Pablo Casals: seine Eminenz

ab (14.12.2006, 10:03):
Pao gilt wohl zu Recht als einer der ganz großen Musiker des 20. Jahrhunderts. Die Wiederentdeckung der Bachschen Cellosuiten war wegweisend. Seine Expressivität war einzigartig, sein dunkler, fülliger sonorer Ton heute fast vergessen durch die Bestrebungen immer schlanker weil schneller, lauter und violonesker zu spielen.

Dennoch: Nicht alles gefällt mir von Casals wirklich gut. Seine romantischen Bach-Suiten können nur mit gehöriger Distanz zu unserem heutigen Wissen genossen werden - dann aber sehr. Seine Beethoven-Sonaten sind entweder klanglich sehr dürftig oder aber (die späte mit Serkin) doch eher uninspiriert. Sein Dovorak-Konzert gehört nicht zu den übrragenden. Sein Kammermusikaufnahmen, wie etwas die Berühmte des Quintett in C von Schubert, leidern nicht selten unter Intonationsschwächen.

Meine absolute Lieblingsaufnahme von ihm ist das Schumann Cellokonzert, mit Ormandy aufgenommen.

Was wirklich Großartiges von ihm ist mir bislang entgangen?
cellodil (14.12.2006, 11:09):
Original von ab
Was wirklich Großartiges von ihm ist mir bislang entgangen?

Seine Biografie.

Herzliche Grüße

Sabine
ab (14.12.2006, 11:13):
Nein, die hab ich mit Genuss gelesen... (Die von Piatigorsky hat natürlich noch mehr Spaß bereitet...).
cellodil (14.12.2006, 11:16):
Lieber ab,

doch noch ein Nachtrag.

Ich glaube, deshalb habe ich auch die Biografie (die Du sicher kennst) erwähnt, dass man Casals kaum nach den Einspielungen beurteilen kann. Auch, wenn uns sonst nichts bleibt (seufz) und ich persönlich die Cello-Suiten doch auch in bestimmten Momenten sehr gerne höre. Ich glaube, dass Casals einfach eine außergewöhnliche Persönlichkeit war - als Musiker, als Mensch. Und so etwas ist für mich in Aufnahmen nur sehr bedingt spürbar.

Herzliche Grüße

Sabine
cellodil (14.12.2006, 11:17):
Lieber ab,

da warst Du jetzt schneller als ich...

Grüße

Sabine
ab (14.12.2006, 11:24):
Original von cellodil
Ich glaube, dass Casals einfach eine außergewöhnliche Persönlichkeit war - als Musiker, als Mensch. Und so etwas ist für mich in Aufnahmen nur sehr bedingt spürbar.

Na ja, äußergwöhnliche Persönlichkeit und außergewöhnliche Interpretin kann ja auseinadner gehen. (Siehe etwa der späte Menhuin.) Mir geht es aber nicht um Personen, sondern um ihre Musik.

Aristoteles, übrigens, hat vor über 2000 Jahren in seiner "Poetik" die starke These aufgestellt, dass ein (literarisches) Werk nur dann gut ist, wenn auch der Autor entsprechend gut gelebt hat, und sonst nicht. Wollte man dies auch auf die Musik übertragen, dann wären wohl Casals und Menhuins Interpretationen stets gut. ;-)

Was kannst Du mir denn sonst noch von Casals ans Herz legen?
cellodil (14.12.2006, 12:52):
Lieber ab,

da machst Du jetzt ein ziemliches Fass auf, das weit über das Casals-Thema hinausgeht. Vielleicht sollten wir das mal an anderer Stelle diskutieren...

So weit wollte ich mit dem, was ich oben geschrieben hatte, eigentlich nicht gehen. Ich denke nur, dass man Casals wohl im Konzert hätte erleben müssen, dass uns die Aufnahmen allenfalls eine schwache Ahnung von dem, was er war und wie er musiziert hat, vermitteln können (ich bin, das muss ich einräumen, allerdings auch eher jemand, der Musik am allerliebsten im Konzert, im Augenblick, hört).

Herzliche Grüße

Sabine
ab (15.12.2006, 11:39):
Liebe Sabine,

ja, das sprichts Du - wegen der verstrichenen Lebensepochen großer Künstler - etwas "trauriges" an: Viele Interpreten versteht man erst dann richtig, wenn man sie einmal im Konzertsaal gehört hat - danach erschließen sich einem auch die Aufnahmen, weil man im Konzert zu hören gelernt hat, worauf zu hören es bei der jewgeiligen Musikerin ankommt. Von Aufnahmen her mag dies oft verborgen bleiben und man - zumindest ich - fragt sich (frage mich) dann, was wohl dieser Aspekt ist, den zu hören mir nicht einfach gelingt, um die Interpretation in angemessener Weise genießen zu können, und was sich bei einem Live-Erlebnis oft so einfach erschließen würde.
?(
Ganong (15.12.2006, 17:03):
Liebe Sabine ,

lieber ab ,

der Höflichgkeit wegen in dieser Reihenfolge .

Der zweite Satz im letzten beitrag von "ab" enstspricht fast ohne Ausnahme meiner eigenen Erfahrung .

Von den Casals - Aufnahmen etwas versäumt ? ja , sicherlich seine Lehrtätigkeit !

Bei den Aufnahmen mit dem grossen Rudolf Serkin ( in seinen spären Jahren war er dann nicht mehr auf dem frühen Leistungsstandart ) stört vor allem Serkin mit seinem geradezu monotonen , harten , unflexiblen ,poesielosen Anschlag . Dies stört bei einigen seiner Beethovensonaten wie den "Préludes" von Chopin sehr .

Grüsse ,

Frank
ab (11.06.2007, 16:43):
Walter fragt:

ich habe noch nicht so viel von Pablo Casals - was ich bisher von ihm gehört habe gefällt mir aber sehr - wer hat denn ein paar Vorschläge, mit welchen Aufnahmen ich da anfangen sollte?

Das Dvorak-Konzert mit Czech PO & Szell gibts für 2-3 EUR (etwa bei Müller) in schwarzem Cover (Centurion). Es bleibt aber deutlich hinter dem Schumann zurück, so finde ich.

Wenn dich klanglich aufgefettete und damit dynamikreduzierte Aufnahmen nicht stören, gibts das auch etwas teurer aber dafür mit dem Elgar-Konzert bei EMI:
http://www.jpc.de/image/middle/front/0/2460303.jpg

aber auch bei Dutton (mit der 9.Sinfonie) und bei Naxos (mit dem Brahms-Doppelkonzet mit Thibaud) ist es erhältlich.

Die Cello-Suiten Bachs sind natürlich zu nennen. Am billigsten ist derzeit wohl diese Ausgabe (Documents)
http://www.jpc.de/image/middle/front/0/8972881.jpg
(off topic: dort ja auch dieser wahre Schatz! :down)
Naxos soll besser restauriert sei als EMI, ich habe aber klanglich nichts überprüft, denn so oft höre ich mir diese historische Aufnahme eh nicht an. Bei Documents handelt es sich stets um 96 kHtz überspielungen.
Jüngst bekam man sie auch für unter 5 EUR nachgeschmissen in der (sehr rausch-reduzierten) Ausgabe: The 50's: The Legend of Music.
http://www.the50.com/eng/img/06p.jpg


Legendär ist die romantische (nicht immer intonationssichere) Aufnahme von Schuberts Quintett in C mit Isaac Stern, Alexander Schneider, Milton Katims,
Paul Tortelier. Um zweidrittel billiger als bei Sony (versuche sonst jedenfalls unbedingt die frühere CBS-Ausgabe in Dunkelblau zu bekommen!) derzeit ebenfalls bei Documents:
http://www.jpc.de/image/middle/front/0/2650544.jpg

Dazu sonst auch hier.

Die Beethoven-Cellosonaten sind mit Thibaud mE wesentlich besser als mit Serkin (diese wieder neu aufgelegt bei Sony, aber ebenfalls und viel billiger bei Documents); beides aber nicht so überragend, meine ich.
ab (14.12.2006, 10:03):
Pao gilt wohl zu Recht als einer der ganz großen Musiker des 20. Jahrhunderts. Die Wiederentdeckung der Bachschen Cellosuiten war wegweisend. Seine Expressivität war einzigartig, sein dunkler, fülliger sonorer Ton heute fast vergessen durch die Bestrebungen immer schlanker weil schneller, lauter und violonesker zu spielen.

Dennoch: Nicht alles gefällt mir von Casals wirklich gut. Seine romantischen Bach-Suiten können nur mit gehöriger Distanz zu unserem heutigen Wissen genossen werden - dann aber sehr. Seine Beethoven-Sonaten sind entweder klanglich sehr dürftig oder aber (die späte mit Serkin) doch eher uninspiriert. Sein Dovorak-Konzert gehört nicht zu den übrragenden. Sein Kammermusikaufnahmen, wie etwas die Berühmte des Quintett in C von Schubert, leidern nicht selten unter Intonationsschwächen.

Meine absolute Lieblingsaufnahme von ihm ist das Schumann Cellokonzert, mit Ormandy aufgenommen.

Was wirklich Großartiges von ihm ist mir bislang entgangen?
cellodil (14.12.2006, 11:09):
Original von ab
Was wirklich Großartiges von ihm ist mir bislang entgangen?

Seine Biografie.

Herzliche Grüße

Sabine
ab (14.12.2006, 11:13):
Nein, die hab ich mit Genuss gelesen... (Die von Piatigorsky hat natürlich noch mehr Spaß bereitet...).
cellodil (14.12.2006, 11:16):
Lieber ab,

doch noch ein Nachtrag.

Ich glaube, deshalb habe ich auch die Biografie (die Du sicher kennst) erwähnt, dass man Casals kaum nach den Einspielungen beurteilen kann. Auch, wenn uns sonst nichts bleibt (seufz) und ich persönlich die Cello-Suiten doch auch in bestimmten Momenten sehr gerne höre. Ich glaube, dass Casals einfach eine außergewöhnliche Persönlichkeit war - als Musiker, als Mensch. Und so etwas ist für mich in Aufnahmen nur sehr bedingt spürbar.

Herzliche Grüße

Sabine
cellodil (14.12.2006, 11:17):
Lieber ab,

da warst Du jetzt schneller als ich...

Grüße

Sabine
ab (14.12.2006, 11:24):
Original von cellodil
Ich glaube, dass Casals einfach eine außergewöhnliche Persönlichkeit war - als Musiker, als Mensch. Und so etwas ist für mich in Aufnahmen nur sehr bedingt spürbar.

Na ja, äußergwöhnliche Persönlichkeit und außergewöhnliche Interpretin kann ja auseinadner gehen. (Siehe etwa der späte Menhuin.) Mir geht es aber nicht um Personen, sondern um ihre Musik.

Aristoteles, übrigens, hat vor über 2000 Jahren in seiner "Poetik" die starke These aufgestellt, dass ein (literarisches) Werk nur dann gut ist, wenn auch der Autor entsprechend gut gelebt hat, und sonst nicht. Wollte man dies auch auf die Musik übertragen, dann wären wohl Casals und Menhuins Interpretationen stets gut. ;-)

Was kannst Du mir denn sonst noch von Casals ans Herz legen?
cellodil (14.12.2006, 12:52):
Lieber ab,

da machst Du jetzt ein ziemliches Fass auf, das weit über das Casals-Thema hinausgeht. Vielleicht sollten wir das mal an anderer Stelle diskutieren...

So weit wollte ich mit dem, was ich oben geschrieben hatte, eigentlich nicht gehen. Ich denke nur, dass man Casals wohl im Konzert hätte erleben müssen, dass uns die Aufnahmen allenfalls eine schwache Ahnung von dem, was er war und wie er musiziert hat, vermitteln können (ich bin, das muss ich einräumen, allerdings auch eher jemand, der Musik am allerliebsten im Konzert, im Augenblick, hört).

Herzliche Grüße

Sabine
ab (15.12.2006, 11:39):
Liebe Sabine,

ja, das sprichts Du - wegen der verstrichenen Lebensepochen großer Künstler - etwas "trauriges" an: Viele Interpreten versteht man erst dann richtig, wenn man sie einmal im Konzertsaal gehört hat - danach erschließen sich einem auch die Aufnahmen, weil man im Konzert zu hören gelernt hat, worauf zu hören es bei der jewgeiligen Musikerin ankommt. Von Aufnahmen her mag dies oft verborgen bleiben und man - zumindest ich - fragt sich (frage mich) dann, was wohl dieser Aspekt ist, den zu hören mir nicht einfach gelingt, um die Interpretation in angemessener Weise genießen zu können, und was sich bei einem Live-Erlebnis oft so einfach erschließen würde.
?(
Ganong (15.12.2006, 17:03):
Liebe Sabine ,

lieber ab ,

der Höflichgkeit wegen in dieser Reihenfolge .

Der zweite Satz im letzten beitrag von "ab" enstspricht fast ohne Ausnahme meiner eigenen Erfahrung .

Von den Casals - Aufnahmen etwas versäumt ? ja , sicherlich seine Lehrtätigkeit !

Bei den Aufnahmen mit dem grossen Rudolf Serkin ( in seinen spären Jahren war er dann nicht mehr auf dem frühen Leistungsstandart ) stört vor allem Serkin mit seinem geradezu monotonen , harten , unflexiblen ,poesielosen Anschlag . Dies stört bei einigen seiner Beethovensonaten wie den "Préludes" von Chopin sehr .

Grüsse ,

Frank
ab (11.06.2007, 16:43):
Walter fragt:

ich habe noch nicht so viel von Pablo Casals - was ich bisher von ihm gehört habe gefällt mir aber sehr - wer hat denn ein paar Vorschläge, mit welchen Aufnahmen ich da anfangen sollte?

Das Dvorak-Konzert mit Czech PO & Szell gibts für 2-3 EUR (etwa bei Müller) in schwarzem Cover (Centurion). Es bleibt aber deutlich hinter dem Schumann zurück, so finde ich.

Wenn dich klanglich aufgefettete und damit dynamikreduzierte Aufnahmen nicht stören, gibts das auch etwas teurer aber dafür mit dem Elgar-Konzert bei EMI:
http://www.jpc.de/image/middle/front/0/2460303.jpg

aber auch bei Dutton (mit der 9.Sinfonie) und bei Naxos (mit dem Brahms-Doppelkonzet mit Thibaud) ist es erhältlich.

Die Cello-Suiten Bachs sind natürlich zu nennen. Am billigsten ist derzeit wohl diese Ausgabe (Documents)
http://www.jpc.de/image/middle/front/0/8972881.jpg
(off topic: dort ja auch dieser wahre Schatz! :down)
Naxos soll besser restauriert sei als EMI, ich habe aber klanglich nichts überprüft, denn so oft höre ich mir diese historische Aufnahme eh nicht an. Bei Documents handelt es sich stets um 96 kHtz überspielungen.
Jüngst bekam man sie auch für unter 5 EUR nachgeschmissen in der (sehr rausch-reduzierten) Ausgabe: The 50's: The Legend of Music.
http://www.the50.com/eng/img/06p.jpg


Legendär ist die romantische (nicht immer intonationssichere) Aufnahme von Schuberts Quintett in C mit Isaac Stern, Alexander Schneider, Milton Katims,
Paul Tortelier. Um zweidrittel billiger als bei Sony (versuche sonst jedenfalls unbedingt die frühere CBS-Ausgabe in Dunkelblau zu bekommen!) derzeit ebenfalls bei Documents:
http://www.jpc.de/image/middle/front/0/2650544.jpg

Dazu sonst auch hier.

Die Beethoven-Cellosonaten sind mit Thibaud mE wesentlich besser als mit Serkin (diese wieder neu aufgelegt bei Sony, aber ebenfalls und viel billiger bei Documents); beides aber nicht so überragend, meine ich.