslp.org/wiki/Les_naufrageurs_%28Smyth,_Ethel%29

Florestan
Severina (03.10.2013, 15:06):
Lieber Florestan,

danke für diesen interessanten Thread, ich freue mich schon auf weitere Raritäten!

lg Severina :hello
Sfantu (03.10.2013, 16:02):
Lieber Florestan,

ich schliesse mich Sevi an - eine sehr schöne Faden-Idee & gleich ein interessanter Einstieg!
Dass der Eingangschor Ohrwurm-Qualitäten besitzt, glaub' ich sofort - dafür hatte die gute Ethel scheinbar ein gutes Händchen. Ich denke an ihren als Suffregatten-Hymne gedachten "March of the Women" - der ist auch ganz hin-& mitreissend.

VG - Sfantu
stiffelio (03.10.2013, 16:33):
Hallo Florestan,

danke für diesen interessanten Tipp, ich habe mir eben mal von YT das Vorspiel und das Duett von Thirza und Mark im 2. Akt angehört. Eine tolle Musik: emotional aufwühlend, hochromantisch, genau meine Kragenweite! Auch das Sujet gefällt mir.
Also tatsächlich eine Oper, die mich sehr interessieren würde, wenn es davon nur eine DVD gäbe (was in nächster Zukunft wohl eher nicht zu erwarten ist :(). Aber für ähnliche Tipps, von denen auch eine Bildaufzeichnung existiert, wäre ich sehr dankbar.

VG, stiffelio
Florestan (04.10.2013, 16:09):
Liebe Stiffelio

Das wird allgemein schwer werden, von einer selten aufgeführten Oper einen filmischen Mittschnitt zu erhalten, wenn es kaum Tonaufzeichnungen gibt. Das Problem hier ist ja leider, das es keiner aufführen mag, und nur so käme eine halbwegs kommerziell lohnende Aufnahme zustande.
In meiner Serie werde ich noch auf "Der Dämon" von Anton Runinstein kommen. Ich habe vorhin gesehen, dass es davon einen Mitschnitt einer Aufführung aus Litauen gibt, der bei you tube zu sehen ist. http://www.youtube.com/watch?v=qRIvJjwLrvU
Vielleicht wäre das ein kleiner Vorgeschmack.

LG Florestan
stiffelio (04.10.2013, 17:25):
Lieber Florestan,
das ist mir (leider) schon klar. Was den Dämon-Tipp angeht: Treffer und versenkt! :times10
Diese Oper und den YT-Link habe ich schon im Februar für mich entdeckt, weil ich durch René Pape, der den Dämon laut Interviews auch gerne mal singen würde, darauf aufmerksam wurde. Wenn wir großes Glück haben, kann er vielleicht auch mal einen Intendanten davon überzeugen und mit noch mehr Glück wird es davon dann auch eine professionelle DVD geben (denn der aktuelle YT-Link sieht mehr nach einem privaten Mitschnitt aus).

VG, stiffelio
Schweizer (05.10.2013, 10:39):
In Zürich gab es in der Spielzeit 2004/05 eine Zarenbraut: ich war damals von der Schönheit der Musik sehr beeindruckt, von der Aufführung angetan. Die Erinnerung an diese Produktion ist aber mittlerweile verblasst. Nachfolgend seien immerhin die Künstler aufgelistet:

Musikalische Leitung: Vladimir Fedoseyev
Inszenierung: Johannes Schaf
Bühnenbild: Erich Wonder
Kostüme: Andrea Schmidt-Fütterer
Chor: Jürg Hämmerli

Marfa: Maya Dashuk
Ljubascha: Liliana Nikiteanu
Domna Saburowa: Margaret Chalker
Dunjascha: Katharina Peetz
Wassili Sobakin: Alfred Muff
Grigori Maljuta-Skuratow Pavel Daniluk
Grigori Grasnoi Vladimir Stojanov
Iwan Lykow: Alexey Kosarev

Gruss vom Schweizer
Severina (05.10.2013, 12:03):
Das kann ich bestätigen, ich habe diese wunderbare Aufführung auch gesehen!

lg Severina :hello
Florestan (05.10.2013, 13:27):
Wer die Zeit hat kann an der Berliner Staatsoper eine Neueinstudierung dieses Werkes erleben. Dirigieren wird Barenboim persönlich.

Und Rimsky-Korsakov gehört auch zu den fleissigen Opernkomponisten, deren Werke selten aufgeführt werden. Aber es sind einige Juwelen darunter. Darauf komme ich auch noch zurück. Mittlerweile gibt es auch von allen seinen Opern ordentliche Schallaufzeichnungen, so das man seine Werke wenigstens hören kann.

Florestan
Florestan (05.10.2013, 15:50):
Hier eine weitere Rarität, welche mir sehr am Herzen liegt:

Ernest Chausson: Le Roi Arthus

Ernest Chausson gehört zu den französischen Komponisten, die ein wenig im Schatten ihrer populäreren Zeitgenossen stehen. Sein Werkkatalog ist nicht sehr lang, aber alles was er schrieb hat hohe Qualität, und gerade seine vokale Musik (viele Klavierlieder, das Poème de l’amour et la mer) besticht durch einen großen Einfallsreichtum und lyrische Ausdrucksvielfalt.
Vor der Komposition des „Roi Arthus“ gab es bereits 2 Anläufe zur Komposition einer Oper, die jedoch Fragment geblieben sind. Die Pläne Chaussons zielten auf die Komposition von 10 lyrischen Dramen, von denen aber dann nur dieses eine realisiert wurde.
Dies gewinnt dadurch nur an Bedeutung und kann nach den Entstehungsdaten (1886-1895) als tragendes Werk der gesamten musikalischen Schöpfung des Komponisten angesehen werden. Ein Werk, geschrieben im besten Mannesalter, in dem alle Errungenschaften der Vergangenheit zusammenfließen und ausstrahlen, und in dem alle zukünftigen Entwicklungen im Keime schlummern. So überrascht es nicht, dass Chausson als glühender Bewunderer der keltischen Literatur, Chretien de Troyes und Wagners von der Sage des alten Königs fasziniert war. Dieser selbst als überragende moralische Gestalt, das geistige Drama eines Lancelot, die Leidenschaft der Königin Ginover, und schliesslich die mythischen Gegebenheiten von Zeit und Ort lieferten ein psychologisches Drama von höchster Tragik, das sich vollkommen an die Erfordernisse der Bühne anpasste.
Der Stoff der Arthus Sage ist in mancher Hinsicht der Thematik des Tristan verwandt. In beiden Werken geht es um eine junge Frau, die mit einem wesentlich älteren Mann verheiratet ist und einem jüngeren verfällt, der ein Favorit ihres Mannes ist. Dieser Betrug löst bei dem alternden König starke Niedergeschlagenheit aus. Dazu noch ein Neider, der seinem Rivalen nach dem Leben trachtet (Morold bei Wagner, Mordred bei Chausson). Auch musikalisch orientierte sich Chausson an Wagners Stil, wenngleich er auch dessen stilbildende Elemente wie z.B. die Leitmotivik oder die chromatische Aufspaltung der Tonleiter nicht übernommen hat. Die Zeit nach 1880 war in Frankreich trotz des verlorenen Krieges stark vom „Wagnerisme“ geprägt. Auch Chausson war dem verfallen. Seine Oper jetzt aber als Kopie des Tristan zu bezeichnen wäre jedoch falsch. Die musikalische Sprache ist durchaus eigenständig, und streckenweise typisch französisch, also dem Ideal der „Opéra Lyrique“ verpflichtet. Dem ersten Duett der beiden Liebenden hört man jedoch deutlich die Nähe zu „o sink hernieder Nacht der Liebe“ an. Sogar die Tonart As-Dur ist hier identisch.
Der Orchesterteil, der selbstverständlich von den grossen Meistern seiner Zeit beeinflusst ist, klingt trotzdem « â la française », voll, doch ohne Schwerfälligkeit, reich ohne Nachdrücklichkeit, mit geglückten Klangzusammenstellungen, welche von den vier Trompeten, den Bassklarinetten, den alten Becken und Pedalpauken noch unterstrichen werden. Vom eingangs «Präludium» an (und nicht « Ouvertüre ») überzeugt die Entschiedenheit der Komposition, die von Anfang bis Ende des Werkes sich vollkommen dem Text anpasst, wie z.B. die unruhevollen Harmonien des Zwischenspiels im ersten Akt, das wilde Thema, das die unheilvolle Schlacht zu Beginn des dritten Aktes beschwört, während einige andere Szenen ein ebenso mächtiges wie wahres Pathos erreichen die Liebesleidenschaft von Lancelot und Ginover, das bange Warten des Arthus und die Zaubererscheinung Merlins, die Vergebung des alten Königs, und schliesslich das magische Finale, das den geistig-moralischen Sieg König Arthus' verkündet, dessen ewiger Ruhm es bleibt, an das « Ideal geglaubt zu haben ».
Die Uraufführung fand 1903 im Théatre de la Monnaie in Brüssel statt. Vier Jahre nach Chaussons Tod, der tragisch bei einem Fahrradunfall 1899 (!) ums Leben kam. Der Erfolg der Oper war ausserordentlich und wurde von der Presse gebührend gewürdigt. Heute gehört das Werk leider nicht mehr zum Canon der regelmässig gespielten Opern. Im März kommenden Jahres ist die Oper allerdings in Strasbourg zu hören.

Inhalt:
Im Ersten Akt feiert Arthus auf Schloss Carduel seinen Sieg über die Sachsen und lobt öffentlich Lancelot, den ihrerseits die Königin Ginover beglückwünscht. Der auf beide neidische und eifersüchtige Mordred beschliesst, sich zu rächen und erfährt das Geheimnis des nächtlichen Stelldicheins zwischen der Königin und Lancelot. In der 2. Szene überrascht Mordred die beiden Liebenden, fällt aber durch das Schwert des Ritters, der mit Ginovers Hilfe in den Wald flüchtet.
II. Akt, 1. Szene Nach dem Aufruhr der Herzen besingt ein Landmann den Frieden der Natur. Doch der nur verwundete Mordred hat das Geheimnis verraten. Arthus ist der einzige am Hof, der an Lancelots Unschuld glaubt, er und befielt ihn auf sein Schloss Carduel. Im Gegensatz zur Königin, die öffentlich die Unwahrheit gesprochen hat, weigert sich Lancelot, einen Meineid zu leisten. Er beschliesst, mit Ginover zu fliehen, um « ohne Lüge zu lieben ». 2. Szene : Der trauernde Arthus wartet auf seinen Ritter. Um endlich die Wahrheit zu erfahren, befragt er den Zauberer Merlin, der ihm das Ende seiner Herrschaft prophezeit. Daraufhin zieht der König, dem endlich die Augen geöffnet sind, in den Krieg gegen den, der ihn betrog.
III. Akt, 1. Szene Als Lancelot in der Schlacht König Arthus und sein Schwert Escalibor entdeckt, wird er schwach und flieht. Ginover klagt ihn an, doch um sich nicht vor dem König demütigen zu müssen, erwürgt sie sich mit ihren Zöpfen. Lancelot stürzt sich in die Schlacht, um dort den Tod zu finden. 2. Szene : Von seinen Wunden genesen, fordert er Arthus auf, ihn zu richten. Doch Arthus, der jenseits aller menschlichen Leidenschaften steht, verzeiht ihm und ruft die göttliche Gnade an. Unsichtbare Stimmen laden den König ein, Frieden und Vergessen zu finden. Ein himmlisches Gefährt entführt ihn in eine bessere Welt, in der er ausruhen darf, um eines Tages sein grosses Werk fortzusetzen und von neuem ein hohes Ideal zu verkörpern.

Lange Zeit gab es nur die Aufnahme mit Armin Jordan, die nach der Übernahme von Erato durch Warner vom Markt verschwand. Die Leistung aller Mitwirkenden ist bewunderungswürdig. Es gibt praktisch keine Schwächen. Mittlerweile ist sie wie viele andere auch als Wiederveröffentlichung zu haben. Vor etwa 8 Jahren kam dann eine Neuaufnahme mit Leon Botstein heraus. Nicht vergessen sollte man allerdings den Mitschnitt von den Bregenzer Festspielen aus 1996 mit Marcelo Viotti und dem „Hausorchester“ , den Wiener Sinfonikern, der momentan bei einschlägigen Quellen günstig zu erwerben ist.

http://ecx.images-amazon.com/images/I/51mUFPnn56L._SX355_.jpg

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http://ecx.images-amazon.com/images/I/51h9N-eYrtL._SX355_.jpg

Herzliche Grüße Florestan
Florestan (01.02.2014, 14:38):
Liebe Opernfreunde

Nach längerer Pause möchte ich ein weiteres selten aufgeführtes Werk vorstellen:

Romeo und Julia auf dem Dorfe (A village Romeo and Juliet)
Lyrisches Drama in 6 Bildern nach Gottfried Kellers 1856 im ersten Teil der Handlung DIE LEUTE VON SELDWYLA erschienener Novelle.

Gottfried Keller hat seine Novelle, deren tragischen Kern er einer Notiz der Züricher Freitagszeitung vom 3. September 1847 verdankte, gegenüber Shakespeares ROMEO UND JULIA auf realistisch bäuerliche Verhältnisse verkleinert. Diese Reduktion führt zu einer Fokussierung des Konflikts: Keller nennt ihn die wahre Ursache für das Unglück seiner Liebenden. Vrenchen und Sali gehen nicht an der Feindschaft ihrer Familien zugrunde, sondern an dem aus Besitzgier gespeisten Hass ihrer Väter aufeinander. Diese beginnen um ein zwischen ihren Feldern liegendes Ödiand, das einem wegen seiner unehelichen Abstammung nicht erbfähigen Vagabunden gehört, einen Rechtsstreit, der die Familien in jeder Beziehung ruiniert. Der Liebe ihrer Kinder, die sich von früh an herzlich zugetan waren, tut das zwar keinen Abbruch (im Gegenteil), aber sie bleiben dem Weltbild der Väter, obwohl sie deren Hass in Liebe umkehren, insofern verhaftet, als sie ihre Beziehung unter Besitzkategorien verstehen: Da ihnen als Habenichtsen die Voraussetzung zum bürgerlichen Ehestand abgeht, verweigern sie sich der Alternative eines Lebens mit den Vagabunden und fliehen in den gemeinsamen Liebestod.
Dass dieser Liebestod - wie Keller mit dem Zitat aus der Zeitungsmeldung seiner Novelle sarkastisch anfügt - von der Gesellschaft mit moralischen Argumenten verurteilt wird, findet in der Oper keinerlei Nachhall. Delius spitzt dafür einen Gedanken aus Kellers Einleitung zum 1874 erschienenen zweiten Band der LEUTE VON SELDWYLA zu, in dem der Dichter gesteht, dass die prosaische Wirklichkeit des kapitalistischen Wïrtschaftssystems keinen poetischen Nährboden bereite und er deshalb in seinen Erzählungen der guten, alten Zeit eine Nachernte bereite (ohne dass er dabei in nostalgische Verklärung verfallen wäre). Delius beschränkt sich weitgehend auf die poetische Substanz der Geschichte und nimmt Kellers Novelle fast alles, was sie sonst noch künstlerisch zu einem bedeutenden Prosawerk deutscher Literatur macht: die Hermetik der Motive mit dem Gegensatz der Begriffe >wild< und >ordentlich<, zwischen denen sich mit dem Spannungsfeld von Individuum und Gesellschaft auch der Ausweg aus der bürgerlichen Werteordnung auftut. Der Komponist hat sich, das melodramatische Urthema der Gattung Oper von Liebe und Tod aufgreifend, nur für die emotionale Zwangsläufigkeit des finalen Liebestodes interessiert.

Diese Konsequenz ist in sechs dramaturgisch kaum je zugespitzte Bilder gefasst, nicht einmal den plötzlichen Lichteinfail, in dem die Nachbarskinder sich, während ihre Vater auf einer Brücke ringen, ihrer Liebe bewusst werden, hat Delius in der Oper genutzt. Seine fast statische, durch Zwischenspiele verbundene Bilderfolge - nur II und V gehen übergangslos in die folgenden über - ist dadurch von der Gefahr des Genrehaften bedroht. Das gilt besonders für das Anfangsbild, in dem Vrenchen und Sali als Kinder auftreten und ihren noch nicht verfeindeten Vätern das Mittagessen aufs Feld bringen. Da begegnet ihnen (anstelle von Kellers Vormotivierung ihres Schicksals durch den von ihnen als Totenmal vergrabenen Kopf eines Puppentorsos) eine unheimliche Gestalt: ein lahmender, schwarz gekleideter Geiger, dessen auf der G-Saite gespielte Melodie von einem hinkenden Fagott, geteilten Kontrabässen und schließlich ein Skelett evozierenden Xylophon begleitet wird. Er ist in seiner symbolischen Funktion als Bote einer anderen und sogar jenseitigen Welt von Delius gegenüber Keller stark aufgewertet, der wahre Besitzer des Ödiands zwischen den väterlichen Feldern. Der Geiger beruhigt die Kinder mit dem Hinweis, sie könnten auf seinem Land so lange furchtlos spielen, wie es unbeackert bleibe. Doch sofort entbrennt der Streit zwischen den Bauern, die ihm bereits Furchen abgepflügt haben, und sie reißen ihre Kinder mit dem Spielverbot auseinander.
Sechs Jahre später begegnen sich Sali und Vrenchen erstmals wieder, beklagen ihre durch die Schuld der Väter entstandene Armut und verabreden sich in aufkeimender Liebe zu einem abendlichen Treff auf dem Ödiand. Dort begegnet ihnen bei ihrem halb kindlichen Liebesspiel wieder der schwarze Geiger, macht ihnen ihre Schicksalsgemeinschaft mit ihm bewusst - sie alle sind nun Bettler - und eröffnet ihnen seine Alternative eines Lebens auf Wanderschaft. Als plötzlich Vrenchens Vater erscheint und seine Tochter von Sali wegziehen will, schlägt dieser ihn nieder. In der folgenden Szene (IV) kehrt Vreni aus der Stadt zurück, wo sie ihren wahnsinnig gewordenen Vater ins Spital gebracht hat. Ihr Haus ist verkauft, sie muss es am nächsten Tag verlassen. Dann kommt der wegen seiner Gewaltanwendung schuldbewusste Sali, und die Liebenden beschließen, gemeinsam in die Welt zu ziehen. Arm in Arm schlafen sie ein und haben denselben Traum: ihre Hochzeit in der Kirche von Seldwyla. In der Morgendämmerung beschließen sie, den Tag gemeinsam auf dem Jahrmarkt von Berghald zu verbringen. Dort (V) fühlen sie sich von dem Getümmel zunächst angezogen, dann aber - zumal sie als arm und damit ausgestoßen erkannt werden - zunehmend unwohler. Sali, der Vrenchen einen billigen Ring gekauft hat schlägt vor, zum Tanz in den Paradiesgarten zu gehen.
Den Hand in Hand beschrittenen Weg dahin, das ausgedehnte Zwischenspiel THE WALK TO THE PARADISE GARDEN, hat Delius als filmartige Sequenz entworfen, die in einem langen Kuss der Liebenden gipfelt. Kellers >Paradiesgärtlein< (VI) entpuppt sich als ein zerfallendes Landhaus, das Tagelöhnern und fahrendem Volk als Schenke oberhalb eines Flusses dient. Dort spielt der schwarze Geiger im Kreis seiner Vagabunden auf, denen er die Vorgeschichte der Heranwandernden erzählt. Er und die anderen fordern Sali und Vrenchen auf, mit ihnen zu ziehen und in freier Liebe zu leben. Die beiden lehnen ab, weil sie ihrem aus bürgerlichen Besitzvorstellungen entlehnten Moralbegriff treu bleiben. Als sie von fern auf dem Fluss Schifferrufe hören, ist ihr Entschluss gefasst: Sie besteigen, mit einem wilden Solo vom Geiger begleitet, ein voll beladenes Heuboot, das ihnen als Hochzeitsschiff dient, und gleiten, nachdem Sali den Pfropfen aus dem Boden gezogen hat, flussabwrts. Die lebensfrohen Rufe der Schiffer begleiten das langsam sinkende Boot.

Gottfried Keller war 1884 entsetzt, als er hörte, dass ein Komponist (Victor Widmann) seine Novelle zur Grundlage einer Oper machen wolle. Und man darf annehmen, dass er auch über die Oper von Frederick Delius entsetzt gewesen wäre, selbst über den Schluss. Denn in der Novelle bleiben die Liebenden ihrer Bürgerlichkeit noch im Tod treu und verzichten darauf, das Heuschiff der Gesellschaft als Mitgift zu stehlen. Bei Keller sorgt Sali dafür, dass es unbeschädigt landet, nachdem die Liebenden aus ihm in die eiskalten Fluten geglitten sind. Aber Delius trifft die Zwangsläufigkeit des Liebestodes als Teilaspekt der Vorlage in kongenialer Weise. Vom ruhigen und diatonischen Beginn an nimmt die Musik beim Streit der Bauern finster chromatische Züge an, die sich trotz der opulenten Orchesterbesetzung - auf der Bühne erscheinen sogar zehn Blechbläser – nie verdicken, da ganz selten alle Instrumente gleichzeitig spielen. Eine Spezialität von Delius ist es, in einer Streicherlinie einen wichtigen Ton nur durch einen oder einzelne Bläser zu verstärken.
So entstehen changierende Klangflächen in ständig wechselnder Beleuchtung mit einem manchmal irisierenden Glanz, der die Liebenden wie eine Aura umgibt. Die sanften Streicherkantilenen - immer wieder ertönen wie ein vielstimmiger Naturlaut Klänge von Flöte, Oboe und besonders Englischhorn - ersetzen mit ihren Lyrismen operntypische Dramatik durch ein inneres Drama. Gelegentlich, etwa wenn Vrenchen Abschied vom elterlichen Haus nimmt (V), geht der sanfte Fluss in ein volksliedähnliches Arioso über. mit anschließendem Duett mit Sali gewinnt er, schicksalhaft durch chromatisch absteigende Bass-Schritte untermauert, eine Intensität, die von Kundrys Ich sah die Mutter im PARSIFAL inspiriert ist. Doch die Musik überlastet mit ihrem Ausdrucksstreben nie die beiden Hauptfiguren, die in ihrer an PELLÉAS ET MÉLISANDE erinnernden, auch beim Entschluss zum Liebestod fast geschwisterlich unschuldigen Liebe anrührend erfasst sind.
Die Realwelt wird, im Gegensatz zu Keller, nur selten in den Verlauf eingeblendet, so in der Jahrmarktszene, wo es Delius gelingt, das Billige dieser Volksbelustigung musikalisch auszudrücken und vom folgenden WALK TO THE PARADISE GARDEN umso deutlicher abzusetzen. Die visionären Momente wie der Traum von der Hochzeit in der Kirche zu Seldwyla mit Orgel und Glockenklang und der in England als Konzertstück populäre GANG ZUM PARADIE5GARTEN mit seiner delikat symphonischen Verarbeitung der wichtigsten Leitmotive sind orchestrale Höhepunkte dieses Meisterwerks.

Zitiert aus: Ulrich Schreiber, Operführer für Fortgeschrittene Band IV

Delius Musik zeigt in dieser Oper all ihre Qualitäten, und ist von einer berückenden Schönheit. Besonders die zahlreichen Zwischenspiele (das erste erinnert sehr an die Verwandlungsszene im 1. Aufzug des Parsifal), sind ausgesprochen gelungen. Aber den Sängern wird natürlich genügend Raum zur Darstellung gegeben, und so gibt es eine ausgedehnte Episode zwischen Vrenchen und Sali, ganz im Stil des 2. Aufzuges von Tristan und Isolde, ohne jedoch eine Kopie Wagners zu sein. Insofern zeigt sich hier schon die Eigenständigkeit von Delius Tonsprache.

Es gibt einige Veröffentlichungen auf Tonträger, von denen eine in der (fast) Gesamtausgabe aller Werke eingeschlossen ist.

http://ecx.images-amazon.com/images/I/61ACIFpusiL._SY300_.jpg

Wen dieser Komponist interessiert ist mit dieser Box bestens bedient. Die Hauptrollen sind mit Elizabeth Harwood und Robert Tear bestens besetzt. Auch das Dirigat von Meredith Davies (einer Streitering für Delius Werk) lässt kaum Wünsche offen. Die Oper gibt es natürlich in dieser Fassung auch einzeln.
Weitere verfügbare Einspielungen:

http://ecx.images-amazon.com/images/I/41VADSZ8X1L.jpg

http://ecx.images-amazon.com/images/I/41rqNkKK2cL.jpg

In beiden Fällen versierte und herausragende Operdirigenten. Sir Thomas Beecham hatte sich schon sehr früh um das Werke von Delius verdient gemacht. Ich kenne diese Aufnahmen noch nicht, und vielleicht gibt es jemand hier, der dazu etwas sagen könnte, oder sogar eine weitere Aufnahme kennt.
Bleibt noch zu erwähnen, dass die Oper Frankfurt dieses Werk in der aktuellen Saison aufführen wird. Ein guter Grund die Stadt (sie hat noch viel weiteres zu bieten) einmal zu besuchen.

Herzliche Grüße
Florestan
stiffelio (01.02.2014, 15:47):
Lieber Florestan,

vielen Dank für diese Darstellung einer Oper, deren Sujet mich auf den ersten Blick wohl überhaupt nicht angesprochen hätte. Deine spannende und tiefschürfende Besprechung hat es dennoch verstanden, meine Neugierde zu wecken.
Und so bin ich nach kurzer YT-Recherche auf diesen Link mit einem wunderbar jungen Thomas Hampson als Geiger gestoßen und von dort auf den gesamten Opernfilm Delius - 'A Village Romeo and Juliet', der Appetit auf die DVD macht:

http://ecx.images-amazon.com/images/I/51TYKFTvpLL._AA160_.jpg

Die Audiospur ist offenbar identisch mit deiner als unterstes eingestellten CD. Thomas Hampson ist freilich der einzige Sänger, der seine Rolle auch im Film spielt, für den Rest wurden Schauspieler engagiert. Die DVD ist für meine nächste Bestellliste vorgemerkt :wink.
Ich hoffe, dass du deine Raritätenreihe bald fortsetzen wirst, damit ich wieder die Chance auf faszinierende Ausgrabungen habe.

VG, stiffelio
palestrina (01.02.2014, 15:57):
DANKE !!
Hallo Florestan, das macht ja doppelt viel Lust die Oper sich anzusehen !
Und ja, die Mackerras Aufnahme ist wunderbar !

LG palestrina

Und das Frankfurt noch mehr zu bieten hat will ich wohl meinen ! :)