Billy Budd (22.08.2013, 22:57):
DATEN:
Musik: Richard Strauss (1864-1949)
Libretto: Hugo von Hofmannsthal (1874-1929)
Uraufführung: 25. Jänner 1909 in Dresden
Spieldauer:100-105 Minuten (keine Pause)
Ort und Zeit: Mykene, mehrere Jahre nach Ende des Trojanischen Krieges
Literaturvorlage: Elektra von Sophokles.
DRAMATIS PERSONAE (steht wirklich so im Reclam-Heft):
Klytämnestra, Herrscherin Mykenes - Mezzosopran
Elektra (Laodike), ihre ältere Tochter - Sopran
Chrysothemis, Klytämnestras jüngere Tochter - Sopran
Aegisth, Klytämnestras zweiter Gemahl - Tenor
Orest, Klytämnestras Sohn - Bariton
Der Pfleger des Orest - Bass
Die Vertraute - Sopran
Die Schleppträgerin - Sopran
Ein junger Diener - Tenor
Ein alter Diener - Bass
Die Aufseherin - Sopran
Erste Magd - Alt
Zweite Magd - Mezzosopran
Dritte Magd - Mezzosopran
Vierte Magd - Sopran
Fünfte Magd - Sopran
6 Dienerinnen - Chorsänger.
INHALTSANGABE:
Vorgeschichte:
Als Agamemnon in den Trojanischen Krieg zog, opferte er Iphigenie, eine seiner Töchter, um von Artemis günstigen Wind zu erbitten (dies wird in der Oper nicht – wohl aber im Sophokles-Drama – erwähnt!), was ihm seine Frau Klytämnestra nie verziehen hat. Kurz nach seiner Heimkehr erschlug sie ihn mit Aegisth – Agamemnons Cousin! – im Bad. Nun herrscht das Mörderpaar in Mykene und behandelt Agamemnons Töchter Elektra und Chrysothemis wie Gefangene; Agamemnons Sohn Orest wurde von Elektra rechtzeitig in Sicherheit gebracht.
Einziger Akt:
Gleich die ersten drei Akkorde (mit dem Agamemnon-Motiv) stürzen die Zuhörer in die Handlung: Einige Mägde verspotten Elektra („Dass die Königin solch einen Dämon frei in Haus und Hof sein Wesen treiben lässt.“, „Setzt man ihr nicht den Napf mit Essen zu den Hunden? Hast Du den Herrn nie sie schlagen sehn?“). Eine („ganz jung“) ergreift für sie („mit zitternder erregter Stimme“) Partei („Ich will vor ihr mich niederwerfen und die Füße ihr küssen.“, „Es gibt nichts auf der Welt, das königlicher ist als sie.“), weswegen sie von den anderen geschlagen wird.
Elektra tritt auf und klagt erst um ihren toten Vater, dessen Rächung mittlerweile ihr einziger Lebenszweck ist („Wo bist Du, Vater? Hast Du nicht die Kraft, Dein Angesicht herauf zu mir zu schleppen?“, „Ich will Dich sehn, lass mich heute nicht allein! Nur so wie gestern, wie ein Schatten, dort im Mauerwinkel, zeig Dich Deinem Kind!“) und prophezeit anschließend die Vision der Rache, die sich am Ende der Oper in furchtbarer Weise erfüllen wird („Von den Sternen stürzt alle Zeit herab, so wird das Blut aus hundert Kehlen stürzen auf Dein Grab.“, „Wir schlachten Dir die Rosse, die im Hause sind, wir treiben sie vor dem Grab zusammen, und sie ahnen den Tod und wiehern in die Todesluft und sterben.“, „Dein Sohn Orest und Diene Töchter, wir drei, wenn alles dies vollbracht und Purpurgezelte aufgerichtet sind, vom Dunst des Blutes, den die Sonne nach sich zieht, dann tanzen wir.“, „Über Leichen hin werd ich das Knie hochheben Schritt für Schritt.“).
Nach diesem ungeheuerlichen Gesang, der bei den Zuhörern in der Regel einen Puls nahe 200 verursacht, tritt Chrysothemis auf, die zwar wie Elektra unter der derzeitigen Situation leidet, aber für ihre ältere Schwester kein Verständnis aufbringen kann. Nach einer Warnung („Sie werfen Dich in einen Turm, wo Du von Sonn und Mond das Licht nicht sehen wirst.“) fleht sie Elektra an, sich endlich mit den Mördern auszusöhnen und klagt schließlich ihr Leid („Ich habe solche Angst, mir zittern die Knie bei Tag und Nacht, mir ist die Kehle wie zugeschnürt, ich kann nicht einmal weinen, wie Stein ist alles.“, „Eh ich sterbe, will ich auch leben! Kinder will ich haben, bevor mein Leib verwelkt, und wärs ein Bauer, dem sie mich geben; Kinder will ich ihm gebären und mit meinem Leib sie wärmen in kalten Nächten, wenn der Sturm die Hütte zusammenschüttelt!“, „Frauen, die ich schlank gekannt hab, sind schwer von Segen, mühn sich zum Brunnen, heben kaum die Eimer, und auf einmal sind sie entbunden ihrer Last, kommen zum Brunnen wieder und aus ihnen selber quillt süßer Trank und säugend hängt ein Leben an ihnen, und die Kinder werden groß.“, „Ich bin ein Weib und will ein Weiberschicksal!“ – Dieser sehr hoch gelegene und stets gegen das volle Orchester ankämpfende Gesang ist eine echte Herausforderung für jede Sängerin und zerreißt den Zuhörern regelmäßig das Herz.).
Plötzlich sind aus dem Palast laute Geräusche zu vernehmen, die sich als der Opferzug Klytämnestras herausstellen. Chrysothemis fleht Elektra an: „Stell Dich ihr heut nicht in den Weg: Sie schickt Tod aus jedem Blick. Sie hat geträumt.“, „Ich hab es von den Mägden gehört, sie sagen, dass sie von Orest, von Orest geträumt hat, dass sie geschrien hat aus ihrem Schlaf, wie einer schreit, den man erwürgt.“. Die Angesprochene aber entgegnet: „Ich habe eine Lust, mit meiner Mutter zu reden wie noch nie!“. Chrysothemis läuft verzweifelt davon („Ich wills nicht hören.“).
Die folgende Szene – eine der packendsten der gesamten Opernliteratur – schildert in unheimlicher Weise die Seelenabgründe von Mutter und Tochter: Die von Alpträumen geplagte Klytämnestra verkündet: „O Götter, warum liegt ihr so auf mir? Warum verwüstet ihr mich so? Warum muss meine Kraft in mir gelähmt sein? Warum bin ich lebendigen Leibes wie ein wüstes Gefild und diese Nessel wächst aus mir heraus, und ich hab nicht die Kraft zu jäten!“. Klytämnestra verlangt, ihre Diener mögen sie alleine lassen und beinahe kommt es zu einer Annäherung mit ihrer Tochter. Auf die Offenbarung „Ich habe keine guten Nächte. Weißt Du kein Mittel gegen Träume?“, „Es ist so fürchterlich, dass meine Seele sich wünscht, erhängt zu sein.“, entgegnet Elektra geheimnisvoll, nur das „rechte Blutopfer“ sei vonnöten. Klytämnestra versteht die Antwort nicht richtig zu deuten, sodass Elektra, die zuerst mit der Königin Katz und Maus spielt („Lässt Du den Bruder nicht nach Hause, Mutter?“ – „Von ihm zu reden, hab ich Dir verboten.“ – „So hast Du Furcht vor ihm?“ – „Wie?“ – „Es heißt, er stammelt, liegt im Hofe bei den Hunden und weiß nicht Mensch und Tier zu unterscheiden.“ – „Das Kind war ganz gesund.“ – „Ich schickte viel Gold und wieder Gold, sie sollten ihn gut halten als ein Königskind.“ – „Du lügst! Du schicktest Gold, damit sie ihn erwürgen!“ – „Wer sagt Dir das?“ – „Ich sehs an Deinen Augen. Allein an Deinem Zittern seh ich auch, dass er noch lebt. Dass Du bei Tag und Nacht an nichts denkst als an ihn. Dass Dir das Herz verdorrt vor Grauen, weil Du weißt: Er kommt.“), deutlich werden muss: „Was bluten muss? Dein eigenes Genick, wenn Dich der Jäger abgefangen hat!“, „Und ich steh da und seh Dich endlich sterben! Dann träumst Du nicht mehr, dann brauche ich nicht mehr zu träumen, und wer dann noch lebt, der jauchzt und kann sich seines Lebens freun!“.
Nachdem die Königin durch die detaillierte Schilderung ihrer Ermordung wehrlos erstarrt ist, flüstert ihr eine Dienerin etwas ins Ohr, wodurch sie in grässliches Gelächter ausbricht. Elektra kennt sich nicht aus („Worüber freut sich das Weib?“), bis ihr ihre Schwester heulend zuruft: „Orest ist tot!“, „Die Fremden standen an der Wand, die Fremden, die hergeschickt sind, es zu melden: zwei, ein Alter und ein Junger.“, „Gestorben dort in fremdem Land. Von seinen Pferden erschlagen und geschleift.“. Elektra will das nicht glauben: „Es ist nicht wahr!“.
Hier kommt ein genialer dramaturgischer Kunstgriff zum Einsatz, der das literarische Genie Hofmannsthals unter Beweis stellt: Ein Diener eilt herbei und ruft einem anderen zu: „Gesattelt soll werden, und so rasch als möglich, hörst Du! Ein Gaul, ein Maultier, oder meinetwegen auch eine Kuh, nur rasch!“, „Weil ich hinaus muss aufs Feld, den Herren holen, weil ich ihm Botschaft zu bringen habe, große Botschaft, wichtig genug, um eine Eurer Mähren zu Tod zu reiten.“. Nach dieser kurzen Szene, die auch das Verhältnis zwischen junger, Aegisth-treuer und alter, Agamemnon-treuer Dienerschaft illustriert, ist Elektra vom Tode des Bruders überzeugt. Sie beschwört ihre Schwester: „Nun müssen Du und ich hingehn und das Weib und ihren Mann erschlagen.“, die sich aber nicht überreden lässt, weg läuft und deswegen von Elektra verflucht wird.
Nun macht sich Elektra selbst daran, das Beil, mit dem ihr Vater erschlagen wurde, auszugraben. Derweilen tritt ein Fremder hinzu, der sich später als Orest entpuppen wird, der selbst die Nachricht von seinem Ableben ausstreuen ließ, um das Mörderpaar in Sicherheit zu wiegen. Noch gibt er sich als Bote aus und es entspinnt sich ein Dialog: „Ich und noch einer, der mit mir ist, wir haben einen Auftrag an die Frau. Wir sind an sie geschickt, weil wir bezeugen können, dass ihr Sohn Orest gestorben ist vor unsern Augen, denn ihn erschlugen seine eignen Pferde. Ich war so alt wie er und sein Gefährte bei Tag und Nacht.“. An den Klagen Elektras („Kannst Du nicht die Botschaft austrompeten dort, wo sie sich freun!“, „Du lebst, und er, der besser war als Du und edler tausendmal, und tausendmal so wichtig, dass er lebte, er ist hin!“) stellt er fest: „Du musst verwandtes Blut zu denen sein, die starben: Agamemnon und Orest!“ und erfährt sogleich die Identität seines Gegenübers. Er ist entsetzt, seine Schwester so verwahrlost zu sehen („So haben sie Dich darben lassen oder – sie haben Dich geschlagen?“, „Was haben sie gemacht mit deinen Nächten! Furchtbar sind Deine Augen!“, „Hohl sind Deine Wangen!“) und gibt sich ihr zu erkennen („Der alte, finstre Diener stürzt, gefolgt von drei andern Dienern, aus dem Hof lautlos herein, wirft sich vor Orest nieder, küsst seine Füße, die andern Orests Hände und den Saum seines Gewandes.“): „Die Hunde auf dem Hof erkennen mich, und meine Schwester nicht?“.
Nach Elektras Schrei: „Orest!“ erklingt ein enorm ausdrucksstarkes Orchesterzwischenspiel, das die Gefühle der Geschwister treffend widerspiegelt und ungeachtet seiner Kürze (knapp über einer Minute) meine absolute Lieblingsstelle dieses Musikdramas ist. Darauf folgt ein Monolog, der für jede Sängerin der Elektra eine große Schwierigkeit ist, da nach einer guten Stunde extremsten Singens plötzlich zarter Lyrismus verlangt wird (und deshalb geht er auch in Aufführungen meistens in die Hose): „Oh lass deine Augen mich sehn! Traumbild, mir geschenktes Traumbild, schöner als alle Träume. Hehres, unbegreifliches, erhabenes Gesicht, oh bleib bei mir!“, „Nein, Du sollst mich nicht umarmen! Tritt weg, ich schäme mich vor Dir. Ich weiß nicht, wie Du mich ansiehst. Ich bin nur mehr der Leichnam Deiner Schwester, mein armes Kind. Ich weiß, es schaudert Dich vor mir. Und war doch eines Königs Tochter! Ich glaube, ich war schön: Wenn ich die Lampe ausblies vor meinem Spiegel, fühlt ich es mit keuschem Schauer.“, „Ich habe alles, was ich war, hingeben müssen. Meine Scham hab ich geopfert.“, „Was schaust Du ängstlich um Dich? Sprich zu mir! Sprich doch! Du zitterst ja am ganzen Leib!“. Orest entgegnet: „Lass zittern diesen Leib. Er ahnt, welchen Weg ich ihn führe.“, „Die Götter werden da sein, mir zu helfen.“. Orests Pfleger mahnt zur Eile und betritt mit ihm den Palast. Gleich darauf vernimmt man die grässlichen Todesschreie Klytämnestras.
Die Mägde und Chrysothemis eilen herbei; sie vermuten „Mörder im Haus“, können aber ob der Dunkelheit nichts erkennen. Aber nachdem sie den von ihnen gefürchteten („Wenn er uns findet und wenn im Hause was geschehen ist, lässt er uns töten.“), keppelnden („He! Lichter! Lichter! Ist niemand da, zu leuchten? Rührt sich keiner von allen diesen Schuften? Kann das Volk mir keine Zucht annehmen!“) Aegisth gewahrt haben, nehmen sie Reißaus.
Diesem kommt Elektra, die das einzige Licht hält, nun auffällig devot entgegen und leuchtet ihm mit geheuchelter Freundlichkeit, bis er seinen Mördern in die Hände fällt.
Nach dieser Gewaltorgie erklingen die fesselndsten Momente dieser Oper: Chrysothemis kommt freudestrahlend herausgelaufen und verkündet: „Elektra! Schwester! Komm mit uns! O komm mit uns! Es ist der Bruder drin im Haus! Es ist Orest, der es getan hat! Komm! Er steht im Vorsaal, alle sind um ihn und küssen seine Füße; alle, die Aegisth von Herzen hassten, haben sich geworfen auf die andern, überall in allen Höfen liegen Tote; alle, die leben, sind mit Blut bespritzt und haben selbst Wunden, und doch strahlen alle, alle umarmen sich und jauchzen, tausend Fackeln sind angezündet. Hörst Du nicht, so hörst Du denn nicht?“.
Elektras Lebenszweck ist erfüllt. Sie entgegnet: „Ob ich nicht höre? Ob ich die Musik nicht höre? Sie kommt doch aus mir.“, „Ich kann nicht, der Ozean, der ungeheure, der zwanzigfache Ozean begräbt mir jedes Glied mit seiner Wucht, ich kann mich nicht heben!“.
Derzeit befindet sich Chrysothemis noch im Glück mit ihren beiden Geschwistern: „Es fängt ein Leben für Dich und mich und alle Menschen an.“, „Liebe fließt über uns wie Öl und Myrrhen. Liebe ist alles! Wer kann leben ohne Liebe?“.
Elektra beginnt zu tanzen und steigert sich in höchste Ekstase („Schweig und tanze! Alle müssen herbei! Hier schließt Euch an! Ich trage die Last des Glückes und ich tanze vor Euch her. Wer glücklich ist wie wir, dem ziemt nur eins: schweigen und tanzen!“ – Hier reiht das Orchester alle leitmotivischen Tanzmotive der Oper in enormer Steigerung zu einem wahnsinnigen, gewaltigen Walzer aneinander.). Am Punkt der extremsten Spannung zerschmettert das markant emporstrebende Todesmotiv Elektra und die Zuhörer.
Die letzten Worte gehören allerdings Chrysothemis: Durch ihre „Orest!“-Rufe, die in Dur gesetzt sind, wird angedeutet, dass das Leben dennoch weitergehen wird. Das rasche Fallen des Vorhangs lässt die Zuhörer mit dem schaurig-eisigen Gefühl enormer ungelöster Spannung zurück.
Wie in Salome, so ist auch in Elektra die Detailfülle enorm. Auch hier ist der Zuhörer mit den ersten Anhörungen völlig überfordert. Der Erfolg dieser Oper gründet sich in erster Linie auf die zupackende Dramatik, die man sofort – auch als unerfahrener Opernbesucher – am eigenen Leibe verspürt. Nur wenige wissen jedoch um die herrlichen Melodien in diesem Werk. Da jede dieser „schönen“ Stellen nur einmal gebracht wird, bedarf es nämlich vieler Auführungen und intensiven Textstudiums, um alle Schönheiten des Werkes zu entdecken. Derjenige, der sich nicht abschrecken lässt und die Mühe auf sich nimmt, wird sich dem Banne dieser Oper ein Leben lang nicht mehr entziehen können.
DER „ELEKTRA-KOMPLEX“ IN DER PSYCHOLOGIE:
Carl Gustav Jung (1875-1961): Enorm starke Bindung einer Frau an ihren Vater, gleichzeitig Feindseligkeit gegenüber ihrer Mutter; Gegenstück zum Ödipus-Komplex (bekanntlich tötete Ödipus unwissentlich seinen Vater und nahm seine Mutter zur Frau, mit der er Inzest betrieb).
LITERATUR:
Primärliteratur:
Hofmannsthal, Hugo von: Elektra (Reclam 2007; ISBN 3-15-018113-3)
Sekundärliteratur:
Sophokles: Elektra (Griechisch/Deutsch), übersetzt von Kurt Steinmann, mit einem Nachwort von Markus Janka (Reclam 2013; ISBN 3-15-019022-7).
Billy :hello