dieser Thread soll einem der wichtigsten und bekanntesten Klavierwerke des 20.Jahrhunderts gewidmet sein. 1908 komponierte Maurice Ravel (1875-1937) einen dreiteiligen Klavierzyklus, „Gaspard de la nuit“ (Wächter der Nacht) – ein Spitzname für den Teufel.
Die Anregung dazu erfuhr er durch Ricardo Viñes, einem spanischen Pianisten und engen Freund Ravels, der auch am 9.Januar 1909 das Werk in der Société nationale concert zu Paris uraufführte (er brachte übrigens u.a. 1904 auch die Estampes von Debussy zur Uraufführung). Dieser machte Ravel mit den Gedichten Aloysius Bertrands bekannt, einem Prosadichter, der sich mit seiner Faszination für das Übernatürliche in die Tradition von E.T.A. Hofmann und Edgar Allen Poe stellte (beide Dichter spielen in Ravels kompositorischen Werk ebenfalls eine wichtige Rolle) und dessen Texte unter den Symbolisten sehr beliebt waren (sie waren z.B. die entscheidende Anregung für die Poesie Charles Baudelaires). Drei Gedichte nahm sich Ravel zur Vorlage für seine Komposition, nicht als ein Bild zur musikalischen Umsetzung, sondern als Inspiration für seine „transzendentale Virtuosität“, wie er später das Werk charakterisierte.
Ondine ''Listen! Listen! It is I, it is Ondine brushing with these drops of water the resonant diamond panes of your window illuminated by the dull moonbeams; and here in the dress of moire, is the lady of the castle on her balcony gazing at the beautiful starry night and the beautiful slumbering lake. Each wave is a water sprite swimming in the current, Each current is a path winding toward my palace, And my palace is of fluid construction, at the bottom of the lake, Within the triangle formed by fire, earth, and air. ? Listen! Listen! My father is beating the croaking water with a branch of green alder, And my sisters are caressing the cool islands of grasses, water lilies and gladioli with their arms of foam, Or are laughing at the tottering, bearded willow that is angling.'' After murmuring her song, she besought me to accept her ring on my finger, to be the husband of an Undine, and to visit her palace with her, to be king of the lakes. And when I replied that I was in love with a mortal woman, she was sulky and vexed; She wept a few tears, burst out laughing, and vanished in showers that formed white trickles down my blue windowpanes.
Das Gedicht, Grundlage des ersten Satzes, behandelt die uralte Geschichte von der Meerjungfrau Undine (lat. Unda - die Welle), uns vor allen Dingen aus Andersens gleichnamigen Gedicht bekannt, die aus dem Wasser auftaucht und versucht, den Dichter mit ihren Sirenengesängen in den Bann zu ziehen, was aber scheitert. Das Wasser wird hier von Ravel noch besser musikalisch dargestellt als in Jeux d’eau (1901). Ravel hat dem Pianisten Harold Bauer den Satz gewidmet, der als einer der ersten Ravels Stücke in seine Recitals aufnahm.
Le Gibet (Der Galgen) Ah! Could what I hear be the cold night wind yelping, or the hanged man uttering a sigh on the gallows fork? Could it be some cricket singing from its hiding place in the moss and sterile ivy with which the forest covers it floor out of pity? Could it be some fly hunting for prey and blowing its horn all around those ears deaf to the fanfare of the dead? Could it be some cockchafer plucking a bloody hair from his bald scalp in its uneven flight? Or could it be some spider embroidering a half-ell of muslin as a tie for that strangled neck? It is the bell ringing by the walls of a city below the horizon, and the carcass of a hanged man reddened by the setting sun.
Der zweite Satz ist Rudolf Ganz gewidmet, der sich wie auch Bauer für Ravels Werk einsetzte. Es wird die makabre Szene eins Gehenkten vor einer mittelalterlichen Stadt beschrieben, dessen Gebeine von der untergehenden Sonne beschienen werden, während aus der Stadt die Schläge der Totenglocke zu ihm hinüberdringen. Um diese monotonen Schläge baut sich der Satz auf, getragen von Akkorden, die uns an Chopins Trauermarsch gedenken lassen.
Scarbo Oh, how often have I heard and seen Scarbo when at midnight the moon shines in the sky like a silver shield on an azure banner seam of golden bees! How often have I heard his laughter booming in the shadow of my alcove, and his nails grating on the silk of my bed curtains! How often have I seen him come down from the ceiling, pirouetted on one foot and roll around the room like the spindle that has fallen from a witch's distaff! Did I at such time think he had vanished? Then the gnome would grow bigger between the moon and me like the bell tower of a Gothic cathedral, a round golden bell shaking on his pointed cap! But soon his body would become blue, diaphanous as the wax of a taper; his face would become pale as the wax of a candle end - and suddenly he would be extinguished.
Den Abschluss findet der Zyklus in einem infernalischen Satz, Scarbo, ein kleiner bösartiger Zwerg, der die friedlich Schlafenden mit Albträumen quält und sie manchmal auch zu Tode erschreckt. Es ist jene Figur, nach der Kinder am Abend ängstlich unter dem Bett Ausschau halten und die dann so schnell wieder verschwindet, dass man meint, es wäre ein Traum gewesen. Ravel hat hier eines der schwierigsten Stücken der Klavierliteratur komponiert, wobei er auch den Ehrgeiz hatte, Balakirevs „Islamey“ im technischen Anspruch noch zu übertreffen. Gewidmet ist der Satz dem Musikkritiker Jean Marnold, der sich schon sehr früh für Ravels Werk einsetzte.
Und nun Bühne frei für persönliche Einschätzungen und Interpretationsempfehlungen!
Mit freundlichem Gruß nubar
Jeremias (07.10.2006, 17:45): Zusammen mit der Toccata aus "Tombeau de Couperin" ebnete mir der Scarbo einst den Weg zu Ravel. Es gibt einige gute Aufnahmen, ganz vorzüglich v.a. Martha Argerich. Mein favorit ist aber klar Ivo Pogorelich. Derart bizarr und auf die Spitze getrieben habe ich den Zyklus kein zweites Mal gehört!
nikolaus (07.10.2006, 23:27): Vielen Dank, nubar, für die beeindruckende Eröffnung dieses threads. Ich habe gleich einen "Gaspard-Abend" gestartet und mich durch alle meine Aufnahmen gehört. Dabei ist mir mal wieder klar geworden, was für eine wundervolle Musik Ravel komponiert hat. Ich besitze folgende Aufnahmen: - Martha Argerich, 1975 - Martha Argerich, 1978 live aus dem Concertgebouw Amsterdam - Friedrich Gulda, 1977/78 - Juan José Chuquisengo, 2001 - Alexandre Tharaud, 2003
Jede dieser Aufnahmen hat für mich irgendetwas besonderes, und mir gefällt jede auf ihre Weise. Müßte ich mich für eine Aufnahme für die "einsame Insel" entscheiden, würde meine Wahl wohl auf Martha Argerichs 75er Einspielung fallen. Für mich spielt sie generell am ausdrucksstärksten und farbigsten von allen. In der live-Aufnahme brennt sie regelrecht und rast dahin, ohne Momente des Innehaltens zu vernachlässigen - ungeheuer beeindruckend. Sie ist mehr als 4min(!) schneller als in der früheren Aufnahme, was allerdings dazu führt, daß manches etwas "verwischt". Daher bevorzuge ich die Studio-Aufnahme von 75; hier spielt sie beherrschter, aber trotzdem voller Glut und Leidenschaft für die Musik. Gulda kommt doch deutlich trockener daher, manchmal "scheppert" es auch ein wenig. Trotzdem hat auch er faszinierende Momente, die mehr im Detail stecken. Chuquisengo ist der verhaltenste von allen. Ich empfinde das als angenehme Introvertiertheit. Er schafft eine fast geheimnisvolle Atmosphäre, was auch gut zum "Übernatürlichen" passt. Tharaud habe ich bei früherem Hören immer für etwas distanziert gehalten, aber heute höre ich ihn anders. Auch er spielt ähnlich farbig wie Martha Argerich. Sein Ton wirkt nur etwas leichter, eleganter, nicht so emotional, aber sehr schön und geschmackvoll.
Leider kenne ich Pogorlichs Interpretation (noch) nicht. Sie würde mich sehr interessieren, daher kommt sie auf meine Wunschliste. Positives habe ich auch von dem jungen Sergio Tiempo gehört, der dem Kreis um Martha Argerich angehört - auch interessant.
Und damit beschliesse ich einen wunderschönen Ravel-Abend, gute Nacht!
Nikolaus.
Ganong (08.10.2006, 18:45): Lieber nubar ,
besten Dank für die exzellente Einführung .
Sans doute : premièrement SAMSON FRANCOIS !
Absolut unerreicht .
Viele Grüsse ,
Frank
Ganong (08.10.2006, 18:49): Lieber Nikolaus ,
was verstehst Du bitte unter "dem kreis um Martha Argerich" ?
Gibt es nur Leute , jünger , weit jünger als sie , die ihr zu Füssen sitzen und liegend und eine Legende gewordene exzellente tastenlöwin , humorvolle Frau bewundern . Oder gibt es tatsächlich bereits eigenständig spielende Könner darunter ? und welche würdest Du empfehlen , die ich ich mir anhören sollte ?
ich dank eDir für Deine Antwort !
Beste grüsse ,
Frank
nubar (08.10.2006, 19:30): Lieber Ganong,
du lieferst mir Vorlage für meine Besprechung folgender drei Aufnahmen, die ich heute hörte:
Alle drei Pianisten haben ihre Vorstellungen von dem Werk und spielen es nicht einfach herunter. Francois hat hier eine wirklich ganz hervorragende Aufnahme fabriziert. Manchmal ist mir sein Anschlag etwas farblos, aber er gestaltet wunderbar und nimmt jede Note ernst, was bei diesem Werk sehr wichtig ist. Le Gibet wird recht zügig gespielt und die Akkorde stehen im Vordergrund, die Totenglocke leuchtet immer mal wieder durch. Dies wäre an sich ein Manko, wenn Francois dafür nicht die Akkorde so schön spielt. So ist auch dieser Satz ein voller Genuß. Bei Scarbo lässt er sich Zeit, was dem Werk sehr gut bekommt. Er kann so viel besser akzentuieren, einzelne Töne behandeln und Spannung aufbauen, alles in allem ein großartiges Porträt des Zwerges. Thibaudet ist von den drei Herren wahrscheinlich der beste Techniker. Dies merkt man vor allem beim Scarbo, den er am schnellsten nimmt, ohne dabei Probleme zu haben. Auch er hat sehr schöne Stellen, aber insgesamt ist mir seine wohlüberlegte Interpretation zu glatt. Dies ist besonders im ersten Satz zu merken, wobei sich Thibaudet von Satz zu Satz kontinuierlich steigert - sein Scarbo ist sehr gut. Tharaud hat die beste Aufnahmetechnik und setzt die meisten dynamischen Akzente. Leider nimmt er nicht jede Note ernst, so sind die ersten Töne seines Scarbo leblos. Zudem gibt es kleine Unregelmäßigkeiten in technischer Hinsicht (verwischte Terzläufe) als auch in der Interpretation (die Bassnoten werden in der Undine ab ca.3:30 unregelmäßig gewichtet, wodurch die Ordnung etwas verloren geht). Das Pedal setzt er manchmal zu lange und ungenau ein, wodurch es noch weiter zu Verwischungen kommt. Daneben gibt es aber auch sehr schöne Stellen, wo plötzlich wieder alles passt. Insgesamt kann man dieser Aufnahme ein sehr hohes Niveau zuschreiben. Letztendlich ist Francois hier eindeutig vorne, gefolgt von Thibaudet und Tharaud.
Grüße, nubar
nikolaus (08.10.2006, 19:40): Lieber Ganong,
zu allererst meine ich mit "Kreis um Martha Argerich" die Künstler, mit denen sie häufig musiziert. Dazu gehören "Weltstars" wie Gidon Kremer, Nelson Freire, Mischa Maisky, andere gestandene Musiker wie Ivry Gitlis, Lilya Zilberstein, die Capucon-Brüder (um nur einige zu nennen), sowie viele andere, die regelmäßig bei ihren Festivals teilnehmen, u.a. auch Dozenten wie Dora Schwarzberg und Karin Merle... Natürlich sind auch viele junge Musiker darunter, denn es ist ja ein erklärtes Ziel von Martha Argerich, Nachwuchkünstler zu fördern. Dazu gehören z.B. Gabriela Montero und eben Sergio Tiempo; beide stehen eigentlich schon auf eigenen Beinen und versuchen, sich auf dem Markt zu behaupten. Bisher hatte ich zweimal die Gelegenheit, diesen "Kreis" in Lugano zu erleben. Ich hatte dabei nicht den Eindruck, daß die Jungen ihr zu Füßen liegen, sondern daß eine sehr freundschaftliche Atmosphäre herrscht. Mit Empfehlungen ist das so eine Sache, nennen möchte ich neben erwähnter Aufnahme von Serio Tiempo (die ich nicht kenne) zwei CDs von Gabriela Montero ("Beyond Bach" mit Improvisationen und ein Solo-Recital mit Werken von u.a. Chopin, Liszt, de Falla, Ginastera, Rachmaninov, Skrjabin) sowie die Reihe "Martha Argerich presents"; alle bei der EMI erschienen. So, jetzt ist die Antwort länger geworden, als ich wollte. Ich bitte um Entschuldigung, daß ich vom eigentlichen Thema "Gaspard" abgewichen bin.
Nikolaus.
nubar (31.10.2006, 22:00): Liebe Forianer,
hier nun folgt mein zweiter Teil der Aufnahmenbesprechung. Wiederum habe ich mir drei Einspielungen vergleichend angehört:
Werner Haas - 1964 Cecile Ousset – 1972 Paul Crossley - 1983
Werner Haas gehört in der Tradition von Walter Gieseking zu den großen deutschen Interpreten französischer Klaviermusik. Sein Zugriff ist äußerst vital und strotzt vor Kraft. Er spielt den Gaspard im Vergleich zu den anderen Pianisten in allen drei Stücken am zügigsten. Seine vorzügliche Technik lässt ihn jede Schwierigkeit ohne Probleme meistern. Die Terzkaskaden in der Ondine rauschen nur so vorbei. Der wunderbare warme und differenzierte Anschlag bringt Farbe in die Stücke. Trotzdem fehlt der Interpretation etwas. Die Schnelligkeit führt zusammen mit einer etwas vernachlässigten Detailarbeit zu einer gewissen Glätte, man wünscht sich, der Pianist würde die Musik einmal zum Atmen kommen lassen. Der Scarbo wirkt in seiner fulminanten Art eher wie ein infernalischer Dämon denn als ein kleiner, bösartiger Kobold. Insgesamt also eine sehr gute Einspielung, wobei man sich einen etwas sensibleren und differenzierten Ansatz gewünscht hätte. Die Aufnahme kommt aus dem frühen Stereo-Zeitalter, was man ihr auch anhört, das Klavier könnte präsenter zu hören sein.
Wie soll man nun die Aufnahme Cecile Oussets charakterisieren? Um es kurz zu sagen: Großartig! Fangen wir bei der Aufnahmetechnik an. Eine sehr gute analoge Stereoaufnahme, die durch ein sehr plastisch und direkt aufgenommenen Flügel (man höre nur die Bässe) glänzt. Dazu gesellt sich eine vorzügliche Ravel-Interpretin. Hohe Anschlagskultur und hervorragende Technick verbinden sich mit einer Interpretation, die sowohl durch Überblick als auch Detailschärfe besticht. Ondine strömt in allen Farben, Le Gibet glänzt durch wunderbare Akkorde und zum Abschluss ein wilder, furioser und diabolischer Kobold. Das ganze Werk ist von einer unheimlichen Intensität gepackt. Für mich auffallend war der hervorragende Abschluss des Scarbo.
Paul Crossley dagegen hat merklich Probleme mit der Technik. Deswegen gerät seine Aufnahme auch mit Abstand am langsamsten. Trotzdem gibt es auch schöne Stellen, besonders in den ersten beiden Stücken. Man merkt, wie sich der Pianist um eine gute Interpretation müht. Im Scarbo dagegen fallen die technischen Mängel dann doch zu sehr auf, es wirkt durch das fehlende Tempo langatmig.
Insgesamt empfehle ich nun besonders zwei Aufnahmen: Francois und Ousset. Natürlich werden sich noch ein, zwei Aufnahmen dazugesellen. Man darf also gespannt sein.
Grüße, nubar
Ganong (01.11.2006, 17:02): Liebe Forianer ,
der "Schlusskauftip" , der Samson Francois enthält , bedarf einer Ergänzung :
In einem Booklet von Bryce Morrison ( 2000 ) schreibt dieser , dass in k e i n e r Aufnahme durch Samson Francois das eingefangen werden konnte , was von ihm im Konzert zu hören war , was die Zuhörer erreicht hat .
Darin dürfte der grösste Teil dessen liegen , warum dieser Ausnahmepianist mit seinem oft aus dem Moment heraus geborenen Spiel , das in sich gewachsen und vollendet wurde an Klangvielfaölt, Notentextfreheit leider so falsch oder gar nicht verstanden worden ist .
Sein Spitzname "Scarbo" kommt nicht von ungefähr .
Frank
Rachmaninov (14.01.2007, 13:47): Gerade hört eich die Aufnahme von I. Pogorelich und vor jedem Satz habe ich mir die Ausführungen in der Einleitung nochmals durchgelesen.
Sicherlich kann ich hier nicht wirklich viel zu einem Interpretationsvergleich beitragen, den dazu höre ich das Werk viel zu selten.
http://www.jpc.de/image/cover/front/0/6270036.jpg
Die Aufnahme Pogorelichs hat mir jedenfalls sehr gefallen und ich finde der Charakter des Werkes wird von ihm gut dargestellt.
nikolaus (15.01.2007, 19:59): Diesen thread hatte ich ganz vergessen. Ich habe inzwischen ja auch die von mir erwähnte Aufnahme mit Sergio Tiempo. Auch sehr gut, fast schon etwas exzentrisch, geht mehr in Richtung Pogorelich!
Nikolaus.
satie (15.01.2007, 20:19): Unbedingt empfehlen würde ich hier die Aufnahme mit Walter Gieseking. Leider weiss ich nicht, aus welchem Jahr jene stammt, die ich habe. Mit dabei sind einige Preludes von Debussy, die ich ebenfalls sehr empfehlen kann.
S A T I E
ab (15.01.2007, 23:31): Ich habe: Gieseking (EMI) Gulda (Great Piansits of the Century) Arrau (Aura) W. Haas (Philips) Ousset (BerlinClassics) El Bacha (Forlane)
Am liebsten höre ich El Bacha; das programm aber umgesetzt höre ich bei Gieseking und Arrau.
nikolaus (15.01.2007, 23:34): Original von ab Ich habe: Gieseking (EMI) Gulda (Great Piansits of the Century) Arrau (Aura) W. Haas (Philips) Ousset (BerlinClassics) El Bacha (Forlane)
Am liebsten höre ich El Bacha; das programm aber umgesetzt höre ich bei Gieseking und Arrau.
Meinst du damit, daß dir El Bachas Spiel am besten gefällt, auch wenn er es "unorthodoxer" interpretiert, während die anderen aber werkgetreuer sind?
Nikolaus.
ab (16.01.2007, 09:20): Original von nikolaus
Meinst du damit, daß dir El Bachas Spiel am besten gefällt, auch wenn er es "unorthodoxer" interpretiert, während die anderen aber werkgetreuer sind?
Nikolaus.
anders: Bei den meisten Interpretationen kann ich das Programm nicht ausmachen. El Bacha spielt also nicht "unorthodoxer" als das Gros. Ich mag halt seinen natürlichen, dahingleitenden Fluss und seine Durchsichtigkeit besonders.
nikolaus (19.08.2007, 22:50): Ich habe gestern eine Aufnahme des Gaspard de la Nuit im Radio gehört, ohne zu wissen, wer spielt.
Die Aufnahme hat mir nicht gefallen: ich fand sie zu "nüchtern", mir fehlte das "geheimnisvoll-magische", einige Akzente und Tempi störten den für mich wichtigen rauschhaften Fluss.
Die Auflösung: es war Tzimon Barto. Daher bestätigt sich mein erster Probehör-Eindruck vor ein paar Monaten, und ich bin entschieden, mir diese Aufnahme nicht zuzulegen.
Gruß, Nikolaus.
(By the way: diese Art, "blind" zu hören, finde ich überaus spannend und oft im Ergebnis sehr überraschend.)
Rachmaninov (20.08.2007, 12:47): Original von nikolaus mir fehlte das "geheimnisvoll-magische"
@Nikolaus,
vor einigen Tagen hörte ich nochmals Gaspar de la niut mit Pogorelich! Bei ihm findest Du was Du suchst. Wahrlich eine ganz große Einspielung....
ab (23.08.2007, 01:30): Original von Rachmaninov Original von nikolaus mir fehlte das "geheimnisvoll-magische"
@Nikolaus,
vor einigen Tagen hörte ich nochmals Gaspar de la niut mit Pogorelich! Bei ihm findest Du was Du suchst. Wahrlich eine ganz große Einspielung....
Was für ein Zufall! Gerade gestern hörte ich ihn des Nachts damit im Radio. Die Artikulation fand ich (erneut) so klar, dass mir schon wieder irgendwie ein Zusammenklang, aus dem Atmosphäre entsteht, fehlt.
Das schmälert natürlich nicht die Güte dieser Einspielung - dafür aber auch nicht mein Portmonait :D
Cosima (23.08.2007, 17:54): Von diesen Aufnahmen, die ich besitze…
Casadesus, Robert (Sony) François, Samson (DG)
El Bacha, Abdel Rahman (Forlane) Gieseking, Walter (EMI) Zacharias, Christian (EMI)
Pogorelich, Ivo (DG)
… gefallen mir die ersten beiden am besten. Casadesus’ Scarbo ist dämonisch und kraftvoll. Insgesamt besitzt die Aufnahme eine gewisse Kühle und klare Konturen, die m.E. zu diesem Werk gehören. (Die Aufnahmen von Michelangeli müssten auch sehr gut sein. Ich kenne sie aber nicht.) Aus diesem Grund zähle ich El Bacha auch nur bedingt zu meinen Favoriten, da er zwar eine dichte Atmosphäre erzeugt, aber für meinen Geschmack etwas zu klangflächig spielt.
Casadesus gelingt das Gegenteil von dem, was ab an der Pogerelich-Aufnahme (zu recht, wie ich finde) moniert:
Die Artikulation fand ich (erneut) so klar, dass mir schon wieder irgendwie ein Zusammenklang, aus dem Atmosphäre entsteht, fehlt.
Casadesus’ Ausdruck ist klar und deutlich – dennoch erzeugt er diese besondere traumhaft-übernatürliche Atmosphäre.
Pianistisch ist die Pogorelich-Aufnahme absolut beeindruckend. Man kann nur staunen ob der Virtuosität, mit der er den Scarbo spielt. Dennoch sagt sie mir am wenigsten zu. Hier werde ich nicht entführt in die phantastische und alptraumhafte Welt, die der Komponist bzw. der Dichter Bertrand im Sinn hatten, sondern eher in die (exzentrische) Welt des Ivo Pogorelich. Le Gibet spielt er sehr langsam (6:52 – nur Zacharias ist mit 7:04 noch langsamer). Dabei zerfällt ihm m.E. dieses Stück. Da ist kaum mehr ein Zusammenhalt – so auch im ganzen Werk nicht.
Zacharias legt IMO den Schwerpunkt zu sehr auf das Virtuose, seine Klangfarben sind mir zu bunt und hell. So klingt die Aufnahme zwar brillant, mir aber etwas zu bodenständig und „diesseitig“.
Gieseking höre ich sehr gerne. Mir fehlt aber ein wenig die Intensität, die in Casadesus' Deutung so vereinnahmend wirkt.
Scarbo mit François habe ich noch auf seinen „Introuvables“ (EMI). Für diese Aufnahme aus 1947 brauchte er 8:13, auf der EMI-Aufnahme aus 1967 waren es 9:36. Entsprechend ekstatisch und makaber klingt das Stück in der älteren Version. Mich begeistert das sehr!
Von Richter gibt es leider nur Le Gibet (Archipel, 1954). Schade.
Gruß, Cosima
ab (24.08.2007, 00:58): Ob wohl dieser Casadesus-Hinweis noch mein Portmonait schmälern werden wird.... :(
Amadé (25.08.2007, 00:09): Lieberab,
da kann ich nur zuraten, andere Prioritäten setzen!
Gruß Amadé
ab (25.08.2007, 11:23): Warum? Was gefällt Dir an an Casadesus' Ravel nicht oder was findest Du daran schlecht(er)?
Danke!
AcomA (25.08.2007, 11:26): hallo,
gaspard de la nuit lernte ich mit der oben schon zu recht gepriesenen aufnahme ivo pogorelichs kennen, als ich in der 12. klasse war. auch heute noch gehört diese aufnahme IMO zu den besten klavierplatten, die ich kenne ! interessant: ein mitschüler, der bis dato ausschließlich rock-musik hörte, besorgte sich diese platte und war extrem begeistert von dieser musik. nicht minder genial spielte pogorelich auf dieser platte prokofievs 6. sonate.
meine interpretationserfahrungen mit diesem werk:
d. sgouros (live in essen) ivo pogorelich (DG) ABM (konzertmitschnitt, appassionato) r. casadesus (CBS) m. argerich (DG) c. arrau (konzertmitschnitt, aura) j-i. thibaudet (decca) a. tharaud (HMF) c. zacharias (EMI) n. magaloff (konzertmitschnitt) t. barto (ondine) l. lortie
keine der interpretationen ist schlecht. am eindrucksvollsten und gleichsam poetischsten empfinde ich pogorelich, ABM und t. barto.
gruß, siamak :engel
Zelenka (25.08.2007, 19:35): Dies sind meine Bestände:
Gieseking (1937/8) Philips Great Pianists of the 20th Century 4567902 5.01 4.41 8.04 Perlemuter (1955) Vox Legends CDX25507 6.26 6.06 8.42 Gulda (1957) Andante AN2110 6.18 5.51 8.49 Wayenberg (1950er) EMI Les Rarissimes 724358520729 6.31 6.56 9.14 Michelangeli (1959) Philips Great Pianists of the 20th Century 4569012 5.47 5.42 9.33 Michelangeli (1960) Music & Arts CD817 5.20 5.01 9.13 Argerich (1974) Philips Great Pianists of the 20th Century 4567002 6.19 6.42 9.18 Rogé (1974) Decca Double Decca 4408362 6.23 6.34 8.23 Simon (1970er) Vox VoxBox CDX5012 6.39 6.08 9.45 Pogorelich (1982) DG Centenary Collection 4590452 7.18 6.48 9.22 Hewitt (2000/1) Hyperion CDA67341/2 6.41 7.23 9.24 Tiberghien (2005) BBC MM279 7.44 7.49 10.04 Ondine: Berman (1956) Brilliant Historic Russian Archives 93006 5.34 Scarbo: Francois (1947) Naxos 8558107-10 8.51
Pogorelich bleibt sicher eine der wichtigsten Versionen, auch Argerichs Studioeinspielung bleibt mir im Ohr, insgesamt am überzeugendsten ist für mich, und das ist eher eine Überraschung, weil ich dem Pianisten sonst eher distanziert gegenüberstehe, Michelangeli. Sowohl die Londoner (inzwischen auf BBC Legends) als auch die Prager Version sind meisterhaft charakterisiert. Gulda scheint mir schlecht aufgenommen, der Flügel teils verstimmt. Aber das mag eine gewisse geisterhafte, irreale Stimmung zaubern ... Empfehlen würde ich von den anderen Aufnahmen noch die von Abbey Simon, der ein wirklich ausgezeichneter Ravel-Spieler ist und dessen Gesamtaufnahme ich nur empfehlen kann. (Sie ist auch noch sehr billig.) Giesekings ältere Studioaufnahme ist wohl seine beste, insgesamt geht die Wahl von sehr schnellen Tempi aber auf Kosten des Atmosphärischen. Der Scarbo von Francois, er wurde von Cosima schon erwähnt, bleibt auf seine Weise einzigartig.
Gruß, Zelenka
Cosima (25.08.2007, 22:12): Original von Zelenka Pogorelich bleibt sicher eine der wichtigsten Versionen...
Auch Du, mein Sohn Brutus! :D Aber es ist wohl so: Pogorelich polarisiert. (Ich empfinde die Aufnahme als delikat gespielt in den Details, gleichwohl: Ich mag sie nicht.)
...insgesamt am überzeugendsten ist für mich, und das ist eher eine Überraschung, weil ich dem Pianisten sonst eher distanziert gegenüberstehe, Michelangeli. Sowohl die Londoner (inzwischen auf BBC Legends)
Wie ist denn der Rest der Michelangeli-CD? Da ist ja noch Beethoven und Debussy mit drauf. Lohnt sich hier ein Kauf insgesamt?
Gruß, Cosima
Zelenka (26.08.2007, 08:29): Original von Cosima Original von Zelenka Pogorelich bleibt sicher eine der wichtigsten Versionen...
Auch Du, mein Sohn Brutus! :D Aber es ist wohl so: Pogorelich polarisiert. (Ich empfinde die Aufnahme als delikat gespielt in den Details, gleichwohl: Ich mag sie nicht.)
...insgesamt am überzeugendsten ist für mich, und das ist eher eine Überraschung, weil ich dem Pianisten sonst eher distanziert gegenüberstehe, Michelangeli. Sowohl die Londoner (inzwischen auf BBC Legends)
Wie ist denn der Rest der Michelangeli-CD? Da ist ja noch Beethoven und Debussy mit drauf. Lohnt sich hier ein Kauf insgesamt?
Gruß, Cosima
Liebe Cosima:
Auch ich, jawohl! Pogorelichs Aufnahme würde ich nicht weggeben mögen, pianistisch ist das alles von größtem Kaliber. Meine Lieblingsaufnahme ist sie ja auch nicht, aber eben interessanter und lehrreicher als die Durchschnittsware von Rogé, Hewitt oder Planès.
Zu der BBC-CD, die ich ja nicht habe, die aber einen etwas besseren Transfer von "Gaspard" enthalten soll als meine Philips-Version, vergleiche diesen Verriß von Jed Distler, der aber die "Gaspard"-Version zu schätzen weiß.
Gruß, Zelenka
Cosima (26.08.2007, 10:49): Auf diesen Vatikan-Aufnahmen Michelangelis wäre Gaspard de la nuit auch noch vertreten:
Ist ja leider recht teuer.... Kennt jemand die Aufnahmen?
Gruß, Cosima
AcomA (26.08.2007, 11:08): liebe Cosima,
Auf diesen Vatikan-Aufnahmen Michelangelis wäre Gaspard de la nuit auch noch vertreten:
Ist ja leider recht teuer.... Kennt jemand die Aufnahmen?
Gruß, Cosima
ja, ich habe sie seit jahren und erwähnte sie in meiner liste ! ich kann diese live-aufzeichnung sehr empfehlen, auch chopins andante spianato et grande polonaise brillante werden exzellent und mit delikatesse dargeboten !
gruß, siamak :)
Rachmaninov (03.10.2007, 20:17): Original von AcomA keine der interpretationen ist schlecht. am eindrucksvollsten und gleichsam poetischsten empfinde ich pogorelich, ABM und t. barto.
gruß, siamak :engel
http://www.jpc.de/image/w300/front/0/1048501.jpg
@Siamak,
die Barto Aufnahme höre ich gerade nicht zum ernsten mal.
Also IMO kommt sie an die Pogorelich Aufnahme nicht ran, da Pogorelich hier ein sehr geschlosseneres und eindrinlischeres Gesamtes verinnerlicht hat.
Barto differenziert sehr stark, sucht, wie ich meine, einen sehr intelektuellen, sehr überlegten Ansatz zur diesem Werk. Dabei fokussiert sich sein Gaspard doch zu sehr auf Kleinigkeiten. Dies wird dadurch deutlich, daß man offensichtlich hört das Barto jeden einzelnen Ton wohl durchdacht hat. Dabei zerstört er für meinen Geschmak doch zusehr das Gesamte Werk in seiner Struktur und Wirkung!
Allerdings kann ich mir vorstellen, daß es sehr unterschiedliche Meinungen zu dieser Aufnahme gibt.
Für mich ist hier mehr gewollt, als erreicht!
nikolaus (03.10.2007, 21:01): Original von Rachmaninov
Für mich ist hier mehr gewollt, als erreicht!
So erging es mir beim Probehören auch. Wenn ich als Hörer nicht mehr nachvollziehen/nachempfinden kann, was Komponist und Interpret denken/fühlen, fehlt mir etwas entscheidendes.
Nikolaus.
nubar (07.10.2006, 16:25): Liebe Forianer,
dieser Thread soll einem der wichtigsten und bekanntesten Klavierwerke des 20.Jahrhunderts gewidmet sein. 1908 komponierte Maurice Ravel (1875-1937) einen dreiteiligen Klavierzyklus, „Gaspard de la nuit“ (Wächter der Nacht) – ein Spitzname für den Teufel.
Die Anregung dazu erfuhr er durch Ricardo Viñes, einem spanischen Pianisten und engen Freund Ravels, der auch am 9.Januar 1909 das Werk in der Société nationale concert zu Paris uraufführte (er brachte übrigens u.a. 1904 auch die Estampes von Debussy zur Uraufführung). Dieser machte Ravel mit den Gedichten Aloysius Bertrands bekannt, einem Prosadichter, der sich mit seiner Faszination für das Übernatürliche in die Tradition von E.T.A. Hofmann und Edgar Allen Poe stellte (beide Dichter spielen in Ravels kompositorischen Werk ebenfalls eine wichtige Rolle) und dessen Texte unter den Symbolisten sehr beliebt waren (sie waren z.B. die entscheidende Anregung für die Poesie Charles Baudelaires). Drei Gedichte nahm sich Ravel zur Vorlage für seine Komposition, nicht als ein Bild zur musikalischen Umsetzung, sondern als Inspiration für seine „transzendentale Virtuosität“, wie er später das Werk charakterisierte.
Ondine ''Listen! Listen! It is I, it is Ondine brushing with these drops of water the resonant diamond panes of your window illuminated by the dull moonbeams; and here in the dress of moire, is the lady of the castle on her balcony gazing at the beautiful starry night and the beautiful slumbering lake. Each wave is a water sprite swimming in the current, Each current is a path winding toward my palace, And my palace is of fluid construction, at the bottom of the lake, Within the triangle formed by fire, earth, and air. ? Listen! Listen! My father is beating the croaking water with a branch of green alder, And my sisters are caressing the cool islands of grasses, water lilies and gladioli with their arms of foam, Or are laughing at the tottering, bearded willow that is angling.'' After murmuring her song, she besought me to accept her ring on my finger, to be the husband of an Undine, and to visit her palace with her, to be king of the lakes. And when I replied that I was in love with a mortal woman, she was sulky and vexed; She wept a few tears, burst out laughing, and vanished in showers that formed white trickles down my blue windowpanes.
Das Gedicht, Grundlage des ersten Satzes, behandelt die uralte Geschichte von der Meerjungfrau Undine (lat. Unda - die Welle), uns vor allen Dingen aus Andersens gleichnamigen Gedicht bekannt, die aus dem Wasser auftaucht und versucht, den Dichter mit ihren Sirenengesängen in den Bann zu ziehen, was aber scheitert. Das Wasser wird hier von Ravel noch besser musikalisch dargestellt als in Jeux d’eau (1901). Ravel hat dem Pianisten Harold Bauer den Satz gewidmet, der als einer der ersten Ravels Stücke in seine Recitals aufnahm.
Le Gibet (Der Galgen) Ah! Could what I hear be the cold night wind yelping, or the hanged man uttering a sigh on the gallows fork? Could it be some cricket singing from its hiding place in the moss and sterile ivy with which the forest covers it floor out of pity? Could it be some fly hunting for prey and blowing its horn all around those ears deaf to the fanfare of the dead? Could it be some cockchafer plucking a bloody hair from his bald scalp in its uneven flight? Or could it be some spider embroidering a half-ell of muslin as a tie for that strangled neck? It is the bell ringing by the walls of a city below the horizon, and the carcass of a hanged man reddened by the setting sun.
Der zweite Satz ist Rudolf Ganz gewidmet, der sich wie auch Bauer für Ravels Werk einsetzte. Es wird die makabre Szene eins Gehenkten vor einer mittelalterlichen Stadt beschrieben, dessen Gebeine von der untergehenden Sonne beschienen werden, während aus der Stadt die Schläge der Totenglocke zu ihm hinüberdringen. Um diese monotonen Schläge baut sich der Satz auf, getragen von Akkorden, die uns an Chopins Trauermarsch gedenken lassen.
Scarbo Oh, how often have I heard and seen Scarbo when at midnight the moon shines in the sky like a silver shield on an azure banner seam of golden bees! How often have I heard his laughter booming in the shadow of my alcove, and his nails grating on the silk of my bed curtains! How often have I seen him come down from the ceiling, pirouetted on one foot and roll around the room like the spindle that has fallen from a witch's distaff! Did I at such time think he had vanished? Then the gnome would grow bigger between the moon and me like the bell tower of a Gothic cathedral, a round golden bell shaking on his pointed cap! But soon his body would become blue, diaphanous as the wax of a taper; his face would become pale as the wax of a candle end - and suddenly he would be extinguished.
Den Abschluss findet der Zyklus in einem infernalischen Satz, Scarbo, ein kleiner bösartiger Zwerg, der die friedlich Schlafenden mit Albträumen quält und sie manchmal auch zu Tode erschreckt. Es ist jene Figur, nach der Kinder am Abend ängstlich unter dem Bett Ausschau halten und die dann so schnell wieder verschwindet, dass man meint, es wäre ein Traum gewesen. Ravel hat hier eines der schwierigsten Stücken der Klavierliteratur komponiert, wobei er auch den Ehrgeiz hatte, Balakirevs „Islamey“ im technischen Anspruch noch zu übertreffen. Gewidmet ist der Satz dem Musikkritiker Jean Marnold, der sich schon sehr früh für Ravels Werk einsetzte.
Und nun Bühne frei für persönliche Einschätzungen und Interpretationsempfehlungen!
Mit freundlichem Gruß nubar
Jeremias (07.10.2006, 17:45): Zusammen mit der Toccata aus "Tombeau de Couperin" ebnete mir der Scarbo einst den Weg zu Ravel. Es gibt einige gute Aufnahmen, ganz vorzüglich v.a. Martha Argerich. Mein favorit ist aber klar Ivo Pogorelich. Derart bizarr und auf die Spitze getrieben habe ich den Zyklus kein zweites Mal gehört!
nikolaus (07.10.2006, 23:27): Vielen Dank, nubar, für die beeindruckende Eröffnung dieses threads. Ich habe gleich einen "Gaspard-Abend" gestartet und mich durch alle meine Aufnahmen gehört. Dabei ist mir mal wieder klar geworden, was für eine wundervolle Musik Ravel komponiert hat. Ich besitze folgende Aufnahmen: - Martha Argerich, 1975 - Martha Argerich, 1978 live aus dem Concertgebouw Amsterdam - Friedrich Gulda, 1977/78 - Juan José Chuquisengo, 2001 - Alexandre Tharaud, 2003
Jede dieser Aufnahmen hat für mich irgendetwas besonderes, und mir gefällt jede auf ihre Weise. Müßte ich mich für eine Aufnahme für die "einsame Insel" entscheiden, würde meine Wahl wohl auf Martha Argerichs 75er Einspielung fallen. Für mich spielt sie generell am ausdrucksstärksten und farbigsten von allen. In der live-Aufnahme brennt sie regelrecht und rast dahin, ohne Momente des Innehaltens zu vernachlässigen - ungeheuer beeindruckend. Sie ist mehr als 4min(!) schneller als in der früheren Aufnahme, was allerdings dazu führt, daß manches etwas "verwischt". Daher bevorzuge ich die Studio-Aufnahme von 75; hier spielt sie beherrschter, aber trotzdem voller Glut und Leidenschaft für die Musik. Gulda kommt doch deutlich trockener daher, manchmal "scheppert" es auch ein wenig. Trotzdem hat auch er faszinierende Momente, die mehr im Detail stecken. Chuquisengo ist der verhaltenste von allen. Ich empfinde das als angenehme Introvertiertheit. Er schafft eine fast geheimnisvolle Atmosphäre, was auch gut zum "Übernatürlichen" passt. Tharaud habe ich bei früherem Hören immer für etwas distanziert gehalten, aber heute höre ich ihn anders. Auch er spielt ähnlich farbig wie Martha Argerich. Sein Ton wirkt nur etwas leichter, eleganter, nicht so emotional, aber sehr schön und geschmackvoll.
Leider kenne ich Pogorlichs Interpretation (noch) nicht. Sie würde mich sehr interessieren, daher kommt sie auf meine Wunschliste. Positives habe ich auch von dem jungen Sergio Tiempo gehört, der dem Kreis um Martha Argerich angehört - auch interessant.
Und damit beschliesse ich einen wunderschönen Ravel-Abend, gute Nacht!
Nikolaus.
Ganong (08.10.2006, 18:45): Lieber nubar ,
besten Dank für die exzellente Einführung .
Sans doute : premièrement SAMSON FRANCOIS !
Absolut unerreicht .
Viele Grüsse ,
Frank
Ganong (08.10.2006, 18:49): Lieber Nikolaus ,
was verstehst Du bitte unter "dem kreis um Martha Argerich" ?
Gibt es nur Leute , jünger , weit jünger als sie , die ihr zu Füssen sitzen und liegend und eine Legende gewordene exzellente tastenlöwin , humorvolle Frau bewundern . Oder gibt es tatsächlich bereits eigenständig spielende Könner darunter ? und welche würdest Du empfehlen , die ich ich mir anhören sollte ?
ich dank eDir für Deine Antwort !
Beste grüsse ,
Frank
nubar (08.10.2006, 19:30): Lieber Ganong,
du lieferst mir Vorlage für meine Besprechung folgender drei Aufnahmen, die ich heute hörte:
Alle drei Pianisten haben ihre Vorstellungen von dem Werk und spielen es nicht einfach herunter. Francois hat hier eine wirklich ganz hervorragende Aufnahme fabriziert. Manchmal ist mir sein Anschlag etwas farblos, aber er gestaltet wunderbar und nimmt jede Note ernst, was bei diesem Werk sehr wichtig ist. Le Gibet wird recht zügig gespielt und die Akkorde stehen im Vordergrund, die Totenglocke leuchtet immer mal wieder durch. Dies wäre an sich ein Manko, wenn Francois dafür nicht die Akkorde so schön spielt. So ist auch dieser Satz ein voller Genuß. Bei Scarbo lässt er sich Zeit, was dem Werk sehr gut bekommt. Er kann so viel besser akzentuieren, einzelne Töne behandeln und Spannung aufbauen, alles in allem ein großartiges Porträt des Zwerges. Thibaudet ist von den drei Herren wahrscheinlich der beste Techniker. Dies merkt man vor allem beim Scarbo, den er am schnellsten nimmt, ohne dabei Probleme zu haben. Auch er hat sehr schöne Stellen, aber insgesamt ist mir seine wohlüberlegte Interpretation zu glatt. Dies ist besonders im ersten Satz zu merken, wobei sich Thibaudet von Satz zu Satz kontinuierlich steigert - sein Scarbo ist sehr gut. Tharaud hat die beste Aufnahmetechnik und setzt die meisten dynamischen Akzente. Leider nimmt er nicht jede Note ernst, so sind die ersten Töne seines Scarbo leblos. Zudem gibt es kleine Unregelmäßigkeiten in technischer Hinsicht (verwischte Terzläufe) als auch in der Interpretation (die Bassnoten werden in der Undine ab ca.3:30 unregelmäßig gewichtet, wodurch die Ordnung etwas verloren geht). Das Pedal setzt er manchmal zu lange und ungenau ein, wodurch es noch weiter zu Verwischungen kommt. Daneben gibt es aber auch sehr schöne Stellen, wo plötzlich wieder alles passt. Insgesamt kann man dieser Aufnahme ein sehr hohes Niveau zuschreiben. Letztendlich ist Francois hier eindeutig vorne, gefolgt von Thibaudet und Tharaud.
Grüße, nubar
nikolaus (08.10.2006, 19:40): Lieber Ganong,
zu allererst meine ich mit "Kreis um Martha Argerich" die Künstler, mit denen sie häufig musiziert. Dazu gehören "Weltstars" wie Gidon Kremer, Nelson Freire, Mischa Maisky, andere gestandene Musiker wie Ivry Gitlis, Lilya Zilberstein, die Capucon-Brüder (um nur einige zu nennen), sowie viele andere, die regelmäßig bei ihren Festivals teilnehmen, u.a. auch Dozenten wie Dora Schwarzberg und Karin Merle... Natürlich sind auch viele junge Musiker darunter, denn es ist ja ein erklärtes Ziel von Martha Argerich, Nachwuchkünstler zu fördern. Dazu gehören z.B. Gabriela Montero und eben Sergio Tiempo; beide stehen eigentlich schon auf eigenen Beinen und versuchen, sich auf dem Markt zu behaupten. Bisher hatte ich zweimal die Gelegenheit, diesen "Kreis" in Lugano zu erleben. Ich hatte dabei nicht den Eindruck, daß die Jungen ihr zu Füßen liegen, sondern daß eine sehr freundschaftliche Atmosphäre herrscht. Mit Empfehlungen ist das so eine Sache, nennen möchte ich neben erwähnter Aufnahme von Serio Tiempo (die ich nicht kenne) zwei CDs von Gabriela Montero ("Beyond Bach" mit Improvisationen und ein Solo-Recital mit Werken von u.a. Chopin, Liszt, de Falla, Ginastera, Rachmaninov, Skrjabin) sowie die Reihe "Martha Argerich presents"; alle bei der EMI erschienen. So, jetzt ist die Antwort länger geworden, als ich wollte. Ich bitte um Entschuldigung, daß ich vom eigentlichen Thema "Gaspard" abgewichen bin.
Nikolaus.
nubar (31.10.2006, 22:00): Liebe Forianer,
hier nun folgt mein zweiter Teil der Aufnahmenbesprechung. Wiederum habe ich mir drei Einspielungen vergleichend angehört:
Werner Haas - 1964 Cecile Ousset – 1972 Paul Crossley - 1983
Werner Haas gehört in der Tradition von Walter Gieseking zu den großen deutschen Interpreten französischer Klaviermusik. Sein Zugriff ist äußerst vital und strotzt vor Kraft. Er spielt den Gaspard im Vergleich zu den anderen Pianisten in allen drei Stücken am zügigsten. Seine vorzügliche Technik lässt ihn jede Schwierigkeit ohne Probleme meistern. Die Terzkaskaden in der Ondine rauschen nur so vorbei. Der wunderbare warme und differenzierte Anschlag bringt Farbe in die Stücke. Trotzdem fehlt der Interpretation etwas. Die Schnelligkeit führt zusammen mit einer etwas vernachlässigten Detailarbeit zu einer gewissen Glätte, man wünscht sich, der Pianist würde die Musik einmal zum Atmen kommen lassen. Der Scarbo wirkt in seiner fulminanten Art eher wie ein infernalischer Dämon denn als ein kleiner, bösartiger Kobold. Insgesamt also eine sehr gute Einspielung, wobei man sich einen etwas sensibleren und differenzierten Ansatz gewünscht hätte. Die Aufnahme kommt aus dem frühen Stereo-Zeitalter, was man ihr auch anhört, das Klavier könnte präsenter zu hören sein.
Wie soll man nun die Aufnahme Cecile Oussets charakterisieren? Um es kurz zu sagen: Großartig! Fangen wir bei der Aufnahmetechnik an. Eine sehr gute analoge Stereoaufnahme, die durch ein sehr plastisch und direkt aufgenommenen Flügel (man höre nur die Bässe) glänzt. Dazu gesellt sich eine vorzügliche Ravel-Interpretin. Hohe Anschlagskultur und hervorragende Technick verbinden sich mit einer Interpretation, die sowohl durch Überblick als auch Detailschärfe besticht. Ondine strömt in allen Farben, Le Gibet glänzt durch wunderbare Akkorde und zum Abschluss ein wilder, furioser und diabolischer Kobold. Das ganze Werk ist von einer unheimlichen Intensität gepackt. Für mich auffallend war der hervorragende Abschluss des Scarbo.
Paul Crossley dagegen hat merklich Probleme mit der Technik. Deswegen gerät seine Aufnahme auch mit Abstand am langsamsten. Trotzdem gibt es auch schöne Stellen, besonders in den ersten beiden Stücken. Man merkt, wie sich der Pianist um eine gute Interpretation müht. Im Scarbo dagegen fallen die technischen Mängel dann doch zu sehr auf, es wirkt durch das fehlende Tempo langatmig.
Insgesamt empfehle ich nun besonders zwei Aufnahmen: Francois und Ousset. Natürlich werden sich noch ein, zwei Aufnahmen dazugesellen. Man darf also gespannt sein.
Grüße, nubar
Ganong (01.11.2006, 17:02): Liebe Forianer ,
der "Schlusskauftip" , der Samson Francois enthält , bedarf einer Ergänzung :
In einem Booklet von Bryce Morrison ( 2000 ) schreibt dieser , dass in k e i n e r Aufnahme durch Samson Francois das eingefangen werden konnte , was von ihm im Konzert zu hören war , was die Zuhörer erreicht hat .
Darin dürfte der grösste Teil dessen liegen , warum dieser Ausnahmepianist mit seinem oft aus dem Moment heraus geborenen Spiel , das in sich gewachsen und vollendet wurde an Klangvielfaölt, Notentextfreheit leider so falsch oder gar nicht verstanden worden ist .
Sein Spitzname "Scarbo" kommt nicht von ungefähr .
Frank
Rachmaninov (14.01.2007, 13:47): Gerade hört eich die Aufnahme von I. Pogorelich und vor jedem Satz habe ich mir die Ausführungen in der Einleitung nochmals durchgelesen.
Sicherlich kann ich hier nicht wirklich viel zu einem Interpretationsvergleich beitragen, den dazu höre ich das Werk viel zu selten.
http://www.jpc.de/image/cover/front/0/6270036.jpg
Die Aufnahme Pogorelichs hat mir jedenfalls sehr gefallen und ich finde der Charakter des Werkes wird von ihm gut dargestellt.
nikolaus (15.01.2007, 19:59): Diesen thread hatte ich ganz vergessen. Ich habe inzwischen ja auch die von mir erwähnte Aufnahme mit Sergio Tiempo. Auch sehr gut, fast schon etwas exzentrisch, geht mehr in Richtung Pogorelich!
Nikolaus.
satie (15.01.2007, 20:19): Unbedingt empfehlen würde ich hier die Aufnahme mit Walter Gieseking. Leider weiss ich nicht, aus welchem Jahr jene stammt, die ich habe. Mit dabei sind einige Preludes von Debussy, die ich ebenfalls sehr empfehlen kann.
S A T I E
ab (15.01.2007, 23:31): Ich habe: Gieseking (EMI) Gulda (Great Piansits of the Century) Arrau (Aura) W. Haas (Philips) Ousset (BerlinClassics) El Bacha (Forlane)
Am liebsten höre ich El Bacha; das programm aber umgesetzt höre ich bei Gieseking und Arrau.
nikolaus (15.01.2007, 23:34): Original von ab Ich habe: Gieseking (EMI) Gulda (Great Piansits of the Century) Arrau (Aura) W. Haas (Philips) Ousset (BerlinClassics) El Bacha (Forlane)
Am liebsten höre ich El Bacha; das programm aber umgesetzt höre ich bei Gieseking und Arrau.
Meinst du damit, daß dir El Bachas Spiel am besten gefällt, auch wenn er es "unorthodoxer" interpretiert, während die anderen aber werkgetreuer sind?
Nikolaus.
ab (16.01.2007, 09:20): Original von nikolaus
Meinst du damit, daß dir El Bachas Spiel am besten gefällt, auch wenn er es "unorthodoxer" interpretiert, während die anderen aber werkgetreuer sind?
Nikolaus.
anders: Bei den meisten Interpretationen kann ich das Programm nicht ausmachen. El Bacha spielt also nicht "unorthodoxer" als das Gros. Ich mag halt seinen natürlichen, dahingleitenden Fluss und seine Durchsichtigkeit besonders.
nikolaus (19.08.2007, 22:50): Ich habe gestern eine Aufnahme des Gaspard de la Nuit im Radio gehört, ohne zu wissen, wer spielt.
Die Aufnahme hat mir nicht gefallen: ich fand sie zu "nüchtern", mir fehlte das "geheimnisvoll-magische", einige Akzente und Tempi störten den für mich wichtigen rauschhaften Fluss.
Die Auflösung: es war Tzimon Barto. Daher bestätigt sich mein erster Probehör-Eindruck vor ein paar Monaten, und ich bin entschieden, mir diese Aufnahme nicht zuzulegen.
Gruß, Nikolaus.
(By the way: diese Art, "blind" zu hören, finde ich überaus spannend und oft im Ergebnis sehr überraschend.)
Rachmaninov (20.08.2007, 12:47): Original von nikolaus mir fehlte das "geheimnisvoll-magische"
@Nikolaus,
vor einigen Tagen hörte ich nochmals Gaspar de la niut mit Pogorelich! Bei ihm findest Du was Du suchst. Wahrlich eine ganz große Einspielung....
ab (23.08.2007, 01:30): Original von Rachmaninov Original von nikolaus mir fehlte das "geheimnisvoll-magische"
@Nikolaus,
vor einigen Tagen hörte ich nochmals Gaspar de la niut mit Pogorelich! Bei ihm findest Du was Du suchst. Wahrlich eine ganz große Einspielung....
Was für ein Zufall! Gerade gestern hörte ich ihn des Nachts damit im Radio. Die Artikulation fand ich (erneut) so klar, dass mir schon wieder irgendwie ein Zusammenklang, aus dem Atmosphäre entsteht, fehlt.
Das schmälert natürlich nicht die Güte dieser Einspielung - dafür aber auch nicht mein Portmonait :D
Cosima (23.08.2007, 17:54): Von diesen Aufnahmen, die ich besitze…
Casadesus, Robert (Sony) François, Samson (DG)
El Bacha, Abdel Rahman (Forlane) Gieseking, Walter (EMI) Zacharias, Christian (EMI)
Pogorelich, Ivo (DG)
… gefallen mir die ersten beiden am besten. Casadesus’ Scarbo ist dämonisch und kraftvoll. Insgesamt besitzt die Aufnahme eine gewisse Kühle und klare Konturen, die m.E. zu diesem Werk gehören. (Die Aufnahmen von Michelangeli müssten auch sehr gut sein. Ich kenne sie aber nicht.) Aus diesem Grund zähle ich El Bacha auch nur bedingt zu meinen Favoriten, da er zwar eine dichte Atmosphäre erzeugt, aber für meinen Geschmack etwas zu klangflächig spielt.
Casadesus gelingt das Gegenteil von dem, was ab an der Pogerelich-Aufnahme (zu recht, wie ich finde) moniert:
Die Artikulation fand ich (erneut) so klar, dass mir schon wieder irgendwie ein Zusammenklang, aus dem Atmosphäre entsteht, fehlt.
Casadesus’ Ausdruck ist klar und deutlich – dennoch erzeugt er diese besondere traumhaft-übernatürliche Atmosphäre.
Pianistisch ist die Pogorelich-Aufnahme absolut beeindruckend. Man kann nur staunen ob der Virtuosität, mit der er den Scarbo spielt. Dennoch sagt sie mir am wenigsten zu. Hier werde ich nicht entführt in die phantastische und alptraumhafte Welt, die der Komponist bzw. der Dichter Bertrand im Sinn hatten, sondern eher in die (exzentrische) Welt des Ivo Pogorelich. Le Gibet spielt er sehr langsam (6:52 – nur Zacharias ist mit 7:04 noch langsamer). Dabei zerfällt ihm m.E. dieses Stück. Da ist kaum mehr ein Zusammenhalt – so auch im ganzen Werk nicht.
Zacharias legt IMO den Schwerpunkt zu sehr auf das Virtuose, seine Klangfarben sind mir zu bunt und hell. So klingt die Aufnahme zwar brillant, mir aber etwas zu bodenständig und „diesseitig“.
Gieseking höre ich sehr gerne. Mir fehlt aber ein wenig die Intensität, die in Casadesus' Deutung so vereinnahmend wirkt.
Scarbo mit François habe ich noch auf seinen „Introuvables“ (EMI). Für diese Aufnahme aus 1947 brauchte er 8:13, auf der EMI-Aufnahme aus 1967 waren es 9:36. Entsprechend ekstatisch und makaber klingt das Stück in der älteren Version. Mich begeistert das sehr!
Von Richter gibt es leider nur Le Gibet (Archipel, 1954). Schade.
Gruß, Cosima
ab (24.08.2007, 00:58): Ob wohl dieser Casadesus-Hinweis noch mein Portmonait schmälern werden wird.... :(
Amadé (25.08.2007, 00:09): Lieberab,
da kann ich nur zuraten, andere Prioritäten setzen!
Gruß Amadé
ab (25.08.2007, 11:23): Warum? Was gefällt Dir an an Casadesus' Ravel nicht oder was findest Du daran schlecht(er)?
Danke!
AcomA (25.08.2007, 11:26): hallo,
gaspard de la nuit lernte ich mit der oben schon zu recht gepriesenen aufnahme ivo pogorelichs kennen, als ich in der 12. klasse war. auch heute noch gehört diese aufnahme IMO zu den besten klavierplatten, die ich kenne ! interessant: ein mitschüler, der bis dato ausschließlich rock-musik hörte, besorgte sich diese platte und war extrem begeistert von dieser musik. nicht minder genial spielte pogorelich auf dieser platte prokofievs 6. sonate.
meine interpretationserfahrungen mit diesem werk:
d. sgouros (live in essen) ivo pogorelich (DG) ABM (konzertmitschnitt, appassionato) r. casadesus (CBS) m. argerich (DG) c. arrau (konzertmitschnitt, aura) j-i. thibaudet (decca) a. tharaud (HMF) c. zacharias (EMI) n. magaloff (konzertmitschnitt) t. barto (ondine) l. lortie
keine der interpretationen ist schlecht. am eindrucksvollsten und gleichsam poetischsten empfinde ich pogorelich, ABM und t. barto.
gruß, siamak :engel
Zelenka (25.08.2007, 19:35): Dies sind meine Bestände:
Gieseking (1937/8) Philips Great Pianists of the 20th Century 4567902 5.01 4.41 8.04 Perlemuter (1955) Vox Legends CDX25507 6.26 6.06 8.42 Gulda (1957) Andante AN2110 6.18 5.51 8.49 Wayenberg (1950er) EMI Les Rarissimes 724358520729 6.31 6.56 9.14 Michelangeli (1959) Philips Great Pianists of the 20th Century 4569012 5.47 5.42 9.33 Michelangeli (1960) Music & Arts CD817 5.20 5.01 9.13 Argerich (1974) Philips Great Pianists of the 20th Century 4567002 6.19 6.42 9.18 Rogé (1974) Decca Double Decca 4408362 6.23 6.34 8.23 Simon (1970er) Vox VoxBox CDX5012 6.39 6.08 9.45 Pogorelich (1982) DG Centenary Collection 4590452 7.18 6.48 9.22 Hewitt (2000/1) Hyperion CDA67341/2 6.41 7.23 9.24 Tiberghien (2005) BBC MM279 7.44 7.49 10.04 Ondine: Berman (1956) Brilliant Historic Russian Archives 93006 5.34 Scarbo: Francois (1947) Naxos 8558107-10 8.51
Pogorelich bleibt sicher eine der wichtigsten Versionen, auch Argerichs Studioeinspielung bleibt mir im Ohr, insgesamt am überzeugendsten ist für mich, und das ist eher eine Überraschung, weil ich dem Pianisten sonst eher distanziert gegenüberstehe, Michelangeli. Sowohl die Londoner (inzwischen auf BBC Legends) als auch die Prager Version sind meisterhaft charakterisiert. Gulda scheint mir schlecht aufgenommen, der Flügel teils verstimmt. Aber das mag eine gewisse geisterhafte, irreale Stimmung zaubern ... Empfehlen würde ich von den anderen Aufnahmen noch die von Abbey Simon, der ein wirklich ausgezeichneter Ravel-Spieler ist und dessen Gesamtaufnahme ich nur empfehlen kann. (Sie ist auch noch sehr billig.) Giesekings ältere Studioaufnahme ist wohl seine beste, insgesamt geht die Wahl von sehr schnellen Tempi aber auf Kosten des Atmosphärischen. Der Scarbo von Francois, er wurde von Cosima schon erwähnt, bleibt auf seine Weise einzigartig.
Gruß, Zelenka
Cosima (25.08.2007, 22:12): Original von Zelenka Pogorelich bleibt sicher eine der wichtigsten Versionen...
Auch Du, mein Sohn Brutus! :D Aber es ist wohl so: Pogorelich polarisiert. (Ich empfinde die Aufnahme als delikat gespielt in den Details, gleichwohl: Ich mag sie nicht.)
...insgesamt am überzeugendsten ist für mich, und das ist eher eine Überraschung, weil ich dem Pianisten sonst eher distanziert gegenüberstehe, Michelangeli. Sowohl die Londoner (inzwischen auf BBC Legends)
Wie ist denn der Rest der Michelangeli-CD? Da ist ja noch Beethoven und Debussy mit drauf. Lohnt sich hier ein Kauf insgesamt?
Gruß, Cosima
Zelenka (26.08.2007, 08:29): Original von Cosima Original von Zelenka Pogorelich bleibt sicher eine der wichtigsten Versionen...
Auch Du, mein Sohn Brutus! :D Aber es ist wohl so: Pogorelich polarisiert. (Ich empfinde die Aufnahme als delikat gespielt in den Details, gleichwohl: Ich mag sie nicht.)
...insgesamt am überzeugendsten ist für mich, und das ist eher eine Überraschung, weil ich dem Pianisten sonst eher distanziert gegenüberstehe, Michelangeli. Sowohl die Londoner (inzwischen auf BBC Legends)
Wie ist denn der Rest der Michelangeli-CD? Da ist ja noch Beethoven und Debussy mit drauf. Lohnt sich hier ein Kauf insgesamt?
Gruß, Cosima
Liebe Cosima:
Auch ich, jawohl! Pogorelichs Aufnahme würde ich nicht weggeben mögen, pianistisch ist das alles von größtem Kaliber. Meine Lieblingsaufnahme ist sie ja auch nicht, aber eben interessanter und lehrreicher als die Durchschnittsware von Rogé, Hewitt oder Planès.
Zu der BBC-CD, die ich ja nicht habe, die aber einen etwas besseren Transfer von "Gaspard" enthalten soll als meine Philips-Version, vergleiche diesen Verriß von Jed Distler, der aber die "Gaspard"-Version zu schätzen weiß.
Gruß, Zelenka
Cosima (26.08.2007, 10:49): Auf diesen Vatikan-Aufnahmen Michelangelis wäre Gaspard de la nuit auch noch vertreten:
Ist ja leider recht teuer.... Kennt jemand die Aufnahmen?
Gruß, Cosima
AcomA (26.08.2007, 11:08): liebe Cosima,
Auf diesen Vatikan-Aufnahmen Michelangelis wäre Gaspard de la nuit auch noch vertreten:
Ist ja leider recht teuer.... Kennt jemand die Aufnahmen?
Gruß, Cosima
ja, ich habe sie seit jahren und erwähnte sie in meiner liste ! ich kann diese live-aufzeichnung sehr empfehlen, auch chopins andante spianato et grande polonaise brillante werden exzellent und mit delikatesse dargeboten !
gruß, siamak :)
Rachmaninov (03.10.2007, 20:17): Original von AcomA keine der interpretationen ist schlecht. am eindrucksvollsten und gleichsam poetischsten empfinde ich pogorelich, ABM und t. barto.
gruß, siamak :engel
http://www.jpc.de/image/w300/front/0/1048501.jpg
@Siamak,
die Barto Aufnahme höre ich gerade nicht zum ernsten mal.
Also IMO kommt sie an die Pogorelich Aufnahme nicht ran, da Pogorelich hier ein sehr geschlosseneres und eindrinlischeres Gesamtes verinnerlicht hat.
Barto differenziert sehr stark, sucht, wie ich meine, einen sehr intelektuellen, sehr überlegten Ansatz zur diesem Werk. Dabei fokussiert sich sein Gaspard doch zu sehr auf Kleinigkeiten. Dies wird dadurch deutlich, daß man offensichtlich hört das Barto jeden einzelnen Ton wohl durchdacht hat. Dabei zerstört er für meinen Geschmak doch zusehr das Gesamte Werk in seiner Struktur und Wirkung!
Allerdings kann ich mir vorstellen, daß es sehr unterschiedliche Meinungen zu dieser Aufnahme gibt.
Für mich ist hier mehr gewollt, als erreicht!
nikolaus (03.10.2007, 21:01): Original von Rachmaninov
Für mich ist hier mehr gewollt, als erreicht!
So erging es mir beim Probehören auch. Wenn ich als Hörer nicht mehr nachvollziehen/nachempfinden kann, was Komponist und Interpret denken/fühlen, fehlt mir etwas entscheidendes.
Nikolaus.
Cosima (14.05.2008, 20:54): Original von Zelenka ...insgesamt am überzeugendsten ist für mich, und das ist eher eine Überraschung, weil ich dem Pianisten sonst eher distanziert gegenüberstehe, Michelangeli. Sowohl die Londoner (inzwischen auf BBC Legends)
Zu der BBC-CD, die ich ja nicht habe, die aber einen etwas besseren Transfer von "Gaspard" enthalten soll als meine Philips-Version, vergleiche diesen Verriß von Jed Distler, der aber die "Gaspard"-Version zu schätzen weiß.
Lieber Zelenka,
Du hattest ja schon vor einiger Zeit darauf hingewiesen, aber ich habe nun erst ‚meine’ Interpretation von Gaspard de la nuit gefunden: Arturo Benedetti Michelangeli spielte sie 1959 in London :down (der Beethoven-Verriss ist übrigens m.E. schon gerechtfertigt).
Sie war Teil einer Live-Übertragung des Klassik-Radiosenders der BBC. Seinerzeit konnte der Leiter der Musikredaktion ABM zu diesem Konzert in der BBC Concert Hall überreden. Dazu hatte er den Saal für mehrere Tage gebucht, für eine konstante, wunschgemäße Temperatur und Luftfeuchtigkeit* gesorgt und den Flügel des Meisters nach London schaffen lassen. Groß war das Aufatmen, als Michelangeli dann tatsächlich zur Live-Übertragung erschien!
An anderer Stelle schrieb Distler dann noch dies:
When it came to Debussy and Ravel, however, Michelangeli was a genius. His 1959 BBC Gaspard de la Nuit belongs in every serious piano collection. Michelangeli plays the daunting opus absolutely straight, orchestrating the sonorities, the tricky balances, and dynamics with awesome technical finesse and masterly control of color and nuance. And Debussy's Hommage à Rameau bears a similar stamp of authority to the pianist's studio recording, without the supple magic of his 1957 live traversal on Testament (also from Royal Festival Hall). Get this for the Ravel. --Jed Distler
Gruß, Cosima
P.S.: *) Gottlob hatte der alte Wilhelm Lambrecht bereits genau 100 Jahre zuvor das Haarhygrometer zur exakten Bestimmung der Luftfeuchtigkeit entwickelt. :D
Zelenka (15.05.2008, 17:15): Original von Cosima
Lieber Zelenka,
Du hattest ja schon vor einiger Zeit darauf hingewiesen, aber ich habe nun erst ‚meine’ Interpretation von Gaspard de la nuit gefunden: Arturo Benedetti Michelangeli spielte sie 1959 in London :down (der Beethoven-Verriss ist übrigens m.E. schon gerechtfertigt).
Ich freue mich sehr, daß Dir ABM hier auch so gut gefällt!!! :leb
Ich nutze die Gelegenheit, auf eine weitere Version des Werks hinzuweisen, die zur Zeit meiner letzten Wortmeldung in diesem Faden noch nicht in meiner Sammlung war:
Die Farbigkeit von ABM's Spiel erreicht Monique Haas nicht, aber insgesamt und mit einem recht dämonischen "Scarbo" ist dies eine sehr empfehlenswerte Einspielung.
Gruß, Zelenka
ab (11.12.2008, 10:59): Original von Cosima Auf diesen Vatikan-Aufnahmen Michelangelis wäre Gaspard de la nuit auch noch vertreten:
Meine jüngste Gaspard-Erwerbung und eine der besten, die ich bislang gehört habe. :down
:hello
Cosima (11.12.2008, 12:57): Original von ab Wenn es die Aufnahme vom 13.06.1987 sein sollte, dann ist sie auf der blauen Wallet-Box der Firma Documents (vormals Aura) enthalten. :times10
Ja, die ist grandios! Als ich mich seinerzeit über die BBC-Aufnahme so freute, kannte ich die Documents-Boxen noch gar nicht. Es handelt sich übrigens tatsächlich um dieselbe 1987-er Aufnahme aus dem Vatikan. Die Vatikan-Aufnahmen habe ich mir aber gar nicht mehr zugelegt, weil Documents schon so viele Schätze herausbrachte. Die alte Aufnahme aus 1959 ist aber auch fantastisch! Überhaupt ist ABM für mich der Debussy- und Ravel-Interpret! :down (Obwohl er ja leider gar nicht viel Ravel eingespielt hat: das Klavierkonzert, Gaspard und Valses nobles et sentimentales. Jammerschade!)
Gruß, Cosima
ab (11.12.2008, 14:01): Original von Cosima Als ich mich seinerzeit über die BBC-Aufnahme so freute, kannte ich die Documents-Boxen noch gar nicht. Die alte Aufnahme aus 1959 ist aber auch fantastisch! Überhaupt ist ABM für mich der Debussy- und Ravel-Interpret! :down (Obwohl er ja leider gar nicht viel Ravel eingespielt hat: das Klavierkonzert, Gaspard und Valses nobles et sentimentales. Jammerschade!)
Hast Du beide Wallet-Boxen? Wo ist den die 1959er-Aufnahme droben?
( Die senffarbene (?) Box habe ich mir gespart, weil dort zu viele Überschneidungen mit meinen Aura CDs hat. Bei der blauen gabs weniger Doubletten. ABM ist jedenfalls einer der ganz großen Deubssy/Ravel Interpreten, mir persönlich aber nicht immer der liebste. Hast Du auch die DG-Studio-Aufnahmen?]
Werde mir wohl jetzt wieder einmal die Bavouzet-Aufnahme bei mdg zu Gemüte führen, die im letzten Jahr hinzugestoßen ist und die ich jedenfalls besser finde als seinen Debussy bei Chandos. Kennst Du die?
Cosima (11.12.2008, 16:35): Lieber ab,
ja, ich habe beide Boxen - allein für das Schumann-Konzert unter Mitropoulos (siehe Schumann-Thread) aus 1948 lohnt sich die Anschaffung der 2. Box :down (bei mir gab es leider ansonsten auch viele Doubletten). Das wahnwitzige Finale muss man gehört haben - gigantisch!
Die 1959-er Aufnahme ist bei BBC erschienen. - Die ABM-DG-Aufnahmen habe ich auch alle. Sehr empfehlenswert!
Den Bavouzet auf mdg kenne ich nicht, nur die erste Chandos-Einspielung. Schon schönes Klavierspiel, aber auch irgendwie beliebig. Nichts für mich jedenfalls.
:hello
Amadé (11.12.2008, 21:15): Liebe Cosima, lieber ab, beim Mitlesen Eurer "Gaspard-Postings" bekomme ich den Eindruck, dass mehrere Aufnahmen mit ABM im Umlauf sind oder zumindest waren. Nach meinen Recherchen werden im Augenblick nur 2 Aufnahmen im Handel angeboten: 1. Studio-Aufnahme der BBC aus dem Jahr 1959, veröffentlicht von BBCL 2. Konzertmitschnitt aus dem Vatikan aus dem Jahre 1987 bei aura, wahrscheinlich identisch mit der Ausgabe Memoria, die oben schon angesprochen wurde, sowie einer Veröffentlichung beim Label Appassionato. Die Laufzeiten: BBC 21'37, aura 23'16 Von DGG ist mir keine Veröffentlichung bekannt. Es ist jedoch keineswegs ausgeschlossen, dass das eine oder andere Konzert mitgeschnitten wurde, ich selbst hörte ihn ca 1970 mit dem Gaspard in Kassel, und irgendwann mal veröffentlicht wird.
Grüße Amadé
Cosima (11.12.2008, 21:32): Lieber Amadé,
diese von Dir genannten Aufnahmen meinte ich. Ich hatte ab mit seiner Frage nach den DG-Aufnahmen so verstanden, dass er allgemein ABM's Aufnahmen bei diesem Label meint, nicht speziell eine Gaspard-Aufnahme.
Es existieren wohl grundsätzlich noch 3 weitere Aufnahmen dieses Ravel-Stückes mit ABM: Lugano (1968), Helsinki (1969) und eine Prager Aufnahme (1960), die aber auch nur als teure Gebrauchtware (Label = Multisonic) derzeit erhältlich ist. Es müsste diese sein, ABM spielt noch "Carnaval" (Sviatoslav Richter spielt die Schumann-Fantasie op. 17)
ja vom Carneval existieren weit mehr Aufnahmen als vom Gaspard, die frühen Aufnahmen überzeugen mich weit mehr als die späte EMI-Produktion. Dies beobachte ich auch bei anderen Stücken, auch nicht nur bei ABM.
Gruß Amadé
Rachmaninov (02.10.2011, 14:15): Hallo freunde der Klaviermusik,
nachdem ich nun doch schon seit geraumer Zeit S. Osborne's Aufnahme der Klaviermusik Ravels besitze möchte ich mich heute zumindestens zu Gaspard de la nuit melden.
Das S. Osborne zu meinen liebsten Pianisten gehört, da es ihm immer wieder gelingt mich mit seinem bezaubernden, warmen, farbigen und hochdifferenzierten Ton einzufangen dürfte den meisten ja hinlänglich bekannt sein.
So auch bei Ravels Gaspar de la nuit.
Osbornes durchdachte, fein differenzierte warme, leuchtende Aufgnahem gehört sicherlich zu den highlight unter den Aufnahmen dieses Werks. Auch wenn er, was der eine oder andere vielleicht vermissen mag, nicht wie ein Pogorelich z.B., etwas bedrohlich düstern oder dramatischer wirkt. Aber dafür unendlich nuaucenreich ohne den emotionalen Fluss in den Hintergrund geraten zu lassen.
Sicherlich nicht die einzige großartige Aufnahme des Werkes, aber dennoch:
Interpretation: :times10 Klang: 9
Heike (03.07.2012, 15:58): Eine neue und meiner Meinung nach gute Aufnahme des Gaspard de la Nuit findet sich hier:
Ich habe den jungen Mann mit diesem Werk vor kurzem live gehört und das war noch viel beeindruckender: Technisch höchst souverän und dazu ein ganz wundervoll farbiger, schöner Klavierklang; originelle, lyrische Traumspiele! Hat mir ausgezeichnet gefallen. Heike
Beatrice Rana: Halte ich für DIE Sensation 2013 beim Van Cliburn Wettbewerb, hätte den 1. Preis verdient gehabt. Dank Facebook kann ich ihre Karriere etwas mitverfolgen ;)
Und ich muss zugeben, ihre Aufnahme von Ravel's Gaspard de la nuit ist eine ganz wundervolle. Tiefsinnig, leidenschaftlich, durchdacht, raffiniert, klangschön
Top Aufnahme
INterpretation: 9
Falstaff (29.09.2017, 00:54): Ich muss gestehen, dass ich bei diesem Zyklus bislang weniger auf den Pianisten geachtet habe (ich gelobe Besserung :J ), sondern eher auf den Sprecher.
Sir John Gielgud ist mein absoluter Lieblingsschauspieler. Und daher habe ich auch diese Aufnahme und war bislang sehr zufrieden damit. Ich kann mir aber schon vorstellen, dass andere Pianisten da noch mehr herausgeholt haben. (Aber sicherlich niemand, was die Gedichte angeht. :D )
Haas und Pogorelich würden mich wohl zunächst einmal interessieren. Da muss ich mich mal drum kümmern.
Übrigens habe ich gerade einen richtigen Schreck bekommen. :) Schien es doch, dass es noch eine Gielgud-Aufnahme gibt, diesmal mit Robert Casadesus. Und ich habe sie nicht! :D Aber bei näherem Hinsehen entpuppte sie sich als Zusammenstellung von Gielgud (1963) und Casadesus (1951). Wie beruhigend. :rolleyes: Bleiben also Haas und Pogorelich als möglicherweise zwei Seiten einer Medaille.
:hello Falstaff
satie (29.09.2017, 01:04): Sir John Gielgud ist mein absoluter Lieblingsschauspieler. Da haben wir was gemeinsam!! Kennst Du "Prosperos Books" von Peter Greenaway? Für mich eines der größten Meisterwerke der Filmgeschichte. Musik leider von Michael Nyman, aber selbst damit kann ich leben...
Falstaff (29.09.2017, 01:33): Da haben wir was gemeinsam!! :leb :leb :leb Endlich mal jemand!!!! Kennst Du "Prosperos Books" von Peter Greenaway? Für mich eines der größten Meisterwerke der Filmgeschichte. Musik leider von Michael Nyman, aber selbst damit kann ich leben... Natürlich! Schlichtweg grandios! Michael Nyman? Habe ich gar nicht bemerkt ( :D ) bei dieser großartigen Verfilmung und Darstellung. Der olle Gielgud. Immer bereit, sich in Neues zu stürzen. Schon großartig, Aber vielleicht war das auch der Grund, warum er so alt wurde und bis zum Schluss aktiv sein konnte.
Übrigens habe ich Peter Greenaways Inszenierung von Milhauds 'Christophe Colomb' damals in Berlin gesehen. Schlichtweg faszinierend. Ganz der Greenaway, den man von den Filmen her kennt. Das war die Technik von 'Prosperos Books' auf die Bühne übertragen. Und es funktionierte.
LG Falstaff
fahl5 (17.01.2018, 14:15): Ok und hier sind meine Versionen Es sind zwei, da es in meinen Augen eben durchaus auch musikalisch sinnvoll ist, sowohl die zeitbedingten Einschänkungen des verfügbaren Instrumentariums einzubeziehen als auch deren Überwindung durch die Fortschritte z.B. des Klavierbaus der vergangenen 100 Jahre. a) im HiP-Sinn im Klang eines Erard von 1922: M.Ravel: Gaspard de la nuit (Erard 1922) b) im Klang eines heutigen Bechstein D 282: M.Ravel: Gaspard de la nuit (Bechstein) Viel vergnügen damit
Sfantu (03.01.2020, 12:01): Mir war es ein Anliegen, mich mit diesem phantastischen, fesselnden Dreiteiler wieder einmal zu beschäftigen. Hierzu habe ich ein paar sturmfreie Tage genutzt & alle Versionen in meiner Sammlung neu angehört.
nubar hatte in seinem Eröffnungsbeitrag dankenswerter Weise das zugrundeliegende Gedicht von Aloysius Bertrand mit eingestellt.
Ich möchte es heute erneut, diesmal allerdings in der Originalsprache hier präsentieren. Einerseits, um nochmal zu vergegenwärtigen, daß es eine poetische Vorlage gibt, andererseits, weil ich denke, daß auch die beste Übersetzung dem Original nur mehr oder weniger nahe kommen, am Ende aber niemals an seine Stelle treten kann.
Selbstverständlich kann man diese Musik auch losgelöst davon hören.
Ondine
Je croyais entendre une vague harmonie enchanter mon sommeil, et près de moi s'épendre un murmure pareil aux c hants entrecoupés d'une voix triste et tendre. Charles Brugnot, Les deux Génie
Ecoute ! – Ecoute ! – C’est moi, c’est Ondine qui frôle de ces gouttes d’eau les losanges sonores de ta fenêtre illuminée par les mornes rayons de la lune ; et voici, en robe de moire, la dame châtelaine qui contemple à son balcon la belle nuit étoilée et le beau lac endormi.
Chaque flot est un ondin qui nage dans le courant, chaque courant est un sentier qui serpente vers mon palais, et mon palais est bâti fluide, au fond du lac, dans le triangle du feu, de la terre et de l’air.
Ecoute ! – Ecoute ! – Mon père bat l’eau coassante d’une branche d’aulne verte, et mes soeurs caressent de leurs bras d’écume les fraîches îles d’herbes, de nénuphars et de glaïeuls, ou se moquent du saule caduc et barbu qui pêche à la ligne !
Sa chanson murmurée, elle me supplia de recevoir son anneau à mon doigt pour être l’époux d’une Ondine, et de visiter avec elle son palais pour être le roi des lacs.
Et comme je lui répondais que j’aimais une mortelle, boudeuse et dépitée, elle pleura quelques larmes, poussa un éclat de rire, et s’évanouit en giboulées qui ruisselèrent blanches le long de mes vitraux bleux.
Le Gibet
Que vois-je remuer autour ce Gibet? Johann Wolfgang von Goethe, Faust
Ah! ce que j'entends, serait-ce la bise nocturne qui glapit, ou le pendu qui pousse un soupir sur la fourche patibulaire?
Serait-ce quelque grillon qui chante tapi dans la mousse et le lierre stérile dont par pitié se chausse le bois?
Serait-ce quelque mouche en chasse sonnant du cor autour de ces oreilles sourdes à la fanfare des halali?
Serait-ce quelque escarbot qui cueille en son vol inégal un cheveu sanglant à son crâne chauve?
Ou bien serait-ce quelque araignée qui brode une demi-aune de mousseline pour cravate à ce col étranglé?
C'est la cloche qui tinte aux murs d'une ville sous l'horizon, et la carcasse d'un pendu que rougit le soleil couchant.
Scarbo
Il regarda sous le lit, dans la cheminée, dans le babut – personne. Il ne put compendre par ou il s’était introduit, par ou il s’était évadé E. T. A. Hoffmann, Nachtstücke
Oh! Que de fois je l’ai entendu et vu. Scarbo, lorsqu’a minuit la lune brille dans le ciel comme un écu d’argent sur une bannière d’azur semée d’abeilles d’or!
Que de fois j’ai l’ai entendu bourdonner son rire dans l’ombre de mon alcove, et grincer son ongle sur la soie des courtines de mon lit!
Que de fois je l’ai vu descendere du plancher, pirouetter sur un pied et rouler par la chambre comme le fuseau tombé de la quenouille d’une sorcière!
Le croyais-je alors évanoui? Le nain grandissait entre la lune et moi, comme le clocher d’une cathédrale gothique, un grelot d’or en branle à son bonnet pointu!
Mais bientôt son corps bleuissait, diaphane comme la cire d’une bougie, son visage blêmissait comme la crie d’un lumignon – et soudain il s’éteignait.
Hier (in schwarz) Auszüge aus dem Werk-Artikel in Reclams Klaviermusikführer, 6. Auflage, 1990:
Den virtuosen Gipfel erreicht die Klaviermusik Ravels zweifellos im Gaspard de la nuit. Mit voller Absicht überläßt sich der Komponist dem Dämon der Technik: er wollte für das Klavier Stücke von transzendenter Virtuosität schreiben, die schwieriger sind als die „Islamey“. Er braucht diese äußerste Schwierigkeit, um die verstiegene Romantik der Dichtung von Aloysius Bertrand (1807-41) zu bewältigen und zu bändigen.
Das ist nicht der romantische Abgrund E. T A. Hoffmanns, dessen Gestalten dem Prosagedicht Bertrands Modell standen sondern die schwindelhafte Bravour der eigenen Klangphantasie Ravels, die über sich selbst hinausschreitet und im wahren Sinne des Wortes transzendiert wird. Alle Genialität des Antiromantikers Ravel entzündet sich an dem romantischen Sujet, es fordert ihn zur höchsten Anspannung heraus, „das Artifizielle gewinnt den Anschein des Natürlichen und Notwendigen“ (Roland-Manuel). In jedem Stück werden technische Ordnungen neu gewertet.
Ich werde nicht auf alle Teile eingehen, greife nur exemplarisch den ersten Satz heraus.
Eine bisher unerhörte Art des Tremolos leitet die „Ondine“ ein.
Für den Interpreten, der diese motivische Spielfigur in der Tonstärke ppp mit absoluter Egalität auszuführen weiß, ist alles weitere schon gewonnen, sofern er der Versuchung widersteht, das Poème zur Etüde zu machen – die ältere französische Klaviertradition neigt dazu – und das Tempo „Lent“ in „Animé“ zu verzerren.
Als ziemlich stümperhafter Pianist scheitere ich an diesem ersten Prüfstein erwartungsgemäß . Hatte mich auch nur ans Klavier gesetzt um herauszufinden, wie schwer die beschriebene „absolute Egalität“ zu erreichen ist. Das Ergebnis: ich schaffe das – wie vorherzusehen – nicht. Es tönt abgehackt - an legato ist nicht zu denken.
Meist ist ein Tremolo so notiert, daß ein Fingersatz in guter Oppositionsstellung machbar ist. Hier aber wechseln rasend schnell ein 3er-Akkord mit einer Einzelnote ab. Für die rechte Hand wähle ich daher Daumen, Zeige- & Mittelfinger für den Akkord, den kleinen Finger für den Spitzenton. Das ist so mörderisch ungeschmeidig für die Hand, daß ich jedem, dem das auch nur annähernd fließend & im legato gelingt, höchste Bewunderung zollen muß!
„Le Gibet“ wirkt für sich genommen & ohne die zugrunde liegende Szenerie im Kopf geradezu meditativ & seelenbalsamig. Das bizarre Bild des Gehenkten, der in der Abendsonne allmählich von allerlei Getier in Besitz genommen wird, dazu von Ferne das Kirchengeläut – versucht man, sich das vor Augen zu führen, bleibt die Frage: ist das makaber bis geschmacklos? Oder gibt es im Gegenteil dem Tod etwas Versöhnliches? Das muß wohl offen bleiben.
Die abschließende – was das Szenische wie das Pianistische gleichsam betrifft – Hexenküche des „Scarbo“ entzieht sich mir, was eine geeignete Beschreibung angeht. Man muß das hören & erleben.
Jeder der 7 Pianisten & die eine Pianistin, deren Aufnahmen ich im Folgenden mit einer Kurzbeschreibung darstelle, muß als Ausnahmekünstler / in gelten. Wer sich mit dieser Literatur auf die Klavierbank setzt, hat die Spreu-& Weizen-Frage weit, weit hinter sich gelassen.
Dabei halte ich meine Kommentare knapp, denn
1.) kann ich aus handwerklicher Sicht nicht wirklich mitreden & 2.) wäre daher jedes Urteil über das individuelle Können nur anmaßend.
Sfantu (03.01.2020, 12:24):
Pawel Mazurkiewicz (CD, Schweizer Radio DRS / Credit Suisse / Lucerne Festival, 2003) Preisträgerkonzert, Lukaskirche Luzern, 19. August 2003
I 6'30 II 6'15 III 9'00
Der damals 27jährige Preisträger des Prix Credit Suisse Jeunes Solistes beeindruckt vor allem mit seiner weiten dynamischen Breite, hier kommt ihm die formidable Aufnahmequalität entgegen. Das berüchtigte Tremolo in der Ondine gerät recht hölzern - das ist kein gleichmäßiges Wellen-Plätschern. Im Gibet wird der Glockenschlag genau richtig - nämlich klar & deutlich & dennoch dezent - herausgearbeitet.
Sfantu (03.01.2020, 12:35):
Ivo Pogorelich (LP, DG, 1983)
I 7'18 II 6'52 III 9'18
Die Ondine hat etwas mehr Fluß als bei Mazurkiewicz. Der Scarbo wird spektakulär dargeboten. Pogorelich mobilisiert hier Staunen machende Kraftreserven. Die Aufnahme besitzt nicht von Ungefähr ihren Nimbus.
Sfantu (03.01.2020, 12:51):
Jorge Luis Prats (LP, DG Concours, 1980)
I 5'54 II 5'22 III 8'28
Prats gewann im Alter von 21 Jahren 1977 den ersten Preis im Long-Thibaud-Wettbewerb. Die vorliegende Aufnahme entstand live am 11. März 1979 in München (Herkulessaal? Keine Angabe). Auch ihm gelingt das Kunststück eines annähernd fließenden Ondine-Tremolos. Erstaunlicherweise wirkt die Darbietung zu keiner Zeit verhetzt auf mich (wenn man sich die kurzen Spielzeiten anschaut), denn ich bin eher ein Freund gemessener Tempi. Im Scarbo ist Prats der Einzige (in den mir vorliegenden Versionen), der Pogorelich das Wasser reichen kann: mit unglaublicher Pranke, bizarr, bedrohlich, geradezu den Hörer anspringend! Eine großartige Darbietung, wie ich finde!
Sfantu (03.01.2020, 13:04):
Pascal Rogé (LP, Decca, 1975)
I 6'20 II 6'30 III 8'25
Auch nach 2maligem Hören konnte ich keine Notiz zu dieser Platte aufs Papier bringen. Leider muß ich mich hier dem Urteil Zelenkas anschließen. Da ist so garnichts, was aufhorchen ließe - alles ist vergleichsweise mau. Rogé macht seine Sache gut - zweifelsohne! Es ist gemein, so zu sprechen, aber: alle Anderen machen es halt besser. Kennengelernt hatte ich Rogés Spiel mit Poulenc - jene Gesamtaufnahme, die in den 80ern entstand, ist einfach formidabel. Mit dem Gaspard hatte er hier aber keine glückliche Hand (Hände).
Sfantu (03.01.2020, 13:35):
Samson François (LP, EMI, 1967)
I 7'05 II 5'10 III 9'32
Diese sorgfältige Darstellung zeugt von gründlicher Auseinandersetzung mit dem Werk. Besser als ich es beschreiben kann, tat dies nubar auf S. 1 dieses Fadens. Die für meine Begriffe eigentlich unmögliche "totale Egalität" im Ondinen-Tremolo - niemand kommt diesen Ideal näher als François. Im Gibet ist die Glocke klar vernehmbar. nubar merkte an, sie klinge immer wieder mal durch. Ist es zu verstiegen, anzunehmen, das könne vom Pianisten sogar mit Absicht so realisiert worden sein? Schließlich ist im Gedicht auch vom Nachtwind die Rede. Dieser würde natürlicherweise die Schallwellen der Glocke mal mehr & mal weniger deutlich ans Ohr dringen lassen...Falls diese Vermutung zutrifft: was für ein Interpret?! Der Scarbo gewinnt durch mehr Zeit zur Gestaltung.
Sfantu (03.01.2020, 13:43):
Andrej Gawrilow (LP, EMI, 1978)
I 6'30 II 5'20 III 9'10
Schrieb ich, François sei der beste "Wellenritt" gelungen? Gawrilow kam ihm 1978 sehr nahe, liegt fast gleich auf mit ihm. Trotz zügigen Tempos gelingt ihm der Gibet sehr mystisch & versunken. Ein beeindruckender Scarbo - nicht so ins Extrem gehend wie Pogo & Prats. Passagen mit schnellen Tonrepetitionen werden hier messerscharf, fast maschinenhaft exekutiert.
Sfantu (03.01.2020, 14:29):
Andrej Gawrilow (CD, DG,1993)
I 7'14 II 5'21 III 8'49
Mit dieser Aufnahme lernte ich den Gaspard in den 90ern kennen. Dennoch hat sie mit der Zeit den Ersthör-Bonus verloren: oft ist es doch so, daß die Aufnahme, durch die man ein Stück erstmals hörte, eine bleibende Referenz darstellt. Hier, wie gesagt, nicht. Gerade auch, nachdem die bisherigen Konkurrenten (& zwar genau in der gezeigten Reihenfolge) auf meine Ohren trafen, bleibt diese Gawrilow-Version eher blaß. Keine Notiz auf meinem Zettel. Außer, daß die Aufnahmetechnik nicht optimal ist. Ein etwas spitzer Ton ohne genügend räumliche Tiefe, auch scheppern & klingeln die Höhen zum Teil störend.
Sfantu (03.01.2020, 14:46):
Ruth Laredo (LP, Connaisseur, 1968)
I 6'55 II 5'26 III 9'40
Diese Platte kam kürzlich neu in meine Sammlung & war schlußendlich auch der Anlaß, mich wieder in den Gaspard zu vertiefen. Trotzdem behielt ich sie mir bis zum Schluß auf. Bei Laredo klingt alles sehr natürlich & unaufgeregt (gut - beim Scarbo gibt selbstverständlich auch sie den angemessenen Zunder). Sie scheint sich ebenfalls mit Bertrand beschäftigt zu haben. Ihr Spiel ist dementsprechnd erzählend, sie läßt sich Zeit, akzentuiert klug & im Scarbo fehlt es nicht an dynamischen Reserven. Schöner Klavierklang! Allerdings suche ich gelegentlich noch nach einem besser erhaltenen Exemplar.
Sfantu (18.11.2020, 23:45):
Mihaela Ursuleasa (CD, Berlin Classics, 2009)
I 8'25 II 7'27 III 11'42
Es brauchte beileibe keine weitere Gaspard-Version in meiner Sammlung. Ursuleasa machte mich eher wegen Ginastera & Beethoven neugierig. Drum ist Ravel eher eine Art Beifang. Mal sehen, wie sie sich hier schlägt...
Die Pianistin schreibt im Booklet ihres Albums: Was dieses Werk anbelangt, so muß ich erstmal tief Luft holen...In Gaspard de la nuit sehen viele Pianisten einen echten Meilenstein, den es zu überwinden gilt wie einen Achttausender - das ist Klischee. Aber lassen wir die jahrelange Auseinandersetzung mit jenen schwindelerregenden Momenten und Passagen, die dem Pianisten technisch fast unmögliche Fähigkeiten abverlangen, beiseite. Ich habe auch einige Jahre hinter mir, in denen ich mich mit Gaspard beschäftigt habe, und es sollen noch viele kommen.
Dies erfüllte sich leider nicht mehr, denn Mihaela Ursuleasa verstarb kurz vor ihrem 34. Geburtstag im August 2012 in ihrer Wahlheimat Wien an den Folgen einer Hirnblutung.
Ebenfalls enthalten auf diesem Album ist "Joc Dobrogean" (ein Volkstanz - joc = Spiel/Dobrogea = die rumänische Küstenregion) ihres Landsmannes Paul Constantinescu. Ursuleasa selbst stammt aus Brașov (=Kronstadt) in Transsylvanien. Sie war also eine Brașoveanka, eine Kronstädterin. Die Brașoveanka ist gleichzeitig ein beliebter Gesellschaftstanz in Rumänien - nicht so schweißtreibend wie etwa eine "Hora" (ein Gruppentanz ähnlich dem griechischen Tsirtaki). Ich bin sehr Rumänien-affin, da meine Partnerin Rumänin ist, ich mein Rumänisch Schritt für Schritt verbessere & wir planen, spätestens zur Rente dort seßhaft zu werden. Brașoveankas & Horas habe ich daher schon einige getanzt & weiß, welche Ausdauer das kostet... Ein Sprichwort besagt "Die Hora, die man beginnt, muß man zu Ende tanzen". Mihaela Ursuleasa war es nicht vergönnt, weiter zu leben, zu tanzen, zu spielen. & so blieb diese Aufnahme ihre letzte Sicht auf dieses Werk.
Die Spielzeit-Angaben zeigen bereits, daß sie sich Zeit nahm. Die Egalität der Ondine-Wellen kann sie nicht so makellos realisieren wie Samson François. Der Gibet gewinnt durch mehr Ruhe einen umso morbideren Reiz. Scarbo entfesselt bei ihr nicht den Seelenstrip wie bei Pogorelich oder Prats, kann sich mit einem Mehr an Kalkül (& vielleicht einer gewissen ironischen Distanz?) aber dennoch hören lassen.
Die Aufnahme bietet einen natürlichen Klang. Ohne das vielleicht letzte Quäntchen Brillanz, dafür mit schöner Klavierresonanz in den satten, charaktervollen Baßlagen.
Nicht so gesichtslos wie Rogé - doch natürlicher als die genannten Ausloter von Extremen. Vielleicht zusammen mit Laredo so etwas wie die Darbietung des Notentextes, ein Plädoyer für stilsichere Normalität, welche nichts vermissen läßt. Diese Musik kann eben auch packen & erschüttern ohne, daß das Herz gleich in die Hose rutschen muß.