Heike (19.12.2012, 01:20): Piotr Anderszewski (* 4. April 1969 in Warschau) lebt in Paris. Die Mutter ist Ungarin, der Vater Pole. Seinen ersten Klavierunterricht erhielt er im Alter von sechs Jahren. Er soll sich mal in Warschau im Saal versteckt haben, um dem großen Swjatoslaw Richter beim Üben zuzuhören - vergeblich: »Als er kam, hat er das Klavier noch nicht einmal berührt.« ... »Später erfuhr ich, dass er nie ein Klavier vor dem Konzert ausprobierte. Ein Konzert ist wie das Schicksal, sagte er. Das hat mich sehr beeindruckt. Und ich mache das auch so.« (Quelle: Programmheft 18.12.12 Berlin)
Anderszewski studierte an der Chopin Akademie in Warschau, an den Konservatorien in Lyon und Straßburg und der University of Southern California. Er lernte und arbeitete unter anderem mit Murray Perahia, Fou Ts'ong und Leon Fleisher zusammen.
Sein Auftritt bei dem Klavierwettbewerb 1990 in Leeds sorgte für Aufsehen: Er ging im Halbfinale trotz realistischer Chancen auf den ersten Platz von der Bühne, weil ihn seine Leistung nicht zufriedenstellte (bei op. 27 von Anton Webern). 6 Monate später debütierte er an der Londoner Wigmore Hall. (Quelle: Wiki)
Offizielle website: http://www.anderszewski.net/
Ich hatte ihn 2010 schon mal sehr gut mit dem DSO in Berlin gehört (Bartok Konzert Nr 3): Klick hier Nach dem Solo-Abend gestern bin ich nun vollauf begeistert:
Kammermusiksaal Berlin, 18.12.2012 Er spielte Bach (Engl Suiten 3 und 6; Franz. Suite 5, Italienisches Konzert): teilweise traumverloren fragil und zart, dann wieder mit einer entwaffnenden Direktheit, Klarheit und Eindringlichkeit. Manchmal hatte er in den langsamen Sätzen berückend schöne impressionistische Klangzaubereien: schillernde, perlende Glöckchenklänge; sanfteste Harmonien, farbenreiche und quasi fassbare Innigkeit (unmöglich, das auf eine CD zu kriegen) ... um dann wieder intensive Kontraste, krasse Dynamikwechsel und total ungewöhnliche Akzente hinzulegen. Aber er erzählt sooo schöne versponnene Geschichten! Der langsame Satz z.B. im italienischen Konzert war reinste Poesie. Der Anfangssatz der Englische Suite Nr. 6 wiederum war ein Feuerwerk an Können und Ausdruck. Was mich auch sehr fasziniert hat, er hat Witz und Esprit, fast schelmisch. Da möchte man innerlich tanzen vor Glück.
Sein Spiel zeichnet sich jedenfalls durch eine große Originalität aus. Er hat zudem einen sehr schönen, nuancierten Anschlag und vermag das Publikum intuitiv zu fesseln (es hat quasi niemand in die Satzpausen reingehustet!). Bei 2 Schumann-Zugaben hat er mich gestern derartig begeistert - also der wird mal ein ganz großer Schumann-Interpret, glaube ich. Er hat nämlich sowohl das feinsinnige, als auch das leicht verrückte, das Schumann braucht. Innenansichten eines Genies. Heike
Heike (19.12.2012, 01:24): Ich kopiere mal einen aktuellen Beitrag von Nikolaus von gestern in diesen Thread:
Letzte Woche habe ich Piotr Anderszewski live in der Kölner Philharmonie erlebt: Programm: J.S.Bach: Englische Suite Nr. 3 g-moll BWV 808 J.S.Bach: Französische Suite Nr. 5 G-Gur BWV 816 L.Janácek: Auf verwachsenem Pfade II R.Schumann: Fantasie C-Dur op. 17 Zugaben: Bach, Schumann
Nach diesem seltsam guten Recital gehört Anderszewski für mich endgültig zu den interessantesten und auch eigenwilligsten Pianisten derzeit.
Seinen Bach höre ich wirklich sehr gerne. Er spielt ihn sehr rhythmisch, tänzerisch und pointiert.Der zweite Teil des Recitals war dann für mich sehr spannend weil überraschend bis irritierend.Von Janáceks "Auf verwachsenem Pfad" kenne ich nur Teil I. So wie Anderszewski Teil II spielte, hätte ich nicht an Janácek gedacht. Das erinnerte mich stellenweise an Debussy. Auf jeden Fall war es sehr "atmosphärisch".
Irritiert hat mich seine Interpretation der Fantasie von Schumann. Ich kenne sie eher emotional aufgeladen und "rauschhaft". Anderszewski dagegen spielt sie phasenweise extrem zurückgenommen sowohl in Tempo als auch Lautstärke. Zunächst dachte ich, das kann nicht funktionieren, das muss auseinanderfallen. Doch am Ende war ich sprachlos, fast verstört, so sehr hat er mich mit dieser Interpretation in Bann gezogen.
Seine Interpretationen würde ich als architektonisch extrem komplizierte, Gebäude beschreiben, die er einerseits dekonstruiert, indem er Schicht für Schicht freilegt und gleichzeitig neu entstehen lässt, fein ziseliert und luzide oder massiv, je nachdem. Den Zuhörer fordert er dadurch natürlich, und in Köln hat das ganz gut funktioniert. Trotz der riesigen Philharmonie, die vielleicht gerade zur Hälfte gefüllt war, gab es Momente er "knisternden" Spannung (natürlich unterbrochen von den üblichen Hustenattacken und Handy-Geklingel...).
Spannend ist es für mich jetzt, seine Einspielungen, die ich besitze (Bach, Chopin, Mozart, Beethoven, sein Carnegie-Hall-Recital...), zu hören: da entdecke ich soviel neues!
Nikolaus.
nikolaus (19.12.2012, 21:16): Original von Heike ... teilweise traumverloren fragil und zart, dann wieder mit einer entwaffnenden Direktheit, Klarheit und Eindringlichkeit. Manchmal hatte er in den langsamen Sätzen berückend schöne impressionistische Klangzaubereien: schillernde, perlende Glöckchenklänge; sanfteste Harmonien, farbenreiche und quasi fassbare Innigkeit (unmöglich, das auf eine CD zu kriegen) ... um dann wieder intensive Kontraste, krasse Dynamikwechsel und total ungewöhnliche Akzente hinzulegen. Aber er erzählt sooo schöne versponnene Geschichten! Der langsame Satz z.B. im italienischen Konzert war reinste Poesie. Der Anfangssatz der Englische Suite Nr. 6 wiederum war ein Feuerwerk an Können und Ausdruck. Was mich auch sehr fasziniert hat, er hat Witz und Esprit, fast schelmisch. Da möchte man innerlich tanzen vor Glück. ... Heike
Das hast Du schön ausgedrückt!
Genaus diese Vielfältigkeit in seinem Spiel finde ich so faszinierend und spannend. Er scheut sich nicht, auch mal zu "knallen", um dann wieder so zart wie es nur geht die Tasten zu berühren. Dazu kommt noch ein tolles Rhythmusgefühl.
Zu seiner Biographie gehört unbedingt dazu, dass er letztes Jahr - soviel ich weiss schon zum zweiten Mal - ein Sabbatical eingelegt hat. Das finde ich in der heutigen schnelllebigen Zeit für einen Profimusiker (egal welchen Bekanntheitsgrades) sehr mutig.