Toni Bernet (06.04.2023, 17:49):
Eine Komposition wie René Leibowitzs Violinkonzert op. 50 ohne Partitur zu beschreiben, dürfte wohl nur eine Annäherung an ein meines Erachtens hörenswertes Violinkonzert sein. Eine Partitur liegt nicht gedruckt vor. Es gibt auch bloss eine CD-Aufnahme, allerdings in brillanter Interpretation von Ivry Gitlis. Allein dessen Geigenspiel lohnt die Höranstrengung. Doch steckt auch in Leibowitzs Komposition viel Ausdrucksmusik und existentielle Stringenz. Zudem spürt man in diesem Violinkonzert die Auseinandersetzung des Dirigenten mit Beethovens Violinkonzert, das er in einer beispielhaften Weise zusammen mit dem Geiger Rudolf Kolisch auf Schallplatte aufnahm. Beethovens Musik, richtig, in den von Beethoven intendierten Tempi und transparent luftig gespielt, war für Leibowitz etwas Existentielles, ein herausragendes Phänomen, eine Utopie für den Geist der Moderne. Seine Einspielungen der Beethoven Sinfonien als Dirigent sind legendär. Etwas von diesem beethovenschen Anspruch und Geist der Moderne prägt nach meiner Meinung auch dieses leider vernachlässigte Violinkonzert.
Einen ersten Zugang zu seinem Violinkonzert in einem Satz op. 50 gibt Leibowitz selbst:
«Das Werk entstand im Frühjahr und Sommer 1959 auf Anregung des Geigers Ivry Gitlis, dem es gewidmet ist. Es lag dem Autor nichts anderes vor als ein echtes konzertantes Stück zu komponieren, welches nicht nur die Errungenschaften der modernen Geigen- und Orchestertechnik verwenden wollte, sondern auch gewissen formalen Problemen unserer Zeit eine authentische Lösung zu geben versucht. Im Großen und Ganzen ist das Werk einsätzig (in dieser Hinsicht dienten als Vorbilder verschiedene Werke derselben Art Arnold Schönbergs). Eine dreiteilige Gliederung lässt sich jedoch leicht feststellen: Exposition (meistens im Allegro Charakter), langsamer Satz (Variationen), Finale (Rondo). Eine lange Solo-Kadenz findet sich zwischen den beiden letzten Sätzen, eine zweite, von den Pauken begleitete Kadenz leitet in die Engführung vor der Coda des letzten Satzes.
Die thematischen Elemente der Exposition werden erst in den Zwischenspielen des Finales durchgeführt und auf diese Weise sind Ecksätze thematisch verknüpft. Dagegen ist der langsame Satz selbständig konzipiert. Als Vorbild diente dafür der langsame Satz des Beethovenschen Violinkonzerts, ein Werk, dessen wirkliche Bedeutung heute noch scheinbar oft missverstanden wird und dessen extreme Konsequenzen erst heute zur völligen Entfaltung gelangen können. Eine in der Solostimme ornamentale Variation des Themas in den Mitteln der Zwölftontechnik zu ‘verfertigen’, war für den Autor eine Aufgabe von besonderem Reiz.» (zitiert aus dem Begleitheft der DIVOX-CD mit Werken von René Leibowitz).
Eine vorläufige Annäherung zum hörenden Nachvollzug dieses Violinkonzertes findet sich hier:
https://unbekannte-violinkonzerte.jimdofree.com/20-jahrhundert/leibowitz/