Regisseure auf der Opernbühne - TOP und FLOP

Heike (19.11.2010, 18:00):
Hallo,
das ist leider ein Gebiet, auf dem ich mich eher wenig auskenne. Außerdem kann ich mir schlecht Namen merken und immer, wenn ich in eine Oper gehe, dann frage ich mich 'hab ich schon mal was von dem/der gesehen ... wie war das doch gleich ...' Es gibt nur wenige, die mir bisher so aufgefallen sind, dass ich sie mir gemerkt habe. Also vielleicht kann ich ja dann zukünftig den einen oder anderen hier finden und weiß dann schon, worauf ich mich einlasse.
Daher frage ich mal in die Runde:

1. Wen favorisiert ihr und warum?
2. Wer langweilt oder verärgert euch und warum?
3. Wer polarisiert vielleicht auch oder erzeugt ganz widersprüchliche Eindrücke bei euch?

Mir geht es vor allem um die noch aktiven Regisseure, aber natürlich dürfen auch Lobeshymnen oder Kritiken an diejenigen geschrieben werden, die schon tot sind.
Es wäre schön, wenn ihr den Namen fett schreiben würdet!
Heike
Severina (20.11.2010, 19:03):
Liebe Heike,
interessantes Thema, dazu kommt von mir sicher einiges, aber dazu brauche ich ein wenig mehr Zeit, als ich momentan habe, schließlich sollen es ja nicht nur Namen sein. Also bitte um etwas Geduld!!

lg Sevi :hello
Heike (20.11.2010, 23:25):
Liebe Sevi, ich habe sehr gehofft, zu dem Thema von dir zu lesen - also, ich gedulde mich gerne! Vielleicht kann ja inzwischen der eine oder andre auch seine Favorriten oder NoGos ins Spiel bringen.
Heike
Fairy Queen (21.11.2010, 07:42):
Liebe Heike, mein Lieblingsregisseur ist im Moment Davd McVicar
Wenn er Händel inszeniert, dann sprüht und ba-rockt es in aller Farbenpracht nur so vor sich hin. :leb :leb :leb
Ich kann gar nciht genug davon bekommen. Sein Orlando und sein Giulio Cesare haben mich restlos begeistert und geradezu wunschlos glücklich gemacht :down :down :down
Massenets Manon aus seiner Feder fand ich auch serh gut, etwas weniger den Don Carlo- das ganz grosse Drama scheint ihm weniger zu liegen.
Der Figaro, der ja soeben in einem anderen Thread besprochen wird, ist für mich auch ein Meisterwerk erster Güte und derzeit mein Lieblingsfigaro.
Was mir an seinen Barock-Inszenierugnen so ganz besonders gefällt, ist die Behandlung der oft ewig langen Da-Capo Arien. Da wird getanzt, sich bewegt und im wahrsten sinne des wortes ba-rockt. McVicar hat mein Händel-Verständnis so beinflusst, dass ich neulch beim Singen einer Arie aus dem Messias gar nicht anders konnte als dabei zu tanzen! Mir erschien das komplett organisch und zwingend. Lahmen Händel ertrage ich hinfort überhaupt nciht mehr. Die mich gehört/gesehen haben, haben erst grosse Augen gemacht, sich aber von der guten Laune zu gerne anstecken lassen!

Ich mag natürlich auch viele andere Regisseure! Laurent Pelly, Adran Noble, Robert Lepage, Claus Guth, Konwitschny, ganz viele No-names etc etc....


F.Q.
Heike (21.11.2010, 09:52):
McVicar - das ist zum Beispiel ein Name, den ich überhaupt nicht kenne, ebenso alle anderen genannten. Danke Fairy.
Heike
schwarzehand (21.11.2010, 13:39):
Original von Fairy Queen
etwas weniger den Don Carlo- das ganz grosse Drama scheint ihm weniger zu liegen.

Der Frankfurter Don Carlo von ihm war ja auch so eine Sache... opulente Kostüme, kilometerlange Seidenstoffe, wuchtiges (Einheits-)Bühnenbild, viel Rampensingen... Viele Kritiker waren enttäuscht, nannten die Inszenierung langweilig und abgedroschen, aber das Publikum hat dem Opernhaus die Türen eingerannt...
Fairy Queen (21.11.2010, 14:11):
Lieber Schwarzhand, ich war da und fand es zwar nciht langweilig, aber auch nicht 100ig überzeugend. Mich hat wahrschienlich der Konwitschny Don Carlos für alle Zeiten verdorben.....
Ich glaube McVicar entfaltet sein grosses Talent am besten, wenn auch etwas Komik oder mindestens Ironie und viel Spielerisches dabei ist. Eine Tragödie wie Don Carlos schien mir nciht ganz sein Ding zu sein.
Gegen schöne Kostüme ist doch nichts einzuwenden-oder?
Ich bi ndas von Frankreich ohnehin gewohnt und was ich da auf deutshen Bühnen shcon geboten bekam..... X( Entweder wird hier im Land der Mode allegemein mehr Wert darauf gelegt oder in Deutschland gelten gute Kostüme gleich als Zeichen für oberflächliche Inszenierungen.
Man muss ja nicht so übertreiben wie an der MET, aber Sänger in unvorteilhafte Säcke zu stecken kann auch nicht die Lösung sein.
F.Q.
Rideamus (21.11.2010, 15:57):
Fairys Nominierung des Schotten David McVicar schließe ich mich wegen der Londoner NOZZE DI FIGARO und der MANON aus Barcelona gerne an, denn der hat mich noch nie enttäuscht, auch nicht mit der Londoner ZAUBERFLÖTE oder den Salzburger CONTES D'HOFFMANN, die ich gerne mal ausführlicher kommentieren würde, als es mir jetzt gerade meine Zeit erlaubt.

Offensichtlich habe ich eine Affinität zu angloamerikanischen Regisseuren, denn auch meine beiden nächsten Nominierungen kommen aus diesem Raum. Natürlich können sie auch mal Ausreißer fabriizieren wie der Engländer Robert Pountney mit seiner verunglückten Wiener FORZA DEL DESTINO. Er gefiel mir besonders mit Werken, die etwas abseits des Repertoires liegen, wie Johann Strauß' SIMPLICIUS aus Zürich oder Kurt Weills STREET SCENE aus London. Beeindruckt war ich aber auch von dem Zürcher MACBETH oder der (älteren) FAIRY QUEEN aus Glyndebourne - um nur die zu nennen, die ich- im Gegensatz zum FLIEGENDEn HOLLÄNDER aus Cardiff, noch gut erinnere.

Was mir an ihm besonders gefällt, ist seine Einfallskraft, die aber nie ins Eigenbrötlerische kippt. Außerdem, und das hat er mit McVicar und dem Kanadier Robert Carsen gemeinsam, den ich auch noch nominieren möchte, seine stets sehr detaillierte, sorgfältige Personenregie. Wie alle Statements hier beruhen diese übrigens ausschließlich auf den DVDs, die ich von ihnen kenne, da ich kaum noch in die Oper komme.

Von Robert Carsen habe und mag ich vielleicht die meisten Arbeiten, so dass ich nur ein paar besonders spektakuläre nenne, als da wären: der berauschende Boito-MEFISTOFELE aus San Francisco mit Samuel Ramey, seine überzeugende RUSALKA aus Paris, ein herrlicher MIDSUMMER NIGHT'S DREAM aus Barcelona, der mich fast mit der in meinen Ohren etwas sperrigen Musik versöhnte, die herrlich komische Zürcher und jetzt Wiener SEMELE, die vielleicht beste Inszenierung der DIALOGUES DES CARMELITES aus Mailand und natürlich die herrlichen BORÉADES unter der Leitung von William Christie mit Barbara Bonney.

Von den drei genannten schafft Carsen vielleicht die spektakulärsten Bilder, weshalb er besonders in Barockopern und anderen Werken zur Entfaltung kommt, die eine einfallsreiche Ausgestaltung brauchen, während ohnehin schon bunte Werke wie CANDIDE, den er in Paris auf die Bühne brachte, leicht überladen wirken.

Jedenfalls würde ich mir von allen Dreien jederzeit eine neue Inszenierung ansehen wollen, was mir bei den aktiven Deutschen noch am ehesten bei Claus Guth so geht. Aber das wäre schon eine vierte Nominierung. Deshalb sollte ich jetzt besser :ignore

:hello Rideamus
Heike (21.11.2010, 19:16):
Danke auch dir lieber Rideamus, besonders deshalb, weil mir auch Robert Pountney und Robert Carsen bisher gar keine bekannten Namen sind! Da kann man mal sehen! Aber ich hatte es geahnt, dass ich da fast nichts weiß.
Heike

P.s. ihr müsst um Himmelswillen nicht jeden Operntitel fett schreiben, mir ging es bei meinem diesbezüglichen Wunsch nur um den Namen des Regisseurs, damit er bei der Suche schnell ins Auge fällt! Oder ihr schreibt ihn in den Betreff.
Heike (04.12.2010, 13:57):
Kann jemand was zu Krzysztof Warlikowski sagen? Ich habe nächste Woche das Vergnügen, seine neue Inszenierung von Strawinskys "The Rake's Progress" in Berlin zu sehen. Metzmacher am Pult verspricht gute Musik, aber wofür steht der Regisseur? Hat jemand schon mal was von ihm gesehen?
Heike
Rideamus (04.12.2010, 15:05):
Ich kann Dich leider auch nur auf Wikipedia verweisen, aber was da steht, klingt sehr interessant: http://www.youtube.com/watch?v=Bfni14vIF3o

I Tamino gab es 2007/08 eine Diskussion seines Münchener ONEGIN, den Emotione sehr eindrucksvoll, wenn auch etwas überzogen fand.

Mehr kann ich mangels eigener Anschauung leider nicht sagen. Ich würde aber mit positiven Erwartungen hin gehen, zumal der Strawinski allemal gute Musik bietet.

:hello Rideamus
Severina (04.12.2010, 15:53):
Ich möchte mich Rideamus' Eloge auf Robert Carsen vorbehaltlos anschließen, er rangiert auch auf meiner Favoritenliste ganz oben.

Carsen praktiziert einen Stil, der mir einfach liegt, das beginnt bei den sehr reduzierten, aber trotzdem noch ästhetischen Bühnenbildern, die fast immer eine ungemein suggestive Atmosphäre erzeugen.
Sein Regieansatz ist nicht der eines der "jungen Wilden", die prinzipiell das Unterste nach oben kehren, weshalb er auch vielen Anhängern des so genannten Regietheaters viel zu zahm ist, seine Zeitverschiebungen ergeben immer Sinn, er inszeniert nie gegen die Musik, und wenn es sich mit dem Libretto spießt, so doch immer so, dass es für mich trotzdem akzeptabel ist.
Neben den von Rideamus bereits erwähnten Inszenierungen liebe ich ganz besonders seine Züricher "Tosca", die ich sehr genau bei Capriccio rezensiert habe (Leider bin ich zu dämlich zum Verlinken, vielleicht kann mir jemand beistehen :S). Schon für das Klassikforum habe ich Carsens "L'incoronazione di Poppea" im ThadW besprochen, ist nur schwieriger zu finden, da es noch nicht im ThadW-Thread steht und überdies unter WSO, 29. Jänner 2010 läuft.....
Ganz großartig, aber leider nicht auf DVD verewigt, war vor vielen Jahren seine "Lucia di Lammermoor", ebenfalls in Zürich, die er in eine moderne Militärdiktatur verlegte mit Lucia als Bauernopfer im brutalen Spiel der Mächtigen. Nie ist mir diese Oper mehr unter die Haut gegangen als damals, ich stand noch tagelang ganz im Bann (oder besser Schock) dieser Aufführung.
Natürlich gelingt auch einem Robert Carsen nicht alles. So geht das Konzept seiner Wiener "Manon Lescaut" in meinen Augen nur in den ersten beiden Akten auf, aber nicht mehr im letzten. Er versetzt die Handlung in ein modernes Einkaufszentrum, zeigt Manon als Opfer der Konsumgesellschaft, die Gier und Oberflächlichkeit von Menschen, die eitlem Tand nachjagen und doch mit leeren Händen da stehen. Das schafft in den beiden ersten Akten unter die Haut gehende Bilder, aber dann geht es nicht mehr zusammen, denn dass Des Grieux es nicht schafft, in einem Einkaufszentrum Wasser aufzutreiben, ist natürlich lächerlich.
Spektakulär war Carsens "Trovatore" für die Bregenzer Seebühne, den er in einer Ölraffinerie ansiedelt. Allerdings muss man das wirklich live gesehen haben, die DVD vermittelt einen völlig verwaschenen Eindruck. Obwohl einem dieser Rahmen auf den ersten Blick absurd erscheint für Verdis Schauerromantik, die er gerade in dieser Oper entfesselt, gelangen Carsen einige unglaublich starke Momente. Unvergesslich wird mir das Bild bleiben, als der Chor der Zigeuner, bei Carsen ausgebeutete Raffineriearbeiter, wie Lemuren zwischen dem angehäuften Industriemüll auf der Vorderbühne herauskriechen, sich immer bedrohlicher der steil aufragenden, rostigen Eisenwand, die den Konzern wie eine Festung umgibt, nähern und mit ihren Hämmern wütend darauf einschlagen, während oben auf der Mauer die Wachmannschaften ihre MGs in Anschlag bringen. Das wirkte live ganz unglaublich. Weiter oben bestand das Bühnenbild nur aus einem Labyrinth von Rohrleitungen, Eisentreppen und Stegen, was den Nachteil hatte, dass man die Sänger oft suchen musste. Dafür loderten hier wirklich die Flammen zum Himmel, und zwar nicht nur während Manricos Stretta. Dass gerade bei meiner Aufführung die Sonne so spektakulär versank, dass es schien, der ganze Bodensee stünde in Flammen, wird diesen Abend für mich für immer unter die unvergesslichen einreihen.

lg Sevi :hello
Rideamus (04.12.2010, 19:58):
Liebe Sevi,

hier sind die gewünschten Verlinkungen.

Zur TOSCA: http://www.capriccio-kulturforum.de/berichte-von-opernauff%C3%BChrungen-und-konzerten/116-puccini-tosca-oper-z%C3%BCrich-27-gp-und-29-pr-m%C3%A4rz-2009/?highlight=Tosca+Carsen

und zur POPPEA: http://www.das-klassikforum.de/thread.php?threadid=1381&hilight=Poppea

:hello Rideamus
Heike (30.01.2011, 13:40):
Für mich eher ein FLOP- Erlebnis war Benedikt von Peter, dessen Fidelio - Inzenierung ich Freitag an der KOB gesehen habe.

Er inszenierte die Urfassung von 1805, was ich ja erst mal interessant und lobenswert finde. Aber die Umsetzung, für mich grauslig, völlig unstimmig und nicht gelungen. wobei die Idee ja durchaus denkbar ist; er verlegte die Handlung in die Neuzeit, 4 Menschen bauen "das Theater" ab (im Sinne von wickeln es ab); dann tauchen die Geister aus Fidelio auf und überzeugen die Menschen davon, dass es noch Utopien gibt, dass man für die Dinge einstehen sollte; das Werk Fidelio will das Theater also retten .... wobei das nicht wirklich gelingt. Soweit so gut, aber das Ganze war ein einziges aufgeblasenes philosophisches Etwas; von der Personenführung denkbar schlecht umgesetzt, für mich unschlüssig in vielen Details und dümmlich plakativ in anderen. Rein optisch ein Riesencontainer auf der Bühne, wo Müllsäcke hin und hergeworfen werden, Zuschauerbänke abmontiert werden, man Symbole wild durch alle Zeiten umherträgt, Lärm mit Bohrmaschinen macht und Schneiderpuppen liebkost. Mir mangelte es sowohl an überzeugender konzeptioneller Umsetzung der Idee als auch an Gefühl. Keine Empfehlung für diesen Regisseur bei meiner ersten Begegnung mit ihm.
Heike