Falstaff (29.10.2017, 21:56):
In der letzten Zeit bin ich häufiger über einen heute fast vergessenen Dirigenten gestolpert, nämlich über
Oswald Kabasta (1896-1946) war ein österreichischer Dirigent und Komponist.
Kabasta studierte in Wien bei Josef Marx, Ferdinand Löwe und Franz Schmidt. Nach verschiedenen Stationen in Wien, Baden bei Wien und Graz, Konzerten bei den Wiener Philharmonikern übernahm er 1934 die Leitung der Wiener Symphoniker mit denen er auch in England und Italien tourte. 1938, nach dem Anschluss, wurde er dann auch Chefdirigent der Münchner Philharmoniker. Trotz einer Mitgliedschaft in der NSDAP dirigierte er dort auch Werke verbotener Künstler, wie Dukas, Mahler, Bartok oder Mendelssohn-Bartholdy. Diese erfolgreiche Zusammenarbeit endete 1944, als die Spielstätte des Orchesters bei einem Bombenangriff zerstört wurde. Im selben Jahr wurde er in die Gottbegnadeten-Liste aufgenommen, die ihn vor einem möglichen Kriegseinsatz bewahrte.
Nach 1945 erhielt er v.a. wegen seiner NSDAP-Mitgliedschaft Auftrittsverbot. Wohl fälschlicherweise warf man ihm sogar eine Parteizugehörigkeit ab 1932 vor. Die Stadt München verweigerte ihm daraufhin jede weitere Zahlung und entließ ihn fristlos. Kabasta war nicht in der Lage, mit diesem Berufsverbot in irgendeiner Form umzugehen und nahm sich deshalb 1946 das Leben.
Sein Rolle während des Nationalsozialismus ist, wie bei so vielen anderen, höchst problematisch. Aber so weit ich es übersehen kann, war er nicht mehr involviert als andere, die dann einige Zeit nach 1945 ihre Karriere problemlos fortführen konnten. Aber er war da wohl anders gestrickt.
Kabasta selber hat relativ wenige Aufnahmen hinterlassen und so weit ich weiß alle aus den Kriegsjahren. Und längst nicht alle sind auf CD erhältlich. Bekannt (und auf CD erhältlich) sind wohl v.a. seine Bruckner-Aufnahmen der 4. und 7. Sinfonie, jeweils mit den Münchner, aber auch eine Schubert 3 und 5 und eine Mozart 41. Zudem gibt es Aufnahmen mit Beethoven-Sinfonien oder auch eine der 'La Forza del Destino'-Ouvertüre von Verdi. Besonders bekannt ist seine Dvorak 9, da sie jahrelang Furtwängler zugeschrieben wurde.
Das sagt natürlich schon einiges über seinen Dirigierstil aus. Kabasta ging stets sehr variable mit Tempovorschriften. Was ihn aber wohl v.a. auszeichnet, sind die meist recht schnellen Interpretationen, die in ihrer Intensität geradezu brennen. Das mag den damaligen Zeitumständen geschuldet sein (ähnlich wie bei den entsprechenden Kriegsaufnahmen Furtwänglers), war wohl aber vielleicht auch ein Markenzeichen von ihm. Gerade seine Dvorak 9 übertrifft in ihrer fast ungezügelten Wildheit die meisten anderen Aufnahmen dieses Werkes. Ähnliches gilt für seinen Bruckner, der auch immer wieder ganz besonders wild und auffahrend präsentiert wird, ohne jedoch dabei hart oder sperrig zu wirken oder die sanfteren Passagen leichtfertig zu überspielen. Das ist dabei eine durchaus interessante Lesart, da Kabasta durch seine Bekanntschaft mit Löwe und Schalck Bruckner selber ja sehr nahestand.
Auch wenn, wie gesagt, das discographische Erbe Kabastas relativ schmal ist, zeigt sich in den Aufnahmen eine hochinteressante und hochindividuelle Persönlichkeit und von daher Mengelberg oder Furtwängler durchaus vergleichbar.
:hello Falstaff