Rotkäppchen (09.10.2015, 21:27): Les Indes Galantes ("Die galanten Indien", wobei "Indien" als Sammelbegriff für exotische Gefilde gebraucht wird ...) gehört zu Rameaus Ballettopern, ein zur Entstehungszeit (Uraufführung: 1735) in Paris sehr angesagtes Genre. Les Indes Galantes bestehen aus einem Prolog und vier Entrées (Aufzüge, die man auch als in sich abgeschlossene Kurzopern betrachten kann), in denen es nur so vor originellen Instrumentierungsideen und ohrwurmartigen Melodien wimmelt. Insgesamt ergeben sich etwa drei Stunden Spieldauer, wobei die Balletteinlagen eine exponierte Stellung einnehmen. Zur Uraufführung wurden nur die ersten beiden Entrées gegeben, später kam das dritte, noch später (1736) das vierte hinzu.
Zu Rameaus Zeit, nach anfänglichen Schwierigkeiten, ein erfolgreiches Bühnenwerk, zwischendurch vergessen, sagt die aktuelle Statistik (Operabase) Folgendes: Platz sechs unter neunzehn gelisteten Rameau-Opern bzgl. der Aufführungshäufigkeit (unangefochten auf Platz eins treffen wir, nicht ganz überraschend, die schräge Platée).
Das Libretto von Louis Fuzelier ist weniger schwierig zu durchschauen als man es von der einen oder anderen italienischen Oper der gleichen Epoche gewöhnt ist. Einige Quellen kommen mit wenigen Sätzen pro Aufzug aus, um die jeweilige Handlung zusammenzufassen. Der anspruchsvollste Aspekt besteht wohl eher darin, sich auf immerhin siebzehn verschiedene Charaktere, die recht unterschiedlich tiefgründig gezeichnet werden, einzustellen. Das verbindende Element aller Aufzüge ist, dass jeweils ein amouröses Abenteuer dargestellt wird, das nach einigen Schwierigkeiten ein recht gutes Ende findet...
Prolog ... Monologe bzw. Dialoge von / zwischen Hébé (Göttin der Jugend, Sopran), Bellone (Kriegsgöttin, Bariton), l’Amour (Amor, Sopran) mit dem Ergebnis, dass Letzterer seine Helferlein, die Amoretten, mit Pfeil und Bogen in allerlei fremde Länder schickt. Bellone und l’Amour sind als Travestierollen angelegt, was den Spaßfaktor des Prologs erhöht.
Le Turc généreux (Der großmütige Türke) ... Leichte Parallelen bzw. Antiparallelen zur Entführung aus dem Serail: Die junge Emilie (Sopran) wurde von Piraten entführt und soll einen Pascha namens Osman (Bass) beglücken, worauf sie logischerweise wenig scharf ist. Verständlich, denn ihr Liebster ist Valère (Tenor), der, so ein Glück, nach einem Schiffbruch gerade am nahen Strand angespült wird, samt diverser Kollegen. Die See ist stürmisch und Rameau setzt, bekanntermaßen nicht nur an dieser Stelle, die Naturgewalt eindrucksvoll in Töne. Das Liebespaar ist vereint, allerdings stellt sich heraus, dass Valère inzwischen auch von Osman (der zu allem Überfluss auch noch das Liebesgesäusel der beiden jungen Leute mithört) versklavt wurde. Osman gerät in Wut, bemerkt aber, dass er Valère irgendwoher kennt: früher war nämlicher sein Herr und schenkte ihm schließlich die Freiheit. Als nachträgliches Dankeschön verzichtet Osmin Emilie und beweist damit, um auf den Titel zurückzukommen, seinen Großmut.
Les Incas du Pérou (Die Inkas von Peru) ... Wieder eine Sopran-Tenor-Bass-Dreiecksgeschichte, die, als einzige der vier Geschichten, kein uneingeschränktes Happy End hat: Wir begegnen dem Spanier Don Carlos (nein, hier sind absolut keine Assoziationen zu einer bekannteren Oper angezeigt), der die Inkaprinzessin Phani liebt und heiraten will, was auf Gegenseitigkeit beruht. Phani ist der culture clash, den so eine Sache mit sich zieht, bewusst und sie ist demzufolge ängstlich. Dafür gibt es auch einen weiteren Grund, denn der einheimische Inka Huascar hat ein Auge auf Phani geworfen und findet, dass er wesentlich besser zu der jungen Frau passt als ein Europäer, spürt aber auch, dass Phani wohl tatsächlich Don Carlos liebt. Im Übrigen ist Huascar Sonnenpriester und zufällig wird auch gleich das Sonnenfest begangen, während dessen es zu einem Erdbeben kommt und der nahe gelegene Vulkan auszubrechen droht (die nächste Naturgewalt, die Rameau in erschütternde Töne setzten konnte...). Huascar glaubt, dass er die Lage im Griff hat und fordert Phani auf, seine Frau zu werden, sonst werde sie Opfer der Naturkatastrophe. Aber vergebens, Don Carlos entreißt dem verdatterten Huascar Phani und entkommt mit ihr, während der Sonnenpriester Opfer des Vulkanausbruches wird. Seinen letzten Worten kann entnommen werden, dass ihm das sogar recht ist ...
Les Fleurs - Fête persane (Die Blumen - Ein persisches Fest) ... Zur Abwechslung eine Vierecksgeschichte, am besten man zeichnet sich das auf einem Stück Papier auf: Zwei verkumpelte persische Haremsbesitzer (Tacmas, Ali -- Tenor, Bariton), von denen jeder auf eine Schöne (Zaire, Fatime -- jeweils Sopran) aus dem Harem des jeweils anderen scharf ist. Die beiden angebeteten Untergebenen erwidern diese Zuneigung sogar prinzipiell. Daraus ließe sich nun noch keine Oper, auch kein Akt machen, daher verkleiden sich einer der Herren (als Haremshändlerin!! -- wieder eine Travestie und was für eine ...) und eine der Damen, um einen kleinen Test (Assoziationen zu Cosi fan tutte sind nicht von der Hand zu weisen ...) auf Treue und Wahrhaftigkeit vorzunehmen, was zwischendurch in eine Fast-Messerstecherei mündet und sich nach Enttarnung der Verkleideten doch in Wohlgefallen bzw. in einem "Blumenfest", im Zuge dessen natürlich ausgiebig getanzt wird, auflöst. Was soll man, mehr noch frau, dazu sagen? -- Ein Riesenklamauk, der lieber nicht aus feministischer Sicht durchleuchtet werden sollte, oder doch?
Les Sauvages (Die Wilden) ... Das Entrée mit der vermutlich bekanntesten Musik! Wir sind bei den Eingeborenen Nordamerikas, repräsentiert durch Adario (Anführer der Stammeskrieger, Bariton) und Zima (Tochter des Häuptlings, Sopran) und den Chor. Die Europäer sind leider auch schon da, vertreten durch Don Alvar und Damon (Anführer spanischer und französischer Truppen resp. - Bariton, Tenor), die, wie könnte es anders sein, beide ein Auge auf Zima geworfen haben. Jegliche militärische Aktionen sind zum Glück schon beigelegt, nur Zima muss sich noch gegen die Avancen der beiden Europäer wehren, ihr wahrer Liebling Adario kommt ihr dabei erfolgreich zur Hilfe. Alles löst sich in Wohlgefallen und einem Friedensfest mit viel Tanz zu unwiderstehlich energiegeladener Musik auf.
Wie bringt man das Werk im 21. Jh. auf die Bühne? Als barockes Spektakel und Fest für Auge und Ohr, opulent bebildert? Oder baut man die sich geradezu schreiend aufdrängenden aktuellen Bezüge (Rechte von Frauen, Zerstörung der Natur, ...) ein? Es gibt aktuell zwei Inszenierungen dieser Oper, die auf DVD verewigt wurden, in denen jeweils eines der genannten Konzepte verfolgt wird. Alles in allem finde ich beide Arbeiten schlüssig und empfehlenswert:
Emilie ... Anna Maria Panzarella Valère ... Paul Agnew Osman ... Nicolas Cavallier
Phani ... Jaël Azzaretti Don Carlos ... François Piolino Huascar ... Nathan Berg
Zaïre ... Gaële Le Roi Fatime ... Malin Hartelius Tacmas ... Richard Croft Ali ... Nathan Berg
Zima ... Patricia Petibon Adario ... Nicolas Rivenq Damon ... Christoph Strehl Don Alvaro ... Christophe Fel
Bühne und Kostüme sind farbstark, phantasievoll, teils stilisiert, teils an das jeweilige exotische Land angepasst. Die Balletteinlagen (Choreografie: Laura Scozzi) langweilen keine Sekunde, sind mal abstrakt, illustrieren dann wieder die Beziehungen zwischen den Geschlechtern... Sängerisch (und meist auch typenmäßig) sind die Rollen durchweg passend besetzt und der Clou kommt ganz am Ende: "Forêts paisibles" wird wiederholt, dazu tanzt die gesamte zum Schlussapplaus versammelte Mannschaft – ich beneide aufrichtig alle Zuschauer, die bei diesem "Event" dabei waren.
Barockoper mit aktuellen Bezügen: Bordeaux 2014, Regie -- Laura Scozzi; Les Talens Lyriques / Christophe Rousset
In dieser Produktion wurde mit weniger Solisten gearbeitet, die entsprechend in bis zu vier Rollen auftraten:
Hébé, Fatime, Phani ... Amel Brahim-Djelloul Bellone, Don Alvar ... Benoît Arnould Roxane ... Eugénie Warnier Amour, Zima ... Olivera Topalovic Emilie, Atalide ... Judith van Wanroij Osman ... Vittorio Prato Valère, Tacmas, Carlos, Damon ... Anders Dahlin Huascar ... Nathan Berg Adario ... Thomas Dolié
Dass die Figuren z.T. andere Namen haben, hängt damit zusammen, dass hier mit einer späteren Version (sog. "1750 Toulouse Version") gearbeitet wurde. Hätte diese Aufnahme meine Erstbegegnung mit der Oper dargestellt, wäre ich wahrscheinlich sehr zufrieden gewesen. Da ich nun aber die o.g. opulente Barockspektakelversion vorher kannte, bleibt es beim ehrenwerten zweiten Platz. Ein dreisprachiges Booklet zu dieser Produktion, in dem Christophe Rousset und Laura Scozzi zu Wort kommen, ist übrigens im Netz zu finden , ebenso ein DVD-Teaser hier: https://www.youtube.com/watch?v=FUbmBBjZu04 .
Quellen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Les_Indes_galantes http://www.opera-guide.ch/opera.php?id=302&uilang=de "RAMEAU, Jean-Philippe: LES INDES GALANTES" ... Thread im Tamino-Klassikforum (nicht verlinkbar) http://www.eroica-klassikforum.de/index.php?page=Thread&threadID=169 http://www.outhere-music.com/de/albums/les-indes-galantes-dvd-alpha-710/booklet
Rotkäppchen (09.10.2015, 22:04): In der Saison 2015/16 gibt es – das ist schon fast sensationell – im deutschsprachigen Raum gleich an zwei Häusern die Gelegenheit, Les Indes Galantes live zu erleben:
Staatstheater Nürnberg, Premiere 03.04.2016
Musikalische Leitung: Paul Agnew Inszenierung und Choreographie: Laura Scozzi
Tatsächlich handelt es sich hier um genau die bereits auf DVD erschienene Inszenierung aus Bordeaux (die vorher, 2012, bereits in Toulouse zu sehen war)!
Rotkäppchen (09.10.2015, 22:25): Obgleich gerade bei einer Ballettoper die visuelle Komponente wichtig ist, seien an dieser Stelle auch die "nur" auf LP bzw. CD erschienenen Gesamtaufnahmen erwähnt. Nach meinen Recherchen sind es vier Stück:
1973 Jean-Claude Malgoire & La Grande Ecurie et la Chambre du Roy / Anne-Marie Rodde / Rachel Yakar / Bruce Brewer / Christian Treguier et al. (nur auf LP!)
1974 Jean-François Paillard & Orchestre Jean-François Paillard / Gerda Hartman, Philippe Huttenlocher, Jennifer Smith, Louis Devos, John Elwes et al. (Label: Erato)
1991 William Christie & Les Arts Floressants / Claron McFadden, Sandrine Piau, Isabelle Poulenard, Nicolas Rivenq, Jean-Paul Fouchécourt, et al. (Harmonia Mundi 901367)
Diese jüngste Aufnahme erfolgte parallel zu konzertanten Aufführungen in Wien (Januar 2013), zu denen sich einige sehr positive Berichte im www finden, z.B.:
... die Aufnahme steht ziemlich weit oben auf meiner Wunschliste :wink.
satie (09.10.2015, 22:36): Liebes Rotkäppchen, vielen Dank für diesen tollen Eröffnungsbeitrag! Ich mag die Indes Galantes sehr gerne, überhaupt ist Rameau eine Klasse für sich. Vor nicht all zu langer Zeit gab es eine Inszenierung auf arte zu sehen. Dort habe ich per Zufall genau in die Rondes des Sauvages hineingeschaltet und war überrascht, das Stück im swingenden Rhythmus zu hören, vermutlich ein für das Orchester angepasstes jeu inegal. Ich kenne nicht viele Aufnahmen, deshalb würde mich interessieren, ob das historisch "korrekt" ist, denn ich kenne das in so extremer Form nicht. Gibt es viele solche Interpretationen?
Herzliche Grüße Satie
Rotkäppchen (09.10.2015, 22:53): Original von Satie Vor nicht all zu langer Zeit gab es eine Inszenierung auf arte zu sehen. Dort habe ich per Zufall genau in die Rondes des Sauvages hineingeschaltet und war überrascht, das Stück im swingenden Rhythmus zu hören, vermutlich ein für das Orchester angepasstes jeu inegal. Ich kenne nicht viele Aufnahmen, deshalb würde mich interessieren, ob das historisch "korrekt" ist, denn ich kenne das in so extremer Form nicht. Gibt es viele solche Interpretationen?
Lieber Satie,
war das vielleicht diese Inszenierung:
https://www.youtube.com/watch?v=3zegtH-acXE
??
Die war jedenfalls lange on demand auf arte.concert und kam daher wohl auch vorher auf arte ... und entspricht der Serban-Inszenierung unter William Christie aus 2003. Die entsprechende DVD enthält einen Bonusfilm mit dem verräterischen Titel "Swinging Rameau"...
Auf youtube finden sich auch schnellere Varianten des Rondeau des Sauvages:
... aber "swinging" ist's eigentlich immer einigermaßen, oder (bin bzgl. Rhythmus leider ein Volltrottel :D)?
Ach ja, und hier noch die aktuelle Lesart von William Christie (2015):
https://youtu.be/e2WPa-l-PmI?t=20m23s
LG, Rotkäppchen
Rotkäppchen (09.10.2015, 23:14): Original von Rotkäppchen
Barockes Spektakel: Paris 2003, Regie -- Andrei Serban; Les Arts Florissants / William Christie und der Clou kommt ganz am Ende: "Forêts paisibles" wird wiederholt, dazu tanzt die gesamte zum Schlussapplaus versammelte Mannschaft – ich beneide aufrichtig alle Zuschauer, die bei diesem "Event" dabei waren.
Sehe gerade, diese so spezielle "Encore" findet sich hier:
https://youtu.be/EQpalSSF4OA?t=58s
... die wollte ich Euch nicht vorenthalten. Klar, alles einstudiert, und trotzdem, einfach zum Heulen schön :down :down :down.