Quasthoff beendet Karriere

Heike (11.01.2012, 21:17):
Der deutsche Bassbariton Thomas Quasthoff verabschiedet sich nach fast 40 Jahren aus gesundheitlichen Gründen von der Bühne. Seine Gesundheit erlaube es ihm nicht mehr, "dem Anspruch, den ich immer an mich selber und an die Kunst gestellt habe, gerecht werden zu können", erklärte Quasthoff nach Angaben der Philharmonie Essen.
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Quasthoff hatte Ende vergangenen Jahres zahlreiche Konzerte nach einer Kehlkopfentzündung absagen müssen. "Ich habe mir die Sache lang überlegt. Auch mein Arzt hat mir empfohlen, mir mehr Zeit für mich selbst zu nehmen", so der Sänger.
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Schließlich deutet Quasthoff auch generellen Frust an der Entwicklung des Klassik-Business an: Ihm sei "die Klassik-Branche zu oberflächlich geworden. Man hat den Eindruck, außer David Garrett gäbe es niemanden mehr".

Quelle und ganzer Artikel:
http://www.sueddeutsche.de/kultur/thomas-quasthoff-gibt-karriere-auf-auch-mein-arzt-hat-es-mir-empfohlen-1.1255373


Das als traurige Nachricht für seine Fans. Ich bin kein großer Anhänger seiner Stimme, auf mich wirkte er immer ein wenig gekünstelt und mit zuviel "Mache" im Gesang. Ich habe ihn auch mehrmals in Berlin live gesehen , es war nicht schlecht, aber es hat mich nicht sonderlich begeistert.

Sehr merkwürdig finde ich die Ankündigung des Berliner Konzerthauses, dass das für Mai angekündigte Programm "Ein Abend mit Thomas Quasthoff" trotzdem stattfinden soll. Ich hatte zwar nicht vor, hinzugehen, aber irgendwie finde ich die Lösung ziemlich komisch: (Zitat http://www.konzerthaus-berlin.de:)
"Glücklich schätzen wir uns auch darüber, dass Thomas Quasthoff seinen Termin am 4. Mai 2012 im Rahmen der Reihe „Ein Abend mit…“ wahrnehmen wird. Er wird den Part des Erzählers in Johannes Brahms´ Vertonung "Die schöne Magelone" übernehmen. Wer die Balladen und Lieder singen wird, verrät der Künstler dann erst am Abend. "
Heike
Schweizer (11.01.2012, 22:02):
Hallo Heike,
so traurig ich es finde, dass ein Künstler gesundheitsbedingt aufgeben und damit seine Karriere beenden muss, mir wird nichts abgehen. Genau wie Du konnte ich mit seiner Stimme nicht viel anfangen und - errötend muss ich es gestehen - seine Physis/Erscheinung hat mich immer von seinen Vorträgen abgelenkt, ich habe mich selbst in meinen vier Wänden vor dem Bildschirm in seiner Präsenz nicht wohl gefühlt. Steinigt mich für meine Ehrlichkeit.
Gruss vom Schweizer
Heike (11.01.2012, 22:13):
seine Physis/Erscheinung hat mich immer von seinen Vorträgen abgelenkt, ich habe mich selbst in meinen vier Wänden vor dem Bildschirm in seiner Präsenz nicht wohl gefühlt. Steinigt mich für meine Ehrlichkeit.
Nein, sowas muss man sagen dürfen. Ich gehe mal davon aus, dass niemad hier behindertenfeindlich eingestellt ist und dass es überflüssig ist, das immer zu betonen.

Mir geht es sogar ähnlich wie dir. Ganz schlimm war es bei einem Liederabend im Kammermusiksaal vor einigen Jahren. Ich kann leider nicht abstrahieren von seinem Äußeren, wenn ich ihm zuhöre und ihn dabei gleichzeitig sehe. Das finde ich sogar bedauerlich, aber es ist so. Er tut mir leid und wirkt natürlich auch in jeder Geste anders, so dass man anders hinschaut, abgelenkt ist. Und das stört meine Konzentration auf die Musik enorm, ganz besonders bei intimen Liedern. Ist leider so.

Aber unabhängig davon, ich werde auch mit seiner Stimme nicht so richtig warm. Er artikuliert irgendwie so aufgesetzt, das missfällt mir. Genauer gesagt, er lässt mich kalt, es berührt mich nicht, wenn ich zuhöre. Ich habe daher auch nicht eine einzige CD von ihm.
Heike
Rachmaninov (11.01.2012, 22:26):
Original von Heike

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Schließlich deutet Quasthoff auch generellen Frust an der Entwicklung des Klassik-Business an: Ihm sei "die Klassik-Branche zu oberflächlich geworden. Man hat den Eindruck, außer David Garrett gäbe es niemanden mehr".

Quelle und ganzer Artikel:
http://www.sueddeutsche.de/kultur/thomas-quasthoff-gibt-karriere-auf-auch-mein-arzt-hat-es-mir-empfohlen-1.1255373


Das Modell "David Garrett" gab es doch immer schon in dieser Branche!
Sfantu (11.01.2012, 23:02):
Find' ich ebenso wenig schlimm, zuzugeben, dass die äussere Erscheinung beim Zuschauen/Zuhören den Musikgenuss stören kann. Bei Quasthoff geht mir das allerdings nicht so. Wenn er einen jugendlichen Helden gibt, stört es mich nicht die Bohne, dass er nicht wie Jonas Kaufmann aussieht. & für die Maniriertheit/Künstlichkeit seines Vortrags hab' ich sogar ein gewisses Faible. Ein gewisses erotisches Faible hab' ich sogar für Frauen, die ein paar Pfunde mehr auf die Waage bringen. Dennoch kann ich mir bspw. die Norman oder die Caballé als Verkörperung einer zerbrechlichen Elfe nicht ungefiltert antun ohne Gefahr zu laufen, in einen unwillkürlichen Lachkrampf zu schliddern...da reicht allein schon die Vorstellung, etwa beim "Nur-" Hören ohne zu sehen (umso mehr, wenn auf dem Cover des CD-Remakes der Caballé-Lucia (Philips) ein blondes Germany's-next-top-model in der Wahnsinns-Szene zu sehen ist). Abhängig ist das immer von der Person selbst.
Was mich bei Quasthoff viel mehr nervt, ist (zugegeben, eine Berufskrankheit von mir) sein Sprechfehler: der Kerl ist (zumindest addental) sigmatistisch (zu deutsch: er lispelt) bis dort hinaus! Bin mir sicher, ein 10er-Rezept bei mir, & er hätt's im Griff...ist nunmal das Handicap der Chefs & sonstiger heiliger Kühe: denen sagt halt so schnell keiner was auf den Kopf zu...
Egal - die Entscheidung muss man akzeptieren. & dass die Oberflächlichkeit der Klassik-Branche müde machen kann, daran zweifle ich keine Fermate lang...
Wünsche ihm alles erdenklich Gute!

:hello Sfantu
Fides (12.01.2012, 12:56):
Natürlich spielt die äußere Erscheinung eine Rolle...und gerade in einer Situation, in der ein Auditorium mit Augen und Ohren auf einen Künstler/eine Künstlerin fixiert ist.
Ich bin keine Liedfanatikerin, hatte also mit dem Sänger Quasthoff wenige Begegnungen...irgendwann habe ich ein längeres Fernsehporträt über ihn gesehen und muss gestehen, dass er mir darin zutiefst unsympathisch war. Ich hatte den Eindruck eines extrem auf die eigene Person fixierten Mannes...was durchaus biographische Ursachen haben mag...der eine penetrante Arroganz ausstrahlte, die ich auch in seiner Aussage: "oberflächliche Klassikszene" bestätigt sehe.

Ich denke, dass er da das Kind mit dem Bade ausschüttet und persönliche Empfindlichkeiten zu stark in den Mittelpunkt stellt. Nach einem Gespräch mit einem Bekannten, der sich in der Jazz-Szene gut auskennt, glaube ich sagen zu können, dass seine Stimmprobleme, die letztendlich seinen Rückzug verursacht haben dürften, auf die so ganz andere Gesangstechnik im Jazz als im Liedgesang zurückzuführen sein dürfte.
Aber das als Grund für sein Karriereende zu nennen, wäre ihm sicher unangenehm...ergo muss "die oberflächliche Klassikszene" zumindest mit Schuld haben... :ignore

Ich werde ihn nicht vermissen!

LG
Fides :hello
Cantus Arcticus (12.01.2012, 15:47):
Original von Fides
...irgendwann habe ich ein längeres Fernsehporträt über ihn gesehen und muss gestehen, dass er mir darin zutiefst unsympathisch war. Ich hatte den Eindruck eines extrem auf die eigene Person fixierten Mannes...was durchaus biographische Ursachen haben mag...der eine penetrante Arroganz ausstrahlte, die ich auch in seiner Aussage: "oberflächliche Klassikszene" bestätigt sehe.
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Hallo ForianerInnen
Die Meinungen hier decken sich mit meiner in den meisten Punkten. Er hat in der Vergangenheit z.B. immer wieder ein gewisses Frustpotential zur Schau gestellt, so wie z.B. hier:

Gruss :hello
Stefan
Zefira (13.01.2012, 00:08):
Ich habe das Interview eben gelesen und mir fiel die Passage auf:
Im vergangenen Jahr war ich für meine Jazz-CD ("The Jazz Album - Watch What Happens", Anm. d. Red.) mit Till Brönner für einen Pop-Echo nominiert. Ich muss sagen: Die Veranstaltung war grausig. Schlecht präsentiert von Oliver Geißen, schreckliche Gäste wie Bushido. Da sitzen Sie dann und sehen, wie sich eine sterbende Branche aufbläst. Das ist schon fast Kabarett.

Was meint er denn nun mit "sterbender Branche"? ?(

Ich kenne ihn übrigens nur als klassischen Sänger (aus dem Fernsehen), seine Jazz-Produktionen sind an mir vorbeigegangen. Eine meiner Bekannten, eine Sopranistin, ist ihm allerdings mal persönlich begegnet und hat ihn danach als "sehr, hm, schwierige Persönlichkeit" bezeichnet.

Gruß von Zefira
Solitaire (16.01.2012, 19:17):
Ich finde es sehr schade, daß er seine Karriere aufgibt, aber er wird wohl wissen, was das Beste ist.
Ich habe Quasthoff vor einiger Zeit mit den Kindertotenliedern gehört und ich habe die ganze Zeit dabei geheult.
Seine Jazzprojekte haben mir auch gefallen, ich habe vor kurzem eines seiner Jazzalben geschenkt bekommen und nach meiner bescheidenen Meinung ist er so ziemlich der einzige klassisch ausgebildete Sänger, bei dem es nicht schief geht oder peinlich wird wenn er populär wird. In den meisten anderen Fällen mag ich sowas überhaupt nicht.
Ob er eine schwierige Persönlichkeit ist odern icht kann unsereins ja zum Glück egal sein. Ich denke ohnehin, daß jeder der sich auf eine Bühne stellt auf die eine oder andere Art schwierig und anstrengend sein kann. Und die Besten sowieso...

Also: So long, and thanks for all the music! :hello
Heike (06.03.2012, 08:11):
Zitat aus: der neuen Zeitschrift der Berliner Philharmoniker namens "128" (auf Seite 2 ist das ganze Interview zu finden)
http://www.berliner-philharmoniker.de/fileadmin/pdf/D1-D7.pdf

"Herr Quasthoff, Sie haben vor einigen Wochen Ihren Abschied von den Konzertbühnen erklärt. Das kam für viele sehr überraschend.

..... Den Ausschlag, jetzt aufzuhören, gaben mehrere Faktoren. Erstens habe ich drei Stents in der Herzarterie, die mir ein so anstrengendes Konzertleben wie vor zwanzig Jahren nicht mehr erlauben. Der zweite Grund war der Tod meines Bruders, der für mich ein großer Einschnitt war. Ich habe mit ihm soviel zusammen gemacht – von der Musik bis zu den beiden Büchern, die wir gemeinsam geschrieben haben. Und drittens war es sicher auch die vorübergehende Trennung von meiner Frau, die noch dazukam - wir sind aber inzwischen wieder zusammen … "
Solitaire (06.03.2012, 12:15):
Oh, ich wußte gar nicht, daß er soviel durch hat!
Ich kann sehr gut nachvollziehen,das man dann sein Leben neu überdenkt und sich neu orientiert. Schön, wenn das möglich ist, das kann leider nicht jeder.