Rolf Scheiwiller (02.04.2006, 18:51): " Durch Mitleid wissend, der reine Tor " "Ich schreite kaum, doch wähn ich mich schon weit - " Du siehst mein Sohn, zum Raum wird hier die Zeit "
Diese beiden berühmten Zitate aus Wagners Opus Ultimum Parsifal haben sich fern des Werkes verselbständigt. Sie wurden zu geflügelten Worten.
Der Bayreuther Meister leitete die UA 1882 im neuerbauten Festspielhaus. Die Handlung spielt auf Burg Montsalvat und Umgebung. Frühes Mittelalter.
Kein anderes Werk des Meisters musste sich mehr Spott und Kritik gefallen lassen als der Parsifal. Aber auch kein anderes so verherrlicht ! Einer der bösesten Kritiker war Friedrich Nietzsche. Er konnte Wagner nicht verzeihen, dass er , wie er sich ausdrückte, sich " vor dem Kreuz gebeugt habe ". Es gibt über diese Oper zahllose Deutungen. Auch recht bizarre. Wagner vermischte christliche, buddistische und noch einige andere Symbole und Riten.
Die Gattungsbezeichnung Bühnenweihfestspiel weist auf die liturgischen Szenen hin, die in diesem Werk eine zentrale Rolle spielen.
Eine ganz grosse Aufgabe hat der Chor zu absolvieren.
Im sogenannten Karfreitagszauber wird Wagner zum wundervollen Melodiker. Diese Musik wird auch öfter aus dem Werk herausgenommen und für sich gespielt und auch auf CD gebracht.
An einem schönen Frühlingstag im April, Jahre vorher, kam ihm die Idee zu diesem seinem letzten Werk. Gottseidank konnte er es komplett vollenden !
Denn schon 6 Monate später starb er in Venedig im " Palazzo Vendramin ".
Er duldete nicht, dass sein Bühnenweihfestspiel fern des Festspielhauses aufgeführt würde. Und verbot eine Aufführung ausserhalb für 30 Jahre. Nicht alle hielten sich daran. Er wollte ebenso keine Beifallsaüsserungen nach den Akten.
Es existieren herausragende Gesamtaufnahmen. LIVE aus Bayreuth mit Pierre Boulez, Knappertsbusch Studioeinspielungen mit Karajan und Solti. Und noch einige andere.
Meiner Meinung nach ist die Solti Aufnahme unerreicht. Eine Kundry wie Christa Ludwig muss man gehört haben.
Bald fängt die Karwoche an. Und dann beginnen in Salzburg die Osterfestspiele. Hin und wieder wird dort auch Wagners rätselhaftestes Werk aufgeführt. Wie auch schon in Baden - Baden. Von ebendort habe ich eine hinreissende Aufnahme mit Kent Nagano und dem Berliner Sinfonie Orchester. Auf DVD.
Eine weitere DVD Einspielung habe ich soeben noch in meiner grossen Sammlung gefunden. Es handelt sich um eine ,für mein Gefühl überragende Aufführung aus der MET. Levine dirigiert. Schöne breite Tempi. Parsifal ist Siegfried Jerusalem. Klingsor Franz Mazura und Kundry Waltraut Meier. Eine wunderbare, farbenfrohe Bühneninszenierung! Ganz ein anderer Stil als in Baden - Baden. Aber die war genauso werkgerecht. Bei Nagano herrschte viel Symbolismus. Wenig Bühneninventar. Wenig Farben.
Rolf.
Mime (03.04.2006, 08:10): Waltraud Meier ist für mich die Kundry schlechthin.Und das seit über 2 Jahrzehnten! Das ist Phänomenal. Als Gurnemanz Matti Salminen oder Hans Sotin,früher auch Gottlob Frick. Die Hauptrolle wird heute von cen Amerikanern dominiert.Schade.Peter Hofmann sang den tumben Toren nach meinem Geschmack. Nur eine Waffe taugt...
lucy (03.04.2006, 14:55): Original von Rolf Scheiwiller " Durch Mitleid wissend, der reine Tor " Wie auch schon in Baden - Baden. Von ebendort habe ich eine hinreissende Aufnahme mit Kent Nagano und dem Berliner Sinfonie Orchester. Auf DVD.
Gruss. Rolf.
Durch Mitleid wissend - die Bedeutung ist mir abhandengekommen. Wer kann es mir nochmal erklären?
Übrigens ist es das Deutsche Symphonie-Orchester, welches da spielt. Ich habe die Aufnahme auch (vom Radio aufgenommen), finde sie aber nicht gar so 'hinreißend'.
Viele Grüße
Mime (03.04.2006, 15:24): Hallo Lucy,
"Durch Mitleid wissend der reine Tor harre sein,den ich erkor."
Dies ist die Antwort der Jünglinge auf Amfortas' Klagelied über die ewig blutende Wunde,die ihm Klingsor mit der Spitze des heiligen Speers schlug. Der Text ist die Ankündigung,daß ein unbedarfter Jüngling (Tor) den Speer von Klingsor zurückerobern werde.Nur der Speer,der die Wunde schlug,wird sie auch wieder verschließen können.Der Tor Parsifal darf mit den Gralsrittern am Hl.Abendmahl teilnehmen und er verspürt Mitleid mit dem geplagten König Amfortas.
Hier endet der 1.Akt des Bühnenweihfestspiels.Und nach überlieferter Tradition verlassen die Zuschauer stumm und gefaßt und ohne zu applaudieren ihre Plätze.
sune_manninen (05.04.2006, 18:09): Original von Rolf Scheiwiller Er wollte ebenso keine Beifallsaüsserungen nach den Akten.
Lieber Rolf,
ich müßte mich erst wieder schlau machen und die Belegstellen finden, aber meines Wissens stand Wagner dem Parsifal-Beifall nach den einzelnen Akten nicht ablehnend gegenüber. Er wollte nur nicht, daß im 1. Akt nach der Amfortas-Szene (also mitten im Stück) applaudiert wurde. Soweit ich informiert bin, stammt das Applaus-Verbot von Cosima und hielt sich allerdings noch sehr lange.
Ich weiß nicht, wann in Bayreuth das erste Mal beim Parsifal applaudiert wurde (müßte etwa Mitte der 60er Jahre gewesen sein), erinnere mich aber, daß damals Hans Hotter, der nocht aus der "guten alten Zeit" stammte, nicht mit vor den Vorhang kam.
Schöne Grüße
Sune
Rolf Scheiwiller (15.04.2006, 09:34): Guten Tag Sune.
Gestern nachmittag und abend sass ich wieder mal gebannt vor dem TV. Ich hab mir das DVD Set des Parsifal aus der MET angesehen und gehört. DGG . Eine Aufnahme die mir unglaublich gut gefällt. Levine lässt breit spielen. Der Chor hat enormes Volumen. Hervorragenes Deutsch. Und die Sänger ! Alle auf der Höhe ihres Könnens. Sogar Siegfried Jerusalem ist sehr gut. Nicht abgesungen !
An der Spitze und unerreicht Kurt Moll. Bernd Weikl ebenso. Und die dazumal konkurenzlose, stimmlich in Höchstform singende Waltraut Meier. Wunderbare Bühnenbilder wie ich sie mag. Die Verwandlungen auf offener Bühne waren sehr eindrücklich.
Dieses Werk von Wagner schau ich mir nur einmal im Jahr an. Die Aufnahme datiert von 1992.
PS. Eine Neuerscheinung bei DGG kam soeben heraus. Meistersinger mit Horst Stein. Aus Bayreuth.
Die muss ich haben. Nichts experimentelles. Und das ist gut so !
PS. Was hältst Du von Horst Stein ? Ist das wahr, dass viele sogenannte Musikkenner über ihn nur abschätzig urteilen ?
Schöne Ostern. Und viele Grüsse. Rolf.
sune_manninen (15.04.2006, 21:18): Original von Rolf Scheiwiller PS. Was hältst Du von Horst Stein ? Ist das wahr, dass viele sogenannte Musikkenner über ihn nur abschätzig urteilen ?
Hallo Rolf!
Im Zusammenhang mit Horst Stein fallen häufig Bemerkungen wie Kapellmeister, solide, zuverlässig, handwerklich gekonnt - alles Umschreibungen dafür, daß ein Dirigent zwar sein Handwerk makellos beherrscht, aber nicht gerade vom Genius geküßt ist.
Horst Stein assistierte in den 50er Jahren bei den Bayreuther Festspielen (wie es heutige Dirigenten wie Runnicles, Pappano oder Young nach ihm taten) und war lange Zeit einer der Hausdirigenten an der Ost-Berliner Staatsoper. Nach dem Mauerbau blieb er im Westen, dirigierte in derselben Funktion an der Hamburgischen Staatsoper, bevor er in Mannheim seinen ersten GMD-Posten übernahm. Von nun an ging alles ganz schnell : Wiener Staatsoper, Bayreuther Festspiele, internationale Laufbahn.
Wie so oft, liegt m.E. auch bei Horst Stein die Wahrheit (falls es denn eine gibt) in der Mitte. Es gibt keinen Grund, über ihn abschätzig zu urteilen, aber auch nicht, ihn mit den ganz Großen seiner Zunft auf eine Stufe zu stellen. Ich fand ihn in seiner ersten Hamburger Zeit am besten (er kam unter Everding später als GMD zurück), er war ein universell einsetzbarer Dirigent, von Rossini über Verdi bis zu Wagner. Als dann seine internationale, besonders seine Bayreuther Karriere begann, schätzte ich ihn weniger : oftmals zu laut, nicht interessant genug.
Aber ein großes ABER : Dirigenten vom Schlage eines Stein sind für den Opernalltag eines Theaters unverzichtbar; für die Sonntage sorgen andere. Von den heutigen Dirigenten würde ich am ehesten Peter Schneider mit Stein vergleichen; auch er ein "braver" Kapellmeister, der sein Handwerk bestens versteht, aber wenn es um "interessante", sich vom Durchschnitt abhebende Interpretationen geht, hinter anderen zurücktreten muß.
Mir ist klar, daß sich durch diese Einschätzung eine Diskussion über die Bedeutung von Dirigenten ergeben könnte. War es Richard Strauss, der sagte, der beste Dirigent sei der, den man nicht bemerkt? Dann könnte ich eine ganze Reihe hervorragender Dirigenten nennen, und der von mir hochgeschätzte Valery Gergiev wäre auf einmal ein ganz miserabler Dirigent. Den bemerkt man nämlich immer!
Zum Schluß noch eine Bemerkung zu Stein. Nicht umsonst spricht man von Stein, wenn man dann von ihm spricht, als vom Operndirigenten. Als Konzertdirigent ist er interessanterweise noch weniger eindrücklich in Erinnerung, obwohl er bis zu seinem krankheitsbedingten Fernbleiben vom Pult Chefdirigent des Genfer Orchestre de la Suisse Romande war.
Beste Ostergrüße
Sune
Rolf Scheiwiller (02.04.2006, 18:51): " Durch Mitleid wissend, der reine Tor " "Ich schreite kaum, doch wähn ich mich schon weit - " Du siehst mein Sohn, zum Raum wird hier die Zeit "
Diese beiden berühmten Zitate aus Wagners Opus Ultimum Parsifal haben sich fern des Werkes verselbständigt. Sie wurden zu geflügelten Worten.
Der Bayreuther Meister leitete die UA 1882 im neuerbauten Festspielhaus. Die Handlung spielt auf Burg Montsalvat und Umgebung. Frühes Mittelalter.
Kein anderes Werk des Meisters musste sich mehr Spott und Kritik gefallen lassen als der Parsifal. Aber auch kein anderes so verherrlicht ! Einer der bösesten Kritiker war Friedrich Nietzsche. Er konnte Wagner nicht verzeihen, dass er , wie er sich ausdrückte, sich " vor dem Kreuz gebeugt habe ". Es gibt über diese Oper zahllose Deutungen. Auch recht bizarre. Wagner vermischte christliche, buddistische und noch einige andere Symbole und Riten.
Die Gattungsbezeichnung Bühnenweihfestspiel weist auf die liturgischen Szenen hin, die in diesem Werk eine zentrale Rolle spielen.
Eine ganz grosse Aufgabe hat der Chor zu absolvieren.
Im sogenannten Karfreitagszauber wird Wagner zum wundervollen Melodiker. Diese Musik wird auch öfter aus dem Werk herausgenommen und für sich gespielt und auch auf CD gebracht.
An einem schönen Frühlingstag im April, Jahre vorher, kam ihm die Idee zu diesem seinem letzten Werk. Gottseidank konnte er es komplett vollenden !
Denn schon 6 Monate später starb er in Venedig im " Palazzo Vendramin ".
Er duldete nicht, dass sein Bühnenweihfestspiel fern des Festspielhauses aufgeführt würde. Und verbot eine Aufführung ausserhalb für 30 Jahre. Nicht alle hielten sich daran. Er wollte ebenso keine Beifallsaüsserungen nach den Akten.
Es existieren herausragende Gesamtaufnahmen. LIVE aus Bayreuth mit Pierre Boulez, Knappertsbusch Studioeinspielungen mit Karajan und Solti. Und noch einige andere.
Meiner Meinung nach ist die Solti Aufnahme unerreicht. Eine Kundry wie Christa Ludwig muss man gehört haben.
Bald fängt die Karwoche an. Und dann beginnen in Salzburg die Osterfestspiele. Hin und wieder wird dort auch Wagners rätselhaftestes Werk aufgeführt. Wie auch schon in Baden - Baden. Von ebendort habe ich eine hinreissende Aufnahme mit Kent Nagano und dem Berliner Sinfonie Orchester. Auf DVD.
Eine weitere DVD Einspielung habe ich soeben noch in meiner grossen Sammlung gefunden. Es handelt sich um eine ,für mein Gefühl überragende Aufführung aus der MET. Levine dirigiert. Schöne breite Tempi. Parsifal ist Siegfried Jerusalem. Klingsor Franz Mazura und Kundry Waltraut Meier. Eine wunderbare, farbenfrohe Bühneninszenierung! Ganz ein anderer Stil als in Baden - Baden. Aber die war genauso werkgerecht. Bei Nagano herrschte viel Symbolismus. Wenig Bühneninventar. Wenig Farben.
Rolf.
Mime (03.04.2006, 08:10): Waltraud Meier ist für mich die Kundry schlechthin.Und das seit über 2 Jahrzehnten! Das ist Phänomenal. Als Gurnemanz Matti Salminen oder Hans Sotin,früher auch Gottlob Frick. Die Hauptrolle wird heute von cen Amerikanern dominiert.Schade.Peter Hofmann sang den tumben Toren nach meinem Geschmack. Nur eine Waffe taugt...
lucy (03.04.2006, 14:55): Original von Rolf Scheiwiller " Durch Mitleid wissend, der reine Tor " Wie auch schon in Baden - Baden. Von ebendort habe ich eine hinreissende Aufnahme mit Kent Nagano und dem Berliner Sinfonie Orchester. Auf DVD.
Gruss. Rolf.
Durch Mitleid wissend - die Bedeutung ist mir abhandengekommen. Wer kann es mir nochmal erklären?
Übrigens ist es das Deutsche Symphonie-Orchester, welches da spielt. Ich habe die Aufnahme auch (vom Radio aufgenommen), finde sie aber nicht gar so 'hinreißend'.
Viele Grüße
Mime (03.04.2006, 15:24): Hallo Lucy,
"Durch Mitleid wissend der reine Tor harre sein,den ich erkor."
Dies ist die Antwort der Jünglinge auf Amfortas' Klagelied über die ewig blutende Wunde,die ihm Klingsor mit der Spitze des heiligen Speers schlug. Der Text ist die Ankündigung,daß ein unbedarfter Jüngling (Tor) den Speer von Klingsor zurückerobern werde.Nur der Speer,der die Wunde schlug,wird sie auch wieder verschließen können.Der Tor Parsifal darf mit den Gralsrittern am Hl.Abendmahl teilnehmen und er verspürt Mitleid mit dem geplagten König Amfortas.
Hier endet der 1.Akt des Bühnenweihfestspiels.Und nach überlieferter Tradition verlassen die Zuschauer stumm und gefaßt und ohne zu applaudieren ihre Plätze.
sune_manninen (05.04.2006, 18:09): Original von Rolf Scheiwiller Er wollte ebenso keine Beifallsaüsserungen nach den Akten.
Lieber Rolf,
ich müßte mich erst wieder schlau machen und die Belegstellen finden, aber meines Wissens stand Wagner dem Parsifal-Beifall nach den einzelnen Akten nicht ablehnend gegenüber. Er wollte nur nicht, daß im 1. Akt nach der Amfortas-Szene (also mitten im Stück) applaudiert wurde. Soweit ich informiert bin, stammt das Applaus-Verbot von Cosima und hielt sich allerdings noch sehr lange.
Ich weiß nicht, wann in Bayreuth das erste Mal beim Parsifal applaudiert wurde (müßte etwa Mitte der 60er Jahre gewesen sein), erinnere mich aber, daß damals Hans Hotter, der nocht aus der "guten alten Zeit" stammte, nicht mit vor den Vorhang kam.
Schöne Grüße
Sune
Heike (25.07.2010, 10:12): "Die offene Wunde" Richard Wagners "Parsifal" Zum Raum wird hier die Zeit, Erlösung dem Erlöser: Wenige Opern umgibt eine solche Aura wie Richard Wagners "Parsifal". Eine Aura, in der sich der Mythos des Erlösers in weihevoller Unschärfe zu verbreiten pflegt. Wer hier wen erlöst und wodurch, bleibt meist unklar. Ein wenig Licht im Gralstempel kann nicht schaden.
Hallo zusammen, hat das zufällig jemand mitgeschnitten? Grüße, Gerion
Heike (27.07.2010, 22:00): Ich schicke dir eine PN Heike
Holger (02.11.2010, 17:42): Hallo,
es folgt ein fundierter Kommentar aus meiner wunderbaren Welt des ungebildeten Grauens.
Mittlerweile habe ich nämlich CD 2 (Solti) gehört!
Track Nr. 2 (Parsifal / Act 1 - "Nun achte wohl und laß mich seh'n" - "Zum letzten Liebesmahle") ergreift mich wegen seiner Chöre.
Track Nr. 5. (Parsifal / Act 1 - Nehmet hin meinen Leib) ebenfalls. Wobei ich das Gefühl nicht loswerde, den Chorgesang irgendwoher zu kennen - was angesichts meiner grandiosen Unkenntnis eigentlich gar nicht sein kann. Handelt es sich dabei möglicherweise um eine Art "Hit"? Wagners Antwort auf "Satisfaction"?
Auch meine ich, hier Teile der Ouvertüre wiederzufinden. Ganz sicher bin ich nicht, weil ich mit ihr nicht so vertraut bin wie mit der des Tannhäuser, die ich ständig vor mich hinpfeife und -singe. Was sich möglicherweise nicht gehört, aber Spaß macht! :P
Track Nr. 6. (Parsifal / Act 1 - Was stehest du noch da?): Der Frauenchor am Schluß haut mich vom Hocker!
Wie überhaupt gelegentlich aus dem Nichts wunderschöne Passagen aufblühen, wenn man am allerwenigsten damit rechnet.
Vorläufiges Fazit:
Wagner hat was!
Liebe Grüße
Holger (Euer reiner Tor, das Opernluder) :tongue:
Jürgen (02.11.2010, 23:29): Original von Holger Track Nr. 5. (Parsifal / Act 1 - Nehmet hin meinen Leib) ebenfalls. Wobei ich das Gefühl nicht loswerde, den Chorgesang irgendwoher zu kennen - was angesichts meiner grandiosen Unkenntnis eigentlich gar nicht sein kann. Handelt es sich dabei möglicherweise um eine Art "Hit"? Wagners Antwort auf "Satisfaction"?
Möglicherweise meinst Du das Dresdner Amen, ein Hit in Sachsens Kirchen im 19. Jahrhundert. Eine kurze Sequenz von 6 Noten, komponiert von Johann Gottlieb Naumann (1741-1801). Heute ist es bekannt durch Mendelssohn Bartholdy im 1.Satz seiner 5.Sinfonie und natürlich durch den Parsifal.
Grüße Jürgen
Holger (02.11.2010, 23:39): Original von Jürgen
Möglicherweise meinst Du das Dresdner Amen
Tja - könnte ich Noten lesen, wüßte ich es jetz!
Danke jedenfalls für Hinweis & Link!
Daß mein neuer Held Wagner so ungeniert geklaut hat, ist ein Schock, den ich erstmal verdauen muß... ?(
Liebe Grüße von Holger
Armin70 (03.11.2010, 00:00): Original von Holger Daß mein neuer Held Wagner so ungeniert geklaut hat, ist ein Schock, den ich erstmal verdauen muß... ?(
Meiner Meinung nach muss man darüber nicht so schockiert sein. Plagiate haben in der Kunst, insbesondere in der Musik, eine lange Tradition. Im 18. Jahrhundert galt es sogar als gegenseitige Wertschätzung, wenn sich ein Komponist bei einem anderen in musikalischer Weise "bediente", z. B. findet sich in Händels Orgelkonzert Nr. 4 g-moll, op. 7 ein Zitat aus Telemanns "Tafelmusik".
Im Internet fand ich folgenden Artikel, siehe hier. Darin finden sich noch andere interessante Beispiele aus der Literatur und der klassischen Musik, wo sich Schriftsteller und Komponisten von anderen "inspirieren" liessen.
Holger (03.11.2010, 00:15): Bin Deinem Link mit großem Vergnügen gefolgt, Armin!
Danke!
Ich werde also Milde walten lassen. :wink
Liebe Grüße von Holger
Armin70 (03.11.2010, 00:19): Hallo Holger,
Wagners Parsifal gehört auch zu meinen Lieblingsopern. Natürlich betrachte ich den Parsifal als gesamte Einheit und ich geniesse diese Oper am liebsten komplett aber aufgrund der Länge fehlt mir dann doch oft die nötige Muße, um mich völlig in dieses Werk zu versenken und zu vertiefen.
Neben den von Dir genannten Stellen, die einen besonderen "Gänsehautfaktor" haben, picke ich mir auch immer gerne die Szene der Blumenmädchen aus dem 2. Aufzug heraus. Das ist eine faszinierende und betörende Musik. Des weiteren entfalten auch der "Karfreitagszauber" aus dem 3. Aufzug und natürlich der Schluss des Bühnenweihfestspiels "Nur eine Waffe taugt" mit den sich in ätherische Höhen entschwindenden Chören zu den tollen magischen Momenten des Parsifal.
Gruß Armin
P.S.: Mit der Solti-Aufnahme hast Du eine sehr gute Wahl getroffen.
Fairy Queen (03.11.2010, 06:12): Lieber entdeckungsreisender Tor, nun mal ein bisschen Desillusionierung- zur Abwechslung und zur Erfrischung zwischendurch, bevor Du noch komplett in den wagnerschen Weihen versinkst. :wink Ich finde den Parsifal so grässlich, dass es mich grösste Überwindung kostet, nach dem zugegebenermassen wundervollen Vorspiel noch eine weitere Note zu hören.Sobald da jemand anfängt zu singen, ist für mich Ende im Gelände. Ich habe mir das Ganze dennoch aus Bildungszwecken und um mich von einer Phobie zu befreien, mehrfach in verschiedenen Inszenierungen angetan, bin aber im Gegenteil nur noch weiter abgestossen worden. Der Parsifal ist für mich ein Hassobjekt und das hat neben der unsäglichen Frauenfeindlichkeit der Story und dem mich zu Tode anödenden und meine Ohren verletzenden deklamatorischen Gesang (nciht selten eher Gebrüll....) insbesondere auch mit dem gesamten Wagner- Bayreuth Umfeld und den faschistischen Verstrickungen seiner Nachlkommen/Sippschaft und speziell dieser Oper zu tun. Auch in der Oper ist lange nciht alles Gold , was glänzt.
Dass Leute die vom Rock herkommen, Wagner toll finden, kenne ich übrigens: meine Tochter ist diesen Weg auch gegangen.. Erst Heayv Metal und Gothic und dann der direkte Weg zum Ring des Nibelungen. Ich wünsche dir trotzdem viel Freude und grosse Entdeckungserlebnisse mit Wagner, wollten nur mal auf eine Gegenposition hinweisen! Hoffe, du nimmst das nciht übel. :ignore
F.Q.
Holger (03.11.2010, 10:26): Lieber Armin,
wir scheinen einen ähnlichen Geschmack zu haben. Bin heute nämlich ebenfalls zu den Blumenmädchen vorgedrungen und war gleich hingerissen.
Wobei mir einfällt, daß Wagner eine Liebschaft mit einem Blumenmädchen englischen Namens gehabt haben soll, der mir natürlich sofort wieder entfallen ist. Paris Hilton? Pamela Anderson? C.C. Catch? :D
Daß ich mich für Solti entschied, liegt schlicht an den vielen guten Besprechungen. Ehrlich gesagt, bezweifle ich aber, daß ich zwischen den Aufnahmen auf dem Markt überhaupt Unterschiede wahrnehmen würde. Kommt ja vielleicht noch...
Liebe Fairy,
Dein Beitrag ist herzerfrischend und hat mich zum Lachen gebracht. You've made my day! :times10
Ich finde ihn einfach wunderbar und kein bißchen desillusionierend!
Liebe Grüße vom Opernluder
Holger (03.11.2010, 14:10): Hallo,
sehr gut gefallen mir auf der CD Nr. 4 im 3. Akt diese Tracks:
5. Parsifal / Act 3 - Du wuschest mir die Füsse
6. Parsifal / Act 3 - "Wie dünkt mich doch die Aue heut so schön" - Karfreitagszauber
7. Parsifal / Act 3 - "Mittag. Die Stund' ist da" - Verwandlungsmusik
Merkwürdigerweise kommt mir der - wenn ich so sagen darf - Trauermarsch im Track 7 wieder ungemein bekannt vor. Ein weiterer "Hit" von Wagner? Oder geklaut? Wie kann es sein, daß ich diese Melodie kenne...? ?(
Das Finale (Track 10.: Parsifal / Act 3 - "Nur eine Waffe taugt") ist - ganz, wie Armin sagt - überwältigend!
Überhaupt scheint der dritte Akt - wohlgemerkt mein Eindruck nach dem allerersten Hören! - der stärkste von allen.
Und jetzt fange ich gleich wieder bei CD 1 an, damit ich bei der Aufführung in der Oper zum Zeichen meiner Begeisterung laut mitsingen kann. Macht bestimmt einen guten Eindruck und läßt über gewisse Fehler bei der Wahl der Garderobe hinwegsehen! :D
Liebe Grüße von Holger
Holger (04.11.2010, 14:09): Original von Holger
Mittlerweile habe ich nämlich CD 2 (Solti) gehört!
Track Nr. 2 (Parsifal / Act 1 - "Nun achte wohl und laß mich seh'n" - "Zum letzten Liebesmahle") ergreift mich wegen seiner Chöre.
Ich finde diese Stelle so überirdisch schön - mittlerweile läuft sie ständig im Repeat-Modus!
Ritchie - ick liebe Dir!
:down
Jürgen (04.11.2010, 15:56): Original von Holger Original von Holger
Mittlerweile habe ich nämlich CD 2 (Solti) gehört!
Track Nr. 2 (Parsifal / Act 1 - "Nun achte wohl und laß mich seh'n" - "Zum letzten Liebesmahle") ergreift mich wegen seiner Chöre.
Ich finde diese Stelle so überirdisch schön - mittlerweile läuft sie ständig im Repeat-Modus!
Ritchie - ick liebe Dir!
:down
Soweit ich mich erinnern kann (Ich habe die Aufnahme auf LP und schon lange nicht mehr gehört) werden bei Solti in den Verwandlungsmusiken richtige Glocken verwendet. Das kann selbst Bayreuth nicht toppen.
Grüße Jürgen
P.S: Sei bitte so nett und überprüfe das doch mal, Holger.
EinTon (04.11.2010, 20:44): Ich hab meinerseits mal gehört, dass bestimmte, im Parsifal vorgeschriebene "tiefe Glockenklänge"- die man zu Wagners Zeiten technisch nicht realisieren konnte, heutzutage elektronisch produziert würden...
(Btw.: ich kenne den Parsifal bislang noch nicht, ist noch ne Bildungslücke von mir...)
Holger (05.11.2010, 23:24): Original von Fairy Queen
... mich zu Tode anödenden und meine Ohren verletzenden deklamatorischen Gesang (nciht selten eher Gebrüll....)
Hallo,
an dieses legendäre, mich noch immer amüsierende Zitat muß ich unwillkürlich denken, wenn ich CD Nr. 3 meiner Solti-Einspielung einlege.
Sie erstreckt sich von
1. Parsifal / Act 2 - "Komm, holder Knabe!"
bis
12. Parsifal / Act 3 - "Du tolles Weib! Hast du kein Wort für mich?"
Diese dritte CD ist für mich wirklich die harte Nummer und weckt (bislang) nicht viel mehr als das Bedürfnis, eine rauchen zu gehen oder Mozart einzulegen. :D Ich möchte niemandem zu nahe treten, aber irgendwie bekommt man den Eindruck, Wagner habe keine rechte Lust und keine Einfälle mehr gehabt. ?( Mein grausames Statement: Weniger wäre mehr gewesen!
Ich arbeite jedoch durch standhaftes Anhören daran, mich zu revidieren. Manchmal geht es mir tatsächlich so, daß CDs, die ich anfangs nicht mochte, später um so mehr losknallten (z. B. Bob Dylan, Blood on the tracks oder Keith Richards).
Liebe Grüße von Holger
Fairy Queen (06.11.2010, 20:24): "Weniger wäre mehr gewesen!"
Das sagst Du was, lieber Holger- das ist der Spruch des Tages!!!! Und trifft für mich im übrigen auf alle Wagner-Opern zu. Die Ouvertüre und evtl noch eine Arie- Alles was darüber hinausgeht, kann ich getrost unter den Tisch fallen lassen. Beim Parsifal reicht mir die Ouvertüre, der Rest wâre besser Schweigen geblieben. :ignore Aber sag das mal dem Megalomanen Ritchie W. und seinen Hardcore -Fans.....die steinigen uns oder werfen uns dem Rachegeist der "hohen Frau" zum Frasse vor. Da hilft dann kein Knoblauch mehr zur Abwehr sondern wirklich nur noch eine Riesenration Mozart.
:hello
Holger (07.11.2010, 01:14): Liebe Fairy,
in dieser Schärfe würde ich das nicht unbedingt unterschreiben. Es gibt wirklich hinreißende, atemberaubende Passagen im Parsifal. Und, wie mir nach dem Film "Zauber der Venus" scheinen will, auch im Tannhäuser (den ich zur Gänze allerdings noch immer nicht kenne).
Dennoch finde ich Deine Statements zu Wagner einfach herzerfrischend!
Viele Grüße von Holger
EinTon (17.11.2010, 15:21): Original von Fairy Queen Die Ouvertüre und evtl noch eine Arie- Alles was darüber hinausgeht, kann ich getrost unter den Tisch fallen lassen.
Welche "Arie" denn zB beim Tristan? :D
Solitaire (17.11.2010, 16:36): Ach kommt, jetzt seid nicht so fies. Der Holländer zum Beispiel ist doch wirklich klasse, auch wenn Senta eine überspannte Hysterikerin und Daland ein geldgeiler Kotzbrocken ist, der seine Tochter an den ersten Besten verschachert der genug Kohle hat.
In Christoph Schlingensiefs ergreifendem, aber naturgemäß nicht übermäßig lustigen Buch "So schön wie iher kann's im Himmel gar nicht sein" gibt es eine Stelle, an der ich dann doch sehr gelacht habe. als Christoph S. nämlich über Bayreuth und seine Humorlosigkeit herzieht und den grünen Hügel als "Fascholaden" bezeichnet... :cool
EinTon (17.11.2010, 16:59): Ich mag den "Tristan" sogar sehr - unabhängig davon hat er keine Arien und ist durchkomponiert! :wink
Fairy Queen (17.11.2010, 21:27): Lieber Einton, der Tristan braucht keine Arie- der ist zugegebenermassen als Ganzes einfach genial. Dagegen bin selbst ich machtlos...... :engel F.Q.
EinTon (17.11.2010, 22:28): Der ist bisher auch meine Wagner-Lieblingsoper, aber ich kenne außer dem bislang nur "Ring" und "Lohengrin" - Parsifal habe ich also noch vor mir..
(Beim Lohengrin - der mein Wagner-Einstieg war, musste ich ja ob der plakativen Zeichnung der beiden Frauengestalten ziemlich grinsen - sittsam, bescheiden und rein vs. böööse falsche Schlange :D )
Gruß,
Normann
Fairy Queen (18.11.2010, 09:59): Lieber Einton, wenn man ganz bösartig sein will, kann man sagen: Wagner hatte beide Pole der holden lohengrin'schen Weiblichkeit im eigenen Hause: sie tat ganz sttsam, rein, bescheiden und vor allen Dingen unterwürfig, aber wehe wenn sie losgelassen...... :ignore
Den Lohengrin finde ich übrigens besonders unerträglich, und nicht nur deswegen. Wenn du Parsifal noch vor dir hast, empfehle ich Dir zum Durchhalten erstmal Syberberg. Ohne den, hätte ich die Oper nie von Anfang bis Ende geschafft. Danach kannst du Dir die Vorspiele vornehmen, bis zum Vollrausch, und den Rest einfach vergessen.... :ignore.
F.Q.
EinTon (18.11.2010, 11:36): Pole der Weiblichkeit:
(OK, passt nicht ganz, in der Polarisierung aber schon):
Über Cosima Wagner weiss ich nur vage Bescheid, mich interessiert dann doch eher die Musik als "biographisches" - und wenn ich erstere besser verstehen will, so schaue ich in die Partitur. :)
Heike (20.06.2011, 13:45): Last not least habe ich in diesem Jahr in Budapest noch einen interessanten Parsifal gesehen:
Parsifal: Christian Franz Amfortas: Hanno Müller-Brachmann Kundry: Waltraud Meier Klingsor: John Wegner Titurel: Kolos Kováts
MüPa Budapest 17.6.2011 Adam Fischer diesmal mit den MR Symphonikern (Radioorchester) Ungarischer Nationalchor, MR Chor, Budapester Studiochor, MR Kinderchor. Inszenierung: Magdolna Parditka und Alexandra Szemerédy
Fange ich mit der Inszenierung an, die mir gut gefallen hat. Mit sehr klaren, sparsamen Symbolen und starken Lichteffekten gelangen ästhetische, stimmige Szenen ohne zuviel pompöses Beiwerk, trotzdem mit genug Heiligenschein und v.a. mit deutlichem Focus auf den Visualisierungen. Zentral waren drei Farben auf der Bühne und an der Kleidung: schwarz (düster, depressiv, böse); weiß (heilig, unschuldig, schön) und rot (erotisch, leidenschaftlich, aufgewühlt). So bewegten sich die Figuren in der Zeit und in den gespaltenen Räumen zwischen den Farben - der riesige Chor (und auch zusätzlich manchmal die Solisten) verteilten sich bis auf die oberen Ränge. Parsifal wurde zeitweilig durch einen Knaben ausgetauscht, was die Inszenierung nicht sonderlich originell machte, aber gut vor unstimmigem Kitsch bewahrte.
Musikalisch war die große Waltraud Meier natürlich der Star des Abends. Was soll ich sagen, sie wurde zu Recht bejubelt, sie spielte göttlich und sang mit betörender Intensität - aaaaber, selbst ich als Laie hörte, welche Mühe sie in der Höhe hatte; auch einige andre Passagen waren in den Übergängen sehr arg improvisiert und manchmal nicht mehr wirklich gesungen. Dem Gesamteindruck tat das aber keinen Abbruch, es war toll, sie in dieser Rolle zu sehen und zu hören. Müller-Brachmann, als Amfortas fand ich super, dieses kränkliche, leidende Flair passte besser zu ihm als der majestätische Wotan, mit dem ich ihn unlängst in Berlin sah. Ebenso gut gefiel mir Halfvarson als Gurnemanz; ohne zuviel Dramatik, schön gesungen, mit viel Ruhe. Christian Franz als Parsifal sang heute richtig gut, mit viel Lyrik und absolut passend zur Rolle auch manchmal etwas schmalzig-torhaft.
Das Radioorchester gefiel mir einen Tick weniger als das Opernorchester, es war alles etwas weniger brodelnd, aufwühlend und zackig, aber alles in allem wurde auch hier großartige Musik geboten. Diese mächtigen Chöre, zudem wenn sie direkt bei und unter der gleißend angeleuchteten großen Orgel stehen, haben etwas gewaltiges. So merkwürdig und durchaus schräg diese Oper auch ist, so beeindruckt sie mich live doch immer wieder.
als Wagnerianer kommt man an "Parsifal" nicht vorbei.... Mein Favorit ist die Bayreuther Aufnahme von 1962... Knappertsbusch wählt zwar langsame Tempi, hält aber alles in Spannung. George London (einer meiner Lieblingssänger) ist eine Traumbesetzung des Amfortas, Jess Thomas macht seine Sache ordentlich, reisst mich aber nicht vom Hocker, Irene Dalis als Kundry fantastisch, Hans Hotter hervorragend als Gurnemanz (trotz nasaler Tongebung).
Empfehlenswert ist ein Mitschnitt unter Wallberg aus "La Fenice" (1970) mit der großartigen Amy Shuard und dem jungen Kollo.
:hello Colline
Heike (04.11.2012, 23:07): Deutsche Oper Berlin, 4.11.12 Musikalische Leitung Donald Runnicles Inszenierung Philipp Stölzl
Parsifal Klaus Florian Vogt Gurnemanz Albert Pesendorfer Kundry Evelyn Herlitzius Amfortas Thomas Johannes Mayer Titurel Stephen Bronk Klingsor Bastiaan Everink
Ich fand die Regie einfach nur ekelhaft, ganz widerlich pathetisch und weichgespült. Ich habe mich immer wieder gefragt, ob das ernstgemeint ist - es fehlte imho nur noch ein Tick zur kompletten satirischen Überhöhung (aber der fehlte eben). Es beginnt mit einer nachgespielten Kreuzigungsszene und endet mit dem Tod von Amfortas; dazwischen jede Menge sakrale Theatersymbolik, bis zu auf Tableaus peinlichst bildhaft illustrierten Szenen zu den Erzählungen. Dazu ein grausliges Bühnenbild, eine Mischung aus steiniger Kleckerburg, Flintstones-Fels und Mount-Rushmore-Pappkulisse: lächerlich. Völlig übertrieben auch fett symbolträchtige Kostümierungen; mit vernebeltem Licht und zeitlupenhaften Bewegungen der in permanenten Anbetungen erstarrenden Statisten/ Choristen. Das war für mich summa summarum wirklich nahe an der Grenze des Erträglichen. Wenn das "Religionskritik" sein sollte, dann habe ich sie nicht verstanden.
Was die Personenführung anging, die konnte ja in diesem Monumentalkitsch gar nicht mehr gut sein. Die Einzige, die wirklich ihre Rolle bewegend gespielt hat, war E. Herlitzius als Kundry (die auch wohltuend schwarz angezogen war). Ich fand, dass sie auch ausdrucksvoll und rollenpassend gesungen hat; ebenso wie Vogt (der allerdings fast nur sinnlos herumstand/ ging bzw, unbeholfene Handbewegungen machte). Genau wie im Lohengrin hat mir das aber sehr gut gefallen, wie er das gesungen hat; wenig heldisch, aber unangestrengt und sowohl leise als auch laut berührend und raumfüllend. Pesendorfer (heute als Gurnemanz) ließ sich ansagen, über ihn verliere ich daher lieber kein Wort. Amfortas alias Mayer fand ich ok, aber begeistert hat er mich nicht wirklich.
Vom Dirigat war ich ziemlich enttäuscht, das war schon im Vorspiel lahm (unfreiwillig komisch: in eine Generalpause klingelte ein Handy rein, mit dem Walkürenritt als Klingelton). Es gab auch schöne lyrische Klänge in den Streichern, aber im Grunde genommen fand ich das langweilig gespielt, eher oberflächlich und auch in den Einsätzen mehrmals sehr unsauber. Im letzten Akt wurde es besser, vielleicht ist der eine oder andere da erst aufgewacht. Die Chöre [wie fast immer) auf der Plus-Seite dieses Abends.
Heike
stiffelio (05.04.2013, 21:13): Conductor Daniele Gatti Production François Girard
Kundry Katarina Dalayman Parsifal Jonas Kaufmann Amfortas Peter Mattei Klingsor Evgeny Nikitin Gurnemanz René Pape
Hallo Ihr Lieben,
seit Wochen höre ich mich nun rauf und runter durch den PARSIFAL (und weiß immer noch nicht, ob ich es bedauern oder begrüßen soll, dass ich dafür jedes Mal rund 4 Stunden ansetzen muss, so dass ich kaum noch zu etwas anderem komme :wink). Immer noch ist der MET-PARSIFAL aus der Kino- und Rundfunkübertragung vom 2.3. mein absolutes Highlight, auch wenn ich - was mir schwerfällt - die Inszenierung und die schauspielerische Leistung mal beiseite lasse. Es gibt einfach m.E. keinen anderen PARSIFAL, in dem insbesondere Gurnemanz (Pape), Parsifal (Kaufmann) und Amfortas (Mattei) einen derart hohen emotionalen Ausdruck erreichen, wie in dieser Aufführung. Hier mal eine Liste meiner diesbezüglichen absoluten Lieblingsstellen: 1. Akt: Amfortas: Mich dünkt, ihn zu erkennen - einmalig, wie da die Todessehnsucht von Mattei im dem Wort "erkennen" kulminiert Gurnemanz: Das ist ein andres - jedem ist's verwehrt. Pape scheint hier stimmlich fast die Beherrschung zu verlieren, was umso stärker wirkt, als sein Gurnemanz zwar emotional stark involviert ist, sich aber dennoch in der Regel gut im Griff hat. Die erste Hälfte des Satzes ist mehr gehaucht als gesungen. Und das "verwehrt" kommt mit einer solchen Entschiedenheit daher, dass ich als Knappe an dieser Stelle sooo klein mit Hut geworden wäre. Da schwingt auch die Wut von Gurnemanz mit, diese existentielle Bedrohung nicht mit den üblichen Mitteln eines Gralsritters, nämlich kriegerischem Kampf lösen zu können und mit Amfortas zum Abwarten verdammt zu sein. Dann die ganze Passage: Schon nah dem Schloss... ein furchtbar schönes Weib... die Wunde ist's, die nie sich schließen will. In jeder Zeile kann ich rein stimmlich hören, wovon die Rede ist. Bedrohung, Faszination, Empörung, Trauer, das alles schwingt an den entsprechenden Stellen mit. In der Erzählung über Klingsor: den fand er nun - beim "nun" gerät das Vibrato geradezu in die Nähe eines grollenden Löwen. Und schließlich in der Schwanszene: das Schneegefieder dunkel befleckt - gebrochen das Aug da steht mir der tote Schwan rein stimmlich vor Augen, so fahl wie die Stimme bei den letzten Worten wird. Nebenbei eine Plotbemerkung: interessant war für mich, dass Parsifal als "reiner Tor" keineswegs von Haus aus "gut" ist - er schießt offenbar mehr oder weniger als Zielübung und aus Jux Vögel vom Himmel (es gibt keinen Hinweis darauf, dass er den Schwan zum Nahrungserwerb erlegt hat) und muss das Mitleid, bzw.das Bewusstsein, dass Tiere auch leidfähige Mitkreaturen sind, in dieser Szene durch Gurnemanz erst lernen. Dann wieder Amfortas in der Gralssszene: reine Verzweiflung schon in der Zeile zu diesem Amt verdammt zu sein und gipfelnd dann in dem Erbarmen - Erbarmen. Das stimmliche Aufbäumen von Mattei ist einfach nur grandios und wer da kalt bleibt, muss ein Herz aus Stein haben. Das ganze Leid der Welt und die Auflehnung dagegen sind hier versammelt.
2. Akt Parsifal: Amfortas - die Wunde! mit einer stimmlichen Intensität, dass einem die Ohren flattern. Fast noch ausdrucksvoller in der Mischung aus Erkenntnis und Entsetzen, wenn auch weniger spektakulär in der Stimmgewalt das fast hohle Nein - Nein - nicht die Wunde.
3. Akt Gurnemanz: er starb - ein Mensch wie alle die ganze Trauer und Hilflosigkeit angesichts Titurels Tod schwingt da mit. Von Parsifal mit unendlicher Zartheit beim Karfreitagszauber: die Halme, Blüten und Blumen und später auch du weinest - sieh, es lacht die Aue. Dazwischen noch Gurnemanz: du siehst, das ist nicht so da entsteht, durch ein verlängertes Schwingen auf dem "so" ein ungeheuer weicher, tröstlicher Klang. In der letzten Szene wieder Parsifal: den heilgen Speer, ich bring ihn euch zurück beim "zurück" wird der Ton so intensiv und strahlend, dass er fast mit den Händen zu greifen ist. Und schließlich Parsifals letzte Worte: öffnet den Schrein entsteht ein würdiger Schlussgipfel, als Kaufmann beim "Schrein" vom Forte in ein Piano übergeht, wie nur er es kann. Ein grandioser Effekt!!
Das war trotz der epischen Länge nur eine knappe Auswahl, ich könnte Dutzende weiterer Stellen benennen, die mir besser erscheinen als alles, was ich vom PARSIFAL bisher gehört habe. Es gibt ein einziges Manko, wenn man das so sehen will: durch das relativ tiefe Timbre von Kaufmann und das relativ hohe von Pape sind Gurnemanz, Amfortas und Parsifal vom Stimmeindruck her ziemlich dicht beieinander, so dass ich anfangs nicht immer sofort hören konnte, wer da gerade singt (inzwischen kenne ich den PARSIFAL aber so gut, dass das kein Problem mehr für mich darstellt). Niemals habe ich es mehr bedauert wie bei diesem Beitrag, dass mir das fachliche Vokabular zum Beschreiben von Singstimmen weitgehend fehlt. Trotzdem musste ich es einfach versuchen. Diejenigen, die ihr zumindest einen Radiomitschnitt ergattern konntet - was sagt ihr dazu? Oder meint jemand, einen anderen PARSIFAL zu kennen, der bezüglich der stimmlichen Ausdruckskraft da mithalten kann?
VG, stiffelio
stiffelio (11.05.2013, 16:50): Hallo,
wer sich mit einer Bildauflösung von 240 p zufrieden geben kann, findet den MET-Parsifal jetzt hier:
Falls ihn jemand anschaut, lade ich ganz herzlich hierher zum Austausch ein :wink. VG, stiffelio
stiffelio (11.05.2013, 19:18): ...und da der Link zum 1. Akt schon wieder inaktiviert ist, hier nochmal ein neuer mit der ganzen Oper am Stück: "http://www.youtube.com/watch?v=UAkUek7yOnE"
VG, stiffelio
stiffelio (02.09.2013, 14:23): Für alle, die noch keine Gelegenheit hatten: Seit gestern gibt es den MET-Parsifal wieder in guter Qualität (bis 1080p) auf YT. "http://www.youtube.com/watch?v=d9sR2DBk_Qk" "http://www.youtube.com/watch?v=NxsfYIxhGvE" "http://www.youtube.com/watch?v=r5rsU8bX9QI"
VG, stiffelio
Amonasro (06.10.2013, 19:03): Den Parsifal kenne ich noch nicht sehr lange. Nach meiner ersten Ring-Aufnahme legte ich mir nach und nach noch weitere Wagner-Aufnahmen zu; darunter auch den Parsifal unter Sir Georg Solti. Zuerst war ich erstaunt; nach dem Ring und Tristan und Isolde enttäuschte er mich etwas. Auch den Lohengrin fand ich besser. Irgendwie war alles so in die länge gezogen: die vielen Erzählungen des Gurnemanz, die Entscheidung bereits im 2. Akt und der daher völlig überflüssige 3. Akt - all das fand ich zu übertrieben und langweilig. Ihn bald noch einmal zu hören, verspürte ich kein Bedürfnis.
Ich hörte wieder die anderen Wagner-Opern, die mich immer mehr überzeugten, und dachte, irgendetwas müsse doch dran sein an diesem Parsifal - also hörte ich ihn schon bald noch einmal, und diesmal war es ein ganz anderes Erlebnis: Über die Handlung kann man streiten, aber was für eine Musik! Mittlerweile halte ich den Parsifal nach dem Ring für die beste Wagner-Oper (ich weiß: "Bühnenweihfestspiel"), die ich kenne. Am besten gefallen mir (wie immer bei Wagner) die musikalischen Vor- und Zwischenspiele. Um alles zu erfassen, muss ich ihn bestimmt noch viel öfter hören. Ich glaube aber, eine gute Aufnahme erwischt zu haben. Bei jedem Hören gefiel mir der Parsifal mehr und mehr. Vielleicht kaufe ich bald noch eine weitere Einspielung (am besten aus Bayreuth), die mich noch andere Seiten dieses Werks entdecken lässt.
Gruß Amonasro :hello
palestrina (06.10.2013, 19:30): Hallo Amonasro, über viele GA des Parsifal lässt sich trefflich streiten :D, aber über diese GA nicht :cool . Die sollte man haben ! :down
Amonasro (06.10.2013, 21:54): Danke palestrina für den Tipp. Vor allem für mich, der gerade Windgassen und London sehr gerne hört, ist sie bestimmt interessant.
Gruß Amonasro :thanks
stiffelio (07.10.2013, 18:32): Hallo Amonasro,
falls irgendwann dich unerwartet das Verlangen nach einer Parsifal-DVD überkommen sollte: die oben beschriebene (äh - eher beschwärmte :ignore) Auführung der MET vom 2.3.3 soll es ab 15. November als DVD und Blu-ray im Handel geben. Auch über einige andere Parsifal-DVDs habe ich inzwischen einen Überblick gewinnen können. Wenn du da Fragen hast... :wink