Reynaldo Hahn- Quintessence und Apotheose der Belle epoque

Fairy Queen (18.01.2011, 12:45):
Quintessenz und Apotheose der Belle Epoque- Reynaldo Hahn

Hier nun, nach der Aufforderung von Rideamus, im Rätselthread, eine Reanimation des im Tamino- Forum unerwünschten/gelôschten/verlorenen gegangenen Threads zu dem Komponisten, Pianisten, Sânger, Salonliebling, Musik-und Kulturkritiker, Operetten- und Varietéstar und Operndirektor Reynaldo Hahn. In Deutschland leider nur wenigen Eingeweihten bekannt, was ich in virtuellen Welten und auch bereits in sängerischer Praxis seit Jahren mit grossem missionarischem Eifer zu ândern versuche. Ich bitte, enthusiastische Begesiterungsausbrüche, die dem ein oder anderen übertrieben erscheinen, nachzusehen. Seine Lieder sind fûr mich wirklich Kleinodien der ersten Klasse und alles andere als "Salonmusik". Das übrige Werk kann da m.E. nciht mithalten, auch wenn die Operetten reizend und immer ein bisschen melancholisch sind und auch wenn es Kammermusik gibt, die sich nciht verstecken muss. Aber das möge jeder selbst beurteilen, ich bin natürlich schamlos subjektiv.




„Niemals seit Schumann hatte die Musik eine so tiefe menschliche Wahrhaftigkeit, eine solch absolute Schönheit, um die Schmerzen, die Zärtlichkeit, den Frieden in der Natur zu zeichnen. Leicht nach hinten gelehnt, mit melancholischem, ein wenig verächtlichem Mund, dem eine rythmische Woge der schönsten Stimme entströmt, der traurigsten und wärmsten Stimme, die es je gegeben hat, so zieht dieses geniale Musikinstrument, das sich Reynaldo Hahn nennt, die Herzen in seinen Bann, lässt alle Augen feucht werden im Schauer der Bewunderung, die sich weit ausbreitet und uns zittern macht und uns einen nach dem Anderen in ein stilles, feierliches Wogen , so wie ein Weizenfeld im Wind zieht“ Marcel Proust – (übersetzt von mir)



Diese Worte hat ein Liebender, der später zum lebenslangen Freund wurde, über Reynaldo Hahn geschrieben und wenn man wie ich davon ausgeht, dass Liebe nciht blind sondern sehend für das Wesentliche eines Menschen macht, wäre damit bereits Alles gesagt.

Dass ich trotzdem hier nicht aufhöre und noch viel mehr zu diesem von mir tief verehrten Universal-Künstler erzählen möchte, möge man mir bitte nachsehen.


Reynaldo Hahn gehörte bereits seit seiner Geburt am 9.8. 1874 (nach neuesten Quellen von Patrick O’Connor ist er nicht erst 1875 geboren) in Caracas/Venezuela zu den Glückskindern dieser Welt, denen als unsichtbare Taufpaten herbeigerufene Feen ihren kostbarsten Gaben in die Wiege legen.

Mit allen Talenten gesegnet, die sich ein Mensch nur wünschen kann, dazu in eine sehr wohlhabende, gebildete und offenbar auch liebevolle Großfamilie mit 10 Geschwistern hineingeboren und im Alter von vier Jahren in der damaligen Kulturhauptstadt der Welt, Paris, angekommen, hatte er die günstigsten Voraussetzungen zu einem erfüllten Leben.

Sein Vater Carlos Hahn war deutsch-jüdischer Abstammung, hatte in Venezuela ein großes Vermögen erarbeitet und war zum Berater des Präsidenten aufgestiegen. Als nach dem Sturz dieses Präsidenten eine Auswanderung ratsam schien, zog die Familie Hahn nach Paris um und fand dort sehr rasch Eingang in die Pariser Gesellschaft- was nicht nur am Reichtum des Vaters sondern auch am Charme, umfassender Bildung und Kommunikationstalent der venezuelanischen Mutter Elena-Maria lag.

Diese Gaben muss sie in potenzierter Form an ihren jüngsten Sohn vererbt haben, denn die Pariser Salon wurden zur geistigen und sozialen Heimat Reynaldos, und das bereits seit frühester Jugend.
Ihnen verdankt er seine alle Genres umfassende künstlerische Entwicklung und seinen unverwechselbaren Stil. Hier nahmen seine menschlichen und beruflichen Beziehungen ihren Ausgang. Hier wurden seine Werke aufgeführt, hier erlebte er die glücklichsten und erfülltesten Jahre seines Lebens.

Reynaldo Hahn gehörte zur Sparte der musikalischen Wunderkinder. Mit einem ausgesprochen melomanen Vater (er war vor allem der Operette zugeneigt und am Bau des Musiktheaters in Caracas aktiv beteiligt) und 5 klavierspielenden Schwestern beschenkt, gehörte Musik zum Alltag im Hause Hahn und Reynaldo erinnerte sich :

„ Ich glaube, mit drei Jahren,, eben so groß wie der Klavierschemel, konnte ich bereits meine Finger auf der Tastatur bewegen. Mit 5 Jahren, daran habe ich genaue Erinnerung, spielte ich zur Freude und höchsten Zufriedenheit meiner Familie. Mit 8 Jahren komponierte ich. Eine italienische Klavierlehrerin, brachte mir sehr jung das Niederschreiben von Musik bei. Und weil in meinem kleinen Gehirn bereits Arien erklangen, schreib ich sie auf - mit dem stolzen Gefühl, etwas Dauerhaftes aufs Papier gebracht zu haben.“

Seinen ersten öffentlichen Auftritt hat das Wunderkind im Salon der Napoleon-Nichte Prinzessin Mathilde de Metternich.
(diese vielbewunderte und hofierte Gesellschafts-Dame sagte in weiser Selbsterkenntis, sie würde noch weiter Orangen in Ajaccio verkaufen, wenn nicht Napoleon ihr Onkel gewesen sei)

Wie Mozart, der zeitlebens Hahn großes Idol blieb, entzückte der kleine Prodigé in Samt und Seide gewandet, die Noblesse von tout Paris mit Gesang und Klavierspiel. Es wird berichtet , dass er vor allem Offenbach Operettenarien zum Besten gab.

Mit 12 Jahren wurde er schließlich am Conservatorium aufgenommen, einer der jüngsten Schüler , die diese Wiege der frz. Musikelite je hatte.
Er trat schnell in die Kompostionsklasse von Jules Massenet ein und hatte dort u. A. Maurice Ravel und Gustave Charpentier zu Studienkollegen.

Fortsetzung folgt
Fairy Queen (20.01.2011, 09:31):
Am Pariser Conservatoire verbreitete sich der Ruf des neuen Wunderkinds Reynaldo Hahn rasch.
Charpentier, der von seiner pianistischen Virtuosität verblüfft war, schrieb folgendes Verslein:

du do premier au final do
glissent les doigts du Reynaldo

(vom ersten bis zum letzten C gleiten die Finger von Reynaldo)

Nicht nur seine große und frühe Begabung sondern auch sein außergewöhnlicher Charme haben Hahn immer wieder Wege zu den berühmtesten und einflussreichsten Menschen seiner Zeit geebnet.
So nahm ihn Alphonse Daudet in seine Familie auf, Gounod gab ihm Privatunterricht und bereits dem 14jährigen standen alle Türen zum Erfolg offen:

Er komponierte seinen ersten großen Hit, das Lied „Si mes vers avaient des ailes“ und war damit nicht nur in aller Munde sondern auch in aller Salons.

Si mes vers avaient des ailes


Hier nun einige erste Worte zu "Si mes vers avaient des ailes", ein Lied, das Hahns Ruhm im zarten Alter von 14 Jahren begründete und auch aus heutiger Sicht noch zu den Perlen seiner Kompositionskunst gehört.

Zum Textdichter dieses Debüts hat er niemand Anderen als den allseits beliebten Victor Hugo gewählt, dessen Gedcihte poetische Grundlage zahlloser frz. Lieder geworden sind.

Mes vers fuiraient, doux et frêles,
Vers votre jardin si beau,
Si mes vers avaient des ailes,
Des ailes comme l'oiseau.

Ils voleraient, étincelles,
Vers votre foyer qui rit,
Si mes vers avaient des ailes,
Des ailes comme l'esprit.

Près de vous, purs et fidèles,
Ils accourraient, nuit et jour,
Si mes vers avaient des ailes,
Des ailes comme l'amour!

(falls eine Übersetzung erwünscht ist, bitte melden)

Man muss unwillkürlich an Mendelssohns "Auf Flügeln des Gesanges " denken und der Charakter beider Lieder ist auch tatsächlich ziemlich ähnlich.
Beide haben nicht nur Textparallelen sondern etwas Schwebendes, Zärtliches und bezaubernd Fliessendes.
Was für Hahns Stil und die frz. Liedkunst im Allgemeinen typisch ist.
Inwieweit Hahn sich bei diesem Lied an Mendelssohn orientiert hat, weiss ich leider nicht.

"Si mes vers avaient des ailes" steht im Original in D-dur, die Tessitura reciht vom H bis zum f2 und hat einige schwierig zu singende Aufschwünge und langanhaltende hohe Töne im piano zu bieten.
Hahn hat seine Lieder in erster Linie so geschrieben, dass er sie selbst problemlos singen konnte. Er war demnach ein guter , gut ausgebildeter Sänger.
Dabei begleitet er sich meistens eigenhändig- was wirklich von einer aussergewöhnlichen Virtuosität und Selbstverständlichkeit als Pianist zeugt, denn die Klavierstimmen seiner Lieder sind alles Andere als mal so nebenbei zu absolvieren.
Im vorliegenden werden fortlaufende Sechzehntel-Arpeggi verlangt, bei denen sich auch jeder Klavier-Profi sehr leicht mal vergreifen kann.

Dabei dann auch noch eigenständige Liedstimme zu singen, ist mehr als respektabel und beinahe genial.


Reynaldo Hahn hatte eine leichte Baritonstimme- einen sogenannten Baryton Martin, der typisch für das frz. Liedfach und auch leichtere Opernpartien ist.

Hahns Stimme hat ein unverwechselbares Timbre, ein riesiger Pluspunkt für jeden Sänger, und ist für mein Ohr sehr angenehm anzuhören.

Von Musikalität , Phrasierung, Diktion und all den Tugenden, die ein solches Vollbluttalent von Hause aus mitbringt, muss ich kaum etwas sagen.
Er hat sich auch im Tenorfach versucht, aber seine recht nasale, leicht geführte und im Vordersitz fixierte Stimme hätte entweder eine etwas andere Gesangstechnik gebraucht, um die enge Höhe zu öffnen oder er war einfach kein Tenor.

Jedenfalls kann mich sein Ferrando "Un aura amorosa" nicht überzeugen.
Seine Lieder hat er auch entsprechend in einer für einen leichten Bariton angenehmen Mittellage komponiert, was den Vorteil hat, dass sie heute von fast allen hohen und mittleren Stimmen problemlos gesungen werden können.(es gibt für einige Lieder auch hohe Ausgaben )
Es gibt eine Raritäten CD im Handel auf der man Hahns Stimme mit selbstkomponierten Liedern und anderen Stücken bewundern kann.





Diese Cd war ehedem serh teuer, aber inzwischen bekommt man sie zu annhehmbaren Preisen.

Fortsetzung folgt
Severina (20.01.2011, 10:44):
Liebe Fairy,
danke, dass Du Deinen wunderbaren Thread wiederbelebt hast, denn zumindest bei mir ist Dein missionarischer Eifer punkto Hahn auf fruchtbaren Boden gefallen. :thanks Ich werde gleich die Feengabe aus Lille kreisen lassen und aus besonderem Anlass :wink ganz fest an Dich denken!
lg Sevi :hello
Fairy Queen (21.01.2011, 08:41):
Liebe Sevi, das freut mich natürlich ungemein und empfehlenswerte Cds können jederzeit von dir und Anderen vorgestellt werden- Rideamus hat ja in seinem Râtselthread bereits damit begonnen.
Ich mache erstmal mit der hochinteressanten Biographie weiter:


Weiter geht es mit Reynaldo Hahns Conservatoriums-Ausblidung. Diese Kaderschmiede des musikalischen Frankreich wurde damals gerade von Ambroise Thomas geleitet.( vielfach unterschätzter Kompnist von Hamlet, Mignon etc)
Reynaldo Hahn war der Benjamin in der Klasse von Jules Massenet und erfreute sich in dieser Position größter Hochachtung und Wertschätzung seines Lehrers wie auch seiner (später) prominenten Mitschüler.

Er sagt dazu:

Massenet war sehr gut zu mir. Er ließ kein Möglichkeit aus, mich bei einflussreichen Leuten einzuführen und mit seinen Freunden und Bekannten von mir zu sprechen. Er lud mich ein und war vollkommen liebenswürdig. Er sang sogar eines meiner Lieder zu meinem Kompositionsexamen und das war ein ziemlicher Erfolg bei der Jury
Gleichzeitig riet ihm Massenet aber ab , sich für den renommierten Prix de Rome anzumelden, der eine heiß begehrte Visitenkarte aufstrebender junger Komponisten war.

Er führte dazu folgende Gründe an:
„Du bist kein Franzose. Deine Eltern sind reich und man würde Dir vorwerfen, den Platz eines Deiner Kameraden weggenommen zu haben“
Das ist auf den ersten Blick sehr einleuchtend.

Ob Massenet nicht daneben auch bereits ahnte, dass Reynaldo Hahns Kompositionsstil nciht den Anforderungen der Zeit und des Preises entsprach und ihm eine Enttäuschung ersparen wollte bleibt eine mir offene Frage.

Reynaldo Hahn erlangte seine umfassende Kultur nicht in der Schule- er hat nciht einmal Abitur gemacht- sondern im regen Umgang mit der Bildungselite seiner Zeit, einem hervorragenden Gedächtnis , umfangreicher Lektüre und genauen Beobachtungen.
Er war im Grunde- abgesehen von der Musik- ein hochbegabter Autodidakt.
Da seine finanzielle Zukunft durch das Familienvermögen gesichert war, musste er keiner bezahlten Tätigkeit nachgehen , sondern konnte seine diversen Talente nach Lust und Gelegenheit zur Entfaltung bringen.

Nach „Si mes vers avaient des ailes », war die Vertonung der „Chansons grises“ von Paul Verlaine sein zweiter durchschlagender Erfolg.
Paul Verlaines Gedichte haben die besten französischen Liedkomponisten zu Meisterwerken inspiriert. Als Hahn 1893 Verlaine vertonte hatte Fauré bereits seinen Venise- Cycle beendet und befasste sich mit „La bonne chanson“ . Und Claude Debussy sollte ebenfalls einige hervorragende Lieder zu Verlaines Gedichten komponieren









Im Haus des großen frz. Schriftstellers Alphonse Daudet, der Reynaldo Hahn wie einst Saul den David quasi als „Gesangstherapeuten“ engagiert hatten um seine schmerzhafte Krankheit zu beruhigen, wurden die Chansons Grises 1893 von einem Gesangsstar ihrer Zeit uraufgeführt: der amerikanischen Sopranistin Sybil Sanderson,(u.A. Massenets erste Thaïs).
Der Erfolg war überwältigend.
Verlaine selbst, der den zahllosen Vertonungen seiner Verse eher kritisch gegenüberstand, soll in Tränen ausgebrochen sein und Stéphane Mallarmé zeigte sich von Reynaldo Hahns Sensibilität und Empathie im Hinblick auf in Musik gesetzte Poesie so beeindruckt, dass er ihm folgendes Gedicht schrieb:

Les pleurs qui chante au langage
Du poète Reynaldo Hahn,
tendrement le dégage
Comme en allée un jet d’eau

Eine Übersetzung wage ich nur, wenn Bedarf besteht, Mallarmé entzieht sich eigentlich jeder anderen Sprache.

Zu den Chansons grises, bzw zu deren berühmtestem Lied „L’heure exquise“ werde ich später noch Detaillierteres sagen. (man kann aber auch die serh ausführliche und schöne Râtselauflösung von Rideamus dazu nehmen!)

Mit 19 Jahren war Reynaldo Hahn ein berühmter Mann, in den alle Welt die grössten Hoffnungen setzte.
Neben der Arbeit an seinem ersten gemischten Liederbuch"Prémier receuil de mélodies" und den "Chansons grises" hatte er eine Bühnenmusik zu Daudets Theaterstück L’obstacle komponiert und seine erste Oper „L’ile de rêves“ geschreiben, die 1898 uraufgeführt wurde.

Zahlreiche Frauen der Gesellschaft umschwärmten den jungen, erfolgreichen, sensiblen, überaus charmanten und außerdem attraktiven Mann.
Er selbst verehrte diese Damen eher als „große und perfekte Kunstwerke“.
Eine typische Anekdote ist seine „leidenschaftliche Liebe“ zu der stadtbekannten Schönheit, Tänzerin, Romanautorin und Kurtisane Liane de Pougy. Von ihr wird überliefert, dass einer ihrer eifersüchtigen Ehemann, der u.A. Soldat war, sie einmal in flagranti mit einem ihrer Liebhaber überraschte und ihr in rasendem Zorn zwei Pistolenkugel in jede Seite ihres sicher anbetungswürdigen Hinterteils jagte.
Die Dame hatte dabei nur eine Sorge: sie fragte den behandelnden Arzt, ob man später etwas davon sehen würde.
Er antwortete: „Madame, das hängt ganz von Ihnen ab“




Dass Liane de Pougy, die eine sehr interessante Lebensgeschichte hat, unter Anderen Geliebte der amerikanischen Skandalautorin Nathalie Clifford-Barney war und im Alter einem Dominikanerorden beitrat, sind weitere pikantes Detail, das ich hier nicht vorenthalten möchte.

Diese „grande horizontale“(wie sie in meiner Quelle genannt wird) war also Gegenstand Hahns glühender Verehrung geworden, aber offenbar klug und einfühlsam genug, das Wesen und evtl auch die eigentliche Neigung ihres Galans zu erkennen. Sie schrieb ihm Folgendes:

„Sie sind der einzige Mann, dem ich mich gebe und der mich nciht besitzen wird.(....) Nein, mein Reynaldo, wir sollen die Früchte der Liebe nicht pflücken, wir werden uns mit ihrer schöne Blüte begnügen, wir werden im Zustand des Verlangens bleiben. Mein Reynaldo, du hast Recht, ich war eine Laune des Augenblicks, Du bist einer, der vorübergeht und ncihts mehr.“

Diese Zeilen sind wahrscheinlich charakteristisch für Hahns Beziehung zu Frauen im Allgemeinen und kurze Zeit später, nämlich 1894 im Salon der Malerin und Gesellschaftsdame Madeleine Lemaire begegnete er dem drei Jahre älteren und bis dato noch vollkommen erfolglosen Marcel Proust, der zunächst sein Geliebter und später lebenslanger enger Freund wurde.
Fairy Queen (23.01.2011, 09:18):
Bevor ich zu Marcel Proust komme, will ich die "Chansons grises" vorstellen, den Liedzyklus nach Verlaines Gedichten, mit dem sich Reynaldo Hahn noch vor seinem 20igsten Lebensjahr in die Herzen der Pariser komponierte, spielte und sang und mit dem er seinen Ruhm begründete.

Die "Chansons grises" sind ein kurzer Zyklus nach sieben Gedichten von Paul Verlaine, die Reynaldo Hahn 1893 komponiert hat .



Die Titel lauten:

Chanson d'automne
Tous deux
L'allée est sans fin
En sourdine
L'heure exquise
Paysage triste
La bonne chanson

Der Zyklus hat zwar keinen thematischen Zusammenhang, aber beschwört eine Stimmung herauf, die so charakteristisch für das Lebensgefühl der Belle epoque war, dass Hahn viele Jahre damit zur Attraktion aller wichtigen Salons wurde.
Sein ganz persönlicher Stil zeigt sich hier in nuce- die Musik ist sanft, zärtlich, melancholisch, zart und schwebend- von einer Sehnsucht, die nie und nirgends erfüllt werden kann, durchwoben. Die Deklamation und Diction der zugrundeliegenden Poesie spielt die Hauptrolle, die Begleitung ist für das Atmosphärische zuständig .
Beispielhaft dafür will ich etwas näher auf das zu Recht berühmteste Lied des Zyklus
"L'heure exquise"
eingehen, das ein Juwel der frz. Liedkunst ist und zum Besten gehört, was Reynaldo Hahn je geschrieben hat. Neben "A Chloris" mein persönlicher Hahn- Favorit.
Ich verweise hier auch auf rideamus letztes Rätsel "Jauchzet, frohlocket", in dem dieses Lied erraten werden sollte und von ihm bereits ausführlich mit CD-Empfehlungen vorgestellt wurde.
Für den ersten Einstieg in das Lied empfehle auch ich allerwärmstens diese nciht genug zu lobende Einspielung
Besser kann man das fast nciht mehr machen, es sei denn man ist Reynaldo Hahn selbst und die von ihm auserwählte interpretin nNnon Vallin. (siehe mein youtube-Hörtipp oben)


Der Text von "L'heure exquise" wurde auch unter dem Titel Apaisement bekannt und von zahlreichen Komponisten in Musik gesetzt. Seine lautmalerische und atmosphärische Faszination ist bereits beim Lesen ganz deutlich und so haben sich u.A. Fauré, Chausson, Delius, Glière und Stravinsky damit beschäftigt.

La lune blanche
luit dans les bois.
De chaque branche
part une voix
sous la ramée.
O bien aimé....
L'étang reflète,
profond miroir,
la silhouette du saule noir
où le vent pleure.
Rêvons, c'est l'heure.
Un vaste et tendre apaisement
semble descendre du firmament
que l'astre irise.
C'est l'heure exquise!

Hier eine adaptierte (und ebenfalls mehrfach vertonte ,u.A. von Reger und Webern) Version von Richard Dehmel:


Weich küßt die Zweige
der weiße Mond.
Ein Flüstern wohnt
im Laub, als neige,
als schweige sich der Hain zur Ruh:
Geliebte du -

Der Weiher ruht, und
die Weide schimmert.
Ihr Schatten flimmert
in seiner Flut, und
der Wind weint in den Bäumen:
wir träumen - träumen -

Die Weiten leuchten
Beruhigung.
Die Niederung
hebt bleich den feuchten
Schleier hin zum Himmelssaum:
o hin - o Traum - -


Sie trifft zwar annähernd die Stimmung, aber was eine "Heure exquise" der Belle epoque ist, wird daraus leider nicht wirklich deutlich. Ewiges Leid von Gedichtübersetzungen.......

Das Lied steht Original in B-Dur, ich habe eine um eineinhalb Töne höhere Version, die nicht selten in Konzerten oder auf Cd-Aufnahmen gesungen wird.
Das Original ist selbst für mittlere Stimmen eher tief, die Tessitura liegt zwischen B und d2, wobei sich mehr als zwei Drittel des Lieds im unteren Bereich befinden.

Die Aufführungsbezeichnung ist wahrhaftig be-zeichnend:
"Infiniment doux et calme" (unendlich sanft und ruhig)

Während sich im Klavier in der rechten Hand die sanftesten Arpeggi im 6/8 Takt auf- und abschwingen und die linke Hand meist nur einen einzigen Basston pro Takt unterlegt, beginnt die Singstimme in tiefer Mittellage in einer Art Sprechgesang die (Natur-)Stimmung zu beschreiben.
Jeweils am Ende der Strophen, wenn es um die Geliebte "o bien aimée", die mit ihr erträumte Zeit "revons" und schliesslich die ersehnte Liebesvereinigung , in der "heure exquise" geht, schwingt sich die Stimme in schwierig zu singen grossen Intervallen, Sexten bzw am Ende in einer Septime zu ätherischem Klang auf.
Wenn es dem Sänger und dem Pianisten gelingt, dieses himmlische Flüstern wirklich im pianissimo, wie gefordert, zu singen, ist dieses Lied für mich nur mit dem baiser exquis eines Engels zu vergleichen. Ein besseres Bild fällt mir leider im Moment nciht ein.

Wie bereits oben beschrieben, hat Verlaine selbst beim Hören geweint , Mallarmé hat sich zu einem Gedicht inspirieren lassen und Marcel Proust sich in den Komponisten verliebt.


Ich habe das Stück bisher zweimal live in Konzerten erleben können, einmal mit Dame Felicity Lott und vor Kurzem mit der Altistin Marie-Nicole Lemieux. Da es sich beide Male um sehr gute Interpretationen handelte kann ich nur sagen: der Zauber auf das Konzertpublikum von heute ist ungebrochen.

:down :engel
Fairy Queen (24.01.2011, 08:56):
Reynaldo Hahn und Marcel Proust

Reynaldo Hahn und Marcel Proust lernten sich Sylvester 1894 im Salon der Malerin Madeleine Lemaire kennen- die eines der Vorbilder für Prousts Mme Verdurin und deren berühmten Salon war.


Während Hahn bereits ein bekannter und gefeierter Künstler war, hatte Proust sich bisher nur als literarisch ambitionierter Salonlöwe und Müssiggänger hervorgetan.
Dass er einmal einer der grössten und einflußreichsten Schriftsteller der frz. Literaturgeschichte werden sollte, war nicht im Geringsten abzusehen.
Man kann allerdings Prousts Leben in den Pariser Salons als eine einzige Stoffsammlung für sein bahnbrechendes Werk „A la recherche du temps perdu“betrachten- und ist damit in bester Gesellschaft..

Ich lehne mich im Folgenden eng an George Painters wegweisende Proust- Biographie, erschienen bei Suhrkamp, an.

Marcel Proust




Für die beiden jungen Männer war die Begegnung ein Schlüsselerlebnis, dass sie nicht nur künstlerisch stark beeinflusste und neue Blickwinkel öffnete, sondern auch mit der bisher von Beiden nicht ausgelebten, vielleicht in Hahns Fall sogar unbewussten , Homosexualität konfrontierte.

1894 besuchte Oscar Wilde in Begleitung seines jungen und schönen Geliebten Lord Alfred Douglas Paris.
Laut George Painters hat Wilde mit der "Verherrlichung seiner homosexuellen Neigung“ in den Pariser Salons nicht nur André Gide sondern auch Marcel Proust stark beeinflusst und zu deren „ geistigen und moralischen Befreiung beigetragen“

Oscar Wilde



Wie weit es mit dieser Befreiung in realiter, sprich in der äußeren Welt bestellt war, sollte sich für Wilde bald sehr tragisch zeigen; aber sein Auftreten und Eintreten für die gleichgeschlechtliche Liebe hat unter den Homosexuellen im Pariser Künstler/Literaten-Milieu sicher Vieles bewirkt.


Dennoch war an ein offenes Bekenntnis bzw ein „coming out“ natürlich nicht zu denken und weder Prousts noch Hahns Familie durften irgendeinen Verdacht schöpfen.
Proust hatte, solange seine Mutter lebte, ganz besonders mit der Verschleierung ihr gegenüber innerlich zu kämpfen, und die Verschlüsselungen homosexueller, dort meist lesbischer, Beziehungen, in seinem Werk zeigen, wie intensiv ihn dieses Thema auch künstlerisch beschäftigt hat.

Dass sich die beiden Liebenden 1894 ihrer sexuellen Ausrichtung bewusst wurden bzw damit leben und umgehen wollten/mussten, ist für Beide ein entscheidender Schritt gewesen.


Die Berührungspunkte und gemeinsamen Interessen waren Legion.
Literatur, Musik, Bildende Kunst, Reisen, die Pariser Gesellschaft- es konnte wohl keine idealere Verbindung geben.
Und so hinterließ diese Liebe auch schnell sichtbare künstlerische Spuren.
Reynaldo Hahn wandte sich noch mehr dem Schreiben zu und wurde zum viel gelesenen und anerkannten Kultur- und Musikkritiker, der für verschiedene Pariser Zeitungen schrieb( u.A. La presse, Le journal, Figaro) und später seine Betrachtungen auch in Buchform herausgab :

„L’oreille au guet“ (Paris Gallimard 1937)
« Thèmes variés » (Paris Janin 1946)

Seine Gedanken waren originell und seine Beobachtungen zeigen tatsächlich eine gewissen Beeinflussung im proustischen Sinne.

Proust dagegen befasste sich unter dem Einfluss von Reynaldo Hahn noch intensiver als ohnehin mit Musik. War er bislang ein glühender Wagnerianer(und Fauré-Verehrer) gewesen, schrieb er nun in einem Brief an einen Freund :

„Du wirst einen sehr veränderten Marcel sehen, was die Musik angeht . Vielleicht romeo- und julianiere ich sogar ein wenig im Übermass“

Im besagten „romeo- und julianisieren“ kann man Hahns Beziehung zur Musik seines Privatlehrers Gounod erkennen, die er, wie auch die Musik von Camille Saint-Saëns, seinem Geliebten nahezubringen versuchte.

Hahn war im Gegensatz zu Proust zeitlebens ein grosser Mozartianer und stand Wagners Musik ablehnend gegenüber.

George Painter ist der Meinung, dass Hahn „gottseidank zu spät kam“, um Proust musikalisch umzuerziehen- er hält Prousts eigenen Musikgeschmack für eine maßgebliche Bereicherung seines Werks.
Gleichzeitig bezeichnet er „Hahns Anhänglichkeit an die Tradition“ als „heilsam“ für diesen.

Aus Liebe zu Hahn habe Proust jedoch Alles getan ,um Saint-Saëns gutzuheissen. Und, ebenfalls nach Painter, denn da gibt durchaus andere Ansichten, ist eine Melodie aus der d-moll Sonate für Klavier und Violine, die Hahn und Proust zusammen zum ersten Mal mit dem Geiger Eugène Ysaye im Salon der Mme Lemaire gehört haben, nciht nur zur Nationalhymne ihrer Liebe sondern auch zu dem unsterblichen kleinen Thema des Vinteuil geworden.
Fairy Queen (26.01.2011, 06:14):
Reynaldo Hahn und Marcel Proust arbeiteten aber nciht nur rezipierend , sondern auch schöpferisch eng zusammen.
So entstand eine Sammlung von Porträts bildender Künstler (z.B . Watteau und van Dyck) für Sprecher mit Klavierbegleitung. Dieses Werk am 28.5. 1895 im Salon Lemaire in Anwesenheit von Anatol France und Prousts grossem Vorbild, dem Grafen Robert de Montesquiou (Vorbild seines Charlus) uraufgeführt wurde.

Ausserdem komponierte Reynaldo Hahn anlässlich einer gemeinsamen Venedigreise seinen bezaubernden Zyklus "Venezia", dazu später.

Reynaldo Hahn


Diese idyllische Liebes- und Künstlerbeziehung währte so lange, bis Proust in dem 17 jährigen Lucien Daudet, dem Sohn des Dichters Alphonse, einen neuen Gespielen fand.
Nach einer kurzen Zeit der beidseitigen Eifersucht und des verletztem Rückzugs gelang ihnen jedoch eine bis zu Prousts Tod andauernde sehr enge Freundschaft.
Beide Männer haben niemals wieder einen ebenbürtigeren und adäquateren Liebes-Partner gefunden.

Der Unterschied der beiden Charaktere wird in der Art und Weise des Abschieds von der intimen Beziehung und des Übergangs in eine Freundschaft sehr deutlich.
Da, wo Proust die Bedingung gestellt hatte, Hahn solle ihm hinfort „alle Fehltritte“ bis ins Detail erzählen, hatte Hahn nur verlangt, dass Proust von den Seinen schweigen solle.
Fairy Queen (26.01.2011, 06:24):
Ich fahre nun erstmal in der Vorstellung von Hahns Frühwerken fort und nenne hier einen weiteren Liederzyklus:

Douze Rondels

komponiert 1898.

Dieser Zyklus scheint ein ziemlcihes Stiefkind zu sein, denn nichtmal in meinem grossen frz. Liedführer findet er Erwähung, geschweige denn mehr.
Wie der Titel sagt, handelt es sich um 12 vertonte Gedcihte in Rondel-form.
Das Rondel ist , noch mehr als das Sonett eine strenge metrische Poesie-Form, deren Versmass das Folgende ist:

ABBA
ABAB
ABBAA

Es gibt also nur zwei Reime in dreizehn Zeilen mit zwei Quartetten und einem Quintett.

Allein beim Lesen hört bereits etwas Tänzerisches und Liedhaftes vor dem inneren Ohr und so verwundert es nicht, dass sich Reynaldo Hahn von dieser Form inspiriert fühlte.
Die Wahl eines so strengen Gerüstes dessen Blüte zudem im 15 Jh lag, zeigt Hahns beginnende Abwendung von der gegenwart in die Vergangenheit sowie seinen formalen Konservatismus, der sich bewusst gegen die Auflösungstendenzen der Musik seiner Generation stellte.

Textdichter sind der berühmte höfische Dcihter des 15 Jh Charles D'Orléans(1391-1465) und Théodore de Banville (1823-91) , eine streng formalistischer Dcihter, der u.A. eine Sammlung unter dem Titel "Rondels à la manière de Charles d'Orléans" verfasst hat.


Die Titel:

Le Jour

Je me metz en vostre mercy

Te voila, rire du printemps!

L'Air

Gardez le straits de la fenêtre

La pêche

Quand je fus pris au pavillon

Les Etoiles

L'automne

La nuit

Le souvenir d'avoir chanté Text von Catulle Mendes (1841-1909)

Im ersten ,sechsten , elften Rondel singt ein Chor udn damit verlässt Hahn im Grunde die reinen Salon- Kompositionen die auf Solodarbietungen ausgerichtet waren.

Es ist schwierig etwas Allgemeingültiges zum Stil dieser Rondels zu sagen, da es sich um ein Sammelsurium der verschiedensten, stellenweise auch ziemlich ekklektischen Mittel handelt.
In den Chorstücken ist der Einfluss seines Lehrers Gounod und auch Mozart-Chor-Impressionen nciht zu überhören.
Es gibt Anklänge an Barockes , an den galanten Stil aber auch sehr charmante Verfremdungen.

Mir gefällt insbesondere die Nummer 9

" Quand je fus pris au pavillon"


Quand je fus pris au pavillon
De ma dame, très gente et belle,
Je me brûlai à la chandelle
Ainsi que fait le papillon.

Je rougis comme vermillon,
A la clarté d'une étincelle,
Quand je fus pris au pavillon.

Si j'eusse été esmerillon
Ou que j'eusse eu aussi bonne aile,
Je me fusse gardé de celle
Qui me bailla de l'aiguillon
Quand je fus pris au pavillon.


Dieses Lied spiegelt den höfisch galanten Stil des Duc de Orléans beispielhaft wieder und versprüht einen unwiderstehlichen Charme. Rhytmisch komplex und mit vielen Synkopen versetzt, bricht Hahn die starre Rondelform auf, ohne das tänzerische Element zu schwächen.

Ein Engländer würde hierzu sagen: Very charming, indeed!

Ich werte diese 12 Rondels musikalisch zwar ebenfalls weniger hoch als Hahns erstes und zweites Liederbuch oder die Etudes Latines, aber das ist kein Grund sie zu verleugnen oder totzuschweigen.

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Fairy Queen (15.02.2011, 11:38):
Voilà, ich setze meinen Thread nun fort:


1896 lernte Reynaldo Hahn eine weitere Person kennen, die ihn tief beeindrucken sollte : die Schauspielerin Sarah Bernardt.(1844-1923)



Dieser Superstar der Belle Epoque hat eine ganze Theater-Ära geprägt und war nciht nur für ihre überragenden theatralischen Talente sondern auch für ihren exzentrischen und skandalumwitterten Lebenswandel berühmt und berüchtigt.
Sie war die Tochter einer Kurtisane, mit unbekanntem Vater, und wurde ihrer zahlreiche Affären mit beiderlei Geschlecht und exzentrische Capricen wegen von den Zeitgenossen „Monstre sacré“ genannt.
Unter anderem soll sie in einem Sarg geschlafen haben.
Hier ein Wahlspruch, der die Lebensenergie dieser Frau zeigt :
„Leben erzeugt Leben, Energie erschafft Energie. Indem man sich selbst verschwendet, wird man reich“

Auch Proust, der sie zunächst noch gemeinsam mit Hahn frequentierte, hat sie in sein Werk als die „Berma“ aufgenommen.



Reynaldo Hahn hat sich unter dem Einfluss von Sarah Bernardt sogar als Bühnendarsteller in einer Nebenrolle in „La dame aux camelias“ neben Racines „Phèdre“ eines ihrer Zugpferde, versucht. Außerdem komponierte er einige Bühnenmusiken für sie , unter Anderem zu einer angeblich desaströsen Bearbeitung von Goethes Werther, in der die Bernardt den Titelhelden gab. (sic!)
Leider sind von dieser Zusammenarbeit keine Spuren erhalten.

1898 wurde Hahn erste Oper „L’ île du rêve“ an der Opéra Comique uraufgeführt. Die Oper war ein großer Erfolg bei Kritik und Publikum und wurde 1941 unter Hahn eigenem Dirigat in Cannes wiederaufgeführt.
Es ist umso bedauerlicher, dass sie offenbar für die Nachwelt verloren ist und seither auf eine Wiederaufnahme bzw Einspielung wartet.
Da die Musik schon 1893, also zusammen mit seinen Jugendliedern, geschrieben wurde, könnte man einen ähnlich bezaubernden Stil erwarten..
Das Libretto stammt von Pierre Loti und handelt von einer Liebesgeschichte in der Südsee, ganz dem exotischen Zeitgeschmack und Hahns eigener Sehnsucht nach der Ferne entsprechend.

Heimito von Doderers unnachahmlichen Satz aus der unnachahmlichen Strudlhofstiege
Es ist das Fernsein, welches ich ersehne
konnte man bald auch in Hahns Stammbuch schreiben.Zunächst einmal begann er eine ausgedehnte Reiseaktivität durch ganz Europa und schließlich bis nach Ägypten.

Aus Venedig brachte er die Entwürfe zu dem Zyklus Venezia mit (dazu bald Genaueres), in Rom ließ er sich zu den „Etudes Latines“, einem weiteren sehr eigenwilligen Liedzyklus inspirieren(auch dazu folgt ein eigener Beitrag).

1906 wurde er zu den Salzburger Festspielen eingeladen und dirigierte den „Don Giovanni“.
Für einen dezidierten Mozartianer wie Hahn ging damit ein Wunschtraum in Erfüllung. Ich zitiere ihn selbst:

Ich bin der jüngste Dirigent, der nach Salzburg eingeladen wurde. So stehe ich nun also in der Reihe Hummel, Mottl, Kahler und des Herrn Professors R. Strauss. Gestern war die Premiere. Der helle Wahn!(„delire, delire“ in frz. Anm. d. Übersetzerin) Ein Intendant hat mir eine Tournée in die USA angeboten. Das ist die kleine Geschichte. Die große Geschichte ist, dass Mozart , wie ich glaube, gut gedient wurde. Du weißt, dass ich mich selbst eher streng bewerte. Aber gut, ja, ich kann es sagen: ich war ziemlich zufrieden
Fairy Queen (20.02.2011, 21:46):
Ich komme nun zum letzten Teil von Reynaldo Hahns Biographie.

Am 7. April 1923, im Théatre des Variétés hatte Hahn den grössten Erfolg seines Lebens: mit seiner Operette „Ciboulette“.

Von da an war ein neuer Weg vorgezeichnet und Hahn, der als "seriöser" Komponist keine Zukunft mehr für sich sah, wandte sich der leichten Muse zu.



Sein aussergewöhnliches Talent für dieses Genre liegt auf der Hand: nostalgisch, charmant, der geborene Causeur, Beobachter und Salon-Löwe niemals vulgär und immer diskret und von einer zarten Melancholie überhaucht, die selbst bei den heitersten Sujets nicht verloren geht- so entstand der unverwechselbare Stil seiner Operetten.

Hahns zweite Erfolgsphase(nach den Jugendliedern) sollte sich auch in der Zusammenarbeit mit den Stars der Pariser Revue- Varièté-Operettenszene manifestieren: Sasha Guitry, Yvonne Printemps, Arletty etc wurden seine musikalischen Partner und sein Name sollte hinfort in einem Zug mit André Messager genannt werden.





Ganz besonders evident wird seine Begabung in der Operette "Mozart" , die er 1925 in Zusammenarbeit mit Sasha Guitry komponiert hat.
Hier hat Hahn sein Sujet gefunden- eine bitter-süss-melancholische Geschichte aus der Vergangenheit, mit seinem Abgott Mozart als Protagonisten.
Mit der Figur des jungen hochbegabten Salonlieblings und Prodigés Mozart konnte Hahn sich ausserdem wunderbar selbst identifizieren und die eigene in seiner Eigenwahrnehmung unwiderbringbar vergangene „goldene Zeit“ nostalgisch nachfühlen.



Leider sind alle Aufnahmen dieser Operettenrevue (es gibt serh viel gesprochenen Text zwischen den musikalischen Nummern) derzeit unbestimmt lange vergriffen, und ich habe nur einen Radiomitschnitt, den mir liebenswürdigerweise ienst Rideamus schenkte.
Die Musik ist einfach bezaubernd und von allen Operetten, die ich von Hahn kenne, mit Abstand meine Liebste.

Hier wird Mozart selbst zum Cherubino, der bei seinem (historisch nicht korrekt wiedergegebenen und sehr retuschierten) zweiten Aufenthalt in Paris die Herzen der Damen im Sturm erobert und Alle auf einmal lieben will.

Zwar hatte keine der Operetten, die Hahn zwischen 1923 „Ciboulette“ und 1942 „Le Oui de jeunes filles “ komponierte wieder einen so gigantischen Erfolg wie die Erstgenannte, aber sie sicherten ihm dennoch Ruhm und Einkommen.

Im „seriöseren“ Genre müssen als spätere Komponstitionen noch einige kammermusiklaischez Werke, das Violinkonzert und die Oper „Le merchant de Venise“ (nach Shakespeare) genannt werden.



Abgesehen von seiner Kompositionstätigkeit widmete sich Hahn mehr und mehr seinen kulturkritischen und literarischen Talenten, und veröffentlichte neben Zeitungskritken (er war fest beim „Figaro“ angestellt) auch mehrere Bücher(z.B. La grande Sarah“, eine Hommage an die tief verehrte Sarah Bernardt)

Neben eigenen Werken dirigierte er mit Vorliebe Mozart. So 1935 Die Zauberflöte, 1936 Die Entführung und 1937 den Figaro.

1942 wurde einer Produktion seiner Ciboulette von der Nazi-Besatzung in Paris verboten, weil Hahn nach dem pervertierten NS-Weltbild durch seine halbjüdische Abstammung zur Gattung der entarteten Künstler zählte.

Hahn selbst war bereits 1940 nach Südfrankreich geflohen und verbrachte die letzten Jahre des Kriegs im Untergrund und in Monte Carlo.
Was aus Hahns Famile, besonders den in Deutschland verheirateten Schwestern , geworden ist, kann ich leider nicht in Erfahrung bringen.




1945 kehrte er nach Paris zurück und wurde zum ersten Nachkriegschef der Opéra ernannt.

Man setzte grosse Hoffnungen in seine grossen organisatorischen und diplomatischen Fähigkeiten und einer seiner ersten Amtsakte war die Wiederaufführung der Oper „Joseph“ von Mehul.

Wâre er nciht 1947 gestorben, hätte die Zeit als Operndirektor vielleicht seine dritte Hoch-Phase werden können.

1946 unternahm er eine letzte Konzertreise durch Europa , zusammen mit der von ihm tief vererten Magda Tagliaferro und der Sopranistin Ninon Vallin, die er pianistisch begleitete- sie sang u.A. seine eigenen Lieder.

Reynaldo Hahn war Alles in Allem ein vom Schicksal vielfach begnadeter Mensch.
Dennoch litt er schmerzlich darunter, in seiner Jugend zu grössten künstlerischen Hoffnungen Anlass gehabt und gegeben zu haben, die sich subjektiv dann nciht erfüllten.
Er war sich seines musikalischen und menschlichen Aussenseitertums zu deutlich bewusst, um für dessen Folgen nciht sensibel zu sein.
Der Unterschied zwischen grossem Erfolg beim Publikum (als Operettenkomponist!) und einem Stellenwert in der Musikgeschichte und unter Fachkollegen war ihm überdeutlich.

Das jemand , der von aussen betrachtet so auf der Sonnenseite des Lebens stand wie Reynaldo Hahn, trotzdem an einer tiefen inneren Wunde litt, ist vielleicht schwieirg nachzuvollziehen.

Sich als Fremder in seiner eigenen Welt zu empfinden und daran zu leiden, mag manchen Menschen als snobistsche Dandy-Pose erscheinen.
Diejenigen, die wissen, was es bedeutet, ein lebender Anachronismus zu sein, können das wahrscheinlich besser nachfühlen.

Ich will diese biographische Skizze mit folgendem Zitat aus seiner Feder enden:

„Was meinen Kummer angeht, gibt es niemanden auf der Welt, der seine Ursache kennt, denn es gibt niemanden im Kresie meiner Freunde, der weiss wer ihn hervogerufen hat. Mein Leben ist von nun an von unheilbarer Trauer vergiftet. Aber wenn jemand Zuneigung für mich empfindet , ist der der einzige Weg , sie zu beweisen, niemals meine Sorgen zu erwähnen.“





Fragen, Anregungen, Kommentare und Ergänzungen sind natürlich ganz herzlich willkommen.

F.Q.